Science Fiction & Fantasy

Circle

Veronika Deisenberger

Circle

Weggefährten

Leseprobe:

Erkenntnis



Abrupt schoss mein Kopf in die Höhe. War ich etwa eingeschlafen? Sofort fiel mein besorgter Blick auf das kleine Bündel auf dem Bett. Im ersten Moment konnte ich nicht feststellen, ob das Baby noch atmete, und mein Körper begann sich augenblicklich zu verspannen. Doch dann wimmerte die Kleine leise im Schlaf, und sofort fühlte ich mich erleichtert. Sie lebte noch!

Dieses Baby war erst seit vier Tagen auf dieser Welt und doch stand es bereits an der Schwelle des Todes und versuchte ihm zu trotzen. Zu meiner Erleichterung atmete die Kleine noch immer, obwohl sie einfach nichts bei sich behalten konnte. Unter der kleinen Dorfgemeinschaft befanden sich noch acht Frauen, und jede von ihnen versuchte mir mit ihren Ratschlägen zu helfen. Denn was wusste ich schon über Babys und ihre Ernährung? Gleich nach der dramatischen Geburt, bei der ihre zarte Mutter in meinen Armen gestorben war, versuchten wir es mit etwas Ziegenmilch. Doch bereits nach einer sehr kleinen Menge begann sie es wieder auszuspeien. Also versuchte es Mrs. Wu, die ebenfalls anwesend war, mit ein wenig Tee. Am ersten Tag behielt die Kleine ihn noch bei sich, doch inzwischen vertrug sie nicht einmal mehr den. Auf Anraten der Frauen hatte ich es noch mal mit Ziegenmilch probiert, aber diesmal mit etwas Wasser verdünnt. Danach folgten Reis- und Maniok-Wasserbrei Mischungen. Ich versuchte es mit verschiedenen zermahlenen Heil- und Teekräutern und heute hatte ich in meiner Verzweiflung sogar versucht dem Baby mein eigenes frisches Blut einzuflößen. Doch egal was wir der Kleinen gaben, es kam alles sofort wieder hoch und sie wurde mit jeder Stunde schwächer und schwächer. Sie hatte Hunger und wahrscheinlich auch Schmerzen, denn sie wimmerte fortwährend - sogar im Schlaf. Dazwischen döste sie vor Erschöpfung ein, doch diese Ruhephasen dauerten nie lange. Leider konnten wir keine Hilfe holen, oder sie hinunterbringen zu einem Arzt, da der Schneesturm immer noch tobte.

Verzweiflung machte sich in mir breit. Ich konnte sie nicht auch noch verlieren! Immerhin hatte ich schon ihre Mutter nicht retten können. Diese Schuld und die Trauer nagten nun seit vier Tagen an mir, obwohl ich die Frau nie zuvor gesehen hatte. Seit Jahren hatte ich keine starken Gefühlsregungen mehr zugelassen. Wie es mir gelehrt wurde, versuchte ich die Geschehnisse so zu nehmen, wie sie kamen, und keine persönliche Beziehung dazu herzustellen. Sozusagen eine freiwillige Askese von Gefühlen. Zu meinem Verdruss hatte das diesmal überhaupt nicht funktioniert. Denn von der ersten Sekunde an hatte mich dieses Baby in seinen Bann gezogen und sein Schicksal lag mir mehr am Herzen als irgendetwas jemals zuvor. Warum? Das konnte ich mir bis jetzt selber nicht erklären, obwohl ich schon Stunden darüber nachgedacht hatte.

Mein Leben vor dieser schicksalhaften Begegnung verlief seit über fünfunddreißig Jahren sehr einfach. Aber das war nicht immer so. Ein schwerer Herzinfarkt brachte mich zum Umdenken. Davor führte ich ein Leben, das dominiert war von Arbeit, Vergnügen und noch mehr Arbeit. Dafür bekam ich dann auch die Rechnung von meinem Körper präsentiert. Ich wurde gezwungener maßen auf Erholung geschickt und zum ersten Mal in meinem Leben kam ich runter und begann die Ruhe sogar zu genießen. Nachdem ich mich dem Weg der Erleuchtung verschrieben hatte, verfiel ich wieder zum Teil in alte Gewohnheiten. Ich war immer sehr stolz gewesen auf meine gute Ausbildung und meinen hohen Wissensstand. So begann ich die Lehre des Buddhismus zu studieren, wanderte einige Jahre umher - von einem Lehrmeister zum nächsten. Jedes Buch, jedes Pergament und jede Weisheit, die man mich lehrte, nahm ich in mich auf wie ein ausgetrockneter Schwamm. Ich liebte es mich mit anderen Mönchen im Disputieren über die Veden zu messen. Meinem Ziel, die innere Erleuchtung zu finden, kam ich damit aber keinen Schritt näher. Irgendwann kam ich in dieses abgeschiedene Kloster weit oben in den Bergen Bhutans und traf auf Meister Wangyäl, der ein tibetischer Lama war, und blieb dort. Er holte mich von meinem hohen Ross herunter, indem er mir vor Augen führte, dass mich mein Wissen selbst daran hinderte, eine höhere Bewusstseinsstufe zu erreichen. Er meinte, in eine Schale, die bereits voll war, konnte man nichts mehr hinzufügen. Also sollte ich meinen Geist leeren und mich in Demut und Askese üben. Mein Leben bestand fortan aus meditieren, beten, fasten und arbeiten, denn jeder leistete seinen Beitrag für die Gemeinschaft. Doch im Unterschied zu meinem Dasein, bevor ich der Zivilisation den Rücken gekehrt hatte, war die Arbeit keine Last, sondern gleichzeitig eine Möglichkeit in mich zu gehen und mich zu besinnen. Seit nunmehr sieben Jahren lebte ich im selbstgewählten Emirat in dem kleinen Dorf oberhalb des Klosters. Es bestand nur mehr aus ein paar Hütten und einigen alten Menschen, die immer schon hier oben gelebt hatten. Nur einmal im Jahr kamen ein paar meiner Brüder mit Nahrungsrationen der Regierung hier herauf, denn es bedurfte eines beschwerlichen Fußmarsches von zwei Tagen. Der Anbau auf den kleinen Feldern brachte kaum Ertrag und war sehr mühselig für die alten Menschen, sodass die Rationen erforderlich waren, um über die teils sehr harten Winter zu kommen. Die Lebensmittel wurden von der Zuteilung für das Kloster von den Mönchen bereitgestellt, da diese sowieso in den Sommermonaten fasteten und nur eine Mahlzeit am Tag zu sich nahmen. Dafür versorgten die wenigen Bewohner des Dorfes mich mit gekochtem Essen. Jeden Tag ging ich an eine andere Tür, wo mir mein Essen gereicht wurde. Es gab eine festgelegte Reihenfolge und war ich am Ende angekommen, so begann ich wieder beim ersten Haus. Ich brauchte nichts zu sagen oder zu betteln. Sobald ich erschien, wurde meine mitgebrachte Schale gefüllt und ich begab mich in meine Hütte, um die Gaben zu verzehren. Meine Aufgabe bestand darin die Flamme der Zuversicht zu erhalten, die Feste zu zelebrieren, den Übergang ins nächste Leben zu erleichtern und bei kleineren medizinischen Problemen zu helfen. Mehr war nicht möglich, da meine Hilfsmittel ziemlich beschränkt waren. Zumindest die Hälfte meiner Tage verbrachte ich mit meditieren, Mantras rezitieren und beten.

Stille.
Ruhe.
Harmonie und Einklang.

Jeden Tag gab ich mich der Ruhe um mich herum hin, suchte die Stille tief in mir und ließ alles Weltliche außen vor. Ich versuchte meinen Körper in Einklang mit meiner Seele zu bringen und ließ mich dabei von der Harmonie, die in der Natur allgegenwärtig war, leiten. In meiner Vertiefung fühlte ich mich meinem Inneren und auch Buddha nahe. Ich war oft so tief in meine Meditation versunken, dass ich nichts um mich herum mehr wahrnahm.
Doch an diesem einen Tag störte mich ein lautes Geräusch. Zuerst wollte ich ihm nicht nachgeben, aber es hörte nicht auf. So riss ich mich in die Gegenwart zurück und konnte erst dann die Geräuschquelle ausmachen. Jemand hämmerte mit voller Wucht gegen die Tür der mir überlassenen Hütte und rief mit dunkler Stimme meinen Namen. Ich öffnete und fragte erstaunt:
„Lobsang Wu, was treibt dich zu mir um diese Stunde?“ Es war noch dunkel und der Schneesturm tobte mit voller Kraft.
„Schnell Meister, sie stirbt! Sie kam aus dem Nichts!“, sprudelte es aus ihm heraus.
Bei seinen Worten schnappte ich mir sofort meine kleine Tasche und warf mir mein Reisetuch über, um mich zumindest ein wenig vor den umherwirbelnden Schneeflocken und vor dem harschen Wind zu schützen. Dann stapfte ich ihm hinterher. Er kehrte durch dieselbe Schneise, die bei seinem Weg hierher entstanden war, wieder zu seinem Haus zurück, und ich folgte ihm, indem ich genau in seine Fußstapfen trat. Der Schnee ging mir nur knapp bis über meine Knie, da bereits viel in dem letzten Monat geschmolzen war. Und auch jetzt verwehte der brausendende Wind mehr Schneeflocken, als tatsächlich liegen bleiben konnten. Auf dem Weg zu seiner Hütte dachte ich über seine Worte nach, doch sie ergaben für mich keinen Sinn. Seine Frau konnte er nicht gemeint haben. Aber wen sonst?

Kaum waren wir in die warme Stube eingetreten, dirigierte mich Mrs. Wu bereits zu ihrem gemeinsamen Bett. Darin lag zu meinem Erstaunen eine junge Frau, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, zugedeckt mit ein paar Decken, da sie stark zu zittern schien.
„Meister, sie steht kurz vor der Niederkunft“, flüsterte mir Mrs. Wu zu. Sie hatte ihr die nasse Überkleidung ausgezogen und hatte den großen Bauch der jungen Frau bemerkt. Das Baby bewegte sich nicht. Wie lange waren die beiden wohl der Kälte ausgesetzt gewesen? Wo waren sie hergekommen? Ich fing an die Frau zu untersuchen, doch plötzlich packte sie meinen Arm und sagte:
„Papita te!“ (Beschütze uns!) und dabei funkelten mich ihre dunklen Augen durchdringend an. Kurz schien es, als würden sie in Flammen aufgehen, doch wahrscheinlich hatte ich mich da getäuscht. Plötzliche Wärme durchströmte mich. Ich wollte unbedingt beide retten, und das ging nur, wenn das Kind so schnell wie möglich aus der Mutter entfernt wurde. Ich war noch nie so froh wie jetzt darüber, dass ich vor meinem Wirtschaftsstudium auch zwei Semester Medizin studiert hatte. Zwar hatte ich damals eindeutig feststellen müssen, dass in diesem Bereich nicht meine Berufung lag, weshalb ich auch die Studienrichtung gewechselt hatte, aber das bis dahin angeeignete Fachwissen und die gemachten Erfahrungen hatten mir in den letzten Jahrzehnten schon manches Mal gute Dienste geleistet. Und auch jetzt war ich die einzige Chance die diese fremde Gebärende und ihr Baby hatten. Es verblieb keine Zeit um an meinen Fähigkeiten zu Zweifeln, denn die Kraft der jungen Frau schwand zu sehend. So legte ich die junge Unbekannte mit Lobsang Wu zusammen auf den Esstisch und holte das Baby schnellstmöglich aus ihr heraus ohne es an notwendiger Sorfalt mangeln zu lassen. Den Schnitt hielt ich so klein wie möglich, doch sie blutete sehr stark. Mrs. Wu nahm mir das kleine Baby aus der Hand und wickelte es in ein vorgewärmtes Tuch, während ich die Frau wieder zunähte. Ich hatte keine Schmerzmittel und so keuchte sie nur manchmal auf. Immer wieder wiederholte sie die Worte von vorhin. Als ich fertig war, untersuchte ich noch den Rest von ihr. Sie war sehr schwach, dünn, hellhäutig und eindeutig nicht von hier. Da sie immer wieder das Bewusstsein verlor, war es sehr schwierig ihr Fragen zu stellen. Ich machte mir große Vorwürfe, da ich ihr nicht besser helfen konnte. Sie war der Kälte zu lange ausgesetzt gewesen, denn die dünne Kleidung, die sie trug, hatte sie nicht im Geringsten davor schützen können. Die junge Frau stammelte nur Unverständliches vor sich hin, denn ich kannte die Sprache nicht:
„Ey lex Endra … papita … ey lex … papita pate …“ (Die Hoffnung von Endra … beschütze … die Hoffnung … beschütze sie …). Die letzten Worte waren fast nur mehr ein Flüstern. Dann starb sie in meinen Armen. Betroffen, meine Hände voll mit ihrem Blut, blickte ich auf die Fremde in meinen Armen nieder. Trauer und ein tiefer Schmerz erfassten mich, obwohl ich sie doch nicht gekannt hatte, und Sorge um das Kind. Ihr Kind. Sofort ging ich zu Mrs. Wu und blickte auf das kleine Bündel in ihren Armen. Sie hatte das Neugeborene ein wenig gesäubert und wieder durchströmte mich eine nie gekannte Wärme. Kaum hatte ich sie auf dem Arm und berührte ihre zarte Haut, lief es mir kalt und warm gleichzeitig den Rücken runter. Ich fühlte mich ihr tief verbunden und schwor mir, sie immer zu beschützen und sie um jeden Preis am Leben zu erhalten.
Mrs. Wu gab mir zu verstehen, dass ich wieder zurück in meine Hütte kehren konnte. Sie würde sich um das Baby kümmern. Doch ich wollte und konnte ihrem Vorschlag nicht nachkommen. Die Ausrede, dass das Baby auf mich angewiesen war und ich es folglich nicht alleine lassen durfte, kam mir gerade recht. Die beiden Eheleute blickten mich zwar ein wenig verdutzt an, stellten jedoch meine Feststellung nicht in Frage und ließen mich gewähren.
Als der Morgen kam, ebbte der Sturm ein wenig ab. Ich brachte das Kind mit der Begründung, sie noch weiter untersuchen zu müssen, in meine Hütte, wo wir seitdem auch geblieben waren. Gleich am ersten Tag kamen alle aus dem Dorf vorbei, um einen Blick auf das Neugeborene zu werfen, doch keiner durfte lange bleiben. Sobald es auch nur den Anschein ergab, dass die Anwesenheit einer Person der Kleinen zu viel wurde, so bugsierte ich diese höflich hinaus. In den folgenden Tagen kamen nur mehr die Frauen, um nach uns zu sehen und etwas zu essen zu bringen - für mich und für das Baby, da ich die Hütte nicht verließ. Mrs. Wu brachte mir die Habseligkeiten der verstorbenen Mutter vorbei und übergab mir ebenso einen seltsam geformten Gegenstand, den sie in der Kleidung der Toten gefunden hatte. Vorne sah es aus wie die vereinfachte Nachbildung einer weiblichen Brust und war weich. In der Mitte war es fester und am hinteren Ende lief es zu einem flachen Spitz zusammen und war wieder weich. Es ließ sich nicht öffnen. Nach einer ganzen Weile entdeckte ich dann doch die Anwendungsweise. Es funktionierte ähnlich wie eine Pipette, nur mit größerer Saugkraft. Denn bereits durch leichten Druck auf das hintere Ende füllte sich der Vorderteil komplett mit Flüssigkeit. Dieser Gegenstand erleichterte mir das Eingeben von Nahrung immens.

Und auch jetzt, wo ich über ihren Schlaf wachte, fiel mein Blick mit Dankbarkeit wieder darauf. Plötzlich kam mir der Gedanke, dass die Mutter vielleicht noch etwas Anderes bei sich gehabt haben könnte für ihr Kind. Ich stand auf und schnappte mir die fein gearbeitete Stofftasche mit dem Wenigen, das sie bei sich gehabt hatte, und leerte den Inhalt auf den einzigen Tisch im Raum. Zum Vorschein kam ihre gereinigte Kleidung, denn wir hatten sie, wie bei uns üblich, in eine Baumwolldecke gewickelt im Schnee begraben. Dazu zwei strahlend weiße bestickte Hemdchen, ein Stapel Tücher und zum Schluss eine schwere schön verzierte Dose. Gespannt öffnete ich diese. Der Inhalt bestand aus einer Art fester Paste, die sich seidig anfühlte. Es roch leicht süßlich, als ich es zwischen den Fingern verrieb, also probierte ich ein wenig davon. Zu meinem Erstaunen schmeckte es ein wenig bitter und nicht süß, wie ich es erwartet hatte. Außerdem war es eindeutig pflanzlichen Ursprungs. Obwohl ich nur ganz wenig gekostet hatte, fühlte ich mich bereits nach einer Minute so, als hätte ich einen ganzen Teller voll davon gegessen.
Just als ich meine Entdeckung gemacht hatte, wachte die Kleine weinend auf. Sofort löste ich die Menge einer halben Erbse in ein wenig lauwarmem Tee, denn mich plagte aufgrund der kleinen Kostprobe inzwischen der Durst, und füllte die Mischung in die Pipette. Vorsichtig nahm ich das kleine Mädchen auf meinen Arm, so wie es mir Mrs. Wu gezeigt hatte, und begann sie zu füttern. Sie war kaum mehr dazu imstande zu saugen, und so war ich auch nicht weiter verwundert, dass sie danach sofort wieder einschlief. Zu meiner Erleichterung behielt sie diese Mahlzeit bei sich. Etwas beruhigt ging ich nun einigen Tätigkeiten nach, die ich seit Tagen vernachlässigt hatte. Nachdem aber bereits sechs Stunden vergangen waren und sie immer noch schlief, begann ich mir wirklich Sorgen zu machen. Immer wieder sah ich nach ihr, wobei die Abstände dazwischen immer kürzer wurden, doch nichts veränderte sich. Sie atmete ruhig und ihr Puls ging zwar langsam, aber regelmäßig. Ihr Wimmern hatte aufgehört. Der Pflanzenextrakt hatte mir nichts anhaben können, doch vielleicht war er zu stark für das Baby!

„Bitte, wach wieder auf“, flehte ich die Kleine an.

Sie war doch so schwach. Sie war auch ziemlich klein und schmächtig. Sie …Sie … Sie brauchte einen Namen!
Falls es jetzt zu Ende ging mit ihr, so brauchte sie wenigstens einen Namen. Also wischte ich mir die Tränen von den Wangen und versuchte mir einen passenden auszudenken. Es war schwieriger, als ich zuerst vermutet hatte, denn ich wollte ihr nicht irgendeinen geben. Über ihre Eltern wusste ich rein gar nichts, also hatte ich keinerlei Anhaltspunkte. Oder doch? Die letzten Worte ihrer Mutter gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. >Ey lex Endra … papita pate.<
Papita … papita - immer wieder rotierte dieses Wort in den letzten Tagen durch meinen Kopf und dabei wusste ich nicht einmal seine Bedeutung. Mit dem Anfang hatte ich mich gar nicht so sehr beschäftigt, denn er war mir erst jetzt wieder eingefallen. Nachdem ich es mehrfach im Kopf wiederholt hatte, klang es wie ein englischer Name: A lex andra. Nur die Betonung war ein wenig anders. Ich beschloss ihr diesen Namen zu geben, denn auch wenn es vielleicht ganz etwas anderes bedeutete, so war es doch eine Verbindung zu ihrer leiblichen Mutter und wer weiß, vielleicht brachte ihr der Name ja Glück. So in Gedanken versunken, musste ich eingeschlafen sein.

Als ich erwachte, regte sich etwas unter meinen Händen und plötzlich war ich hellwach. Sie war wieder bei mir! Ihre braun-grünen Augen hielten meinen Blick gefangen, und erst als sie leise zu wimmern begann, konnte ich mich von ihr lösen. In Ermangelung einer besseren Alternative bereitete ich wieder die gleiche Mischung zu wie am Vortag und gab sie Alexandra. Diesmal saugte sie schon viel kräftiger und ich hatte auch keine so großen Bedenken mehr, als sie wieder über zwölf Stunden durchschlief. Anfangs legte auch ich mich zu Bett, doch bei Tagesanbruch stand ich auf. Nach einem ausführlichen Gebet machte ich mir einen starken Kräutertee und aß etwas kalten Reis. Alexandra schlief immer noch friedlich, also wagte ich es die Hütte zu verlassen, um Holz zu holen. Der Sturm hatte aufgehört und der Himmel klarte auf. Alexandra verschlief den ganzen Tag und erwachte erst abends, als es schon wieder dunkel geworden war. Mrs. Wu, die bei ihrer Geburt dabei gewesen war und sich ihr deshalb auch sehr nahe fühlte, hielt die letzten Stunden mit mir Wache, da ich mir schon wieder Sorgen machte. Als Alexandra erwachte, wurde sie von Mrs. Wu gebadet und in frische Tücher gewickelt. Danach zog sie ihr eines der Hemdchen über, doch es war viel zu lang, also schlug sie es einfach unten um, sodass ein Schlafsack entstand. Alexandra bekam von mir erneut eine Pflanzenextrakt-Teemischung und erwachte erst wieder am folgenden Tag. Diesmal konnte auch ich jede Menge Schlaf nachholen und das war auch bitter nötig. Es war schon Jahre her, seit ich das letzte Mal eine Nacht durchwacht hatte, um zu meditieren.

Gut eingepackt, um uns vor der Kälte zu schützen, ging ich mit Alexandra im Arm am nächsten Morgen nach draußen. Die Sonne schien kräftig und die weiße Schneefläche glitzerte, als wäre sie übersät von einem Meer aus Diamanten. Es war ein wundervoller Tag. Obwohl Alexandra noch nichts verstehen konnte, plapperte ich drauflos und erzählte ihr, wo sie sich befand. Es war sonst nicht meine Art so viel zu reden, doch es war mir ein drängendes Bedürfnis ihr dies mitzuteilen. Ihre blasse Alabasterhaut bekam ein wenig Farbe und wir gingen erst wieder hinein, als sie zu quengeln begann. Wie zuvor bereitete ich die Mischung zu und verabreichte sie ihr, doch diesmal war es ihr nicht genug. Alexandra verlangte nach mehr. Erfreut gab ich ihr einen Nachschlag, da mich Mrs. Wu sowieso schon getadelt hatte, dass ich ihr viel zu wenig Flüssigkeit gab. Bevor ich sie zu Bett brachte, wechselte ich ihr noch die Tücher und dabei traf mich der nächste Schock. Vollkommen fertig saß ich am Tisch und beobachtete traurig die schlafende Alexandra, als Mrs. Wu bei Einsetzen der Dämmerung vorbeikam. Nachdem sie einige Zeit auf mich eingeredet hatte, zeigte ich ihr endlich die vollen Tücher.
„Es tut mir leid. Ich weiß nicht …“, begann ich betreten, bis ich sie verschmitzt lachen sah. Wut flammte in mir auf und ich fuhr sie an:
„Da ist Blut und du lachst!!“
„Das ist kein Blut - das ist Kindspech, Meister“, gab sie lachend von sich. Was soll das sein? Meine Verwirrung war mir wohl von meinem Gesicht abzulesen, denn sie fuhr fort. „Das ist normal bei einem Neugeborenen. Die Verdauung muss sich erst auf Essen und Trinken einstellen.“
Erleichterung machte sich in mir breit und mein verkrampfter Körper entspannte sich nun wieder. Alexandra blieb mir also doch noch eine Weile erhalten.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 586
ISBN: 978-3-903155-92-3
Erscheinungsdatum: 26.07.2018
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