Science Fiction & Fantasy

Die Dracx-Narbe

Kaan Lex

Die Dracx-Narbe

Leseprobe:

„Meine Damen und Herren! Herzlich willkommen zu diesem spektakulären Ereignis! Ich, Jimmy Bishop, werde Sie auf den heutigen Abend einstimmen und durch das Programm führen. Die Straßen sind leer und kein Lüftchen weht mehr! Hätte ich jetzt eine Lampe in der Hand, würde sie leuchten – ich kann die Spannung förmlich spüren! Es scheint, als würde die ganze Stadt vor den Bildschirmen sitzen und den Atem anhalten!
11375 Menschen haben sich hier im Stadium of Shadow versammelt, um hautnah dabei zu sein, wenn heute Abend die Entscheidung fällt, wer der beste Magier unseres Jahrhunderts wird. Das Stadion ist bis auf den letzten Platz ausverkauft! Maik sagte mir vor wenigen Minuten, dass sogar Klappstühle auf den Treppen aufgestellt werden, um noch mehr Zuschauer ins Stadion zu bekommen. Nebenbei möchte ich noch einmal an unsere heutige Gewinnspielfrage erinnern:

Was nutzen männliche Magier im Kampf?
a) Schwert
b) Schraubenschlüssel

Anrufen können alle, die älter als 18 sind, unter der unten eingeblendeten Nummer. Zu gewinnen gibt es einen Ultraflachbildschirm von Patatonic mit einer Bilddiagonale von 72 Zentimeter im Chromlook und einen nagelneuen DVD-Player mit einer integrierten 250-Gigabyte-Festplatte von Concola – Ihrem Experten für Heimanlagen. Besuchen sie uns auf dem Zwutschweg 8 in Kings Lynn! Wir unterbrechen an dieser Stelle das Programm für einen kurzen Werbespot. Danach werden wir uns mit Herrn Prof. Dr. Voigt von der städtischen Universität unterhalten. Er wird uns alles verraten, was wir über die Dynastien Gring und Brax schon immer wissen wollten. In 30 Sekunden geht’s weiter!“
Das eingeblendete Bild des vom außen angestrahlten Stadium of Shadow verschwand und wurde durch den angekündigten Werbespot ersetzt, der auf zehntausenden Mattscheiben und Leinwänden in Kings Lynn entlangflimmerte.
Eine sportlich aussehende Frau rannte vor einer saftig grünen Wiese über einen hellgrauen Schotterweg. Im Hintergrund sah man schneebedeckte Berge. Der Himmel war natürlich strahlend blau. In der linken unteren Ecke wurde der Name der Frau und ihre sportliche Errungenschaft eingeblendet: Christin Lies, Weltmeisterin im Lao. Die Frau rannte einen Berg hinauf, blieb an einer Klippe stehen und sprang hinab – in die schier nie enden wollende Tiefe. Kurz vor dem Boden blieb sie in der Luft stehen, man hatte den Eindruck, dass ihre Nasenspitze den Grund berührte, und flog die Klippe rückwärts wieder hinauf, um am Absprungsort elegant zu landen.
„Warum ich Nucco trinke?“, fragte die Frau mit einem Lächeln auf den Lippen. Jeder sah ihre strahlend weißen Zähne. In der linken Hand hielt sie eine dunkelrote Flasche der Marke. „Weil ich beim Sport top Leistung bringen und immer klar im Kopf sein muss.“ Sie hielt das Etikett in die Kamera und ein Mann sagte: „Nucco, das Sportgetränk für die extremen Anforderungen. Klar im Kopf – zu jeder Zeit.“ Die Frau verharrte eine halbe Sekunde in der gleichen Stellung, bevor das Livebild des Stadium of Shadow wieder eingeblendet wurde.
„Willkommen zurück!“, rief die mit Freude geladene Stimme von Jimmy. „Hier im Stadium of Shadow treffen heute Abend die wohl berühmtesten Magier aufeinander: Sir Brax und Sir Gring. Schwarze gegen weiße Magie. Wir dürfen gespannt sein, was wir heute Abend geboten kriegen und wer als Gewinner das Stadion verlassen wird!
Aber was wollten Sie schon immer über die Dynastien der Grings und der Brax wissen, die heute Abend von den gleichnamigen Magiern vertreten werden? Wie alt sie tatsächlich sind? Welche besser ist? Oder ob es schon einmal einen Kontakt anderer Art zwischen ihnen gab? Um diese Fragen und viele mehr zu beantworten, begrüße ich bei mir im Studio Herrn Prof. Dr. Voigt, der an der städtischen Universität Dynastiegeschichte unterrichtet und Vorsitzender des Dynastienrat in Kings Lynn ist. Herzlich Willkommen, Herr Voigt.“
Das Bild der Kamera wurde vergrößert, wodurch ein älterer Mann neben Jimmy erschien, der ihn anlächelte. Seine Nase hielt eine runde Brille und auf seinem Kopf thronten ein paar graue Haare. Erstaunlicherweise hatte er kaum Falten – lediglich ein paar um die Augen und den Mund.
Prof. Dr. Voigt trug ein braunes Jackett, welches in Bauchnabelhöhe hinter dem hellen Tisch verschwand. Jimmy hielt ihm die Hand entgegen und nickte. Herr Voigt ergriff sie und erwiderte seinen Gruß aufs Herzlichste.
„Schön, dass Sie es heute Abend zu uns geschafft haben. Wir hatten schon Angst, dass Sie nicht kommen können.“
„Weswegen? Draußen ist doch absolut nichts los! Ich habe keinen auf dem Weg von der Uni bis hierher gesehen.“
„Ach so? Sie kommen von Arbeit?“
„Ja“, antwortete Herr Voigt und nickte.
„Über die wollen wir uns heute Abend auch ein Stück unterhalten. Wie lange setzten Sie sich schon mit den Geschichten der Dynastien in Kings Lynn auseinander?“
„Seit meinem Studium. Und das ist jetzt schon fast 40 Jahre her.“
„40 Jahre? So lange werde ich wahrscheinlich nicht moderieren! Aber kommen wir nun zur ersten Frage, die mich und bestimmt eine Menge der Zuschauer bewegt: Wie alt sind die Dynastien der Grings und Brax?“
Herr Voigt lächelte und antwortete: „Das wissen wahrscheinlich nur die Hüter der Dynastien. In keinen Aufzeichnungen, die ich in den 40 Jahren meiner Tätigkeit gesehen habe, stand etwas Konkretes über ihre Entstehung. Und bis jetzt hat es mir auch noch keiner der Hüter gesagt.“
„Irgendwo müssen die Dynastien doch das erste Mal auftauchen, oder?“, fragte Jimmy verwundert.
„Natürlich. Aber jeder behauptet von sich, dass sie die ältere Dynastie sei, besonders die Brax.“
„Warum?“
„Das klingt jetzt vielleicht etwas komisch, aber die Namen Brax und Gring wurden das erste Mal im zweiten Gründungsbuch der Stadt Hoven erwähnt. Das Buch war ein schlichtes Verzeichnis über die Familien, die damals in Hoven lebten. Die Namen waren alphabetisch geordnet und in der Liste tauchte der Name Brax vor Gring auf.“
„Interessant. Das wusste ich nicht. Ich dachte, dass jeder sein Geburtsdatum wüsste, ähnlich wie die Stadtväter das Gründungsjahr unserer Stadt kennen.“
„Wie gesagt, die Hüter der Dynastien wissen es bestimmt, beziehungsweise steht es in einem ihrer Bücher.“
Jimmy sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an und sagte: „Das versteh ich nicht. Die ältere Dynastie könnte doch mit ihrem Alter angeben und so die andere ausstechen. Warum macht sie das nicht?“
Prof. Dr. Voigt erschreckte die Frage. Mit weit aufgerissenen Augen und immer röter werdendem Gesicht sah er erst Jimmy und dann die Kamera an. Schweißperlen auf seiner Stirn glitzerten im Licht der Studioscheinwerfer. Mit zitternder Hand griff er nach seinem Glas und trank es in einem Zug aus. Er wischte Restflüssigkeit mit dem Handrücken von den Lippen und antwortete gedämpft: „Das kann ich Ihnen leider nicht sagen.“
Jimmy, der sich seine Reaktion nicht erklären konnte, schob das Thema mit einem Lächeln zur Seite und fragte: „Und welche der beiden Dynastien ist eigentlich die bessere?“
Der Gefragte antwortete etwas gelassener: „Jetzt würde ich Öl in ein uraltes Feuer gießen, wenn ich für eine Seite Partei ergreife. Niemand kann sagen, welche Dynastie die reichere ist, mehr Nachfahren hat oder erfolgreicher ist oder war. Ich glaube, dass die Hälfte der Zuschauer die Dynastie Brax toll findet und die andere die der Grings.“
„Und woran liegt das?“
„Daran, dass wir wenig über ihre Machenschaften wissen. In der Vergangenheit hörten wir kaum etwas von den Dynastien, weil sie überwiegend im Verborgenen arbeiten. Niemand weiß, wie viele Magier und vielleicht auch Elementaristen sie direkt und indirekt beschäftigen. Es war und ist außerdem zu sehen, dass wenn eine Dynastie an die Öffentlichkeit ging, die andere kurz darauf auch im Rampenlicht zu finden war beziehungsweise ist. Für eine kurze Zeit lieferten sie sich ein Gefecht, welches in der Vergangenheit immer unentschieden ausging, und verschwanden wieder. Die Ereignisse oder Errungenschaften, die während einer solchen Auseinandersetzung geschahen oder gemacht wurden, blieben den Leuten im Gedächtnis. Dem einen gefiel die Senkung der Erbschaftssteuer, dem anderen die Preisanhebungen oder -senkungen der Baustoffe. Es ist wirklich schwierig, etwas Konkretes dazu zu sagen.“
Jimmy nickte langsam und schob seine Unterlippe etwas vor. „Interessant, sehr interessant. Hätten wir Zeit für mehr Fragen, würden wir noch den ganzen Abend hier stehen. Aber der Kampf rückt immer näher! In wenigen Sekunden dürfte er beginnen.“
Beide tranken einen Schluck, bevor Jimmy seine letzte Frage stellte: „Eine weitere sehr interessante Frage ist die, ob es schon einmal einen anderen Kontakt zwischen den Dynastien gab, also einen Kampf oder einer Fehde.“
„Nein“, antwortete Herr Prof. Dr. Voigt kurz. „Mir ist nichts bekannt. In der Vergangenheit gab es niemals eine Affäre oder Ähnliches zwischen den Dynastien. Und selbst wenn, keiner würde etwas sagen. Zu fatal wären die Auswirkungen auf ihre direkten und indirekten Anhänger.“
„Schade, das hätte alles noch etwas spannender gemacht!“, meinte Jimmy enttäuscht. Er hob eine kleine Karteikarte vom Tisch auf und legte sie wieder weg.
„Dann danke ich Ihnen im Namen der Zuschauer, wünsche Ihnen noch viel Erfolg bei Ihren Nachforschungen, aufmerksame Studenten und viel Spaß beim Kampf heute Abend, der in ein paar Minuten losgehen müsste.“
„Ich danke auch“, sagte Herr Prof. Dr. Voigt und ergriff wieder Jimmys Hand.
Danach drehte sich der Moderator zur Kamera, die wieder kleiner wurde, und grinste die Zuschauer an. „Es ist immer gut, ein wenig über die ältesten Dynastien von Kings Lynn zu erfahren. Und da der Kampf erst in ein paar Minuten anfängt, kann ich Sie noch ein wenig mit Daten über Sir Gring und Sir Brax füttern.“
Jimmy hob eine andere Karteikarte hoch und las vor: „Sir Gring wurde am 9.5.1944 mit dem bürgerlichen Namen Josel Gring geboren und stammt aus der ersten Ader der Grings. Seine Mutter hieß Katerina Gring und war Hausfrau. Sein Vater Leopold-Stuart Gring ging dem Beruf des Kings Lynner Schatzmeisters nach, bis er starb. Er hat keine Brüder oder Schwestern. Sir Gring besuchte die Magierschule Blackberry und schloss mit dem 18. Lebensjahr als Klassenbester seine Grundschulzeit ab. Danach studierte er an der Universität in Kings Lynn die Fächer Zauberei – Schwarz- & Weißmagie. Kurz nach seinem Studium heiratete er und arbeitete in der Magic & Element-Society (M.E.S.), bevor er offiziell in die enge Gemeinschaft der Grings eintrat und sich dem Wohle der Dynastie verschrieb. Vor sieben Jahren erwarb er den Titel Sir der Stadt Kings Lynn. Sir Gring hat zwei Töchter.“ Der Moderator legte die Karteikarte weg und hob eine andere hoch.
„Sir Brax entstammt einer etwas reicheren Familie. Carsten Brax wurde am 3.11.1908 geboren und entstammt genauso wie Sir Gring der ersten Ader. Seine Mutter Ilona-Magna Brax leitete über Jahrzehnte den ersten Ausschuss des Parlaments, sein Vater Urban Brax arbeitete als stellvertretender Minister des damals noch existierenden Außenressorts des Parlaments. Auch er war ein Einzelkind. Er schloss mit seinem 18. Lebensjahr die Grundschulzeit als Klassenzweiter ab und studierte danach an der Universität in Cimbi Zauberei, mit dem Schwerpunkt schwarze Magie. Nach seinem Studium kam er zurück nach Kings Lynn und verschrieb sich gleich der Dynastie. Vor etwa 20 Jahren erwarb er den Titel Sir der Stadt Kings Lynn. Sir Brax hat keine Frau oder Kinder.“
Erleichtert legte Jimmy die Karteikarte zurück auf den Tisch und trank einen Schluck. Er benetzte seine Lippen und sagte: „Aber nun reicht es wirklich! So viel Geschichte an einem Abend kann auch dem Besten schaden! Alle, die eingeschlafen sind, sollten jetzt aufwachen, denn wir schalten nun live in das Stadium of Shadow, um dem Einzug der Magier beizuwohnen.“ Das Bild wechselte zu einer Kamera, die an der Kuppel des Stadions hing und die beleuchtete Arena zeigte. Die Zuschauerränge lagen verborgen im Schatten.
Nach einer Sekunde schwebte etwas Weißes ins Stadion, von dem ein helles, klares Licht ausging. „Da, meine Damen und Herren! Hier kommt Sir Josel Gring! Schauen Sie nur! Er schwebt in einem weißen Schleier ins Stadium of Shadow! Wow! Mir kommt es vor, als wäre es plötzlich viel heller als vorher!“, schrie Jimmy außer sich ins Mikrofon. Sir Gring schwebte in einen strahlend weißen Schleier gehüllt zur Mitte der Arena. Es wurde heller im Stadion. Fast taghell. Man sah nur einen dunklen Umriss im Nebel, der eine Person vermuten ließ. Als er die Mitte erreichte, dividierte sich der Schleier in unzählige Teile und jedes Teil verwandelte sich in ein blütenweißes Tier, welche in alle Richtungen davonstoben.
Zwölf Pferde galoppierten über die fasziniert dasitzenden Zuschauer hinweg, die plötzlich nicht mehr im Schatten saßen, sondern im Licht. 25 Tauben flogen an der Stadiondecke umher, bis sie sich mit einer kleinen Explosion auflösten und weißes, glitzerndes Pulver herabrieselte. Unzählige Schmetterlinge flatterten den Zuschauern um die Nasen und zauberten einen süßen, wohltunenden Geruch in die warme, stickige Luft des Stadions. Außerdem schritt ein mächtiger Löwe auf dem steinernen Arenaboden umher und zog die Zuschauer in seinen Bann. Jubel und Getöse brachen auf den Sitzplätzen aus, als die meisten Tiere verschwanden, und ließen das ganze Stadion erzittern. Sir Gring sank langsam auf den Arenaboden herab und verbeugte sich nach allen Seiten. Der Jubel schien kein Ende nehmen zu wollen.
„Einfach grandios! Unvergleichlich!“, warf Jimmy ein, der genauso wie Millionen andere die Szene verfolgte und staunte. „Wir dürfen gespannt sein, wie die Antwort von Sir Brax lauten wird! Aber das zu toppen ist fast unmöglich!“
Sie sahen Sir Gring ein paar Sekunden schweigend zu, wie er das Jubelbad genoss. Das Licht, welches von den Tieren ausging, erfüllte immer noch das Stadion. Im Gegensatz zu ihnen schien es nicht zu verschwinden.
„Da! Sehen Sie nur!“, rief Jimmy plötzlich und erschreckte dadurch viele Zuschauer, die immer noch Sir Gring fasziniert zusahen. Etwas Großes, Schwarzes sprengte aus einem der Gänge, die in die Arena führten. „Was ist das?! Ist das Sir Carsten Brax?! Reitet er ein Pferd?! Ja, tatsächlich! Sir Brax kommt auf einem schwarzen Ross in die Arena geritten! Schauen Sie sich das Feuer und die Eleganz des Pferds an!“
Sir Brax saß auf einem imposanten Rappen, welchen er leichthändig neben Sir Gring anhielt. Aus den Nüstern des Tieres schlugen kleine, stechend rote Flammen. Als Sir Brax beide Füße auf den Boden stellte, implodierte das Pferd und gab eine Wolke Fledermäuse frei. Sie flatterten auf die Zuschauer zu und flogen ihnen um die Ohren. Entsetzt schrien diese auf und versuchten mit ihren Händen und energischem Kopfschütteln, die Plagegeister zu vertreiben. Einige schossen sogar die Blutsauger ab, obwohl Magie – egal wie oder womit erzeugt – auf den Zuschauerrängen eigentlich verboten war. Nach ein paar Sekunden wandten sie sich von den Zuschauern ab und flogen aus allen Richtungen auf Sir Gring zu. Die Fledermäuse hüllten ihn kurzzeitig ein, bevor sie schlagartig verschwanden. Sir Brax lächelte seinen überraschten Kontrahenten an und flüsterte: „Was ist los? Hast du Angst?“
Das Licht war verschwunden. Es schien sogar noch etwas dunkler im Stadion geworden zu sein.
„Was für ein Auftritt! Er war fast so gut wie der von Sir Gring, aber eben nur fast!“, meinte Jimmy, mit einem leichten Zittern in der Stimme. „Ich bin gespannt, wie das Duell ausgehen wird! Das Duell vor 101 Jahren, das Einzige des vergangenen Jahrhunderts, ging unentschieden aus. Keiner von Ihnen wird sich an dieses Duell erinnern. Ich erinnere mich auch nicht. Da war ich noch Quark im Schaufenster. Damals brach ein schrecklicher Brand während des Kampfes aus, der durch eine unerlaubte Attacke eines Kämpfers entstand. 8403 Zuschauer und die beiden Kämpfer kamen in den Flammen ums Leben. Damals standen sich die Merlot-Familie und die Gerber gegenüber. Hoffen wir, dass es heute keinen Zwischenfall geben wird, obwohl einige Verschwörungstheoretiker etwas ganz anderes vorhersagen. Aber geunkt wird nicht! Besonders nicht vor so einem wichtigen Kampf. Also, meine Damen und Herren: Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim heutigen Duell und hoffe, dass es unterhaltsam und vielleicht etwas lehrreich war. Mal sehen, wen wir nach dem Kampf zum Magier des Jahrhunderts küren dürfen. Bis später! Ihr Jimmy Bishop auf WWK!“
Sir Brax und Sir Gring standen ungefähr 15 Meter auseinander und sahen sich ausdrucklos an. Auf den Steinboden waren dunkelblaue Kreise gezeichnet, in denen sich jeweils ein Kontrahent kurz vor dem Kampf aufhalten musste.
Sir Carsten Brax’ Kopf hatte schwarze kurze Haare. Sein Gesicht war fast faltenfrei und kein Bart war zu sehen, der typisch für seine Altersklasse gewesen wäre. Er trug einen schwarzen Umhang, darunter ein schwarzes Hemd und eine schwarze Hose. Um seinen Hals hing eine silberne Kette. An ihr war ein Auge befestigt. Es sah echt aus, aber dadurch, dass es die ganze Zeit Sir Gring anstarrte, wirkte es künstlich.
Sir Josel Grings Gesicht zierte ein weißer Vollbart. Weißes langes Haar hing von seinem Haupt bis zur Hüfte herab. Er trug ebenfalls einen Umhang. Dieser war weiß und berührte mit den Spitzen den Boden. Unter ihm trug Sir Gring einen Pullover und eine Hose. Sie besaßen die gleiche reine Farbe wie sein Umhang. Auch er hatte eine Kette umhängen. An ihr war ein silbernes Dreieck mit einem kreisrunden Loch befestigt.
Sir Gring gluckste und sagte: „Schön, dich endlich mal wieder zu sehen, Carsten.“
Sir Brax winkte verächtlich ab und antwortete: „Schade, dass ich dir nicht weiter aus dem Weg gehen konnte.“
Sir Gring lächelte. „Das Gleiche empfinde ich auch, glaub mir. Wie hast du es geschafft, dass du seit unserem letzten Treffen jünger geworden bist?“
„Pah! Nenn unsere flüchtige Begegnung nicht Treffen! Noch nicht einmal flüchtige Begegnung kannst du’s nennen! Das weißt du ganz genau.“ Er verengte kurzzeitig seine braunen Augen zu Schlitzen. „Einem Studierten in weißer und schwarzer Magie muss ich das wohl nicht erklären“, fügte er sehr leise hinzu.
„Bist du immer noch glücklich, dass du in deiner Dynastie geblieben bist?“, fragte Sir Gring leise.
Obwohl es im Stadion nicht sehr hell war, konnte jeder sehen, dass Sir Brax dunkelrot anlief. „Was?! Was ist das für eine Frage? Bist du immer noch der Ansicht, dass man die Dynastien auflösen sollte?“
Sir Gring nickte und antwortete kurz: „Ja.“
Sir Brax bebte vor Wut und schrie: „Du bist ein Narr! Niemals werden wir aufgeben, was unsere Vorfahren aufgebaut haben und niemals werden wir uns mit euch mischen! Wer glaubt, dass diese Stadt ohne Dynastien existieren könnte, der ist ein Dummkopf und ein Schwächling, der irgendeine Ausrede dafür suchen muss, dass er nicht den Adern entstammt oder zu ihnen gehören kann!“
„Nicht nur ich denke so, Braxy. Schon einige aus eurer ersten Ader denken über diese Möglichkeit nach. Du wirst es nicht mehr erleben, aber irgendwann werden auch unsere Dynastien verschwinden.“
Sir Brax schien noch roter zu werden: „Niemals!“ Ihn erzürnten nicht nur die naive Ansicht und die Behauptung von Sir Gring, sondern auch das Wort „Braxy“. In seiner Schulzeit wurde er immer „Braxy“ genannt, weil er leistungsmäßig ein klein wenig schlechter war als der Primus. Und wenn er hinter ihm stand, war er der Kleinere, Braxy eben.
Ein Raunen ging durch die ungeduldigen und angespannten Zuschauer. Sir Brax und Sir Gring zogen unter ihren Umhängen Schwerter hervor.
Plötzlich ertönte eine Stimme im Stadion: „Herzlich willkommen, werte Zuschauer. Das Team von StadionTime begrüßt Sie heute ganz herzlich zu diesem einmaligen Ereignis, wir wünschen Ihnen einen unvergesslichen Abend und exzellente Unterhaltung. Das heutige Duell im Stadium of Shadow bestreiten Sir Carsten Brax und Sir Josel Gring. Es wird nach den Zulassungsregeln des fünften Buches gekämpft, also sind die vier bekannten Elemente Feuer, Wasser, Wind und Erde erlaubt. Zudem dürfen die Duellanten schwarze und weiße Magie verwenden. Es gilt die erste Siegesregel des fünften Buches: Der Gewinner ist der, der am Leben bleibt. Deshalb müssen Sir Carsten Brax und Sir Josel Gring den Ring des Verlierertodes anlegen. Er wird feststellen, ob ein Kämpfer wirklich tot ist und ihn bei Verstoß gegen eine der Regeln des fünften Buches töten.“
Weiße Wolken tauchten vor Sir Brax und Sir Gring auf, die wenig später verpufften und graue, harmlos aussehende Ringe freigaben. Beide griffen nach den in Hüfthöhe schwebenden Ringen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 428
ISBN: 978-3-95840-189-1
Erscheinungsdatum: 10.08.2016
EUR 21,90
EUR 13,99

Herbstlektüre