Science Fiction & Fantasy

Hüter des Windes

Isabella Schneider

Hüter des Windes

Leseprobe:

Prolog – Jahre früher

Die Luft war erfüllt von erstickendem Rauch und dem Gefühl von Traurigkeit.
Menschen drängten sich um eine hölzerne Hütte, standen auf den Stufen der Veranda und an den Fenstern und schrien in den Himmel. Sie schrien ihre Angst hinaus. Trommelten ihre Angst gegen die Fensterscheiben. Lärmten mit ihren Waffen.
Die drei Beobachter im lichten Wald, nördlich der Hütte, blieben stumm.
Eine Familie kam aus dem Wald hinter dem Gebäude gerannt. Einer von ihnen war ein großer schlanker Mann mit Narben an Stirn und Händen und mit einem großen Schwert, geschickt vor sich ausgestreckt. Direkt neben ihm lief eine zierliche, kleinere Frau. Sie trug eine Mütze, die sie sich weit in die Stirn gezogen hatte, um dem schneidenden Wind zu trotzen. Dahinter waren noch zwei Kinder im Unterholz zu sehen. Ein Junge kauerte dort, vielleicht zwei Jahre älter als das Mädchen neben ihm, dem er den Arm um die Schultern gelegt hatte.
Die Menschen kamen auf die Eltern zu. Sie diskutierten. Die Situation beruhigte sich ein wenig. Schließlich waren die Menschen stolz auf ihre Magie.
Vielleicht würde das Mädchen dem Land von Nutzen sein. Unter bestimmten Bedingungen. An geeignetem Ort und Zeitpunkt.
Doch als eine alte Frau das Mädchen mit den großen Augen und dessen Bruder durch die dichten Schneeflocken im Wald entdeckte und hektisch auf sie deutete, kehrte die Angst zurück.
Plötzlich ging alles unheimlich schnell. Ein Mann sprang vor, in Richtung des Waldes. Der Vater schlug ihm reflexartig den Bogen mit seinem Schwert aus der Hand. Die Klinge einer Frau bohrte sich in seinen Rücken. Seine Ehefrau schrie, stürzte sich auf den zu Boden sinkenden Mann. Sie packte das Schwert, doch eine Lanze nagelte sie auf den Boden neben ihren Mann.
Zugleich mit dem letzten Atemzug der Mutter wichen die Menschen zurück, erschrocken über das, was sie getan hatten.
Das weißhaarige Mädchen im Wald schrie auf. Es sprang vor, fiel über eine Ranke in den Schlamm, den die Menge aufgewühlt hatte, und lief dann flink weiter. Die Menschen wichen zurück, als das Kind sich stumm über die Leichen der Eltern beugte.
Ihr Bruder kam, doch er war nicht in der Lage, das Mädchen von den stummen Gestalten zu lösen. Dreck, verschmiert mit Blut, verzerrte deren Züge. Schnee legte sich sanft auf die Schultern aller Anwesenden.
Die Menge verstreute sich. Sie blickten verstohlen über die Schultern, steckten kleinlaut ihre Waffen weg.
Bevor die Geschwister anfingen zu weinen, waren alle verschwunden.



Teil 1
Die Reise


1

Kühler Wind strich mir durch das Fell und füllte mich mit Leben.
Beständig lief ich weiter. Linker Hand die Mauer, rechts der Wald. Es schneite wieder, so wie fast jede Nacht. Der Schnee ragte nun eine halbe Manneslänge hoch zwischen den Bäumen empor und die Äste bogen sich unter der Last. Man hätte meinen können, sie hätten sich daran gewöhnt – an das andauernde Gewicht des Schnees. Und doch brach hie und da einer ab.
Die Mauer um das Palastgelände war zwanzig Schritt hoch und sie glänzte selbst in der finstersten Nacht dank der dünnen Eisschicht, die darüber lag. Sie war massiv, auf ihren Zinnen reihten sich Wachposten und hinter ihr, noch vor der zweiten Mauer, waren die stärksten Kämpfer des Landes versammelt. Sie war undurchdringbar.
Trotzdem lief ich meine Runden.
Ich sah mich um und in dieser mondlosen Nacht sah ich glänzende Eiskristalle auf den Blättern. Ich hörte die sanften Bewegungen meiner Pfoten und jedes noch so kleine Tier in weitem Umkreis. Das Reh, das sofort kehrt machte, da es mich roch. Das Knarren der uralten Bäume, während irgendwo in der Ferne eine Eule schrie. Die Zwerge, die im nahen Berg arbeiteten. Und ganz leise glaubte ich das Rauschen des Flusses im Schlossgarten zu hören. Die Schutzzauber um die Mauer aber waren so stark, dass ich mich täuschen musste.
All das war ich gewohnt. Knapp ein Jahr übernahm ich schon einen Teil der Nachtpatrouille. Wohnte in den Hütten an der Mauer vor Libens Palast. Lauschte den Geschichten der anderen Wächter. Lernte zu leben. Nur fünf Tage durfte ich den langen Weg in mein Dorf antreten. Dann konnte ich meine Familie besuchen. Oder das Wenige, was noch von ihr übrig war. Bald war es soweit.
Von der Mauer schrie jemand meinen Namen herunter. Verärgert, wie ich es in dieser wunderbaren Nacht lieber nicht gewesen wäre, knurrte ich kurz. Lieber wäre ich noch eine Weile gerannt, als schon wieder in die Hütten zurückzukehren. Mein Training war erst wieder morgen Mittag und jetzt war es noch nicht einmal Mitternacht. Es würde ein langer Tag werden. Noch nie konnte ich so lange schlafen.
Schließlich aber musste ich doch gehorchen. Ich sollte unauffällig bleiben und mich, soweit es meine Sturheit zuließ, ruhig verhalten. So lautete die Anweisung von Dol. Und gewöhnlicherweise wusste Dol, wovon er sprach.
Das nächste Tor, das ich erreichte, wurde einen Spaltbreit geöffnet. Ich huschte hinein und wand mich nach links. Es gab noch eine innere Mauer, aber durch die kam niemand. Zumindest niemand, mit dem ich mich hätte unterhalten können. Innerhalb dieser Mauern, hieß es, wohnte die Königin mit ihrem Hofstaat. Die Hütten der Moonys waren in dem circa fünfzig Schritt breiten Kreis zwischen den beiden dicken Wällen gebaut.
Das ganze Areal des Palastes hatte einen unglaublich großen Durchmesser. Um es einmal im Lauf zu umrunden, benötigte ich fast eine halbe Stunde. Nicht mal im Traum konnte ich mir vorstellen, was innerhalb des zweiten Rings vorging. Es war immer absolut still. Aber um das herauszufinden, war ich nicht hier.
Ich trottete im Schutz der Dachvorsprünge weiter. Zielstrebig bahnte ich mir einen Weg durch die engen Gassen. Das durch dicke Wolken gefilterte Mondlicht warf dunkle Fratzen auf den glatten Boden. Es war relativ still hier um diese Zeit. Die Einzigen, die noch unterwegs waren, hatten Patrouille.
Diejenigen, die hierherkamen, waren freiwillig hier. Gesandte unserer Königin Liben streiften durch jedes Dorf und jeden noch so tiefen Wald auf der Suche nach starken Kämpfern. Gestaltwandlern, auch Moonys genannt. Den Starken wurde angeboten sich ausbilden zu lassen, um wenigstens einen Teil ihres magischen Lebens hier verbringen zu können. Wer seine Ausbildung erfolgreich vollendet hatte, wurde an die Front zu den normalen Truppen geschickt, oder flüchtete sich wieder in den Sumpf seiner Süchte.
In den Dörfern waren wir meist unerwünscht. Die Menschen hatten Angst. Die Mädchen, die es betraf, konnten meist bleiben, weil sie nur zu Igeln, Rehen oder anderen harmlosen Tieren wurden. Soweit ich wusste, war ich zurzeit die Einzige hier. Die Männer jedoch waren zu gefährlich, um sich ein normales Leben ohne Einsamkeit und Ausgrenzung leisten zu können. Entweder sie kamen hierher und lernten sich zu kontrollieren und brachten ihrer Familie und ihrem Dorf Ehre nach Hause, oder sie ertränkten ihren Frust in Alkohol, was sich in diesen Zeiten besonderer Nachfrage erfreute, da unsereins leicht betrunken wurde. Einfach zu tierisch.
Endlich kam ich zu unserer Hütte im westlichen Teil des Rings. Sie war wie alle anderen aus Holz und einfachen Fenstern. Das Dach war lediglich mit Stroh gedeckt. Wir hatten Glück, dass der Schnee nicht schmolz, sonst stünde die Hütte unter Wasser.
Unter der schmalen Veranda hing ein kleines Windspiel in Form von plumpen Schneekristallen von den Dachbalken und gab ununterbrochen ein leises Klingeln von sich.
Vor der Tür machte ich halt. Von innen waren Gelächter und das Knarren von Stühlen zu hören. Meine Mitbewohner saßen also wie immer in der Küche und spielten um den wenigen Alkohol, den wir zur Verfügung gestellt bekamen.
Die Verwandlung war schmerzhaft. Ich schloss die Augen, dachte in meinem Innern an meinen Bruder und stellte mich gerade rechtzeitig auf die Hinterbeine. Sehnen und Muskelstränge verschoben sich. Die Knochen verbogen sich wieder zu menschlicher Gestalt. Das Fell verschwand langsamer, stattdessen kamen meine groben Stiefel aus hellem Bärenfell, meine dunkle Hose und die dünne, schwarze Felljacke zum Vorschein. Die weißen Haare hatte ich zu Anfang meiner Schicht zu einem Knoten im Nacken gebunden, doch schon wieder hingen einzelne Strähnen in mein Blickfeld. Es war einfach hoffnungslos. Von klein auf wuchsen sie ohne eine einzige Locke und voller kürzerer und längerer Strähnen. Manch einer mochte es schön finden, ein anderer hielt es für einen misslungenen Haarschnitt. Die meisten Moonys hatten ihr Haar nicht im Griff.
Genauso wenig wie sie ihre Tiergestalt ohne richtige Ausbildung im Griff hatten. Das Tier in den Moonys war manchmal stärker als der eigene Wille, manchmal schwächer. Manchmal fand man nicht mehr aus seinem tierischen Körper heraus und musste erst sich selbst wiederfinden in den einfachen, aber doch unheimlich scharfen Gedanken der meist kampfesliebenden Tiere. Und manchmal, besonders im betrunkenen Zustand, vergaß man sein Innerstes und konnte es sogar während starker Gefühlsausbrüche besser unterdrücken. Ich bevorzugte keines dieser Extreme und versuchte stets das Mittelmaß zu finden. Nicht immer einfach – aber wieder einmal Dols Bemühungen zu verdanken.
Ich öffnete die Tür und schlich auf leisen Sohlen durch die Küche in den Schlafraum. Die Männer schienen mich nicht zu bemerken. Gestaltwandler beherrschten auch außerhalb ihrer Tiergestalt animalische Fähigkeiten, die uns von Menschen unterschieden.
Die Hütte hatte nur drei Zimmer: die Küche, den engen Waschraum und das lange Schlafzimmer. Auf beiden Seiten des Ganges standen hier grobe Stockbetten mit harten Matratzen. Die meisten waren leer, in anderen schliefen gerade zwei Männer. Ein anderer sah mich durchdringend an, ich erkannte an seinen gepackten Sachen, dass er uns verlassen würde. In der Tat hatte ich am Tor bemerkt, dass sich einer der Aufseher mit zwei anderen unterhalten hatte. Er würde also nach Süden gehen, der struppige Hirsch aus meiner Kampftruppe. Ich war still, und nach einem Moment der Sehnsucht nickte ich ihm einmal zu. Jeder kampfbegeisterte Moony, der einmal den Geschichten der Veteranen gelauscht hatte, träumte davon, irgendwann im Süden an der Front helfen zu können.
Ich ging weiter bis zum Ende des Ganges und dann links zum letzten Bett. Das Einzige, was ich neben dem Gelächter in der Küche hörte, war das angestrengt klopfende Herz des Hirsches, der noch immer auf seinem Bett saß. Ich stieg hinauf und bemerkte, dass meine Glieder vom langen Training heute schmerzten.
Am Kopf des Bettes war an die Wand ein kleines Kästchen genagelt. Darin war ein Bild von meinem Bruder Arel und mir. Er hatte mir den Arm um die Schultern gelegt und sah lachend auf mich herunter. Mein Blick war auf den Zeichner gerichtet, trotzdem war ich glücklich. Glaubte ich. Wahrscheinlich hatte Arel gerade wieder einen Witz wegen meiner Größe geäußert. Ich lächelte leicht und legte den Daumen über verschwommene Gesichter in der Ecke, in der zwei andere Frauen leicht angedeutet waren. Sie wirkten misstrauisch und verärgert. Ängstlich. Es war Zeit geworden, dass ich ging.
Der alte Mann, der das Bild letztes Jahr – kurz bevor ich hierhergekommen war – auf dem Markt gezeichnet hatte, hatte Talent. Es war eine gute Zeichnung, obwohl die Kohle schon etwas verblichen war. Mehr besaß ich nicht.
Ich legte mich unter die dünne Decke. Das Leinen der Matratze war schon dünn, ich spürte das raue Stroh darunter. Es war eiskalt. Am liebsten hätte ich wieder mein dickes Fell gehabt, aber die Verwandlung war nur in den Kampfstunden, bei der Patrouille und auf dem Weg in die Hütten erlaubt. Man durfte die Königin nicht unterschätzen. Überall unter den Lehrern und Kämpfern hatte sie angeblich Spitzel eingeschleust und Zauber angebracht, die ihr alles meldeten, was sie wollte. Ob das stimmte? Es war mir gleichgültig. Ohne Regeln lief es eben nicht.
Als ich dann auf dem Rücken lag und nachdachte, fiel mir noch etwas ein. Der Hirsch war keiner derjenigen gewesen, die mich verspottet oder ignoriert hatten. Ich glaubte sogar, einmal mit ihm gesprochen zu haben. Luron war sein Name.
„Luron“, flüsterte ich und sah nachdenklich weiter an die Decke. Ich hörte, wie er sich überrascht regte und sein Blick sich mir zuwandte. „Wenn du dort bist, im Süden, an der Front … Könntest … könntest du mir dann einen Brief schreiben? Ich hätte gerne gewusst, wie es dort aussieht. Wie es wirklich ist. Ob man sich fürchtet. Ob die Rebellen wirklich so fremd aussehen. Und der Boden … Ob die Landschaft dort wirklich schon wärmer ist … Könntest du? Bitte?“ Er gab keine Antwort und einen Moment später fragte ich mich auch schon wieder, warum ich ihm diese Frage eigentlich gestellt hatte. Wahrscheinlich war ich ihm völlig egal. Trotzdem erwischte ich mich dabei, dass ich auf eine Antwort wartete.
„Mögen alle Winde mit dir sein“, murmelte ich noch leise in die kalte Luft, dann drehte ich mich auf die Seite und versuchte zu schlafen. Bald hörte ich, wie sich Schritte aus dem Schlafsaal entfernten und eine Türe geschlossen wurde. Dann war es wieder still. Die Dunkelheit saugte alles in sich auf.
Luron war fort. Ein Mann unter Hunderten dort unten, ein Moony unter hundert Soldaten.

Am Morgen schien die Sonne. Ich sah sie durch das einzige Fenster des langen Raumes scheinen. In dem hellen Licht tanzten Tausende Staubkristalle durch die Luft und die hauchdünne Eisschicht, die sich über das Fenster gelegt hatte, warf an manchen Tagen – so wie heute – ein regenbogenähnliches Muster auf den Holzboden.
Aus dem Bett unter mir war ein sägendes Geräusch zu hören. Auch die anderen Männer zeigten lautstark, dass sie schliefen. Es schien, als hätten sie sich den Alkohol gerecht aufgeteilt.
Ich genoss den Moment noch einen weiteren Augenblick, dann glitt ich mit einem leichtfüßigen Satz hinunter. Luron war verschwunden, an seiner Stelle lag ein neuer junger Mann – nicht älter als fünfzehn. Rasch versuchte ich meine Haare zu zügeln und ging auf die Jagd.
In der Küche öffnete ich einen alten faulenden Schrank und fand wie immer das Gleiche vor. Verschiedene Sorten Fleisch, Gemüse und Obst. Jede Nacht wurde neues Futter gebracht. Noch nie hatte ich irgendjemandem dabei gesehen. Es kümmerte mich nicht, dass wir hier eingesperrt und wie echte Tiere behandelt wurden. Ich wurde ausgebildet, nur das zählte. Ich lernte, meinen Körper zu kontrollieren. Sobald ich bereit war, würde ich von hier verschwinden.
Ich schnappte mir ein fast rohes Stück Rinderlende und legte es auf den Tisch. Die Verwandlung war fast schon zu einfach, wenn ich solchen Hunger hatte. Meine schweren Vorderpfoten landeten genau in dem Moment, in dem ich mein Fleisch mit den Fängen vom Tisch wuchtete. Während des Fressens vergaß ich fast immer, dass ich noch etwas Menschliches in mir hatte. Es gab dann nur noch den Geschmack von Blut und das intensive Glücksgefühl, wieder für einen weiteren verzweifelten Tag vorgesorgt zu haben.
Heute aber kam ich nicht so weit. Noch während der ersten Bissen wurde ich unterbrochen. Unzufrieden knurrend schweifte mein Blick zur Türe. Ein untersetzter Mann mit teuren Kleidern und einer außergewöhnlich hässlichen Hakennase betrat die Küche. Er knallte die Türe hinter sich zu und würdigte mich keines Blickes, doch ich zögerte nicht lange.
Ich würgte den letzten Bissen hinunter, dann setze ich mich sofort auf und wurde, ohne die Schmerzen zu beachten, zum Menschen. Noch in der gleichen aufrichtenden Bewegung verbeugte ich mich wieder. Während ich mich hinkniete, versuchte ich mir unauffällig den Mund am Ärmel abzuwischen. Ein schwarzer Pferdekopf, umrahmt von Flammen, prangte auf der Brust des Mannes. Das königliche Wappen.
„Schöne Wandlung, Zoe. Wirklich ausgezeichnet flüssig und rasch.“ Ich sah sein Gesicht nicht, aber dem Tonfall nach zu urteilen, spottete er. „Aber ich bin wegen etwas ganz anderem hier. Ich, als einer der treuesten und zuverlässigsten Diener unserer Herrscherin, bin geschickt worden, um dich zu unserer Exzellenz zu bringen.“
„Mich?“, entfuhr es mir.
Er hob die Augenbrauen. „Siehst du hier noch andere Vierbeiner?“
„Ich meinte …“
„Ich meine dich“, fuhr er mich mit einem Nasenrümpfen an.
Überheblich, abwertend. Schon von Anfang an war mir klar, dass ich ihn nie mögen würde.
„Steh auf, wir gehen sofort los.“
Nach diesen Worten erhob ich mich und folgte seinen raschen Schritten durch die Hütten.
Es herrschte reges Treiben. Bisweilen vergaß ich, wie viele Moonys eigentlich hier waren. Schließlich waren es alle des Landes. Alle Neuen eben. Und obwohl es jedes Tier nur einmal gab, herrschte hier auch ein entsprechender Lärm.
Viele waren auf dem Weg in ihre Kampf- und Verteidigungsstunden. Manche sahen müde aus, was darauf schließen ließ, dass sie auf Patrouille gewesen waren. Andere hatten es eilig, preschten durch die spiegelglatten Gassen und rutschten aus. Uns wurden neugierige Blicke zugeworfen. Ich alleine war schon nicht sehr gewöhnlich, aber dann auch noch in Begleitung eines Hofmannes? Das war fast zu interessant.
Ich genoss die Aufmerksamkeit nicht, schämte mich aber ebenso wenig. Ich hielt den Blick geradeaus gerichtet. Fest auf die teure Mütze meines Begleiters gerichtet.
Erst nach ein paar Minuten bildete sich ein Knoten in meinem Bauch. Was hatte ich getan? Ich verhielt mich unauffällig, soweit ich das eben konnte. Schon am ersten Tag hier wurde mir klar gemacht, wie ich mich gegenüber den ganzen Männern zu verhalten hatte. Hatte ich doch etwas verbrochen? Aber die meisten Verbrechen wurden noch in den Hütten bestraft. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals einen Moony gesehen zu haben, der zu Liben persönlich musste.
Meine Gedanken wurden unterbrochen, als wir zu dem riesigen inneren Tor kamen. Ein Blick zurück zeigte mir, dass in dem Bereich des Zwischenraumes der beiden Mauern, in dem das Portal in der Mauer war, keine Hütten standen. Es wurde großräumig von Dutzenden Wachen begrenzt.
Das innere Tor war dicker und prachtvoller. Es war aus Holz und wiederum mit Eis bedeckt, aber in das geschmolzene Wasser waren wunderschöne Muster geziert. Noch bevor wir jedoch darauf zutraten, öffnete es sich einen Spaltbreit auf beiden Seiten und ein großes, schwarzes Etwas schoss daraus hervor. Der Mann neben mir blieb sofort stehen und hob waagrecht einen Arm vor mich, ein Zeichen für mich, mich ebenfalls nicht zu bewegen. Ich gehorchte.
Das schwarze Etwas war ein Pferd, unglaublich stattlich und wunderschön. Ich staunte, als es abrupt die Hinterbeine in den Boden rammte und sich einmal aufgeregt um sich selbst drehte. Die Sonne warf schimmernde Reflexe auf das Fell des Tieres und ließ es strahlen. Die Stute stellte sich im gleichen Moment auf den hinteren Beinen auf, da sie durchdringend wieherte und den Hals wölbte. Ich war nicht gerade ein Pferdenarr, und auch sie mieden mich schlauerweise, doch dieses Tier bewegte etwas in mir.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 448
ISBN: 978-3-99038-629-3
Erscheinungsdatum: 30.10.2014
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