Lyrik & Dramatik

Schicksalhafte Untiefen

Stephan Tomat

Schicksalhafte Untiefen

Leseprobe:

Kapitel 1
Solmsgaard


Angst habe grundsätzlich relativ wenig mit Furcht gemein. Mut und Stärke seien Eigenschaften, die kaum weiter voneinander entfernt sein konnten, in gewissem Sinne sogar gegensätzlicher Natur waren.
Während das Gefühl von Wärme dem vordergründig vollkommen gegensätzlichen Gefühl der Kälte sehr ähnlich war.
Höhenangst sei keine Angst vor der Höhe an sich, sondern eine Urangst vor dem eigenen Verlangen, von der Höhe, beziehungsweise der durch sie zu überwindenden Distanz zur Tiefe magisch angezogen zu werden.
So ging es den ganzen Tag. Reflexionen über Grundsätzliches wie Alltägliches, scheinbar Triviales wie wissenschaftlich Belegtes, Beobachtetes wie selbst Erlebtes, Langweiliges wie durchaus Spannendes.
George war sich nicht sicher, ob er nicht einen großen Fehler gemacht hatte, Andrew den Job zu geben. Es gab damals schließlich viele Bewerber, die in diesem Job Erfahrung hatten, ihr Handwerk beherrschten und noch dazu durchaus angenehme Zeitgenossen waren.
Mit Andrew stellte sich dann jemand vor, der von Nautik und der Fischerei keinerlei Kenntnisse und Erfahrungen hatte.
Ein sogenannter „Aussteiger“, der nach 20 Jahren in der Tretmühle börsenkursgetriebenen Wahnsinns weder weitergehen konnte noch wollte.
Der all seinem kumulierten weltlichen materiellen Reichtum zum Trotz, vielleicht auch unter anderem genau deswegen, anheuerte für eine objektiv schmutzige, körperlich außerordentlich anstrengende, erbärmlich entlohnte Arbeit auf dem Fischkutter von George. Das allein hatte George damals für sich genommen schon stark beeindruckt, aber da war mehr als der Respekt vor solch radikalem Veränderungswillen von den Reichen und Schönen hin zu den schmutzigen „Malochern“.
Und wenn George ehrlich zu sich war, waren es genau diese ungewöhnlichen Reflexionen, die ihm weder in der Fischerei noch in der gesamten Kleinstadt und umliegenden Gemeinden Gloucesters je begegnet waren, die ihn so sehr, geradezu unwiderstehlich beeindruckten. Und jetzt, ob ihrer Intensität und Massivität, diese Zweifel an seiner damaligen Entscheidung hervorriefen.

„Ein Paradoxon“, dachte George, ein fast klassisches Paradoxon, gespickt mit Ironie, Zweifeln, Selbstzweifeln gar, und fast schon komischer Natur, wenn, ja wenn dieser gesamte höchst ungewöhnliche Vorgang nicht Teil eines perfiden „Spiels“ gewesen wäre, von dem George damals nicht die geringste Ahnung hatte.




Kapitel 2
George und Andrew


George selbst war weit davon entfernt, seinem Beruf und Berufsbild entsprechend, ein „einfacher“ oder gar einfältiger Mann zu sein. Er stammte zwar aus einfachen Verhältnissen, betrieb die Fischerei auf der Solmsgaard in dritter Generation und hatte die etwa 30.000 Seelen zählende Kleinstadt Gloucester samt unmittelbarer Umgebung an der amerikanischen Atlantikküste noch nie verlassen.
Gloucester ist eine Kleinstadt in Essex County im US-Bundesstaat Massachusetts, die vorwiegend von der Fischereiindustrie und dem Tourismus lebt, und etwa drei bis vier Autostunden von Boston entfernt liegt.
Gloucester erreichte im Oktober 1991 traurige Berühmtheit durch den stärksten je aufgezeichneten Sturm vor der Küste Neuenglands, heute auch der „Sturm des Jahrhunderts“ genannt. Ihm fiel die gesamte Besatzung des Schwertfischerbootes „Andrea Gail“ zum Opfer.
George war ein außergewöhnlicher Mann. Ein reflektierter Mann. Nach der High School in Boston, seinen einzigen Lebensjahren in wirklich urbaner Zivilisation, die er mit brillanten Noten absolvierte, hätte er der Familientradition kündigen, die Solmsgaard seinen zwei jüngeren Brüdern überlassen und beispielsweise nach Boston gehen können, um Karriere zu machen. Aber dieser Begriff „Karriere“ sagte ihm nichts Konkretes. Es war ein abstrakter Begriff für ihn, ein reiner Stellvertreterbegriff für das sehr konkrete Wort „Geld“.
Sein Credo aber war damals wie heute, dass man arbeiten solle, um zu leben, und nicht leben solle, um zu arbeiten. Und da es der Familie und ihm selbst an Nichts mangelte, was nicht unter der Bezeichnung „Luxus“ einzuordnen war, traf er die sehr bewusste Entscheidung, in Gloucester zu bleiben und Kapitän der kleinen Solmsgaard zu sein.
Seinen großen intellektuellen Hunger konnte man mit Geld beziehungsweise Karriere sowieso nicht stillen, sondern mit Informationen und Inspirationen aus Zeitungen, Zeitschriften, Internet, vor allem aber aus Büchern.
Und so war George der Besitzer einer der wohl umfangreichsten Privatbibliotheken der amerikanischen Ostküste.
Kurz: George war ein intelligenter, belesener und in fast allen Lebensbereichen außergewöhnlich gut informierter und patenter Mann. Ein Mann, der es intellektuell mit jedem anderen aufnehmen konnte.
Sicherlich auch ein Grund dafür, dass der fast schon philosophisch daherkommende Andrew ihn von Beginn an so fasziniert, auf so spezielle Weise angesprochen hatte.
Seine Frau Karen hatte George zwei Jahre zuvor, im Jahr 2007, an die See verloren, infolge eines Fehlers aus Unachtsamkeit bei der Arbeit auf der Solmsgaard.
Obschon von der Justiz als eindeutiger Arbeitsunfall eingestuft und als solcher zu den Akten gelegt, machte sich George bis heute Vorwürfe, das Geschehene nicht irgendwie verhindert haben zu können. Karen starb im Alter von nur 46 Jahren, George war damals 48 Jahre alt. Heute, im Alter von 50, bald 51 Jahren hatte ihn die Trauer und Traurigkeit über das damals Geschehene für jeden sichtbar noch immer fest in ihrem Griff.

Andrew war keinesfalls der klassische Gegenpool zu George, obschon ein Mensch mit anderen Zielen und Maximen im Leben. Was beide verband, war zweifellos ihre außergewöhnliche Intelligenz und Wissbegierde. Andrew war nicht viel weniger informiert, belesen und allgemein als Persönlichkeit reflektiert als George. Dies war sicher auch eines der unsichtbaren Bande zwischen den beiden auf den ersten Blick grundverschiedenen Männern, die eine starke gegenseitige Faszination begründeten und Andrew letztendlich die Anstellung bei George einbrachten.
So viel zu den Gemeinsamkeiten, denn mehr als diese gab es auf den ersten Blick nicht. Sie sollten sich erst in den kommenden Monaten manifestieren.

Andrew war eher getrieben von einer intellektuellen Überheblichkeit gegenüber der Außenwelt, während George die Dinge aus Überzeugung tat, die Außenwirkung interessierte ihn nicht wirklich, diesen großen, grobschlächtigen, vollbärtigen und grundguten Kerl, der er war. Der Volksmund hätte bei George vom klassischen „Seebären“ gesprochen.
Andrew war ein gleichermaßen schmalschulteriger wie schmallippiger Zeitgenosse, der mit seinen feinen Zügen, sehr warmen braunen Augen, wirklich ansteckend authentischem Lächeln und seiner Höflichkeit einen durchaus überdurchschnittlichen Charme versprühte.
Er war als Sohn eines sehr vermögenden Landmaschinenfabrikanten bei Hartford im Bundesstaat Connecticut geboren und aufgewachsen. Luxus umgab ihn quasi sein ganzes Leben, das ihn über die perfekt inhaltlich und zeitlich aneinandergereihten und ineinandergreifenden Ausbildungsschritte an den jeweils renommiertesten Schulen und Universitäten der Ostküste schließlich an die Wall Street in New York City führte.
Andrew war Drittgeborener von vier Kindern. Er hatte zwei ältere Brüder und eine jüngere Schwester und sowieso nie großes Interesse am Fabrikantendasein.
Herstellung, Verkauf und Vertrieb unterschiedlicher Maschinen für die Automation der Landwirtschaft waren ihm schlicht zu langwierig und langweilig, so nachhaltig einträglich das väterliche Unternehmen auch war. Und so überraschte es niemanden in seiner Familie und Umgebung, dass er sich nach dem Tod seines Vaters von den Geschwistern auszahlen ließ und seinen Erbteil an die Wall Street brachte. Dass es sich hierbei um ein mehr als stattliches Vermögen handelte, bedarf bei seinem familiären Hintergrund keiner näheren Erklärung.
Andrew lag schon zu dessen Lebzeiten seinem Vater ständig in den Ohren, doch sein Geld arbeiten zu lassen, als sich weiterhin mühsam mit der Erschaffung realer Werte abzuschuften. Dieser jedoch gab seinem Sohn immer wieder dieselbe Antwort auf derartiges Ansinnen seines Sprösslings, in der Hoffnung, seine Worte würden nicht nur das Gehör seines Sohnes erreichen, sondern eines Tages auch seinen Verstand:

„Andrew, Geld arbeitet nicht. Menschen und Maschinen arbeiten auf dieser Welt, sonst nichts.“

Um diesem Gedanken Nachdruck zu verleihen, hatte sein Vater, Andrew war zu dem Zeitpunkt 16 Jahre alt, ihn aufgefordert, eine 50-Dollar-Note über die Semesterferien hinweg an einen festen Ort zu legen, es wurde dann eine leere Keksdose in der Küche, und über die vielen Wochen hinweg auf keinen Fall anzurühren.
Nach Ablauf der Ferien dürfe er hineinschauen und selbst nachprüfen, ob sein Geld „gearbeitet“, sprich: sich vermehrt hatte. Und das Ergebnis solle er mit dem Wert vergleichen, den Menschen und Fertigungsmaschinen im elterlichen Unternehmen im selben Zeitraum erarbeitet, also geschaffen hatten. Das Ergebnis bedarf keines Kommentars, prallte aber damals schon an Andrew ab.
Denn Geld konnte schon in seinem damaligen Verständnis einzig dadurch arbeiten, dass man es zur Spekulation einsetzte. Also für „Wetten“ auf eine mögliche Zukunft. Gewann man die „Wette“, hatte das Geld in seiner Welt tatsächlich gut „gearbeitet“.
So überrascht es nicht, dass Andrew sich erst als Aktienhändler beziehungsweise Börsenmakler betätigte, um dann nach einigen mehr gewonnenen als verlorenen „Wetten“ zum selbstständigen Investment-Banker aufzusteigen. Dahin, wo die ganz großen „Wetten“ gemacht wurden, auf Unternehmen, Rohstoffe, Devisen, Immobilien – alles, worauf man eben am Markt „Wetten“ abschließen konnte. Und ab einer bestimmten Größe konnte man sogar durch die wertmäßige Relevanz des eigenen Einsatzes das Ergebnis der „Wette“ zu seinen Gunsten beeinflussen.
Das gefiel Andrew, und er war durchaus gut und erfolgreich auf diesem sogenannten „Parkett“ und so sehr schnell vermögender als alle seine durchaus millionenschweren Geschwister zusammen im elterlichen Betrieb.
Was ihm jedoch, wie er auffallend häufig betonte, mit zunehmendem Alter immer mehr zusetzte, war die Tatsache, dass das, was er tat, lediglich Werte umverteilte und keine neuen Werte schuf. Genau das Gegenteil von dem, was ihn sein Vater zeitlebens zu lehren versucht hatte.
Schließlich reden wir auf den internationalen Finanzmärkten nicht über kleine, unbedeutende “Wetten“, sondern primär über bedeutsame Spekulationen, Options- und Warentermingeschäfte, eben „Wetten“ auf die Preisentwicklungen von zum Beispiel Rohkaffee.
Und nach prinzipiell dem gleichen Prinzip verhalten sich die Märkte für andere verzehrbare Rohstoffe wie Kakao, Schweinebäuche bis hin zu tiefgefrorenem Orangensaft wie auch für Edelmetalle wie Gold, Silber oder Platin, für Öl und Gas, für Immobilien, eine schier unendlich lange Liste. Schließlich noch Unternehmenskäufe und -verkäufe, Börsengänge et cetera, Dinge mit ungeheurer Relevanz für die Entwicklung und Prosperität unserer Wirtschaft. Und so beschloss Andrew von heute auf morgen, als mehrere 100 Millionen Dollar schwerer Mann, diese Betätigung zu beenden. Die Firma zu veräußern und nach Gloucester zu gehen, um erstmals in seinem Leben, wie er selbst sagte, wirklicher, echter, ehrlicher Arbeit nachzugehen. Welch erstaunlicher Sinneswandel, den jeder für sich selbst beurteilen möge.

Die Veränderung hätte durchaus moderater ausfallen können, er hätte im elterlichen Unternehmen zu seinen Geschwistern in die Geschäftsführung gehen können. Er wollte aber den härtest möglichen Schnitt, keine privilegierte, weiche Landung. Und dieses Verhalten entsprach tatsächlich seinem Naturell. In jeder Hinsicht extrem. Schneller, höher, weiter, das olympische Motto oder eben genau das Gegenteil. Schwarz oder Weiß, für Andrew existierten keinerlei Grautöne. Auch konnte er seine Entscheidung gänzlich unabhängig treffen, denn Andrew, heute auch bereits 47 Jahre alt, war nie in seinem Leben verheiratet gewesen.
Kinder hatte er auch keine. Er war konsequent er selbst.
Von einer Konsequenz und Radikalität in seiner Lebensphilosophie, die zu ändern er sich jetzt anschickte.




Kapitel 3
Tag fur Tag


Solmsgaard, ein gänzlich unamerikanischer Name für ein Fischerboot, für einen Amerikaner kaum auszusprechen. George hätte ihn jedoch niemals geändert. Sein Großvater kam aus Schweden nach Amerika und setzte hier seine Profession fort. Und so bekam sein Boot in den USA den gleichen Namen, den sein Vorgänger in Schweden getragen hatte.
George dachte an jenem Tag, an dem er stärker als zuvor diese Zweifel hatte, diese bohrenden Selbstzweifel ob seiner Entscheidung, Andrew anzustellen: „Kein Fischerboot der Welt hat wohl so viel Tiefgang wie die Solmsgaard.“
Er musste selbst schmunzeln über diesen unfreiwilligen Wortwitz, die Doppeldeutigkeit dieses Gedankens. Bezeichnet doch der Begriff „Tiefgang“ bei einem Schiff die Distanz zwischen der Wasserlinie und seinem tiefsten Punkt, bestimmt durch rein physikalische Beschaffenheiten.
Er aber meinte in diesem Augenblick mit Tiefgang die Schwere, Relevanz und geradezu philosophische Tiefe der Gedanken, die auf seinem Boot gedacht und auch artikuliert wurden. Das gab es sicher kein zweites Mal auf allen Meeren dieser Welt.
Angst habe wenig mit Furcht gemein, Mut und Stärke seien Eigenschaften, die kaum weiter voneinander entfernt sein könnten, in gewissem Sinn sogar gegensätzlicher Natur waren. Während das Gefühl von Wärme dem vordergründig vollkommen gegensätzlichen Gefühl der Kälte sehr ähnlich war.
Diese und Dutzende andere Reflexionen von Andrew waren nicht falsch, keineswegs waren sie nicht relevant, denn die Kategorisierung derlei Gedanken in richtig oder falsch war schon nicht gerechtfertigt, zu simpel, zu eindimensional, der Qualität und Tiefe dieser Aussagen nicht angemessen.
Denn Angst war ein unspezifisches Gefühl von Unbehagen bis hin zu irreal panikartigen Gefühlen, während Furcht sehr konkret war. Ein Gefühl extremen Unbehagens ob einer ganz konkreten, realen Situation. Ob Furcht vor einem realen Menschen, den Folgen einer realen ärztlichen Diagnose oder jedweder anderer konkreter Bedrohung. Ebenso war der wirklich mutige Mensch eben gerade jener, der sich seiner Schwäche zum Trotz aufbäumte, aktiv wehrte oder sogar, auf welche Weise auch immer, in eine Art Angriffsmodus umschaltete. Der ohnehin Starke muss nicht mutig sein, tut er doch nichts anderes, als seine Trümpfe auszuspielen.
Und im Gegensatz zum Begriffspaar Mut und Stärke, die unterschiedlicher wirklich kaum sein konnten, waren die Gefühle von Wärme und Kälte identischer Natur und identischen Ursprungs, nur eben in der konkreten Situation jeweils sehr unterschiedlicher und sehr individueller Ausprägung.
Kurzum: Es waren viele schlaue Gedanken und Reflexionen, die Andrew hatte und artikulierte. Anfangs hatte sie George sehr geschätzt, kamen sie doch seiner eigenen natürlichen Veranlagung und Leidenschaft sehr entgegen. Dem Streben nach Wissen, der intellektuellen Neugier und der Freude an wohl formulierten, schlauen und ungewöhnlichen, ja außergewöhnlichen An- und Einsichten.
Aber jetzt, nach drei Monaten intensivsten Zusammenseins auf kleinstem Raum, wurde es ihm in vielerlei Hinsicht zu viel.
Zumal George die Intention, den plausiblen Sinn und Grund hinter Andrews Verhalten, nicht kannte und deuten konnte. Andrew war schließlich kein Philosophie- oder Geschichtsprofessor, auch kein Sozialwissenschaftler. Und die Solmsgaard war keine Universität oder wissenschaftliche Einrichtung. Hier war ein ehemaliger Investment-Banker und Spekulant auf einem Fischerboot.
Und so wurde George mit der Zeit dieses permanenten intellektuellen Bombardements nicht nur überdrüssig, er wurde zusehends argwöhnisch und regelrecht misstrauisch.
Aus gutem Grund, wie sich noch herausstellen sollte.
Anfangs schätzte er jede Unterhaltung in der engen Kombüse und sogar während der Arbeit an Deck, denn es waren intellektuell herausfordernde Gespräche, interessant und in jeder Form inspirierend. George empfand nahezu jedes einzelne als einen persönlichen Gewinn im Sinne seines immerwährenden Hungers nach Erweiterung seines Horizonts.
Aber anstatt dass die Quantität und Intensität dieser Gespräche abnahm, was wohl eher als normal zu bezeichnen gewesen wäre, gewannen sie noch an Wucht und Nachdruck.
Und anstelle von wachsender Nähe und Vertrautheit empfand George immer mehr diffuse Distanz zu seinem Gegenüber.
Was ihn zusätzlich stutzig machte, war die Tatsache, dass Andrew quasi sein innerstes Ich nach außen kehrte und permanent auf dem Marktplatz namens George verkündete.
Wertvolle Einsichten und Gedanken sind doch eigentlich etwas sehr Persönliches, geradezu Intimes. Etwas, das man nur selten mit einem selbst intellektuell und emotional geeigneten, das heißt in diesen Belangen möglichst nahestehenden, auf entsprechend hohem Niveau befindlichen Menschen und somit sehr geeigneten Gesprächspartner teilt, will man sie nicht kommerzialisieren.
Dann schreibt man Bücher und hält Vorträge. Andrew aber teilte sich nur permanent mit, einem und demselben Menschen, über Monate.
George hatte keinen Deut weniger Substanz und intellektuelle Kapazität, sich nicht weniger Gedanken über die existenziellen Fragen des Lebens gemacht und für sich beantwortet als Andrew. Aber eben einzig für sich. Er wäre nie auf die Idee gekommen, damit permanent das Wesen eines einzigen anderen Menschen geradezu zu penetrieren. Was war bloß mit diesem Andrew los, was ging in ihm vor, was trieb ihn zu diesem Verhalten? Es ging zum Teil sicherlich darum, George, dessen Vorlieben er nur allzu gut kannte, zu gefallen, Vertrauen unter- und zueinander aufzubauen. Es mochte mit großer Wahrscheinlichkeit auch darum gehen, George selbst besser kennenzulernen, nötigte und motivierte er George doch durch die Artikulation seiner Ansichten, Meinungen, Thesen und Schlussfolgerungen das Leben, den Tod, ja das Universum betreffend auch selbst Stellung zu beziehen. Und je impertinenter er das tat, umso heftiger und auch direkter und ungefilterter, sprich: ehrlicher fielen dann eben auch diese Stellungnahmen aus.
Aber manches Mal ging es wohl auch einfach darum, Zeit totzuschlagen, die häufige Langeweile an Bord zu bekämpfen.
Und natürlich ging es zeitweise auch um pure Eitelkeit, um die Zurschaustellung dessen, was Andrew alles wusste und zeitlebens geleistet hatte.
Es hatten manche Abende geradezu etwas Furchterregendes für George. Besonders diese Abende, an denen sich Andrew geradezu in einen Rausch hineinredete, sich regelrecht in seinen Gedanken verlor.
Das waren die Abende, an denen Andrew über das sprach, was sein Leben der letzten 20 Jahre ausmachte, nämlich seine berufliche Betätigung. Abende, an denen George effektiv zum Zuhörer degradiert, beziehungsweise als solcher missbraucht wurde, steckte er doch in Details von Geld- und Kapitalmärkten, Finanzprodukten aller Art wie Derivaten, Optionsgeschäften, Immobilienspekulationen bis hin zu Firmenakquisitionen und der Art, wie man durch clevere Zerlegung diversifizierter Firmen in wirtschaftlich sinnvolle Einzelteile und deren Veräußerung mit erheblichem Profit gesegnet werden konnte, einfach nicht tief genug drin, um ein echter Gesprächspartner zu sein.
Andrew aber, in solchen Momenten mit einer gnadenlosen Ignoranz seinem „Publikum“ gegenüber ausgestattet, benutzte George an diesen Abenden quasi als seine Bühne, sein Auditorium.
Ein Mann, der von seinen Anlagen und Fähigkeiten her Bücher und Vorträge von exzellenter Qualität und geradezu philosophischer Natur hätte verfassen können, reduzierte dann die Welt, das ganze Universum, auf den Kapitalmarkt.
Hochinteressante, komplexe Einsichten und Emotionen reduzierte er zu reinen, sehr subjektiven Spielregeln auf dem Parkett der großen „Wetten“. Und die Breite und Tiefe der Themen dieser Abende reichten von makroökonomischen Betrachtungen und Würdigungen der Geld-, Zins- und allgemein der Fiskalpolitik der amerikanischen Federal Reserve Bank bis hin zur mikroökonomischen Analyse einzelner Geschäfte mit beispielsweise „Junk Bond“-Finanzierung. Zudem waren die Inhalte dieser „Lektionen“ nie rein allgemeiner Natur, es ging irgendwie und irgendwann, rhetorisch geradezu brillant vorbereitet und dann ausgeführt, um Andrew selbst.
Wie er die Welt sah, wie er die Wirtschaftspolitik der letzten Jahrzehnte einschätzte, warum er wann und wie auf welche Finanzprodukte setzte, was seine größten Deals waren und immer so weiter. Ungeheuer geschickt gemacht, das musste George nicht nur eingestehen, er machte mehr und mehr für sich die Beobachtung, dass hier jemand sein Berufsleben erzählte, häufig bis ins kleinste Detail ging, ohne dass man als Zuhörer dessen so schnell und einfach gewahr wurde. Aber an Zeit, Intimität und Intensität mangelte es den beiden Männern nun wirklich nicht auf vielleicht zwei Dutzend Quadratmetern auf hoher See.
Und dann fiel es George plötzlich auf: Hier legte ein Mensch, zumindest zum großen Teil, Zeugnis über sein Leben ab, sehr geschickt verpackt in Allgemeinheiten bis hin zu Beliebigkeiten. Das Destillat war jedoch eine Art Lebensbeichte, mit George als absolut passivem, rein rezeptivem Beichtvater.
Und George begann sich zunehmend zu fragen, ob dieses Destillat vollständig und stets aufrichtig war oder nur die Oberfläche von etwas, das sehr viel tiefer ging. Und mit jener Unsicherheit wuchs auch dieses diffuse Gefühl des Unbehagens. Wer und wie war dieser Andrew wirklich, dem auszuweichen auf See für weitere etwa neun Monate nicht möglich war?
„Noch neun Monate“, dachte George, die werde man noch mit Anstand miteinander durchhalten müssen und können. Zumal war der Alltag auf so einem Fischerboot beruhigend eintönig und, von gelegentlich rauer bis sehr rauer See einmal abgesehen, sehr arbeitsreich und fast rituell ereignislos. Netze ausbringen, mit Bojen markieren, Netze einholen, den Beifang von dem Primärfang trennen und dem Meer zurückgeben. Die durch eine schiffseigene Eismaschine zu riesigen Tiefkühlschränken umfunktionierten Laderäume mit dem kostbaren Primärfang fein säuberlich füllen, den Fang an Land bringen und verkaufen. Vier bis fünf Tage Regeneration mit festem Boden unter den Füßen, die Familie und das Heim sehen, gelegentlich auch Freunde, Proviant kaufen und aufnehmen für einen weiteren Monat auf See. Und schon verließ man wieder den Hafen, um seinem Broterwerb weiter nachzugehen.
Dann, nach Ablauf der zwölf Monate, wurde die Heuer entweder neu ausgeschrieben oder man blieb weiter zusammen, dann nämlich, wenn man sowohl bei der Arbeit wie auch menschlich und persönlich außergewöhnlich gut zusammenpasste. Häufig war es nur dieses eine Jahr, es gab jedoch auch schon unzählige Fälle, wo auf See echte Freundschaften entstanden waren und man etliche Jahre als festes Gespann miteinander verbrachte.
Auch wenn es nie Streit oder offen ausgetragene Konflikte zwischen George und Andrew gab, George würde die Heuer nicht verlängern. Denn Andrew hatte etwas an und um sich, was er loswerden wollte. Was genau es war, sollte sich noch zeigen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 64
ISBN: 978-3-95840-772-5
Erscheinungsdatum: 12.11.2018
EUR 15,90
EUR 9,99

Krampus & Nikolo