Science Fiction & Fantasy

Eine Träne für die Ewigkeit

Ulrike Horst

Eine Träne für die Ewigkeit

Leseprobe:

Eine Träne für die Ewigkeit


Ich sitze in meinem Wintergarten, ein Buch in der Hand und möchte lesen. Trotzdem schweifen meine Gedanken ständig ab.
Dieses Jahr ist der Winter kalt, sehr kalt. Er dauert einfach viel zu lange. Man sehnt sich den Frühling herbei. Doch dieser versteckt sich noch, obwohl wir schon Mitte April haben. Die Landschaft draußen ist trist. Es fehlen die Farben der Frühlingsblumen und ebenso deren Duft. Bienen sieht man auch keine herumschwirren.
Jedes Jahr besucht uns eine Igelfamilie. Das ist eine lustige Angelegenheit. Sie klettern bei uns die Stufen zur Terrasse hinauf und legen Häufchen vor die Glasfront von unserem Wintergarten. Es soll uns dann sagen:„Hallo Freunde, wir sind wieder da und sorgen für euren Garten.“ Igelhäufchen sind nicht ekelig. Nach ein paar Tagen zerfallen sie einfach zu Staub. Aber ich muss dann immer schmunzeln, wenn ich welche finde.
Dieses Jahr ist die Igelfamilie nicht da gewesen. Ob sie noch in der Scheune, die hinter unserem Grundstück steht, schlafen? Es wird ihnen auch zu kalt sein. Auf jeden Fall haben wir nie Nacktschnecken in unserem Garten. Die Igelfamilie frisst sie immer alle auf.
Mein Mann kommt zu mir:„Lass uns eine Runde spazieren gehen! Ein bisschen die Beine vertreten.“
„Das Wetter lädt aber nicht dazu ein!“, antworte ich. „Aber die frische Luft kann ja nicht schaden.“
Ich stehe von meinem Rattan-Sessel auf, schaue auf die Seite, die ich gerade lese, merke mir diese und schlage das Buch zu. Dann lege ich es auf den kleinen Tisch.
„Ist es kalt draußen? Brauche ich eine Jacke?“, frage ich meinen Mann.
„Ich denke nicht. Heute geht es“, antwortet er.
Ich gehe zu einem Board, an dem mein Haustürschlüssel hängt, nehme diesen und ziehe meine Schuhe im Flur an.
Mein Mann geht zum Wohnzimmerschrank und nimmt noch ein paar Lakritz-Bonbons aus einer Tüte.
„Möchtest du auch eins?“, fragt er mich.
„Ja, danke.“
Bonbons sind immer unsere Verpflegung, wenn wir einen Spaziergang machen.
Als wir aus dem Haus kommen, empfängt uns kühle frische Luft. Ich ziehe diese durch die Nase ein. Nein – kein bisschen Blumenduft liegt in der Luft.
Der Baum vor unserem Haus ist immer noch kahl.
„Man denkt, dieses Jahr möchte der Frühling gar nicht mehr kommen.“ Ich ziehe fröstelnd die Schultern hoch. „Wo sollen wir hergehen? Die kleine oder große Runde? Über die Nachbarorte oder nur ums Dorf herum?“
Man hat viele Möglichkeiten unseren Ort zu umrunden und wieder am Ausgangspunkt anzukommen. Wir wohnen in einer hügeligen Gegend. Das heißt, man muss, wenn man bergab geht, irgendwann auch wieder bergauf.
„Komm, wir gehen einfach los! Unterwegs können wir uns immer noch entscheiden, welche Richtung wir einschlagen“, sage ich zu meinem Mann.„Schau nur, wenn nicht die Vorgärten und Blumenkübel bepflanzt wären, gäbe es keine Farben mitten im April.“
Mein Mann nickt bestätigend.
An der nächsten Kreuzung entscheiden wir uns links abzubiegen. Der Weg geht steil nach oben. Als wir an den Häusern vorbei sind, steigt dieser immer noch weiter an; jedoch jetzt an den Feldern vorbei.
Ich komme ganz schön ins Schwitzen. Gut, dass ich mir nicht noch eine Jacke angezogen habe.
Die Straße wird endlich flacher. Hier bleiben wir stehen und drehen uns um unsere eigene Achse.
Die Aussicht ist wirklich unbeschreiblich. Die Sicht reicht trotz des trüben Wetters ganz schön weit. Darum wohne ich so gerne hier.
Langsam schweift mein Blick über die Felder, die im Herbst von den Bauern eingesät wurden und langsam aufgehen.
Plötzlich bleibt mein Blick an einer Stelle hängen. Was blitzt dort auf dem Feld? Ich stupse meinen Mann an und zeige darauf: „Was ist das?“
„Wird wohl ein Luftballon sein“, antwortet er.
„Der würde aber nicht so glänzen“, entgegne ich.
Meine Neugier ist geweckt: „Ich gehe mir das mal anschauen!“
„Komm, wir gehen weiter!“
Doch ich kann meinen Blick nicht von dem Gegenstand lösen. Er zieht mich magisch an. Langsam bewege ich mich darauf zu.
„Komm weiter, lass das! Der Boden ist viel zu matschig“, ruft mein Mann mir noch zu.
Ich höre ihn nur noch wie aus weiter Ferne. Ich kann einfach nicht stehenbleiben. Als ich näherkomme, sehe ich, dass das Ding ein Buch ist. Es sieht sehr vergilbt und alt aus. Aber die goldene Schrift ist einwandfrei zu lesen. Das war es also, was so geblinkt hatte. Wie kommt so etwas in einen Acker? Erstaunt darüber hebe ich es auf. Ich drehe und wende das Buch in meinen Händen. Was steht vorne in goldener Schrift drauf? „EINE TRÄNE FÜR DIE EWIGKEIT.“
Seltsamer Titel. Von so einem Buch habe ich noch nie gehört. Gut, ich kenne nicht alle Bücher.
Darum schlage ich es auf, da kein Autor auf der Vorderseite steht. „Von Samira im Jahre 1616“ ist dort zu lesen. Samira, der Name sagt mir nichts. Außerdem habe ich noch nie so ein altes Buch gelesen oder in der Hand gehabt. Ist es vielleicht ein kostbarer Schatz und sehr wertvoll?
Inzwischen ist mein Mann zu mir gekommen: „Und was ist es?“
„Ein Buch, ein sehr altes Buch!“, antworte ich leise. Ich bin wie verzaubert davon.
„Was willst du jetzt damit tun?“
„Ich nehme es mit nach Hause und werde es lesen.“
„Aber die Schrift kann man ja gar nicht lesen!“
„Wie, du kannst das nicht lesen? Da steht: ‚Eine Träne für die Ewigkeit.‘“
„Die Buchstaben sehen irgendwie komisch aus. Für mich sind das nur irgendwelche Zeichen.“
Ich schaue ihn verständnislos an und schüttele den Kopf:„Das ist doch in unserer Sprache geschrieben!“
„Nein, die sehen wie arabische oder andere Schriftzeichen aus. Ich verstehe nicht, wie du daraus etwas erlesen kannst!“
„Ich kann es aber. Vielleicht habe ich ein Gespür für diese Schrift. Kann doch sein!“
„Wenn du meinst! Können wir jetzt weitergehen?“, fragt mein Mann etwas beleidigt.
„Ja, wir können.“ Ich halte das Buch wie einen Schatz in meinen Händen. Am liebsten würde ich sofort nach Hause gehen, um das Buch zu lesen. Aber ich möchte meinen Mann nicht weiter verärgern, darum gehen wir weiter in Richtung der Nachbarorte.
Meine Gedanken drehen sich nur noch um dieses Buch. Meinem Mann höre ich nur noch halbwegs zu. Unser Gespräch verläuft ganz wortkarg.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kommen wir zu Hause an. Als Erstes koche ich noch einen Kaffee für uns. Doch dann hält mich nichts mehr. Ich setze mich wieder auf meinen Sessel im Wintergarten, meinen Kaffee neben mir auf dem Tisch, und betrachte das Buch erneut von allen Seiten.
Dann blättere ich es vorsichtig durch, weil ich Angst habe es zu beschädigen.
Es ist in einer zarten feinen Schrift geschrieben. Als ich es fast durchgeblättert habe, merke ich, dass die letzten Seiten zusammengeklebt sind und eine Vertiefung haben. Dort drinnen liegt ein ganz kleines Glasfläschchen. Der flüssige Inhalt ist glasklar und sieht aus wie ein Wassertropfen.
Vorsichtig nehme ich es aus der Mulde. In der Vertiefung liegt ein zusammengefalteter Zettel.
Ich falte ihn auseinander und sehe, dass darauf etwas geschrieben steht. Ich kann es selbst kaumlesen, so winzig ist es: „Das ist die Träne von mir, Samira. Diese verhinderte, dass dieses Land unterging. Möge sie immer in gute Hände geraten, damit so etwas wie 1616 nie wieder passiert.“
In diesem Buch wird die Geschichte erzählt, wie mithilfe einer Träne dieses Land gerettet wurde.
Vorsichtig falte ich den kleinen Zettel wieder zusammen und lege ihn wieder an seinen Platz. Dann betrachte ich mir das kleine Fläschchen noch einmal. So eine kleine Träne soll dieses Land damals gerettet haben? Schwer vorstellbar! Ich lege es wieder in die Mulde. Dann schlage ich den Anfang des Buches auf. Meine Neugier ist jetzt so groß, dass ich sofort anfange zu lesen:
Samira sitzt in ihrer Kammer am Fenster, eine Stickerei in ihren Händen. Trotzdem schweifen ihre Gedanken ständig ab …
Fast dieselbe Situation habe ich vor unserem Spaziergang erlebt. Sonderbar! Ganz aufgeregt lese ich weiter.








Kapitel 1


Wir schreiben das Jahr 1616. Samira sitzt am Fenster in ihrer Kammer, eine Stickerei in ihren Händen. Ständig unterbricht sie ihre Arbeit und blickt hinaus. „Aua“, flucht sie und schaut auf ihren Zeigefinger. Eine kleine Stelle färbt sich langsam rot. Oft ist sie mit ihren Gedanken woanders … Sie nimmt den Finger in den Mund und hofft, dass er aufhört zu bluten. Nachdenklich beobachtet sie einen Vogel vor ihrem Fenster. „Auch er hat keine Lust zu singen“, denkt Samira.
Es ist schon Mitte April, aber der Frühling will einfach nicht kommen. Draußen ist noch alles kahl. Keine Blumen blühen und die Bäume sind noch ganz ohne Laub. Leise seufzt Samira vor sich hin. Im Kamin prasselt ein Feuer. Samira kann sich nicht erinnern, wann zum letzten Mal im April noch geheizt werden musste. Da klopft es an die Kammertür.
Die Magd Dara steckt den Kopf zur Tür hinein:„Samira, du möchtest bitte zum Essen kommen!“
„Ja, ich komme gleich!“, antwortet sie.
Langsam erhebt Samira sich, streicht ihren Rock glatt und geht zu der Kommode in ihrem Zimmer. Dort betrachtet sie sich mit ihren schönen braunen Augen im Spiegel. Dann nimmt sie eine Bürste zur Hand und versucht ihre braunen Locken zu bändigen. Es gelingt ihr nur halbwegs. Immer wieder machen sich einige Strähnen selbstständig. Sie seufzt, legt die Bürste weg und wäscht sich in einer Schüssel die Hände. Nachdem sie sich die Hände abgetrocknet hat, wirft sie noch einmal einen Blick in den Spiegel, ist zufrieden mit dem, was sie sieht, und wendet sich zur Kammertür. Langsam geht sie darauf zu und öffnet diese.
Als sie den Korridor betritt, wendet sie sich nach links in Richtung Treppe. Normalerweise ist der Korridor hell und freundlich. Blumen stehen auf den Kommoden und auch die großen Fenster bringen viel Licht hinein.
Doch jetzt erscheint er ihr düster und trostlos. Da es draußen noch keine Blumen gibt, sind die Vasen leer. Und es verirrt sich auch sonst kein Licht von draußen hinein. Ihr schwarz-weißer Kater Lodino liegt in einer Ecke.
„Du hast auch keine Lust Mäuse zu jagen“, sagt Samira, kniet sich neben den Kater und krault ihm sein Fell. Dann richtet sie sich auf und geht weiter.
Als sie die Treppe erreicht, steigt sie diese hinab. Unten erstreckt sich der riesige Eingangsbereich, auf dessen linker Seite sich die Räume für das Gesinde befinden. Unmittelbar gegenüber liegen die Wohnräume. Samira wendet sich nun denn nach rechts und geht auf eine große Eichentür zu.
Langsam drückt sie die Klinke herunter und schlüpft schnell hinein.
„Wo bleibst du denn? – Alle sind schon da“, fragt ihr Vater Kroland.
„Tut mir leid, Lodino hat mich aufgehalten. Er lag oben im Korridor. Da konnte ich nicht an ihm vorbeigehen, ohne ihn zu kraulen. Sonst wäre er beleidigt gewesen.“
„Du und dein Kater“, antwortet ihr Vater und schüttelt den Kopf. „Dann wasch dir noch schnell die Hände und setze dich zu uns!“
Samira geht zu der Anrichte, auf der eine Schüssel steht, und reinigt sich wieder einmal die Hände. Sie findet es lästig. Ihr Kater ist doch nicht krank. Aber sie will ihren Vater nicht weiter verärgern. Er schaut schon die ganzen letzten Tage so besorgt.
Dann geht sie zu ihrer Mutter und drückt ihr einen Kuss auf die Wange. Morana lächelt ihrer Tochter zu. Sie hat dieselben braunen Augen und Locken wie Samira. Ihr Haar ist schon mit ein paar grauen Strähnen durchzogen.
„Wie ähnlich wir uns doch sind, äußerlich und auch seelisch“, denkt sie.
Samira geht dann auch zu ihrem Vater auf die andere Kopfseite des Tisches und küsst ihn ebenso auf die Wange. Er lächelt schon wieder. Dann setzt sie sich an den Tisch und schaut ihre Geschwister an.
Da ist ihr großer Bruder Jurius. Er sitzt ihr gegenüber. Die stattliche Figur und Größe seines Vaters hat er geerbt. Die sanften Gesichtszüge hat er von seiner Mutter und auch deren Locken. Jedoch ist sein Haar schwarz wie das seines Vaters. Er ist drei Jahre älter als Samira.
Daneben sitzt ihr anderer Bruder Tadrion. Er ist ebenso älter als Samira, aber jünger als Jurius. Seine Figur ist klein und kräftig. Er hat die Gesichtszüge seines Vaters geerbt. Sein Haar ist blond und lockig. Neben Samira sitzt ihre kleine Schwester Sirina. Wem sie ähnlichsieht, kann man nicht so genau sagen. Sie hat grüne Augen. Ihr Haar ist blond, aber kerzengerade. Sie hat es zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Oft ist sie sehr zickig, aber wenn es drauf ankommt, kann mansich auf sie verlassen. Sie würde ihr letztes Hemd für Familie und Freunde hergeben.
„So lasst uns mit dem Mahl beginnen, bevor alles kalt wird“, sagt Samiras Mutter Morana.
Das Essen duftet herrlich. Es ist zwar nur ein einfaches Mahl, aber die Köchin bereitet es sehr lecker zu. Ihr Vater besteht darauf, dass sie keine andere Nahrung zu sich nehmen als die Leute im Dorf. Er ist ein gerechter und gütiger Herrscher. Seine Untertanen müssen nur den geringsten Steuersatz an ihn abtreten. Wenn einer unverschuldet in Not gerät, hilft er diesem sofort.
Was er nicht leiden kann, ist, wenn man ihn hintergeht. Das kommt zwar sehr selten vor, aber wenn, dann greift er auch hart durch.
Alle beginnen schweigend zu essen. Jurius schaut von seiner Mahlzeit auf: „Heute Abend gehe ich noch ins Dorf. Mein Freund Almeso wird morgen Lurina heiraten und wir wollen heute Abend noch einmal richtig feiern.“
„Ich werde auch mitgehen“, sagt auch Tadrion.
„Na, dann treibt es nicht so doll. Ihr wisst, dass wir morgen früh in die Stadt reiten. Dort treffen sich alle Grafen unserer Umgebung. Wir wollen beratschlagen, was wir gegen die Bedrohung aus dem Osten tun sollen.“
„Natürlich Vater“, antworten die beiden Brüder.
„Ich möchte aber dann auch mitgehen und Lurina besuchen. Sie ist meine beste Freundin und wenn morgen ihr großer Tag ist, möchte ich sie heute noch einmal sehen“, sagt Samira.
„Wir können dich gerne mitnehmen“, antwortet Jurius.
Die Geschwister verstehen sich untereinander sehr gut. Natürlich gibt es hin und wieder Reibereien, wenn sie nicht einer Meinung sind. Doch das legt sich schnell wieder.
„Und was ist mit mir?“, wirft Sirina ein.
„Du bist noch zu jung, du bleibst zu Hause“, sagt ihr Vater entschieden, bevor die Geschwister sich äußern können.
Wenn Sirinas Vater etwas zu ihr sagt, mag sie nicht widersprechen, weil sie weiß, dass sie sich gegen ihn nicht durchsetzen wird. Darum zieht sie einen Schmollmund und schweigt.
Samiras Mutter wendet sich an Sirina: „Die Zeit, dass du auch mitgehen kannst, wird kommen. Schneller, als du denkst. In deinem Alter sind deine Geschwister auch noch zu Hause geblieben. Wir spielen nachher ein Brettspiel zusammen.“
„Ich würde gerne Stapiro spielen. Dafür brauchen wir aber vier Leute. Samira und Tadrion, möchtet ihr nicht doch hierbleiben?“
„Das fällt mir gar nicht ein“, antwortet Samira. Ihr Bruder nickt bestätigend.
„Wir fragen die Magd Dara und den Knecht Dorian“, beschwichtigt Morana.
Es ist für sie selbstverständlich, dass die Dienstboten mit an ihrem Leben teilnehmen.
„Na, gut“, sagt Sirina. Sie merkt, dass sie ihren Willen nicht durchsetzen kann. Darum freut sie sich jetzt über den Spieleabend. Sie liebt das Spiel Stapiro. Es werden aufeinBrett verschiedene Stapel von Steinen, mit verschiedenen Kerben drauf, gestellt. Jeder zieht eine Karte und muss sich dort hinstellen, welche Farbe die Karte anzeigt. Dann kann man, um weiterzukommen, sich Zahlen ausdenken, wo man hinmöchte, und legt dementsprechend kleine Hölzchen auf den Tisch. Wenn man auf ein Feld kommt, was ein anderer besetzt hat, muss dieser weichen und man erhält den Stein, der auf dem Feld liegt, und darf seinem Gegner noch zusätzlich einen Stein klauen. Sirina kann das Spiel sehr gut. Sie gewinnt fast immer. Darum ist es ihr Lieblingsspiel.
Schweigend wird weiter gegessen. Jeder hängt seinen Gedanken nach.
Samiras Vater Kroland macht sich Gedanken über die Zukunft seines Landes. „Morgen das Treffen ist sehr wichtig. Seit Wochen kommen aus dem Osten beunruhigende Nachrichten. Es ist einZauberer, der sehr mächtig sein soll. Dieser erobert immer mehr Land und verknechtet die Menschen, die dort leben. Einen großen Teil der Nachbarländer hat er schon eingenommen. Die Menschen, die das Massaker überleben, das dieser Zauberer anrichtet, sind auf der Flucht. Sein Name ist Vandra. Er überrennt das Land mit einer großen Armee von Kämpfern. Sie sind außergewöhnlich groß und stark – zumindest berichten die Menschen das, die einen Angriff überlebt haben. Oder ihre Fantasie geht mit ihnen durch, da sie in sehr großer Furcht geflohen sind“, denkt Kroland.
Auf jeden Fall muss diesem Zauber Einhalt geboten werden. Aus diesem Anlass treffen sich sämtliche Grafen aus der Umgebung, um zu beratschlagen, wie dieser Zauberer aufgehalten werden kann. Im ganzen Land finden solche Treffen statt. Von dort werden Kuriere ausgesendet, die die Ergebnisse dem höchsten Rat, also dem König, des Landes mitteilen. Der wird dann eine Entscheidung treffen, die für alle Grafen des Landes bindend ist.
Jurius denkt an das Fest heute Abend. Er freut sich darauf. Vielleicht ist es das letzte, was in nächster Zeit abgehalten wird. Von diesem Zauberer aus dem Osten hört man nur schlimme Nachrichten. Wer weiß, ob sie nicht in einen Krieg ziehen müssen. Und ob sie dann zurückkommen werden…
Tadrions Gedanken befassen sich ebenso mit diesem Problem. Er fiebert jedoch einem Kampf entgegen. Bis jetzt hat er immer nur üben dürfen. Einen richtigen Kampf hat er noch nie miterlebt.

Samira freut sich auf ihre Freundin Lurina. Sie kennen sich schon seit Kindertagen. Dass sie jetzt auf einmal heiraten will, kam sehr überraschend. Aber sie gönnt es ihr. Sie weiß nicht, wann sie Lurina wiedersehen wird, da sie morgen auch mit in die Stadt zu der Versammlung reiten wird. Sie hat die Gabe einige Dinge vorauszuahnen und übernatürliche Fähigkeiten. Diese hat sie von ihrer Mutter Morana geerbt. Je älter sie wird, umso mehr kommen diese Fähigkeiten zum Vorschein. Im Gegenzug verliert ihre Mutter zunehmend diese Gabe. Aber das war klar, als sie Samira geboren hatte. Ihre Fähigkeiten hat sie auch von ihrer Mutter übernommen. Jedem erstgeborenen Mädchen aus dieser Familie wird diese Gabe vererbt. Und von Generation zu Generation werden diese Frauen mächtiger. Aber nicht im Negativen. Wenn eine junge Frau auf die falsche Bahn gerät, schwinden die Kräfte und werden erst in der nächsten Generation wieder sichtbar. Somit ist sichergestellt, dass sie niemals für das Böse eingesetzt werden können.
Morana ist etwas betrübt. Die Nachrichten, die man aus den Nachbarländern mitbekommt, sind alles andere als erfreulich. Da ihre Fähigkeiten noch nicht ganz an Samira übergegangen sind, weiß sie um die Gefahr, in der sie alle schweben. Ihr Mann und drei ihrer Kinder werden in den Krieg ziehen. Wie wird die ganze Geschichte ausgehen? Werden alle gesund zurückkehren? Die Zukunft ist so ungewiss. Sie hat nicht mehr das Gespür, um eine Verbindung zu dem Zauberer herzustellen und ihn zu durchschauen. Samira ist noch nicht so weit. Hoffentlich wendet sich alles zum Guten.


Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 244
ISBN: 978-3-95840-638-4
Erscheinungsdatum: 28.03.2018
EUR 16,90
EUR 10,99

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