Lyrik & Dramatik

Alles Karma?

Denise Bernadette Frei

Alles Karma?

Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in "Ketten"

Leseprobe:

Einleitung zu diesem Buch

Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten (Jean-Jaques Rousseau)


„Frei zu sein bedarf es wenig und wer frei ist, ist ein König“, singt der Volksmund. Doch so einfach ist es nicht frei zu sein, wie es aus diesem Volkslied tönt. Davon könnten die meisten Menschen mit Blick aufs eigene Leben ihr persönliches Lied komponieren und singen, was dann weniger leicht und beschwingt tönen würde. Zudem versteht jeder wieder etwas anderes unter Freiheit, denn was sich für den einen einschränkend anfühlt, ist für den andern absolut erträglich.

In diesem Buch wird die ungewöhnliche und wahre Lebensgeschichte einer Frau erzählt, die in gut bürgerlichem Milieu aufwuchs und seit frühester Kindheit um ihre Freiheit in Gedanken, Worten und Entscheidungen kämpfte. Ihr wurde mit zunehmendem Alter bewusst: „Auch wenn ich in einem freien, demokratischen Land wie der Schweiz geboren bin, heisst dies noch lange nicht, dass ich frei bin“.

Im Laufe ihres Lebens musste sie immer mehr erkennen, dass die sogenannte Freiheit durch nicht zu umgehende interne Familiendiktate, religiöse Überzeugungen, politische Strömungen, gesellschaftliche Moral und wirtschaftliche Abhängigkeiten systematisch begrenzt wurde. Geschriebene und ungeschriebene Gesetze reglementierten den Lebensablauf und man musste mit verhängnisvollen Folgen rechnen, wenn man gegen diese Gesetze verstiess. Diese Erkenntnis verstärkte sich noch, als sie sich unsterblich in einen gebundenen Mann verliebte. Diese Liebesgeschichte zeigte ihr auf, welche Kraft emotionale Gefangenschaft bedeutete, die sich gegen jede Vernunft nicht einfach so abstreifen liess.
Der Mut, den eigenen Weg zu gehen, hatte seinen Preis. Im Fall unserer Hauptperson Isabell bedeutete dies unter anderem den Ausschluss aus ihrer Familie, was für sie nebst grossem Schmerz, auch Befreiung bedeutete. Nur, mit der Zeit stellte sie fest: „Familie“ begegnet uns überall, sei es im Partnerschafts-, Freundes- oder Arbeits-Leben. So einfach waren die nachhaltig prägenden Familienenergien nicht abzuschütteln. Auf ihrem ungewöhnlichen und teilweise von tragischen Schicksalsschlägen geprägten Lebensweg fand Isabelle zu ihrem eigenen Erstaunen viele unerwartete Antworten auf Fragen, die sie sich so noch nie gestellt hatte:

„Woher kommen wir, warum sind wir hier auf diesem Planeten Erde und wohin gehen wir wieder, wenn unsere Lebensuhr abgelaufen ist?“

„Warum müssen wir uns mit all dem ‚Ballast‘ herumschlagen, den das Leben für uns bereithält?“

„Warum stellen sich uns Menschen und Situationen in den Weg, die wir uns so nie gewünscht haben?“

„Warum müssen wir uns in so enge gesellschaftliche und wirtschaftliche Korsetts zwängen lassen? Warum können wir uns nicht einfach nach unseren Vorstellungen selbstverwirklichen und uns ausschließlich danach ausrichten, was uns wirklich Spaß macht?“

Haben Sie sich solche Fragen auch schon gestellt? Haben Sie sich je gefragt, ob alles Zufall ist, was wir erleben? Oder steckt hinter allem ein ausgeklügelter Plan, den wir vordergründig nicht erkennen, weil er aus einer andern Dimension stammt, die wir mit unseren menschlichen Sinnen weder sehen, fühlen noch hören können? Vielleicht gibt Ihnen dieses Buch aus den Erfahrungen von Isabelle die eine oder andere Antwort für Ihr eigenes Leben.

Scheint Ihnen der nachfolgende Einstieg zu utopisch, überspringen Sie ihn und lesen Sie ihn erst, nachdem Sie das Buch fertig gelesen haben.

***

Politische und gesellschaftliche Umwälzungen

Mit zunehmendem Alter wurde mir immer klarer, dass die „Oberen“ überfordert waren, egal ob innerhalb der Kirche, Politik oder Familie. Sie hatten ernsthaft Mühe, sich mit eigenständig denkenden Kindern oder Jugendlichen auseinanderzusetzen. Auch Erwachsene, die nicht ins erwünschte Schema passten, sollten gefälligst den Mund halten und kuschen.
Mit der Zeit lernten wir, im Umgang mit unseren Eltern jedes Wort zuerst auf die Goldwaage zu legen, damit wir Konflikten oder Drohungen mit Erziehungsheim aus dem Weg gehen konnten. Dies widersprach zwar meiner Einstellung, dass man innerhalb der Familie über alles sprechen sollte. Doch die ständigen Zurechtweisungen meiner Eltern belasteten mich immer mehr und darum entschied ich mich für den Weg der Diplomatie und dazu gehörten auch mal faustdicke Lügen, wenn es der Sache diente.

Ich glaube, mein Vater hätte am liebsten den größeren Teil der Gesellschaft in ein Umerziehungsheim gesteckt, wenn er die Macht dazu gehabt hätte. Er war mit der plötzlichen gesellschaftlichen Umwälzung Ende der 60er-Jahre vollkommen überfordert. Als die Globus-Krawalle 1968 stattfanden (der Globus war ein renommiertes Kaufhaus im Zentrum von Zürich und wurde damals regelmässig von Linksautonomen für ihre zum Teil gewalttätigen Krawalle belagert), war er der Meinung, dass man alle Beteiligten ausnahmslos einsperren müsste, damit wieder Ruhe und Ordnung einkehrt. Diese Haltung vertrat er nicht nur hinter verschlossener Haustüre, sondern auch öffentlich. Für meine Eltern und noch viele andere ähnlich Denkenden der sogenannten „Oberschicht“, hätten die Entwicklungen der 60er-Jahre ersatzlos gestrichen werden können. Sie alle wollten, dass es so bleibt wie es war. Es ging ihnen vor allem um Erhalt ihrer persönlichen, meist hart erkämpften und erarbeiteten Machtpositionen und dem damit verbundenen Prestige. Diese Privilegien begannen zuerst langsam, doch mit der Zeit unaufhaltsam zu schwinden, inklusive Kleider- und Benimm-Kodex.

Eine der schlimmsten Phasen dieser gesellschaftlichen Neuorientierung der westlichen Welt war die Zeit, als Terror-Organisationen, wie unter anderem die RAF (Rote Armee Fraktion), gegründet wurden, mit dem Ziel das herrschende Rechtssystem mit aller Gewalt, die ihnen zur Verfügung stand, zu Fall zu bringen. Politiker und Richter wurden gekidnappt und gnadenlos hingerichtet. Bomben wurden in Städten an strategisch wichtigen Punkten gezündet, wie belebten Straßen, Bahnhöfen, Flughäfen und rissen unschuldige Menschen in den Tod. Auch vor Flugzeugentführungen schreckten die Attentäter nicht zurück. Dies passierte vor allem in Deutschland, Italien und Spanien. Doch auch in anderen europäischen Ländern kamen Politiker bei Anschlägen ums Leben und das Schlimmste dabei war: Es herrschte Krieg innerhalb der eigenen Landesgrenzen! Der Feind kam nicht von außen, sondern wurde innen quasi gezüchtet.

Irgendetwas lief völlig aus dem Ruder und keiner war in der Lage zu reflektieren, was wirklich der Auslöser war. Es war schlussendlich wie mit der Raupe und dem Schmetterling:Die Gesellschaft wollte dem engen Kokon entschlüpfen und sich frei entfalten, wie dies die 5. Stufe der Maslow-Pyramide bereits in den 50er-Jahren vorausahnen ließ: „Bewusstwerdung der individuellen Persönlichkeit!“

Der bekannte amerikanische Betriebspsychologe Abraham Maslow untersuchte in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts (Nachkriegsjahre) das Motivations- und Entwicklungsstreben des arbeitenden Menschen in der Industrie und Wirtschaft. Er kam zur Überzeugung, dass wenn der Mensch seine Grundbedürfnisse der 1. Pyramidenstufe wie zum Beispiel Essen und Trinken gestillt hat, automatisch nach weiterem strebt, wie
2. Stufe: Sicherheitsdenken (Dach über dem Kopf, eigener Wohnbereich)
3. Stufe: Zugehörigkeitsgefühl zu Gleichgesinnten (z. B. Mitglied eines Vereins, politische Partei, Kirche etc.)
4. Stufe: Erreichtes in der Öffentlichkeit sichtbar machen durch Prestigeobjekte
5. Stufe: Selbstverwirklichung, spirituelle Verwirklichung

Diese Art ungewohnter Selbstverwirklichungs-Drang weckte bei den Oberen massiven Widerstand! Mit allen Autoritätsmitteln wurde versucht, diesen Freiheitsdrang zu unterbinden. Dies ließen sich vor allem die jungen Intellektuellen nicht mehr gefallen und so herrschte über Jahre hinweg Krieg zwischen „Flower power“ und „Establishment“.
Neue Musik-Richtungen wurden geboren, die sexuelle Befreiungs-Revolution fand statt. Oswald Kolle fühlte sich berufen, die Deutsche Nation aufzuklären, wie in den Schlafzimmern der höchste Lustgewinn erzielt werden könnte. Beate Uhse gründete ihren Sex-Artikel-Versand entgegen aller kirchlichen Proteste, die erfolglos versandeten. Die Gesellschaft ließ sich solche Bevormundungen nicht mehr gefallen und wollte selber über ihr Leben bestimmen, auch über ihr Sex-Leben.

Bei uns Zuhause schirmte man uns Kinder vor allem ab, was mit Sex zu tun hatte und wir dachten, das müsse etwas ganz Schlimmes sein und darum fragt man besser nicht danach. Unsere Eltern nackt zu sehen war undenkbar, denn Papa bekam schon einen Schreianfall, wenn Mama im Unterrock vom Schlafzimmer ins Badezimmer huschte. Darum: Zu diesem Thema lieber keine Fragen stellen, auch nicht im Religionsunterricht!

Anfang der 70er-Jahre mussten alle einsehen, dass es nie mehr so werden würde, wie es war: Eine neue Zeitepoche war geboren, die jedem Einzelnen mehr persönliche Entfaltungs-Freiheiten und Rechte brachte. Man könnte auch sagen: Die neue Spaß-Gesellschaft war geboren, die sich genau wie die Oberen Zehntausend Luxus-Güter leisten und jedes Jahr mindestens einmal in die Ferien verreisen wollte.
Die Gewerkschaften setzten sich zudem mit der „Pensionskassen-Pflicht für jedermann“ durch und die Arbeitgeber wurden ihrerseits anteilsmäßig in die Pflicht genommen. So musste nicht mehr „aufs Alter hin“ gespart werden. Dies lief automatisch über das monatliche Salär. So wurde es möglich, auch mal ein finanzielles Risiko einzugehen im Wissen, dass für das Alter vorgesorgt war.

Bei uns Zuhause blieb die Welt mehr oder weniger stehen und man hätte sagen können es gab keine Aussicht auf Selbstverwirklichung! Außer, dass meine Mutter meinem Vater ab und zu energisch widersprach, wenn er ihrer Meinung nach mit seinem Machtgehabe und ständigem Gebrüll wegen jedem „Mückenfurz“ zu weit ging. Meist teilte sie jedoch seine Meinung widerspruchslos, oft dem Frieden zuliebe oder weil sie tatsächlich seiner Ansicht war. Das Frauenstimmrecht war damals innerhalb der Schweiz noch nicht geboren und Frau hatte zu kuschen, genauso wie die Kinder. Mein Vater tauschte sich zwar gerne mit meiner Mutter aus und hörte auf ihren Rat. Seine Rolle innerhalb der Ehe war jedoch unbestritten: Er war der Patriarch und daran änderte sich auch nichts durch die gesellschaftliche Revolution!

Mit Argwohn beobachtete ich meine Mutter in ihrer Rolle als Hausfrau und Dienerin des Herrn und ich schwor mir: So werde ich nie, niemals! Kein Mann wird mich je so tyrannisieren und mir sagen, was ich zu tun habe. Mit Aufgaben wie Putzen, Bügeln, Kochen nach Papis Wünschen und Omas Rezept, Rasen mähen, Papi herumchauffieren zu allen Tag- und Nachtzeiten (er hatte keinen Fahrausweis), auf Papi zu warten, wenn es wieder mal spät wurde nach langen Sitzungen, mit den Kindern die Wochenenden alleine verbringen, weil Papi auf irgendeiner politischen Veranstaltung weilte, die wichtiger war als die Familie, konnte man mir das Hausfrauendasein nicht schmackhaft machen. NIEMALS würde ich so enden!

Das Einzige, was ich wirklich wollte, war so aussehen wie Mama: Schöne Kleider tragen, mit den dazugehörenden, farblich passenden, eleganten Schuhen mit hohen Absätzen. Schicke Frisur und Schminke, lackierte Fingernägel, riechen nach „Arpège“ von Lavin, ja, das war meine Welt. Dabei schön unabhängig bleiben und wenn doch noch ein Mann, dann DER Märchenprinz, der mir alle Sorgen abnimmt und mit dem ich über ALLES sprechen kann, was mich gerade bewegt. Ohne Angst im Nacken, dass meine Meinungsäußerung durch lautes Geschrei erstickt wird.
Ob dieser Märchenprinz reich, arm, schön, hässlich, jung, alt, Akademiker, Nichtakademiker war, spielte keine Rolle; er musste einfach die Liebe meines Lebens sein. Mein Lieblingsmärchen war Dornröschen und am liebsten wäre ich sofort in den 100-jährigen Schlaf gefallen, aus dem mich mein Prinz dann am Tag aller Tage wachgeküsst hätte.

Doch aller Träumereien zum Trotz: Ich musste hellwach bleiben und versuchen mein Leben so zu leben, dass ich mich nicht allzu sehr darin verlor.

In der Zwischenzeit (also bis der Märchenprinz auftaucht), tröstete ich mich mit Ereignis-Fotos aller königlichen Familien aus Europa, die ich in diversen Zeitschriften fand und ausschnitt. Vor allem die Bilder mit den langen Kleidern, vorzugsweise Hochzeitskleidern, hatten es mir angetan. Statt irgendwelcher Film- oder Musik-Stars, wie dies bei meinen Kolleginnen der Fall war, hängten in meinem Zimmer bebilderte Artikel nach Königshaus sortiert an den Wänden. Meine Mutter hatte nichts dagegen, denn auch ihr gefielen schöne Kleider und sie verfolgte zudem immer interessiert, was unter den Hoheiten so lief. Ich denke, sie hat die eine oder andere Prinzessin oder Königin als modisches Vorbild bewundert und gewisse Trends übernommen. Wie Königin Beatrix von Holland wich auch meine Mutter ein Leben lang nicht von ihrer immer gleichbleibenden hochtoupierten Frisur ab. Bei König Beatrix sagte man, dies sei der Ersatz für ihre Krone; bei meiner Mama war es eher die Unfähigkeit, auch mal Neues auszuprobieren und zu vertrauen, dass ein neuer Look viel vorteilhafter ausgesehen hätte.
Als ich 13 Jahre alt wurde, blieb meiner Mutter nicht verborgen, dass Haushaltsarbeiten nicht mein Ding waren. Die gleiche Beobachtung machte meine Haushaltslehrerin im mir so verhassten Handarbeits- und Koch-Unterricht. Sie konnte es nicht wirklich glauben, dass unter ihren Schülerinnen eine dabei war, die so gar nicht ins Schema „künftige Hausfrau“ passte. Spätestens nach meinen ersten Kochversuchen, als ich ein Rindsplätzli zwischen Daumen- und Zeigefingernagel hielt, einen Meter vor dem Kochherd in Stellung ging, um dann das Plätzli in sicherer Distanz in die Bratpfanne zu werfen, meinte sie kopfschüttelnd: „Weit vom Geschütz gibt alte Krieger“ und da scheint „Hopf und Malz“ verloren zu sein.
Meine Mutter meinte dazu: „Isabelle, du musst mal einen ganz reichen Mann heiraten, der einen Butler vermag. Du bist nicht zur Hausfrau geboren.“

Meine Rede!!!

Doch der Gedanke, deswegen einen reichen Mann zu heiraten, passte nicht in meine Welt der unbegrenzten Freiheiten. Ich will nie und nimmer einen reichen Mann heiraten, denn wer zahlt, befiehlt. Ich will UNABHÄNGIG sein, wann kapieren die das mal?!? Abhängigkeit wurde mir ja tagtäglich vorgelebt. Einmal hatte ich den Mut, meinen Eltern zu sagen, dass ich keinen Anwalt, keinen Arzt oder dergleichen heiraten möchte, weil ich nur jemanden heiraten werde, wenn überhaupt, den ich liebe. Meine Eltern erstarrten beim sonntäglichen familiären Kaffeeklatsch und fragten sich ernsthaft, was sie wohl alles falsch gemacht hätten, dass man als Mädchen zu solch einer Aussage kommt.
Das Problem meiner Einstellung war rasch erkannt und so sagte Mama zu mir: „Du hast einen Anti-Akademiker-Komplex“.

„Du musst so sein wie Mama“, meinte dann mein Vater. „Wie du dich benimmst, verhält sich keine normale Frau, das wird nicht gerne gesehen“. Meine prompte Antwort: „Ich werde sicher nie wie Mama!“ Mein Vater lief zornesrot an.

***

Das Medium

Endlich war es so weit, dass ich zusammen mit Reto den vor Monaten abgemachten Termin bei dem englischen Medium wahrnehmen konnte. Nie hätte ich gedacht, dass sich innerhalb von wenigen Monaten mein Leben dermaßen verändern würde. Natürlich erzählte ich Reto von der Liebesbeziehung mit meinem Chef und dass es ziemlich schwierig werden würde, da klar Schiff zu machen. „Am Besten, Du fragst jetzt das:Medium um Rat. Rita kann Dir sicher weiterhelfen“, meinte Reto zuversichtlich.

So war ich wirklich extrem gespannt auf diese Begegnung und wir fuhren wie abgemacht nach St. Gallen in ein Quartier, das mir neu war. Es lag an einem Hügel und viele Einfamilienhäuser reihten sich mit schönen Gärten aneinander. Reto hielt bei einem älteren Haus, das aussah wie ein Hexenhaus. Es fehlten nur noch die Lebkuchen. „Hoffentlich ist das Medium keine alte Hexe, die mich in den heißen Ofen stößt“, ging mir beim Anblick dieses seltsamen Hauses durch den Kopf. Reto beruhigte mich, denn er bemerkte meine Nervosität. „Keine Angst, hier kommen alle wieder lebend raus.“
Eine alternativ gekleidete, ältere Frau begrüßte uns und stellte sich als die Besitzerin des Hauses vor. Mein Flötenlehrer mit dem ranzigen Butterbrot-Geschmack aus Kindertagen kam mir wieder in den Sinn. So ähnlich roch es auch in diesem Haus. Wir wurden in die Küche geleitet, in der wir auf bereitgestellten alten Stühlen Platz nehmen sollten. „Rita ist noch in einem Gespräch, ihr müsst euch gedulden.“ Ich musste mich länger gedulden, bis ich endlich an der Reihe war. Zuerst wurde Reto in den Raum neben der Küche gebeten und ich war froh, dass er zuerst dran war. So konnte er mir mitteilen, wie es war und wenn es tatsächlich eine alte Hexe gewesen wäre, dann hätte ich mich sofort wieder verabschiedet. Mit der Besitzerin des Hauses war es während der Wartezeit kaum möglich ein Gespräch zu führen, sie erklärte mir lediglich, dass sie die Präsidentin der Parapsychologischen Gesellschaft innerhalb ihrer Wohnregion sei. Ich konnte mir nichts darunter vorstellen und fragte auch nicht weiter nach.
Nach einer Stunde kam Reto endlich wieder in die Küche und strahlte übers ganze Gesicht. „Die Frau ist der Hammer! Du kannst dir nicht vorstellen, was sie mir alles erzählt hat. Vor allem mein Großvater hat sich gemeldet und mir viele gute Tipps gegeben.“
„Sein Großvater hat sich gemeldet, oh Gott, was soll ich nur davon halten? Will ich überhaupt mit einem meiner Grossväter sprechen, die kannte ich doch kaum?“, fragte ich mich ziemlich konsterniert. „Keine Angst“, meinte Reto, der bemerkt hatte, dass ich alles andere als begeistert war über die Aussicht, mit einem der verstorbenen Grossväter zu sprechen „bei dir meldet sich vielleicht jemand ganz anderer.“ Ich hatte keine Zeit mehr, mir darüber Gedanken zu machen, denn ich wurde nun durch die Übersetzerin in den angrenzenden Raum gebeten. Wie ich feststellte, war dies das Wohnzimmer des Hauses, vollgestopft mit alten Möbeln. Ich wähnte mich in einem Trödlerladen. In einem der uralten Polsterstühle saß eine nette Dame mittleren Alters, und wenn ich nicht gewusst hätte, dass es sich um das Medium Rita handelte, hätte ich gedacht, das ist eine Hausfrau von nebenan. Sie begrüßte mich herzlich auf Englisch und bat mich vis-à-vis auf dem Sofa Platz zu nehmen. Allen Ernstes war ich darauf gefasst, dass nun bald irgendwelche Geister aus der spirituellen Welt hier auftauchen würden, um mit uns zu sprechen. Mir war ziemlich elend und ich fragte mich, ob ich das wirklich wollte und es nicht vielleicht besser wäre, jetzt aufzustehen und ganz rasch aus dem komischen Haus zu verschwinden.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 624
ISBN: 978-3-99048-028-1
Erscheinungsdatum: 31.03.2015
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