Lyrik & Dramatik

Begegnung mit dem Leben

Stephan Tomat

Begegnung mit dem Leben

Leseprobe:

Vorwort

„Leben“: Wie viele Theologen, Autoren, Wissenschaftler – ob nun aus den Bereichen Naturwissenschaften, Sozial- und Geisteswissenschaften, klassischer Schulmedizin, der Psychologie, Psychoanalytik, Neurologie, Physik, Psychiatrie, Astrologie, Astronomie und Astrophysik, Evolutionstheorie, Paläontologie, Paläobotanik, Chemie und Biochemie et cetera befassen sich wohl permanent professionell mit dem Thema Leben? Und diese Aufzählung professioneller Beschäftigungsfelder mit dem Leben erhebt keinesfalls Anspruch auf Vollzähligkeit. Mit seiner Entstehung, den unterschiedlichsten Manifestationen seines Verlaufs bis hin zu Gründen und Formen seines Endes. Eben von der Wiege bis zur Bahre, wie der Volksmund sagt. Und warum? Teilweise ganz bewusst ein klares Ziel verfolgend, eine Theorie oder auch nur eine einzige These zu stützen, zu untermauern, ja sogar ultimativ wissenschaftlich zu belegen. Teilweise mit holistischeren Ansprüchen, die bis zur grundsätzlichen Frage unserer Existenz reichen. An dieser Stelle sei deutlich vermerkt, dass der ewige Wettstreit zwischen Religion und Wissenschaft im folgenden Werk gänzlich und bewusst nicht behandelt wird. Bei allen individuellen Unterschieden bezüglich Fachgebiet, Herangehensweise, Motivation, eigenen Grades an Involviertheit – die Liste an möglichen, wahrscheinlichen bis hin zu schlicht gemutmaßten Unterschieden der motivationalen Zugänge zur professionellen Auseinandersetzung mit dem Leben ist nicht nur unerschöpflich lang. Sie ist für das Anliegen dieses Buches auch nur auf den zweiten Blick relevant. Zunächst bleibt festzuhalten, dass sich alles auf unserer Welt um das Leben dreht, das Destillat unseres Seins. Obige Gruppe von Menschen verbringt ihr ganzes Leben damit, diese unserer aller „Hauptschlagader“ zu untersuchen, besser verstehen zu lernen und mehr oder weniger weitreichende Schlüsse für die Zukunft daraus zu ziehen. Der Autor nennt obige Gruppe von Frauen und Männern, die definitiv zumindest eines eint, nämlich ihr beruflicher Untersuchungsgegenstand, eben das Leben, die Gruppe der „professionell Distanzierten“.
Jeder Vertreter dieser Gruppe sieht sich der großen Herausforderung gegenüber, seinen wie auch immer motivierten und intendierten Zugang zu seinem Untersuchungsgegenstand, Forschungsgebiet oder einfach seiner Profession nicht mit Hilfe der Abstraktion von sich selbst erfolgreich distanzieren zu können – jeder von ihnen lebt schließlich tagtäglich eben dieses einzigartige eigene Leben. Für diese Menschen gibt es nicht den Luxus, ein professionelles „Ich“ in Koexistenz zu einem privaten „Ich“ zu haben, mithin Profession und Privatleben zu trennen. Selbst bei Menschen, bei denen diese Trennung eigentlich gegeben ist, ist sie allzu häufig sehr schwer umzusetzen, sprich: Berufsleben und Privatleben erfolgreich zu trennen. Es ist die schier grenzenlos große Gruppe derer, die eben einfach leben, ohne sich professionell damit auseinanderzusetzen.
Wobei an dieser Stelle in aller Deutlichkeit und Nachdrücklichkeit klarzustellen ist, dass die erstgenannte Gruppe der „professionell Distanzierten“ auch automatisch eine Teilmenge der zweitgenannten Gruppe ist. Schließlich führt sie, wie gesagt, parallel zu ihrer Profession ein eigenes Leben, und es ist nur allzu schwierig vorstellbar, dass sie selbiges permanent und zu jeder Zeit unter rein professionellen Gesichtspunkten betrachtet und führt.
So ist es schlichtweg nicht glaubwürdig, dass eine Biochemikerin oder Gehirnforscherin die Einschulung ihres ersten Kindes als wissenschaftlich tiefer zu untersuchenden Tatbestand erlebt. Vielmehr wird sie diesen Teil ihres Lebens als stolze Mutter mit großen Emotionen erleben und erfahren. Ebenso unwahrscheinlich begegnet ein Psychotherapeut seiner ersten wirklich großen, emotional sprichwörtlich umwerfenden Liebe – die zu allem Überfluss auch noch erwidert wird und ihn zum gefühlt glücklichsten Menschen auf Erden macht –, um sie erst einmal auf rein sachlich-professioneller Ebene zu sezieren, um ultimativ zu bewerten, was ihm damit in seinem Leben widerfahren ist und noch widerfahren wird. Ein höchstinteressantes Thema, mit dem wir uns hier konfrontiert sehen. Seine Bezeichnung: Leben.
Uns allen ist gemein, dass wir ein solches haben. Es mag subjektiv wie objektiv schwierigerer oder leichterer Natur sein. Zu allem Überfluss gehen wir auch noch auf unsere jeweilige Art sehr individuell damit um. Wie bereits ausgeführt, gibt es eine in ihrer Größe keinesfalls zu unterschätzende Gruppe von Menschen, die das Leben auf mannigfaltige Art und Weise zu ihrer Profession erkoren hat. Gleichzeitig wird dieses professionelle, anonyme Leben 24 Stunden am Tag von etwas gänzlich Unprofessionellem, sehr Persönlichem begleitet, dem eigenen Leben. Eben diesem fehlt professionelle Distanz und Anonymität, es ist kein Analyseergebnis. Das Leben kann erfüllend sein, von Glück und Zufriedenheit geprägt, es kann aber auch genau entgegengesetzt angelegt sein. In sich trägt es die Frage nach der Art und Weise, wie man ihm begegnet, wie man es führt. Ebenso die Frage nach etwaigem Schicksal, nicht immer aktiv beeinflussbarem Glück und Unglück wie auch diejenige nach der eigenen Veranlagung, die Herausforderungen des Lebens zu meistern. So ist dann auch das Leben in seiner Mannigfaltigkeit und seinem Reichtum an Facetten das Thema dieses Buches. Schließlich ist es bis heute höchstselbst ein Buch mit sieben Siegeln geblieben und wird es auch immer bleiben. Jeder Versuch, das Leben ganz zu entschlüsseln, allgemein gültige Maßstäbe zu dessen Erläuterung zu formulieren, schlichtweg jeder Versuch seiner Objektivierung muss scheitern. Wie sollte es auch anders sein, bei etwa acht Milliarden höchstindividueller Leben auf unserem Planeten. Da dem so ist und jeder Anspruch auf allgemein gültige Aussagen – selbst in der Gruppe der „professionell Distanzierten“ – letztendlich eine anmaßende Simplifizierung darstellt, kann man sich der Essenz des Lebens lediglich durch Beispiele desselben nähern. Ganz einfach deshalb, weil das Leben auf allen denkbaren Gebieten und auf jede nur erdenkliche Art und Weise bereits zu erforschen und zu entschlüsseln versucht wurde und weiterhin werden wird. Das Ergebnis jedweder dieser Aktivitäten, und wir sprechen hier nur über den tiefseriösen Personen- und Themenbereich –, wird wohl immer sein, dass das Leben niemals gänzlich erklärbar sein kann. Dass es zu groß, komplex, individuell und mysteriös ist und bleiben wird, um für den menschlichen Geist erfass- und begreifbar zu sein. Der Autor behauptet, dass es bereits eine ungeheure Errungenschaft der Menschheit wäre, sich auf dessen ultimativen Sinn zu verständigen. In seinen Augen ist der Sinn des Lebens, glücklich und zufrieden zu sein. Er misst selbiges nicht an beruflichem Erfolg, Reichtum oder jedwedem Statussymbol. Erfolgreich lebt doch am Ende der Mensch, der es schafft, sein Lebensglück zu erlangen. Wie dieser Zustand zu erreichen ist, ist wohl ebenso mannigfaltig und bunt, ebenso komplex und individuell wie das Leben selbst. Jegliche „Ratgeber zum Lebensglück“, gleichsam als Gebrauchsanweisungen für dasselbe daherkommende geistige Ergüsse, lehne ich mit Leidenschaft ab. Weil sie einfach kommerzielle, dem Leben nicht gerecht werdende, „intellektuelle“ Grausamkeiten sind. Jede Behauptung, das Leben entschlüsseln zu können oder selbiges sogar getan zu haben, ist unwahr und anmaßend. Beispiele des Lebens aufzuzeigen, ist die wohl einzig angemessene Art, sich ihm erklärend zu nähern – mit allem gebotenen Respekt und zwingend angebrachter Hochachtung.
Und so beschäftigt sich die folgende Lektüre mit den Beispielen zweier Leben, anhand derer ein möglichst breit gefächertes Bild desselben aufgezeigt werden soll. Ohne jeden Anspruch auf mehr, denn dieses „Mehr“ ist und bleibt inexistent.

Stephan Tomat



Kapitel 1 – Reflexionen

Martin weilte nun schon seit 27 Tagen in einer kleinen Pension im Südwesten Irlands, obschon er ursprünglich vorgehabt hatte, maximal eine Nacht dort zu sein. Schließlich kam er nur zu dem einen Zweck an diesen Ort, irgendwo an den sich über rund acht Kilometer entlang der Küste erstreckenden Cliffs of Moher: Er wollte seinem Leben ein Ende setzen. Und er wollte es an einem schönen Ort tun, geradezu zelebrieren, weswegen seine Wahl auf diese Steilküste an der Südwestküste Irlands fiel. Er war kein Ire, kein Engländer, Schotte oder Waliser; er war ein Mann, den nichts Besonderes mit dem Vereinigten Königreich verband, außer jener regelmäßigen Aufenthalte in London, die sein Beruf als Paläontologe erforderte. War London doch so etwas wie ein Mekka für „Lebensforschung“, sowohl aufgrund seines weltberühmten Naturkundemuseums, wie vor allem seiner Vielzahl fachspezifischer Einrichtungen und Universitäten, an denen Martin regelmäßig inhaltlich beispiellos brillante Vorträge hielt.
Martin war ein fachlich über jeden Zweifel erhabener, als solcher unter den Paläontologen und Paläobiologen bewundernd anerkannter, des eigenen Lebens jedoch nachhaltig überdrüssiger deutscher „Lebensforscher“.
Mit den ihrer Anzahl nach sehr überschaubaren Kriterien zur Auswahl von Ort und Art seines Suizids: Schnell musste es gehen und dabei sprichwörtlich todsicher sein. Aber je konkreter seine Pläne in Kongruenz zum immer unerträglicheren Leidensdruck des Lebens wurden, umso mehr stiegen auch seine Anforderungen an Umstände und Umgebung des Geplanten. Er musste sich eingestehen, dass dieses Verhalten paradox war. Sollte man doch annehmen, dass zumindest die Wahl des Ortes bei exponentiell zunehmendem Wunsch, das Diesseits zu verlassen, um in ein unbekanntes Jenseits einzutreten, immer mehr an Bedeutung verlor, als je dringlicher der eigentliche, befreiende Akt des Freitods empfunden wurde. Während es wohl von fast allen Menschen als nachvollziehbar angesehen würde, dass die Angst und Unsicherheit vor diesem finalen Schritt durchaus zusehends mehr Raum greifen müsste, je näher der Moment des Irreversiblen kam. Wie dem auch sei, beiden der obigen Kriterien wurden die Cliffs of Moher in jedem Fall gerecht, denn an vielen Stellen fielen dieselben zwischen 120 und über 200 Meter nahezu vollkommen steil bergab an die Küste des Atlantischen Ozeans. Aber warum suchte Martin Tag für Tag die Idylle eines Ortes auf, der einen atemberaubenden Blick auf diese schroffe Küste und den bewegend bewegten Atlantischen Ozean bot? Durchweg Orte fernab der Trails, die etwa Touristen auf ihrem Weg zu den offiziellen Aussichtsplattformen nutzten? Bilder und Eindrücke liefernd, die eben schlicht atemberaubend waren. Kam er ihretwegen täglich hierher? Waren sie die inspirierende Bühne dafür, sein Leben Revue passieren zu lassen? Mit dem finalen Ziel, zu entschlüsseln, warum er aus eben diesem scheiden wollte? War es der Versuch, sich selbst erklärlich zu machen, was der Auslöser für seinen geplanten Suizid war? Oder hatte er einfach, in diesem Kontext profan klingend, Angst? Und das Bestreben, den finalen Schritt hinauszuzögern? Oder konnte er dem Diesseits bei so beeindruckenden Eindrücken doch noch Seiten entlocken, die anfänglich vollkommen unterbewusst, mit jedem Tag aber ein wenig bewusster seinen ursprünglichen Plan herausforderten? Und dann auch noch die Begegnung mit sehr ursprünglich gebliebenen, bodenständigen, guten Menschen in dem kleinen Städtchen, in dessen einziger Pension er wohnte? In diesen Tagen, an denen er ohne Ausnahme direkt an die jeweils vorderste Kante der Steilküste ging, dort oft Stunden verweilte und fast sprang. Er war noch immer, so dachte er, fest entschlossen, das Leben, das er lebte, zu beenden. Aber sein Erklärungsfundament wurde zusehends brüchig. Und dann schlichen sich dieses Dorf, seine Menschen und die Natur darum herum irgendwie in seine Seele, beruhigten ihn, nahmen immer mehr Druck von ihm und ließen ihn einen anderen Martin sein. Oder war es eben doch nur Angst vor dem letzten Schritt? Letzteres klingt, so menschlich eine solche Angst ist, fast profan, verglichen mit dem philosophisch-romantischen Ansatz, ein neues „Ich“ in sich entdeckt zu haben, das einen auf sehr subtile Art verzauberte und den Todeswunsch mit jeder Stunde schwächer werden ließ.
In diesen Tagen neigte der sehr vom Intellekt, wie er zumindest zu jener Zeit fest überzeugt war, sehr viel weniger von der Emotion gesteuerte Martin zu starker Rationalisierung. Es passierten große Dinge in ihm, die er aber nicht als solche wahrnahm oder wahrnehmen wollte. Vielleicht auch nicht einmal konnte, weil sein bisheriges Leben ihn so konditioniert hatte. Immerhin ließ er sie geschehen, insofern, als er schließlich noch lebte. Er konnte bewusst merken und erfühlen, wie er sich mit jedem Tag dem Leben stärker zuwendete, während er dem Freitod zusehends abschwor. Wie etwas in ihm passierte, was erstens seine Pläne konterkarierte und zweitens langsam eine gänzlich neue Seite von ihm ans Tageslicht beförderte. Sehr langsam! Die Seite echter, authentischer Emotionen. Für ihn noch nicht zu entschlüsseln, aber stark genug, den durch und durch rationalen, stets reflektierten, in einmal getroffenen Entscheidungen unumstößlichen Martin umzustoßen. In den Momenten, in denen er jene Entwicklungen spürte, neigte er, wie gesagt, dazu, rationale Erklärungen zu suchen und auch schließlich zu finden. So auch hier: Wie unplanbar letztlich der Freitod war, bedurfte es doch einer eben nicht antizipierbaren, endgültigen „Initialzündung“, die zur finalen Reflexion und Umsetzung zwang. Mit beängstigender Konsequenz und letztendlich mit der Situation wohl auch vollkommen überfordert marginalisierte er sich selbst, während er das Leben fast nach Belieben heroisierte wie banalisierte: Wie materiell gut es ihm ging, wie vielen anderen Menschen es nicht so ging, sodass sie gezwungen waren, täglich wieder aufs Neue um das nackte Überleben zu kämpfen. Wie viele Menschen, die leidenschaftlich gern leben wollten, an tödlichen oder zumindest sehr schweren Krankheiten litten. Für wie wertvoll sehr viele Menschen das Leben erachteten, weil für sie nur ihr kleiner Mikrokosmos, nicht jedoch das Leben von Milliarden Menschen auf dieser Erde letztlich zählte. Das waren diese Momente, da er seinen geplanten Freitod wie auch dessen tagtägliche Verschiebung vor sich selbst weiterhin zu legitimieren versuchte. Und doch funktionierte es nicht mehr wirklich, denn er spürte, dass er vielleicht doch einfach noch leben wollte. Dies ließ sich zunehmend schwieriger wegrationalisieren und intellektualisieren, hier ging es wie bei wohl kaum einem anderen Thema um Emotionen. Nicht nur um Leben und Tod – was für sich genommen die Inkarnation emotionaler Offenbarung ist, Leben und Tod von eigener Hand, einer eigenen Entscheidung folgend. Martin war mit seinen erlernten und als Wissenschaftler perfekt kultivierten Erklärungsmustern an eine bis dahin für ihn unüberwindliche Grenze gestoßen; eine, die er nur überwinden konnte, wenn er ehrlich mit sich, seinem nahen Umfeld und seiner Gefühlswelt umging. Den Autor überraschte dies in keiner Weise, denn ein Freitod ist zumeist entweder ein im Grunde fest beschlossener Akt, das Leben zu verlassen, nur sind Ort, Zeitpunkt und Umstände offen und nicht definiert. Oder es ist eine impulsive Handlung, ein Entschluss, der quasi gänzlich von der zeitlichen Dimension losgelöst, getroffen wird. Es ist höchstwahrscheinlich nicht einmal ein Augenblick der Entscheidung, sondern eine Entscheidung des Augenblicks, sehr häufig durch ein externes Ereignis ausgelöst. Martin aber ging mit seinem Suizid um wie ein Mensch, der eine Urlaubsreise bucht. Der Entschluss schien gefasst, Ort und Art definiert. Allein es fehlte noch, das Geplante auch wirklich umzusetzen. Der Autor war sich des Umstands sicher, dass dieser Suizid nie realisiert werden würde. Dazu hätte es noch etwas Entscheidendem mehr bedurft. Wie gesagt war Martin auf dem Weg dahin, aber noch nicht weit genug. Dazu, eine ehrliche, emotionale Dimension ernsthaft zuzulassen.
So war es denn bislang nur ein unbedeutender Flirt mit dem Freitod, eine flüchtige Verabredung mit dem Suizid. Und als solcher nicht ernsthaft intendiert. Keiner will Martin absprechen, dass er permanent Traurigkeit empfand. Dass es viele Momente gab, in denen er lieber tot gewesen wäre als lebendig. Dass er über Jahre an schweren Depressionen litt und dass er sich nichts sehnlicher wünschte, als glücklich zu sein, den Schwermut über Bord zu schmeißen, mit dem jeder seiner Tage begann. Aber er tat es nicht, über all die Jahre hinweg. Jetzt, wo er sich dem ?60. Lebensjahr näherte und dabei war, als zweifellos sehr intelligenter Mensch seinen eigenen Freitod mit merkwürdiger Dramaturgie quasi zu inszenieren, war er nicht authentisch. Schlimmer noch: Ambivalent und höchst verwirrt empfand er sich teils als zutiefst zynisch und verachtungswürdig. Dem Leben von eigener Hand und aus freien Stücken ein Ende zu setzen, war dann ein für ihn zutiefst unglaublicher Schritt. Eine Verhöhnung all derjenigen, die leben wollten, es aber aus unterschiedlichsten Gründen heraus nicht konnten: durch eine individuelle Krankheit, einen Krieg, einen anderen Akt der Zerstörung, ein Massensterben, beispielsweise ausgelöst von der Natur: Stürmen, verheerenden Bränden, Überschwemmungen, todbringenden Dürren, Erdbeben, Vulkanausbrüchen, bakteriellen wie viralen Erregern – um nur einen kleinen Teil der von uns stets als Naturkatastrophen bezeichneten Phänomene zu nennen. Gleichzeitig ein Akt, der damit einhergeht, dass in der Regel mindestens ein, in den meisten Fällen deutlich mehr als ein einem selbst sehr nahestehender Mensch zurückgelassen und damit einhergehendes, großes Leid billigend in Kauf genommen wird. So gesehen wäre ein Suizid fast schon die Definition von maximalem Egoismus. Das alles ging Martin ständig durch den Kopf, wenn er an dieser Klippe Stunde um Stunde verbrachte. Denn er war sehr unglücklich und verzweifelt ob seines Lebens, aber eben als ein Vertreter der Gruppe, die sich permanent beruflich mit dem Leben befasste, auch alles andere als ein simpel gestrickter Ignorant, der dasselbe einfach wegwirft. Er erforschte als Paläontologe dieses unser Leben über einen Zeitraum von Millionen, teils Milliarden von Jahren. Und er war brillant in dem, was er beruflich tat. Er, ein höchst erfolgreicher Vertreter der „professionell Distanzierten“. Gleichzeitig nachhaltig verwirrt und desorientiert, was sein eigenes Leben anging. Die Essenz aller obiger Reflexionen über das Leben, den Tod, den Suizid, unseren Protagonisten Martin, den inneren, regelrechten „Krieg“, den er mit sich führte, et cetera, ist dem Autor bei dem Versuch, jene Reflexionen in vertretbarem Rahmen, sprich in angemessenem Umfang zu halten, extrem schwergefallen. Warum? Hoffentlich nicht, weil er in Ihrer Wahrnehmung dem Thema Leben nicht gewachsen ist, sondern einfach, weil es die Mutter aller Themen ist. Wir alle leben auf sehr individuell unterschiedliche Weise dieses unser eigenes Leben. In der unbeschreiblich großen Mehrzahl werden Leben gelebt, ohne dass sich über selbige – abseits besonderer Ereignisse jedweder Art – große Gedanken gemacht werden. Werden wir diesem Geschenk damit gerecht oder ist es für die überwiegende Mehrzahl von uns der einzig richtige und auch praktikable Weg, mit ihm umzugehen? Das Leben etwas bewusster zu leben, als wir es tun, wäre sicherlich – durchaus mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit – ein erstrebenswerter Zustand, ein erstrebenswertes Ziel. Permanent darüber nachzudenken aber wohl eher kontraproduktiv. Denn das Denken ersetzt niemals das Handeln. Aber es hilft sicherlich, dasselbe bewusster zu gestalten.
Also begeben wir uns in den nächsten Kapiteln verstärkt in die Welt des Handelns. Was wir bislang wissen, ist, dass ein begnadeter „Lebensforscher“ an die Küste im Süden Irlands gereist ist, um seinem Leben dort an einer mächtigen Steilküste ein Ende zu setzen. Dass er aber im direkten Angesicht der Unendlichkeit, wie auch in einer für ihn befreiend neuen Umgebung, seinen „Sprung“ täglich in Gedanken, aber eben nur in Gedanken, vollführte.
Dabei geriet er in tiefgreifende, essenzielle Reflexionen über das Leben an sich. Wichtige, inspirierende Gedanken, die es festzuhalten galt. Aber bislang bewegten wir uns im Raum des Grundsätzlichen, des Allgemeinen. Keinesfalls in dem des Konkreten. Mit der Ausnahme, dass wir wissen, dass Martin in einem kleinen Ort an den Cliffs of Moher wohl ein schönes Fleckchen Erde entdeckt hatte: mit atemberaubender Natur, einfachen und liebenswerten Menschen und eben diesem unglaublich hohen, schönen, schroffen, langen Cliff. Und dass diese Umgebung ihn entspannt, ich würde sagen „entschleunigt“ hat, was ihm offensichtlich sehr gut gefiel. Und so befand er sich seit seiner Ankunft vor 27 Tagen – eigentlich wollte er schon seit derer 26 nicht mehr unter uns sein – in einem Zustand, den es noch näher zu beschreiben gilt. In jedem Fall ein nicht alltäglicher Zustand, denn wir wissen, dass er sehr komplex war. Ja, ihn, Martin, sogar an die Grenzen des Verstehens und seiner Internalisierung brachte.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 52
ISBN: 978-3-95840-856-2
Erscheinungsdatum: 14.05.2019
EUR 15,90
EUR 9,99

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