Lyrik & Dramatik

Perdu-Nachdenken über K.W.

Martin Buchwald

Perdu-Nachdenken über K.W.

Leseprobe:

Heute

Potsdam ist immer eine Reise wert. An diesem Februartag aber nicht. Es war kalt, wurde nicht richtig hell und ab und zu schneite es auch. Ich hatte einige Tage frei und wollte diese dazu nutzen, endlich alte Papiere durchzusehen, unnützen Kram wegzuschmeißen und Ordnung im Keller zu schaffen. Und auch, um regelmäßig im Park Babelsberg spazieren zu gehen und abzuschalten.
Maria, meine Frau, war verreist und besuchte ihre Eltern im Ruhrgebiet.
Ich war mit Pedro, dem schwarz-weißen Kater allein.
Dieser lag zusammengerollt auf einem Sessel, schlief und ließ sich nicht von mir stören.
Ich bereitete grünen Tee zu, legte die CD „Winter Nights“ von Al Di Meola ins CD-Fach und breitete vor mir auf dem Boden mehrere beachtlich hohe Stapel verschiedener Papiere aus.
Alte Fotos, vergilbte Briefe, diverse Dokumente, Schulhefte, Zeugnisse, Urkunden, Münzen, Geldscheine, alte Ausweise von früher und aufgeklebte Artikel aus damaligen Zeitungen. Alles aus einem Land, das es nun seit weit über 20 Jahren nicht mehr gab. Dies alles bewahrte ich seit vielen Jahren in mehreren Umzugskartons im Keller meines Hauses auf, ohne Interesse daran es einmal durchzusehen. Eigentlich wollte ich das meiste endlich ohne „Wenn und Aber“ wegschmeißen.
Dieses Vorhaben hatte ich schon mehrfach verschoben. Immer, wenn ich umgezogen war, sollte das alte Zeug weg, immer hatte ich die Kartons wieder mitgenommen, obwohl ich sie schon seit vielen Jahren nicht geöffnet hatte.
Nun sollte der alte Kram verschwinden.
Seit mehreren Jahren hielt ich Vorlesungen in Deutscher Literatur an der hiesigen Universität und war mit meinem Job sehr zufrieden. Ich war jetzt 58 und fand mein Leben gut so, wie es heute war.
Dann bekam ich eine E-Mail, die meine Pläne abrupt änderte.
„Guten Tag Piet, du wirst sicherlich überrascht sein, nach so langer Zeit von mir zu hören. Ich habe lange überlegt, ob ich mich melde, aber ich würde mich doch gerne einmal mit dir treffen. Es ist wirklich sehr wichtig!
Karoline“

In der Mailadresse stand Karoline Voigt.
Eine Karoline Voigt kannte ich nicht, wohl aber eine Karoline Wagner. Es war Karo, da war ich mir sicher.
Klar, sie hatte wohl irgendwann geheiratet und hieß nicht mehr Wagner. Ich suchte unter den Fotos und fand schnell mehrere, welche mich mit Karoline zeigten. Sie saß auf meinem Motorrad, meinem Schoß, stand Händchen haltend neben mir. Auf einem Bild war sie huckepack auf mir.
Wir lachten, machten Faxen, küssten uns und waren glücklich.
Sie war schön, klug und sehr sexy.
Ich sah, dass es viele Fotos waren. Karoline, Karo!
Wie jung wir auf den Bildern waren, wie arglos und naiv. Wie sehr ich sie liebte in diesen knappen zwei Jahren, damals in den frühen Siebzigern in einer heute nicht mehr existierenden Republik namens DDR.
Warum hatte sie sich jetzt auf einmal gemeldet?
Nach so unendlich langer Zeit. Was wollte sie von mir?
Was sollte heute noch so wichtig sein?
Etwas in mir krampfte sich zusammen. Ich hätte gleich nach der Wende versuchen sollen, die Dinge klar zu stellen, Karoline zu suchen und sie um eine Erklärung zu bitten für das, was damals passiert war. Ich habe es bis heute nicht völlig verstanden. Jetzt machte es aber auch keinen Sinn mehr, dem noch nachzugehen. Eigentlich hatte ich längst alles verdrängt.

Etwas später suchte ich unter den zahlreichen Fotos ein bestimmtes Bild und fand es nach einiger Zeit. Es war von einer Fete im großen Garten hinter meinem Elternhaus im Hochsommer Ende August 1972, schon ziemlich spät am Abend.
Wir waren mehr als 20 Leute und belagerten eine alte Holzbank an einem Lagerfeuer:
Karo, Jonas, Martina, Michi, Susanne, Kante, Ducki, Werner, ich selbst und noch einige andere, die ich nicht mehr alle namentlich kannte.
Jeder, der da gewesen war, hatte von dem Foto einen Abzug bekommen.
Ich lehnte mich zurück, schloss die Augen und erinnerte mich.


Damals

„Mach dir noch einen schönen Tag, Montag ist ja schon wieder Schule“, sagte meine Mutter, bevor sie zur Arbeit ging. Mutter war Krankenschwester. Mein Vater war seit über einem Jahr auf Montage und nur alle paar Wochenenden zu Hause. Er arbeitete als Brückenbauingenieur.
Wir wohnten in Neustadt an der Orla, einer Kleinstadt in Thüringen, und ich lebte gerne dort. Wir hatten ein altes Einfamilienhaus mit großem Garten direkt am Stadtrand.
Es war mein letzter Ferientag, dann kam das Wochenende und am 01. 09. 71 würde die 10. Klasse an der EOS in Pößneck, der „Erweiterten Oberschule“ unserer Kreisstadt, anfangen.
„Piet, du könntest einkaufen gehen, Zettel und Geld liegen auf dem Küchentisch, Frühstück habe ich dir auch gemacht. Ich muss jetzt los“ sagte Mutter noch und schloss leise meine Zimmertür.
Alle nannten mich Piet, obwohl ich Peter hieß, irgend so eine niederländische Kurzform meines Namens. Wer mich zuerst so genannt hatte, weiß ich gar nicht mehr. Im Kindergarten wurde ich auch schon so gerufen.
Ich schlurfte ins Bad und duschte, es war 06:30 Uhr. Dann ging ich in die Küche, fütterte unsere beiden Kater, stellte das Radio an und suchte die Frühsendung des „Deutschen Soldatensenders“, die gerade auf Mittelwelle 935 kc lief.
Dass der „Deutsche Soldatensender“ ein geschickt getarnter DDR-Propagandasender war, wusste ich damals noch nicht, jedenfalls war die Musik ganz gut und das war zu dieser Zeit eindeutig das Wichtigste.
Wir wussten damals sicher vieles nicht und manche Wahrheit kam erst mit der Wende 1989 so richtig ans Tageslicht.
Während ich aß, sangen die Kinks im Radio „Victoria“, danach kamen die Doors und die Beatles. Wenn ich Zeit hatte, hörte ich den Sender jeden Tag, ebenso die Musiksendungen von Bayern 3, Hessen 3 oder den RIAS-Treffpunkt. Letzteren vor allem am Samstag, weil da immer Hörerwünsche erfüllt wurden.
Wir hatten Glück, den RIAS hören zu können, da dieser über Hof in Bayern nach Thüringen auf UKW sendete. Ich hatte seit zwei Jahren ein Tonbandgerät und schnitt viele Songs mit, z. B. von den Rolling Stones, Deep Purple, Crosby, Stills, Nash and Young, Jimi Hendrix, Led Zeppelin, Animals, Iron Butterfly, Black Sabbath, Kinks, aber auch von (west)deutschen Bands wie Frumpy, Luzifers Friend und anderen.
Viele Feten fanden nur deshalb statt, weil ich mit dem „Tesla“-Tonbandgerät dabei war und für die Musik sorgte. Favoriten waren natürlich die langsamen Songs, damit man sich beim Tanzen an die Mädchen kuscheln konnte.

Beliebt waren zum Beispiel „He Ain’t Heavy He’s My Brother“ von den Hollies, „Come Away Melinda“ von Uriah Heep oder „Helpless“ von Neil Young. Und natürlich „Samba Pa Ti“ von Santana.
So ziemlich jede Band und jede Diskothek, die etwas auf sich hielt, hatte dieses Stück im Programm.
Ich selbst stand mehr auf Härteres oder Psychedelic-Music. Weil Freunde mich darum baten, hatte ich jedoch ein ganzes Tonband mit solchen Kuschelsachen zusammengeschnitten.
Samstags freute ich mich immer auf den „Beat-Club“ in der ARD.
Da konnte ich einige meiner Lieblingsbands wenigstens im Fernsehen anschauen.

Neben der Musik und dem Billard spielen hatte ich noch ein drittes Hobby, die Fotografie. Mein Vater, der schon immer gern fotografierte, hatte eine „Pentacon six TL“, das war echt DDR-High-Tech, und eine „Beirette“.
Aber da er ohnehin beruflich viel unterwegs war und nur die kleine und leichte Beirette mitnahm, sogar ins Ausland, übereignete ich mir das andere Teil immer mehr.
Zuerst machte ich zahlreiche Bilder von unseren beiden Katern, unserem Haus und unserem Garten, meinen Eltern und Großeltern. Später fotografierte ich bei Feten, bei Geburtstagen, zur Jugendweihe usw.
Glück hatte ich, dass ich in Neustadt einen älteren Cousin mit dem gleichen Hobby und einer eigenen Dunkelkammer hatte. So wurden mir meine Aufnahmen faktisch kostenlos und immer recht schnell entwickelt.

Ich hatte es mir leichter vorgestellt, aber die 9. Klasse war mein bis dato schwierigstes Schuljahr. Ich musste jeden Tag früh mit dem Zug von Neustadt nach Pößneck fahren, denn nur in der Kreisstadt gab es eine EOS. Der Zug fuhr 06:05 Uhr, der Unterricht begann 07:15 Uhr.
Das hieß 05:00 Uhr aufstehen. Und zwar Montag bis Samstag. Obwohl ich doch so gerne länger schlief. Der Weg zum Bahnhof war weit, wir wohnten ganz am anderen Ende der Stadt. Fast alle meine alten Kumpels aus der POS waren nun nicht mehr da, meine neuen Mitschüler der 9d kamen aus acht verschiedenen Orten und annähernd jeder fuhr nach dem Unterricht in eine andere Richtung nach Hause. Zumindest war es die erste Zeit so.
Neue Freunde finden war am Anfang schwer. Es funktionierte dann aber recht schnell über die Musik.
Jonas und Michi mochten die gleichen Bands wie ich. Da hatte man immer viel zu besprechen. Vor allem Jonas wurde bald mein bester Freund. Er war eine richtige Sportskanone, was nicht ganz mein Fall war, aber ansonsten ein echt klasse Typ. Wir waren ständig zusammen, an den Nachmittagen, oft auch an den Wochenenden.

Gleichgesinnte fanden wir auch unter den Pößnecker Lehrlingen und jungen Facharbeitern. Wir hingen öfter am Nachmittag auf den Marktplatzbänken herum, debattierten über neue Songs, neue Bands und pfiffen vorbeigehenden Mädchen hinterher. Da der Markplatz schief ist (das ist eine echte Rarität in Thüringen!) und wir unsere Bänke oben stehen hatten, konnten wir nach unten den gesamten Markt gut überblicken.
Wir sahen deshalb auch immer sehr früh, wenn der Abschnittsbevollmächtigte der deutschen Volkspolizei anrückte, um zu kontrollieren, ob wir uns auf dem Markplatz gesittet benahmen.
Über Politik wurde eher selten gesprochen, manchmal wurden jedoch politische Witze erzählt. Oft fuhren wir am Wochenende gemeinsam auf die Dörfer zum Tanz, wenn in Neustadt, Triptis oder Pößneck nichts los war. Einerseits um Mädchen kennenzulernen, andererseits um unsere Musik live zu hören. Zum Glück gab es einige Bands, die das spielten, was wir mochten. Nicht immer fuhren wir zusammen zurück, je nachdem ob es mit einem Mädchen klappte oder nicht. Jonas, Michi, Kante und einige andere hatten Mopeds oder gar Motorräder. Ich nicht. So war ich immer Sozius. Das durfte nicht ewig so bleiben.
Ich hatte in den Ferien im Triptiser Porzellanwerk gearbeitet, außerdem besaß ich noch meine ganze Kohle von der Jugendweihe und Eltern, auf die man sich verlassen konnte, wenn Peter, ihr Einzelkind, mal einen Wunsch hatte. Eigentlich nutzte ich das äußerst selten aus. Ich wurde bald 16, ein Motorrad musste dann aber endlich her. Zuvor Fahrerlaubnis schnell und günstig machen, schließlich war man in der „Gesellschaft für Sport und Technik“, der GST.
An diesem Freitag verging die Zeit vom Faulenzen und Herumtrödeln wie im Flug, es war schon fast Mittag. Ich wollte endlich einkaufen gehen, als es klingelte.


Heute

Ich musste lächeln. Auf einigen Fotos, die ich gerade in den Händen hielt, hatte ich ziemlich lange Haare. „Wie Jesus“, sagte meine Oma immer.
Es gab wegen meiner Haare ewige Diskussionen zwischen mir und meinem Vater, der in der SED war. 1968 oder 69 hatte ein selbstherrlicher SED-Kreissekretär verfügt, das Jugendliche oder junge Männer mit etwas längerem Haar durch Vopos an den Bahnhöfen des Kreises abgefangen, zum Friseur eskortiert wurden und für den Zwangshaarschnitt auch noch bezahlen mussten. Weg mit den Gammlern hieß es, denn nur Gammler haben lange Haare. Einer meiner Lehrer, Herr Neumann, Ende 20 mit schwarzen Naturlocken, die gerade mal die Ohren halb verdeckten, wurde am Neustädter Bahnhof angehalten und dort gleich zum mobilen Friseurstudio in die Bahnhofskneipe eskortiert.
Der war echt bedient und kam auch noch zu spät zum Unterricht.
Ich erzählte das zu Hause.
Meine Mutter schüttelte über diesen Unsinn nur den Kopf, mein Vater war strikt gegen lange Haare und fand gut, was da stattfand.
Ich beschloss deshalb, meine Haare länger wachsen zu lassen.
Der Kreissekretär behielt natürlich seinen Job.
Der Disput zwischen mir und meinem Vater dauerte lange.
Ausgerechnet die Puhdys, die ich nie mochte, halfen mir, die ewigen Debatten zu beenden.
Ihr Hit „Geh dem Wind nicht aus dem Wege“, der stark an Uriah Heep erinnerte, wurde „Schlager des Jahres 1971“ in der DDR.
Eine Textzeile lautete:
„Was in Deinem Kopf steckt zählt, nicht die Haare und auch nicht der Hut.“
Das war jetzt Strategie in der Jugendpolitik der DDR, die inneren Werte zählten und das hatte auch mein einigermaßen systemkonformer Vater irgendwie kapiert.
Die Partei schnitt offensichtlich nicht mehr die Haare ab. Wenige Jahre später wollte man der Jugend der Welt zu den Weltfestspielen ja eine weltoffene, liberale und nicht an Äußerlichkeiten junger Leute interessierte DDR präsentieren. Zumindest war das die vorläufige Linie.

Was sollte ich tun? Karoline eine E-Mail senden, besser schweigen und mich still verhalten? Ich wusste es nicht.
Wollte ich sie überhaupt noch einmal sehen?


Damals

Jonas stand vor der Tür, kam auf mich zu und umarmte mich fest.
„Na, Alter, da guckste?“ Er war nicht allein. Katharina, seine ein Jahr jüngere Schwester und ein anderes, außergewöhnlich hübsches Mädchen waren bei ihm. Sie war vermutlich Kathis Freundin.
Jonas und Kathi wohnten auf dem Dorf, wenige Kilometer von Pößneck entfernt. Ihre Eltern waren beide Lehrer und sie wohnten über der Dorfschule für die Klassen 1–4.
Da ich oft dort war, kannte ich auch Kathi gut. Wir mochten uns und waren befreundet.
„Das ist Karoline aus Kathis Klasse“, sagte Jonas. „Wir dachten, wir können bei dir bisschen abhängen, was futtern, Musik hören oder so. Und den letzten Ferientag genießen. Wir sind erst gestern aus dem Harz zurückgekommen.“
Ich gab Karoline die Hand und Kathi ein Küsschen auf die Wange.
„War ziemlich langweilig. Immer nur wandern und solcher Kram, irgendwie öde. Ist die Karte aus Wernigerode angekommen? Badezeug haben wir übrigens auch mit“ redete er weiter.
Ich war richtig froh, dass sie da waren.
Die Ferien waren zuletzt doch recht eintönig gewesen. Ich hatte zwei Wochen im Porzellanwerk gearbeitet und war die restlichen Wochen zu Hause.
Durch Vaters Montage irgendwo bei Brandenburg-Kirchmöser war diesmal kein Sommerurlaub mit Familie möglich.
Ab und zu war ich Billard spielen gegangen, aber viele Sportfreunde waren jetzt auch verreist gewesen.
Vor zwei Wochen hatte ich mich mal mit Michi getroffen, kurz danach war der mit seinen Eltern weggefahren.
Letztes Jahr waren wir auch im Harz gewesen, in Schierke, und ich hatte es ähnlich wie Jonas empfunden. Meinen Eltern hatte es jedoch sehr gefallen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 178
ISBN: 978-3-99038-774-0
Erscheinungsdatum: 03.09.2015
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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Frühlings-Tipps