Lyrik & Dramatik

Ein Leben gegen die Strömung

Gülderen Soham Anders

Ein Leben gegen die Strömung

Leseprobe:

An einem schönen Herbsttag saß Fatma, erneut hochschwanger, unter einem wilden Kirschbaum. Eigentlich hatte sie den Auftrag bekommen, sich auf den Weg zu machen, um Äste zu sammeln und für das anstehende Mittagessen Feuer im Ofen zu entfachen. Es war ihre tägliche Aufgabe, Holz zu sammeln, denn der Winter stand kurz bevor.
Sie spürte, wie der Wind sie zärtlich berührte. Sie schaute sich um und war voller Dankbarkeit, dass es solch ein wunderschöner Herbsttag war.
Obwohl sie noch so jung war, hatte sie bereits zwei Fehlgeburten erlebt. Kurz danach war sie wieder schwanger geworden. In den folgenden Jahren brachte sie dann einen Sohn und drei gesunde Mädchen zur Welt. Jetzt saß sie alleine und verlassen unter dem Kirschbaum. In diesem Augenblick war der Baum der Einzige, der ihr Geborgenheit schenkte. Bewusst nahm sie die erste Wehe wahr. Sie spürte, dass die Geburt kurz bevorstand. Dennoch war niemand da, der ihr helfen konnte. Auch wenn sie um Hilfe riefe, hätte sie keiner gehört, weil ihr Dorf weit weg war.
Fatma war daran gewöhnt, dass niemand da war, wenn sie Hilfe brauchte. Sie wusste, dass ihr Ehemann nie in Reichweite war, denn er arbeitete in den Großstädten, wo er immer eine Arbeitsstelle fand. Jetzt, in diesem Moment durchlebte sie ein gewisses Hassgefühl. Warum musste sie für ein bisschen Liebe und Nähe so viel leiden? Ihre Schwiegermutter half ihr auch nicht, im Gegenteil. Sie machte ihr stattdessen das Leben zur Hölle. Jetzt saß Fatma da, im Angesicht des Todes. Vielleicht würde sie heute sterben. Denn schließlich war wirklich niemand da, um ihr zu helfen. Sie spürte die Wehen immer mehr, zitterte erbärmlich und schwitzte gleichzeitig. Daraufhin wurden die Wehen noch stärker. Der einzig wahre Freund, den sie jetzt hatte, war der dicke, alte Kirschbaum. Sie versuchte ruhig zu atmen und zerriss dabei ihren Unterrock. Als wieder eine starke Wehe einsetzte, spürte sie, dass es jetzt so weit war. Ihr Baby wollte das Licht der Welt erblicken. Fatma versuchte, so gut es ging, keinen Laut von sich zu geben. Sie hatte Angst, dass vielleicht einer der Schafhirten in der Nähe sein könnte. Es war eine große Schande für die Frau, wenn ein Mann sie bei einer Geburt sah. Zumindest wurden die Frauen in diesem Glauben erzogen. Sie verspürte eine heftige Wehe. Dabei musste sie immer schneller atmen. Im gleichen Moment presste sie ganz fest die Lippen zusammen. Jetzt musste sie mit beiden Händen den Kopf ihres Babys anfassen, um es herausholen zu können. Sie war glücklich, dass das Baby nicht falsch herum in ihrem Bauch lag. Sie betete zu Gott und schaute kurz zum Himmel. Dann griff sie zu ihrem Messer und schnitt die Nabelschnur durch. Kurz darauf säuberte sie sich von all dem Blut, jedoch gelang es ihr nicht, die immer noch andauernde Blutung zu stoppen. Sie stand vorsichtig auf, wickelte ihr Baby mit der anderen Hälfte ihres Unterrocks und versuchte aufzustehen, um in ihr Dorf zurückzukehren. Auf ihrem Rückweg schaute sie sich noch einmal um und sah ein paar Raben, die auf den hohen Ästen des wilden Kirschbaumes saßen. Sie wünschte sich innerlich, dass diese Raben erst später dazugekommen wären, weil Raben, so der Glaube, Unglück brachten. Erst jetzt bemerkte sie, wie hungrig und durstig sie eigentlich war. Sie fühlte sich erschöpft und sehr müde. Je mehr sie sich dem Dorf näherte, desto größer wurde ihre Angst. Was würde jetzt mit ihr geschehen? Wieder ein Mädchen! Alle Frauen im Dorf dachten, sie selbst würden das Geschlecht der Babys bestimmen. Keiner klärte sie auf. „Lieber Gott, wieso ist es kein Junge geworden?“, fragte sie sich. Sie liebte ihr Dorf. Man nannte es auch den „flachen Teller“. Es hatte einen zauberhaften Fluss, in dessen Nähe die schönsten Blumen wuchsen. Und wie oft sie in diesem Fluss schon Fische gefangen hatte! Um ihr Dorf herum gab es Berge und außergewöhnlich hohe Felsen. Hier war früher das Meer gewesen. Die Dorfbewohner stießen immer wieder auf Muscheln und Fossilien.
Manchmal fanden sie sogar Gold und wurden reich. Auch ihr Ehemann Hasan hatte nach Gold gesucht, aber er fand nie etwas Wertvolles, nur gewöhnliche Tabletts, Messingbecher oder Leinentücher. Ihre Schwiegermutter Hayriye sagte immer, dass das sehr alte Gräber von früher gewesen seien, von Menschen, die ihre Toten anders als heutzutage begraben hätten. „Die Ungläubigen!“, schimpfte sie immer wieder. Während sie so in ihren Gedanken versunken war, bemerkte Fatma nicht, dass sie bereits angekommen war. Wahrscheinlich waren die Dorfleute bei der Arbeit. Nur ein paar ältere Frauen zeigten auf sie.
„Da ist sie mit ihrem Baby“, sagte eine der älteren Frauen, die nur mit ihrem linken Auge sehen konnte. Die jahrelangen Misshandlungen ihres Mannes hatten dazu geführt, dass sie durch ihr rechtes Auge nicht mehr sehen konnte. Es stand ein wenig hervor. Die Kinder schrien immer, wenn sie sie sahen: „Das Monster kommt!“ Dazu humpelte Emine auch.
Aber sie hatte ein gutes Herz. Von den älteren Frauen war sie die Einzige, die es mit den Jüngeren gut meinte. Sie gab ihnen Ratschläge und Tipps, unter anderem auch, dass diese sich von ihren Männern nicht allzu viel gefallen lassen sollten. Jetzt stand sie da. Dabei hatte sie ihre Arme ausgebreitet und rief Fatma zu: „Da bist du ja!“ Dann umarmte sie sie.
„Lasst uns mal das kleine Wesen sehen.“ Dann gab Emine ihr das Baby wieder und befreite sie von der Last Holz, mit der sie auf ihrem Rücken zu kämpfen hatte. „Um Himmels willen, setz dich erst mal hin! Du blutest immer noch!“ Emine, die gleichzeitig die einzige Hebamme im Dorf war, sagte zu Fatma: „Bleibe hier, ich hole meine Sachen und komme schnell wieder. Wenn ich wieder da bin, helfe ich dir, die Blutung zu stoppen und begleite dich nach Hause, damit deine Schwiegermutter dich nicht entdeckt. Ansonsten wird sie mir nicht erlauben, dich zu behandeln.“ Mit dem kleinen Baby in ihren Armen hörte Fatma ganz geduldig der alten weisen Frau zu und sank zu Boden, als ob sie etwas Schlimmes getan hätte, das allen schaden könnte. Dabei stellte sie die Frage: „Die natürlichste Sache dieser Welt ist es doch, Mutter zu werden, oder nicht?“ Sie weinte. Endlich kam Emine mit einer anderen Frau aus dem Dorf zurück. Sie griffen ihr unter ihre Arme, um sie in das Haus der Hebamme zu bringen. Dann legten sie sie auf ein altes Bett, welches mit Schaffell bedeckt war. Kurz bevor sie ihr Bewusstsein verlor, sagte Fatma noch, dass sie am liebsten sterben würde. Wer würde dann aber auf ihre Kinder aufpassen, ganz besonders auf ihr neugeborenes Baby?
Fatma war immer noch bewusstlos, als die Hebamme mit ihrer Behandlung fertig war. Die andere Frau legte ihr immer wieder nasse Handtücher auf den Kopf, um ihre hohe Temperatur zu senken. Fatma öffnete schließlich langsam die Augen und fragte, wo ihr Baby sei. Die Hebamme entgegnete, dass sie sich beruhigen könne, da ihr Baby wohlauf sei und gerade schlief. „Ich habe das Wichtigste getan. Dennoch musst du gut auf dich aufpassen und denke nicht einmal daran, schwere Sachen zu tragen.“ Sie nickte nur und dachte im Stillen: „Du kennst weder meinen Mann noch meine Schwiegermutter gut genug. Sie würden mich niemals zur Ruhe kommen lassen.“ Sie wusste ganz genau, dass sie das Baby mit einem Leinentuch um ihren Brustbereich zu wickeln hatte, um noch auf dem Feld arbeiten zu können.
Während ein paar Tage vergingen, beruhigte sich auch ihre Schwiegermutter Hayriye ein bisschen, da Fatma sehr viel schuftete, um sie zu besänftigen. Durch ihre bösartigen Bemerkungen ließ sie sie aber keineswegs in Ruhe. „Wenn das nächste Kind wieder ein Mädchen sein wird, so werde ich meinen Sohn an eine andere verheiraten.“
Damit erpresste sie sie ständig.
Eines Abends brachte Fatma ihre Kinder zu Bett, ihr Baby lag schon in der Wiege. Sie hatte es kurz davor gestillt und fror ein wenig. Dann setzte sie sich vor den Ofen, der in der Wohnküche stand. Es war ihr danach zu häkeln und sie beschloss, eine Babyjacke anzufertigen. Dafür musste sie allerdings die Wolle vorher spinnen. Die Farbe Weiß gefiel ihr ganz besonders gut, weil ihre Tochter braune Haare und grüne Augen hatte. Deshalb konnte ihr neugeborenes Mädchen diese Farbe sehr gut tragen. Fatma war in ihren Gedanken versunken. Plötzlich klopfte es an der Tür. Behutsam stand sie auf und schritt auf Zehenspitzen zur Tür, um niemanden zu wecken. Das Haus bestand aus zwei Etagen. Unten war Platz für das Vieh und oben lebte die ganze Familie. Ihr Schwiegervater war bereits in jungen Jahren verstorben. Doch die Schwiegermutter wollte nicht noch ein weiteres Mal heiraten, denn das hätten ihre Söhne ihr sehr übel genommen. Sie ging vorsichtig die letzten Schritte. Sie hatte Angst, zu so einer späten Uhrzeit die Tür aufzumachen. Ihr Gesicht deckte sie so weit zu, dass nur noch ihre Augen sichtbar waren. Fatma nahm ihren ganzen Mut zusammen und öffnete die Tür.
Und wer stand vor ihr? Ihr Ehemann Hasan, der zwei Plastiktüten in seinen Händen hielt. Sie schauten sich an. Dann fragte er sie eindringlich: „Möchtest du mich nicht reinlassen?“
Sie antwortete zögernd: „Doch, doch. Bitte, komm rein.“ Da sie sich nicht darüber freuen konnte, dass er da war, wusste sie in diesem Moment auch nicht, was sie ihm sagen sollte. Sie fragte nur noch leise: „Hast du Hunger?“
„Ja, wie ein Bär, Fatma. Hast du Schwarzkohlsuppe gekocht? So wie du sie zubereitest, liebe ich es.“ Fatma schwieg weiterhin, brachte ihm einen Eimer heißes Wasser mit Salz sowie ein Handtuch und fragte ihn: „Darf ich dir deine Schuhe ausziehen?“ Sie zog ihm Schuhe und Socken aus, krempelte seine Hosenbeine hoch und stellte erst jetzt fest, dass er seinen einzigen Anzug trug.
Danach brachte sie ihm sein Essen mit Maisbrot. Sie legte neues Holz ins Feuer. Im Schein der Flammen betrachtete er ihr Gesicht und ihren Körper. „Ich habe dich sehr, sehr vermisst, Fatma.“
Sie errötete ein wenig und ihre Hände fingen an zu zittern, so als wären sie sich erst gestern begegnet. Ihr Herz pochte und sie spürte, dass sie ihn immer noch liebte. Aber was sollte sie gegen dieses unbeschreibliche Gefühl tun? Die Liebe war die eine Seite der Medaille, aber was war nicht alles in all den Jahren geschehen? Das stand auf der anderen Seite.
Er hatte sie so oft geschlagen, mit Wörtern beschimpft, die sie gar nicht gesagt hatte. Jedes Mal, wenn sie zu ihm sagte: „Die Kinder brauchen neue Sachen. Ich brauche auch etwas Neues zum Anziehen“, schaltete Hasan auf taube Ohren. Er antwortete ihr abwertend darauf: „Gehe doch zu deiner Mutter. Sie soll dir die Sachen kaufen, die du benötigst.“
Im Grunde genommen kannte er die Antwort. Fatmas Mutter Lütfiye hatte selber gar kein Geld. Ihr Mann Halil war sehr früh gestorben. Lütfiye hatte zwei Söhne. Einer davon hieß Arif und war ebenfalls sehr früh verstorben, weil er ein Mädchen haben wollte, welches er sehr liebte. Er durfte sie nicht heiraten, da die Familien verfeindet waren.
Die Brüder erfuhren, dass er seine Freundin Züleyha entführen wollte. Daraufhin brachte ihr älterer Bruder ihn eines Nachts in deren Stall um. Fatma war sehr traurig, als ihr Bruder Arif starb. Denn nur er nahm Fatma in Schutz und gab ihr ein wenig Geld. Nur auf diese Weise hatte sie für sich das Allernötigste kaufen können, er war für sie wie ein Vaterersatz.
Immer wenn sie Streit mit ihrem Mann Hasan hatte, öffnete sie sich nur ihm. Ihr Bruder geriet meistens in Wut und Zorn und machte deutlich, dass er am liebsten ihren Mann umbringen würde. Wie konnte er ihr so weh tun? Doch der einzige Mensch, der sie bisher immer beschützt hatte, war nicht mehr am Leben.
Und das nur wegen einer Frau, die er so schrecklich geliebt hatte. Waren es Frauen wert, dass man für sie starb?
In diesem Moment fing sie an zu weinen. Tränen liefen über ihr Gesicht. Auf einmal spürte sie, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief, als Hasan versuchte, sie zu umarmen. „Was ist los mit dir? Du bist mit deinen Gedanken ganz woanders.“ „Ich denke an meinen verstorbenen Bruder Arif“, sagte sie.
Er antwortete ihr gleichgültig: „Na und? Dann ist er eben tot! Wir müssen irgendwann alle mal sterben.“ Sie wusste, dass er ihr keine Gefühle zeigen konnte, denn Männer durften weder ihre Gefühle zum Vorschein bringen, noch durften sie weinen. Als Hasan ein kleiner Junge war und zu weinen anfing, hörte er von seinem Vater Ismail: „Sieh mal, du weinst wie ein kleines Mädchen. Geh und versteck dich unter dem Rock von deiner Mutter. Dann kann sie dir auch gleich einen anziehen. Du bist ein Junge und kein Mädchen, also hör auf zu heulen, ansonsten verpasse ich dir eine!“ Überhaupt bekam Hasan sehr viele Schläge von seinem Vater, und seine Brüder auch. Aus diesem Grund hatte er ihr Mitgefühl am Anfang, als sie noch frisch verheiratet waren und er ihr anvertraute, wie viele Misshandlungen er erleiden musste. „Hallo Fatma“, sprach er jetzt. „Wo bist du schon wieder mit deinen Gedanken? Mutter erzählte, du hättest ein Baby zur Welt gebracht. Wie geht es unserem Baby überhaupt?“
Sie weinte erneut und sagte: „Es tut mir sehr leid! Es ist meine Schuld. Es ist wieder ein Mädchen geworden.“ Er wischte mit seiner Hand die Tränen aus ihrem Gesicht und sagte: „Komm, hör jetzt auf zu weinen! Ich war so lange weg und habe dich und die Kinder vermisst! Ich möchte jetzt, dass du dich zu mir setzt.“ Darauf setzte sie sich zu ihm, legte den Kopf an seine Schulter und sprach mit ihrer sanften Stimme: „Das Baby hat noch keinen Namen. Ich habe zu deiner Mutter gesagt, dass wir damit warten, bis du nach Hause kommst. Du sollst selbst entscheiden, wie das Mädchen heißen soll.“ In dem Moment fing das Baby an zu schreien. Sie ging zu der Wiege und nahm es auf den Arm, um es stillen zu können. Hasan schaute zu, wie liebevoll seine Frau sich um das Baby kümmerte. Kurz darauf sagte er: „Ich weiß, wie das Baby heißen wird. Es bekommt den Namen Gül.“
„Gut, ein schöner Name. Er gefällt mir. Und ich hatte schon die Befürchtung, du würdest dem Baby den Namen deiner Mutter geben! Hasan, schau sie dir mal an, wie niedlich sie doch ist. Hättest du dir wirklich vorstellen können, sie Hayriye zu nennen?“ Sie legte das Baby liebevoll in die Wiege zurück. Hasan sagte: „Fatma, schlag das Bett auf. Ich möchte dich jetzt lieben. Vielleicht wirst du dann wieder schwanger und bringst einen Jungen zur Welt. Erst dann würdest du Ruhe vor meiner Mutter haben.“ „Hoffentlich!“, entgegnete sie ihm nur.

Am Tag darauf wollte er, dass sie seine Sachen zusammenpackte. „Großgütiger Gott! Du bist erst spät in der Nacht nach Hause gekommen, und schon wieder willst du fort und lässt mich mit dem ganzen Elend allein? Sage mir, wie ich das nun allein ohne dich aushalten soll? Mit fünf Kindern, deiner launischen Mutter und dem ganzen Vieh?“
Er sagte nur: „Du bist meine Frau und du hast mir zu gehorchen, denn du bist mein Eigentum! Wenn ich sage, dass ich weg muss, dann gehe ich, weil ich es für richtig halte.
Oder hast du etwa einen anderen Mann in deinem Leben?“
Sie wurde langsam zornig, denn es war mittlerweile Mittag und sie war sehr erschöpft. Sie musste für die Kinder Essen kochen und das Baby stillen.
„Versuch mich doch zu verstehen. Ich habe kaum Geld, um über die Runden zu kommen. Deine Mutter gibt mir nichts! Manchmal gelingt es mir heimlich, meine selbst gemachte Butter und Eier auf dem Markt zu verkaufen, um überhaupt das Allernötigste für die Kinder einzukaufen. Deine Mutter gibt alles, was sie hat, deinem jüngeren Bruder Recep und seiner Familie. Mir dagegen gibt sie gar nichts! Jedes Teil, das ich trage, muss ich tragen, bis es kaputt ist. Nur von den Stoffresten darf ich etwas für die Kinder nähen. Dafür muss ich das Garn heimlich klauen, damit sie es nicht merkt. Sie gibt mir weder Reis noch Nudeln zu kochen. Ich muss heimlich Mehl von ihr klauen, damit ich für das Baby Brei kochen kann. Sie schickt mich zu dem kalten Fluss, um die Windeln zu waschen. Egal, welches Wetter wir haben. Im Winter muss ich das Eis mit einem Stein zerschlagen, um an das Wasser zu gelangen. Glaubst du etwa, dass ich von so einem Leben geträumt habe? Du hast mir versprochen, wir würden nur sieben Monate mit deiner Mutter zusammenleben. Jetzt haben wir mittlerweile fünf Kinder bekommen. Sieben Jahre sind vergangen und wir wohnen noch immer hier. Sie bekommt alles über unser Privatleben mit und mischt sich in alles ein. Sie schlägt mich. Ein paar Mal hatte sie sogar mit Steinen nach mir geworfen!“
Er stand auf und musterte sie bösartig von oben bis unten. „Reicht dir etwa meine Liebe nicht? Hättest du doch den reichen Mann genommen, den alten, den dir deine Mutter ausgesucht hatte? Du wolltest mich! Der alte Mann konnte dich ja nicht so gut befriedigen wie ich.“ Sie schaute ihn an.
„Das ist sehr unfair von dir, denn du weißt, dass ich damals noch Jungfrau war. Ich war zu der Zeit 14 Jahre alt, als du mich mit diesem störrischen, blöden alten Esel entführt hast, der nicht einmal richtig gehen konnte. Du hast versprochen, auf mich Acht zu geben, mich zu lieben und als deine Frau zu respektieren. Und was war ich? Noch ein halbes Kind!“
Sie hatte kaum ihren Satz zu Ende gesprochen, da geschah das Allerschlimmste. Er stand noch ein Mal von seinem Platz auf und fing an, sie mit beiden Fäusten zu schlagen. Der ältere Sohn kam und stellte sich zwischen sie. Hasan schob seinen Sohn zur Seite, verpasste ihm eine Ohrfeige und schrie ihn an, dass er sich raushalten sollte. Die anderen Kinder weinten und das Baby noch dazu. Fatma fiel erschöpft zu Boden.
Sie verspürte keine Kraft mehr und flehte Hasan an, damit aufzuhören. Nicht wegen ihr, sondern vielmehr wegen den Kindern, die diese Szenerie miterleben mussten. Er ließ los und sagte ihr, dass es allein ihre Schuld sei, dass er sie geschlagen hätte.
„Halte endlich deinen Mund! Ich gehe ja arbeiten, damit wir Geld haben und ein Haus für uns bauen können.“ Regungslos lag sie da. Letztendlich gab sie keine Antwort. Sie versuchte nur, sich einigermaßen hinzusetzen. Ihre Kinder kamen zu ihr und umarmten sie. Ihr älterer Sohn Mehmet gab ihr das Baby, damit sie es stillen konnte. All das ergab für sie keinen Sinn. Liebte sie ihren Mann wirklich oder war es nur die Abhängigkeit? Letzten Endes war sie ganz allein auf sich gestellt. In diesem Moment fühlte sie sich innerlich ganz leer und merkte, dass sie gleichzeitig Angst vor ihm hatte. Wohin sollte sie denn nun gehen? Wer würde sie bei sich aufnehmen, geschweige denn gleich noch mit fünf Kindern?
In diesem Moment betrat die Schwiegermutter den Raum und sagte zu ihrem Sohn, ohne dabei ihre Schwiegertochter zu beachten: „Komm, Hasan, du musst jetzt los! Es geht ihr zu gut! Wir Frauen schaffen das auch alleine!“ Hasan drehte sich nur kurz um. „Hoffentlich bist du in dieser Nacht wieder schwanger geworden, damit ich endlich den zweiten Sohn bekomme, der mir zusteht!“ Er verabschiedete sich und verließ den Raum.
Ihre Mutter Lütfiye hatte sie doch vor ihm gewarnt. „Du darfst diesen armen Schlucker nicht heiraten! Er würde dich kaum ernähren können! Allein von der Liebe kann man nicht leben, mein Kind. Wenn du jetzt gehst, darfst du niemals hierher zurückkommen!“
Sie war ein einziges Mal von diesem schrecklichen Mann abgehauen. So empfand sie ihn auch in diesem Moment. Damals war ihr Sohn gerade mal ein Jahr alt gewesen. Da hatte ihr Ehemann sie auch sehr schlimm geschlagen und die Schwiegermutter sagte nur zu ihr: „Er darf das! Er ist dein Mann! Wenn du eine gute Frau gewesen wärst, würde er dich nicht schlagen. Allein du bist daran schuld, dass du geschlagen wirst“. Sie sollte also schuld daran sein, dass er sie schlug? Das erzählte sie ihrer Mutter, zu der sie damals hingelaufen war. Warum immer sie? „Warum immer ich? Warum muss ich immer so viel Leid ertragen?“ In diesem Moment klagte sie sogar selbst den lieben Gott an. Wo war er nun in diesem Augenblick? Wieso half er ihr nicht? War er nicht der allmächtige Allah, der sie alle erschaffen hatte? Wieso schaute er nur zu, statt ihr zu helfen?
Sie sagte den Kindern, dass es gleich etwas zu essen gäbe, legte das Baby wieder in seine Wiege und bat ihren Sohn Mehmet, aus dem Brunnen Wasser zu holen. Darauf machte sie Feuer und fing an zu kochen, damit die Kinder zumindest einen glücklichen Ausgleich hatten für das ganze Böse, das sie miterleben mussten. Fatma wusste, dass die Schwiegermutter nicht da war und sagte: „Wieso denn eigentlich nicht?“ Dabei nahm sie eine Schüssel, ging in die Küche und fand das Versteck, wo Butter, Mehl und Zucker verborgen waren, und nahm zwei Eier. Die Kinder bekamen heute ein Festessen, denn es gab eine Mehlsuppe und riesengroße Pfannkuchen.
Sie bereitete ihnen selbstgemachten Kräutertee zu, schlug die Betten der Kinder auf, gab jedem Kind einen Kuss und legte sie ins Bett. Nur Mehmet wollte draußen spielen. Sie legte sich zu ihren Töchtern und schlief ganz erschöpft ein.
Als Fatma zwei Stunden später wach wurde, schlief ihr Baby immer noch. Es kam ihr wie ein böser Traum vor, den sie erlebt hatte. Sie hörte, wie die Schwiegermutter die Treppe hinaufging und vom Weiten sagte: „Fatma, es ist an der Zeit, dass du dich um die Kühe kümmerst! Und warum hattet ihr euch vorhin gestritten? Warum hältst du nicht einfach deinen Mund und setzt ihn mit deinem Geplapper nicht so oft unter Druck? Eine Frau darf nicht vorlaut sein! Wann immer dein Mann nach dir verlangt, musst du ihm das geben, was ihm zusteht, dafür sind wir Frauen da! Begreife es endlich und vergiss es, dass du hier jemals ausziehen wirst! Mit welchem Geld wollt ihr euch ein Haus bauen? Und übrigens, heute müssen die Tiere einmal zum Fluss runter. Und die Kühe sind noch nicht gemolken. Sieh deshalb zu, dass du dich nützlich machst und hör auf, die Blagen immer so zu verwöhnen!“
Was blieb ihr übrig? Sie hatte kaum Zeit, ihr Baby zu stillen. Zum Glück half ihr schon ihre ältere Tochter bei der Hausarbeit. Fatma wagte nur kurz, ihre Schwiegermutter zu fragen: „Hat Hasan gesagt, in welcher Stadt er diesmal arbeitet?“
Sie war sehr überrascht, als die Schwiegermutter ihr antwortete: „Ja, er ist nach Istanbul gefahren.“ Sie dachte nur im Stillen: „Hoffentlich verdient er dieses Mal ein wenig Geld“ Von was sollten sie denn in der nächsten Zeit leben, wenn er ihr kein Geld zum Leben schickte?

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 224
ISBN: 978-3-95840-431-1
Erscheinungsdatum: 21.03.2018
EUR 15,90
EUR 9,99

Herbstlektüre