Lyrik & Dramatik

Maddalena

Herta Blamauer

Maddalena

Leseprobe:

Vorbemerkung



Dies ist eine Geschichte, in der alle handelnden Personen frei erfunden sind, jede Ähnlichkeit mit realen Personen wäre rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Nerovalle ist ein fiktives Dorf, das auf keiner Landkarte zu finden ist. Wortwörtlich übersetzt heißt es „schwarzes Tal“, angelehnt an die dunkle Erde an den Hängen des Ätna. Ich hatte bei der Beschreibung des Dorfes die Bilder von verschiedenen süditalienischen Dörfern vor Augen, die teilweise wie Adlernester auf den Kuppen von Berghängen kleben, mit einem zentralen Dorfplatz mit Kirche und öffentlichen Gebäuden, schmalen, steinernen Häusern in engen, steilen Gassen und verstreut liegenden Gehöften.
Der Ausbruch des Ätna im Jahr 1964 hat tatsächlich stattgefunden, allerdings habe ich mir die Freiheit genommen, den großen Ausbruch von 1971 in das Jahr 1967 zu verlegen, um die Logik der Geschichte zu unterstreichen. Tatsächlich fand im Jahr 1971 ein gewaltiger Ausbruch statt, bei dem es wochenlang nicht mehr richtig hell wurde und unter anderem Teile der Seilbahn unter den Lavamassen begraben wurden.










Komm
Einen Atemzug näher
Ans Licht
Schwester

Sei kühn
Und unnahbar
Rose Ausländer, 1983




And a rock feels no pain, and an island never cries …
Simon & Garfunkel










1.



Ich mag sie, diese blass-kalten Tage, wenn achtlos das Wasser über die Steine im Fluss rinnt und eine bemühte Novembersonne sich ihren Weg durch den Dunst bahnt, wenn sich die Konturen der Häuser und Bäume aufzulösen scheinen, und je mehr der Grauschleier des Nebels Menschen und Tiere umhüllt, umso mehr leuchten sommerlich-neckisch rot meine Schuhe.
Die Stadt scheint mehr und mehr zur Ruhe zu kommen, und die Zeit scheint langsamer zu fließen, zumindest ich empfinde das so, wissend, dass die viel zitierte stillste Zeit im Jahr immer hektischer wird.
Ich setze einen Fuß vor den anderen, in meinen roten Sneakers, mit Bedacht, während meine Gedanken um die Ereignisse des vergangenen Jahres kreisen. Es ist so viel geschehen in diesem Jahr, als feststehende Wahrheit empfundene Inhalte haben sich als unhaltbar erwiesen, ich habe Grenzen überschritten, die ich mir selber auferlegt hatte, ich habe mich in das Leben gestürzt, wie ein neugieriges Kind, ich habe mich dem Leben, und auch der Liebe, ganz neu hingegeben, mich dem Strom überlassen, und ich habe entdeckt, dass dieser Strom mich trägt.
In viele dieser Gedanken drängt sich Maddalena, mit ihren dunklen, blitzenden Augen, ihren langen schwarzen Haaren, ihrem großen Mund, der sich zu einem Lachen wie eine Naturgewalt öffnet, ihrer tiefen, samtigen Stimme, die von ihrem Leben erzählt, von den engen, dunklen Häusern ihrer Kindheit, von der erbarmungslosen Sonne des Sommers, den schwarz-glänzenden, scharfkantigen Felsen und dem üppigen Grün der Obstgärten und Weinberge, die sich an den Hängen des Ätna entlang ausdehnen, und vom Meer, immer wieder vom Meer, tiefblau mit weißen Schaumkronen, mal sanft, mal wild, im Winter oftmals grau, dunkel, schäumend, und immer lockend, so verlockend.
Ich weiß, dass vieles von dem, was ich im vergangenen Jahr erlebt habe, mit ihr zu tun hat, es scheint, dass die Begegnung mit ihr der Auslöser war für einen Prozess, der in mir so vieles durcheinandergewirbelt hat, dass ich jetzt nicht mehr dieselbe bin, die ich im vergangenen November noch war.
Ich weiß, dass ich auch als Psychotherapeutin Grenzen überschritten habe, ich habe an dieser Frau Anteil genommen, wie noch niemals zuvor, und wie ich es meinem beruflichen Verhaltenskodex zufolge nicht hätte zulassen dürfen. Ich habe die Grenzen meiner therapeutischen Abstinenz überschritten, nicht um meines Vorteiles willen, sondern weil ich es zuließ, dass sie alle meine Grenzen überschritt, mich einsog in die Turbulenzen ihres Lebens. Und ich weiß auch, dass ich ihr unendlich dankbar bin dafür. Mein Leben ist zwar nicht mehr so ruhig und beschaulich, aber es ist wieder spannend geworden, und ich habe gelernt, wieder mehr zu vertrauen, mir selbst, aber auch dem Leben als solches, mit all seinen Unwägbarkeiten und Unvorhersehbarkeiten. Ich lache mehr und ich weine mehr, und es ist gut so, wie es ist.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie Maddalena das erste Mal zu mir kam. Es war an einem Montag, einer dieser blassen Novembertage, an denen sich die Sonne durch den Nebelschleier müht und alle Konturen sich im Dunst wie durch einen Weichzeichner verwischen. Ich hatte bereits einen arbeitsintensiven Vormittag hinter mir, eine junge Frau mit einer Herbstdepression, ein älteres Paar, bei dem vor allem die Frau unter der Pensionierung des Gatten litt, und eine Mutter, die mit der Pubertät ihres Sohnes nicht zurechtkam. Ich war zufrieden mit mir, weil ich in jeder Therapiestunde einen roten Faden zu fassen bekam und das Gefühl hatte, dass ich jedem einzelnen etwas mitgeben konnte, das die jeweilige schwierige Situation in gutem Sinne fortschreiten ließ. Jetzt machte ich mir noch die letzten Notizen und schaltete gerade den Computer aus, als ich hörte, dass jemand mein Vorzimmer betrat. Ich wunderte mich, weil ich keinen weiteren Termin mehr vereinbart hatte, und wollte mich eigentlich zu einer längeren Mittagspause aufmachen.
Als ich die Tür zum Vorzimmer öffnete, stand eine Frau draußen. Sie war ziemlich groß, sehr schlank, das konnte ich sogar durch die dicke Wolljacke erkennen, ihre Haare ein wildes Nest aus schwarzen Locken. Sie war ungeschminkt und zitterte, ob von der nassen Kälte oder vor Angst, war zunächst nicht zu erkennen.
„Sind Sie die Psychotherapeutin, die Frau Dr.?Gruber?“, fragte sie mit einer rauen Stimme, die auch einen leichten Akzent hatte, den ich nicht sofort einordnen konnte.
„Ja … und wer sind Sie?“, fragte ich zurück.
„Entschuldigen Sie … ich heiße Maddalena Noccioli … ich brauche Ihre Hilfe … dringend!“
Ich spürte, dass ich mich innerlich versteifte. Ich mag es nicht, wenn Leute einfach von der Straße reinkommen, ohne Termin, ich fühle mich für Akutsituationen nicht zuständig, dafür gibt es Notärzte oder Ambulanzen. Trotzdem nahm ich ihre Not wahr und brachte es nicht über mich, sie vorschnell abzufertigen.
„Ja … wissen Sie, eigentlich bekommen die Menschen einen Termin bei mir … es ist nicht üblich, einfach so in einer psychotherapeutischen Praxis aufzutauchen … aber, was ist so dringend?“
Frau Nocciolis Blick wirkte gehetzt, es war offensichtlich, dass sie Angst hatte. „Entschuldigen Sie, dass ich Sie einfach so überfalle, aber … ich habe Angst … ich glaube, ich werde verfolgt … und ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich passiert oder ob ich mir das einbilde. Ich weiß nicht, wovor ich mehr Angst habe … dass ich verfolgt werde oder dass ich einfach nur verrückt werde.“
Mir wurde sehr schnell klar, dass ich diese Situation nicht einfach zwischen Tür und Angel erledigen konnte, und irgendetwas an dieser Frau Noccioli, sei es in ihrem Blick oder ihrer ganzen Art, drängte mich, auf sie einzugehen, deshalb bat ich sie abzulegen und im Behandlungszimmer Platz zu nehmen.
„Wissen Sie, von wem Sie verfolgt werden?“
„Nein … ich weiß nicht … es ist … wie ein Schatten … das ist es ja, was mir so Angst macht … kennen Sie das … Sie spüren, da ist etwas, irgendwer oder irgendwas … und es ist unheimlich … man weiß nicht was es ist …“
„Haben Sie das schon länger?“
„Ja … nein … immer wieder mal, seit Jahren … seit vielen Jahren … und dann lebe ich wieder lange Zeit mein Leben und es geht mir gut … und auf einmal ist er … es … wieder da.“
Interessiert beugte ich mich vor. „Er? Also ist es ein Mann, der sie verfolgt?“
„Non lo so … ich weiß es nicht … ich weiß nicht einmal, ob es real ist oder ob ich einfach verrückt werde …“
„Ja, das stelle ich mir schrecklich vor …“
Frau Noccioli schien ruhiger zu werden, das Zittern ließ ein wenig nach, und auch ihr Blick wirkte nicht mehr so unruhig und gehetzt.
„Ja … es ist schrecklich … Sie verstehen mich, ich wusste es … ich wusste es gleich, als ich Ihr Praxisschild gesehen habe … geh’ zu der Frau, habe ich zu mir gesagt.“
„Waren Sie schon einmal bei einem Arzt deswegen?“
Da hörte ich zum ersten Mal Maddalenas Lachen, ganz rau und kehlig.
„Sie meinen bei einem Psychiater …? Mein Exmann hat mich zu einem geschickt, vor vielen Jahren, er sagte, du bist verrückt … sei pazzo … nur weil ich nicht das gemacht habe, was er wollte … no no … kein Psychiater … niemals mehr … mai più …“
Wir schwiegen eine Zeit lang, es war ein durchaus gutes Schweigen, es war spürbar, dass die Frau ruhiger wurde, dass die Panik nachließ. Dann fragte ich sie: „Sie sind Italienerin, nicht wahr?“
Wieder lachte sie, aber diesmal war es ein anderes Lachen, aus der Tiefe, warm und lebensvoll.
„No, signora dottoressa, sono siciliana. Ich bin Sizilianerin, nicht einfach eine Italienerin.“
„Sind Sizilianer keine Italiener?“
„Doch! Aber nicht alle Italiener sind Sizilianer.“
Ich musste schmunzeln, da klang eine Menge Selbstbewusstsein für die eigene Abstammung, Stolz auf ihre Wurzeln mit.
„… eine Sizilianerin in Salzburg …“
„Beh … das ist eine lange Geschichte …“
Ich fühlte, wie widerstreitende Gefühle in mir hochkamen, einerseits eine gewisse Ungeduld, weil ich eigentlich in meine wohlverdiente Mittagspause wollte, andererseits Interesse, Neugier. Ich erlebe das öfter, dass ich bei einem Erstgespräch vom ersten Moment an auf jemanden anspringe, mehr hören möchte über diesen Menschen. Bei Maddalena ging es sogar noch darüber hinaus, es war wie ein inneres Drängen, mehr von dieser Frau zu erfahren, fast so etwas wie ein Sog, der mich zu ihr hinzog, ja, es fühlte sich so ähnlich an wie eine Liebe auf den ersten Blick. Ich möchte eines klarstellen: Ich bin nicht lesbisch, mein erotisches Interesse gilt eindeutig und unzweifelhaft Männern. Es war auch nichts Erotisches oder Sexuelles, was mich zu ihr hinzog, sondern etwas tief Innerliches, schwer zu Beschreibendes. Gleichzeitig fühlte ich in mir ein kaum fassbares Unbehagen, etwas wie eine Warnung, wovor auch immer. Ich konnte es nicht benennen. Aber mir war klar, dass ich dieses Unbehagen nicht einfach übergehen konnte.
„Wissen Sie, ich glaube ich möchte diese Geschichte jetzt nicht hören, ich habe auch gar nicht die Zeit dazu, Sie haben ja auch gar keinen Termin jetzt. Ich denke, wir sollten im Augenblick eher darauf schauen, wie wir jetzt mit Ihrer Angst umgehen …“
Maddalena schien ein Stück zurückzuweichen, und obwohl äußerlich keine Veränderung ihrer Haltung oder Mimik erkennbar war, schien sich der Abstand zwischen uns zu vergrößern. Gleichzeitig spürte ich in mir so etwas wie Enttäuschung.
„Wissen Sie“, sagte Magdalena, „ich lebe schon so lange mit diesem Gefühl, wie ich schon sagte, es kommt und geht. Und ich denke, es ist besser, wenn ich jetzt auch wieder gehe.“
„Frau Noccioli, ich habe kein gutes Gefühl dabei, Sie jetzt einfach so gehen zu lassen …“
Sie lachte wieder dieses raue, kehlige Lachen.
„Frau Doktor, glauben Sie mir, wenn ich mich deswegen umbringen wollte, hätte ich das schon viele Male tun können, und Sie hätten nie etwas davon erfahren. Ich werde es auch jetzt nicht tun, Sie können ganz beruhigt sein. Nein … ich möchte Ihre kostbare Zeit nicht länger in Anspruch nehmen.“ Damit erhob sie sich.
„Nein, warten Sie …“










6.



Maddalena Noccioli - meine Geschichte

Ich stamme aus Nerovalle, einem kleinen Dorf in Sizilien, an der Westflanke des Ätna, der kargen, armen Seite, im Gegensatz zur regenreichen und fruchtbaren Süd-Ostflanke. Mein Vater war der fünfte und jüngste Sohn eines Bauern aus Bronté, der sich mit vierzehn Jahren seinen Lebensunterhalt selbst verdienen musste. Er ging nach Catania, wo er nach zehn Jahren Plackerei als Werftarbeiter genug gespart hatte, um sich in Nerovalle eine halb verfallene Bauernkate, zu der ein paar Hektar trockenen Bodens gehörten, zu kaufen. Einen Teil steuerte meine Mutter bei, die als die älteste Tochter einer stolzen, kommunistischen Arbeiterfamilie aus einem Vorort von Catania zur Hochzeit eine kleine Mitgift erhielt.
Mein Großvater begann als einfacher Maurer und engagierte sich schon früh in der Gewerkschaft, in der er sich schon bald in Führungspositionen hocharbeitete und später als Gewerkschaftsführer nicht nur die harte körperliche Arbeit an den Nagel hängte, sondern auch genug verdiente, um es zu einem bescheidenen Wohlstand zu bringen. So war es ihm möglich, seine drei Söhne in eine weiterführende Schule zu schicken und für seine beiden Töchter eine kleine Mitgift bereitzustellen.
Obwohl meine Eltern mehrmals an den gleichen Gewerkschaftsversammlungen oder Kundgebungen teilgenommen hatten, kam es zu keiner direkten Begegnung. Sie lernten sich beim Pistazienfest in Bronte kennen, und der Legende zu Folge hätten beide zur gleichen Zeit nach der gleichen torta di pistacchi gegriffen und sich beim ersten Blick über den Stand hinweg ineinander verliebt. Als mein Vater eine Stunde später erfuhr, dass es sich bei dem hochgewachsenen Mädchen mit den dunklen mandelförmigen Augen um die Tochter des von ihm verehrten Gewerkschaftsführers handelte, war es endgültig um ihn geschehen, und er erbat sich von ihr die Erlaubnis, sie in Catania besuchen zu dürfen. Rosalia, meine Mutter, stimmte dem zu, und so begann Bruno, mein Vater, sie zu umwerben.
Mein Nonno, der große Gewerkschaftsführer, hatte gar keine Freude mit dem Hungerleider, denn er hatte für seine schönen Töchter Besseres im Sinn. Aber Bruno gab nicht auf, ein halbes Jahr lang stand er jeden Sonntag nach der Messe in seinem einzigen Anzug, sauber gewaschen, rasiert und mit glänzend pomadisierten Haaren vor der Wohnungstür der Familie Brioni und erbat einen Spaziergang mit Rosalia. Irgendwann ertrug der Patrone die ständig rot geweinten Augen seiner Tochter nicht mehr und er erlaubte einen Ausflug, aber nicht ohne Giuseppe, den ältesten Sohn, als Anstandswauwau. Giuseppe war ein hochanständiger Kerl, ein fleißiger Schüler des hiesigen Gymnasiums mit dem Ziel, Lehrer zu werden, er nahm seinen Auftrag zunächst sehr ernst und ließ die beiden Verliebten keine Sekunde aus den Augen. Auf diesen Spaziergängen, die sie vom alten Hafen über die Via Etnea zum Domplatz führten, trafen sie regelmäßig Marcella, eine Schulfreundin von Rosalia, mit ihren Eltern, und man wechselte ein paar höfliche Worte, während Rosalia und Marcella zusammen tuschelten und kicherten. Und es geschah, was geschehen musste - Giuseppe verguckte sich seinerseits heftig in Marcella, wobei deren Eltern, ebenfalls Werftarbeiter, vom ersten Moment an überglücklich diese Liaison förderten. Immerhin handelte es sich um den studierten Sohn des Gewerkschaftsführers Brioni, und so überließen sie schon nach wenigen Wochen die jungen Leute sich selbst, die sich endlich in engen Gassen und geschützt von Platanen näherkommen konnten.
Wiederum ein halbes Jahr später, in dem der Patrone Brioni mit Erstaunen das Aufblühen seiner Tochter, ihre glänzenden Augen und rosigen Wangen beobachtete, wurden Bruno und Rosalia von einem Unterführer der Gewerkschaft dabei beobachtet, wie sie eng umschlungen in einer Nische an der Rückseite der Cattedrale di Sant’Agata lehnten und heftig schnäbelten. Natürlich machte er umgehend seinem Capo davon Meldung, und als Bruno seine Rosalia, begleitet von Giuseppe, nach Hause brachte, ging ein gewaltiges Donnerwetter auf die drei nieder.
Der Patrone brüllte und schrie, dass seine Tochter eine buttana sei, und sein Sohn ein nichtsnutziger credulono, der nicht in der Lage sei, auf seine Schwester aufzupassen und verpasste diesem einige heftige Kopfnüsse. Dann ging er auf Bruno los, wobei sich Rosalia heulend dazwischenwarf und im Handgemenge auch ein paar kräftige Hiebe abbekam. Die Mutter, normalerweise schweigend im Hintergrund, rang weinend die Hände und rief alle Heiligen an, insbesondere die heilige Rosalia, die Schutzpatronin Palermos und sowohl ihre als auch ihrer Tochter Namenspatronin; die jüngere Schwester Antonella und die zwei kleineren Brüder beobachteten mit großen Augen das Zeter und Mordio. Inzwischen kamen auch einige Nachbarn dazu und mischten sich ihrerseits mit Kommentaren und Ratschlägen ein, der Patrone schimpfte und wütete, die Mutter jammerte und weinte, Giuseppe schrie dazwischen und beschwor die Liebe, Bruno versuchte sich zu verteidigen, Rosalia heulte … kurz: es war ein gewaltiges Palaver, das nach einer gewissen Zeit wie jedes verlöschende Strohfeuer in sich zusammenfiel. Die Nachbarn verschwanden, und die Familie setzte sich am Küchentisch zusammen und beratschlagte sich. Das Ergebnis: jetzt musste Rosalia den Hungerleider Bruno heiraten, um das Ansehen der Familie zu retten.
Und so kam es, dass der große Gewerkschaftsführer Brioni seine Tochter einem Bauernsohn und Werftarbeiter zur Frau gab, er stockte das Wenige, das Bruno sich bis dahin gespart hatte, soweit auf, dass sich das armselige Anwesen in Nerovalle ausging, und bis zur Hochzeit vier Monate später hatte Bruno, mein Vater, die Kate gerade so bewohnbar gemacht.
Nebenbei bemerkt, Giuseppe war von dem Ganzen so abgeschreckt, dass seine heiße Liebe zu Marcella sehr rasch abkühlte und er sich wieder ganz seinem Studium widmete. Einige Jahre später heiratete er die Tochter eines seiner Professoren und ebnete sich damit den Weg in akademische Kreise, die er nutzte, um zuerst Lehrer, später Direktor eines Lyceums in Palermo zu werden.
Rosalia und Bruno feierten also Verlobung und es kam zu einem ersten Aufeinandertreffen der beiden Familien, bei dem man sich vorsichtig abtastete, der ehemalige Maurer und jetzige Gewerkschaftsboss Brioni, groß und stattlich, mit einem ebenso stattlichen, rabenschwarzen, an den Spitzen leicht angegrauten Schnurrbart, mit seiner Familie auf der einen Seite, auf der anderen Seite der Bauer Noccioli, mager und knorrig, gekrümmt von der harten Feldarbeit, mit seiner abgearbeiteten Frau und fünf ziemlich schweigsamen Söhnen, von denen der jüngste eben mein Vater Bruno war. Es muss ein ziemlich angespanntes erstes Familientreffen gewesen sein, beide Familienvorstände stolz in ihrer Art, beide misstrauisch dem Anderen gegenüber. Nonno Brioni ließ es sich durchaus anmerken, dass er nicht glücklich über diese Verbindung war, und auch Nonno Noccioli hätte sich für seinen jüngsten Sohn eine andere Frau gewünscht, eine, der man es ansah, dass sie zupacken und hart arbeiten konnte, äußerliche Schönheit hielt er für ziemlich überflüssig. Trotz aller Ressentiments ging die Sache ihren Weg. Rosalia, meine Mutter, bereitete mit Hochdruck ihre Aussteuer vor, nähte Tuchenten und Kissenbezüge und bestickte Polster mit religiösen Motiven, Bruno, mein Vater, hielt sich in jeder freien Minute in Nerovalle auf und machte die Kate bewohnbar, deckte mit Hilfe seiner Brüder das Dach neu ein, besserte die Kamine aus und reinigte den Brunnen. Nebenbei erneuerte er das Bewässerungssystem der umliegenden Felder, um im nächsten Frühjahr zügig mit dem Anbau von Feldfrüchten beginnen zu können, und pflegte die paar alten Oliven- und Zitronenbäume, die rund um das Haus ein kümmerliches Dasein fristeten. Von seinem Vater erhielt er drei magere Ziegen und einen Ziegenbock, für die er den Stall herrichtete. Nonno Brioni suchte mit seiner Tochter die wichtigste Inneneinrichtung aus, ein Schlafzimmer mit Schrank und Psyche, einen neuen Herd, eine Anrichte, einen Tisch und sechs Stühle für die Küche sowie ein Rosshaarsofa für die ansonsten leere Stube, alles aus dunklem Holz und ein wenig zu wuchtig für die kleinen, finsteren Räume. Nonna Brioni suchte mit Rosalia den wichtigsten Hausrat zusammen, ein paar Töpfe und Pfannen, ein paar Teller und Tassen und Besteck. Von der ältesten Schwester ihrer Mutter erhielt Rosalia ein rosa geblümtes Kaffeeservice, Giuseppe steuerte mit schlechtem Gewissen von seinem wenigen Ersparten eine Espressokanne bei. So ausgerüstet konnte das gemeinsame Leben meiner Eltern beginnen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 472
ISBN: 978-3-903271-01-2
Erscheinungsdatum: 30.10.2018
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 21,90
EUR 13,99

Sommer-Tipps