Lyrik & Dramatik

Dem Alltag lauschend - Gedichte und Geschichten

Marianne Mathys

Dem Alltag lauschend - Gedichte und Geschichten

Leseprobe:

An der Aare

Tunnel von zart grünem Laub
öffnet sich hin zum Fluss der düster
dahinzieht reißend und schnell
denn er ist voll und gräbt sich tief
durch das Becken

Den Spiegel
bewegen leichte Wellen
über Stromschnellen wirbelt’s
als wär’s nur ein Spiel
Regentropfen spritzen auf
und schwimmen in Scharen
winziger Springbrunnen
glitzernd an mir vorbei.

***

Dreiecksbeziehung

Schicksal Labsal Trübsal
eine Beziehung mit un-
gleichen Seiten

Sich um die eigene Mitte
drehen mit den Ecken an-
stoßen an der
Unergründlichkeit des Alls

Im Unermesslichen sich ver-
lieren aufgehend im Großen
und Ganzen.

***

AUGUST 2006

Morgen muss es sein, dachte ich gestern, jetzt bin ich da. Der Himmel zeigt Öffnungen. Strahlendes Blau zwischen grau-braunen Wolkenbänken, deren Ränder gelb-orange aufleuchten. Es ist kurz nach sechs Uhr früh, ein weiterer Regentag ist angesagt. Ich bin früher als erwünscht aufgewacht, dafür genieße ich jetzt dieses himmlische Intermezzo. Während ich dies schreibe, stoßen die Wolkenfronten schon wieder zusammen, die Ränder erlöschen, der Himmel wird ausgesperrt. Zurück bleibe ich mit meinen kleinen Nöten und Alltagssorgen – ?und den großen, mir entfernt zufallenden aus den Medien. Vergeltungsschläge zwischen Israel und der Hisbollah, ein verhinderter Terroranschlag in London und weitere Schwelbrände unter diesem bedeckten Himmel.

Mit deinem Gedicht klassisches patt schilderst du lakonisch und mit formaler Eindringlichkeit die Stimmung der nun schon vier Wochen andauernden kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten, an deren neuerlichen Waffenstillstand noch niemand so recht glauben will. Strophe um Strophe schaukelst du den Konflikt hoch, bis zur unausweichlichen Eskalation, die aber nur angedroht wird; stattdessen kommt die Frage nach der Herkunft: wo kommt ihr her? Und die Antwort: dort, wo ihr herkommt. Das Ziel bleibt in der Schwebe: wohin geht ihr? – ?Wir wissen es nicht. Und ob die wissen, wohin sie wollen! Aber es bleibt ungesagt, abhängig vom Schachzug der andern. Diese Unberechenbarkeit auf allen Seiten, und keiner will der Verlierer sein. Beeindruckend, wie du das schilderst.

***

Kokon

Webfaseriges Gebilde
wirrspinntige Hülle
inmitten kaum auszumachen
der Kern
eingeschlossen ins Fadengespann
ausgeschlossen
gedämpft hereindringendes Licht
von draußen
wo es laut ist und grell

Die Gefahr erdrückt zu werden
ausbrechen nicht möglich
Entwirrung der Fäden vielleicht

Ein langer langer Faden
hauchdünn ein zarter Glanz
Entwicklung
über dem Boden schwebend
grenzenlos
zwischen Himmel und Erde
am Ende der Kern
im freien Fall.

***

Bedeutsamkeit von Kunst

Kunst ist mir lieb
wenn sie meine Fantasie unterläuft
meine Umgebung durchdringt
diese verdichtet und vermengt

Wenn sie Sehnsucht in mir weckt
meinen Alltag durchmischt und
diesen angenehm verwischt
durch die Verinnerlichung
einer/s andern Sicht die magisch
mir zutiefst entspricht.

***

Engel voller Hoffnung
Paul Klee

Zuversicht erflehendes Gesicht
zwischen großen Flügeln die
auf dünnen Stelzchen stehn
Augenscherben hoffnungsvoller
Blick wach nach innen gekehrt

Zwischen Stirn und Öffnungen
macht die Nase einen langen
Weg Entschlossenheit aus- und ein-
atmend über einem nachdenklich
verwunderten Strichmund.

***

Du

Nur noch in meiner Erinnerung
lebendig in der tiefsten
Abgeschiedenheit meines Seins

Dort und nicht hier wo ich
dich bräuchte
länger als einen Augenblick
kraftvoll wie eine starke Hand
die eine schwache umschließt
und wärmt stattdessen bleiben
meine Hände kalt während es
tief in meinem Innern brennt.

***

IM TRAUM WAR ICH WEISS

Schwarz gab es zunächst noch nicht, nur bunte Farben rund um mich. Ich lebte in den Tag hinein und fühlte mich federleicht in meinem frischen, weißen Kleid. Es hob mich ab von allem, was mich umgab, ein bisschen so, als schwebte ich ein paar Zentimeter über dem Boden. Durch bunte Sommerwiesen streifte ich und durch dunkle Wälder, ich schlenderte über gleißende Plätze und ging durch schattige Gässchen. Müßig wie ein Sommergast, bewegte ich mich in einer wunderschönen bunten Welt, arglos und voller Zuversicht, dabei ohne Auftrag und ohne Verpflichtungen. Nichts war von Belang, alles durfte so sein, wie es war, und alles war gut so. Ein Paradies voller lauter und leiser Farben rund um mich, in Licht und Schatten getaucht, je nach Ort und Zeit.

Bis dass die Sonne unterging, das Leuchten der Farben in der Dämmerung verblasste und mit dem Aufkommen der Dunkelheit auf einmal Schwarz auftauchte, seinen Mantel über alles breitete, und die Farben unter sich erstickte. Selbst von meinem weißen Kleid blieb nichts weiter übrig als ein grauer Schleier.

Schwarz, der unheimliche Gegenpart von Weiß. – Wir seien uns ähnlich, bei aller Verschiedenheit, heißt es. Beide seien wir kalt und verloren auf uns selbst gestellt. Nichts alltäglich Buntes hafte uns an. Einnehmend seien wir auf Distanz. Wie ein Sog verschlucke Schwarz alles, was Farbe habe, während Weiß alle Farben überstrahle. Unerklärlich Schwarz und Weiß, sagen sie. Und beide vereint seien wir nichts, nur einfach grau. Weder Farbe noch Nichtfarbe, dabei undurchsichtig wie der Nebel. Der Urnebel, das Chaos.

***

Tsunami

Unterschwellig wälzt unaufhaltsam
die Flutwelle Richtung Land
aus der Eruption geboren
rollt sie aus eigener Kraft heran

Wild tanzt die Gischt auf ihrem
Kamm ein unbesiegbar wildes
Gespann es macht vor keinem
Ufer halt wo es sich aufbäumt
und alles unter sich zermalmt.

***

Blick in die Wendeltreppe des Turms
Sagrada Familia

Riesenhaft aus dem Dunkel
windet sich träg ein versteinertes Reptil
die Wendeltreppe um ihre Mitte
Kreis um Kreis in die Höhe sich
verjüngend um einen irisblauen Fleck
der luftig mir entgegen schimmert
um auf einmal unversehens
spurlos zu verschwinden

Blinzle ich mit den Augen wandelt sich
mir das bedrohliche Reptil in eine
drehende Turbine um diesen himmlisch
blauen Fleck aus dessen Tiefe still
und freundlich das Auge Gaudís
magisch mir entgegen blickt.

***

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 108
ISBN: 978-3-99038-729-0
Erscheinungsdatum: 29.01.2015
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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EUR 10,99

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