Science Fiction & Fantasy

Die Hexen Klingeros

Barbara Hämmerl & Johanna Leimbach

Die Hexen Klingeros

Gefährliche Kräfte

Leseprobe:

Prolog

Ich spürte es. Hier musste es sein.
Eine Kraft, tief verborgen, lag in ihr. Jemand musste sie wecken, jemand wie ich.
Doch viel Zeit blieb mir nicht mehr. Meine Tage waren gezählt, ich war müde und fühlte mich schlapp. Die Häscher kamen immer näher. Sie würden mich bald einholen. Ich musste mich beeilen das Mädchen zu finden, wenn ich nicht unsere Zukunft aufs Spiel setzen wollte. Die Zukunft, die schon so oft prophezeit wurde, hing nun alleine von mir ab. Aber die lange Reise hatte an meinen Kräften gezehrt. Wenn ich sie nicht bald aufspürte, würden sie mich bekommen.
Es war meine Bestimmung, das Mädchen ausfindig zu machen und seiner Kräfte zu belehren, diese musste ich erfüllen, egal was es kostete.
Erschöpft ließ ich mich auf einen Baumstumpf sinken, es war nicht mehr weit, doch ich brauchte diese Pause unbedingt.

Erschrocken fuhr ich aus dem Schlaf, ich musste eingenickt sein.
Der Schlaf, so kurz er auch gewesen sein mochte, hatte mir neue Kraft gegeben, aber auch den Vorsprung zu meinen Verfolgern verringert. Ich konnte sie schon hören, wie sie stolz auf ihren Pferden ritten. Das Klirren ihrer Waffen, ihr raues Gelächter. Diese dummen Menschen! Bald schon würden sie mich sehen können, uns trennten nur noch wenige Meter.
Ich musste von hier so schnell wie möglich weg. Es gab nur diesen einen Ausweg, hatte ich noch genug Zeit dafür? Wenn sie mich bei dem Versuch sahen, würde ich sie nie wieder loswerden. Ich atmete tief durch, ich musste es riskieren.
Ich lächelte, konzentrierte mich und griff nach meinem Amulett. Sofort leuchtete der Bernstein auf und eine unbeschreibliche Kraft durchströmte meinen Körper. Wie ich dieses Gefühl liebte!

Als die Reiter kurz darauf zu diesem Baumstumpf kamen, war niemand mehr dort. Nichts erinnerte mehr an die alte Frau, die dort kurz zuvor noch gesessen hatte.



Die Fremde


Veronika

Nach einem langen Spaziergang durch den Wald hatten meine Freundin und ich gerade das Dorf wieder erreicht, als eine alte Dame höchst unhöflich unser Gespräch unterbrach. Verärgert blickte ich sie an. Ihre grauen Haare und Augen ließen sie irgendwie erloschen und kraftlos aussehen, sie ging gebeugt und der lange Mantel, der um ihre Schultern lag, war für diesen sehr sonnigen Februartag um einiges zu warm. Sie kam näher und ich bemerkte, wie sich mein Herzschlag beschleunigte. Als wir uns zu ihr umgedreht hatten, war eine Mischung aus Triumph und Freude auf ihrem Gesicht erschienen. Es wirkte so, als hätte sie ein langersehntes Ziel endlich erreicht.
„Da bist du ja endlich. Ich habe dich schon überall gesucht“, rief die Frau laut und humpelte auf uns zu. Elisa und ich tauschten verwirrte Blicke aus. Wir standen am Rande des Dorfplatzes, dort hielten die Bauern manchmal Feste ab. In der Mitte stand ein großer steinerner Brunnen, das war die Hauptwasserversorgung für die Dorfbewohner, deshalb herrschte hier auch immer reges Treiben. Neben uns ging eine der vielen engen Gassen zu den staubigen Hütten ab. Die Besucherin fiel auf zwischen den anderen Menschen hier. Der Mantel war teuer und sie wirkte besser genährt als die Bewohner des Dorfes. Die Alte hatte uns erstaunlich schnell erreicht. Alle wichen vor ihr zurück und machten den Weg frei, scheinbar ohne zu merken, was sie taten. Als sie vor uns stand, musterte sie uns genau und nickte dann zufrieden. Ich sah besorgt zu Elisa. Wer war das? Ich hatte diese Frau noch nie gesehen, wusste nicht, woher sie kam oder wohin sie wollte. Anscheinend ging es Elisabeth ähnlich, denn sie sah erst mich und dann die Dame genauso fragend und verunsichert an. Was wollte sie denn von uns? Und wen meinte sie überhaupt?
Doch die Alte ließ sich von unserem sichtlichen Misstrauen nicht beeindrucken, sie begann sofort zu reden: „Elisabeth, komm her. Wir haben keine Zeit zu verlieren!“, sie klang aufgeregt. Was sollte sie ausgerechnet von Elisa wollen?
Skeptisch blickte Elisa zwischen mir und der Alten hin und her, es war eindeutig, dass auch sie keine Ahnung hatte, wer diese Frau war und was sie von ihr wollte. Ich malte mir in meinem Kopf zahllose unerfreuliche Dinge aus, die passieren könnten, wenn meine Freundin der Aufforderung folgen würde. Also fragte ich herausfordernd: „Was wollt Ihr von ihr?“
Ich sah zurück zu Elisabeth, um von ihr Bestätigung für diese harsch gestellte Frage zu erhalten. Doch ihr Blick unterstützte mich keineswegs. Sie sah mich auf einmal streng und mahnend mit ihren grünen Augen an. Etwas hatte sich in ihnen verändert. Etwas, das ich nicht genau bestimmen konnte. Oder spielte mir das Licht vielleicht einen Streich? Verwirrt starrte ich zurück. Was hatte sie denn auf einmal?
Ich erhielt keine Antwort von der Fremden. Es schien so, als würden mich alle beide auf einmal komplett ignorieren. Elisa ging an mir vorbei auf die Alte zu. Was tat sie denn? Entschlossen hielt ich ihren Arm fest, aber meine Freundin wehrte sich und riss sich los. Sie drehte sich noch einmal zu mir um, ihr Blick war wütend. Das konnte doch nicht wahr sein!
„Elisa! Was machst du da?“, flüsterte ich voller Hoffnung, sie würde wieder zur Vernunft kommen. Dieses Verhalten passte nicht zu ihr, sie gehorchte niemandem einfach so. Scheute es nie, kritische Fragen zu stellen, und ließ sich fast nie herumkommandieren. Deswegen geriet sie ständig mit einem ihrer sechs Brüder aneinander.
Irritiert schaute ich meiner Freundin hinterher, die sich kommentarlos hinter die Fremde stellte, ich verstand sie kein Stück und ich glaubte, sie wollte in diesem Moment auch gar nicht verstanden werden.
Die Alte begann leise zu lachen und bedachte mich mit einem verständigenden Blick. Was bildete sie sich bloß ein? Ich ärgerte mich innerlich darüber, ihr einen Grund zum Lachen gegeben zu haben.
„Wer bist du?“, fragte sie ruhig. Ihre Stimme klang erstaunlich sanft.
„Dasselbe könnte ich Euch fragen!“, gab ich trotzig zurück und verschränkte die Arme. Ich würde mich von ihr doch nicht beeindrucken lassen.
„Ihr müsst Euch keine Sorgen um Eure Freundin machen, Prinzessin. Ihr wird nichts passieren. Aber diesen Weg könnt ihr nun einmal nicht gemeinsam gehen“, war die Antwort, die ich bekam, bereits etwas forscher.
Was sollte das denn jetzt bitte heißen? Ich wollte etwas erwidern, doch mir fehlten die Worte, um das, was ich ausdrücken wollte, zu sagen. Die Alte wandte sich Elisabeth zu und gab mir unmissverständlich zu verstehen, dass ich sie allein lassen sollte. Verständlicherweise, schließlich hatten die beiden sicher etwas Wichtiges zu besprechen. Sonst wäre eine solch alte Frau nicht den langen Weg hierher gereist. Ich wandte mich ab und ging in Richtung Elisas Haus, wo mein Pferd angebunden war. Ich war bereits einige Schritte gegangen, als ich plötzlich stehen blieb. Warum machte ich das? Das ergab doch überhaupt keinen Sinn. Ich hatte nie vorgehabt wegzugehen und Elisa mit der Alten alleine zu lassen. Und überhaupt, was dachte diese Frau eigentlich, wer sie war? Mich konnte sie bestimmt nicht herumkommandieren! Und meine beste Freundin auch nicht! Diese Dame wirkte kein bisschen vertrauenerweckend. Entschlossen herauszufinden, wer das war und was sie wollte, drehte ich mich wieder um und betrachtete sie und Elisabeth stirnrunzelnd.
Warum fragte sie, wer ich war, wenn sie es sowieso schon zu wissen schien? Oder hatte sie meine Stellung lediglich aus meiner Kleidung geschlossen? Das war nicht wirklich schwer. Mein blaues Kleid war viel zu edel, um in dieses Dorf zu passen, ich trug teure Schuhe und eine silberne Spange zierte mein Haar. Darauf war das Wappen meines Vaters zu sehen: ein Baum mit fünf Zweigen (genau genommen ein Weidenbaum) auf einem zackigen Felsen. Eigentlich hatte ich zwei davon, aber eine hatte ich vor langer Zeit Elisa geschenkt. Apropos Elisa … Warum verhielt sie sich so komisch? Warum ließ sie zu, dass eine völlig Fremde mit ihr wie mit einer guten Bekannten sprach? Oder kannte sie die Alte? Nein, das war sicher, sonst hätte sie vorhin nicht so verwirrt gewirkt.
Und was gab dieser Frau das Recht mich einfach wegzuschicken? Ich war es gewöhnt, dass man mich respektierte, und noch nie hatte ich so jemanden wie diese Frau erlebt. Sie wusste doch, dass sie mit der Prinzessin dieser Lande sprach, wieso behandelte sie mich dann so?
Während ich Elisa und die Alte empört anstarrte, wie sie miteinander tuschelten, wie kleine Mädchen, und sich langsam auf eine der Gassen zubewegten, merkte ich, wie das Bedürfnis sofort nach Hause zu reiten und sie allein zu lassen immer stärker wurde. Entschlossen schüttelte ich den Kopf und machte einen weiteren Schritt in Richtung der beiden. Ich würde sie nicht allein lassen! Ich war die Prinzessin und ich wollte wissen, wer diese Frau war, bevor ich ihr erlaubte, mit meiner Freundin zu reden! Auch wenn die heute scheinbar nicht ganz vernünftig denken konnte. Warum machte das Verhalten der Alten Elisa denn nicht genauso misstrauisch wie mich? Ich konnte mir genau vorstellen, was mein Vater dazu sagen würde: „Das geht dich nichts an, Kind! Lass die Bauern doch machen, was sie wollen, versuch erst gar nicht sie zu verstehen. Vernunft und logisches Denken sind ihnen unbekannt.“ Er hatte keine besonders hohe Meinung von dem einfachen Volk, aber ich wusste, dass er damit falsch lag. Elisabeth war vernünftig! Und klug! Ihr heutiges Verhalten war absolut untypisch! Dass Elisa nichts sagte, sich einfach alles gefallen ließ … Das lag an der Fremden! Ich war mir sicher. Diese Frau machte mir Angst. Große Angst, um ehrlich zu sein, auch wenn ich nicht wusste, woher diese Furcht kam. Sie war mir unheimlich. Ich bog in die Gasse ein, in der die beiden gerade verschwunden waren, und sah sie in einer Hofeinfahrt stehen.
„Was schleichst du hier noch so nutzlos herum? Siehst du nicht, dass du störst?“, fuhr mich die alte Dame plötzlich entnervt an. Ich zuckte zusammen.
„Mich schickt keiner so einfach davon!“ Ich reckte stolz das Kinn und versuchte meine Unsicherheit zu verbergen. Mir fielen selbstsicheres Auftreten und Arroganz gegenüber Untergebenen nie so leicht wie meinen Eltern. Erstaunt blickte mich die Alte daraufhin an, sie drehte sich in meine Richtung und ging einen Schritt auf mich zu, dann seufzte sie und meinte: „Meine Liebe, ich will deiner Freundin nichts tun, genauso wenig wie dir. Doch das, was wir zu besprechen haben, ist nichts für fremde Ohren. Glaub mir, du würdest es sowieso nicht verstehen!“ Als sie sich wieder zu Elisabeth drehte, schüttelte sie den Kopf und murmelte: „Sie ist aber ganz schön stur.“ Meine Freundin nickte und blickte mich verständnislos an. So als könne sie beim besten Willen nicht verstehen, warum ich solch ein Theater machte.
Was zum Teufel ging hier vor sich?! Und wieso sprach diese Frau in Rätseln? Vorher hatte sie von Wegen geredet, die Elisabeth und ich nicht zusammen gehen könnten, und jetzt sprach sie davon, dass ich nicht verstehen würde, was sie sagte.
Was um alles in der Welt meinte sie damit? Wer war sie? Und was wollte sie?
Egal, was hier vor sich ging: Ich hatte nicht vor, mich auch nur einen Schritt von den beiden zu entfernen. Elisa musste offensichtlich beschützt werden. Irgendetwas hatte die Alte mit ihr gemacht. Ich musste verhindern, dass meiner Freundin etwas geschah.
„Geh nach Hause, Vroni“, hörte ich Elisabeth sagen. Sie wandten sich ab und gingen langsam davon. Sofort setzte auch ich mich in Bewegung, um den beiden zu folgen. Sobald sie es bemerkte, drehte sich die Fremde erneut zu mir.
„Was hat deine Freundin gerade gesagt?“, zischte sie und fixierte mich.
Ich wollte widersprechen, doch die Kraft, die die gebrechlich aussehende Frau plötzlich umgab, ließ mich zurückschrecken. Wie gebannt starrte ich in ihr Gesicht, ich konnte mich nicht mehr davon abwenden.
Ich weiß nicht, was es war, das mich fesselte. Vielleicht ihre plötzlich funkelnden Augen, die auf einmal nicht mehr grau, sondern tiefgrün waren. Sie funkelten gefährlich, wie bei einem Tier, das sich zum Angriff bereitmachte. Diese Augen stierten mich an und gaben mir das Gefühl mich zu durchleuchten, ich schauderte und wäre am liebsten weggelaufen. Doch ich blieb wie angewurzelt stehen, ich konnte nicht anders, mein Körper gehorchte mir nicht mehr.
Oder es war ihr Auftreten. Denn auf einmal kam mir die Alte viel größer vor. Und jünger. Und dynamischer. Ich hingegen kam mir ziemlich klein und machtlos vor, wie ein Kind. Dieses Gefühl war größer als die Sorge um Elisabeth. Es breitete sich in mir aus und nahm mich vollkommen ein. Ich war wie gelähmt, ich konnte mich nicht bewegen. Ich kämpfte dagegen an, so sehr ich konnte. Doch ich war zu schwach. Die Übermacht der Fremden brachte mich dazu aufzugeben. Und so musste ich tatenlos zusehen, wie meine beste Freundin mit der unbekannten Alten davonging.
Erst als sie aus meinem Sichtfeld verschwunden waren, kehrten Kraft und Kontrolle langsam wieder in meinen Körper zurück. Ich löste mich aus der Erstarrung und schnappte nach Luft. Für einen kurzen Moment lehnte ich mich gegen die schmutzige Mauer und versuchte mich zu sammeln. Dann raffte ich mein Kleid und rannte in die Richtung, in die Elisa und die Frau verschwunden waren. Das Dorf war verwinkelt, sie konnten inzwischen überall sein. Verloren stand ich vor einer Abzweigung. Wie hatten sie es so schnell von hier weg geschafft? Die Dame hatte nicht so gewirkt, als könnte sie schnell laufen. Was ging hier vor?
Fast eine Stunde lang suchte ich nach Elisa. Doch sie war wie vom Erdboden verschluckt. Das konnte doch nicht wahr sein! Erschöpft lehnte ich mich gegen einen Pfosten und beobachtete die Bewohner des Dorfes. Kleinkinder spielten im Dreck. Größere schleppten Wasser. Bettler liefen durch die Straßen, hofften auf die Großzügigkeit der anderen. Hier in dieser Welt lebte also meine Freundin. Warum hatte sie sich nie über ihre Umstände beschwert? Noch nie war mir so deutlich aufgefallen, wie elend es vielen hier ging. Eigentlich müsste ich Vater dazu bringen, mehr dagegen zu tun.
Kopfschüttelnd drehte ich mich um und machte mich auf den Weg nach Hause. Ich wusste, ich sollte noch weitersuchen. Elisa durfte nicht einfach so verschwinden. Doch mir war sehr schnell klar, dass dies ein ziemlich schwieriges Unterfangen werden würde. Das Dorf war groß, die Verstecke waren viel zu zahlreich, um alle abzusuchen, es würde also nur Zeitverschwendung sein. Als ich auf mein Pferd stieg, zitterten meine Knie noch immer und ich fühlte mich schwach. Was hatte die Alte mit mir gemacht?
Ich überlegte, ob ich meiner Familie von dem, was geschehen war, berichten sollte. Doch ich entschied mich dagegen. Meine Familie – insbesondere mein Vater – hatte den Kontakt zwischen mir und der Ammentochter Elisabeth noch nie wirklich geschätzt. (Elisas Mutter war die Amme meines kleinen Bruders Lukas und meine gewesen.) Meine Familie würde sich wahrscheinlich in ihrer Theorie bestätigt fühlen, dass Elisa kein guter Umgang für mich war. Wenn sie mit Fremden einfach ohne Wenn und Aber mitging. Vor allem mit solch ungewöhnlichen.
Normalerweise tat sie das nicht, ich kannte Elisa. Sie war ein kluges und gut erzogenes Mädchen, aber für meine Eltern wäre es trotzdem ein Beweis für die Dummheit und Einfältigkeit des dritten Standes gewesen. Sie hatten große Vorurteile ihr gegenüber, schließlich war sie arm und ich die Tochter des Herzogs. Ihrer Vorstellung nach konnten Arme nicht vernünftig sein. Verstehen konnte ich ihre Ansichten nicht. Und ich fand es immer ungerecht, wie meine Eltern über andere urteilten und sich dabei nur auf den Reichtum bezogen. Verfluchte Ständegesellschaft!
Ich ritt schnell und die Landschaft flog an mir vorbei. Der Weg vom Dorf bis zur Burg dauerte ziemlich lang, doch er war gute Bewegung für meine Stute Freya und wirklich schön anzusehen. Der offizielle Weg führte s-förmig vom nordöstlichen Dorfrand, über Felder und Wiesen, durch ein schmales Waldstück und dann den Hang des Burgbergs hinauf, aber das dauerte viel zu lange. Ich nahm deswegen immer eine Abkürzung durch den Wald.
Es ging einen Feldweg entlang und dann ein gutes Stück durch den Wald, bevor ich wieder auf den richtigen Weg kam. Die Bäume wichen zurück und die Burg meines Vaters tauchte auf dem Hügelkamm auf. Groß und majestätisch ragte sie über den Wald hinweg. Die Flagge des Herzogtums wehte an einem Mast im Wind. Die Burg war gut befestigt und würde in Kriegszeiten sicher guten Schutz bringen, aber ich nahm mir eigentlich nie die Zeit, mein Heim von außen genau zu betrachten, meistens war ich nämlich zu spät dran. Auch heute passierte ich das Tor und ritt sofort zu den Ställen.
Keine 20 Minuten später saß ich mit meiner Familie im großen Saal beim Abendessen, zugegeben, er war nicht so groß. Es war ein schönes Esszimmer mit einem Wärme spendenden Kamin, Licht bekamen wir von Fackeln in reich verzierten Halterungen. Die Wände waren mit Täfelungen verziert und es war einer der schönsten Räume unserer Burg.
„Und, wie war dein Tag, mein Kind?“, fragte meine Mutter mit einem neugierigen Blick, während die Diener das Essen auf den Tisch stellten.
„Äh“, stammelte ich und suchte schnell nach einer glaubwürdigen Geschichte über den heutigen Tag. Das mit der Fremden wollte ich ihr sicher nicht erzählen, mir lief noch immer ein Schauer über den Rücken, wenn ich daran dachte.
„Ganz in Ordnung. Ich war mit Elisa im Wald spazieren. Es ist schön warm“, mehr war mir auf Anhieb nicht eingefallen, obwohl der Spaziergang ja eigentlich nicht gelogen war. Ich blickte meine Mutter an und hoffte, dass ihr das als Antwort reichen würde und sie nicht weiter fragen würde. Sie war, was solche Geschichten anging, meistens ziemlich leichtgläubig. Das machte es einfach für mich, alles zu tun, was ich wollte. Meine Mutter lächelte und blieb still, doch mein Bruder fuchtelte aufgeregt mit den Armen.
„Habt ihr da die alte Hexe gesehen? Stefan sagt, sie würde da seit einiger Zeit herumlaufen und sich ein neues Haus aus Menschenknochen bauen, weil die Hexenjäger ihr altes zerstört haben! War sie sehr hässlich? Stefan meinte, sie sähe von Weitem zwar aus wie eine alte Frau, aber die Warze auf ihrer Stirn sei so groß wie ein drittes Auge und …“
„Lukas! Das reicht! Das ist kein Thema für einen Jungen in deinem Alter, vor allem nicht in Anwesenheit deiner Schwester und dann auch noch beim Essen!“ Vater sah ihn streng an, aber das bekam ich kaum mit. Eine Hexe? Hier in der Gegend? Eine, die aussah wie eine alte Frau? Eine Warze war mir zwar an der Fremden nicht aufgefallen, aber … Oh Gott, bitte nicht! Plötzlich ergab das alles einen furchtbaren Sinn. Warum Elisa nichts gesagt hatte, als die Alte sie aufgefordert hatte mitzukommen, warum ihre Augen auf einmal so giftig geleuchtet hatten, warum ich mich nicht rühren konnte, warum ich sie nicht gefunden hatte. Was hatte ich meiner Freundin angetan? Ich hatte sie im Stich gelassen, ich hatte sie der Alten ohne Widerspruch überlassen. Was hatte ich getan?! Wie hatte ich nur so dumm sein können? Ich merkte, wie meine Hände zitterten und mir das Messer aus der Hand rutschte. Mutter sah mich besorgt an und schimpfte dann mit meinem Bruder: „Sieh nur, was du angerichtet hast mit den Gruselgeschichten dieses Bauern. Deine Schwester fällt beinahe um!“
Mit aller Kraft stellte ich mich gegen diese Gedanken. Es war nicht gesagt, dass die Alte diese Hexe war. Es war ja noch nicht einmal gesagt, dass die Geschichte wahr war. Vermutlich war es nur eine der üblichen Erzählungen, um die Kinder aus dem Wald raus zu halten.
„Nein, Mutter, mir geht es gut.“ Ich lächelte und hoffte, dass es nicht allzu angestrengt aussah. In Gedanken beschloss ich, dass sich das alles klären würde. Ich würde einfach morgen zu Elisa gehen und fragen, wer die Alte gewesen war.
Lukas sah schmollend zu unserer Mutter. „Stefan ist kein Bauer! Er ist ein Knappe des Herzogs von Klingero und außerdem weiß er das alles von seinem Herrn und der ist ein Hexenjäger, also sind das bestimmt keine ausgedachten Geschichten!“
„Lukas von Weidenstein!“, Vater schlug die Hände auf den Tisch, „ich habe dir gesagt, dass das kein Thema fürs Essen ist, also sei gefälligst leise und iss auf!“
Der Rest des Essens verlief schweigend, wie mein Vater es befohlen hatte, auch wenn ich Lukas gerne noch die eine oder andere Frage zu der Hexengeschichte gestellt hätte, akzeptierte ich Vaters Ermahnung natürlich und blieb still. Leider hatte ich so viel Zeit, um über die Geschehnisse des Tages nachzudenken. War die Alte besagte Hexe gewesen oder einfach eine Verwandte von Elisa, die diese vielleicht noch nicht gesehen hatte? Wusste Lukas Genaueres darüber, wie die Hexe aussah?

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 576
ISBN: 978-3-95840-751-0
Erscheinungsdatum: 19.11.2018
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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