Lyrik & Dramatik

Don Filippos einsames Geheimnis

Marc Maurer

Don Filippos einsames Geheimnis

Leseprobe:

1. Kapitel
Hoch oben, inmitten der Hügel, ist es angesiedelt. Umgeben von üppigen Kastanienwäldern, mit saftigen Reben überbevölkerten Hängen und steil abfallenden Wiesen liegt das neue Paradies von Don Filippo. Nicht dass er diesen verlassenen Ort etwa selbst ausgewählt hätte. Nein, ganz im Gegenteil! Er war ihm geradezu aufgezwungen worden. Es war eine jener schwer nachvollziehbaren Entscheidungen des Bischofs von Lugano gewesen, die zu seinem unwürdigen Abgang geführt hatten. Natürlich hatte es niemand gewagt, die Gründe zu hinterfragen, die seinen Vorgesetzten zu dieser außergewöhnlichen Maßnahme veranlasst hatten. Man flüsterte zwar hinter vorgehaltener Hand, dass sich der Pfarrer zu viel um das Wohl der Einwohner weiblichen Geschlechts von Giubiasco gekümmert hätte, aber das war natürlich nur ein vorgeschobener Vorwand gewesen, um den unbequemen Geistlichen auf elegante Art so schnell wie nur irgend möglich loszuwerden. Die wenigen, die den wahren Hintergrund seiner tragischen Geschichte kannten, hüteten sich davor, auch nur das Geringste an die Öffentlichkeit durchdringen zu lassen. Sie hätten sich damit selbst bloßgestellt.
Man wusste nur, dass der Pfarrer in einer Nacht- und Nebelaktion abkommandiert und in diese verlassene Gegend verbannt worden war. Sogar Don Filippo selbst hatte man verschwiegen, was zu seiner Zwangsversetzung geführt hatte. Er gab seinem unkonventionellen Arbeitsstil die Schuld. Dieser hatte in Giubiasco immer wieder Anlass zu Klagen gegeben.
Aber Don Filippos Seele war so weiß wie der Kragen seiner Soutane und sein Gewissen so kristallklar und rein wie das Wasser des alten Dorfbrunnens, der vor dem Gotteshaus von San Martino seit Jahren seiner Aufgabe gerecht wurde. Don Filippo hatte sich absolut nichts vorzuwerfen, und nur das zählte für ihn. Seine Pflicht war es nun, sich mit der neuen Situation abzufinden und sein Glück bei den Schäfchen von San Martino zu suchen.
Es war nicht nur der erste Sonntag im Monat, sondern der erste Sonntag überhaupt, an dem Don Filippo die Messe an seiner neuen Arbeitsstätte abhalten sollte. Sie waren alle gekommen. Bis zur hintersten Reihe war in den dunkelbraunen Holzbänken keine freie Lücke mehr auszumachen. Die kleine Kirche, mit ihrer von der Sonne gewärmten Natursteinfassade, drohte aus allen Nähten zu platzen. Die Dorfbewohner, die zu spät eingetroffen waren, mussten sich mit einem Stehplatz in den Seitengängen begnügen. Aber das tat nichts zur Sache. Man musste den Neuen unbedingt gesehen und gehört haben. Selbstverständlich wussten alle bereits, dass der Pfarrer in Giubiasco in Ungnade gefallen war. Aber für die Einwohner von San Martino war wichtig, dass sie nun endlich wieder ihren eigenen Seelsorger hatten und sie sich nicht mehr an die ständig wechselnden Aushilfen gewöhnen und anpassen mussten. Lange hatte es hier nie ein Geistlicher ausgehalten. Entweder sie wurden krank, starben vorzeitig oder hatten nach einem Kurzaufenthalt in dieser Gemeinde von ihrem Beruf für immer die Nase voll. Die Leute hier waren eigensinnig und unfreundlich. Dazu kam ihr angeborenes Misstrauen, das sie Fremden gegenüber offen zur Schau trugen.
Don Filippo kam es so vor, als versuchten die Blicke der Anwesenden, ihn zu entblößen. Er war diesen Leuten ausgeliefert wie Kains Opfer auf dem Stein. Obwohl er sich in der schützenden Kanzel und über ihren Köpfen befand, konnte er ihre Ausdünstung ganz deutlich wahrnehmen. Es war der Geruch von Stall und getrocknetem Heu. Prüfend schaute der neue Pfarrer hinunter zu seinen Schäfchen, als wollte er sich jedes einzelne dieser Gesichter für immer einprägen. Dann forderte er sie mit starker Stimme auf sich zu erheben.
„Liebe Gläubige, ich danke euch von Herzen, dass ihr den Weg zu unserem Herrn und Schöpfer gefunden habt. Mein Name ist Don Filippo. Bis vor wenigen Tagen war es meine Aufgabe, in der wunderschönen Kirche von Giubiasco die Messe zu lesen. Aber vermutlich habe ich meine Arbeit nicht zu aller Zufriedenheit gemacht.“
Dumpfes Raunen ging durch die Reihen der Besucher. Es verstummte erst wieder, als sich Don Filippo auffallend räusperte und sie zur Ruhe ermahnte. „Aber nachdem ich dieses Dorf hier kennengelernt habe, muss ich eigentlich Bischof Crotta dankbar für meine Versetzung sein, denn was ist Giubiasco schon im Vergleich zu San Martino? Ganz bestimmt werde ich der gasgeschwängerten Hauptstraße, die dort direkt vor der Kirche vorbeiführt, keine müde Träne nachweinen. Hier oben atmen wir noch reine und gesunde Luft.
Es wäre eine Lüge, wenn ich jetzt sagen würde, dass mir die wenigen Kirchengänger von Giubiasco fehlen. Nein, sie können mir für immer gestohlen bleiben!“
Don Filippo hörte wohl das Flüstern der Anwesenden, kümmerte sich aber nicht weiter darum. „Es sind die Armen und Kranken, die ich vermisse. Sie waren an meine wöchentlichen Besuche gewöhnt. Sie sind die Vergessenen und Verstoßenen unserer modernen Zivilisation. Glauben Sie mir, dort unten im Tal schaut jeder auf sich selbst. Es sind lauter Egoisten! Einen Deut interessiert sie, wie es ihrem Nachbarn ergeht! Ob er krank oder gesund ist, hat nur für wenige von ihnen eine wirkliche Bedeutung. Sie denken ans Geldverdienen und -ausgeben und dass es ihrem Magen möglichst gut geht. Das ist es, was für sie zählt.
Aber ich denke auch an die Kinder von Giubiasco. Sie fehlen mir besonders stark, denn sie tragen keine Schuld an der Ignoranz ihrer Eltern.“
Diesmal wurde das Raunen deutlich stärker. Es hörte sich so an, als wäre ein Schwarm pflanzenfressender Heuschrecken ins Gotteshaus eingedrungen. „Ruhe!“, dröhnte es von der Kanzel. Don Filippo fühlte sich plötzlich stark und den Anwesenden überlegen. Schließlich war er der Herr im Haus und die Leute da unten lediglich ein Haufen rotziger Bauern. „Falls es noch nicht alle bemerkt haben sollten, mache ich Sie darauf aufmerksam, dass Sie sich hier in einer Kirche und nicht in der Osteria befinden. Also benehmen Sie sich dementsprechend!“, polterte er.
„Ich werde diesen Leuten die fehlenden Manieren schon noch beibringen!“, dachte er und wollte mit seiner Ansprache fortfahren. Einige der Besucher aber hatten sich erhoben und protestierten lautstark. Wie giftige Pfeile flogen ihm ihre Blicke zu. Offensichtlich war es das erste Mal, dass ein Vertreter der Kirche es gewagt hatte, sie auf diese Art zu tadeln. Verärgert versuchten einige Männer sich durch die dicht gedrängte Menschenmasse davonzuschleichen.
„Habe ich Ihnen erlaubt aufzustehen? Die Messe ist noch lange nicht zu Ende. Bis es so weit ist, muss ich Sie bitten, sich sofort wieder hinzusetzen!“, befahl der Pfarrer bestimmt. Der Ton seiner Stimme ließ nichts Gutes erahnen. „Entweder Sie gewöhnen sich an meinen Charakter oder Sie bleiben in Zukunft dieser Kirche fern. Solange ich mich hier drinnen aufhalte, haben Sie meinen Anweisungen zu folgen“, rief er den Flüchtenden nach. Irgendwie war Don Filippo überzeugt davon, dass ihm Gott helfend zur Seite stand und für seine gewagte Maßregelung Verständnis aufbrachte.
Als hätten ihre Füße Wurzeln geschlagen, blieben die beiden unvermittelt stehen. Nun waren sie diejenigen, denen die abschätzenden Blicke der übrigen Kirchengänger galten. Von diesem Augenblick an rührten sie sich nicht mehr von der Stelle. Es war Don Filippos erster entscheidender Sieg hinter den heiligen Mauern von San Martino gewesen.
Diesmal hatten sich die Gemüter schneller wieder beruhigt, als er es erwartet hatte. Ruhig setzte er seine Ansprache fort, als hätte der leidige Zwischenfall überhaupt nicht stattgefunden.
„Wussten Sie, dass in jedem Gotteshaus ein Tagebuch geführt wird? Auch hier in San Martino haben wir ein Exemplar davon. Die Eintragungen sind obligatorisch; sie gehören zu den Pflichten des Kirchenoberhauptes. Wichtiges und Außergewöhnliches wird da reingeschrieben. Ich habe mir die Zeit genommen und die Eintragungen meiner Vorgänger genau durchgelesen. Dabei ist mir aufgefallen, dass es keiner von ihnen mehr als ein Jahr hier ausgehalten hat. Ich meine damit nicht diejenigen, die vorzeitig verstorben sind. Gott sei ihrer armen Seele gnädig! Nein, ich meine jene, die diesen Ort freiwillig oder unfreiwillig verlassen haben. Ich muss eingestehen, wenn ich dem, was da hineingeschrieben wurde, Glauben schenken darf, verstehe ich ihre Beweggründe, die sie dazu veranlasst haben. Aber ich möchte nicht länger auf dieses traurige Kapitel eingehen. Man muss immer beide Seiten hören, bevor man sich ein gerechtes Bild machen kann. Aber denken Sie daran, bevor ich wieder von hier wegziehe, werden einige von euch auf dem Friedhof hinter der Kirche begraben sein. Ich habe ein dickes Fell. Und wie ich schon vorhin erwähnt habe, wem mein Gesicht und meine Art, zu arbeiten, nicht passt, der soll zu Hause bleiben.“
Eine plötzliche Stille beherrschte den Raum. Diesmal hatte es niemand mehr gewagt, die Stimme gegen ihn zu erheben. Mit gesenkten Blicken saßen sie da, als wären sie eine Schar geprügelter Schulkinder. Don Filippo grinste siegesbewusst, aber die Anwesenden hatten es nicht bemerkt. Und seine erste Geschichte hatte ihren Weg ins Tagebuch der Kirche gefunden.
„Wenn Sie mir gestatten, werde ich nun zum Wesentlichen meiner Predigt kommen.“ Don Filippo senkte den Ton seiner Stimme. Nun war sie versöhnlich und von einer angenehmen Wärme. Auch die kochenden Gemüter der Gläubigen hatten sich wieder abgekühlt. Natürlich waren nicht alle mit seinem eigenwilligen Charakter einverstanden. Aber in einem Punkt waren sich die Anwesenden einig: Der Neue hatte Mut und wusste sich durchzusetzen. Es war eben dieses Talent, das seinen gescheiterten Vorgängern gefehlt hatte.
„Übrigens, heute werde ich keine Hostien verteilen“, überraschte Don Filippo die Gläubigen am Schluss seiner langen Predigt. „Ganz einfach, weil ich euch noch nicht kenne. Ich verlange, dass jeder zuerst bei mir seine Beichte ablegt. Ich hoffe, ihr habt Verständnis dafür. Mein Beichtstuhl ist ab heute Nachmittag offen. Wer davon profitieren will, der kann das Sakrament anlässlich der Abendandacht nachholen. Und noch etwas, ich werde als Erster die Kirche verlassen und am Eingangsportal auf euch warten. Es gibt einen alten Brauch und den möchte ich auch in dieser Kirche pflegen. Bevor ihr das Gotteshaus verlasst, gibt jeder von euch seinem Bank- oder Stehnachbarn die Hand und grüßt ihn zum Abschied mit folgenden Worten ‚Friede sei mit dir‘. Wenn ihr dann draußen seid, könnt ihr euch wieder streiten, das geht mich dann nichts mehr an. Aber solange wir uns hier in der Kirche aufhalten, sind wir eine Familie, die ihre Mitglieder achtet und die zusammenhält.“
Wie angekündigt erwartete Don Filippo seine Schäfchen am Ausgang. Er gab jedem von ihnen seine Hand und wünschte „Guten Appetit“. Als der letzte Gläubige gegangen war, schloss er das hölzerne Kirchentor und ging in sein heruntergekommenes Pfarrhaus, reinigte das mit Staub bedeckte Geschirr und setzte einen mit Wasser gefüllten Topf auf die Herdplatte. Spaghetti! Schließlich war heute ein Festtag. Mehr konnte er sich auch nicht leisten. Bis zum Zeitpunkt, an dem er von der Curia seinen ersten Zahltag bekommen sollte, fehlten noch volle zweiundzwanzig Tage. Und bis dahin mussten die wenigen Münzen, die er in seiner Tasche fühlte, ausreichen. Dann füllte er einen Tonkrug mit frischem Leitungswasser und stellte ihn auf den Tisch. „Kastanienholz“, dachte er und streichelte die vom Leben gezeichnete Patina. Don Filippo liebte diese alten Möbel. Ob sie nun wertvoll waren oder nicht, sie hatten ihre eigene Geschichte und diese machte sie alle zu edlen Unikaten.
Jemand hatte an die Türe geklopft. „Wer kann das sein? Jetzt und um diese Zeit?“ Don Filippo warf einen prüfenden Blick auf das leicht siedende Wasser und stellte den Herdschalter tiefer. Die Frau, die ungeduldig vor seinem Haus auf ihn wartete, mochte gut neunzigjährig sein. Sie war von kleiner Statur und schwarz gekleidet. Die gleiche Farbe hatte auch das Kopftuch, das ihre schlohweißen Haare teilweise bedeckte. Aber ihr Gesicht wirkte erstaunlich jung, denn ihre Haut war praktisch faltenlos. Mit wachen Augen strahlte sie den Pfarrer an, als wäre er ein alter Bekannter. In der einen Hand hielt sie ein frisch gerupftes Huhn, die andere umklammerte eine Flasche Rotwein ohne Etikette. „Ich habe heute Morgen Ihre Messe besucht. Ich schwöre, dass es das erste Mal gewesen ist, dass ich während eines Gottesdienstes nicht gebetet habe. Und wissen Sie, warum? Ganz einfach weil ich mich Ihretwegen amüsiert habe. Es ist wie im Kino gewesen. Sie haben Mut gezeigt, und das gefällt mir an Ihnen, junger Mann. Aber seien Sie vorsichtig, die Leute hier sind böse und gegenüber Fremden misstrauisch. Sie warten wie Aasgeier darauf, bis Sie Ihren ersten Fehler machen. Und dann ist es um sie geschehen. Glauben Sie mir, ich habe mehr Seelsorger kommen und gehen sehen, als ich Hühner im Stall habe“, sagte die alte Frau ernst. „Aber bleiben Sie nicht hier draußen stehen, kommen Sie doch herein!“, forderte sie Don Filippo auf. „Nein, nein, nein, ich habe keine Zeit dazu!“, wehrte sie ab. „Lassen Sie es sich schmecken!“ Und bevor der Pfarrer sich bei ihr bedanken konnte, stand sie wieder auf der Straße. Dann schaute sie nochmals zu ihm hinauf und lächelte ihm verschwörerisch zu. „Versprechen Sie mir, dass Sie so bleiben, wie Sie sind“, sagte sie und humpelte auf ihren arthrosegeplagten Beinen davon. Don Filippo hatte seine erste Verbündete gefunden, und das tat ihm gut. In der ganzen Aufregung hatte er vergessen, sich nach ihrem Namen zu erkundigen. Aber das würde er bestimmt später nachholen. Das Huhn legte er in den Kühlschrank. Es war so groß, dass er nicht genügend Platz dafür fand. Er musste es in zwei Stücke schneiden. „Es wird bestimmt für mehrere Mahlzeiten reichen“, frohlockte er. Die Flasche Wein aber musste sofort herhalten. Er öffnete sie vorsichtig und füllte ein Glas mit dem tiefroten Rebensaft. „Nostrano“, sagte er mit lauter Stimme und genoss mit geschlossenen Augen die unerwartete Gabe.
Das Municipio lag nur wenige Schritte von der Kirche entfernt. Don Filippos Besuch galt dem Präsidenten der Gemeinde. Angelo Balestra, von Beruf Landwirt, war groß gewachsen. Er hatte das wichtige Amt von seinem Schwiegervater übernommen. Der Pfarrer schätzte den Mann auf über einen Meter neunzig. „Freut mich, Sie zu sehen“, sagte Herr Balestra und streckte ihm seine kräftige Hand entgegen. „Nehmen Sie doch Platz!“, forderte er ihn auf und setzte sich dann selbst auf seinen abgewetzten Bürostuhl. „Ich habe Ihre Feuertaufe miterlebt. Alle Achtung! Aber glauben Sie mir, hier werden Sie keinen leichten Stand haben. Bisher hat es noch kein Seelsorger geschafft, von den Einwohnern unseres Dorfes akzeptiert zu werden. Ich hoffe wirklich, dass wir mit Ihnen endlich das große Los gezogen haben. Ich bin es leid, meine kostbare Zeit damit zu vergeuden, beim Bischof regelmäßig Aushilfen anzufordern“, lamentierte der Sindaco. Seine Stimme war gereizt. „Ich versuche mein Bestes zu geben“, versicherte Don Filippo. „Mein Besuch bei Ihnen hat einen ganz bestimmten Grund. Ich brauche eine Liste der Einwohner, die krank sind und dem Gottesdienst nicht beiwohnen können. Ich wäre Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie mir bei der Zusammenstellung der Namen behilflich sein könnten“, bat der Geistliche. „Es sind glücklicherweise nicht viele. Lassen Sie mich überlegen. Da haben wir Ingrid Trotta, sie wohnt dort oben in der Casa Cecchi.“ Er schrieb ihren Namen und die Adresse auf einen Notizblock. „Dann haben wir da noch Gabriela Postizzi, Serafino Otti und Gianni Leoni.“ Er ergänzte die Liste mit ihren Namen. „Ah, beinahe hätte ich sie vergessen. Paolina, die Hexe, sie gehört natürlich auch dazu. Aber ich glaube kaum, dass sie sich über Ihren Besuch freuen wird. Sie hat es mit dem Teufel, müssen Sie wissen.“ Trotzdem notierte er auch Paolinas Namen auf das Papier. Don Filippo konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. „Hoffentlich glaubt man hier nicht mehr an Hexen“, erkundigte er sich vorsichtig. Aber die ernste Miene des Gemeindepräsidenten ließ keine Zweifel aufkommen. „Ich rate Ihnen dringend von einem Besuch ab“, riet er, als müsste er seine schlimme Vermutung noch zusätzlich untermauern. „Im Gegenteil! Sie wird die Erste sein, die ich aufsuchen werde!“, trotzte Don Filippo. „Dann kann ich Ihnen auch nicht helfen. Sagen Sie später nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt!“, ärgerte sich Balestra. „Ist das alles, was ich für Sie tun kann?“
In der Gemeinde gab es ein gutes Dutzend Bauernhöfe. Der größte Teil der Einwohner aber arbeitete in der Sägerei von Angelo Balestra. Die Osteria „La Campana“, die ebenfalls seiner Familie gehörte, lag direkt neben dem Gemeindehaus und war um diese Zeit schon gut besucht. Bevor sie zur Arbeit gingen, tranken die Arbeiter hier ihren ersten Espresso. Geduldig warteten sie, bis die hübsche Tochter der Wirtin die bestellten Pausenbrote verpackt hatte. Der Pfarrer trat ins laute Lokal. Seine schwarze Soutane grenzte ihn auffallend von den übrigen Gästen ab. Vermutlich war man hier nicht daran gewöhnt, dass ein Geistlicher das Wirtshaus mit seinem Besuch beehrte. Denn kaum war er eingetreten, verstummten die Gespräche der Leute. Offenes Misstrauen lag in ihren Augen.
„Guten Morgen, Don Filippo“, grüßte Anna Calaveri fröhlich den unerwarteten Gast. „Was kann ich Ihnen bringen?“ „Ich würde gerne einen starken Kaffee trinken“, antwortete der Geistliche und betrachtete ungeniert das Mädchen. Sie hatte ihre langen schwarzen Zöpfe auf dem Kopf zu einem Kranz gebunden. Ihr Gesicht war weiß wie der erste Schnee. Ihre Wangen mit ihren kleinen Grübchen zierte ein zartes Rosa. Sie hatte volle Lippen und grüne Augen. Ihre langen Beine steckten in hellblauen, verwaschenen Jeans. Noch selten hatte Don Filippo ein schöneres Wesen gesehen. „Heute offeriert das Haus. Nehmen Sie sich eine Brioche dazu. Sie ist noch warm und mit Aprikosenkonfitüre gefüllt“, sagte das Mädchen und reichte ihm ein Körbchen mit dem Gebäck. Der Pfarrer konnte der köstlichen Sünde nicht widerstehen. Er blieb an der Theke stehen und schlürfte seinen heißen Kaffee. Vermutlich hatten die Anwesenden ihre Neugierde befriedigt, denn sie waren wieder in ihre Gespräche vertieft und achteten nicht mehr auf ihn. Nur ab und zu riskierten sie noch einen verstohlenen Blick in seine Richtung. „Sie werden sich an mich gewöhnen müssen“, sagte Don Filippo zur Pächterin und erntete ihr freundliches Lachen. Die Ähnlichkeit mit ihrer Tochter war verblüffend. Mit ihren zweiundfünfzig Jahren war sie immer noch eine ernst zu nehmende Konkurrenz für sie. Auch dem Pfarrer war dies nicht entgangen. Seine Augen zeigten ihr unverblümt, dass er von ihrer Schönheit angetan war. „Schade, dass er sich dem Zölibat verschrieben hat“, dachte Lisa Calaveri, seufzte tief und kümmerte sich dann wieder um die übrigen Gäste. „Wissen Sie, wo Paolina wohnt?“ „La strega?“, fragte Anna. „Die Hexe“, bestätigte Don Filippo. „Sie wohnt dort oben am Waldrand. Sehen Sie das hellblau gestrichene Haus mit den roten Fensterläden?“ Anna zog den Pfarrer am Arm und führte ihn zum halb geöffneten Fenster. Ihre ausgestreckte Hand zeigte auf das kleine Anwesen. „Wollen Sie wirklich dort hinaufgehen?“, informierte sie sich interessiert. „Natürlich will ich das“, antwortete der Pfarrer. „Paolina gehört zu den Kranken. Es ist meine Aufgabe, ihnen Trost und Hilfe zu spenden.“ „Dann wünsche ich Ihnen viel Glück dabei“, meinte Anna belustigt.
Don Filippo ließ sich nicht beeinflussen und ging auf dem Landweg bis zu Paolinas Häuschen. Die hellblaue Farbe, die das Gebäude einmal geziert hatte, war beinahe verblasst. An einigen Stellen fehlte sie gänzlich. Ihren Platz hatten die grauen Natursteine teilweise wieder eingenommen, als würden sie dem vor Jahren aufgezwungenen Anstrich trotzen. Die kleinen Butzenfenster blitzten in der Morgensonne. Der Miniaturgarten wirkte gepflegt. Blumen und Sträucher in verschiedenen Farbtönen begrüßten den Geistlichen, als hätte man sie soeben für ihn angepflanzt. „Nein, hier konnte keine Hexe wohnen“, sinnierte der Pfarrer und öffnete das winzige Gartentor. Er musste mehrere Male an die Türe klopfen, bis er endlich ihre Schritte aus dem Innern vernahm. „Es ist niemand zu Hause“, hörte er sie sagen. „Wenn niemand da ist, warum sprechen Sie dann zu mir?“, fragte der ungebetene Besucher. Eine Zeit lang hörte er nichts mehr. Er wollte schon aufgeben, als sich die Tür einen Spaltbreit öffnete. Zwei Augen, groß wie Mantelknöpfe, funkelten böse aus dem Dunkeln. „Was wollen Sie?“, fragte die weibliche Stimme. „Bitte verzeihen Sie die Störung. Ich bin Don Filippo, der neue Gemeindepfarrer. Man hat mir gesagt, dass Sie krank sind. Deshalb habe ich mir erlaubt, bei Ihnen vorbeizuschauen.“ „Das ist nicht notwendig“, antwortete die Frau schroff. Don Filippo war auf diesen Moment vorbereitet gewesen. Bevor sie die Tür wieder schließen konnte, hatte er geschickt seinen Fuß in den geöffneten Spalt gesteckt. „Es hat keinen Sinn“, vernahm er aus dem Innern.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 558
ISBN: 978-3-99003-518-4
Erscheinungsdatum: 16.11.2010
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