Lyrik & Dramatik

Florileg Akut

Manfred Josef Manius Stieg

Florileg Akut

Rezensionen:

21.09.2010TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 1275

Buchkultur

Manfred Josef Manius Stieg: Florileg akut. Aphorismen – Epigramme.

 

Florileg akut

Manche Bücher treten schon in Aufmachung und Titel als Rarität hervor, verheißen einen Ausstieg aus der Zeit und eine Reise in einen ungewöhnlichen Gedankenkosmos.

Manfred Josef Manius Stieg zelebriert nach alter Weise seinen Namen als singuläres Programm und gibt dem jüngsten Buch den aufmerksam-feinen Titel Florileg. Darunter ist eine Art Blütenlese zu verstehen, die Darbietungen des Autors sind vielleicht ein Blütenkorso durch die Gedankenwelt voller Aphorismen und Epigramme. Dass dabei zwischendurch das Lateinische verwendet wird, gibt den Gedankengängen einen zusätzlichen zeitlosen Touch.

In einem Prolog erklärt der Autor die Grundstruktur seiner Texte. Ein sprechender Name als Überschrift erzeugt Spannung und verspricht eine erste Lösung, dann folgt eine „geistvolle Antithese“, ehe die Pointe am Schluss oft mit einem Überraschungseffekt einsetzt.

Bevor die Aphorismen loslegen, gibt es noch einen Überblick über die wichtigsten rhetorischen Stilmittel, von Alliteration, über Chiasmus, Ironie bis hin zum Polysynsdeton (einer Reihung von Begriffen mit Konjunktion) ist so gut wie alles als Rätsel versteckt. Der Leser wird ermuntert, neben dem Inhalt des Aphorismus auch noch seine stilistischen Teile herauszukitzeln.

„Dussel // gibt dir mein Büchlein zu wenig, / Dussel, dann bilde dich mehr! / Gibt dir mein Büchlein zu viel, / Dussel, dann lies weniger!“ (15) Dussel ist offensichtlich im Sinne einer sauberen Gender-Diskussion die männliche Form von Tussi.

Oft rechnet der Aphorismus einfach mir nichts dir nichts mit einer gewissen Berufsgruppe oder eigentümlichen Charaktereigenschaft ab. So kommen Narziss, Homo novus, Sisyphus oder Pharisäer zu prägnanten Spruch-Ehren.

„Der Plebs // Frei von jeder Scham, / weil geistig träg bis lahm, / spucken sie fäkale Töne, / der große Plebs, / die kleinen Söhne.“ (79) In diesem Falle dürfte der Plebs in der Realität mehr draufhaben als der „ver-plebste“ Dichter, der mit diesem Spruch offensichtlich seiner eigenen Tagesverfassung aufgesessen ist und etwas schwächelt.

Krankenschwester, Verkäuferin, Milena und eine Selbstgefällige kriegen ihr Fett der aphoristischen Anbetung ab. „An eine Selbstgefällige // Schöner noch bist du, / als du dich dauernd wähnst, / schöner sogar als dein Spiegelbild: / Der Spiegel aber ist konvex.“ (37)

„Das Busenwunder // Ob ihrer zu kleinen Brust / war Mira lange voller Frust. / Auf ein Wunder hoffend, rief sie dann / die bildende Kunst der Chirurgen an: / Jetzt gleicht die Rundung jener Frau / dem Euter einer alten Sau.“ (29)

Als Leser ist man erstaunt, was es in der Lyrik so alles gibt. Manfred Josef Manius Stieg hat sich mit seiner Schreiberei einen eigenen Kosmos geschaffen, der ziemlich hermetisch gegen die übliche Welt verbunkert ist. Wer einmal in das semantische System „Marke Stieg“ eingedrungen ist, wird darin große Freude haben.

 

Manfred Josef Manius Stieg: Florileg akut. Aphorismen – Epigramme. Deutsch & Lateinisch. Elegisch, philosophisch, satirisch.

Neckenmarkt : novum pro 2010. 116 Seiten. EUR 21,90. ISBN 978-3-99003-005-9.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 115
ISBN: 978-3-99003-005-9
Erscheinungsdatum: 10.02.2010
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 21,90

Herbstlektüre