Science Fiction & Fantasy

Gen B89 - Teil 1

Delia Konzi

Gen B89 - Teil 1

Du bist stärker, als du denkst

Leseprobe:

Kapitel 18 – Der Riese und die Gans

Während Shiyan weg war, laberte Giro ein wenig mit den andern dreien. Als die Bedienung endlich an ihren Tisch kam, fing diese prompt an, mit Giro zu flirten. Darauf hatte er aber nun wirklich keine Lust. Die Männer bestellten alle Bier außer Giro, er wollte Wodka und nicht irgendeinen, sondern Stolichnaya. Die Bedienung musste zuerst hinter der Bar nachsehen und kam dann mit einer Flasche zurück. Als sie jedoch einschenken wollte, griff sich Giro schnell die Flasche. Er brauchte kein Glas. Er brauchte nur die Flasche, denn er liebte diesen russischen Wodka und nahm einen kräftigen Schluck. Die Bedienung, die sowieso schon auf Giro stand, sah ihn ganz beeindruckt an. Als Chao dies mitbekam, riss er Giro die Flasche aus der Hand und nahm auch einen großen Schluck, was ihm aber gar nicht gut bekam. Denn der hatte 40 % Alkohol, allem Anschein nach zu starkes Feuerwasser für den ach so harten Beacker. Seine Glatze wurde feuerrot und er bekam einen grauenhaften Hustenanfall. Auch das Nachspülen mit Bier half nicht viel. Statt dem beeindruckten Gesicht, das er sich von der Bedienung erhofft hatte, bekam er nur ein belustigtes Lachen und einen dummen Spruch an den Kopf geworfen. Chao war ein richtiger Draufgänger, zumindest sollten das alle von ihm denken. In Wirklichkeit war er aber eine Memme und zog den Schwanz ein, wenn es drauf ankam. Sein Verhalten ähnelte dem eines räudigen Köters, der alles zum Selbstschutz anbellte und dann seinen Schwanz einzog. Denn nur im Rudel war Chao wirklich stark. Nach diesem für Chao sehr demütigenden Vorfall war er sichtlich übel gelaunt und ließ dies auch gleich an der Bedienung aus. Er pöbelte sie aufs Übelste an und nannte sie alle eine Schande. Kuan versuchte, ihn zu beruhigen, doch ohne Erfolg. Als Chao ihr dann auch noch an den Arsch packte, war es vorbei. Die Bedienung rannte entsetzt hinter die Theke und dann in die Küche. Giro hätte was tun können, tat es aber nicht. Er hatte einfach keine Lust und irgendwie war es auch amüsant, dem ganzen Treiben zuzuschauen. Langsam fühlte Giro sich richtig wohl in der Kneipe. Es war schon fast wie zu Hause in der Mongolei, wo zu jedem guten Kneipenbesuch ein pöbelnder Idiot und eine Kneipenschlägerei dazugehörten. Also sah er der ganzen Sache gelassen zu und nippte genüsslich an seiner Wodkaflasche. Sangwau hingegen war sichtlich genervt von dem Spektakel und stand wütend vom Tisch auf. Da er unglaubliche Mühe hatte, sich auszudrücken, was hauptsächlich von seinem Sprachfehler kam, und Chao ihm sowieso nicht zugehört hätte, begab er sich wortlos an die Bar rüber und setzte sich mit seinem fetten Arsch gemütlich an die Theke, direkt vor einem Spielautomaten. Als die Bedienung in der Küche verschwunden war, meinte Kuan verhackstückend zu Chao: „Alter, das kann nicht dein Ernst sein! Einfach nicht! Vor nicht mal einer Stunde im Bordell war die gleiche Scheiße. Kannst du dich nicht ein einziges Mal wie ein zivilisierter Mensch benehmen? Bei deinem Verhalten fühlt man sich wie in die Steinzeit zurückversetzt. Als würde man einem bärtigen Neandertaler in seiner Paarungszeit zusehen.“
Noch bevor Kuan ausgesprochen hatte, kam ein wirklich großer, unglaublich breiter Kerl aus der Küche gestampft. Der sah aus wie ein Bulldozer und sein Kopf war die Abrissbirne. Als Giro sah, dass der Kerl angetrampelt kam, musste er ein wenig schmunzeln, denn er konnte sich gut vorstellen, was gleich geschehen würde. Während der Bulldozer auf den Tisch zurollte, flüsterte Kuan spitzzüngig zu Chao: „Die Dreihundert-Kilo-Dogge stemmst du Knochen bestimmt auch gut alleine. Mir drückt das Bier auf einmal ganz schön auf die Blase. Ich geh mal dezent auf die Toilette.“
Dann zog Kuan sich feinsäuberlich aus der Affäre und verduftete aufs Klo. Als der Bulldozer an der Baustelle mit dem Namen Chao ankam, war er schon ziemlich heißgelaufen und die Birne stand zum Abriss bereit. Chao fluchte noch ein paar halbe Sätze, bevor ihn der Bulldozer an den Schultern krallte und hoch in die Luft hob. Oben angekommen traf ihn auch schon die Abrissbirne mit voller Wucht auf den Dachstock, was unweigerlich zu einem sofortigen Knock-out führte. Der Bulldozer brachte dann nur noch den Bauschutt vor die Tür und somit war die Sache vom Tisch. Das dachte Giro zumindest. Aber nein. Der Bulldozer kam natürlich zurück und wollte nun auch noch Giro einreißen. Doch Giro hatte wirklich keine Lust, sich zu prügeln. Vor allem hatte er doch gerade erst angefangen zu saufen und fühlte sich hier in der Kneipe das erste Mal, seitdem er in Hongkong gelandet war, ein wenig wohl. Also wollte er versuchten, den Bulldozer zu beruhigen, und sah zu der Bedienung rüber. Diese stand nun hinter der Bar und sah sich von dort das Ganze mit an. Als sie Giros Blick erwiderte, zwinkerte er ihr zu und schenkte ihr das Lächeln, das sie sich zuvor noch gewünscht hatte. Sie erwiderte es auch mit einem schüchternen Lächeln. Giro dachte sich nämlich, wenn jemand den Bulldozer abkühlen könne, dann wäre sie es. Schließlich war der Streit zwischen ihr und Chao der Grund, warum der Bulldozer so heißlief. Also ließ Giro seinen Charme spielen und nutzte die Tatsache, dass sie auf ihn abfuhr. Er stand zwar überhaupt nicht auf die Kleine, aber in der Not frisst der Teufel bekanntlich auch Fliegen. Als der Bulldozer sich vor Giro aufbaute, kam die Kleine brav von hinten angetrippelt und meinte hasplig: „Nein, Go! Das ist nicht nötig! Er hatte doch gar nichts damit zu tun. Es war nur der eine Widerling mit der Glatze!“
Der Bulldozer antwortete zuerst nicht und starrte nur beängstigend auf Giro herab. Doch dann meinte er entschieden: „Keiner nennt meine kleine Schwester eine Hure! Ihr Name ist Tui und auf Anfassen steht die Todesstrafe! Aber so was von!“
Dabei blickte er weiterhin drohend auf Giro herab. Dieser antwortete ihm ruhig: „So was wäre mir auch nie in den Sinn gekommen. Ich möchte hier nur meinen Wodka genießen und sonst nichts weiter.“
Es dauerte einen Moment, bis der Bulldozer ausgestarrt hatte und dann wortlos zurück in die Küche abdampfte. Doch da stand noch die Bedienung Tui rum. Auf ihre Gesellschaft hatte Giro nun wirklich keine Lust und das nicht nur, weil ihr Bulldozer von Bruder ihn dafür platt gewalzt hätte. Obwohl sie äußerlich keine unattraktive Frau war, hatte sie für Giros Geschmack zu wenig Ausstrahlung und benahm sich zu sehr wie ein kleines Mädchen. Er stand aber nicht auf kleine Mädchen. Er musste sie auf nette Weise loswerden. Also meinte er zu ihr: „Zum Glück konntest du deinen Bruder beruhigen. Ich mag die Kneipe. Hier gibt’s sogar meinen liebsten russischen Wodka. Den hätte ich ungern hergegeben.“
Sie sah ihn verlegen an und meinte: „Das verstehe ich natürlich. Ich entschuldige mich für das Verhalten meines Bruders. Er ist immer sehr aufbrausend, wenn es um mich geht. Ich hoffe, du genießt trotz allem noch den Abend und zur Wiedergutmachung geht die nächste Flasche von deinem liebsten Wodka aufs Haus. Komm später einfach zu mir an die Bar, wenn du Nachschub brauchst.“
Dann sah sie Giro mit einem netten Lachen an und begab sich wieder hinter die Theke. Giro lehnte sich zurück und schloss ein wenig seine müden Augen. Doch bevor er die Augen überhaupt richtig geschlossen hatte, kam auch schon Kuan vom Klo zurück und fragte gleich neugierig: „Und – ist der Idiot tot oder hatte er wieder mehr Glück als Verstand?“
Giro sah ihn mit müdem Blick an und antwortete: „Keine Ahnung. Der Riese hat ihn k. o. geschlagen und dann rausgeschleppt. Gut denkbar, dass er draußen eine Bohnenranke hochgeklettert ist und Chao in sein Verlies gebracht hat. Aber weißt du was, es ist mir so was von Latte.“
Kuan musste daraufhin heftig lachen und sagte belustigt: „Ja, Chao neigt wirklich stark dazu, sich mit den falschen Gänsen anzulegen, und bekommt meistens blaue statt goldene Eier ab. Aber das ist er ja schon gewöhnt.“
Während Kuan sprach, schloss Giro müde seine Augen. Da meinte Kuan zu ihm: „Die Kerle nerven dich, oder? Ist anstrengend, mit solchen Leuten zu arbeiten. Aber wenn du dich erst mal an die Dummköpfe gewöhnt hast, siehst du der ganzen Sache gelassener entgegen. Es kann sogar witzig sein, wenn man ihnen beim Scheitern zusieht.“
Kuan grinste und zog einen Joint aus seiner Jackentasche. „Und mit der richtigen Medizin macht das ganze Theater doppelt so viel Spaß.“
Dann steckte er sich die Tüte relaxt an und zog genüsslich daran. Giro sah ihn nur müde an und nahm einen großen Schluck aus der Wodkaflasche. Erst dann antwortete er: „Riecht gar nicht mal übel, deine Medizin. Aber ich muss zuerst etwas essen. Sonst penn ich hier wirklich noch ein. Es nervt mich, dass ich dem Idioten Shiyan mein Auto gegeben habe. Als ob er mir wirklich etwas zu essen bringen würde.“
Kuan gab sich entspannt. „Ach, da würde ich mir keine Sorgen machen, der kommt schon zurück.“
Giro sah ihn ungläubig an und sagte dann zynisch: „Ja klar! Deswegen ist er auch schon seit über einer Stunde unterwegs. Weil er wiederkommt! Könnte es nicht eher sein, dass er den Wagen verhökert hat, um sich neuen Stoff zu besorgen? Schließlich ist er nur ein Junkie.“
Kuan lachte und war überrascht. „Echt, schon über eine Stunde ist vergangen, seit Shiyan weg ist? Kam mir gar nicht so lange vor. Ich kenne Shiyan gut, er würde den Wagen sicher nicht verkaufen. Aber ich weiß genau, wo er hin ist damit. Wenn du nicht bis nach Mitternacht auf ihn warten möchtest, dann kann ich dich gerne dorthin bringen. Kein Stress, echt. Hab eh keine Lust, alleine mit Sangwau hier festzukleben. Der fette, alte Wichser geht mir echt übelst auf die Eier.“
Dabei verdrehte Kuan seine Augen. Dann streckte er Giro mit einem Lachen im Gesicht den Joint entgegen. Giro sah ihm in sein verrauchtes Gesicht und griff dann danach. Er zog kräftig an der Tüte und meinte dann zu Kuan mit einer leicht verrauchten Stimme: „Woher willst du wissen, wo der Blödmann steckt und dass er frühestens um Mitternacht wiederkommt?“
Kuan grinste Giro an. „Na, dein Wagen war doch der Nissan GT-R Nismo. Das geile Teil, das da auf der Straße gleich vor der Bar stand. Dazu kommt, dass nicht mal fünf Minuten von hier gleich um die Ecke ein Imbiss steht, der auch Schweinskeulen anbietet. Also hab ich zwei und zwei zusammengezählt und bin zu dem Schluss gekommen. Und nun halt dich fest. Shiyan hatte es von Anfang an nur auf deinen Wagen abgesehen. Doch nicht, um ihn zu verkaufen. Shiyan würde niemals ein Mitglied der weißen Tiger so hintergehen. Wir sind alle für ihn wie Familienmitglieder, musst du wissen. Nein. Shiyan ist zum Ming-Ming Massagesalon gefahren und das ganz bestimmt sogar. Denn dort arbeitet Xing und er will immer vor der Kleinen protzen. Da kam ihm dein Rennwagen gerade recht. Denn die Kleine steht auf alles, was teuer ist. Nur, dass Shiyan selten teure Dinge besitzt. Also ja! Ich weiß sicher, wo er ist, und aus mir wäre ein verdammt guter Ermittler geworden, stelle ich gerade fest. Aber ich drifte wieder mal vom Thema ab. Diese ständigen Selbstanalysen kommen vom vielen Kiffen. Sorry. So eine Art Nebenwirkung und da schon wieder.“
Giro musste sich redlich Mühe geben, um Kuans Vortrag zu folgen. Denn er war nicht nur müde, hungrig und ein wenig angetrunken. Nein! Nun war er auch noch zugekifft. Denn das Zeug, das Kuan ihm da gegeben hatte, war echt stark und haute ziemlich heftig rein. Giro antwortete nur müde: „Dann lass uns aufbrechen, Sherlock Hanf! Wenn du dir deiner Sache schon so sicher bist. Ich hab nämlich keinen Bock, noch länger auf den Blödmann zu warten.“
Giro gab ihm den Joint zurück und leerte mit einem großen Schluck noch die Wodkaflasche. Kuan antwortete ihm: „Klar. Gehen wir! Hier ist’s eh stinklangweilig. Sonst enden wir noch wie dieser fette Langweiler Sangwau und verlieben uns in einen Spielautomaten!“
Er lachte schäbig und zog an der Tüte. Dann standen die beiden Männer vom Tisch auf. Doch bevor sie die Kneipe verließen, begab sich Giro noch an die Bar und sprach die Bedienung an. „Hey, wegen deinem Angebot von vorhin. Gilt das auch zum Mitnehmen? Ich muss jetzt nämlich schon los und habe noch Durst.“
Tui, die gerade hinter der Bar Gläser polierte, sah Giro mit großen Augen an und lächelte, bevor sie liebäugelnd zu ihm meinte: „Wenn du mir versprichst, dass du bald mal wieder herkommst, geb ich sie dir sogar mit Handkuss.“
Bevor Giro ihr darauf eine Antwort geben konnte, meinte Kuan frech: „Damit deine Dogge von Bruder ihm danach die Hand abhauen kann. Nein, ich denke, besser ohne Handkuss, Kleine.“
Da musste auch Giro grinsen. Irgendwie hatte der kleine Kiffer ja recht mit dem, was er da von sich gab, auch wenn es oft ein wenig zu viel Ehrlichkeit enthielt. Denn im Gegensatz zu Giro fand Tui seinen Kommentar nicht amüsant, sondern sah Kuan mit einem pikierten Blick an. Da intervenierte Giro und meinte zu ihr: „Ich werde sicher wieder mal herkommen. Versprochen. Aber jetzt muss ich wirklich los.“
Sie sah Giro wieder mit verträumtem Blick an und griff dabei unter die Theke, wo sie eine Flasche herauszog, die sie dann vor Giro auf die Theke stellte mit den Worten: „Es war mir jedenfalls eine Freude, dich kennenzulernen, und ich kann es kaum erwarten, deinen Namen zu erfahren. Aber noch nicht heute, erst wenn du wiederkommst. Sonst bin ich umso trauriger, wenn du nicht kommst.“
Dann warf sie Giro mit der Hand einen Kuss zu. Er empfand das Rumgeturtel von der Kleinen echt als eine Nummer zu viel des Guten und ihm wurde schon fast übel davon. Deshalb war er auch froh, als dieses schreckliche Gespräch endlich ein Ende fand und er sich die Pulle schnappen konnte. Während Giro das Gespräch mit Tui geführt hatte, war nebenan Kuan mit Sangwau beschäftigt. Na ja, er hat ihn eher genervt. Denn er sagte zu Sangwau, nachdem er sich von Tui achtlos abgewendet hatte: „Hey, mein Dickerchen! Alles gut im Schweißland? Siehst ein wenig hungrig aus. Hast du abgenommen? Ach nein, vergiss das wieder. War nur eine optische Täuschung. Aber mal was anderes. Ich verpiss mich jetzt von hier. Ich hab nämlich jemand Jüngeres und Fitteres als dich schwitzenden Langweiler gefunden. Um den Kerl versammeln sich sogar die Weiber und nicht nur die Fliegen. Und weißt du, was das Beste an der Sache ist, man kann mit ihm sprechen und bekommt von ihm eine klare und flüssige Antwort.“
Sangwau sah ihn wütend an und wollte ihm stotternd antworten. Doch Kuan unterbrach in abrupt. „Schon gut, Sangwau. Spare deinen Atem lieber. Ich habe sowieso keine Zeit, um dir bis zum Ende zuzuhören. Denn wie schon gesagt, hab ich noch was vor. Grüße deine Frau und Kinder von mir und verspiel nicht wieder dein ganzes Geld.“
Sangwau wendete sich wieder grimmig dem Spielautomaten zu und spielte wortlos weiter. Als die beiden Männer endlich aus der Kneipe waren und auf der Straße standen, meinte Kuan: „Nehmen wir meinen Wagen. Ich denke, er wird dir gefallen. Er steht gleich dort. Hinter der Kneipe auf dem Parkplatz.“
Also folgte ihm Giro auf den Parkplatz, wo die beiden in einen schwarzen Tesla S Performance einstiegen. Als sie in dem Luxuswagen saßen und Kuan losfuhr, sagte der stolz zu Giro: „Ich liebe ihn einfach. Er beschleunigt mit seinen 421 PS in weniger als 4,4 Sekunden auf 100 km/h. Seine Höchstgeschwindigkeit beträgt zwar nur 210 km/h, aber für einen Elektrowagen ist das doch beachtlich. Ich meine, hast du dich schon mal mit über 100 km/h auf dem Tacho an jemanden rangeschlichen? Mit dem Schätzchen kannst du das ohne Problem machen, denn der Motor ist so gut wie lautlos. Dazu kommt, dass der Wagen die Umwelt echt schont und mir liegt die Natur am Herzen. Auch wenn man mir das vielleicht nicht auf den ersten Blick ansieht.“
Auch wenn Kuan dazu neigte, viel zu quatschen, hörte ihm Giro doch gern zu. Er fand seine Ansichten nämlich gar nicht mal so übel und empfand ihn als angenehmen Zeitgenossen. Giro antwortete dann eher kurz auf Kuans lange Erzählung. „Ja, echt cooles Teil, muss ich schon sagen. Aber ich dachte, du seist nur ein Transporter. Der Spaß hier kostet um die achtzigtausend. Wie kannst du dir so ein teures Vergnügen überhaupt leisten mit dem winzigen Gehalt? Das ist unmöglich.“
Da lachte Kuan. „Denkst du wirklich, ein Ass wie ich gibt sich mit diesem Babygehalt zufrieden, das die weißen Tiger für die Arbeit bezahlen? Ich habe schließlich studiert und mache nebenbei meine ganz eigenen Geschäfte, mit denen ich wirklich mehr als nur gutes Geld verdiene. Eines davon ist das Gras, das du vorhin von mir bekommen hast. Das baue ich nämlich selbst an und das im großen Stil. Ich arbeite nur für die weißen Tiger, weil sie mir dann bei meinen anderen Geschäften nicht im Weg stehen. Ansonsten würden sie mich aus dem Geschäft drängen. Aber solange ich ihnen angehöre und gute Arbeit abliefere, lassen sie mich meine Geschäfte machen und schützen mich sogar vor anderen Banden. Natürlich sind die weißen Tiger auch, was mein Grasbusiness angeht, so ziemlich die besten Großkunden, die ich habe. Aber was fragst du mich eigentlich? Dein Nissan GT-R Nismo ist noch eine Stange teurer als mein Schätzchen, wenn ich mich nicht irre. Wie kommst denn du zu deinem Glück, wenn ich fragen darf?“
„War ein Geschenk von einer Freundin. Ich hatte ihr einen Gefallen erwiesen und der Wagen war der Dank dafür. Du musst wissen, ich bin erst zwanzig Jahre alt und komme aus Ulaanbaatar. Bin gestern erst hier angekommen. Aber na ja, man braucht auch noch Geld zum Leben und da kamen mir die weißen Tiger gerade recht“, erklärte Giro.
Kuan riss seine roten Augen auf, sah Giro an und meinte überrascht: „Du bist erst zwanzig? Echt jetzt? Hätte ich nie gedacht.“
Dann musste er lachen. „Aber das erinnert mich an jemanden, und zwar an mich. Das ist noch nicht mal vier Jahre her. Nur hatte ich nicht das Glück, eine Braut zu treffen, die mir einen teuren Wagen schenkt. Musst ja echt einen Stein im Brett haben bei den Weibern. Genieße es, solange sie dir nachrennen, und nutz es aus. Sonst machen die Weiber das immer mit uns Männern. Also tust du es auch im Namen aller armen und gekränkten Männerseelen, die hier auf Erden wandeln. Somit wärst du dann ein moderner Robin Hood für die Männerwelt und würdest für die Ehre kämpfen. Denk mal drüber nach. Wäre echt cool, oder?“
Kuan driftete mitten im Gespräch ab, was Giro aber ganz recht war. Denn so musste er keine Geschichte erfinden. Giro mochte es nicht, zu lügen, und sprach lieber nichts als das Falsche. Doch in der Lage, in der er sich befand, hatte er keine andere Wahl. Aber das ständige Versteckspiel und die Lügen waren nun schon so lange ein Teil seines Lebens. Es fing förmlich an, sich in seine Seele zu ätzen und ein ungewollter Teil von ihm selbst zu werden. Giro hasste das. Denn wer kannte ihn schon wirklich? Niemand. Nicht einmal er selbst wusste wirklich, wer er war, und vor allem nicht, warum er anders war. Seine Mutter wusste als Einzige die ganze Wahrheit, doch sie war schon lange verstorben. Um genau zu sein, sie wurde grausam ermordet und das vor seinen Augen. Da war er gerade mal acht Jahre alt gewesen. Die Männer, die sie folterten und ihr dann den Schädel wegschossen, waren auf der Suche nach etwas. Sie wurden jedoch nicht fündig. Doch Giro war nicht hinter diesen Männern her, denn die waren nur Auftragsmörder und Menschenschmuggler, die von jemandem für sehr viel Geld engagiert wurden und das, weil Giros Mutter etwas hatte, das unbedingt ein anderer haben musste. Giro musste das finden. Egal, um was es sich dabei auch handeln mochte, es war der Grund für alles und auch die Person, die danach gesucht hatte, stand auf seiner Aufgabenliste ganz oben. Er würde tief in der Scheiße wühlen müssen, um an das Herz der ganzen Kloake ranzukommen. Das war ihm aber egal. Nun hatte er ja schon mal den Fuß in der Tür und musste sich nur noch mit genug Druck vorkämpfen. Und wenn es etwas gab, das Giro wirklich gut konnte, dann war es, zu überleben, und das machte ihn zu einem sehr starken und zähen Gegner. Er kannte das Wort „aufgeben“ nicht und auch Furcht war für ihn schon lange zu einem Fremdwort geworden. Denn eins wusste er ganz genau, das Schlimmste, das ihn ereilen könnte, war der Tod und dieser kleine Hurensohn machte ihm beim besten Willen keine Angst mehr. Die einzige Angst, die er noch kannte, war die, sich selbst und seine Liebsten zu verlieren – aber nicht an den Tod, sondern an die Menschheit und ihre Lügen.
Auf der restlichen Fahrt erzählte Kuan ihm noch von seinen tausend guten Ideen, die ihm so durch den Kopf schwirrten, was teilweise ein wenig wirres Zeug war und nicht immer Sinn ergab. Kuan war einfach zu fantasievoll und laberte auch so. Er erinnerte Giro dabei an einen Marder, der fälschlicherweise in ein Stromkabel gebissen hat und nun vollgeladen abdrehte. Als er sich das vorstellte, musste er schmunzeln, denn er war ja selbst auch breiter als die Chinesische Mauer lang ist.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 362
ISBN: 978-3-99048-330-5
Erscheinungsdatum: 12.01.2016
EUR 18,90
EUR 11,99

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