Science Fiction & Fantasy

Die Bücherei

Konstantin Milz

Die Bücherei

Band 1 - Der Beginn eines großen Abenteuers

Leseprobe:

Dies ist die Geschichte von vier Menschen, die sich an einem bedeutenden Tag begegnen und ein Geheimnis entdecken, von dem nur wenige wissen. Hier beginnt ihr Abenteuer, hier erfüllt sich ihr Schicksal. Willkommen in der Welt der Bücher.

Es war wieder derselbe Traum, derselbe Ablauf. Er stand vor einem Gebäude, dessen Eingang von einer großen hölzernen Doppeltür verschlossen war. Dann ging er auf diese Tür zu, die sich langsam zu öffnen begann und eine Bücherei preisgab, die sich über drei Stockwerke erstreckte. Er ging eine große Holztreppe hinauf, bis er im dritten Stock ankam. Links und rechts erstreckten sich große, mit Büchern gefüllte Regale, doch er interessierte sich nur für ein Regal, für ein Buch. Also ging er los, zielstrebig und wachsam. Nach acht Reihen wandte er sich nach links und ging zwischen zwei Regalen seinem Ziel entgegen. In der Mitte des linken Bücherregals entdeckte er das, was er gesucht hatte. Es war ein großes Buch, von dem eine unerklärliche Anziehungskraft ausging. Er nahm das Buch aus dem Regal und schlug es auf, doch da waren keine Wörter zu sehen, sondern nur leere Seiten. Plötzlich fing das Buch an zu leuchten und schloss die komplette Bücherei in ein gleißendes Licht ein. Er spürte, dass noch weitere Personen mit ihm dort oben anwesend waren, und verlor den Boden unter seinen Füßen.



Kapitel 1
Mittwoch, 11. Juli 2012, 23:00 Uhr

Es war eine stürmische Nacht. Jack Craven saß vor seinem Computer mit einer Tasse Tee in der Hand und war ins Internet vertieft. In einer Nacht wie dieser gab es nichts Besseres für ihn als eine warme Tasse grünen Tee. Ja, so konnte er sich entspannen.

Regen peitschte gegen die Fenster und Blitze teilten den tiefschwarzen Himmel. Kein Licht im Haus war an, nur das Flackern des Monitors erhellte Jacks Zimmer. Wonach er suchte, war eine Erklärung, eine Erklärung für den Traum, der ihn schon seit über einer Woche Nacht für Nacht verfolgte.
Als es begonnen hatte, hatte Jack sich erst nichts dabei gedacht. Doch nach der vierten Nacht war langsam die Unruhe in ihm aufgekommen. Selbst in den Vorlesungen seines Filmstudiums konnte er sich nicht mehr richtig auf den Unterrichtsstoff konzentrieren, denn er dachte nur noch an diese Bücherei, dieses Buch, dieses Licht.
Und heute Nachmittag, als er nach seiner Abschlussprüfung aus der Filmschule zuhause eingetroffen war, da kam ihm dieser Gedanke. Der Gedanke, so verrückt er auch klingen mochte, dass der Traum vielleicht doch etwas zu bedeuten hatte.
Und da saß er nun, hoffend, etwas im Internet zu finden, das ihm weiterhelfen konnte. Das Erste, was Jack wissen wollte, war, ob die Bücherei, von der er träumte, tatsächlich existierte. Da er die Suche etwas eingrenzen wollte, suchte er im Internet nach Bibliotheken in Dusk Town und Umgebung. Dusk Town war eine kleine Stadt in Maryland in den vereinigten Staaten, in der Jack seit zwei Jahren lebte. Und tatsächlich spuckte die Suchmaschine einen Link zu einer Seite aus, die eine Liste von allen Bibliotheken im Umkreis der Stadt beinhaltete.
Jack blätterte die Seiten mit den Namen und Beschreibungen der einzelnen Bibliotheken durch und sah sich Fotos an, welche die Gebäude von außen zeigten. Dann, ein paar Minuten später, fand er sie tatsächlich. Das musste die Bücherei sein, das Foto konnte nicht treffender seine Eindrücke, die er im Traum erlebt hatte, einfangen. Es zeigte das Gebäude, dessen Eingang von dieser altmodischen Tür aus Holz verschlossen war, von außen.
Jack konnte es einfach nicht fassen. Er hatte die Bücherei aus seinem Traum gefunden. Sie war direkt in der Nähe. Ihr Name war St. Samuel Library und sie war alles andere als nur ein Traum.
Um sich von diesem Schock zu erholen, stand Jack auf, ging runter in die Küche und füllte erst einmal seine inzwischen fast leere Teetasse wieder mit heißem Wasser. Danach machte er sich ein Sandwich mit Butter und Marmelade und ging damit und mit dem Tee zurück in sein Zimmer.
Als er sich wieder vor den Computer gesetzt hatte, blickte er noch einmal auf das Foto, das den Eingang der St. Samuel Library zeigte, nur um sicherzugehen, dass er sich das Ganze nicht eingebildet hatte. Während er sein Sandwich aß, las Jack sich die Beschreibung der Bücherei durch:

„Die St. Samuel Library wurde im Jahre 1842 in Sullivan Creek, Maryland, eröffnet und hat ihren Platz am Rande der Stadt im Westen. Seitdem erfreut sich die Bücherei großer Beliebtheit und ist stets gut besucht. Auf Wunsch des Gründers wurde das Gebäude nie modernisiert, und so behielt es bis heute seine altertümliche Atmosphäre, was es zu einer beliebten Sehenswürdigkeit bei Touristen, die Sullivan Creek besuchen, macht. Einen großen Besucheransturm gab es im Jahre 1962, als über Nacht plötzlich mysteriöse Zeichen und Symbole auf den Außenwänden der Bücherei erschienen. Die Ursache für diese Zeichen konnte bis heute nicht eindeutig bestimmt werden, was die Tür für viele Spekulationen und Theorien geöffnet hat. Manche Stimmen behaupten gar, die Bücherei wäre an einem der unzähligen Energiezentren errichtet worden, die überall auf unserer Erde existieren sollen.
Die St. Samuel Library bietet für jeden Leser das richtige Buch, sie ist in drei Stockwerke unterteilt, beinhaltet momentan um die 400 000
Bücher und wird in den nächsten Jahren natürlich um viele weitere spannende Werke aus aller Welt erweitert.
Besuchen Sie die St. Samuel Library, lassen Sie sich von ihrem Zauber gefangen nehmen und dazu verleiten, sich ein Buch zu schnappen und sich in die weiten Welten der menschlichen Fantasie entführen zu lassen. Sie werden es sicher nicht bereuen.“

Wenn Jack ehrlich mit sich selbst war, dann hatte er sich nie sonderlich mit Themen auseinandergesetzt, die über das Materielle hinausgehen. Andererseits hatte er aber auch keine bestimmte Einstellung zum Leben und war immer offen für neue Erfahrungen und Erkenntnisse. Seit seinem immer wiederkehrenden Traum allerdings, und vor allem jetzt, da er herausgefunden hatte, dass diese Bücherei tatsächlich existierte, wuchs in ihm das Bewusstsein, dass es da noch etwas geben musste. Vor allem seiner Neugier konnte er nicht mehr entfliehen.
Nachdem er sich also die kurze, aber sehr interessante Zusammenfassung der Geschichte der Bücherei durchgelesen hatte, nahm Jack einen Schluck Tee, biss in sein Sandwich und traf eine Entscheidung, nämlich die Traumwelt zu verlassen und der St. Samuel Library einen Besuch abzustatten.
Sullivan Creek war die Nachbarstadt östlich von Dusk Town. Auf einer Karte im Internet konnte Jack erkennen, dass die St. Samuel Library an einen Wald grenzte, der eine direkte Verbindung zu Dusk Town herstellte. Das hieß also, dass er einfach nur dem Waldweg, der von Dusk Town nach Sullivan Creek führte, folgen musste und irgendwann auf die Bücherei treffen sollte. Ein bisschen seltsam fand Jack es schon, dass eine Bücherei direkt neben einem Wald und noch dazu am Stadtrand gebaut war. Aber mal ganz ehrlich, seine Träume waren in letzter Zeit auch nicht gerade normal gewesen.
Da sein Entschluss nun endgültig feststand, schaute Jack noch nach den Öffnungszeiten der Bücherei und sah, dass sie morgen von 08:00 bis 18:00 Uhr geöffnet hatte. Na, das traf sich doch ganz gut – seine letzte Prüfung in diesem Semester fand am Donnerstag von 11:00 bis 13:00 Uhr statt, da konnte er noch in aller Ruhe nachhause fahren, zu Mittag essen und sich danach auf den Weg nach Sullivan Creek machen. Wenn das Wetter noch mitspielen sollte, dann würde es morgen wohl ein aufregender Tag werden, denn Jack freute sich nicht nur darauf, endlich die Bücherei aus seinem Traum in der wirklichen Welt zu sehen, sondern hoffte auch auf ein paar Antworten, die erklären konnten, wieso er diese Träume hatte.
Jack schaute auf die Uhr und stellte fest, dass es schon fast 01:00 Uhr morgens war. Er musste um 08:00 Uhr in der Filmschule zu seiner ersten Prüfung erscheinen, es war also höchste Zeit, schlafen zu gehen, um den nächsten Tag nicht wie ein wandelnder Zombie zu verbringen. Also fuhr Jack den Computer herunter, ging in die Küche, legte die leere Tasse und den Teller in die Spülmaschine und ging wieder die Treppen hinauf. Im Badezimmer, das neben seinem Schlafzimmer lag, putzte er sich noch die Zähne und dachte darüber nach, ob er diese Nacht wieder von der Bücherei träumen würde. Doch dann ließ er diesen Gedanken fallen und beschloss, es einfach auf sich zukommen zu lassen, denn schließlich war morgen der Tag der Wahrheit. Und wenn der Traum wiederkommen sollte, dann würde er es schon verkraften. Also ging Jack, nachdem er alles erledigt hatte, endlich in sein Schlafzimmer und legte sich ins Bett. Es dauerte nicht lange, bis er in einen tiefen Schlaf fiel …

Die Waldstraße nahm kein Ende. Er schien in einer Art Schleife gefangen zu sein. Egal, wie sehr er sich anstrengte, egal, wie schnell er lief, der Wald schien kein Ende zu nehmen. Doch dann tauchte vorne ein kleiner Punkt auf, der mit der Zeit immer größer wurde. Anstatt dem Ende einer Waldstraße entgegenzulaufen, lief er einem Gebäude entgegen. Das Gebäude wurde immer größer und größer und schließlich kam er vor dessen Eingang zum Stillstand. Die großen Holztüren öffneten sich langsam und quietschend, aber was dahinter zum Vorschein kam, war nicht das Innere einer Bücherei, nein, es war ein Lichtstrahl, der blendend hell in seine Richtung fiel. Er näherte sich diesem Lichtstrahl, von dem eine ungewöhnliche Anziehungskraft ausging. Immer näher kam er dem Gebäude und war fast schon über die Türschwelle und in die Quelle des Lichtes getreten, da hörte er einen Schrei – es war der Schrei eines Mädchens, das etwas rief, doch er konnte nicht genau verstehen, was. Der Boden unter seinen Füßen begann zu vibrieren, der Schrei wurde immer lauter und das Letzte, was Jack Craven hörte, bevor er aus seinem Traum erwachte, war: „HILFEEEEE …!“
Donnerstag, 12. Juli 2012, 06:30 Uhr
Der Wecker startete seine Weckparade um Punkt 06:30 Uhr in der Früh. Nur war Jack nicht vom Geräusch des Weckers aufgewacht. Er saß schon seit knapp einer viertel Stunde schwitzend und kerzengerade auf seinem Bett und dachte darüber nach, was er heute Nacht geträumt hatte. Vielmehr hatte der Wecker ihn aus seinen Gedanken gerissen und ihm einen gewaltigen Schrecken eingejagt.
Noch nicht ganz vom Geträumten erholt, ließ er sich langsam wieder in sein Bett sinken, streckte seinen rechten Arm in Richtung des Nachtschränkchens aus und ließ den Wecker verstummen. So lag er noch weitere zehn Minuten in seinem Bett, um ein wenig zu sich zu kommen. Die Stimme dieses Mädchens – hatte sie etwas zu bedeuten? War sie vielleicht in Gefahr? Jack hoffte auf eine Antwort, wenn er die Bücherei endlich finden würde. Er stand auf, zog sich an und ging schlurfend und gähnend in Richtung Küche. Was er jetzt mehr als alles andere brauchte, um richtig aufzuwachen, war eine schöne warme Tasse Tee.
Er ging die Treppen hinunter, wandte sich nach links und der Küche zu. Rechts neben dem Kühlschrank stand auf der Küchenanrichte der Wasserkocher, den er sogleich einschaltete. Das Wasser begann langsam zu kochen, während Jack aus dem Hängeschrank darüber eine Tasse holte. Nachdem der Kocher seine Arbeit erledigt hatte, warf Jack einen Beutel grünen Tee in die Tasse und goss sie voll mit heißem Wasser. Er ließ den Tee ziehen und ging währenddessen wieder nach oben ins Badezimmer, wo er sich die Zähne putzte und duschte.
Nach der Dusche fühlte sich Jack wie neugeboren und war auch schon fast wieder hellwach, trotz der nur gut fünf Stunden, die er heute geschlafen hatte. Als er in den Badezimmerspiegel sah, schaute ihn ein ernster, vielleicht auch ein bisschen nervöser, dreiundzwanzig Jahre junger Mann an. Er kämmte sein kurzes schwarzes Haar, benutzte sein Lieblingsdeo und ging zufrieden aus dem Badezimmer. Unten in der Küche nahm er seine Tasse Tee und wollte damit an die frische Luft gehen.
Vor der Haustür bemerkte Jack, dass das rote Lämpchen vom Anrufbeantworter, der rechts neben dem Telefon auf einer kleinen Kommode stand, leuchtete. Er drückte auf den Abspielknopf und hörte die Nachricht ab, die man ihm heute Nacht hinterlassen hatte:

„Hallo Jack, hier ist deine Mutter. Ich weiß, dass es spät ist und du schläfst wahrscheinlich schon, aber ich konnte leider nicht früher anrufen, da ich noch bis spät in die Nacht in der Uni beschäftigt war und ein paar Abschlussarbeiten korrigieren musste. Ich rufe dich an, weil ich morgen Abend wieder zu Besuch komme. Falls es etwas Wichtiges gibt, worüber du mit mir sprechen möchtest, kannst du mich auf meinem Handy erreichen. Bis dahin wünsche ich dir viel Erfolg bei deinen Prüfungen. Ich bin sehr stolz auf dich, mein Junge. Bis bald.“

Als die Nachricht zu Ende war, wandte Jack sich der Haustür zu und ging nach draußen, wo er den vorbeiziehenden Leuten zuschaute, die mit ihren Fahrrädern, zu Fuß oder mit dem Auto zur Arbeit fuhren, in die Schule unterwegs waren oder einfach nur spazieren gingen.
All diese Menschen hingen ihren alltäglichen Gedanken nach, hatten keine Visionen von Büchereien und hellen Lichtern, schreienden Mädchen und wackelnden Böden.
Jack freute sich über die Nachricht seiner Mutter. Monica Craven war Professorin an einer großen Universität in New York und hielt dort Vorlesungen im Studienfach Archäologie. Vor zwei Jahren war Jack von New York in das Haus seiner Großeltern in Dusk Town gezogen. Alle paar Monate besuchte ihn seine Mutter am Wochenende, um sich zu vergewissern, dass es ihm gut ging. Jeden Monat überwies sie ihm eine Kleinigkeit auf sein Konto, damit er sein Studium finanzieren konnte und immer einen vollen Kühlschrank vorzuweisen hatte, ohne sich mit Nebenjobs beschäftigen zu müssen, um sich so voll auf das Studium konzentrieren zu können. Dafür war Jack seiner Mutter sehr dankbar. Auf ihren Besuch freute er sich bereits jetzt, denn Monica war eine ausgezeichnete Köchin und bereitete immer leckere Gerichte zu. Außerdem war er schon gespannt darauf, mit welchen neuen Geschichten und Erlebnissen sie diesmal aus New York zurückkommen würde.
Jack trank seinen Tee zu Ende. Ein bisschen nervös war er schon, und das nicht nur wegen seiner Abschlussprüfungen, denn schließlich war heute der Tag, an dem er einen Ausflug ins Unbekannte unternehmen würde. Doch vorher musste er es erstmal schaffen, rechtzeitig zu seiner ersten Prüfung zu erscheinen. Es war jetzt 07:30 Uhr, also hatte er noch Zeit, denn die Filmschule war, was für ein Glück für Jack, nur ein paar Straßen weiter. Er ging nochmal nach oben in sein Zimmer und holte dort seine Tasche, wo er all seine Bücher, Blöcke und Schreibwerkzeuge lagerte, von denen er im Studienalltag Gebrauch machte.
Draußen auf der Straße folgte er links einem Weg, der direkt von seinem Haus zur Filmschule führte, und nach etwa zehn Minuten war sie auch schon in Sicht. Ein paar Minuten vor Prüfungsbeginn saß Jack in einer der hinteren Reihen und wartete wie alle anderen auf den Professor, der die Aufgabenblätter für die erste Theorie-Prüfung des Tages im Fach Spielfilmregie verteilen würde. Die zweite und somit letzte Prüfung des Semesters würde im Fach Grundlagen der Produktion um 11:00 Uhr beginnen und so wie alle anderen Prüfungen zwei Stunden dauern. Dieser Tagesablauf verlief jetzt schon seit Montag so und würde heute nach der insgesamt achten Prüfung zum Abschluss kommen.
Die praktische Abschluss-Prüfung war vor etwa zwei Wochen beendet worden. Hierzu hatten die Studenten über das gesamte Semester Zeit, einen Kurzfilm nach einem vorgegebenen Thema zu erstellen und abzugeben. Die drei besten Kurzfilme würden am Ende mit besonderen Preisen ausgezeichnet werden. Da die Filmschule jedem Studenten kostenloses Equipment zur Verfügung stellte, nutzte Jack dieses Angebot mit Freuden. Für die heutigen Theorie-Prüfungen hatte er sich jedenfalls gut vorbereitet, deshalb war er zuversichtlich, diese mit Erfolg zu bestehen. Wie alle anderen freute er sich natürlich auch auf die anstehenden Semesterferien, die bis Anfang Oktober andauern würden.
Und so verging auch der heutige Tag an der Filmschule ohne große Vorkommnisse. Nach der letzten Prüfung machte Jack sich sogleich wieder auf den Weg nachhause, da er noch ein paar Vorbereitungen zu treffen hatte.
15:07 Uhr, vor Jacks Haus
Das Fahrrad stand bereit, Jack hatte sich den Weg zur St. Samuel Library gemerkt, zu Mittag gegessen und die Haustür abgeschlossen. Sein Handy hatte er absichtlich zuhause gelassen, damit er sich voll und ganz und ohne Ablenkung seiner Unternehmung widmen konnte. Er ging auf sein Fahrrad zu und setzte sich drauf, atmete ein paar Mal tief durch und fuhr los. Am Ende der Einfahrt zu seinem Haus bog er nach rechts und folgte der Straße. Der Weg zum Wald war nicht schwer zu finden, da man eigentlich immer nur geradeaus fahren musste. Fünfzehn Minuten später war auch schon auf der linken Seite der Straße ein Feldweg in Sicht, dem Jack folgte, bis er einen Wald erreichte. Ein Holzschild, das vor dem Eingang des Waldes befestigt war und die Aufschrift Sullivan Forest trug, bestätigte, dass er hier richtig war. Etwa eine halbe Stunde lang folgte er dem Waldweg, bis dessen Ende in Sicht kam und er sich noch einmal an den Traum von heute Nacht erinnerte, was ihm eine gehörige Gänsehaut bescherte. Doch es war keine Bücherei, die auf Jack zukam, sondern drei Fahrradfahrer, die in die entgegengesetzte Fahrtrichtung unterwegs waren, ein Mann, eine Frau und ein Kind. Das waren die einzigen Menschen, denen er im Sullivan Forest begegnet war. Einige Augenblicke später war der Wald zu Ende und Jack wurde langsamer, bis er schließlich ganz zum Stillstand kam, von seinem Fahrrad stieg und mit offenem Mund nach links schaute.
Er erblickte ein Gebäude, das vielleicht zehn Meter vom Wald entfernt stand. Vor dem Eingang, dessen Holztüren offenstanden, tummelten sich diverse Besucher, und darüber war ein Schriftzug ins Holz des Gebäudes eingraviert, der die endgültige Gewissheit brachte. Es war der Name der Bücherei: St. Samuel Library.
Die Gänsehaut war wieder da, nur diesmal war sie um ein Vielfaches stärker, und ein überwältigendes Gefühl breitete sich in Jacks Körper aus. Langsam ging er auf das Gebäude zu und beobachtete die Menschen, die in die Bücherei hinein- und aus ihr herausgingen, sich draußen unterhielten oder mit den ausgeliehenen Büchern nachhause fuhren. Von außen war das Gebäude noch beeindruckender, als er es aus seinen Träumen in Erinnerung hatte, und bestand allem Anschein nach komplett aus Holz. Die quadratischen Fenster waren mit dunkelblauen Vorhängen geschmückt, altertümliche Symbole, von denen Jack bereits im Internet gelesen hatte, zierten die Holzwände und der Duft von Büchern wehte vom Eingang her in seine Nase.
Nachdem er sein Fahrrad in der Nähe des Eingangs abgestellt hatte, betrat Jack zum ersten Mal die St. Samuel Library. Die Eingangshalle war groß, nördlich stand ein Empfangsschalter, besetzt mit zwei jungen Frauen. Jack ging direkt darauf zu und begutachtete unterwegs die schönen Bücherregale, die links und rechts aufgereiht und mit Büchern gefüllt geradezu auf die Leserschaft zu warten schienen. Dabei fiel ihm auf, dass die Bücherregale zum Teil über drei Meter hoch waren. An den Seiten dieser riesigen Regale waren Leitern befestigt, an denen man hochklettern konnte, um das gewünschte Buch zu bekommen. Oberhalb des Empfangsschalters hing eine Uhr, die ebenso antik und schön aussah wie die Bücherei selbst. Dem gesamten Gebäude sah man sein Alter nicht im Geringsten an. Jack vermutete, dass für dessen Bau ein spezielles Holz Verwendung gefunden haben musste.
Am Empfangsschalter wandte sich eine der Angestellten, deren Namensschild den Namen Tracy Blake preisgab, Jack zu.
„Guten Tag. Willkommen in der St. Samuel Library. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte sie mit einem netten
Lächeln.
„Hallo, mein Name ist Jack Craven, ich besuche heute zum ersten Mal diese Bücherei und würde gerne mehr über sie erfahren. Gäbe es da die Möglichkeit einer Besichtigungstour?“
„Lassen Sie mich mal überlegen“, antwortete Tracy mit einem nachdenklichen Blick. „Unsere letzte Führung durch die St. Samuel Library ist noch nicht so lange her, aber ich denke, Sidney Woods, unsere Bibliothekarin, würde sich bereit erklären, Ihnen die Bücherei vorzustellen. Sie müsste gerade im zweiten Stock sein. Da Sie ja zum ersten Mal hier sind, werde ich Sie dorthin begleiten.“
Tracy kam hinter dem Empfangsschalter hervor und führte Jack nach links zu einer großen Treppe. Rechts daneben gab eine Tafel Informationen über die einzelnen Stockwerke preis:

Erdgeschoss
Abteilungen für Kultur, Geschichte, Religion und Politik

1. Stockwerk
Abteilung für Kinderbücher

2. Stockwerk
Abteilungen für Bildung, Beruf und Wissenschaft

3. Stockwerk
Abteilung für Romane

Tracy und Jack stiegen die Treppen hinauf, bis sie im zweiten Stockwerk angekommen waren. Die einzelnen Abteilungen waren sauber voneinander getrennt und vor jeder Abteilung hing ein Schild an der Decke, von dem man entnehmen konnte, wo man sich gerade befand.
„So, Mr. Craven, da wären wir. Sidney müsste in der Abteilung für Wissenschaft sein, wo sie die Regale mit den neuen Büchern füllt, die wir heute Morgen bekommen haben. Sie müssen einfach nur geradeaus gehen, bis Sie das Schild an der Decke sehen, das die Abteilung ankündigt. Es ist nicht zu verfehlen.“
Jack bedankte sich, Tracy machte kehrt und ging wieder zurück in das Erdgeschoss. Also ging Jack alleine weiter. Auf dem Weg zur Wissenschaftsabteilung sah er die vielen Besucher, die neugierig Bücher aus den Regalen entnahmen, an einer der zahlreichen Leseecken einen Roman lasen oder einfach nur durchblätterten. Als die gesuchte Abteilung in Sicht kam, sah er dort ein paar Reihen weiter an einem der Regale eine junge Frau, die Bücher einsortierte. Er kam ihr näher und sah ihr Namensschild, auf dem stand: Sidney Woods, Bibliothekarin.
Sidney bemerkte, dass Jack neben ihr stand, legte die Bücher, die sie noch in der Hand hatte, auf den Stapel am Boden und wandte sich ihm zu.
Jack konnte sich nicht gerade damit rühmen, etwas von Frauen zu verstehen, geschweige denn, je mit einer ausgegangen zu sein. Sein bisheriges Leben hatte ihm bisher leider keine Gelegenheiten für solche Annehmlichkeiten gegeben. Als er jedoch in Sidneys wunderschönen, haselnussbraunen Augen sah, konnte er ihrem Zauber kaum widerstehen. Noch dazu das schulterlange, dunkelbraune Haar, eine tolle Figur, und sie war obendrein noch sehr hübsch und … Reiß dich zusammen, Jack, du bist hier, um eine Antwort auf deine Visionen zu finden.
„Hallo, kann ich Ihnen helfen?“, fragte Sidney freundlich.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 278
ISBN: 978-3-948379-32-2
Erscheinungsdatum: 21.01.2020
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 22,90
EUR 13,99

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