Lyrik & Dramatik

Ein Leben voller Verhängnisse

Iren Rose

Ein Leben voller Verhängnisse

Leseprobe:

REBECCA – TEIL 1



PROLOG

Ich, Rebecca, war das dritte Kind einer Flüchtlingsfamilie. Mein Vater galt in der Nachkriegszeit als Militärspion. Er war ein junger Soldat, der die ungerechten Behandlungen beim Militär in Rumänien wegen seiner ungarischen Abstammung nicht mehr ertragen konnte. Da die Ungaren und die Deutschen in der Minderheit und ohne Rechte waren, flüchtete er nach Ungarn. Dort jedoch war das Leben für ihn als Militärflüchtling auch nicht leicht. Eigentlich wollte er einfach tüchtig arbeiten und irgendwann eine Familie gründen.
In Ungarn war er im Flüchtlingslager, nach einiger Zeit wurde er dann an reiche Gutsbesitzer zum Arbeiten vermittelt. Zwar musste er sich immer im Lager melden, aber sonst durfte er sich frei bewegen. Lange ging es nicht so, denn als die Russen im Anmarsch nach Ungarn waren, musste mein Vater auch hier einrücken. Um dem zu entgehen, flüchtete er wieder weiter in Richtung Jugoslawien. Jedoch blieb er in Grenznähe in einer kleinen Ortschaft. Dort suchte er selber bei den Gutsbesitzern Arbeit und war erst einmal in Sicherheit. Er wusste, dass ihn seine Verfolger hier nicht so schnell finden und dass diese Leute ihn nicht verraten würden, denn sie brauchten gute, fleißige Arbeiter. Das war er und er selber brauchte die Arbeit zum Überleben. Zwar wusste er, dass er hier auch nicht ewig untertauchen konnte, im Moment war ihm das aber egal.
Dort lernte Michael, so hieß mein Vater, Valeria, ein hübsches junges Mädchen, kennen und lieben. Sie selbst arbeitete bei einem jüdischen Gutsbesitzer und stammte aus einer armen ungarischen Familie mit acht Geschwistern. Sie liebte ihn, aber helfen konnte sie ihm auch nicht. Mit der Zeit beschlossen sie, zusammenzuleben und sie bekamen vom Grundbesitzer ein Zimmer, wo sie wohnen konnten.
Valeria wurde bald schwanger und gebar einen Sohn. Doch schon in dieser Zeit war ihr Glück nicht mehr vollkommen. Michael lebte in ständiger Angst entdeckt zu werden. Dann kam der zweite Sohn, doch er starb mit drei Monaten. Danach verließ Michael Valeria und auch seinen Arbeitgeber und tauchte wieder unter und Valeria blieb alleine mit ihrem Sohn.
Michael fand wieder bei einer reichen jüdischen Familie Arbeit. Dort war er auch ein geschätzter Arbeiter, doch der Gutsbesitzer hatte zwei hübsche Töchter und das war Michaels Untergang. Er verliebte sich in eines der beiden Mädchen und sie sich auch in ihn. Sie wurde bald darauf schwanger und da zerbrach Michaels Glück mit dem jüdischen Mädchen. Er wurde von ihrer Familie verjagt und ging wieder zu seiner vorherigen Lebensgefährtin Valeria und seinem Sohn zurück.
Hier wurde er jedoch gleich wieder von den Behörden aufgespürt. Kurz darauf wanderte die kleine Flüchtlingsfamilie wieder weiter.
Irgendwann in dieser Zeit wurde ich, Rebecca, irgendwo geboren und von meiner Mutter weggegeben. Ich wusste bis heute nicht offiziell, wer wirklich meine Mutter war und hatte auch nie erfahren können, was mit dem jüdischen Mädchen und ihrem Baby passiert war. Ich war auf einmal einfach da.
Da wir dauernd weiterwanderten, kannte uns auch niemand wirklich, der mir etwas verraten konnte über mich.
Mein Vater, meine „Mutter“ Valeria und auch ihre ganze Familie schwiegen eisern. Sonst wusste von mir niemand etwas. Oder vielleicht doch?
Mein Name war Ester, aber Valeria, Michaels Frau, nannte mich Rebecca.
Glücklich war in unserer Familie niemand.
Irgendwann wurde Vater schon wieder von Behörden entdeckt und musste sich bei den Gendarmen jeden Monatsanfang melden. Dort wurde er verhört und auch geschlagen, denn er galt immer noch als Militärspion. So wanderten wir weiter, damit sie uns nicht fanden. Oft konnten wir bis zu einem halben Jahr untertauchen, aber im Endeffekt wurden wir immer entdeckt.



1. KAPITEL

Ich war circa vier Jahre alt, als wir in einem ehemaligen Pferdestall wohnten, den mein Vater vom Gutsbesitzer, bei dem er damals Arbeit gefunden hatte, bekommen hatte. Wir richteten den Stall her und dann konnten wir dort wohnen. Es war ein größerer Raum, der einen komischen kleinen Vorraum hatte. Mutter, von welcher ich glaubte, dass sie meine Mutter war, und Vater putzten und malten alles weiß aus und jeder bekam sein eigenes Bett. Die Betten bestanden aus vier Strohhaufen, zwei kleinere und zwei größere. Mein Gott, war ich glücklich darüber, dass ich ein eigenes Bett bekommen hatte, auch wenn es nur aus Strohhalmen bestand. Mutter hatte von irgendwo grobes Leinenmaterial bekommen und machte daraus Leintücher und jeder bekam eine dicke Pferdehaardecke, die zwar ein bisschen kratzte, aber warm hielt. Außerdem gewöhnte man sich an alles. Wir durften sowieso nicht empfindlich sein, denn etwas anderes gab es einfach nicht.
Wir waren doch sehr arm. Trotzdem hatte ich wunderschöne Ohrringe. Das war wie ein Wunder. Niemand weit und breit hatte so etwas Schönes und Wertvolles. Sogar die gnädige Frau des Grundbesitzers bewunderte meine Ohrringe. Doch nach ein paar Jahren waren sie auf einmal verschwunden und waren nie wieder aufgetaucht.
Immer wieder fragte ich nach meinen Ohrringen, aber keiner gab mir eine andere Antwort als: „Sie sind verloren gegangen.“
Wie gesagt, für mich war unsere kleine Hütte wunderschön, denn ich hatte jetzt ein eigenes Bett und musste es nicht mit dem Bruder teilen. Auch die Umgebung war herrlich. Niemand wohnte in der Nähe. Außer den Feldern und dem riesigen Herrenhaus war nichts zu sehen. Das Herrenhaus war ein wunderschönes, weißes Haus mit dunklen, grünen Fenstern und braunen Sockeln. Mein Gott, ich bewunderte das Haus jeden Tag. Oft wünschte ich mir, auch dort leben, oder wenigsten hineingehen zu dürfen. Aber ich wusste, dass dies nur ein kindlicher Traum war. Ich war zwar noch sehr klein, aber ich wusste schon, dass wir zu arm waren, um in einem solchen Haus leben zu können.
An unserer für mich wunderbaren Hütte war nur eine Sache schlimm. Die Tür bestand aus Brettern und hatte kein Schloss von innen und außen war auch nur ein Riegel. Den durfte man nur am Abend zuschieben. Ich war ein schrecklich ängstliches Kind und so ging ich mehrmals am Abend sicherheitshalber kontrollieren, ob der Riegel zu war. Wenn nicht, dann schob ich ihn sofort zu. Oft tat ich das, obwohl Vater noch nicht zu Hause war. Wenn er dann kam und die Tür zu war, bekam ich meistens Prügel.
Für mich waren zu dieser Zeit Prügel sowieso etwas wie das tägliche Brot. Wenn nicht Vater, dann schlug die Mutter zu, oder wenn Großmutter da war, dann schlug sie auch kräftig zu. Einer tat es immer. Meistens war es Vater. Ihm stand ich immer im Weg.
Mutter arbeitete als Wirtschafterin und kümmerte sich um die Tiere des Gutsbesitzers. Sie mussten gefüttert und die Ställe gereinigt werden. Vater arbeitete bei den Gutsbesitzern auf den Feldern. Er ging immer sehr früh weg und kam spät am Abend zurück, genau wie Mutter. Wir Kinder waren uns selbst überlassen, mittags jedoch kam Mutter immer heim und dann gab es etwas zu essen, meistens Polenta oder Pellkartoffeln. Viel anderes gab es nicht, außer dass sie am Abend manchmal Milch brachte oder etwas kochte. An der Tagesordnung standen Kartoffelsuppe oder Kartoffelgulasch und das war auch genau aufgeteilt. Man konnte nicht so viel essen, wie man wollte. Nie konnte man sich satt essen und von Fleisch konnten wir nur träumen. Wir Kinder wussten auch nicht viel über Fleisch, so ging es uns auch nicht ab. Da ich mich nicht satt essen konnte, raufte ich oft mit meinem Bruder ums Essen. Zu der Zeit ging es wenigsten dem Bruder nicht so schlecht, da Mutters Eltern in der Nähe wohnten und mein Bruder ging oft zu ihnen. Er war das erste Enkelkind und der Liebling aller. Sie waren zwar auch nicht reich, aber trotzdem gaben sie ihm Zucker, Milch oder Obst. Wenn sie guter Laune waren, dann schickten sie auch mir etwas mit, jedoch musste ich das immer abarbeiten und auch andere Arbeiten, die der Bruder machen sollte, wurden mir zugeteilt. Mutters Eltern wollten mich nicht und so durfte ich auch nie zu ihnen mitgehen. Dort war ich unerwünscht. Für sie war ich ein unausstehlicher Bastard. Warum? Das wusste ich selbst nicht.
Ich war zwar ein aufgewecktes Kind, oder wie die Eltern sagten, ein schrecklich schlimmes Kind. Auch sie wollten mich nicht und oft sah ich den Hass in ihren Augen, aber ich war nun einmal da. So kümmerte sich keiner wirklich um mich.
Ich war ewig schmutzig und in Lumpen gekleidet, die andere weggeschmissen hatten.
Die Herrschaften hatten auch zwei Töchter. Sie waren ein bisschen älter als ich. Zwei liebe Mädchen, aber ich durfte nicht mit ihnen spielen. Sie waren feine Kinder, immer wunderschön angezogen. Sie wurden von mir abgeschirmt. Ich durfte nur hinter dem Zaun stehen und zuschauen. Sie hatten so schöne Spielsachen, vor allem faszinierend schöne Puppen, jede hatte eine. Oft bettelte ich, eine Puppe nur anfassen zu dürfen und drückte meinen kleinen Finger in das Loch des Zaunes. Aber die Mädchen lachten nur und meistens war auch die Nanny bei ihnen und jagte mich dann immer weg.
Am Abend weinte ich oft, weil ich auch so etwas haben wollte.
Da schlug der Vater zu und sagte: „Das hast du verdient. Etwas Besseres musst du erst verdienen.“
Ich wusste oft nicht, warum er mich schlug. Immer wenn ich konnte, hockte ich stundenlang hinter dem Zaun und sah den zwei Mädels zu, wie sie miteinander spielten. Ich sprach sie manchmal an, aber oft sahen sie mich nicht einmal an. Ich war Luft für diese verwöhnten Kinder.
An einem Tag hatten sie wieder so wunderschöne Kleider an, rot mit weißen Tupfen und weißem Spitzenkragen. Mein Gott, war das schön. Ich schaute fasziniert zu und hatte nur den einen Wunsch, auch so ein Kleid zu haben.
Zu dieser Zeit hatten die streunenden Katzen wieder Babys. Das eine Katzenbaby trug ich dann mit mir herum und merkte, wie die Mädels sie bewunderten. Natürlich hatten sie so etwas nie gesehen. Sie waren von allem abgeschirmt, vor allem von streunenden Katzen.
Sie fragten: „Von wo hast du das?“
„Das ist meine“, sagte ich stolz.
„Das glauben wir nicht. Du hast sie gestohlen.“
„Nein, habe ich nicht. Sie ist meine.“
Das Ältere der Mädchen hieß Rosi und das Jüngere Emilie.
Rosi fragte: „Gibst du mir die Katze?“
„Nein, gebe ich nicht. Wenn, dann musst du mir dafür etwas geben“, handelte ich.
Sie sagte: „Wenn ich will, lasse ich sie dir wegnehmen. Du hast hier keine Rechte, du bist nur ein Flüchtlingskind.“
„Flüchtlingskind? Was heißt das, Flüchtling zu sein?“, fragte ich unwissend.
„Wie die Zigeuner“, meinten sie.
„Na und, dann sind wir wie Zigeuner. Aus! Jetzt gebe ich dir meine Katze erst recht nicht“, beteuerte ich.
Die Mädchen boten mir dafür Schokolade an. Aber was das war, wusste ich nicht. Ich hatte vorher noch nie Schokolade gegessen. Da ich nicht wusste, was das war, wollte ich es auch nicht haben.
Dafür hatte ich eine bessere Idee: „Du gibst mir dein Kleid und ich schenke dir dafür meine Katze.“
Da die Nanny gerade nicht in der Nähe war, waren die Mädchen damit einverstanden. Der Tausch lief über den Zaun ab und ich ging mit dem Kleid glücklich heim. Und so schmutzig, wie ich war, zog ich das Kleid an. Mich störte es nicht, dass ich schmutzig war. Ich ging gleich zum kleinen Fluss zum Wasserspiegel, da wir keinen Spiegel zu Hause hatten. Ich schaute ins Wasser und fand mich wunderschön in diesem Kleid. Mensch, war ich stolz, dass ich so ein gutes Geschäft gemacht hatte. Mit den Folgen hatte ich natürlich nicht gerechnet. Wer dachte schon so weit mit fünf Jahren?
Aber dann hörte ich Mutters Stimme: „Rebecca, komm sofort her!“
Ich wusste gleich, dass ich etwas Schlimmes getan hatte. Am liebsten wäre ich gleich weggelaufen, aber ich traute mich nicht. Also ging ich zur Mutter hin. Sie schnappte mich an den Haaren und zog mich zu den Mädchen hinauf. Sämtliche Schläge prasselten in der Zwischenzeit auf meinen Kopf und die Mutter schimpfte und drohte, mich in den Brunnen zu schmeißen. Sie wusste, dass ich schreckliche Angst vor dem Dunkeln hatte und der Brunnen war ja tief und dunkel.
Da kam auch schon die Hausherrin entgegen und sagte zu Mutter: „Lassen Sie mich mit Rebecca reden. Ich regle das.“
Mutter und die gnädige Frau, so musste sie genannt werden, erklärten mir, dass ich so etwas nie wieder machen durfte. Keine Geschäfte mit Rosa und Emilie. Ich wehrte mich, dass der Tausch nicht meine Idee gewesen war, aber sie glaubten mir nicht. Die Mutter riss mir das Kleid vom Leib und wollte es der gnädigen Frau zurückgeben.
Aber sie sagte: „Na, Sie glauben doch nicht, dass ich das noch einmal meinen Kindern anziehe. Sie können das Kleid behalten.“
Und zu mir sagte sie: „Du kriegst das Kleid, aber versprich mir, dass du so was nie mehr tust.“
Ich versprach es hoch und heilig, weil ich das Kleid behalten durfte.
Aber für Mutter war damit die Sache noch nicht erledigt. Als der Vater heimkam, berichtete sie ihm sofort alles.
Sie sagte zu ihm: „Kümmere dich um deinen Bastard, damit sie uns nicht dauernd Schande bringt!“
Und Vater kümmerte sich, indem er mich schlug, bis ich mich nicht mehr bewegen konnte und dann bekam ich noch die Strafe, in der Ecke zu knien auf den Maiskörnern; das Abendessen war mir auch gestrichen worden.
Irgendwann in der Nacht lag ich ausgestreckt am Boden und schlief. Das Schlimmste war, dass ich verraten musste, wo die kleinen Katzen waren und Vater ließ sie verschwinden. Er pflegte zu sagen, dass wir nicht genug zu essen hätten, um auch noch die Katzen zu füttern. Ich bettelte, dass ich meine Portionen mit den Katzen teilen würde, aber Vater sagte nur: „Anscheinend bekommst du zu viel zum Essen. Wir werden dein Essen halbieren.“
Bis jetzt hatte ich zu wenig gehabt und jetzt bekam ich nur die Hälfte. Ich war ständig hungrig und dann musste ich auch noch zuschauen, wie die zwei Mädchen volle Teller vor sich hatten. Oft knurrte mir der Magen hinter dem Zaun so laut, dass ich Angst hatte, sie könnten das hören und mich von meinem Versteck wegjagen.
Die Herrin gab mir manches Mal etwas von den Leckereien, wenn sie mich hinter dem Zaun entdeckte.
Oft strich sie mir liebevoll über den Kopf und sagte: „Du armes kleines Kind. Gott soll dir helfen, dass du das alles gut überstehst.“
Ich wusste nicht, warum sie so was sagte. Anscheinend wusste sie, wie meine Eltern mich behandelten, nur tat sie dagegen auch nichts! Warum auch? Ihr war wichtig, dass meine Eltern tüchtig arbeiteten. Wir waren für sie ein Niemand.
Mutter jammerte dauernd, wenn Vater am Abend heimkam, dass ich ihr das Leben zur Hölle mache, dass ich nur Schande auf die Familie bringe und Vater belohnte mich dafür reichlich mit Schlägen. Da er sich jetzt wieder jeden Monatsanfang bei den Behörden melden musste und dort meist drei, vier Tage gefangen und geschlagen wurde, kam er immer nervös heim und wir mussten ihm alle aus dem Weg gehen, was ich nicht schaffte, denn die Mutter berichtete ihm sofort meine Schandtaten, wie sie es nannte. Davon gab es immer reichlich genug, denn egal was ich machte, es war falsch und schlecht. Aber dafür war mein Bruder ein unglaublich braves Kind, behauptete die Mutter. Sie und ihre Familie liebten ihn abgöttisch. Klar tat mir das sehr weh. Niemand war für mich da, alle schauten sie weg. So sah niemand meine Leiden. In diesen Zeiten stritten auch Mutter und Vater dauernd und wenn Vater nicht da war, kam die Großmutter immer zu uns und stachelte Mutter immer gegen Vater auf. Sie war der Meinung, dass Mutter den falschen Mann hatte, da sie auch nicht verheiratet waren. Sie konnten nicht heiraten, weil wir Staatenlose waren. So lebten sie in wilder Ehe. Das passte Mutters Eltern nicht und sie sagten, dass er als Flüchtling immer nur Probleme haben würde, aber Mutter liebte ihn. Großmutter meinte, dass sie mit ihm keine Zukunft hätte, und ich war auch noch da, der Störenfried, der ihr Leben zur Hölle machte.
Großmutter war gemein zu mir und ich auch zu ihr. Sie war eine sehr mollige Frau und ich spottete deswegen immer über sie. Dann rannte sie mir mit der Peitsche nach, aber ich war schneller.
Auch an diesem Tag machte ich mich, wie immer, über sie lustig. Ich dachte nur an jetzt, was später kam, war mir egal. Ich rannte weg und versteckte mich im Maisfeld und wartete, dass die Großmutter nach Hause ging. Nur dieses Mal hatte ich mich geirrt. Sie ging nicht, wie sonst, nach Hause, sondern blieb bis zum Abend.
Es wurde finster und da ich höllische Angst vor dem Dunkeln hatte, musste ich aus meinem Versteck kriechen und ins Haus hinein. Und dort wartete sie schon auf mich. Da halfen kein Betteln und kein Flehen. Ihr Herz war eiskalt für mich. Ich versuchte, Mutter zu besänftigen, aber sie war nicht auf meiner Seite. Sie ließ ihrer Mutter freie Hand über mich walten. Ob sie auch Angst vor ihrer Mutter hatte oder ob ich ihr so egal war, wusste ich nicht, aber sie half mir nie. So bekam ich von meiner Großmutter mit der Peitsche Schläge und Essen bekam ich auch nicht. Kein Wunder, dass ich dauernd hungrig war. Aber ich wusste aus Erfahrung, dass Bitten und Weinen nichts half. So nahm ich alles klaglos hin. Sonst hätte ich wahrscheinlich noch mehr Schläge bekommen.
Irgendwann in der Nacht drückte mir Mutter ganz leise ein Stück Maisbrot in die Hand. Ich liebte sie dafür und schwor mir, dass ich sie nicht mehr ärgern würde. Nur mein Schwur hat nie lange gehalten.
Ich hoffte, dass Großmutter am nächsten Tag nach Hause ging, aber sie blieb so lange, bis Vater wieder kam und ging gleich auf ihn los. Sie schimpfte gleich über mich und verfluchte ihn, dass er nicht fähig war, aus mir ein braves und anständiges Kind zu machen. Sie drohte ihm, für Mutter und meinen Bruder die Koffer zu packen und sie zu sich nach Hause mitzunehmen.
Und zu ihm sagte sie: „Du bleibst mit deinem Bastard hier. Ich werde nicht erlauben, dass du meiner Tochter das Leben kaputt machst.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 230
ISBN: 978-3-99038-733-7
Erscheinungsdatum: 10.12.2014
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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