Krimi & Spannung

Wenn die Blätter fallen

Tara Shark

Wenn die Blätter fallen

A.B.C.D. - sein erster Fall

Leseprobe:

Für Josefa Winter,
unvergleichbar und auf ewig
in meinem Herzen.



PROLOG

Ein frischer Wind ließ ihn frösteln. Sandoz Alvarez saß in einem der Korbsessel auf der Veranda und genoss die Nachmittagssonne und das Zwitschern der ersten Vögel, die aus dem Süden zurückgekehrt waren. Es war zwar schon deutlich wärmer geworden, aber trotzdem war es noch zu kalt, um ohne Jacke draußen zu sitzen. Der Winter war noch nicht ganz verschwunden.
Er zog an seiner Zigarette und musste husten. Jahrzehntelanges Rauchen hatte seine Lunge zerstört, aber Sandoz kümmerte es nicht. Er hatte schon immer das gemacht, was er wollte, egal was es kostete. Nur so war er so weit gekommen.
Die Veranda, auf der er jetzt saß, gehörte zu einem seiner drei Anwesen. Es lag auf einer Bergkuppe im äußeren Bereich von Baltimore und war für ihn so etwas wie sein Büro. Hierher lud er Handelspartner ein, von hier aus erledigte er seine Geschäfte.
Das Haus war deutlich kleiner als seine Anwesen in Chicago und Monaco, aber es war ihm das liebste. Es stand inmitten eines großen, dicht bewachsenen Gartens, der das ganze Jahr über durch zwei Gärtner gepflegt wurde. Das Haus hatte er als baufällige Baracke erworben. Nach einigen Umbauten und Erneuerungen war jedoch ein richtiges Schmuckstück daraus geworden. Es bestand zum größten Teil aus Eichenholz, besaß ein spitzes, graues Dach, eine weitläufige Veranda und von seinem Arbeitszimmer im zweiten Stock konnte man in jede Himmelsrichtung schauen. In diesem Zimmer fühlte sich Sandoz wie der König der Welt, wenn er auf die Dächer und Landschaften unter sich herabblickte.
Seiner Frau hatte er erlaubt, die beiden anderen Häuser einzurichten. Dieses hatte jedoch er eingerichtet. Auf pompöse Brunnen, teure Verzierungen aus Gold und ähnlichen Schnickschnack hatte er verzichtet. Er hatte es nicht nötig, seine Geschäftspartner zu beeindrucken. Viel eher hatte er sich ein behagliches, solides Gebäude geschaffen. Viel Holz, schwere Möbel, in paar gute Gemälde und dicke schwere Vorhänge. Es war ihm ein besonderes Anliegen gewesen, das Haus nicht mit Einrichtungsgegenständen zu überfüllen und das war ihm gelungen.
Was seine Sicherheit betraf, hatte er sich nicht wie die meisten in seiner Branche hinter modernen Alarmsystemen und Tausenden von Überwachungskameras verschanzt. Für seine Sicherheit sorgten seine Leibwächter, die Tag und Nacht an seiner Seite waren und zu denen er tiefstes Vertrauen hatte, und die SIG Sauer in seiner rechten Manteltasche.
Die Tür zu seiner Linken wurde von innen geöffnet und Remy, sein Butler und Chauffeur, kam heraus.
„Sir, Ihr Gast ist eingetroffen“, verkündete er mit leicht französischem Akzent.
Eigentlich konnte Sandoz keine Franzosen leiden, Remy war jedoch ein guter Kerl und ein treuer Untergebener, der keine Fragen stellte.
Sandoz sah auf die Uhr. Es war fünf Minuten vor vier Uhr nachmittags. Um vier waren sie verabredet gewesen. Er nickte zufrieden. Pünktlichkeit schätzte er sehr. „Schicken Sie ihn zu mir und bringen Sie uns eine kleine Erfrischung“, befahl er.
Früher hatte er solche Treffen immer spätabends angesetzt, aber um die Wahrheit zu sagen: Er war mit seinen sechsundsechzig Jahren nicht mehr der Jüngste und brauchte seinen Schlaf. Diese klischeehaften Treffen um Mitternacht in einer düsteren Hafengegend brauchte er nicht mehr. Seine Partner hatten auch so Respekt vor ihm.
Die Tür öffnete sich erneut und eine große Gestalt betrat lautlos die Veranda. Irgendetwas an der Art, wie sich der Mann bewegte, wirkte eigenartig. Aber das war noch lange nicht die einzige Absonderlichkeit. Sandoz hatte mit ihm bisher nur schriftlichen Kontakt gehabt. Man hatte ihm gesagt, Cranchester sei ein schräger Vogel, aber das war noch untertrieben. Der Mann war ganz und gar in Schwarz gekleidet. Es war schwer zu sagen, ob er gut aussah, denn ein wadenlanger Cordmantel mit aufgestelltem Kragen, Handschuhe und ein tief ins Gesicht gezogener Hut verdeckten beinahe sein gesamtes Äußeres. Im scharfen Kontrast zu all dem Schwarz ergoss sich silbrig blondes Haar über seine Schultern. Alles was man von seinem Gesicht erkennen konnte waren eine lange, gerade Nase und ein ungewöhnlich breiter Mund, der an einer Seite durch eine Narbe etwas verzerrt aussah. Alles in allem nicht besonders vertrauenerweckend. Sandoz hoffte, dass es kein Fehler war, diesen Mann zu engagieren.
„Guten Abend Senior Alvarez“, sagte der Fremde und ließ sich – ohne auf eine Aufforderung zu warten – auf den Stuhl neben Sandoz gleiten. Seine Stimme war leise, unerwartet tief und betonte jede Silbe, als hätte sie eine besondere Bedeutung.
„Mr. Cranchester“, erwiderte Sandoz den Gruß. Das war er also, der berühmte Cyrill Cranchester, besser bekannt als Missing Half. Warum Cranchester diesen Namen trug, war ihm allerdings nicht klar. Jedenfalls hielt man ihn derzeit für den Besten und Gerissensten, wenn man jemanden brauchte, um etwas oder jemanden, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, verschwinden zu lassen. Für sein Problem brauchte er den besten Mann, um die Sache reibungslos und still zu beenden, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Auch wenn Cranchester keinen besonderen Eindruck auf ihn machte.
Remy eilte mit einem Silbertablett herbei und brachte einen Wasserkrug und Gläser. Er erkundigte sich nach weiteren Wünschen, wurde aber ohne einen weiteren Auftrag weggeschickt.
„Sie sind über mein Problem informiert worden, nehme ich an?“, begann Sandoz.
„Ja, das wurde ich. Sie möchten dass ich die Entwicklung eines bestimmten Medikaments verhindere. Den sogenannten Anti-Drugs, oder kurz A.D.s“, seine Augen blitzten kurz unter dem Hut hervor. Sie waren hellgrau mit einem dunkelgrauen Rand und lagen tief in den Höhlen. „Interessante Sache. Wirklich interessant.“ Er schlug ein Bein über das andere und faltete die Hände auf seinem Knie.
Sandoz nickte. „Genau so ist es. Die Anti-Drugs wurden von einem angesehenen Wissenschaftlerpärchen entwickelt und befindet sich noch in der Testphase. Sie können Süchtige von ihrer Sucht heilen und Entzugserscheinungen gänzlich verschwinden lassen. Für mein Geschäft wäre das der Untergang. Die A.D.s und alle die darüber Bescheid wissen, müssen vernichtet werden. Dieses Medikament darf NIE auf den Markt kommen.“ Er sah Cyrill an und wartete auf eine Reaktion, doch da war keine. „Also?“, wollte Sandoz wissen. Er hasste es, anderen jeden Satz aus der Nase ziehen zu müssen.
„Es wird aufwendiger werden, als ich zu Anfang dachte, aber machbar. Allerdings brauche ich für mein Vorhaben ein Team, das heißt die Sache wird etwas teurer“, erklärte er. Nun hob er den Kopf ein bisschen und Sandoz konnte dem Verlauf der Narbe bis über die linke Augenbraue folgen. Sie schien sich über die gesamte linke Gesichtshälfte zu ziehen. Beim genaueren Hinsehen bemerkte Sandoz noch ein paar weitere Narben und Stellen von verbrannter Haut und auch an dem linken Auge kam ihm irgendetwas seltsam vor.
„Ein Team? Wozu? Wie wollen Sie vorgehen?“, fragte er.
Cranchesters breiter Mund wurde noch breiter und verzog sich zu etwas, das wohl ein Lächeln hätte werden sollen. „Ich würde es bevorzugen, jetzt nicht ins Detail zu gehen. Man kann nie wissen, wo sich überall Ohren befinden.“ Er ließ seinen Blick über das Gelände schweifen. „Wir werden die Sache jedenfalls so drehen, dass kein Mensch auch nur die geringste Vermutung hegen wird, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Ich weiß bereits, wie ich gedenke, die Sache durchzuführen und brauche dazu vier sachkundige Personen – von mir natürlich sorgfältig ausgewählt.“
„Wie lange wird es dauern?“
„Ich denke, wenn alles nach Plan läuft, wird in ein paar Wochen das Problem aus der Welt sein. Meine Leute sind sehr zuverlässig“, versprach er mit seiner tiefen Bassstimme.
Sandoz überlegte kurz. Es gefiel ihm nicht, dass Cranchester ihm nichts von seinem Plan erzählen wollte. Andererseits war er damit im Falle des Falles vor den Bullen geschützt. „Okay, einverstanden. Geld ist nebensächlich. Ich werde Ihnen eine Million Dollar bezahlen, wenn der Auftrag tadellos ausgeführt wurde.“
„Nein. Die Hälfte vorher, die Hälfte nachher“, sagte Cranchester.
„Sind Sie verrückt?! Ich zahle ihnen doch nicht fünfhunderttausend Dollar für gar nichts. Sagen wir ein Zehntel.“
Cranchester überlegte. „Ein Drittel und Sie haben mich. Ich habe Ausgaben zu tätigen“, erklärte er.
Sandoz fand ein Drittel zwar immer noch hoch, aber tragbar. Cranchester besaß einen guten Ruf. Er würde schon nicht mit seinem Geld abhauen.
„In Ordnung. Teilen Sie das Geld mit Ihrem Team, wie Sie es für richtig halten. Ich hoffe, ich muss nicht betonen, dass die Sache unter keinen Umständen an die Öffentlichkeit gelangen darf. Es muss wie ein Unfall aussehen“, verdeutlichte er.
Wieder grinste Cranchester und blitzte Sandoz mit seinen kalten schmalen Augen an. „Ich bin sicher, das kriegen wir hin.“

Einen Monat später trafen sie sich wieder. Zur selben Zeit an derselben Stelle. Cyrill Cranchester trug wieder dieselben Klamotten wie beim letzten Mal und verwandelte das Ganze in ein seltsames Déjà-vu.
Operation S.A.D. hatte länger gedauert, als zuerst angenommen. Es hatte beim ersten Versuch Komplikationen gegeben und auch beim zweiten Versuch war nicht alles nach Plan gelaufen. Doch davon verriet er seinem Auftraggeber natürlich nichts. Für Alvarez zählte ohnehin nur, dass die Zielpersonen ausgeschaltet waren und die A.D.s nicht mehr auf den Markt kommen würden. Was er nicht wusste war, dass Cyrill und sein Team die Zielpersonen zwar eliminiert hatten, er aber nicht im Traum daran dachte die A.D.s für immer im Abgrund verschwinden zu lassen. Noch war die Formel der Anti-Drugs nicht in seinem Besitz, aber er hatte genügend Zeit und nicht vor, die Dinge zu überstürzen.
Die Erfinder hatten die Formel gut versteckt und die wenigen Prototypen sicher in einem Tresor verschlossen. Noch war die Existenz des neuen Medikaments geheim und Cyrill wollte, dass es noch eine ganze Zeit lang geheim blieb. Daher war dezentes Vorgehen gefragt.
Sandoz Alvarez teilte er mit, dass die Operation S.A.D. – kurz für Swallowing Anti-Drugs – mit Erfolg beendet wurde. Anhand der Unterlagen, die Cyrill mitgebracht hatte, fand Alvarez seine Bestätigung.
Mit dem Geld des Drogenbosses hatte er nun genug auf der Seite um sich in aller Ruhe seinem neuen Ziel zu widmen. Erst galt es aber, sich noch so einige Informationen zu beschaffen. Er hatte nämlich festgestellt, dass Alvarez – abgesehen von der Existenz der A.D.s – ansonsten nicht sehr viel über sie wusste. Cyrill aber würde nichts tun, bevor er nicht alle Informationen hatte. Er musste erst wissen, wie er am besten an die Prototypen und die Formel rankam und ob noch irgendjemand über die A.D.s Bescheid wusste. Erst dann würde er zugreifen.



KAPITEL 1

Langsam verdunkelte sich der Himmel über den Ländereien von Nottingham. Ein kühler Wind strich durch die bereits rot, gelb und braun verfärbten Blätter. Ein Schwarm von Raben erhob sich krächzend in den grauen Himmel. Baltimore war um diese Jahreszeit wirklich schön.
Es war Ende Oktober und die Temperaturen lagen bei frischen elf Grad Celsius. Adam B. Chamberland saß auf seinem Lieblingsplatz – einem breiten Holzstumpf am Rande eines Mischwaldes – und dachte nach. Für seine vierundzwanzig Jahre hatte er schon so einiges durchmachen müssen, aber was morgen kommen würde, war die Krönung. Monatelang hatte er sich davor gedrückt, aber es ließ sich nun nicht mehr länger hinauszögern. Es gab da einige Formulare, für die er die Unterschrift seines Bruders brauchte, und diese sollten bis spätestens Ende Oktober abgegeben werden.
Über ein Jahr war es her, seit Adam seinen Bruder zum letzten Mal gesehen hatte. Und jetzt wurde er von der Stadt zu einem Besuch gezwungen, vor dem er schon seit Monaten Bammel hatte. Alles in ihm sträubte sich dagegen. Zweimal schon hatte er einen Termin ausgemacht und jedes Mal wieder abgesagt. Er schämte sich vor sich selbst, weil er so feige war. Sich zu drücken entsprach sonst nicht seiner Art. Aber nun war die Frist fast abgelaufen und er musste hin.
Noch immer hatte er sich nicht entschieden, ob er Grace davon erzählen sollte. Möglicherweise wollte sie ihren Vater ja sehen. Andererseits hatte sie nie etwas in der Richtung gesagt. Aber im Grunde sagte sie ohnehin nie viel. Seit dem grauenvollen Erlebnis war sie immer sehr verschwiegen und in sich gekehrt. Würde sie es verkraften, wenn sie mitkäme? Oder würde ihre ohnehin labile Psyche (wie die Schulpsychologin es beschrieb) damit noch mehr in Mitleidenschaft gezogen?
Adam knurrte der Magen und er holte sich einen Schokoriegel aus einer seiner Jackentaschen. Da er so gut wie ständig Hunger hatte, trug er immer ein paar Schokoriegel mit sich rum. Öfter schon hatte sich Howard Grant darüber beklagt, weil so Schokoriegel in die Waschmaschine gelangt waren. Howard war Butler, Haushälter, Gärtner und Koch in einer Person und arbeitete schon seit seiner Jugend für die Chamberlands. Adam fragte sich oft, wie der alte Mann es schaffte, das riesige Haus ganz alleine sauber zu halten.
Adam ließ seinen Blick über die Landschaft streifen. Früher war er oft mit seinen Brüdern hier gewesen. Von hier aus konnte man die ganze Gegend überblicken. Man konnte sogar das Chamberland Castle sehen. Die kegelförmigen Türme des alten Schlosses ragten hinter dem Wald hervor. Sogar aus der Entfernung und durch die von Bäumen verdeckte Sicht konnte man sich ausmalen, wie gigantisch das Castle war. Einst hatten hier mehrere Generationen der Chamberlands unter einem Dach gewohnt. Großeltern, Eltern, Söhne, Töchter, Enkel und Cousinen. Es war schon erstaunlich, dass von dieser einst so riesigen Familie nur noch drei Menschen übrig geblieben waren.

Er stand auf und wischte sich Moos und Erde von seinem Hosenboden. Mit übergezogener Kapuze und die Hände tief in den Taschen vergraben machte er sich auf den Heimweg. Nach etwa einer halben Stunde Fußmarsch gelangte er zum Tor des Chamberland Anwesens – seinem Anwesen. Den Gedanken, dass das alles nun zum größten Teil ihm gehörte, fand er noch immer seltsam.
Das Anwesen, das durch seine vielen Türme als Chamberland Castle bekannt war, obwohl es ursprünglich kein Schloss hatte sein sollen, gehörte seiner Familie schon von Anbeginn an. Die ersten Chamberlands, die sich in dieser Gegend niedergelassen hatten, hatten es gebaut. Das hieß, eigentlich hatten sie nur einen Teil gebaut. Das Chamberland Castle war von Generation zu Generation aus- und umgebaut worden. Den ältesten Teil stellte der Westflügel dar, in dem sich auch der Haupteingang befand. Dieser Teil war allerdings schon lange nicht mehr im Originalzustand. Schon dreimal hatte man ihn außen wie innen erneuert.
Etwa hundert Jahre später, nachdem man das Chamberland Anwesen gebaut hatte, wurde der größte Teil des heutigen Castles angebaut. Etwa dreimal so lang und doppelt so hoch war der Anbau (wenn man ihn überhaupt so bezeichnen konnte). Seine Vorfahren hatten versucht, die Fassade ähnlich der des ursprünglichen Gebäudes zu gestalten, was aber leider nicht ganz gelungen war. Die sandsteinfarbenen Ziegel des Anbaus waren deutlich heller als das Ockergelb des Urbaus. Der Anbau besaß viele große Fenster, Balkone und Türme und sah wirklich sehr wie ein Schloss aus. Fenster- und Türrahmen waren mit in Stein gemeißelten Tieren verziert und auf jedem der Türme wachte ein steinerner Rabe.
Hinter Anbau Nummer eins befand sich Anbau Nummer zwei. Ein rechteckiges schmuckloses Gebäude, das nicht einmal halb so schön war wie der Vorderteil des Castles. Früher befand sich dort ihre Pharmazeutika-Fabrik Chamberland Medicals. Jetzt dienten die Hallen nur noch als Garagen und Abstellraum.

Adam trat durch das alte Eisentor, das stets offen stand. Vermutlich konnte man es gar nicht mehr schließen, weil es schon so festgerostet und verwachsen war. Er folgte der gepflasterten Auffahrt, gesäumt von hundert Jahre alten Eichen und gelangte schließlich zu einer breiten Steintreppe, die zum Haupteingang hochführte. Sein Blick streifte erst den kreisrunden Brunnen vor dem Anwesen, der in Vorbereitung auf den Winter abgeschaltet worden war. Der Wasserspeier aus weißem Marmor – vier Raben auf einer Erdkugel – war mit einer schwarzen Plane abgedeckt.
Adams Augen glitten über die altehrwürdigen Mauern. Durch das Anwesen fühlte er sich immer irgendwie mit seinen Vorfahren verbunden.
Den Grundstein für das Chamberland Castle legte Eric Chamberland, der in seinen jungen Jahren als Matrose eines Handelsschiffs zwischen Großbritannien und Amerika segelte. Sein Vater William hatte ihm die Geschichte oft genug erzählt. Eines Tages wurde das Handelsschiff von Piraten gekapert und Eric gelang die Flucht in den Ozean. Zum Glück war das Schiff nicht weit von der Küste entfernt gewesen und er schaffte es ans Ufer. Ein alter Mediziner, der viel über natürliche Heilkräuter wusste, nahm ihn auf und lehrte ihn die Wirkung diverser Kräuter und Wurzeln. Eric interessierte sich sehr dafür und begann, verschiedenste Pflanzen auf eigene Faust zu erforschen. Er entwickelte Tinkturen und Elixiere, die er dann teilweise zu horrenden Preisen verkaufte, und von denen aber die meisten nicht mehr Wirkung zeigten als ein gewöhnlicher Kräutertee. Trotzdem verdiente er gut an seinen Produkten. Er nahm eine wohlhabende Amerikanerin zur Frau und sie zogen nach Maryland, wo er eben dieses Haus errichten ließ.
Seine Kinder führten seine Arbeit fort und gründeten die Pharmafirma Chamberland Medicals. Was erst als kleiner Familienbetrieb begann, wurde schnell größer. Anbau eins und zwei folgten.
Jahrzehnte später erzeugte die Firma nicht mehr nur Arzneien, sondern auch noch Labormaterialien und -geräte. Die Schwesterfirma wurde Lab-Tec genannt und gewann ebenfalls rasch an Größe.
Der Erfolg von Chamberland Medicals erhielt einen jähen Einbruch, als ein neu entwickelter Impfstoff, der bei Tierversuchen keinerlei Nebenwirkungen zeigte, bei den Kunden aber zu schweren Allergien und Kindesmissbildungen führte.
Der Name Chamberland Medicals verschwand von der Bildfläche und die Familie spezialisierte sich vollends auf die Produktion von Labormaterialien und -geräten.
Lab-Tec überlebte die Krise. Den Nachkommen der Chamberlands gelang es, trotz des angeschlagenen Images, Lab-Tec noch weiter zu vergrößern und häuften so innerhalb der nächsten hundert Jahre ein immenses Vermögen an.
Adams Eltern hegten aber immer wieder den Wunsch, Chamberland Medicals erneut aufleben zu lassen. Soviel er wusste, hatten sie auch schon ein Produkt in Entwicklung, das dem Ganzen einen gewaltigen Aufschwung verleihen sollte. Allerdings wusste er bis heute nicht, was für ein Produkt das war und er würde es vermutlich auch bis an sein Lebensende nicht erfahren.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 200
ISBN: 978-3-99038-822-8
Erscheinungsdatum: 28.04.2015
EUR 15,90

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