Lyrik & Dramatik

Das zerbrochene Steckenpferd

Myrtha Kuni

Das zerbrochene Steckenpferd

Roman

Leseprobe:

Prolog

Lisa hatte von klein auf vor nichts Angst. Auf den Wanderungen im Passwanggebiet zogen sie die steil abfallenden Felsen wie Magnete an. Dem Grat entlang setzte sie jeweils ihre kleinen Füßchen an die äußersten Kanten, was ihren Eltern Schrecken und Entsetzen verursachte. Großen Hunden wich sie nie aus, und kein noch so bedrohliches Pferd mit nach hinten gelegten Ohren hielt sie davon ab, es zu streicheln, auch wenn sie sich für die Berührung der Flanken auf die Zehenspitzen stellen musste. Nein, Angst kannte Lisa nicht. Es gab nur zwei Ausnahmen. Vor Krebsen und Gespenstern hatte sie entsetzlich Schiss.

Lisa besuchte ihre Großmutter Anna Berger bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Die ältere Dame wohnte an derselben Straße ein paar hundert Meter von Lisas Heim entfernt. Mit dem Schuleintritt wurden die Mittwochnachmittage zum wiederkehrenden Highlight der Woche. Großmutter Berger empfing ihre Enkelin jedes Mal mit den Worten: „Komm mein Schätzchen, bring Sonnenschein herein.“ Meistens durfte Lisa zwischen etwas unternehmen oder faulenzen wählen. Im gemütlich eingerichteten Wohnzimmer ergoss sich aus dem Radiolautsprecher fast pausenlos ein Klangvorhang mit vorwiegend deutschen Schlagern. Südwestfunk Eins war nämlich Großmutters bevorzugte Programm. Abends um halb sechs wurde eine Kinderstunde mit Hörspielen, Märchenerzählungen oder interessanten Reportagen ausgestrahlt. Dann setzte sich Lisa vor das Radio und lauschte gebannt den Geschichten, die ihr via Äther zugetragen wurden. Im Nachbarhaus von Großmutter Berger waren zwei Knaben daheim. Leo ging mit Lisa in dieselbe Klasse und sein Bruder Thomas war zwei Jahre älter. Diese beiden Jungs durften oft mit ihr zusammen in Großmamas Stube die Kinderstunde genießen.

Die Programmansage kündete eine Gespenstergeschichte mit wöchentlichen Fortsetzungen an. Das Thema passte ideal zum düsteren Herbsttag. Lisa und Leo saßen auf dem Sofa, Thomas in einem Fauteuil. Die sonore Stimme des Erzählers leitete die erste Folge ein:

Familie Brown ist nachts in einem alten Auto irgendwo in einer unwirtlichen englischen Landschaft unterwegs. Plötzlich beginnt der Motor zu stottern, und das Auto bleibt mit einem Ruck stehen. Mister Brown gelingt es nicht, das Gefährt wieder zu starten.
„Es hilft nichts. Wir müssen zu Fuß weiter“, sagt er und bittet seine Frau und die beiden Töchter auszusteigen. Es ist stockdunkel, und die enge Straße wird von den großen Waldbäumen eingerahmt, als führe eine Allee direkt in die Unterwelt.
„Guck, Paps, dort vorne schimmert ein Licht“, ruft eine verängstigte Tochter hoffnungsvoll aus. Immer das flackernde Licht als Wegweiser vor Augen marschiert Mister Brown der kleinen Gruppe voran und schlägt bei einer Abzweigung einen schmalen Pfad ein. Das Licht entpuppt sich als Leuchtreklame. An einem stattlichen dreistöckigen Haus strahlen die großen Lettern HOTEL SUMMERSET der gestrandeten Familie ein Willkommen entgegen. Bei zahlreichen Fenstern fällt durch schmale Spalten der gezogenen Vorhänge spärlicher Lampenschein.

Lisa stupste Leo an: „Das ist ja echt gruselig, findest du nicht?“ Leo nickte nur und Thomas zischte: „Psst, ich verstehe nichts.“ Die Kinder hörten dem Erzähler weiter zu.

Mister Brown öffnet die große Eingangstüre, deren obere Hälfte mit dicken ziselierten Glasscheiben ausgefüllt ist, und tritt ins Hotelfoyer ein. Ihm folgen Frau und Töchter, denen die Erleichterung ins Gesicht geschrieben ist. Sie treffen auf etliche Gäste und Mitarbeiter, die entweder schlendernd oder zielstrebig die Halle durchschreiten. Misses Brown flüstert ihrem Mann zu: „Die sind ja angezogen wie vor mindestens fünfzig Jahren. Und sieh nur die seltsamen Frisuren der Ladys. Ist hier wohl eine Party mit Kleidervorschriften im Gange?“ Mister Brown geht zum Rezeptionisten, der einen schwarzen Nadelstreifenanzug, ein Gilet und ein weißes Hemd mit Stehkragen trägt.
„Haben Sie noch ein Zimmer frei?“
„Aber selbstverständlich, mein Herr. Eine Suite mit Bad steht Ihnen zur Verfügung. Sind Sie mit dem Wagen angereist? Ich lasse ihn auf einen Parkplatz fahren.“
„Wir sind zu Fuß gekommen. Unser Wagen gab nicht weit von hier den Geist auf. Bestimmt gibt es in der Nähe eine Autowerkstatt. Ich wäre Ihnen zu Dank verpflichtet, wenn Sie mir die Adresse geben könnten, damit ich gleich morgen früh anrufen kann.“
„Ja, natürlich gibt es eine Werkstatt im nächsten Dorf. Es ist zwar eine Huf- und Wagenschmiede. Aber soviel ich weiß, reparieren sie auch Motorfahrzeuge. Telefonieren geht leider nicht. Unser Haus verfügt nämlich noch nicht über einen Telefonanschluss. Sie müssen persönlich vorbeigehen.“
„Das gibt es doch nicht! Ein Hotel ohne Telefon! Auf welchem Planeten sind wir denn gelandet?“ Mister Brown ist entsetzt.
Die vier Gestrandeten beziehen die Suite. Die Mädchen können es kaum fassen, dass sie in Himmelbetten schlafen dürfen. Schnell deponieren alle ihr Handgepäck und gehen in den feudalen Saal, wo ein üppiges Mahl auf sie wartet.

Am nächsten Morgen macht sich Mister Brown auf den Weg ins nahegelegene Dorf. Er marschiert zügig den schmalen Pfad entlang, biegt auf die Hauptstraße ein und erreicht die ersten Häuser nach knapp zwei Kilometern. Froh darüber, dass die Angaben des Hotelangestellten stimmen, lenkt er seine Schritte der Werkstatt entgegen, dessen Firmenschild er schon von weitem lesen kann. Auf dem Vorplatz muss er an ein paar Autos vorbeizirkeln, die entweder mit Preisschildern versehen sind oder zur Reparatur dastehen. Ein Mechaniker in dunkelblauem Overall öffnet Mister Brown die Servicetür des großen Schiebetors zur Werkstatt.
„Guten Tag. Mit was kann ich dienen?“
Mister Brown tritt ein. „Ich hatte gestern Abend eine Panne mit meinem Wagen. Der Motor blockierte wie aus heiterem Himmel und macht keinen Wank mehr. Können Sie mich abschleppen oder gar an Ort und Stelle nachsehen, was ihm fehlt?“
„Kein Problem. Wo steht er denn?“
„Ich würde sagen, etwa drei Kilometer von hier.“ Mister Brown sieht sich um und fragt den Mechaniker: „Sie haben hoffentlich Zeit und müssen nicht etwa ein paar Pferde beschlagen? Ich sehe zwar nirgends eine Esse oder Amboss stehen.“ Mister Brown lächelt dem Mechaniker unsicher entgegen. Dieser wiederum fragt irritiert: „Esse, Amboss, Pferde? Sie sind wohl ein kleiner Scherzbold, was? Sehe ich aus wie ein Hufschmied?“
„Ja, ist das denn keine Huf- und Wagenschmiede? Man hat mich jedenfalls so informiert.“
„Wer sagt so was?“
„Der Rezeptionist vom Hotel Summerset.“
Der Mechaniker zieht seine Baseballmütze ab und kratzt sich in den Haaren. Mit Schwung setzt er seine Mütze wieder auf und blickt Mister Brown aufmerksam, wenn nicht sogar misstrauisch an. „Sagen Sie mal, Mister …“
„Brown. George Brown. Entschuldigen Sie, dass ich mich nicht vorgestellt habe.“
„Also Mister Brown. Wo genau steht Ihre Karre und seit wann liegt sie flach?“
„Wie gesagt, ungefähr drei Kilometer westlich von hier. Gestern kurz vor zwanzig Uhr machte der Motor mitten in einem langen Waldstück schlapp. Zusammen mit meiner Frau und unseren Töchtern machte ich mich dann zu Fuß auf die Suche nach einer Ortschaft und fand stattdessen das Hotel Summerset, wo man uns ein auserlesenes Nachtessen servierte und eine Suite anbot.“
„Summerset? Sind Sie ganz sicher, dass das Hotel Summerset heißt?“
„Wenn ich es doch sage. Ja. Auf der Leuchtreklame steht jedenfalls dieser Name. Und auf den Stoffservietten ist er ebenfalls aufgestickt.“ Mister Brown hält mit Reden inne, studiert kurz und fährt fort: „Allerdings, wenn ich die Situation analysiere, handelt es sich um einen altertümlichen Kasten. Ein Telefon existiert jedenfalls nicht.“

Die spannende Geschichte wurde Lisa unerträglich. Sie rückte näher an Leo und fasste dessen Hand. Leo entzog sie jedoch unauffällig. Die Berührung war ihm unangenehm, und er hoffte, dass Thomas es nicht bemerkt hatte. Mit banger Aufmerksamkeit verfolgte Lisa das Hörspiel weiter.

Der Mechaniker verschränkt seine Arme. „Mister Brown, ich sage immer gerade heraus, was ich denke. Und ich denke jetzt, dass Sie entweder ein Gauner sind oder ein bisschen gaga.“
„Was unterstehen Sie sich?“
„Wie gesagt, ich rede nicht lange um den heißen Brei herum.“ Der Mechaniker geht zur Türe und bittet seinen Gast, die Werkstatt zu verlassen. „Das Hotel Summerset, mein Lieber, gibt es seit bald hundert Jahren nicht mehr. Die baufällige Ruine wird vom dichten Unterholz überwuchert. Kaum ein Mensch verirrt sich dorthin, weil es nämlich darin spukt. Der Legende nach hocken die Geister und Gespenster tagsüber in den Baumwipfeln, kommen nachts runter, schnappen sich die Menschen, die es wagen in ihre Nähe zu kommen, und verschleppen sie ins Innere des Lotterhauses. Bye-bye Mister Brown. Hoffentlich treffen Sie Ihre Frau und Töchter wieder in bester Gesundheit an. Wenn nicht, suchen Sie in den dichten Ästen der alten Bäume. Irgendein Gespenst kann Ihnen bestimmt weiterhelfen.“

Ein disharmonischer Dreiklang beendete die erste Folge des Hörspiels. Leo und Thomas dankten Großmutter Berger, dass sie die Kinderstunde hören durften. „Bist du nächste Woche wieder da, Lisa?“, fragte Thomas. „Mich würde schon noch interessieren, wie es mit den Geistern in den Bäumen weitergeht.“

Lisa half ihrer Großmutter beim Aufräumen der Gläser und Teller und verabschiedete sich ebenfalls. „Bis zum nächsten Mal, Großmama. Ganz bestimmt am kommenden Mittwoch. Hoffentlich träume ich nicht von den Gespenstern.“

Auf der Straße umhüllte Lisa eine herbstliche Düsterheit, die in ihr eine unbeschreibliche Furcht aufkeimen ließ. Zögerlich machte sie sich auf den Heimweg. Neben Leos und Thomas’ Haus stand ein großer, dicht belaubter Apfelbaum. Ein paar seiner Äste ragten bis zum Straßenrand. Zuerst verlangsamte Lisa ihre Schritte, doch dann nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und eilte dem düsteren Hindernis entgegen, um es so schnell wie möglich zu passieren. Eine kleine Bewegung einer kaum wahrnehmbaren Gestalt in der Baumkrone ließ Lisas Herzschlag stocken. Sie spürte, wie ihr Brustkorb eingeengt wurde, als stecke er in einem Schraubstock fest. Schreckgelähmt hielt sie den Atem an. „Ein Gespenst“, schoss es ihr durch den Kopf, „ein Gespenst vom Hotel Summerset.“ Sie begann zu rennen, und als sie genau neben dem Apfelbaum war, ertönte von hoch oben ein fürchterliches Grollen. Lisa schaute kurz hinauf und rannte dann der Heidenlochstraße entlang, so schnell, wie sie noch nie im Leben gerannt war. Das Gespenst, das sie im Baum entdeckt hatte, wurde immer wirklicher. In ihrem Hirn brannten sich die Umrisse einer riesigen grauen Gestalt mit überlangen Armen und weit aufgerissenen Augen und Mund ein. Halb tot vor Angst und Schrecken erreichte sie ihr Zuhause.

Tage später hatte sich Leo verplappert. Thomas hatte Lisa einen Streich gespielt. Er kletterte daher auf den Apfelbaum und lauerte Lisa auf.




Kapitel 1 – Lisa rennt 23 Jahre später

Blickpunkt Welt 2015:
IS-Terror
und Flüchtlingselend

Und wieder rennt Lisa wie damals, als sie als kleines Mädchen vor einer dunklen Bedrohung floh, die in ihr eine unbeschreibliche Furcht auslöste. Sie bleibt keuchend stehen und ringt mit rasselndem Atem nach Luft. Wie aus dem Nichts wird Lisa von einer Angst überwältigt, die die Beine hochkraxelt, sich am Rücken festkrallt, Atmung und Herzschlag noch mehr geißelt, so richtig Schiss, der den Schließmuskel zu lähmen droht. Trotzdem rennt Lisa wieder los in einem Tempo, das sie nicht mehr steigern kann, obwohl sie glaubt, um ihr Leben laufen zu müssen. Sie atmet derart heftig, dass den überbeanspruchten Lungen bereits ein pfeifendes Geräusch entweicht, und sie muss notgedrungen den forschen Laufschritt mäßigen. Sie fühlt sich beinahe am Ende ihrer Kräfte, wie kurz vor dem Ziel eines Straßenlaufs, bei dem es nur um eines geht, nämlich um den Sieg. Ruhig, sagt sie sich. Wenn schon fliehen, dann mit Logik. Ihr Ziel ist der nahe Waldrand im Gebiet Vogelsand, wo sie sich fürs Erste verstecken kann. Die Kräfte reichen, sie zählt die Schritte wie auf den letzten Kilometern bei ihrem ersten Basler Stadtlauf vor fast zehn Jahren. Eins – eins, zwei – eins, zwei, drei. Immer darauf bedacht, die Reihenfolge einzuhalten.

Lisa hat den Waldrand oberhalb der Kantonsstraße, die sich nach einer scharfen Rechtskurve in die Baselbieter Ortschaft Arisdorf zwängt, erreicht. Sie lehnt sich rücklings an einen Baum, wird nach und nach ruhiger und ihr Atem fließt wieder normal. Erst jetzt wird ihr klar, dass sie völlig unpassend angezogen ist. Sie wundert sich, dass sie unterwegs ihre Hausschuhe nicht verloren hat. Ein altes T-Shirt in verwaschenem Blau hängt wie ein feuchter Sack an ihrem schlanken, sportlichen Body. Die Jeans sind an beiden Hosenbeinen auf Höhe der Knie zerschlissen. Es ist nicht etwa eine neue Hose mit zahlreichen eingewobenen Schlissen, wie sie Teenager für teures Geld kaufen. Ihre Bluejeans ist alt und der Stoff vom vielen Tragen durchgescheuert. Sie dient gerade noch für Hausarbeiten oder einen Auslauf mit dem Hund.
Angestrengt schaut Lisa hinunter nach Arisdorf, zur Kirche, die wie ein Solitär erhaben auf einem Hügel steht, und widmet dann ihrem Haus besondere Aufmerksamkeit. Allerdings sind nur die Nordfassade und ein Teil des Daches sichtbar. Sie streicht sich eine Strähne dunkelbraunes Haar von der schweißnassen Stirn und fixiert weiterhin ihr Heim. Nichts regt sich dort. Auch die Straße vom Dorf bis zum Waldrand, wo sie jetzt steht, ist menschenleer. Lisa wird nervös und ist unschlüssig, wie sie sich verhalten soll. Was jetzt? Fieberhaft sucht sie nach einer Lösung oder sogar auf ein Zeichen des Himmels, blickt dabei zum Horizont und betitelt sich in Gedanken sogleich als dumme Gans. Helfen kann nur sie sich selber, wird ihr bewusst. Wieder schaut sie in Richtung Dorf. Noch immer ist niemand zu sehen. Hie und da fährt ein Auto auf der Hauptstraße vorbei oder zweigt von dieser ab in Richtung Ringstraße. Plötzlich beschleichen Lisa Gewissensbisse, weil sie zugeschlagen hat und vor allem, weil sie die Nerven verlor. Das ist ihr bisher noch nie passiert. Immer hatte sie sich im Griff, bis heute. Allerdings ist sie überzeugt, dass sie sich nur verteidigt hat. Ein furchtbarer Gedanke keimt auf, nämlich dass sie John erschlagen haben könnte. Am Ende ihres handgreiflichen Streits lag er nämlich zusammengesackt und bewegungslos vor ihr auf dem Küchenboden. Von der Stirn bis zum rechten Ohr zog langsam eine dünne Blutspur ihre Bahn. Bei diesem Anblick ist Lisa irr vor Schreck planlos zum Haus hinausgerannt.

Jessy! An ihre Collie Hündin hatte sie in ihrem panischen Fliehen nicht mehr gedacht und sie im Hause zurückgelassen. Lisa fährt sich mit der Hand hektisch über die Stirn, als könnte sie etwas Belastendes wegwischen. Sie löst sich vom Baumstamm und begibt sich auf den Heimweg, so gut es geht immer ihr Haus im Auge behaltend.

Lisa öffnet leise die Haustüre. Sie ist nervlich derart angespannt, dass sie beim Ertönen des einschnappenden Schlosses zusammenzuckt. „Jessy“, ruft Lisa leise im Korridor und flüstert nochmals: „Jessy, komm her.“ Nichts bewegt sich in der Wohnung. Mit weichen Knien geht Lisa in Richtung Küche. Die Türe steht offen. Sie hält sich mit einer Hand am Türrahmen fest und beugt den Kopf vor, um freie Sicht zum Küchentisch zu haben. Vor der Kombination liegen der Staubsauger und daneben das abgetrennte Rohr mit Saugdüse. Keine Spur von John. Noch vor einer halben Stunde lag er auf dem Steinboden mit einer klaffenden Wunde am Haaransatz.




Kapitel 2 – Lisa versucht

Blickpunkt Welt 2015:
Absturz Airbus A 320 Germanwings
und FIFA-Skandal

Lisa war gerade beim Staubsaugen, als John in die Küche trat. Minuten vorher war ihr ein Sack Polenta hinuntergefallen und aufgeplatzt. Sie musste den verstreuten Mais unbedingt aufnehmen, bevor er in die ganze Wohnung verschleppt wurde. Wie meistens am Wochenende kam John im Freizeitlook daher. Jeans, Jeanshemd und Joggingschuhe gehörten zu seinem liebsten Outfit. Der großgewachsene, schlanke Mann war muskulös und durchtrainiert. Die etwas zu langen dunkelbraunen gewellten Haare passten nicht so recht zur sportlichen Erscheinung.

Von Lisa unbemerkt ging John zum Kühlschrank, öffnete die Türe und entnahm dem schmalen Innenfach eine Flasche Bier, die zwischen Milch und Mineralwasser stand. Auf dem mittleren Fach entdeckte er in Folien verpackte Salamischeiben. Er rümpfte die Nase und schob sie nach hinten. Dafür nahm er eine noch nicht angeschnittene kleine Nostrano Salami vom oberen Fach, las aufmerksam die Etikette und legte sie neben den Spültrog. Er wollte die Kühlschranktüre schließen, hielt inne, weil er bemerkte, dass die Milch im Tetrapack, das Mineralwasser sowie die angefangene Flasche Weißwein in ungewohnter Reihenfolge dastanden. Mineralwasser, Weinflasche, Milchpack und Bierflasche. So hätten die Getränke nebeneinander stehen müssen! Und zwar links beginnend. John knallte die Türe zu und erschreckte Lisa mit der Detonation aufs Heftigste. Die Collie Hündin Jessy, die wie üblich in ihrem Korb lag, erhob sich und schlich mit eingeklemmter Rute zur Küche raus. Lisa stellte den Staubsauger ab und fauchte John an: „Was zum Teufel soll der Auftritt? Bist du meschugge, oder was?“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 186
ISBN: 978-3-903155-98-5
Erscheinungsdatum: 26.11.2018
EUR 17,90
EUR 10,99

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