Lyrik & Dramatik

Frauen im Herbst

Jacqueline E. Sofia

Frauen im Herbst

Leseprobe:

<strong>1. Kapitel</strong>

Erschöpft ließ Rosa Burger den Brief in ihren Schoß sinken. Sie schloss die Augen und lehnte sich in ihre Sonnenliege zurück. Der Schatten auf der großen Veranda vermittelte ihr eine Illusion der Kühle, obwohl das Thermometer bereits gegen die 30 Grad Celsius geklettert war. Sie seufzte und versuchte sich den Gefühlen, die auf sie einstürmten, hinzugeben. Sie wusste, sie brauchte Zeit, um sich über ihre Empfindungen klar zu werden.
Rosa war eine zufriedene, pragmatische Person. Sie hatte sich mit ihrem Leben als geschiedene Frau arrangiert. Ihre beiden Kinder waren längst verheiratet und lebten in einem anderen Staat. Sie führten ihr eigenes Leben. Freuden wurden ihr hin und wieder mitgeteilt, Sorgen wurden möglichst vor ihr verborgen gehalten. Diese besprachen sie anscheinend lieber mit ihrem Vater, einem tatkräftigen und selbstgerechten Mann. Auch finanziell stand er besser da als Rosa. Doch sie beklagte sich nicht. Mit ihrer Rente und den vielen Vergünstigungen, die sie als Seniorin in Australien genoss, kam sie angenehm und sorgenfrei durchs Leben. Jetzt war sie sechzig Jahre alt. Sie hatte noch gute zehn oder fünfzehn Jahre vor sich, in denen sie gemütlich weiterleben konnte.
Und nun war dieser Brief aus der Schweiz gekommen. Ihre Freundin Lisa hatte gleich nach ihrer Scheidung vor vielen Jahren Australien verlassen und war wieder in ihre Heimat zurück gekehrt. Lisa war eine tolle Frau voller Pläne und Tatendrang. Eine selbstsichere Frau, die selten an ihren Entscheidungen zweifelte und oft nicht begreifen konnte, dass andere Menschen nicht auch so denken und handeln konnten. Rosa mochte sie gerne und bewunderte sie auch ein wenig. Sie fehlte ihr hier in Australien. Briefe waren eine Abwechslung, aber wenn man wirklich eine Freundin benötigte, um sich auszusprechen, dann waren Briefe doch kein Ersatz.
„Sicher wäre meine Scheidung nicht so sang- und klanglos über die Bühne gegangen, wäre Lisa hier gewesen und hätte mich beraten und gestützt“, dachte Rosa. „Peter wäre bestimmt nicht so günstig davongekommen.“ Immerhin hatte er ihr das Haus überlassen, das Rosa so sehr liebte. Es war klein, hatte neben dem geräumigen Wohn- und Esszimmer und dem Elternschlafzimmer nur noch zwei kleine Zimmer. Es war im typisch, australischen Einwandererstil aus Holz gebaut, weiß gestrichen, mit einer großen Veranda, die an drei Seiten ums Haus lief und mit dem überhängenden Dach angenehmen Schatten spendete. Sie hatten es damals mit viel Liebe geplant und es zwei Jahre nach ihrer Ankunft in Australien gebaut. Hier hatte Rosa neue Wurzeln geschlagen und hier hatte sie ihre beiden Kinder geboren und großgezogen.
„Und während ich das Haus bequem und gastfreundlich gemacht habe, habe ich Peter an eine andere Frau verloren“, dachte Rosa bitter. Sie seufzte.
Nachdenklich betrachtete sie den Brief in ihrer Hand. Lisa hatte seinerzeit nie geseufzt und gejammert, war nicht in gleichgültige Tatenlosigkeit versunken. Sie hatte geplant und gekämpft, hatte ihre Zukunft in die eigenen Hände genommen, und – so schien es Rosa –, nie mehr zurück geblickt.
Wieder überflog Rosa den Brief, den sie heute erhalten hatte und den sie inzwischen bestimmt schon zum dritten Mal las.

<i>Liebe Rosa,

Du kannst Dich bestimmt noch an meine Schwester Dorli und ihren Mann Aldo erinnern. Aldo war bei Deinem letzten Besuch in der Schweiz allerdings bereits verstorben. Er war Tierarzt im schönen Berner Oberland. Zu seiner Praxis gehörte auch das große Chalet, in dem die Familie wohnte. Nach Aldos Tod wurde die Tierarztpraxis zwar verkauft, aber Dorli behielt das Haus und lebte weiterhin darin. Ihr einziges Kind, meine Nichte Fiona, ist mit einem Amerikaner verheiratet. Sie leben in New York. Beide haben ihre Karriere in Manhattan.
Nach Fionas Auszug fragte mich Dorli zwar einmal, ob ich zu ihr ziehen wolle. Das wollte ich aber damals nicht, denn ich hatte ja noch meinen Job in Luzern und die tägliche Fahrt hin und her wollte ich nicht auf mich nehmen. Nun ist auch Dorli gestorben – ganz plötzlich und unerwartet an einem Schlaganfall. Als die Putzfrau kam, fand sie Dorli im Schlafzimmer vor dem Bett am Boden. Sie war erst angekleidet, vermutlich ist sie mitten im Umziehen tot umgefallen. Der Arzt, den Frau Hammer sofort kommen ließ, hatte dann schließlich Fiona in New York angerufen. Er war ja ein Freund der Familie. Fiona kam und wohnte einige Tage bei mir. Es tat uns beiden gut, immer wieder über die alten Zeiten zu reden und uns zu fragen, wie es nun weitergehen soll. Fiona, die ja automatisch das Chalet erben würde, kam dann plötzlich mit der Idee, dass es ihr am liebsten wäre, wenn ich das Chalet übernehmen würde. Sie will mir das Haus zu einem angemessenen Preis verkaufen und sich damit eine Studio-Wohnung über den beiden Garagen bauen lassen. Sie und ihr Mann haben vorläufig keine Absicht je wieder in der Schweiz zu leben, aber so hätte sie eine unabhängige Wohnung für Ferien und Besuche in der Schweiz.
Du kannst Dir vorstellen, dass ich erst mal völlig überrumpelt und platt war. Dann fing ich an zu rechnen und das Für und Wider einer solchen Idee abzuwiegen.
Die Idee ist gar nicht so abwegig – aber für mich ganz einfach zu teuer. Ich kann mir das Haus allein nicht leisten. Und ich möchte eigentlich auf meine alten Tage auch gar nicht so allein und abgelegen – wenn auch die Lage da im Berner Oberland noch so wunderbar ist – wohnen. Und da habe ich an Dich und Jenny gedacht. Du hast in letzter Zeit in Deinen Briefen öfters erwähnt, dass Du Dich manchmal mit dem Gedanken trägst, Deinen Lebensabend in der Schweiz zu verbringen. Nun, wenn Du immer noch ernsthaft mit dem Gedanken spielst, habe ich mir Folgendes überlegt. Erst mal musst du wissen, dass ich denselben Brief auch an Jenny schreibe. Denn auch Jenny hat bei ihrem letzten Besuch überlegt, ob sie nicht doch wieder ganz zurück in die Schweiz kommen solle. Das kulturelle Leben hier entspricht mehr ihren Bedürfnissen und sie fühlt sich, seit sie Witfrau ist, auch ein bisschen einsam in Australien. Nun habe ich mir überlegt, wenn es Euch beiden wirklich ernst ist mit dem Gedanken, zurück in die Heimat zu kommen – nun das wäre die Chance. Zu dritt könnten wir das Chalet kaufen. Das Haus ist groß genug, damit wir in einer Wohngemeinschaft leben können, ohne einander ständig auf die Füße zu treten. Wir drei sind jetzt schon so lange Freundinnen und haben zusammen schon viele Hochs und Tiefs erlebt. Ich denke, es könnte klappen. Was meinst Du? Überlege Dir meinen Vorschlag gründlich und besprich Dich in aller Ruhe mit Jenny. Dann sehen wir weiter.
Ich bin jedenfalls wieder einmal voller Ideen und Pläne. Das ist ein tolles Gefühl! Ich freue mich auf Deine Antwort – wie auch immer sie ausfallen mag. Ich lege Dir ein Foto von dem Haus bei, das ich letzte Woche aufgenommen habe. Jetzt ist zwar Winter, aber bitte stell Dir das Chalet im Sommer vor, mit blühenden Geranien in den Fensterkästen, mit Blumen im Garten und mit Blättern am Nussbaum vor dem Haus. Denke darüber nach.
Liebe Grüße
Lisa</i>

Rosa ließ den Brief in ihren Schoß fallen und schloss die Augen. Sie mochte Veränderungen nicht. Sie hasste es, Entscheidungen treffen zu müssen. Sie wünschte, sie hätte den Brief nie gelesen oder am besten gar nicht erhalten. Natürlich hatte sie öfters mit dem Gedanken gespielt, wie es wohl wäre, wieder in die alte Heimat zurückzukehren. Aber nun die Sache ganz ernsthaft zu überlegen, das war ihr zuwider.
Zögernd sah sich Rosa das Foto nochmals an. Es war genau die Szene, die sie sich an Weihnachten vorgestellt hatte. Während sie in den Hochsommertagen der australischen Weihnachtszeit in ihrer Küche schwitzte, hatte sie mit Wehmut an frühere Weihnachten in ihrer Heimat gedacht. Da war es draußen bitterkalt gewesen. In der warmen Küche hatte es nach heißem Tee mit Zit­rone und Zimt geduftet. Im Ofen brieten die Plätzchen langsam vor sich hin und verströmten den unvergleichlichen Weihnachtsduft, ein Duft, den sie seither nie mehr so intensiv gerochen hatte. Vor den angelaufenen Fensterscheiben fielen die Schneeflocken. Durch die offene Wohnzimmertür konnte sie die Tanne sehen, die sie später mit Kerzen, Kugeln und Bänder schmücken würden. Sie hatte sich warm, wohlig und sicher gefühlt.
An ihren ersten Weihnachten hier in der neuen Heimat hatte sie es genau so halten wollen. Sie hatte den Teig für die Plätzchen gemacht, hatte den hier traditionellen Truthahn gekauft und nach Rezept gefüllt. Draußen hatte es über 30 Grad im Schatten. Beim Backen der Plätzchen war ihr der Schweiß in die Augen gelaufen. Und als sie versuchte den gefüllten Vogel in den Ofen zu schieben, ließ sich die Türe des Backofens nicht mehr schließen, und so brutzelte der Braten vier Stunden bei offener Ofentüre vor sich hin und verströmte eine zusätzliche Hitze, dass es nicht mehr zum Aushalten war. Die Weihnachtsstimmung war im Eimer. Sie hasste den künstlichen Baum mit den elektrischen Kerzen. Sie begriff ja, dass man bei dieser Hitze keinen frischen Baum aufstellen konnte und dass richtige Kerzen an einem trockenen Baum höchst gefährlich sein würden. Aber dennoch, Weihnachtsstimmung kam keine auf.
Jetzt konnte sie darüber lachen. Aber seit dem Fiasko im ersten Jahr gab es keine Weihnachtsplätzchen mehr, keinen Glühwein und vor allem nur noch kalten Schinken mit Salaten.
„Schön wäre es schon, mit Lisa und Jenny gemütlich in einem warmen Zimmer zu sitzen, Glühwein zu trinken, den Duft der langsam vor sich hinbratenden Gans zu schnuppern und dem Schneetreiben vor dem Fenster zuzusehen.“
Rosa erschrak, als sie das Klingeln des Telefons aus dem Haus hörte. Sie musste eingeschlafen sein. Wie spät war es? Sie rappelte sich aus der Liege hoch und rannte mit bloßen Füßen ins Schlafzimmer.
„Burger.“
„Rosa, wie geht’s dir? Hast du auch einen Brief von Lisa erhalten?“
„Ach, du bist das, Jenny. Ich glaube, ich habe etwas geschlafen, es ist so heiß hier.“
„Ja, ich weiß, hier auch. Sag, hast du den Brief schon gelesen?“
„Den Brief? Welchen Brief?“ Rosa versuchte verzweifelt Zeit zu gewinnen. „Den Brief von Lisa meinst du, ja, den habe ich erhalten. Ich bin noch ganz durcheinander. Ich glaube, ich habe von zu Hause geträumt.“ Typisch Jenny, gleich mit der Türe ins Haus zu fallen. Immer war sie so schnell entschlossen und voller Power. Rosa brauchte Zeit. Sie musste erst eine Nacht über eine Sache schlafen können.
„Nun?“, drängte Jenny.
„Was nun?“
„Nun, was hältst du davon?“
„Ach Jenny, gib mir Zeit, darüber nachzudenken. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Was hältst du denn davon?“
„Ehrlich gesagt, ich bin auch etwas überrascht. Zuerst dachte ich, jetzt ist sie total durchgeknallt. Aber dann habe ich nachgedacht, ich weiß nicht, so dumm ist der Gedanke gar nicht. Ich glaube, wir sollten uns bald mal treffen und in Ruhe über den Brief sprechen. Wie wär’s mit nächstem Donnerstag? Ich lade dich zum Lunch ein.“
„Am Donnerstag? Hm, doch, das geht in Ordnung. Ich bring eine Flasche Wein mit.“
„Die wirst du allein trinken müssen, ich bin auf Diät.“
„Eine Einladung zum Lunch, und sie ist auf Diät, das kann ja lustig werden“, seufzte Rosa. Sie verabschiedete sich von Jenny und ging in ihre Küche. Im Kühlschrank fand sie noch eine offene Flasche Weißwein. Sie schenkte sich ein Glas voll und nahm es mit nach draußen. „Ich bin ja schließlich nicht auf Diät. Nutzt sowieso alles nichts, ich werde immer dicker und dicker.“ Resigniert ließ sie sich auf der Liege nieder. Angewidert betrachtete sie ihre dicken, von Cellulite verunstalteten Schenkel, die aus den weißen Shorts quollen. Zwischen den Shorts und dem knappen Oberteil zwängte sich ein Fettwulst hervor, in dem der Nabel schon fast völlig verschwunden war. War das T-Shirt so stark eingelaufen oder hatte sie schon wieder zugenommen? Wenn schon, wem sollte sie schließlich noch gefallen? Sie würde sich die Tortur einer Diät nicht mehr antun. Gewiss, sie sollte ihr Gewicht schon aus gesundheitlichen Gründen reduzieren. „Sie sind ein Kandidat für Alterszucker“, hatte ihr der Arzt bei ihrem letzten Check-up gesagt. „Stellen Sie Ihre Ernährung um und gehen Sie jeden Tag eine Stunde stramm spazieren.“
„Wer geht schon bei dieser Hitze stramm spazieren?“, dachte Rosa. „Im nächsten Winter fange ich vielleicht damit an.“ Schließlich hatte sie vor zwei Jahren das Rauchen aufgegeben. Darauf war sie besonders stolz. Aber dann hatte sie erst recht so richtig an Gewicht zugelegt.
Ständig hatte sie Lust auf etwas Süßes. Aus lauter Langeweile machte sie reichhaltige Aufläufe, backte Kuchen und Torten, die dann gegessen werden mussten. Resigniert strich sie sich die kurzen grauen Haare hinter die Ohren. „Ich sollte mich wirklich zusammenreißen. Sollte mich irgendwo engagieren. Mitglied werden in einem Fitnessclub? Aerobic-Stunden? Einer Bauchtanzgruppe für ältere Ladys beitreten? Wieso soll ich jetzt noch etwas Neues anfangen, wenn ich meine Zelte hier in Australien eventuell doch abbreche?“Fast hätte sich Rosa an dem Wein verschluckt. Hatte sie da eben wirklich diesen Gedanken gehabt? Hatte sie wirklich ernsthaft in Erwägung gezogen, zurück in die Schweiz zu gehen? Was sollte das bedeuten? Sie stellte das Glas auf den Boden und stand auf. Sie musste sich ablenken. Aus der Garage holte sie eine Harke und fing bei den Rosenstöcken an Unkraut zu jäten. „Ich werde jeden Gedanken an Lisas Brief aufschieben bis nach dem Treffen mit Jenny.“
Doch während sie in der Hitze den trockenen Boden harkte, dachte sie an das Foto mit dem hübschen Chalet im winterlichen Garten.

<strong>2. Kapitel</strong>

Als Rosa am Donnerstag gegen Mittag bei Jenny eintraf, stand diese bereits auf dem Parkplatz. Stramm umspannten die engen Jeans ihren schlanken Po. Eine weiße Seidenbluse war lässig in der Taille geknotet und Jennys keck geschnittene Haare, die beim letzten Treffen noch mit viel Grau durchsetzt waren, leuchteten jetzt in einem strahlenden Kastanienbraun. „Sie ist wirklich schlank geworden“, musste sich Rosa neidlos eingestehen. „Sie sieht viel jugendlicher aus, ich muss unbedingt auch etwas für mich tun.“ Die Absätze von Jennys weißen Sandalen klapperten, als sie auf Rosa zulief.
„Hallo Rosi, schön, dich endlich wiederzusehen.“ Jenny umarmte Rosa. Diskreter Maiglöckchenduft umwehte sie.
„Jenny!“ Rosa küsste sie auf beide Wangen. „Du siehst ja prachtvoll aus, mindestens zehn Jahre jünger! Wie machst du das nur?“
„Ach komm schon“, lachte Jenny. Das Kompliment freute sie. Rosa war ein ehrlicher Mensch, wenn sie ein Kompliment machte, so meinte sie es auch. „Wir wollen reingehen, drinnen ist es viel kühler.“
In dem gemütlichen Wohnzimmer war es wirklich sehr angenehm. Die breite Fensterfront war mit gelben Sonnenstoren abgeschirmt. Polstermöbel und Vorhänge in hellgrauen und weichen blauen Tönen vermittelten eine angenehme Kühle, ohne kalt zu wirken. Der Tisch war bereits gedeckt. Strahlend weiße Stoffservietten in silbernen Haltern vermittelten stilvolle Eleganz. „Schon was anderes als meine bunten Papierservietten“, dachte Rosa, „ich sollte mir unbedingt auch wieder ein bisschen mehr Mühe geben – aber für was und für wen überhaupt?“
Die beiden Frauen ließen sich am Tisch nieder. Jenny aß nur wenig von der Fleischpastete, dazu jedoch reichlich Salat und sie trank wirklich nur Wasser. Rosa hingegen genoss das Essen und spülte jeden Bissen mit einem großen Schluck ihres mitgebrachten herben weißen Weines hinunter.
„Rosi, ich bin schon ganz kribbelig. Seit ich Lisas Brief erhalten habe, lässt mir die Sache keine Ruhe mehr. Sag mir jetzt endlich, was du von der ganzen Idee hältst.“
Rosa tupfte ihren Mund langsam mit der Serviette ab. Angewidert betrachtete sie den schmierigen Fleck, den sie darauf hinterließ.
„Ich weiß wirklich nicht, was ich davon halten soll. Es stimmt schon, ich habe mich hie und da mit dem Gedanken getragen, später einmal in die Schweiz zurückzukehren. Aber du weißt ja, wie das so ist – man sagt oder denkt rasch solche Sachen – aber so was dann tatsächlich in die Tat umsetzen – ich weiß nicht … ich weiß es wirklich nicht! Was meinst du?“
„Ich sag dir was, ich zeig dir mal meine Liste.“ Lisa erhob sich und holte einen Schreibblock aus dem Regal. „Ich hab mir nämlich eine Liste mit Pro und Kontra angelegt. Das tue ich immer, wenn ich eine wichtige Entscheidung treffen muss. Listen scheinen mein Leben zu sein. Das habe ich schon so gehalten, als John noch lebte. Er hat mich deswegen oft hochgenommen. Aber wenn wir wirklich vor wichtigen Entscheidungen gestanden sind, hat er dann oft gesagt: ‚Jenny, lass uns eine deiner Listen erstellen, dann sehen wir weiter.‘“ Sie setzte sich wieder und schob Rosa den Block zu.
Ganz zuoberst stand:
Wohngemeinschaft mit Lisa und Rosi im eigenen Haus im Berner Oberland.
Darunter schön säuberlich in Blockbuchstaben: PRO und KONT­RA. Ein dicker Strich teilte das ganze Blatt der Länge nach in zwei Hälften.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 236
ISBN: 978-3-99003-267-1
Erscheinungsdatum: 29.03.2011
EUR 16,90
EUR 10,99

Sommer-Tipps