Science Fiction & Fantasy

Die Vampirjägerin

Sarah Hellwich

Die Vampirjägerin

Till the End of Time

Leseprobe:

<strong>Prolog</strong>

Als diese merkwürdig maskierten Menschen sie fanden, war sie gerade acht Jahre alt und saß neben dem geschundenen Körper ihrer toten Mutter. Den Leichnam ihres Vaters würde man später, in zwei Teile zerrissen und blutleer, im Keller finden.
Ihre ältere Schwester hatte sich auf den Dachboden geflüchtet und weinte dort bitterlich. Sie würde all diese Ereignisse, sowohl die vergangenen als auch die kommenden, nicht verarbeiten können und sich ein paar Jahre später lebensmüde und angsterfüllt von einer Brücke stürzen. Alles war besser als jenes Leben, das sie bis zu diesem Zeitpunkt hatte führen müssen und das sie lange Zeit mit Tod und Leid umgeben hatte. Merkwürdigerweise empfand sie den Tod plötzlich als Erleichterung. Allein dies ermöglichte es ihr, über die Brüstung zu klettern und sich schließlich fallen zu lassen.
Beide Schwestern sind damals von dem Angriff, der gleich nach Einbruch der Dunkelheit ausgeführt worden war, verschont geblieben. Sayura hatte gesehen, wie eines dieser Wesen, das augenscheinlich ein Mensch war, sich über ihre zappelnde Mutter beugte und seine Lippen wie zum Kuss auf ihren Hals legte. Diese schrie im selben Moment vor Schmerzen auf, um zunächst in der Umarmung des Mannes ihr Bewusstsein zu verlieren. Der Mann, der ihre Mutter im Arm hielt, schmatzte und saugte indes weiterhin an deren Hals, bis er ihren leblosen, schweren Körper schließlich einfach auf den Boden sinken ließ.
Er leckte sich genüsslich die blutverschmierten Lippen. Als wäre dieser Moment nicht ohnehin traumatisch und grotesk genug gewesen, nahm Sayura dann erstmals wahr, dass dieser Mann, der Mörder ihrer Mutter, verlängerte Eckzähne besaß. Zwischen den roten Lippen blitzten sie merkwürdig weiß hervor – das Erkennungsmerkmal von Vampiren schlechthin. Seine Eck- oder Reißzähne bedeuteten die Lebensverlängerung und Waffen eines Vampirs, wie Sayura später erfahren würde. Diese simplen Mordwerkzeuge waren es gewesen, die dieses Ungeheuer in den Hals ihrer Mutter geschlagen und die die Hauptschlagader zerfetzt hatten.
Als dann plötzlich auch noch maskierte Männer im Wohnzimmer standen, begann für die beiden Schwestern ein neues Leben. Einer dieser Männer hatte Sayura beschützend auf seinen Arm genommen und beruhigend auf sie eingeredet. „Du wirst die Chance auf Vergeltung bekommen, Kleine.“ Fremde Männer waren herbeigeeilt, um sie und ihre Schwester zu retten, jedoch waren sie zu spät, als dass sie das Leben derer Eltern hätten bewahren können.
Dass sie die meiste Zeit ihres Lebens allein verbringen würde, hatte der Retter nicht gesagt; auch nicht, dass sie besessen von dem Gedanken der Rache sein und selbst zur Mörderin werden würde. Ihr Leben würde fortan von dem Mysterium Vampir beherrscht sein – jenem Mysterium, das so viele Menschen mit Romantik, Dunkelheit und Unsterblichkeit verbanden und das dennoch immer ein faszinierendes Geheimnis bleiben würde. Diese Menschen wussten gar nicht, wie gut sie es hatten. Für sie würde es immer nur eine Fantasie sein. Für Sayura hingegen war es blutige Realität geworden.

Sayura war eine exzellente und leidenschaftliche Vampirjägerin, der die Einsamkeit nichts ausmachte. Sie empfand Genugtuung, konnte sie einen Vampir töten. Das, was man Leben nannte, war gestorben, als der Vampir ihre Mutter getötet hatte. Als sie starb, starb auch das menschliche Ich Sayuras.

<strong>– 1 –</strong>

Langsam erwachte Sayura aus einer tiefen Dunkelheit. Sie spürte, dass sie auf kaltem, nassem Untergrund lag. Ihre Augenlider waren schwer. Sie war so müde und fühlte sich der Welt scheinbar entrückt. Es fiel ihr schwer aufzuwachen, geschweige denn einen klaren Gedanken zu fassen.
Eine Stimme drang aus der Ferne unklar zu ihr: „Na los, mein Freund, bedien dich ruhig …, aber töte sie nicht, mache sie nur zu einem Vampir, wie wir es dir erklärt haben. Lass uns etwas von ihr übrig!“
Schlagartig riss Sayura nun die Augen auf.
Als sie sich mühsam aufgerichtet hatte, war ihr zumute, als hätte sie einen Kater. Ihr Schädel brummte. Sie sah sich benommen um. Vor ihren Augen flimmerten Sterne; dennoch wollte und musste sie die unfreundliche Umgebung, in der sie erwacht war, schnellstens vollständig erfassen. In der Dunkelheit konnte sie schemenhaft eine Person ausmachen, vermutlich einen Mann. Sie kniff die Augen zusammen, um besser erkennen zu können. Nach und nach nahm er Konturen an. Er saß, scheinbar lässig an die Wand gelehnt, auf dem Boden und sah sie aus ruhigen dunklen Augen an. Ihr Auge war sehr geübt, wenn es darum ging den Unterschied zwischen Vampir und Mensch zu erkennen. Dieser Mann war definitiv ein Vampir!
Schnell rutschte Sayura an die Wand hinter sich.
Noch immer fühlte sie sich benebelt von der Betäubung, doch langsam wich dieses Gefühl der Realität. Und die Realität war wirklich beklemmend.
„Ein Vampir – soll das mein Ende sein?“, dachte sie schockiert.
Sie sah sich nochmals kurz um: Sie saß in einem Loch von Kerker mit kahlen nassen Steinwänden. Es war kalt, dunkel und glitschig, dazu dreckig. Durch esslöffelgroße Löcher in den porösen Steinwänden konnte man das Trapsen und Piepsen von Ratten wahrnehmen.
Ihr Blick wanderte jetzt schnell zurück zu dem Vampir. Sie durfte ihn nicht aus den Augen lassen. Sie hatte zwar keine Ahnung, was geschehen war oder noch geschehen würde; aber sollte es zu einer Auseinandersetzung kommen – und davon ging Sayura aus –, würde sie nicht kampflos aufgeben. Ihr müder, schwerer Körper war angespannt. Es fiel ihr schwer, den Nebel in ihrem Kopf zu verdrängen und klar zu denken; aber würde ihr Gegenüber auch nur zucken, würde sie aufspringen und um ihr Leben kämpfen.
Wieder dröhnte die Stimme von vorhin in den kleinen Raum hinein.
Sayura folgte ihr mit dem Blick.
Zur Rechten Sayuras, unter der Decke, war ein kleiner Lautsprecher angebracht.
„Vampir, du tust dir und deiner Rasse einen Gefallen, wenn du sie ebenfalls zu einem Vampir machst. Sie ist eine Jägerin …, und es wäre ihre gerechte Strafe!“
Sayura drückte sich noch ein wenig enger an die Wand. Sie sollte sich nichts vormachen: Hier in diesem Raum hatte sie kaum eine Möglichkeit, sich zu wehren, schon gar nicht, wenn ihr Gegner ein Vampir war, zumal man sie ihrer Waffen beraubt hatte. Und was, wenn der Feind, so absurd es zu sein schien, nicht unbedingt der Vampir war, sondern jene Person, die sich hinter der Lautsprecherstimme verbarg?

Sayura war gerade auf ihrem abendlichen Streifzug in ihrem Revier gewesen, als ein schwarzer Van angefahren kam und neben ihr hielt. Als die Schiebetür geöffnet wurde, blickte Sayura in den bedrohlichen Lauf einer Gewehrmündung. Daraus wurde ein Schuss auf sie abgefeuert, der sie schmerzlich in die Schulter traf. Bewusstlos war sie zusammengesackt. Zeit zum Denken oder Handeln hatte sie keine gehabt.
Eine Ratte wagte sich nun aus einem Loch in der Kellerwand und lief zielstrebig und piepsend auf den Vampir zu. Sayuras Blick folgte ihr.
Mit einem Mal klatschte die Hand des Vampirs auf die Ratte nieder. Sayura konnte ein leises kurzes, knackendes Geräusch vernehmen: Das Rückgrat der Ratte war gebrochen.
Der Mann hob die Ratte mit der Hand zu seinem Mund. Das Quietschen des Tieres wurde zunächst unangenehm laut und brach dann abrupt ab. Sayura vernahm mit einem Gefühl des Ekels die schmatzenden Geräusche des Vampirs, der soeben das Blut der Ratte getrunken hatte. Dieses perverse Schmatzen machte sie wütend.
Der Vampir warf den leblosen Rattenkörper in die Ecke des Drecklochs, in dem auch Sayura gefangen war. Man konnte es bezeichnen, wie man wollte. Es war schlichtweg eine Falle – für alle Anwesenden, egal ob Mensch, Tier oder eben Vampir. Vermutlich würde Sayuras Leben enden wie das der Ratte.
Als Sayura den Vampir erneut ansah, fiel ihr zum ersten Mal seine dicke Halsfessel auf. Sie bestand aus schweren Eisenelementen, die miteinander verbunden waren. Die Eisenkette verlief hinter dem Vampir entlang. Links neben ihm, etwa auf Höhe seiner Schultern, verschwand das Kettenende in der Wand. Er hatte kaum Spielraum für große Bewegungen. Vielleicht würde er gerade einmal aufstehen können.
„Er ist also festgekettet. Aber wozu das?“, grübelte Sayura.
Plötzlich lächelte der Vampir. Sayura sah ihn überrascht an.
„Solange es Ratten gibt, von denen ich mich ernähren kann, bist du in Sicherheit – zumindest vor mir!“, dröhnte seine Stimme in ihrem Kopf. Der Vampir hatte seine telepathischen Fähig­keiten angewandt.
Sie wusste aus Erfahrung, dass sie auf gleichem Weg antworten konnte. Allerdings überschlugen sich die Fragen in ihrem Kopf: Sie fragte sich, wieso er gedanklich mit ihr Kontakt aufnahm, wieso auch er ein Gefangener war; er, ein Vampir! Wieso trank er Blut von Ratten? Wer hatte sie hierher entführt? Wo waren sie hier – und vor allem: warum?
An seinem Blick bemerkte sie, dass er ihren wirren Gedankengängen zu folgen versuchte.
„Was ist, Vampir? Wieso tust du nicht das, was wir dir sagen? Dir winkt die Freiheit, wenn du das Mädchen nur erst zu einem Vampir gemacht hast!“, dröhnte die Lautsprecherstimme erneut in den Raum.
Der Vampir sah zu Boden. Durch das Senken seines Kopfes verschwand er im dunklen Schatten des Raumes. Sayura konnte nun sein Lachen hören. Es war ein merkwürdig angenehmes Geräusch für eine Situation wie diese.
„Ich bin angekettet! Glaubt ihr Arschlöcher, sie kommt freiwillig zu mir?“, rief er aus der Dunkelheit heraus.
Sayura konnte trotz der Dunkelheit seinen Körper erkennen, lediglich sein Kopf blieb im Schatten verborgen.
„Das sollte das kleinste Problem darstellen, aber du machst ja keinerlei Anstalten. Teste ruhig deine physischen und psychischen Fähigkeiten! Hypnotisiere sie so, wie du es mit der Ratte getan hast!“, antwortete die Lautsprecherstimme.
Sayura sah sich um, doch konnte sie keine Kamera entdecken. Offenbar wurden sie beobachtet, denn wie sonst sollte die Lautsprecherstimme von dem Vorfall mit der Ratte erfahren haben?
Wieder lachte der Vampir zynisch: „Habt ihr mich nicht genug unterrichtet und getestet? Ihr habt mich all die Sachen gelehrt, die ein Vampir zum Überleben braucht!“, sagte der Vampir. Seine Stimme klang plötzlich müde.
„Exakt! Und sobald du das Mädchen zu einem Vampir gemacht hast, bist du frei!“
„Ihr meint, ich spaziere hier heraus wie der Typ, der mich zu dieser Kreatur machte? So einfach?“
„Ja. Richtig.“
„Woher weiß ich, dass ihr mich nicht hinter der Tür kaltmacht?“
„Wir halten unser Wort!“
Sayura hörte diesem Dialog gespannt zu. Was war das hier nur für ein Gruselkabinett!
Der Vampir beugte sich jetzt vor, um Sayura aus schwarzen Augen anzusehen. Sie erwiderte seinen Blick.
„Genau, ein Gruselkabinett. Willkommen in der ersten Brutstätte, in der Vampire von Menschenhand geschaffen werden!“ Der Vampir grinste. Es war ein schiefes, ironisches und verbittertes Lächeln.
„Heißt das, du warst vor kurzem noch ein Mensch? fragte Sayura. Der Vampir beugte sich nun wieder zurück in die Dunkelheit: „Waren nicht einst alle Vampire Menschen? Spielt die Dauer da eine Rolle?“
Sayura sagte nichts.
Stimmt! Das war eine blöde Frage. Tatsächlich meinte sie etwas anderes.
„Ich weiß, was du meinst! Ich wurde vor ungefähr sechs Monaten hierher verschleppt und zu einem Vampir gemacht! Mein Zeitempfinden ist nicht mehr vorhanden. Ich weiß nicht, wie lange es tatsächlich her ist, dass ich das letzte Mal ein Mensch war. Ich weiß nicht, ob es Tag oder Nacht ist. Ich weiß auch nicht, nach welchen Kriterien sie mich aussuchten oder was dieses Verbrechen sonst für Hintergründe hatte; ich weiß es einfach nicht. Fakt ist, dass sie mir alles erklären, was ein Vampir wissen muss, und dabei sind sie offenbar selbst Menschen! Theoretisch weiß ich jetzt alles über das Vampirsein“, brach es aus dem jungen Mann heraus.
„Das ist ja schrecklich!“ nur schwer konnte Sayura das Ausmaß seiner Worte begreifen.
„So? Findest du? Ich dachte zuerst, ich müsste sterben, aber das hier ist schlimmer, und es wird immer grotesker. Mal angenommen, ich komme hier tatsächlich heraus, so gibt es also Leute wie dich, ja? Vampirjäger! … die mir nach dem Leben trachten, obwohl sie mich nicht einmal kennen? Obwohl ich selbst ein Opfer bin und keiner Seele etwas zuleide getan habe, mal abgesehen von den Ratten?“
Sayura nickte beinahe entschuldigend. Sie fühlte sich fast schon schuldig. Sie hatte seit dem Vorfall mit ihren Eltern nichts anderes getan, als Vampire gejagt, und dabei völlig vergessen, dass es sich um Wesen handelte, die einst selbst Menschen waren. Aber schließlich hatten die Vampire gegenüber ihrer Familie auch vergessen, was Mitgefühl bedeutete. Sie fragte sich nun natürlich schon, was sie in seinem Fall tun sollte. Was sollte sie über ihn denken?
„Denk über mich, was du willst, aber werde dir endlich bewusst, dass nicht ich hier die Bedrohung bin!“
Er hatte damit vermutlich sogar recht, aber Sayura hasste es, wenn Vampire ihre Gedanken lasen.
„Gedanken zu lesen ist beinahe wie atmen. Es geht automatisch! Wieso bist du so voller Hass, was haben dir Vampire getan?“ Er brach ab, um kopfschüttelnd einen anderen Gedanken auszudrücken „Ist es nicht vollkommen surreal, dieses Gespräch? Bis vor Kurzem hatte ich angenommen, Vampire seien Fantasiewesen. Habe über diese schnulzigen Vampirfilmchen in den Kinos nur müde gelächelt. Und jetzt sieh mich an!“ Er lachte ob dieser Erkenntnis.
„Vampire töteten meine Eltern. Die Organisation der Vampirjäger stürmte herein und rettete mich, seither bin ich Jägerin. Aber eigentlich ist das vollkommen nebensächlich. Wir sollten einen Weg hier heraus finden!“, erklärte Sayura ihre surreale Erfahrungen, die schließlich zu ihrem realen Leben geworden waren, und wühlte sich dabei im Haar herum.
Mit einem Vampir verbünden? Unglaublich, dass ihr das in den Sinn kam. Es schien jedoch nur diese Chance zu geben. Die Telepathie war die einzige Möglichkeit, mit diesem Vampir zu kommunizieren, ohne dass ihre unsichtbaren Entführer über ihre Pläne unmittelbar informiert wurden.
Ihr langes Haar war noch ganz nass und schmutzig. Wer weiß, wie lange sie auf dem Boden gelegen hatte! Die Angst in ihr konnte sie im Zaum halten. Irgendwie wurde sie durch den Gedanken erträglich, dass der Vampir dort auch ein Gefangener war. Ausgerechnet mit einem Vampir hatte sie nun ein gemeinsames Ziel: dieser Situation lebendig zu entkommen.
Man hatte ihr Waffen und Stiefel weggenommen, langsam begann sie zu frieren. Sie trug ihr schwarzes Kleid; ein Kleid aus Leder, mit eingenähter Verstärkung an Bauch und Rücken, um Hiebe, Stöße oder Tritte einigermaßen abzudämpfen. Linksseitig wurde es zugeschnürt. Es bedeutete stets einen Kraftakt, es anzuziehen. Die engen, langen Ärmel waren dabei am zeitaufwendigsten. Das Schnüren kostete Kraft. Die verschiedenen Holster für die Waffen anzulegen, war dagegen pure Erholung. Dennoch war es immer ein Ritual, auf das Sayura viel Wert legte. Es war der Beweis für ihr Leben, das so sehr von demjenigen anderer abwich und das sie Nacht für Nacht lebte.
Sie wurde in ihren Gedanken unterbrochen, als neben ihr, nahe des Boden, sich in der Wand eine Luke öffnete, durch die ein schwaches Licht in den Raum einfiel. Von der anderen Seite hindurchgeschoben wurde eine kleine Schale mit einem Sandwich und einem Apfel. Dann schloss sich die Luke wieder.
Überrascht sah sie auf die Lebensmittel. Jetzt erst wurde ihr bewusst, wie sehr sie Hunger litt.
Sie nahm den Apfel und roch an ihm. Er roch völlig normal, fruchtig. Dennoch zweifelte sie, ob sie hineinbeißen sollte.
„Ich an deiner Stelle würde nichts davon essen. Das Zeug ist vergiftet!“, griff der Vampir ihre Zweifel auf.
„Woher weißt du das? Kannst du das Gift riechen?“, fragte Sayura und legte den Apfel zurück in die Schale. Dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging, hatte sie vermutet. Erst bestand die Lautsprecherstimme darauf, dass der Vampir sie angriff, damit von ihrer Menschlichkeit befreite, um sie an die Fessel der Ewigkeit zu legen, und jetzt sorgten sich ihre Kidnapper plötzlich um ihr leibliches Wohl? Trotz Hunger hätte sie davon wohl auch ohne den Rat des Vampirs nichts angerührt.
„Auch. Aber so haben sie mich gekriegt! Ich aß von so einem Apfel und bekam schmerzhafte Krämpfe. In meiner Todesangst flehte ich um mein Leben, und der Vampir kam dieser Bitte nach! Der Rest ist Geschichte. Er wanderte zu dieser Tür dort hinaus, und ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist oder was gar aus mir wird!“, erklärte der Vampir und deutete mit einem Kopfnicken in Richtung besagter Tür.
Bedrückt sah Sayura nun zu Boden und begann wieder in ihren Haaren zu wühlen.
„Danke!“, flüsterte sie ihm leise zu.
Es war ein befremdliches Gefühl, sich bei einem Vampir zu bedanken. Aber schlimmer war es, von einem Vampir gerettet zu werden!
„Von ‚retten‘ kann hier wohl keine Rede sein. Wir sitzen immer noch hier drin!“, ging er wieder auf ihre Gedanken ein. „Was machst du da eigentlich?“, fragte er sie jetzt.
In diesem Moment erspürte Sayura das, wonach sie gesucht hatte, und hielt schließlich die kleine Haarnadel in die Luft. „Schlecht gefilzt, ihr Kidnapperpack!“, triumphierte sie im Stillen.
„Das hier!“, entgegnete sie dem Vampir.
Der Vampir verstand sofort und nutzte die Fähigkeit der Telepathie. Er beugte sich nun vor und grinste wieder, diesmal sarkastisch.
„Diese Tür da mag zwar ein Schloss haben, aber glaubst du ernsthaft, es sei so einfach, sie mit einer Haarnadel zu öffnen? Glaubst du nicht, dass alle die, die je vor uns hier drinnen waren, nicht auch schon alles versucht hätten?“
„Das mag wohl sein, aber vielleicht hat es noch nie jemand mit der einfachsten und somit absurdesten Methode versucht!“ Sie ärgerte sich über seine fehlende Hoffnung auf Erfolg und hörte sein Lachen, während sie auf die Tür zu kroch.
„Hoffnung? Ich wurde getötet und zu einem Vampir gemacht. Bis vor Kurzem war ich ein Mensch. Ich war verabredet, wollte zu einem Mädchen, meinen Spaß haben und mein Studium zu Ende bringen. Und jetzt? Jetzt bin ich diese Kreatur! Fang du also nicht mit Hoffnung an!“, fuhr er sie laut und schroff an.
Sayura sagte diesmal nichts. Sie hantierte mit der Haarnadel im Schloss der Tür herum, doch leider erfolglos. Sie versuchte es noch einige Male, und irgendwann brach die Haarnadel schließlich einfach ab.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 298
ISBN: 978-3-99003-981-6
Erscheinungsdatum: 27.12.2011
Durchschnittliche Kundenbewertung: 4
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