Science Fiction & Fantasy

Genetic Wolves

Yuri Komori

Genetic Wolves

Der Anfang des Krieges

Leseprobe:

Ursprung

Es war ein schöner Tag, die Sonne schien hoch am Himmel, ein paar kleine einzelne, hauchdünne Wolken zogen an ihr vorbei. Eine sanfte Brise ließ die Blätter der Bäume rascheln und die feinen Äste tanzen, während man hier und da ein paar Singvögel ihr Lied trällern hörte. Der Waldboden war vom sanften Rascheln kleiner Tiere bewegt, die sich unter dem Laub des letzten Herbstes ihren Weg bahnten, sicher vor den Raubtieren.
Unter einem Kreis von mehreren Buchen saß eine Gruppe von Wölfen zusammen. Die drei Jungwölfe des letzten Wurfs tobten erregt miteinander herum, knufften sich mit ihren scharfen Zähnen sanft in den Nacken oder in das Ohr, warfen sich gegenseitig um und jagten einander hinterher, während sie freudig jauchzten und mit ihren Ruten wild wedelten.
Eine ältere Wölfin sah ihnen aus einem gewissen Abstand zu, damit sie nicht darunter geriet. Sie warf den Kopf herum, um ihr graues Fell zu lecken, wobei ihre Reißzähne entblößt wurden. Ein weiteres Paar saß in der Nähe und liebkoste sich gegenseitig. Die beiden schienen das Alpha-Paar des kleinen Rudels zu sein. Das braun gefärbte Weibchen hatte einen geschwollenen Bauch und tatsächlich war es bald so weit, dass sie ihren zweiten Wurf gebar. Der graue Rüde neben ihr stieß sie immer wieder sanft mit dem Kopf an, dann beschnupperte er sie, als müsse er jede Sekunde von Neuem sicher sein, dass sein Nachwuchs gut geborgen war.
Das Rudel war sehr sorglos und unaufmerksam. Die Wölfe achteten im Moment nicht auf das, was sich ihnen vom Himmel hoch oben wie ein dunkler Schatten jede Sekunde weiter näherte. Keiner von ihnen hätte gedacht, dass diese Unaufmerksamkeit ihr Leben ein für alle Mal verändern würde. Das Erste, was sie hören konnten, war das immer lauter werdende Brummen von Motoren.
Die Jungwölfe bemerkten es als Erstes. Sie beendeten schlagartig ihr Spiel und spitzten allesamt die Ohren. Auch die alte Fähe und das Alpha-Paar waren nervös geworden. Die Wölfe reckten ihre Köpfe nach dem seltsamen Geräusch, das ihnen so unbekannt war, dass sie sich für den ersten Augenblick nicht einmal entscheiden konnten, ob es eine Gefahr darstellte oder nicht.
Sie überlegten einige Herzschläge lang, und das war die Zeit, die sie verloren, denn plötzlich tauchte ein riesiges dunkles Ding über den Baumkronen auf, das so groß war, dass es selbst die Sonne verdecken konnte. Das Brummen war nun so ohrenbetäubend, dass es alle anderen Geräusche ausblendete. Vögel, die es sich auf den obersten Ästen bequem gemacht hatten, flohen flatternd davon, um nicht von den wirbelnden Propellern auf dem Kopf des Monstrums getroffen zu werden.
Das Wolfsrudel wurde von Panik gepackt. Die Raubtiere stoben in alle möglichen Richtungen davon, mit dem einzigen Wunsch, bloß von hier zu entkommen, während der schwarze Helikopter sich sein Opfer aussuchte.
Der Wind rauschte dem Wolf in den Ohren, als er mit seiner Gefährtin, durch das dichte Blattwerk geschützt, davonpreschte, das laute Dröhnen dicht hinter sich. Er wusste, er musste so lange im Schutz des Waldes bleiben, wie er konnte. Egal, was das für ein Vogel war, der ihnen nachjagte, er konnte mit Sicherheit nicht durch die dicken, schützenden Äste brechen, die das Sonnenlicht abschirmten. Er hechelte so schnell, dass ihm die Zunge aus dem Maulhing. Der Rüde spürte seine Gefährtin dicht neben sich. Er wollte auf jeden Fall bei ihr bleiben, bei ihr und seinen Jungen, die bald das Licht der Welt erblicken würden. Sein Instinkt sagte ihm, er müsse seinen Nachwuchs beschützen, wenn sein Rudel eine Zukunft haben wollte.
Immer noch ratterte der Helikopter dicht über den Baumkronen daher, das Ziel fest im Visier. Fünf Männer nahmen sich Betäubungsgewehre zur Hand, während sie von den Seiten aus den geöffneten Türen herauslehnten. Sobald ihr Pilot sie nah genug an die Tiere herangeflogen hatte, würden sie schießen.
Der Rüde hörte Explosionen hinter sich. Es war grauenvoll, aber er rannte einfach weiter, versuchte, den kleinen Pfeilen auszuweichen, die sich neben ihm in die Erde bohrten. Ein Jaulen und Winseln erfüllte die Luft. Seine Gefährtin war zurückgefallen. Er wusste, er konnte jetzt nichts mehr für sie tun. Sein Instinkt sagte ihm, wenn er umkehren würde, hätte der Vogel nur noch mehr Beute. Gegen dieses Riesenvieh hatte er keine Chance, selbst, wenn er es versuchte. Er hoffte schon, der Räuber würde abdrehen und sich auf seine Gefährtin stürzen, aber das Brummen verfolgte ihn unablässig weiter. Das Herz pochte ihm bis zum Hals, der Rüde rannte so schnell er konnte, wich Gestrüppen aus, blieb immer unter dem Blätterdach.
Dann spürte er einen stechenden Schmerz, der sich blitzschnell in seinen Rücken bohrte. Er jaulte auf, strauchelte und für einen Augenblick wurde ihm schwarz vor Augen. Irgendetwas war ihm ins Blut gespritzt worden, wie das Gift einer Schlange. Die Substanz wirkte so schnell, dass ihn augenblicklich, nachdem er gefallen war, eine Lähmung überkam. Die Müdigkeit machte sich in ihm breit, seine Beine wurden schwer.
Während die Sicht immer mehr verschwamm, wurde auch der brummende Motor ausgeblendet. Er konnte nicht einmal mehr die Augen offen halten und so fiel der Wolf in einen tiefen Schlaf.

Als der Wolf aufwachte, fühlte er sich anders. Es war, als wäre er nicht in seinem eigenen Körper. Alles an ihm schmerzte. Er merkte, dass er auf einer glatten, harten Oberfläche lag, und viele seltsame Gerüche umgaben ihn. Aber etwas ganz anderes überraschte ihn weitaus mehr.
Er fühlte sich, als würden seine Gedanken viel fortgeschrittener vorgehen, so viel mehr spielte sich in ihm ab. Es war nicht nur der Instinkt, den er sonst verspürt hatte. Er konnte seine Gedanken hören, wie sie alle so unerwartet auf ihn einströmten. Was war das für ein Ort? Wie war er hierhergekommen, was waren das für Stimmen, die er ganz leise vernehmen konnte? Sein Kopf explodierte scheinbar mit Gedanken. Er dachte nicht mehr nur an Fressen, Trinken, Jagen, Leben, Existieren, er wollte viel mehr. Seine Fantasie schweifte herum, er konnte etwas, was er noch nie zuvor gekonnt hatte. Er stellte sich ein Bild vor, ein Bild von seiner Gefährtin, von seinen Rudelmitgliedern. Wo sie wohl waren? Was sie machten? Ob sie entkommen waren? Der Wolf konnte Überlegungen anstellen, logisch denken.
Es war ihm plötzlich klar, dass dieses Ding, dass er für einen Vogel gehalten hatte, niemals einer hätte sein können. Es war nicht einmal ein Lebewesen gewesen. Und das spitze Etwas, das ihn in den Rücken getroffen hatte, musste die Ursache sein, weshalb er so müde geworden war. Er wusste, irgendetwas war mit ihm passiert während er geschlafen hatte. Etwas hatte sich in ihm verändert, dass er nun Schlüsse ziehen, Überlegungen durchführen, die Zukunft vermuten, sich Dinge vorstellen konnte. Er war viel klüger, als er es je für möglich gehalten hätte.
Das Tier öffnete langsam die Augen und erblickte eine fremde Welt um sich herum. Es war in einem eckigen, weißen Raum mit einem kleinen, metallenen Gitter an der Decke, durch das frische Luft hereinströmte. Vor ihm war es, als hätte es einen Durchgang, wo er in einen weiteren, endlos weißen Gang sehen konnte. Der Wolf wusste aber, woher, hatte er keine Ahnung, aber er wusste irgendwie, dass es eine unsichtbare Wand haben musste, denn es ging kein Geruch von dem aus, was er sehen konnte. Ein paar Wesen standen davor, ebenfalls weiß, bis auf das Gesicht, die Vorder- und die Hinterpfoten. Sie standen auf den Hinterläufen und betrachteten ihn aufmerksam, während sie aufgeregt zu flüstern begannen. Das Raubtier konnte ihre Stimmen durch das Gitter über sich hören. Und dann fiel ihm noch etwas auf: Es konnte ihre Worte verstehen.
„Er ist aufgewacht.“
„Was sind die Ergebnisse?“
„Gehirnzellenbildung erweitert.
Blutdruck normal,
Atmung normal,
Gedanken arbeiten erhöht …“
Der Mensch, der auf etwas starrte, das wohl neben dem geschlossenen Abteil sein musste und das der Wolf nicht sehen konnte, hatte das gesagt. Der Wolf wusste, dass es Menschen waren. Dies war nicht seine erste Begegnung mit ihnen. Alles Weitere, was er sagte, nahm das Raubtier nicht mehr richtig auf, denn es war immer noch viel zu überwältigt von all seinen neuen Fähigkeiten. So viele Gedanken zu haben, nahm ihm auch einen großen Teil der Angst, sodass er zuerst gar nicht wusste, wie er auf das alles reagieren sollte.
Seine Beine fühlten sich komisch an, schwer, brennend, aber er schaffte es trotzdem, unter Anstrengungen aufzustehen.
Erst jetzt fiel ihm auf, dass auf der anderen Seite des Raums eine Wölfin lag. Das Fell war verfilzt, an der Flanke hatte sie einen kahlen Fleck mit einer Wölbung, wo die Menschen wahrscheinlich etwas hineingespritzt hatten, wie der Pfeil es bei ihm getan hatte. Dem Rüden fiel auf, dass an seiner linken Flanke dasselbe zu sehen war. Noch sehr wackelig auf den Beinen, stolperte er zu seiner Gefährtin hinüber. Sie hatte die Augen geschlossen, lag auf der Seite und atmete schwach. Während das Flüstern der Menschen auf der anderen Seite der Scheibe weiterging und sich immer mehr von ihnen näherten, um ihn zu betrachten, stieß der Wolf die Fähe sanft mit der Schnauze an.
Wieder passierte etwas zuvor noch nie Geschehenes. Aus seiner Schnauze kamen nicht nur einfach Töne wie Fauchen oder Bellen, es bildeten sich Worte! „Wach auf! Wach auf, etwas ist passiert!“, hörte er sich sagen. Erst antwortete die Wölfin nicht, dann blinzelte sie. Auf ihren Augen spiegelte sich dieselbe Verwirrung, die auch er gehabt hatte, als er zu sich gekommen war. „Wer … wer ist da?“, erwiderte auch sie mit Worten.
Erst jetzt fiel dem Rüden auf: Er hatte keinen Namen, er brauchte einen Namen! „Ich bin’s, Aoulos, dein Gefährte.“ Es war das Erstbeste, was ihm eingefallen war. „Und wer bin ich?“, hauchte die Wölfin schwach, während sie immer noch sichtlich verwirrt zu ihm hochstarrte. Aoulos musste einen Namen für sie erfinden. Nur was für einen? Er überlegte fieberhaft, dann meinte er leise: „Du bist Laguena.“
Es war das erste Mal, dass der Rüde Namen erfand, und er kam sich etwas albern vor, aber seine Sorge galt gerade nicht dem, sondern Laguena, die immer noch vor ihm auf dem kalten, glatten Boden lag.
„Etwas ist passiert! Merkst du das auch?“, flüsterte die Fähe ehrfürchtig und ängstlich zugleich. „Ja, ich spüre es. Die Menschen haben etwas an uns verändert“, erwiderte Aoulos misstrauisch. „Was haben sie wohl mit uns vor?“ Laguena drehte sich schwerfällig auf den Bauch und setzte sich auf, während ihr Kopf sich hin und her bewegte, um so viel wie möglich von der neuen Umgebung wahrzunehmen. „Wo sind wir hier?“, fragte sie ihn unsicher. „Irgendwo in einem Menschenbau vermute ich“, meinte ihr Gefährte.
Plötzlich weiteten sich ihre Augen. „Aoulos … ich kann sie verstehen! Ich kann die Menschen verstehen! Ich weiß, was sie sagen, wie ist das möglich?“
„Beruhige dich“, redete ihr der graue Rüde vorsichtig ein, „ich weiß, es ist verwirrend. Ich kann die Bedeutung ihrer Worte auch verstehen, genauso wie dich. Wie haben sie das geschafft?“ Die Frage, die er stellte, war eher an sich selbst als an seine Gefährtin gerichtet, die ihm bestimmt keine Antwort liefern konnte.
Er spürte ihren zitternden, warmen Pelz an seiner Flanke, während er zu den außerhalb der durchsichtigen Wand stehenden Wesen schielte. Dahinter konnte er ein weiteres Gefängnis wie seines erkennen, wo ebenfalls Tiere herumkrochen. Eine andere Art, aber kleiner, und bis zu drei Dutzend, wuselte darin herum, offensichtlich genauso verwirrt, wie die beiden Wölfe jetzt waren. Er konnte sie zwar nicht hören, sah aber anhand ihrer sich öffnenden und schließenden Münder, dass sie wild miteinander diskutierten und ihre neue Sprache benutzten.
Dann betrachtete er die Menschen wieder, die jetzt schon in einer großen Gruppe vor seinem Gefängnis standen und ihn murmelnd beobachteten, indessen starrte der eine immer noch auf etwas, was nicht in Aoulos Blickwinkel war, und zählte immer wieder neue Dinge auf:
„Die Atmung geht schneller, es sind jetzt beide wach.
Ähnliche Symptome wie bei den anderen Versuchsarten.
Sie scheinen auch miteinander zu reden.“
Aoulos starrte nur zu ihnen zurück, hatte jegliche Angst verloren. Er wusste weder, was sie mit ihm angestellt hatten, noch wieso, aber eines war ihm klar. Er war nicht richtig verängstigt, im Gegensatz zu Laguena. Er war erregt und wartete nur darauf, seine neuen Fähigkeiten zu testen.
Die Sonnenaufgänge vergingen, auch wenn Aoulos die Sonne seit seiner Ankunft hier nicht mehr hatte erblicken können. Er spürte es trotzdem anhand davon, wann er hungrig wurde, wann er schlief, wann sich sein Fell verschmutzte, sodass er es waschen musste.
Wie er erwartet hatte, führten die Menschen viele Tests mit ihm und Laguena durch, um seine Intelligenz zu überprüfen, die Fortschritte, die er machte, zu beobachten und seine neuen Gewohnheiten zu studieren, zum Beispiel, dass er immer wieder versuchte, mit ihnen Kontakt aufzunehmen, dass er immer zuerst an dem Wasser und Fleisch schnüffelte, das ihm vorgesetzt wurde, nach weiteren Mitteln und Substanzen suchend, die sie möglicherweise hätten hineinspritzen können.
Tatsächlich fand er schnell heraus, dass die Menschen ihm oft Schlafmittel in sein Wasser gaben, wenn sie eine Untersuchung durchführen wollten. Dies ließ er trotzdem über sich ergehen. Er fand es nicht schlecht, was sie mit ihm machten. Klar, es tat ab und zu auch weh, er bekam Sachen eingeflößt, es wurde an ihm herumgemacht, aber sie hatten ihm geholfen, nicht mehr primitiv zu sein. Er hatte eine intelligentere Lebensformerreicht, konnte weiter hinausdenken als jede andere Spezies. So klug wie die Menschen würde er nie werden, aber er unterschied sich an Intelligenz deutlich von anderen Tieren, er war kein normaler Wolf mehr, der einfach nur auf seinen Instinkt hörte.
Aoulos lernte von den Menschen, er freundete sich sogar mit ihnen an. Der Rüde spielte ihre Spielchen mit, was dazu führte, dass sie ihn immer weniger wie ein Experiment behandelten, sondern Gefallen an ihm fanden.
Laguena gefiel nicht, was er tat. Sie sonderte sich immer mehr von ihm ab während ihres Aufenthaltes dort. Sie hasste die Menschen wie eh und je. Sie sagte dauernd, sie wolle ihre Jungen hier nicht zur Welt bringen. Sie sagte, er wäre ein Idiot und die Menschen würden ihn nur hintergehen und ausnutzen, doch Aoulos hörte nicht auf sie. Er fuhr damit fort, mit den Menschen zusammenzuarbeiten.
Als zwischen ihm und Laguena Streit und Zwistigkeit ausbrachen, wurden sie getrennt. Er sah sie seither nicht mehr und langsam machte sich die Einsamkeit in ihm breit. Er fühlte sich bei den Menschen zwar sicher, aber nie würde er sich so wohl und geborgen fühlen wie bei seiner Gefährtin. Trotzdem konnte er seinem Tun kein Ende setzen. Er spielte weiter mit, und das mit großem Erfolg.
Er lernte viel, wurde immer klüger. Oft hörte er den Menschen zu, wenn sie miteinander sprachen. Den Ort hier nannten sie Labor, wo geforscht wurde, Versuche durchgeführt wurden und anderes, was mit sogenannter Wissenschaft zu tun hatte. Das Eisengitter über ihm war ein Lüftungsschacht, der ihn mit frischer Luft versorgte. Die durchsichtige Wand nannte sich Glas und das weiße, flache Blatt war Papier oder Pergament, wo sie Sachen mit Stiften aufschreiben konnten.
Auch die Menschen kannte er immer besser. Er prägte sich immer mehr Gesichter und ihre Namen und Charaktere ein. Da war zum Beispiel Jason. Er war noch recht jung, als Wolf wahrscheinlich kaum älter als ein Jährling. Er war lerneifrig, betrachtete immer alles, was Aoulos tat, mit Interesse und machte oft Notizen. Um Aoulos schien er sich nicht zu kümmern, er hatte nicht so viel Freude an ihm und nannte ihn auch nie bei seinem Spitznamen, sondern sagte nur Versuchsobjekt oder Produkt, wenn er von ihm sprach. Das Männchen war nicht so hoch in der Rangordnung, das war dem Wolf aufgefallen.
Es gab zwei Weibchen namens Louisa und Sarah, mit denen er sich schnell angefreundet hatte. Sie waren immer freundlich zu ihm, redeten mit ihm, striegelten ihm das Fell mit einer Bürste oder saßen einfach nur da und sahen ihm schweigend zu.
Ein älteres Männchen, das Dale genannt wurde, war auch oft da. Dale war ruhig, forschte viel, aber auch er war sehr liebevoll mit ihm. Jedes Mal, wenn Aoulos sich einer weiteren Untersuchung unterziehen musste, sprach er sanft mit ihm und sagte so was wie: „Wir werden dir jetzt wieder einmal ein bisschen wehtun müssen, aber es geht ganz schnell, versprochen. Es ist nur zu deinem Besten, glaub mir.“
Es gab noch viele andere Leute, aber diese vier waren diejenigen, die der Rüde am meisten zu sehen bekam.
Ihn selbst nannten sie einfach Versuchsobjekt dreizehn Punkt eins oder bei seinem Spitznamen: Auschie. Der Rüde hatte oft versucht, mit ihnen zu sprechen, aber offensichtlich konnten sie seine Sprache nicht entziffern, was ihn ziemlich bedrückte. Dafür lauschte der graue Wolf umso mehr ihren Gesprächen, was sie über ihn sagten, lauschte durch den Lüftungsschacht oder wenn sie ihn untersuchten und er nicht ganz im Schlaf versunken war. Jeden Sonnenaufgang fühlte Aoulos sich besser, schlauer, er war jedes Mal überrascht, wenn er etwas Neues lernte, wie, welche Knöpfe er drücken musste, damit er sein Fressen bekam. Er musste das Muster erkennen und sich die Reihenfolge merken, was ihm erstaunlich gut gelang.
Es kam auch dazu, dass die Menschen ihn aus seinem Abteil holten und mit einer anderen Spezies in einen Raum setzten. Es war eine Krähenart. Mit einer von ihnen wurde Aoulos in ein neues, größeres Abteil gebracht. Offensichtlich wollten die Menschen etwas von ihm. Vielleicht wollten sie, dass er versuchte, mit dem Raben zu kommunizieren, aber er hatte zwar viel von seinem wilden Ich verloren, aber sein Instinkt war immer noch da und er konnte nicht widerstehen, sich auf den eingefangenen Vogel zu stürzen.
Er hörte, wie der Rabe schrie: „Rauslassen! Er wird mich fressen! Was habe ich euch angetan? Lasst mich von dem Ding weg, bitte!“ Natürlich verstanden die Menschen auch ihn nicht, jedoch merkten sie, dass ihr Experiment schieflief, als Aoulos sich sofort auf den Vogel stürzte, während der verzweifelt in dem kleinen Raum herumflatterte, um irgendwie zu entkommen. Aber gegen einen starken, ausgewachsenen Wolf hatte er keine Chance. Ehe die Menschen ihn mit ihren Betäubungspistolen treffen konnten, hatte er den Vogel schon aus der Luft geholt und ihn totgebissen.
Das war wohl eine schwere Enttäuschung für sie gewesen. Für die nächsten paar Sonnenaufgänge waren sie nicht mehr ganz so freundlich zu Aoulos wie sonst immer, aber das ging nicht lange. Bald vergaßen sie den Vorgang und er fühlte sich wieder akzeptiert.
In einer Nacht, als Aoulos es sich auf dem glatten Boden, an den er sich langsam gewöhnt hatte, bequem gemacht hatte, hörte er lautes Tiergebrüll, hörte, wie Sachen kaputtgingen, wie Menschen schrien, Schüsse fielen. Es war weiter weg, wahrscheinlich in einem anderen Abteil. Aoulos machte es Angst. Er wusste nicht, was vorgefallen war, aber es klang nicht, als würden sich die Menschen darüber freuen.
Dieser Vorfall blieb zwar in seinen Gedanken, aber er fand nie richtig heraus, was vorgegangen war, nur, dass die Personen sich plötzlich anders gegenüber ihm verhielten. Sie waren abgeneigter, Furcht mischte sich immer in ihren Geruch, wenn sie ihm zu nahe waren. Die Einzigen, die sich nicht verändert hatten, waren Louisa, Sarah und Dale.
Eines Sonnenaufgangs, während ein paar Menschen vor seinem Abteil standen und ihn beobachteten, wie er ein Puzzle zusammensetzte, nachdem sie ihm gezeigt hatten, wie er es tun musste, was er mit überraschender Schnelligkeit vollführen konnte, kam eine neue Person zu ihnen geschritten.
Diese war ganz anders gekleidet als die Menschen, deren Gesichter ihm schon lange bekannt waren. Der Mann trug eine blaue Hose, einen schwarzen Anzug und ein seltsames, langes, violettes Stoffteil, das ihm um den Hals gewickelt herunterhing.
Aoulos spürte die dunkle Aura, die ihn umgab, fühlte die Anspannung der Menschen, als sie sich zu ihm umwandten. Er wusste nicht, wer diese neue Person war, aber freundlich begrüßt wurde er nicht.
Er begann mit ihnen zu diskutieren, wobei der Wolf viele Worte durch den Lüftungsschacht wahrnehmen konnte. Die Stimme, mit der er sprach, machte Aoulos klar, dass er im Rang viel höher war als die Forscher. Der Mann redete von dem Vorfall, der vor ein paar Tagen passiert war, und dass es sehr riskant wäre, diese Experimente weiter am Laufen zu lassen. Es sei zu gefährlich und sie sollten die Forschungsobjekte einschläfern.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 652
ISBN: 978-3-99064-723-3
Erscheinungsdatum: 29.10.2019
EUR 23,90

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