Science Fiction & Fantasy

Hellgate

Joachim Eimer

Hellgate

Leseprobe:

Der kleine Junge

Ein Wecker klingelte an einem Morgen im August in einem kleinen, überfüllten Zimmer. Der Arm eines neunzehnjährigen Jungen stellte den Wecker ab. Neben dem schmalen Bett war eine Pinnwand mit Bildern an der Wand angebracht, welche größtenteils von seinem verstorbenen Onkel stammten. Die vollen Kartons deuteten darauf hin, dass er kürzlich umgezogen war. Lucius Rabenstein erhob sich aus seinem Bett. Seine Haare reichten ihm fast bis zur Brust und hatten eine rotbräunliche Farbe. Aus seinem Kinn sprossen blutrote Bartstoppeln. Sein Körper war kräftig, allerdings mit einigen Fettansätzen. Je nach Lichteinstrahlung war es möglich, durch die Schattierungen seine Bauchmuskulatur zu erkennen. Er griff zu einem schwarzen, am Boden liegenden T-Shirt. Auf der Vorderseite war in altdeutscher Schrift „Endstille“ zu lesen. In der zweiten Zeile stand in lateinischer Schrift „Verführer“. Darunter war ein deutscher Soldat mit einer Pickelhaube zu sehen. Er trug eine blutverschmierte Schürze und in der Hand ein Schlachterbeil. Bei genauerem Hinsehen fiel auf, dass es sich um den ehemaligen deutschen Kaiser und König von Preußen handelte. Auf dem Rücken des Hemdes war der blutverschmierte Adler von Preußen zu sehen, zusammen mit der Losung „The essence of war is victory itself“. Lucius zog seine abgeschnittenen Bundeswehr-Tarnhosen an und schlüpfte in seine Bundeswehr-Kampfstiefel. Sein Wunsch war es, diese Kleidung auch im Beruf zu tragen, zusammen mit den Schulterklappen, welche mit vier goldenen Sterne geschmückt waren. Der Beruf eines Heerführers war sein größter Wunsch, für den er auch seine Haare opfern würde. Bereits als Kind hegte er ein überaus großes Interesse am Militär. Das Holz der alten Treppe knackste unter seinem Gewicht, als er die Treppe herunterging. Es war fünf Uhr morgens. Seine Großeltern schliefen noch. Lucius machte sich nichts zu essen. Seitdem er die Probleme mit seiner Mutter hatte, hatte er die Lust am Essen verloren und nahm nur noch Nahrung zu sich, wenn er es benötigte. Trotzdem wurde er nur sehr langsam schlanker. Da er aber wusste, dass er Hunger bekommen würde, aß er noch schnell einen Apfel und einen Landjäger. Lucius packte rasch seinen Schulranzen. Plötzlich fiel das Geschichtsbuch auf den Boden. Er hob es auf und sah auf die Seite, auf der es gelandet war. Wütend warf er es in die Ecke. Auf der Seite war ein blaues Balkenkreuz mit weißer Umrandung zu sehen. Auf der Schnittstelle der Balken befand sich ein schwarzes Sonnenrad auf weißem Grund. Das Mutterkreuz löste bei ihm ungute Gedanken aus, finster, grausam und gefährlich. Lucius ließ sich nicht anders beschreiben als eine tickende Zeitbombe. Zehn Jahre lang hatten sich Hass und Wut in ihm angesammelt, welche sich nie entladen konnten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie explodierten. Wütend verließ Lucius das Haus. Sein Zorn war nur teilweise verraucht, im Hintergrund existierte er nämlich immer wie sein Schatten. Im Bus nach Kaiserslautern konnte er sich etwas abregen, indem er sich in die Lieder auf seinem MP3-Player vertiefte. Sein Musikgeschmack wurde hauptsächlich von Metal beherrscht. Zu seinen liebsten gehörten Pagan und Viking Metal. Am Hauptbahnhof angelangt, setzte sich Lucius in den Zug nach Rockenhausen, wo er zur Schule ging. Die zwölfte Klasse hatte vor ein paar Wochen begonnen. Als er in Rockenhausen aus dem Zug stieg, hörte er Rufe hinter sich und blickte auf seinen Freund Parcival.
„Ich bin froh, dich wieder zu sehen, Lucius“, sagte dieser.
„Ich freue mich auch“, antwortete Lucius.
„Du siehst nicht gut aus. Du hast stark abgenommen, so wie es scheint. Haste immer noch Probleme zu Hause?“
„Nein“, antwortete Lucius kurz.
„Gut, dass es mit deinen Eltern wieder einigermaßen läuft“, meinte Parcival erleichtert.
Lucius schaute ihn an und sagte: „Tut es aber nicht. Das ist nicht mehr mein Zuhause.“
„Willst du den Rest deines Lebens schmollen, wie es dein Stiefvater tut? Das ist doch auch keine Lösung.“
„Ich bin dabei, mir eine bessere Lösung zu suchen. Mein Schweizer Pass wird bald kommen, bei meinem nächsten Urlaub gehe ich einkaufen und an Weihnachten bringe ich meinem Stiefvater vielleicht ein neun Millimeter großes Geschenk mit.“
„Hör auf“, sagte Parcival entsetzt, „dann war es das mit deiner Offizierskarriere.“
Lucius schwieg, er war an dem Punkt angekommen, an dem ihm alles egal war, so weit hatten sein Stiefvater und seine Mutter ihn getrieben. Praktisch nichts in seinem Leben bedeutete ihm noch etwas. Weder sein Leben noch die Offizierskarriere. An der Abzweigung trennten sich ihre Wege. Die Freunde verabschiedeten sich.
Lucius ging die letzten Meter alleine zur Schule. Er lief schnell, sehr schnell. Seine Blicke sahen direkt gerade aus. Er tat tiefe und kräftige Atemzüge. Er ging an einer Hauswand vorbei, an der jemand mit einer Sprühdose „Frei Sozial und National“ drangesprüht hat. Als Lucius es bemerkte, blieb er kurz stehen und lächelte. Danach ging er weiter. Er war nicht rechtsradikal. Ganz im Gegenteil, er war dem sogar abgeneigt. Aber dennoch gab es bei der NPD gewisse Ansätze, für die er Interesse zeigte. Er war immerhin auch der Meinung, dass eine gute Diktatur besser sei als eine schlechte, nicht funktionierende Demokratie. Er begründete das immer mit dem Beispiel der untergegangenen Weimarer Republik oder der römischen Republik, die beide durch ihr Versagen wieder in den Status einer Diktatur fielen, die allerdings auch nicht unbedingt besser war. Letzten Endes waren es der oder die Herrscher, welche schlecht waren, und nicht das System. Dennoch war es eine Meinung, welche nicht jeder verstand, geschweige denn akzeptierte. Und nicht zu vergessen, es hatte ihm den Ruf als Nazi eingebracht oder zumindest als einer, der rechts angehaucht war. Ein Ruf, welcher ihn besonders bei den Türken unbeliebt machte. Bei genau dieser Sorte von Türken, die ihm gerade entgegenkam. Es waren sehr junge Türken, vielleicht elf Jahre alt. Zu schwach und auch zu feige, um ihn zu provozieren, da ihre großen Brüder nicht zur Stelle waren. Lucius war zwar gewaltbereit, aber es war nicht die Art von Gewalt, welche die Menschen draufschlagen lässt. Lucius war in der Hinsicht sehr exakt berechnend und kalkulierend. Er überdachte die Konsequenzen seiner Handlung mit größter Genauigkeit und handelte dann mit einer weitaus intelligenteren, aber auch gefährlicheren Art von Gewalt. Vor der Schule wartete sein Freund Uther auf ihn, ein blonder Junge mit blauen Augen. Wenn man von seiner russischen Abstammung wusste, fielen die slawischen Gesichtszüge leicht auf. Er hätte jedoch auch leicht als Arier durchgehen können. Wie Lucius wollte auch Uther die goldenen Sterne tragen, wie es die beiden nannten. Der Schultag begann mit Geschichte. Es war Lucius’ bestes Schulfach. Sein größtes Interesse galt Deutschlands düsterster Zeit, in der nicht die goldene Sonne, sondern die schwarze über Deutschland schien. Aber Lucius war in einer Zeit geboren worden, in der es selbst siebzig Jahre danach noch unangenehm war, darüber zu sprechen.
Uther war der Einzige in der Klasse, mit dem Lucius einen engeren Kontakt hatte. Aber selbst ihm verriet er nicht seine Probleme. In seinem Leben hatte Lucius eine Art Rüstung um sich herum aufgebaut, welche weder seine Gefühle noch Emotionen erkennen ließ, und er ließ auch nichts nach draußen. Eine Schutzfunktion wegen seiner Mutter und seines Stiefvaters. Vielleicht war auch diese Eigenschaft schuld an Lucius’ Einsamkeit, da er wie ein Igel nach allen Richtungen die Stacheln streckte.
In der ersten Stunde hielt Helena ein Referat über den Holocaust. Lucius fand das Thema äußerst interessant. Er bemerkte, dass Helena recht aufgeregt war. Es konnte daran liegen, dass sie bemerkte, wie Lucius auf sie achtete. Wie Uther war auch Helena russischen Ursprungs, was man ihr aber auch nicht sonderlich ansah. Sie war hübsch und hochgewachsen für ein Mädchen. Wie Lucius war sie ungefähr 1,75 m groß. Er mochte sie, auch wenn er sonst keinen Kontakt zu ihr hatte. Er bemerkte einige Fehler in dem Referat, aber er sprach es nach dem Vortrag nicht an. Er versank danach in seinen Träumen. Träume, gefüllt mit Gefühlen. Gefühle und Sehnsüchte nach Dingen, die er einst hatte, wie etwa eine Mutter oder eine Heimat. Oder es ging um die Liebe zu einer Person, einem Mädchen, das er aber nie gehabt hatte. Er hörte einen Satz im Unterricht: „… ich denke, den Juden …“
Juden. Lucius war kein Antisemitist. Aber sein Stiefvater war Jude, zumindest behauptete er es. Sein Stiefvater, der ihn letztlich zu dem gemacht hatte, was er nun war. Oft hatte Lucius schon daran gedacht, die Juden dafür verantwortlich zu machen. Doch seine Vernunft hielt ihn davon ab, denn es war falsch, ein Volk für die Fehler eines Mannes zur Rechenschaft zu ziehen, auch wenn er sie wegen seiner Vergangenheit wahrscheinlich immer mit seinem Stiefvater in Verbindung bringen würde.
Seitdem Lucius aus dem Praktikum ging, empfand er die Schule als noch stressiger als zuvor. Er hatte die Zeit, als er bei der Artillerie war, genossen. Es waren nur zwei Wochen vor den Sommerferien gewesen, aber er wäre so gern geblieben. Doch um die Sterne zu bekommen, benötigte er das Abitur. Bereits am ersten Tag nach dem Praktikum hatte er schon daran gedacht, wie schön es wäre, wieder mit einem Feldwebel über interessante Themen zu reden, anstatt sich mit einem stinklangweiligen Mathelehrer mit einem Stoff herumzuquälen, den man sowieso nicht kapierte. Lucius war heilfroh, dass der Nachmittagsunterricht ausfiel. Auf dem Weg zurück zum Bahnhof sprach Jennifer ihn an. „Hallo Lucius“, sagte sie schüchtern.
„Hi“, Lucius sagte nicht mehr als verlangt, er hatte kein Interesse derzeit, mit ihr zu reden.
„Du bist nicht gerade gesprächig“, sagte sie.
„Nein, ich habe derzeit einen Arsch voller Probleme.“
„Ich habe bemerkt, dass du dich verändert hast“, sie machte einen traurigen Eindruck. Lucius realisierte jedoch in diesem Moment nichts.
„Kann dir nicht deine Mutter helfen oder sonst jemand?“
„Ich habe keine Mutter mehr“, sagte Lucius. Jennifer spürte an seiner Tonart, dass seine Mutter nicht tot war, sondern dass er sie nicht mehr als solche akzeptierte. Es war nicht zu verkennen, dass Lucius seine Tränen dabei unterdrückte. Weinen betrachtete er als Zeichen von Schwäche. Sie sprach nicht weiter. Sie wollte ihn nicht verletzen, indem sie ein Thema ansprach, das ihm unangenehm war.
Am Bahnhof hörte sie Schreie. Lucius wurde von Türken angegriffen. Gerüchte über Lucius’ rechte Gesinnung kursierten schon lange, doch sie wusste, dass diese nichts mit der Wahrheit zu tun hatten. Lucius begann, sich zur Wehr zu setzten. Mit seinen Kampfstiefeln trat er einem gegen das Schienbein. Den anderen schlug er mit dem Gesicht gegen die Wand des Bahnhofgebäudes. Der Dritte zückte ein Messer. Lucius ging langsam auf ihn zu. Der Türke drohte mehrmals, ihn abzustechen. Lucius sagte: „Dann tu es doch, oder bist du zu feige? Oder hängt es daran, dass du keine Ehre hast?“ Der Türke wurde wütend und rannte mit dem Messer auf Lucius zu, aber dieser konnte geschickt parieren. Er riss ihm das Messer aus der Hand. Mit einem Hebelgriff drückte er ihn zu Boden und stieg in seinen Zug. Der Türke richtete sich auf und schrie etwas in die Runde.
Ebenso wie Lucius waren auch die Türken Außenseiter. Fremde wurden in der Gesellschaft immer erst etwas kritisch betrachtet, besonders Ausländer, es war soziologisch gesehen ganz normal. So kam es dazu, dass sich die Türken oft mit Ihresgleichen gesellten und sich selbst ausgrenzten, was die Sache nicht gerade vereinfachte. Und da sie sich ausgegrenzt fühlten, entwickelten sie ein hohes Maß an Frustration und Hass. Lucius Rabenstein war hier die optimale Zielscheibe.


Unentdeckte Gef¸hle

Jennifer musste den Zug nehmen, welcher in die entgegengesetzte Richtung fuhr. Die Tatsache, dass sie sich mit jeder Sekunde weiter trennten, bereitete ihr Schmerzen, ebenso das, was er über seine Mutter gesagt hatte. Sie musste das erst mal verarbeiten und das brauchte Zeit. Lucius war keiner, der sich viel Mühe um die Formulierung machte. Er sagte es so, wie er es dachte. Und das machte ihn nicht in jeder Hinsicht einfach.
Die Welt war nicht mehr die, die sie gewesen war. Jennifer wusste, dass etwas Schlimmes passiert war, ebenso wie sie wusste, dass noch weit Schlimmeres passieren würde. Es war, als sage ihr dies eine innere Stimme. Sie sah, wie wenig Angst Lucius vor dem Tod hatte, als ob er ihn erwarten würde. Sie spürte, dass er nichts mehr zu verlieren hatte, auch wenn sie die Geschichte um ihn nur teilweise kannte. Jennifer versuchte, Lucius zu verstehen, doch je mehr sie sich mit dem Gedanken befasste, desto unangenehmer wurde dieses Thema. Und sie fürchtete, ihn zu verlieren.
Sie sah, mit welcher Kaltblütigkeit er auf die Türken einschlug, obwohl es nicht mehr war, als benötigt wurde, um sich zu verteidigen. Dabei waren auch sie nur Opfer der Gesellschaft. Von allen wurden sie als Ausländer angesehen und hörten so auf, sich zu integrieren. Sie bildeten eine Parallelgesellschaft, welche eine Abneigung gegen die andere entwickelte und das Problem so noch verschlimmerte.

Lucius sah auf den Küchentisch. Darauf lagen eine gute und eine schlechte Nachricht. Sein Schweizer Pass war angekommen. Aber die Anzeige gegen seinen Stiefvater war fallen gelassen worden. Kein öffentliches Interesse. Die Wut kroch in Lucius hoch. Sein Leben lang hatte er nach den Gesetzen gelebt, aber nun hatte ihn die Justiz im Stich gelassen. Man schenkte dem begangenen Unrecht kein Interesse, aber dennoch blieb es ein Unrecht und es war Aufgabe des Staates, darüber zu richten, ganz egal, um welches Maß an Schaden es ging. Solche Entscheide ließen ihn den Glauben an die Justiz verlieren. Aber er hatte nun die Möglichkeit, das Recht selbst in die Hand zu nehmen. Er griff mit einem Lächeln zum Telefon.
Es war für ihn ein angenehmes Gefühl, seine Freunde anzurufen.
Konstantin nahm am anderen Ende der Leitung den Hörer ab: „Ja, hallo.“
„Mahlzeit, der Pass ist angekommen. Wir können am Freitag direkt losfahren und einkaufen.“
„Geil!“, rief Konstantin. „Wie viel Geld sollen wir mitnehmen?“
„10.000 sFr, mindestens.“
„Und welche Waffen holen wir uns?“, fragte Konstantin interessiert.
„Ich benötige nur eine Pistole, aber ich würde sagen, wir überlegen es uns vor Ort. Aber ganz wichtig, richtet noch das Auto her, bevor wir fahren“, sagte Lucius in ernstem Ton, „die Geheimfächer und so, falls wir am Zoll gefilzt werden.“
„Dann sehen wir uns am Freitag.“
„Okay, bis bald“, sagte Lucius und legte auf.
Schlagartig besserte sich seine Laune. Die Aussicht auf die Lösung seiner Probleme bereitete ihm Freude. Bald war es an der Zeit, einen tiefen Stachel zu ziehen. Womöglich riskierte er hierbei seine Zukunft, aber diese war er bereit zu opfern. Der Hass hatte ihn auf der einen Seite blind, auf der anderen Seite auch mächtig gemacht, wie er im Kampf gegen Türken merkte. Er hatte sich oft genug um andere Gedanken gemacht und sich selbst vernachlässigt, nur um ihren Erwartungen zu entsprechen. Jetzt war es Zeit, selbst zu tun, was getan werden musste, und so zu sein, wie er war.

Jennifer betrachtete sich im Spiegel. Sie war schlank und wirkte deshalb sehr groß. Ihre Haarfarbe mischte sich zwischen blond und brünett. Sie hatte einen traurigen Gesichtsausdruck. Dauernd hatte sie das Gefühl, zu dick zu sein, aber sie war es nicht. Ihre Gedanken schwenkten ab zu Lucius. Gefiel sie ihm? War sie zu dick für ihn? Oder zu dünn? Es war ihr nicht möglich, seine Gefühle zu deuten. Manchmal wirkte er so kalt wie eine Maschine. Sie wusste nicht, wo sie Trost suchen sollte. Sie liebte ihn, dennoch fand sie keine Möglichkeit, es ihm zu sagen. Lucius hielt seine Gefühle so verschlossen, dass niemand sie lesen konnte. Empfand er überhaupt so etwas wie Liebe? Er musste es, dachte sich Jennifer zumindest, jeder Mensch empfand Liebe. Vielleicht bestand so auch Hoffnung für beide. Hoffnung gab es immer. Zumindest war Jennifer in der Hinsicht optimistisch. Ob Lucius es auch war, konnte man nicht so sicher sagen.
Der Tag ging zur Neige. Lucius ließ sich in sein Bett fallen. Er nahm sein Amulett, welches er auch beim Schlafen trug. Es war eine platt gepresste Zwei-Reichsmark-Münze. Darauf war eine Rune eingeritzt. Die Thor-Rune. Eine Rune, welche für die Tatkraft und die ewige Wiederkehr stand. Daneben stand das passende Dämonium. Eine umgedrehte Rune mit negativer Bedeutung, welche Tod, Zerstörung, Krankheit, aber auch Macht über den Tod symbolisierte. Die Thorrune hatte meist die Form eines Dreiecks, bei dem eine Seite in beide Richtungen verlängert war. Zudem wurde sie auch mit dem Gott für Donner, Blitz und Wetter in Verbindung gebracht, welcher mit seinem Hammer auf die Himmelsglocke schlägt und so Blitze auf die Erde fallen lässt.
Für Lucius stellte diese Rune jedoch ein Symbol des Satanismus dar und auch die alten Religionen waren für ihn eine Form des Satanismus.
Der Satanismus war der einzige Glaube, der ihn wirklich ansprach. Sein Leben lang hatte er gebetet und gehofft, dass Gott ihm helfen möge, aber nie hatte dieser es getan. Wieso auch, immerhin brachen auf der Erde Seuchen und Hungersnöte aus. In Kriegen und bei Völkermorden wurden Tausende getötet. Jene Verbrecher, welche solche Schandtaten begingen, wurden meist nie zur Rechenschaft gezogen. Es wäre absurd zu glauben, dass Gott einem helfen würde, wenn er sich nicht einmal Zeit nahm, solche Dinge zu verhindern. Andererseits hatte Lucius zu viel erlebt, um die Existenz Gottes einfach zu verneinen. Aber wo Gutes war, musste es auch das Böse geben, und wenn das eine einem nicht half, so bestand doch zumindest die Hoffnung, dass man von der anderen Seite die erwünschte Unterstützung erlangte. Dies waren die Lehren, welche sein Stiefvater ihm, wenn auch ungewollt vermittelte.

Lucius ging im Wald spazieren. Der Wind rauschte durch die Bäume. Er mochte die endlosen Wälder. Ein Reh sprang über den Weg. Lucius ging gemütlich weiter. Immer tiefer in den Wald hinein. Die hohen Kiefern spendeten Schatten und hatten auch etwas Beschützendes an sich. Auf einmal hörte Lucius Schritte hinter sich. Sein Onkel Wolfram stand hinter ihm. Lucius wurde unsicher.
„Wolfram, wo kommst du her, du bist doch tot?“
„Nicht ganz, ich lebe in einer anderen Welt weiter“, sagte dieser mit leiser Stimme, „ich bin zurückgekommen, um dir zu helfen.“
„Wie kannst du mir helfen?“
„Du wirst bald diese Welt verlassen und dann musst du durch die schwarze Tür gehen.“
Lucius wusste gleich, was gemeint war: „Wann ist es so weit, wann sterbe ich?“
„Bald, aber mehr kann ich dir nicht sagen.“
„Wo finde ich die schwarze Tür?“, fragte Lucius.
„Du wirst sie finden, aber wenn du das Portal überschritten hast, gibt es keinen Weg zurück.“
Lucius schwieg einen Moment. Er hörte etwas klingeln. Die Gestalt seines Onkels wurde immer blasser.
„Es wird Zeit, Abschied zu nehmen, Lucius. Denk daran, nur die schwarze Tür zu nehmen.“
Lucius streckte seine Hand nach seinem verstorbenem Onkel aus, doch dieser entfernte sich immer mehr.
Lucius wachte in seinem Zimmer auf.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 634
ISBN: 978-3-99038-856-3
Erscheinungsdatum: 10.03.2015
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