Science Fiction & Fantasy

Der Kampf um R'aak

Gesa Wolkenhauer

Der Kampf um R'aak

Leseprobe:

Prolog

Er saß auf einem Stein und lächelte sie an. Eigentlich hätte sie Angst haben müssen, wie bei so vielem, wovor sie sich fürchtete, aber die Lichtung, auf der sie sich befanden, strahlte eine Ruhe aus, die sie nicht an Furcht oder Angst denken ließ. Alles auf der Wiese war grün und leuchtete, als würde die Sonne heute extra viel Licht spenden. Und doch war ihr überhaupt nicht heiß, geschweige denn warm. Die Lichtung war voll von hohen Gräsern und Sträuchern, die mit vielen Tautropfen gesprenkelt waren, in denen sich das Licht brach und alles noch mehr glitzern ließ.

Er lächelte sie das zweite Mal an und streckte die Hand nach ihr aus. Zuerst verstand sie diese simple Geste nicht. Viel zu verwirrend war das alles hier. Wo war sie überhaupt? Konnte sie ihm vertrauen? Wer war er? Nach kurzem Zögern ging sie auf ihn zu, langsam und vorsichtig, so als würde sie jeden Moment etwas angreifen und von der Schönheit vor ihr wegzerren. Nein, sie wollte nicht solche Gedanken haben, vor allem nicht an so einem friedlichen Ort. Doch ihr Instinkt befahl ihr, sich sofort umzudrehen, nur einmal zu schauen, ob dort auch wirklich nichts war, aber sie konnte es nicht. Es war, als würde etwas sie hypnotisieren. Sie war stocksteif und konnte nicht anders, als vorwärtszugehen. Entweder die Person vor ihr oder die Lichtung, wo alles so ruhig da lag, hatte etwas damit zu tun. Warum war es so still hier? Kein Tier war zu hören, nicht einmal die Blätter bewegten sich, obwohl sie einen leichten Windhauch auf ihrer Haut spürte. Der Abstand zwischen ihr und der geheimnisvollen Gestalt wurde immer kleiner. Ungefähr noch zehn oder zwölf Meter waren zwischen ihnen. In dieser Entfernung konnte sie ihn erst richtig erkennen. Langsam wanderte ihr Blick von unten nach oben: Er hatte eine knielange, zerfranste Hose an, Schuhe oder Oberteil besaß er nicht. Er hatte schwarze, zerzauste Haare, die ihm bis über die Schultern hingen. Sein Gesicht war fein geschnitten, die Augen hatten einen matten Goldton und sahen neben der spitzen Nase klein aus. Sein Mund war groß und die Lippen waren trotz seines Lächelns fast gar nicht zu erkennen. Trotzdem war er wunderschön. Sie konnte keine kleineren Details erkennen, da er im Schatten eines Baumes saß. Unnatürlicherweise war der Schatten fast rabenschwarz. Ihr Blick glitt auf seine Hand, die noch immer nach ihr ausgestreckt war. Jetzt fiel ihr auf, dass die Finger nicht richtig auf sie zeigten, sondern auf den Boden … auf ihre Füße. Sie versuchte, stehen zu bleiben, doch es gelang ihr nicht. Ihre Füße gingen immer weiter auf die Gestalt zu, als ob sie ihre Trägerin nicht mehr wahrnahmen. „Nein!“, schrie sie: „Hör auf damit, lass das … ich will das nicht!“ Panik überkam sie und ließ ihre Stimme höher klingen. Sie versuchte, sich irgendwo festzuhalten, aber ihre Hände griffen nur ins Leere. Als sie den Blick wieder auf ihn richtete, hatten sich seine schmalen Lippen zu einem triumphierenden Lächeln verzogen. Zwei Meter vor dem Stein ließ er sie stehen bleiben. Er senkte die Hand und sie spürte, wie sie die Kontrolle über ihre Füße wiederbekam. „Was sollte das?“, schrie sie ihn an. „Wieso machst du so was? Lass das sein!“ Niemand kann jemanden dazu zwingen, auf so eine Art zu einem zu kommen.

Er schon, dachte sie. Mit einem Lächeln im Gesicht, als wäre es das Einfachste und Leichteste auf der Welt. „Wer bist du?“ Sie versuchte, ruhiger zu werden. Er lächelte sie an, gab aber keine Antwort. Es hat keinen Zweck, er will nicht mit dir reden. Sie drehte sich um und wollte weggehen, da hörte sie ein Rascheln hinter sich. Was wollte er bloß von ihr? Sie blieb stehen und lauschte; er schien vom Stein heruntergerutscht zu sein. Seine leisen Schritte im Gras verrieten ihr, dass er langsam auf sie zukam, dann blieb er stehen. Sie konnte ihn nicht sehen, doch seine spürbare Präsenz ließ sie unangenehm erschauern. Zögernd wandte sie sich um. Fast hätte sie sich nicht getraut, doch noch weniger traute sie ihm. Er wurde noch immer vom Schatten versteckt, und auch wenn er ihr näher gekommen war, konnte sie nichts Feindseliges oder Gefährliches an ihm erkennen. „Ich möchte dich ganz sehen. Komm her und zeig dich. Ich finde, ich habe ein Recht darauf, nachdem du mich gegen meinen Willen zu dir gebracht hast.“ Sie wollte wissen, was oder wer er war. Er nickte ihr zu und trat langsam aus dem Schatten heraus. Er war noch muskulöser, als sie erwartet hatte. Sein Gesicht war heller als der Rest seines Körpers, deswegen konnte sie es im Schatten so deutlich erkennen. Es leuchtete! So als würde ein Licht von innen aus ihm heraus strahlen. Doch das, was sie am meisten überraschte, waren die Flügel, die er hinten auf dem Rücken hatte und die sich jetzt gegen das Licht abzeichneten. Schwarze Flügel, die aus Hunderten von kleinen Federn bestanden und ihn um ein paar Zentimeter überragten. Sie hatte sie im Schatten nicht gesehen. Er breitete sie aus und strahlte dabei etwas Stolzes aber auch sehr Surreales aus. Alles hier war für sie überaus unreal, und die Flügel machten es nicht gerade besser. Er starrte sie an. Nicht mehr mit diesem nervtötenden Lächeln, sondern mit ernster Miene. Sie bekam immer mehr Angst, und Unbehagen machte sich in ihr breit. Er wirkte so groß und stark, und sie, im Gegensatz zu ihm, klein und schmächtig. Er machte einen Schritt auf sie zu. Noch einen. Sie wich zurück. Die Panik, die sie vorhin schon empfunden hatte, kam zurück. Sie wirbelte herum und rannte. Sie wollte so schnell es ging weg von diesem verstörend ruhigen Ort, weg von ihm, seinem Gesicht, diesen Flügeln, den starrenden, goldenen Augen, sie wollte einfach weg. Sie rannte und rannte und … sie fiel hin. Der harte Aufprall kam so urplötzlich, dass es ihr die Luft aus den Lungen presste und sie eine kurze Weile brauchte, bis sie wieder beisammen war. Benommen schaute sie sich um. Kein Stein oder Stock lag hinter ihr, worüber sie hätte stolpern können. War es sein Werk?! Nicht schon wieder! Er hatte sich nicht von der Stelle bewegt, eigentlich hatte er sich gar nicht bewegt. Nur seine Hand war wie vor ein paar Minuten erhoben und zeigte auf sie. Sie wusste, dass sie schon wieder in seinem Bann war. Gefangen von seiner Kraft, unfähig sich zu bewegen. „Guten Morgen“, sagte er und lächelte sie böse an. „Aufstehen Prinzessin, Ihr kommt zu spät!“
Alina schlug die Augen auf. „Morgen. Schön, dass Ihr wach seid. Euer Vater wollte wissen, warum Ihr noch nicht im Speisesaal seid. Ich habe Euch ein Seidengewand herausgelegt.“ Alina starrte ihre Zofe verständnislos an. Sie war immer noch von dem Traum betäubt. „Geht es Euch gut? Ihr seht ganz blass aus. Habt Ihr Fieber?“ „Nein … nein, es ist … alles in Ordnung. Ähm … richtet meinem Vater aus, dass ich gleich kommen werde.“ „Gewiss“, die Zofe ging leise aus dem Zimmer und schloss die Tür mit einem leisen Klicken hinter sich. (Prolog Ende)


1

„Komm schon, so unheimlich war der Traum jetzt auch wieder nicht.“ Wolf sprang auf den Boden und streckte sich. Wolf war Alinas Schattendämon. Nur wenige bekamen einen, und sie war stolz auf ihren, der, wie sein Name schon vermuten ließ, ein stattliches Ebenbild eben dieses Tieres war. Seine eindringlichen grünen Augen musterten sie skeptisch. Sie gähnte und streckte sich. Langsam kam sie wieder zurück in die reale Welt. „Ja, ich weiß. Aber dieser Blick und … er konnte mich festhalten, also meine Füße …“ Sie stieg kopfschüttelnd aus ihrem Himmelbett und ging zu einer Kommode, holte einen vergoldeten Kamm hervor und bürstete sich ihr Haar. Dann ging sie zu dem Sofa mit dem kleinen Tischchen. Alina nahm das Gewand, das über der Armlehne lag, und zog es sich an. Wie fast alles in ihrem Zimmer war es lila. Dies war schon seit Jahrtausenden die Farbe ihres Volkes, den Schattenbändigern. „Komm jetzt, wir sind eh schon zu spät dran.“ Alina verließ ihr Gemach, folgte dem langen Korridor und ging die Treppe hinunter. Die Wände waren voll mit Gemälden, und überall standen kleine Podeste mit Statuen darauf. Der Fußboden im Korridor war aus feinstem Marmor, und die Treppe war mit lila Stoff überzogen. Sie betrat die Eingangshalle. Hier unten war viel mehr los als oben im ersten Stock, wo sich die privaten Gemächer befanden. Überall liefen Diener und Zofen umher. Sie brachten Essen und trugen leere Tabletts zurück in die Küche. Alina bog nach rechts ab und folgte ein paar Zofen, die gerade verschiedene Tücher und Blumen trugen. Nach wenigen Metern durch den verwinkelten Flur blieb sie vor einer Tür stehen, zupfte sich ihr Gewand noch einmal zurecht und betrat dann den Speisesaal. Sie hatte erwartet, dass auch hier jede Menge Diener umherliefen und Essen und Getränke verteilten, doch abgesehen von dem täglichen Gewusel der Angestellten war hier niemand. Die große Tafel war leer, nichts war darauf. Wolf war, seit sie ihr Zimmer verlassen hatte, in ihr drinnen und kam nun heraus. Wolf ist ein Teil ihrer Seele und kann so entweder in oder neben ihrem Körper existieren. Beim Wechsel in oder aus dem Körper tat sich keiner von den beiden weh. Er ging mit der Nase am Boden entlang und schnüffelte herum: „Sie müssten aber kurz hier gewesen sein.“ „Und wo sind sie jetzt?“, fragte Alina ihren Dämon. „Das kann ich Euch sagen, meine Hoheit.“ Alina drehte sich zur Tür um. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass jemand zu ihnen gekommen war. Es war der oberste Minister. Er war ein etwas runder Mann, der ein hohes Ansehen hatte. Sein ebenso rundes Gesicht zeigte vom langen Arbeitsdienst eine gewisse Ernsthaftigkeit. Er hatte kluge runde Augen und eine dazu passende niedrige Stirn. Seine Haare standen ihm etwas strubblig ab, was ihm ein recht sympathisches Aussehen verlieh. Seine dunkellila Kutte fiel wallend auf den Boden, und eine goldene Kordel war darüber um seinen Bauch gebunden. Als Minister trug er den typischen dunklen Umhang, der nur bis zu den Ellenbogen ging und vorne mit einer goldenen Brosche zusammengehalten wurde. Alinas Vater holte sich meistens seinen Rat, wenn er Hilfe brauchte. Wahrscheinlich war es die ruhige und stille Art, die den Minister umgab, die dazu führte, dass jeder ihm schnell sein Vertrauen schenkte. „Guten Morgen Len, wo …“, weiter kam sie nicht, denn der Minister fing sofort an, sie zu unterbrechen. Das entsprach überhaupt nicht seiner Art. „Guten Morgen Prinzessin. Verzeiht mir, dass ich Euch unterbrechen muss, aber der König erwartet Euch im Sitzungsraum. Folgt mir bitte.“ Bei den letzten Worten machte er auf dem Absatz kehrt und ging davon. Alina folgte ihm. Sie gingen den Flur zurück, die Treppe nach oben und den Korridor entlang, der sich gegenüber von dem Gang befand, wo Alinas Zimmer lag. „Was ist passiert?“, fragte sie den Minister. Der Sitzungsraum wurde nur benutzt, um wichtige Themen zu besprechen, darunter auch das Vorbereiten von Festen oder Treffen mit wichtigen Persönlichkeiten aus anderen Reichen. „Das wird Euch Euer Vater erklären“, sagte Len. Sie standen jetzt vor einer großen, braunen Holztür. Der Minister klopfte zweimal dagegen, und sie wurde von innen geöffnet. Sie betraten den Raum, der mehr einem Saal ähnelte. Er war groß und hatte zahlreiche Fenster, die mit hellen Vorhängen ausgestattet waren. Im ganzen Raum standen Pflanzen und wieder Podeste mit Figuren, die alle ein anderes Tier darstellten. Die Wände und der Boden waren aus unterschiedlichem Holz und die Decke war so bemalt, dass man die ganze Welt als eine Scheibe sah. In der Mitte war, wie unten im Speisesaal, ein langer Tisch mit vielen Stühlen. Auf jedem Einzelnen saß eine wichtige Person, und an der Stirnseite war ein etwas größerer Stuhl, auf dem der König saß. Er schaute mit angestrengter Miene auf einen Zettel. Es war sehr leise, als der Minister Alina zu ihrem Platz an der rechten Seite ihres Vaters brachte. Alina versuchte, so wenig Geräusche zu machen, wie es möglich war. Der Minister stand schon zur Rechten des Königs und blickte ihn erwartungsvoll an, während Alina sich ihrer Mutter gegenüber hinsetzte. Sie sagte nichts und starrte mit blauen Augen und bleichem Gesicht auf ihren Mann. In ihre sonst so schönen, sanften Gesichtszüge hatten sich tiefe Sorgenfalten gegraben. Langsam begannen Zweifel an Alina zu nagen. Was war passiert, dass alle wichtigen Personen so früh am Morgen hier waren? Selbst die zwei Weisen waren anwesend, was sehr seltsam war, denn diese bevorzugten es, eher alleine zu sein. Uhu, der Schattendämon ihres Vaters, saß auf der Schulter des Königs. Ihr Vater war ein etwas stämmiger Mann, aber keineswegs dick. Er war sehr groß und hatte muskulöse Arme. Sein rundliches Gesicht war umschlossen von etwas längerem, braunem Haar, und durch den ausgeprägten Vollbart konnte man nur noch den oberen Teil seines Gesichts erkennen. Seine Stirn lag in Falten, so als müsse er sich sehr stark konzentrieren. Doch seine Augen zeigten Furcht und Entsetzen. Es machte zusammen einen fast schon amüsanten Eindruck, aber obwohl sie eine Frohnatur war und Lachen so zu ihr gehörte wie die Sonne am Himmel, war Alina nicht nach Lachen zumute. Die Angst und Spannung, die förmlich in der Luft lagen, erdrückten sie fast. Wolf wusste es schon, bevor sie ihn in Gedanken fragte. Es entlockte ihr ein kurzes Zucken mit den Mundwinkeln. Es ist immer praktisch, einen Teil seiner Seele zu haben, mit dem man selbst in Gedanken reden kann. Vor allem in einer Situation wie dieser, wo alles sehr leise ist. So gesehen ist ein Schattendämon gar nicht der zweite Teil einer Seele. Viel mehr ist es so, dass der Dämon der Mensch ist und der Mensch der Dämon. Die Seele erscheint dann in zwei Lebewesen, die miteinander für immer verbunden sind. Wolf verband sich im Geiste mit Uhu, und sie begannen in der Sprache der Schatten zu sprechen. Es hörte sich wie leises Murmeln an, wie ein Luftzug, das Heulen eines Windes und mit Widerhall, so als würden hundert Geisterstimmen dazwischen reden. Alina hörte das Gespräch in ihrem Kopf mit, in dem Wolf die Schattensprache gleichzeitig übersetzte. „Was ist passiert?“ „Etwas Schreckliches. Es ist … alle haben gedacht, dass es nie vorkommen würde. Warum sollte es auch. Seit Jahren ist auf beiden Seiten Waffenruhe.“ Alina zog eine Augenbraue hoch. Um welchen Streit ging es? Denn dass es sich um einen handeln musste, war klar. Was war denn nur passiert? Ihr Vater schaute auf, und augenblicklich schwieg Uhu. Der König musterte sie und schien erst jetzt mitzubekommen, dass auch sie anwesend war. „Es ist ein Brief vom Sonnental.“ Er sprach leise, doch sie hörte ihn ganz genau. Alina starrte ihn mit aufgerissenen Augen an.

Drei Tage zuvor im Land Masuna – mit Wasser-, Luft- und Zeitbändigen fünfundzwanzig Stunden vom Schattenland entfernt …


2

Mib schlenderte durch die engen Gassen von Marpenzie, der lebendigen Hauptstadt von Masuna. Er bog in einen schmalen, dunklen Weg ein und kam dann auf eine der bunten Hauptstraßen, die zum Rathaus führten. Heute war Markt und viele Menschen drängelten und schubsten einander. Er fühlte sich immer sicher auf dem Markt und liebte es, sich vom Strom leiten zu lassen. Er musste nicht denken, konnte einfach nur schauen und den Verkäufern zuhören, die ihre Ware schreiend der vorüberziehenden Menge anboten. Die Menge schubste ihn langsam Richtung Rathausplatz. Seine Stimmung wurde schlagartig schlechter. Er hatte keine Lust, Verantwortung zu übernehmen. Er war der Sohn von Kaiser Manon, dem dreizehnten Herrscher über das, nach Faekustórim, zweitkleinste Land auf dieser Welt. Es gehörte zu einem der Hauptländer, in denen alle Angelegenheiten verwaltet wurden.
Die große, aus Platin und türkisfarbenem Stahl gebaute Uhr am Rathaus schlug elf hohe und drei tiefe Töne. Er war zu spät, das Wichtigste war schon besprochen worden. Die Leute, die ihn von hinten immer angestoßen hatten, gingen langsam nach links um den Brunnen herum, der in der Mitte vom Platz stand. Während die Menschen dem Markt weiterfolgten, ging Mib mit langsamen Schritten auf das Rathaus zu. Früher hatte er sich immer gewünscht, dass er irgendwohin konnte, wo ihn keiner kannte, aber Masuna ist sehr klein und als Kaisersohn kannten ihn alle Menschen, die in diesem Land wohnten. Jetzt, da er die Menschenmenge verlassen hatte und als einziger auf das Rathaus zusteuerte, erkannten ihn viele, die ihn zuvor nicht gesehen hatten. Sofort hörte er wieder das leise Lästern und die Vermutungen, warum er wieder zu spät käme. Mib kannte das alles schon. Die Anschuldigungen, er wäre ein schlechter Kaiser und Masuna ginge unter seiner Herrschaft unter, machten ihm schon lange nichts mehr aus. Er betrat das Rathaus und schloss die große Eisentür hinter sich, die schwerfällig in ihr Schloss zurückfiel. Das Geräusch hallte in der Eingangshalle wider. Er blieb erst einmal stehen und atmete vor Erleichterung tief ein und aus. Kurz hielt er inne und betrachtete das Innere des Rathauses; es war riesig. Die Decke des quadratischen Baus lief in der Höhe nicht ganz zusammen, denn die Spitze des Gebäudes bildete der Turm, an dem die große Uhr hing, für die das Rathaus bekannt war. Doch auch schon, wenn man diesen nicht mitzählte, betrug die Höhe, grob geschätzt, wahrscheinlich dreißig Meter. Der Eingangsbereich war ein runder Raum mit einem kleinen Holzpodest, hinter dem eine dicke Frau hockte und in irgendwelchen Papieren herumkramte. Sie hatte ihn wahrscheinlich bemerkt, machte aber keine Anstalten, ihn zu begrüßen. Rechts und links neben der Eingangstür führten zwei Eisentreppen nach oben. Es gab mehrere Etagen, die in der Mitte getrennt waren, sodass mit der rechten Treppe nur die Zimmer auf der rechten und mit der linken nur die auf der linken Seite zu erreichen waren. „Entschuldigung, in welchem Raum findet heute die Besprechung statt?“, rief er quer durch den Raum. Mib war immer so, er bevorzugte lieber die grobe und schnelle Art, als das höfliche Bitten und Reden und geduldig sein. Die Frau hatte sich bei seinem Ruf erschreckt und schmiss einen Stapel geordneter Zettel um. Böse funkelte sie ihn an und sagte mit leicht gereizter Stimme: „Links, zweiter Raum in der ersten Etage. Sie sind spät dran“. Sie bückte sich, um die Zettel aufzuheben, was Mib allerdings keinen schönen Anblick darbot. Er schaute schnell weg und eilte die linke Treppe hinauf. Leicht außer Atem blieb er vor der beschriebenen Tür stehen. Er griff nach der Klinge und stieß die Tür auf. Der Raum war klein und rechteckig. Vor ihm stand ein runder Tisch, an dem sein Vater und der Bürgermeister saßen. Das Fenster war sperrangelweit offen, weshalb Mib gleich wusste, dass sein Vater nervös war. „Mistery, du kommst viel zu spät. Wir werden nachher darüber sprechen. Aber setz dich erst mal hin.“ Mib verdrehte genervt die Augen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 478
ISBN: 978-3-95840-010-8
Erscheinungsdatum: 08.04.2015
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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Herbstlektüre