Lyrik & Dramatik

Das Haus in den Dünen

Eva Weisz

Das Haus in den Dünen

Eine Geschichte über die Liebe

Leseprobe:

Vita saß in einer flachen Mulde in den Dünen. Ihr Blick war in die Ferne auf einen unsichtbaren Horizont gerichtet. Unter ihr tobte der Atlantik. Der Novembersturm türmte die schiefergrauen Wassermassen zu meterhohen Wellenbergen, die mit dem bleiernen Himmel verschmolzen. Das Donnern der schäumenden Brandung, deren Gischt bis in die Dünen heraufsprang, übertönte sogar das Kreischen der Möwen. Lautlos zogen sie enge Kreise über dem schmalen Strandstreifen und stürzten sich auf die Fische hinunter, die das Meer ausspie und zappelnd im Sand zurückließ. Sie mussten sich beeilen, weil schon die nächste Woge ihnen die Beute wieder entriss. Vitas Gedanken taumelten wie die Vögel über den Wellen, fanden keinen Halt. Einer der eleganten Segler ließ sich für einen Augenblick auf der Kuppe der Düne neben Vita nieder und riss sie mit seinem durchdringenden Schrei in die Gegenwart zurück. Jetzt erst spürte sie die Tränen auf ihren Wangen und die Kälte, die langsam in ihr hochkroch. Der Wind fegte Schleier aus Wasser und Sand über ihren Kopf hinweg. Sie erschauerte, war aber unfähig, sich zu bewegen. Wie magisch hielt die bizarre Landschaft aus Sand und Wasser, die ihr immer Zuflucht und Trost gewesen war, sie gefangen. Verzweifelt schrie sie Roberts Namen gegen den Sturm, doch der riss den Ruf von ihren Lippen und trug ihn mit dem der Möwe hinaus aufs Meer. Sie barg ihren Kopf zwischen den Armen, die ihre angewinkelten Knie umschlungen hielten.
Erst vor drei Tagen war sie wieder an diesen idyllischen einsamen Ort an der Ostküste Englands zurückgekehrt, an dem sie so viele schöne Stunden in so vielen Jahren verbracht hatte. Gestern hatten Malcolm und sie sich von Robert in der romanischen Kathedrale von Norwich, die er so geliebt hatte, verabschiedet. Sie waren die einzigen Trauergäste gewesen. Nicht einmal der Tod konnte die Mauern der Intoleranz einreißen, die das Leben errichtet hatte.
Heute Morgen hatten sie die Urne an Roberts Lieblingsplatz in seinem kleinen Garten zwischen den Dünen begraben, Steine an der Stelle angehäuft und ein schlichtes Holzkreuz aufgestellt. Mittags hatten sie nur ein Thunfischsandwich gegessen, keiner von ihnen hatte Appetit gehabt. Während Malcolm sein Nickerchen gemacht hatte, war Vita in die Dünen gewandert.
„Nicht einmal David ist gekommen“, dachte sie bitter. Roberts Sohn aus einer lange zurückliegenden Ehe war inzwischen über vierzig und alt genug, um mit seinem Vater Frieden zu schließen. So, wie Liebe über den Tod hinaus bestehen konnte, so war es wohl auch mit Hass. Dass Roberts Exfrau ihm auch nach so vielen Jahren nicht vergeben hatte, war vielleicht noch nachzuvollziehen, auch wenn Vita es nicht verstehen konnte. Aber David war damals noch ein Kind gewesen, und es hatte ihm nie an etwas gefehlt. Robert hatte seine Familie immer großzügig unterstützt, auch wenn er eine andere Lebensform für sich gewählt hatte. Er hatte David das Studium in Cambridge ermöglicht, ihm später eine Wohnung in London geschenkt und ihn immer wieder zu sich eingeladen. David hatte zwar das Geld seines Vaters genommen, aber jeden Versuch einer Aussprache oder gar Versöhnung abgeblockt. Er hatte auch nicht auf Roberts Briefe reagiert, als er längst erwachsen war. Vita erinnerte sich an eine grässliche Szene. David war damals etwa fünfzehn gewesen. Sie war mit Robert zu Davids Schulabschlussfeier gefahren. Er wollte seinem Sohn gratulieren. Dieser aber beschimpfte seinen Vater vor allen Leuten als widerliche Schwuchtel und ließ ihn einfach stehen. Nie würde sie den Schmerz in Roberts Augen vergessen. Zeit seines Lebens saß dieser Stachel tief in seinem Herzen, obwohl er die Entscheidung nie bereut hatte, seine Liebe zu Malcolm zu leben. Die beiden Männer verband neben allem anderen eine tiefe Freundschaft und Seelenverwandtschaft, in die Vita seit jenem ersten gemeinsamen Sommer auf besondere Weise eingebunden gewesen war.

Vita belegte an der University of East Anglia in Norwich einen zweimonatigen Sommerkurs für englische Literatur. Acht Jahre zuvor war sie zum ersten Mal hier gewesen und hatte sich sofort in die mittelalterliche Stadt verliebt. Damals war sie bei Freunden ihrer Eltern als eine Art Haushaltshilfe im Badeort Great Yarmouth tätig gewesen, hatte aber viel Freizeit gehabt. Sie liebte es, mit Sandy, dem semmelfarbenen Labrador der Familie, stundenlang in den Dünen zu wandern, zur großen Freude des Hundes. Abschließend gönnten sie sich immer eine große Portion „Fish & Chips“, die sie einhellig gemeinsam aus dem Zeitungspapier verspeisten. „Das gibt es heute auch nicht mehr“, dachte Vita wehmütig. Die traditionelle Speise der Engländer wurde neuerdings auf hygienischen Plastiktellern serviert.
An ihren freien Sonntagen war sie fast immer die kurze Strecke mit dem Zug nach Norwich gefahren, wo ihre Brieffreundin lebte. Im Jahr darauf war sie wiedergekommen, doch dann starb ihre Gastgeberin an Krebs, und das Gästehaus wurde geschlossen. Die Eltern ihrer Brieffreundin luden sie ein, den Sommer nach der Matura bei ihnen zu verbringen, was sich die nächsten drei Jahre wiederholte, bis Wendy heiratete und nach Australien zog.
Der Sommerkurs war nun ein willkommener Anlass gewesen, nach vier Jahren wieder hierher zurückzukommen. Da sie auf dem Campus wohnte, nutzte sie vor allem die Abendstunden, um die Bibliothek zu besuchen. Um diese Zeit war sie meist allein im Lesesaal. Ihre Kommilitonen zogen es vor, durch die Pubs der malerischen Altstadt zu ziehen. An diesem Abend war sie gerade in Dickens‘ „The Old Curiosity Shop“ vertieft, als jemand sie leise ansprach.
„Das ist auch mein Lieblingsbuch von Dickens“, sagte eine tiefe, angenehme Stimme hinter ihr. Der Mann, dem sie gehörte, war groß und blond und sah nett aus. Er hatte freundliche, graublaue Augen und ein offenes, gewinnendes Lächeln.
„Ich stöbere nämlich selbst gerne durch solche Läden. Mein Name ist Robert Cresham“, stellte er sich formvollendet vor. „Ich unterrichte Geschichte und Kunstgeschichte hier am Institut. Darf ich fragen, wer Sie sind? Ich habe Sie hier noch nie gesehen.“
„Ich besuche hier einen Sommerkurs für englische Literatur. Mein Name ist Vita Winter.“
„Wie Vita Sackville-West. Kennen Sie sie?“
„Ich habe mehrere Gedichte von ihr und ihre Biografie gelesen. Mein Vater verehrte sie. Er war Gymnasiallehrer für Englisch und Latein. Deshalb Vita, das Leben.“
„Er ist sicher ein sehr gebildeter Mann.“
„Das war er. Er ist letztes Jahr gestorben. Herzinfarkt.“
„Das tut mir leid. Woher kommen Sie?“
„Ich komme aus Salzburg in Österreich, lebe und studiere aber derzeit in Wien.“
„Und was studieren Sie?“
„Ich studiere Anglistik und Kunstgeschichte in Wien. Dieser Kurs war an der Universität ausgeschrieben und hat mich interessiert.“
„Wie ich sehe, nehmen Sie das Studium ernst. Darf ich Sie trotzdem auf ein Bier einladen? Wir könnten uns ein wenig über unser gemeinsames Fach unterhalten.“
„Gerne“, sagte Vita spontan zu und packte ihre Sachen zusammen. Der Professor war ihr auf Anhieb sympathisch. Es würde bestimmt ein interessanter und unterhaltsamer Abend werden. Sie mochte gebildete Männer mit guten Umgangsformen.
Das „Sheperd’s Inn“ lag nur wenige Schritte vom Campus entfernt. Am Tresen sah sie einige ihrer Kommilitonen, doch der Professor blickte sich kurz um und steuerte dann einen Tisch in einer Nische am Fenster an. Als sie näherkamen, erhob sich ein etwas älterer Herr in typisch englischem Tweed und begrüßte sie. Er sah aus wie ein Landedelmann, der er auch war, wie Vita später erfahren sollte. Malcolm Lanley, wie er sich vorstellte, hatte feine, aristokratische Gesichtszüge, warme braune Augen und sprach ein gewähltes Englisch, wie es nur in der Oberschicht vorkam. Er war ebenfalls Professor an der Universität und unterrichtete Altgriechisch, Geschichte und Literaturgeschichte. Vita reichte ihm lächelnd die Hand und freute sich nun noch mehr auf einen vielversprechenden Abend.
„Es freut mich sehr“, sagte sie und hatte keine Ahnung, wie bezaubernd ihr offenes Lächeln auf ihr Gegenüber wirkte.
„Mich auch“, erwiderte Malcolm Lanley und lachte ein leises, angenehmes Lachen, das die Fältchen um seine Augen vertiefte.
Robert hatte inzwischen Bier geholt, und rasch entspann sich ein angeregtes Gespräch.
„Welcher Bereich der Kunstgeschichte interessiert Sie besonders? Gibt es eine Epoche, die Sie bevorzugen?“, fragte Professor Cresham interessiert.
„Ich habe meine Diplomarbeit über die Florentinische Schule geschrieben. Derzeit arbeite ich an meiner Doktorarbeit. Ich versuche darin, die Bedeutung der Medici für die italienische Kunst der Renaissance im Kontext zur Geschichte und der gesellschaftlichen Entwicklung jener Zeit darzustellen. Ein Aspekt ist dabei auch der Einfluss auf die Kunst nachfolgender Epochen.“
„Ein sehr spannendes, aber auch ungeheuer komplexes Thema“, sagte Robert Cresham anerkennend. „Ich bin wirklich beeindruckt. Wenn ich Ihnen helfen kann, lassen Sie es mich wissen. Es wäre mir eine Freude.“
„Ich könnte Sie beim Wort nehmen“, lachte Vita.
„Das hoffe ich“, erwiderte Professor Cresham, ebenfalls lachend.
„Wie sind Sie gerade auf Norwich gekommen, um hier englische Literatur zu hören?“, erkundigte sich nun Malcolm Lanley.
„Ich war schon früher mehrmals hier und wollte alles wieder einmal sehen.“ Sie erzählte launig ihre Geschichte vom Zusammentreffen mit ihrer Brieffreundin und den lustigen Streichen, die sie ausgeheckt hatten. „Einmal, wir hatten mit der Familie einen Ausflug nach London gemacht, haben wir uns bei Harrod’s in der Parfümerieabteilung mit so vielen Duftproben einsprühen lassen, dass uns kein Taxi mehr mitnahm. In der Metro von Knightsbridge zum Euston Square rümpften die Menschen indigniert die Nasen. Wir waren heilfroh, endlich aus dem Zug zu kommen. Ich kann mir gut vorstellen, wie erleichtert erst die anderen Fahrgäste waren. Wir liefen kichernd durch zum Universitätscampus, wo wir wohnten. Dort allerdings verging uns das Lachen nach einem gewaltigen Donnerwetter von Wendys Mutter.“
„Sie haben auf dem Campus gewohnt? Das ist außergewöhnlich. Waren Sie inskribiert?“
„Nein. Der Vater meiner Brieffreundin war auch Professor hier an der East Anglia, bevor er nach London ging. Damals traf er bereits die Vorbereitungen für seinen Umzug. Vielleicht kannten Sie ihn? Sein Name ist William Newton.“
„Oh!“, rief Malcolm. „Natürlich kennen wir William. Dann war Ihre Brieffreundin Wendy wohl seine Tochter?“
„Genau. Wir haben uns seit unserem zehnten Lebensjahr geschrieben und sind immer noch befreundet. Ich habe sie erst vor zwei Jahren in Melbourne besucht.“
„Was ist aus ihr geworden? Sie war ein freches, aber reizendes Mädchen. Ich erinnere mich an ihren dunklen Lockenkopf und ihre Sommersprossen.“
„Sie ist immer noch so, aber inzwischen schon Mutter von zwei süßen Zwillingsmädchen.“
„William war bei den Studenten hier ebenso beliebt wie gefürchtet. Er war zwar gerecht, aber auch sehr streng.“
„Ich weiß, wie streng er war“, seufzte Vita. „Ich musste jeden Morgen um acht die Nachrichten auf BBC hören und sie dann abends mit eigenen Worten wiedergeben. In jeder freien Minute hat er mir Vorträge über die Unterschiede zwischen Englisch und Amerikanisch gehalten und unermüdlich meine Aussprache korrigiert.“
„Das klingt ganz nach William. Sie Ärmste!“
„So schlimm war es nicht, und ich habe viel von ihm gelernt. Nicht nur die Sprache. Ich bin ihm wirklich sehr dankbar.“
„Deshalb ihre exzellente Aussprache. Sie sind übrigens sehr reif für Ihre Jugend“, meinte Malcolm anerkennend. „Es ist eine große Freude, sich mit Ihnen zu unterhalten. Was meinst du, Robert?“
„Deshalb habe ich sie mitgebracht. Als ich sie in der Bibliothek über Dickens angetroffen habe, wusste ich sofort, dass sie eine bemerkenswerte junge Dame ist. In ihrem Alter hätte ich eher Jane Austin erwartet.“
„Welche unserer englischen Literaten mögen Sie denn noch?“
„Allen voran Lord Tennyson, Dickens natürlich wegen seiner sehr eindringlichen Schilderungen seiner Zeit und der meisterhaften Zeichnung der Charaktere. Ich schätze aber auch Byron oder meine Namensvetterin Vita Sackville-West und Virginia Woolfe.“
„Also eher die lyrische Seite?“
„Nein, obwohl ich Gedichte sehr mag. Ich bin ganz allgemein ein Bücherwurm und lese alles, was mir in die Hände kommt. Das habe ich von meinem Vater.“
„Und wie unterscheiden Sie gute von schlechter Literatur?“
„Das ist nicht immer ganz einfach. Bei Gedichten hilft mir, dass ich in der Schule Lateinunterricht hatte und so ein bisschen etwas von Versmaßen verstehe. Allerdings gibt es auch Gedichte, die sich an keine klassischen Regeln halten und dennoch durch die eindringliche Sprache einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.“
Malcolm nickte kaum merklich zu Vitas Ausführungen, sagte jedoch nichts.
„Bei Prosa ist es nicht ganz so einfach. Wer beurteilt, ob etwas gut oder schlecht ist? Natürlich spielt das Niveau des sprachlichen Ausdrucks eine Rolle, aber der Rest ist sehr individuell. Was dem Einen gefällt, muss der Andere nicht mögen. Ich glaube auch, dass jeder Schriftsteller bemüht ist, ein gutes Werk zu schaffen. Sonst würde sich doch die Mühe gar nicht lohnen.“
Robert und Malcolm sahen sie lange an, nachdem sie geendet hatte. Alles, was sie sagte, hatte Hand und Fuß, nichts war aufgesetzt oder auswendig gelernt. Die junge Frau hatte nicht nur ein erfrischend herzliches Wesen, sondern auch eine eigene Meinung, die sie leidenschaftlich vertrat.
„Sehr bemerkenswert, in der Tat“, sagte Malcolm schließlich anerkennend. „Ich glaube, du hast heute Abend einen richtigen Schatz gefunden“, setzte er an Robert gewandt fort und lächelte dann wieder Vita an. „Würden Sie zwei alten Herren gelegentlich die Freude Ihrer bezaubernden Gesellschaft machen, wenn es Ihre Zeit erlaubt?“
An diesem Abend begann eine Freundschaft, die ein Leben lang halten sollte.

Vita riss sich aus ihren Erinnerungen. Trotz des dicken Shetlandpullis und der Daunenjacke fror sie mittlerweile erbärmlich. Außerdem setzte bereits die Dämmerung ein, obwohl es an diesem Tag ohnehin nie richtig hell geworden war. Sie stapfte die Dünen hinauf nach Hause. Ein warmes Licht aus dem Küchenfenster hieß sie willkommen. Sie ging am Haus vorbei und zur Vordertür. Mit ihr wehte ein kalter Luftzug in den Flur. Rasch schloss sie die Tür hinter sich, ehe der Sturm sie ihr aus der Hand reißen konnte.
„Mal?“, rief sie, während sie sich aus Jacke und Stiefeln schälte.
„Ich bin in der Küche. Ich dachte, du könntest eine schöne Tasse Tee gebrauchen.“
„Du bist ein Schatz“, sagte sie liebevoll und legte ihre Arme von hinten um ihn. Der Duft von Bergamotte mischte sich mit dem seines Rasierwassers. Malcolm drehte sich um und hielt sie fest. Vita legte ihren Kopf an seine Brust. Sie brauchten keine Worte, um ihre Trauer auszudrücken. Sie hatten Robert beide geliebt, jeder auf seine Weise, und er fehlte ihnen unendlich. Sein tiefes Lachen würde nie wieder durch dieses Haus schallen. Sein schwarzer Humor sie nie wieder zum Lachen und sein Chaos sie nie mehr zur Verzweiflung bringen.
Sie setzten sich mit ihren Teetassen an den Küchentisch. Vita wärmte ihre Hände an dem feinen Porzellan. Still saßen sie nebeneinander. Die Kaminuhr im Wohnzimmer tickte die Sekunden weg. Sie schien Vita lauter, als sie sie je gehört hatte.
„Ich bin sehr froh, dass du heute bei mir bist“, sagte Malcolm nach einer Weile. „Ich wüsste nicht, was ich ohne dich machen würde.“
„Ach, Mal, ich könnte an diesem Tag nirgendwo sonst sein, als hier bei dir. Es ist auch für mich ein Trost, dich um mich zu haben. Wir haben so viele wundervolle Stunden hier zusammen verbracht, Robert, du und ich.“
„Ja, das haben wir“, lächelte Malcolm versonnen. „Es waren trotz allem wirklich schöne Jahre. Du hast dich nie an unserer Lebensweise gestoßen, hast immer, wenn du da warst, eine Atmosphäre der Fröhlichkeit und Wärme geschaffen. Du warst die Freude unseres Lebens, und für mich bist du das noch. Ich werde dir nie vergessen, dass du in diesen Stunden einem alten Mann Gesellschaft leistest.“
„Ich habe dich sehr lieb“, lächelte Vita. „Vorhin, draußen in den Dünen, habe ich an unsere erste Begegnung gedacht. Erinnerst du dich?“
„Wie sollte ich das vergessen haben? Es war im ‚Sheperd’s‘, und Robert hatte dich mitgebracht. Er hatte immer ein gutes Auge für Menschen.“
„Er war selbst ein guter Mensch“, sagte Vita nachdenklich, „das habe ich vom ersten Moment an gespürt. Und dich mochte ich auch vom Anfang an. Es war so ein wunderbarer Abend damals. Vielleicht habe ich da schon gespürt, wie viel Liebe ihr zu geben hattet.“
„Du bist es, die uns ihre Liebe vorbehaltlos geschenkt hat.“ Malcolms Blick war in die Ferne gerichtet. „Erinnerst du dich noch, wie du Robert die Physalis geschickt hast? Mit tausend Pfund hättest du ihm keine größere Freude machen können.“
„Wir waren damals durch die Dörfer gefahren, und er kaufte Silbertaler, aber nirgends gab es Physalis. ‚Zu Silbertalern gehört Physalis‘, hatte er gesagt und war richtig geknickt. Bei mir im Garten wuchsen sie in rauen Mengen, also habe ich ihm spontan welche geschickt“, lachte Vita leise. „Er hat mich sofort angerufen, als sie ankamen.“
Auch Malcolm lächelte in Erinnerung. „Das war ein Riesenpaket, aber leicht wie eine Feder. Als wir es aufmachten, kamen erst einmal Lagen Watte zum Vorschein. Und dann lagen da weich eingebettet die zarten, roten Köpfchen. Sie waren alle unversehrt. Robert freute sich wie ein Kind.“
„Erinnerst du dich noch, wie ich Gulasch kochen wollte und das Fleisch nicht und nicht weich wurde? Wir haben es dann einem Bauern für die Schweine geschenkt.“
„Das war ein Spaß! Du hast gesagt, wir schneiden hier das Fleisch falsch in England. Im nächsten Jahr hast du Fleisch von zu Hause mitgebracht und durch den Zoll geschmuggelt. Wir haben nicht schlecht gestaunt, als du es hier ausgepackt hast.“
Er lachte herzlich, wurde jedoch gleich wieder ernst.
„Robert ist erst ein paar Stunden unter der Erde, und ich sitze hier und lache.“
„Hör zu, Malcolm, Robert hätte bestimmt nichts dagegen. Er hat immer gerne gelacht. Er würde sich freuen, dass wir an schöne Stunden mit ihm denken und lachen.“
„Du hast ja recht. Ich mache uns noch Tee.“
Tee, das englische Allheilmittel. Vita wusste, es war nur ein Vorwand. Malcolm kämpfte mit den Tränen. Mit dem Rücken zu ihr hantierte er geräuschvoll mit dem Teekessel. Vita stand leise auf und trat ans Fenster. Draußen herrschte undurchdringliche Finsternis, nur ein kleiner Fleck unter dem Fenster war vom Licht aus der Küche erhellt. Der Sturm heulte noch immer ums Haus und rüttelte an den Läden der Schiebefenster, das Donnern der Brandung war bis hier herauf zu hören. Es war, als wären selbst der Wind und das Meer darüber wütend, Abschied nehmen zu müssen von dem Mann, der beides so geliebt hatte. Einmal, als Robert mit zerzausten Haaren von einem langen Spaziergang zurückgekommen war, hatte Vita ihn mit Hemingways „Der Alte Mann und das Meer“ geneckt. Er hatte sie herumgewirbelt und freche Göre genannt. Damals war sie bereits über vierzig gewesen, aber er hatte sie bis zuletzt immer „mein Mädchen“ genannt.
Der Kessel pfiff, und Vita kehrte zum Tisch zurück. Malcolm goss den Tee auf. Sie tranken ihn schweigend. Es gab nichts mehr zu sagen. Nicht heute Abend.
„Bist du böse, wenn ich dich allein lasse? Ich spüre mein Alter und bin müde.“
Auch wenn Malcolm im nächsten Jahr achtzig wurde, wusste Vita, er wollte jetzt einfach nur allein sein.
„Geh nur, Liebling, ich bleibe auch nicht mehr allzu lange.“ Sanft legte sie ihre Hand auf seine knochigen Finger. „Schlaf gut“, sagte sie liebevoll zu dem alten Mann.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 178
ISBN: 978-3-99038-988-1
Erscheinungsdatum: 14.08.2014
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