Krimi & Spannung

Villa des Grauens

Kerstin Mauerhofer

Villa des Grauens

Leseprobe:

Kapitel 1

Es war schon weit nach Mitternacht, als Lydia endlich bei ihrer Tante in die Einfahrt einbog.
Sie betätigte den Knopf, der das große Eisentor mit leichtem Rucken automatisch öffnete, und fuhr in den Innenhof des riesigen Anwesens. Lydia war erleichtert, den Wagen endlich abstellen zu können.
Sie war seit dem Vormittag unterwegs und konnte vor Müdigkeit kaum noch die Augen offen halten.
Ihre Tante Angela hatte sie gebeten, ihren Urlaub bei ihr zu verbringen, da sie seit ein paar Monaten verwitwet und daher sehr einsam war.
Die Villa stand weit abseits der Hauptstraße und war umgeben von Wald und Blumenwiesen.
Auch ein kleines Bächlein plätscherte am Haus vorbei und vermittelte dem Besucher das Gefühl, der Hektik des Stadtlebens endlich entgangen zu sein.
Lydia öffnete den Kofferraum und entnahm ihre Koffer und Taschen, die sie für die nächsten drei Wochen benötigen würde.
Sie verschloss den Wagen und trat die fünf Stufen der Treppe zum Hauseingang empor und war froh, einen eigenen Schlüssel zu besitzen, um ihre Tante nicht wecken zu müssen.
In der Eingangshalle angekommen, betätigte Lydia den Lichtschalter, was zur Folge hatte, das sie für einen kurzen Augenblick die Augen schließen musste, um nicht geblendet zu werden.
Viel hatte sich seit ihrem letzten Besuch nicht verändert. Die großen Marmorstatuten ragten stolz links und rechts der Treppe in den ersten Stock empor.
Alles blitzte vor Sauberkeit. Maria, die gute Seele und schon jahrelang Hausmädchen bei ihrer Tante, leistete nach wie vor gute Arbeit.
Lydia sehnte sich nach einem Bett, daher beschloss sie, ihr Schlafzimmer im Obergeschoss aufzusuchen.
Dort angekommen, stellte sie ihre Koffer ab, zog ihre Schuhe aus und ließ sich ins Bett fallen. Es dauerte keine Minute und Lydia war eingeschlafen; ohne zu ahnen, dass es die letzte ruhige Nacht für länger sein sollte …




Kapitel 2

Als Lydia am nächsten Morgen erwachte, war es schon später Vormittag. Sie streckte und erhob sich, um das angrenzende Bad aufzusuchen und sich frisch zu machen.
Auch hier konnte man Maria nichts nachsagen; alles war sauber und die Handtücher lagen griffbereit im dafür vorgesehenem
Regal.
Die junge Frau genoss die morgendliche Dusche; es war schön, einmal nicht unter Stress zu stehen und dem Alltag entfliehen zu können.
Nach der Morgentoilette begab sie sich nach unten in die Küche, wo ihre Tante sie bereits sehnsüchtig erwartete.
„Lydia, mein Liebes, ich dachte schon, du stehst heute gar nicht mehr auf!“
„Entschuldige bitte, Tante Angela, aber ich hab so gut geschlafen, ich war total kaputt!“, antwortete Lydia.
„Ach, das macht doch nichts, ich bin froh, wenn du dich hier wohlfühlst. Wie geht’s dir denn so?“
„Danke gut, ich bin froh, endlich einmal abschalten zu können! Und dir?“
„Na ja, du weißt ja, seit dem Tod von Onkel Walter fühle ich mich oft allein, ich bin froh, dass wenigstens Maria mir ein bisschen Gesellschaft leistet!“
„Ja, Onkel Walter fehlt wirklich sehr, ich hab immer das Gefühl, er kommt jede Minute zur Tür herein!“, antwortete Lydia. Sie musste kurz daran denken, wie sie als Kind oft auf den Schultern ihres Onkels sitzend durch das Haus getollt war. Er hatte immer ein fröhliches Lachen, das absolut ansteckend war.
„Willst du frühstücken oder lieber schon auf das Mittagessen warten?“, riss ihre Tante sie aus ihren Gedanken. Da sich Lydias Magen schon mächtig bemerkbar machte, antwortete sie: „Könnte ich bitte etwas Rührei und Orangensaft bekommen?“
Ihre Tante lachte „Du hast dich kein bisschen verändert! Natürlich, Maria wird es dir sofort zubereiten!“
Als sie beim Essen saß, klingelte das Telefon ihrer Tante.
„Es tut mir sehr leid, Kleines, aber ich muss dringend weg, etwas erledigen“, sagte sie, nachdem sie das Telefonat beendet hatte.
„Macht nichts, Tante Angela, ich will sowieso etwas nach draußen und die Natur genießen, wir können ja am Abend weiterplaudern!“
Keine der zwei Frauen konnte wissen, was noch auf sie zukommen würde …




Kapitel 3

Nach dem Frühstück beschloss Lydia, einen langen und ausgedehnten Spaziergang zu machen.
Sie verließ das Haus und bog in den vorbeiführenden Pfad ein, auf dem man nach mehreren Metern den Wald erreichte. Gierig sog sie die Luft in ihre Lungen; es war einfach herrlich, einmal keine Autoabgase in der Nase zu haben. Und auch diese Ruhe war himmlisch! Die Vögel zwitscherten und erfreuten sich daran, von Baum zu Baum fliegen zu können.
Als sie etwa zwanzig Minuten gegangen war, gelangte sie an eine Gabelung; links kam man wieder zur Villa zurück, das wusste Lydia, aber rechts wollte sie schon als Kind nicht einbiegen; zu viele Geschichten rankten sich um die dort am Ende des Weges stehende Blockhütte. Onkel Walter erzählte ihr immer von einem Waldmenschen, der dort hausen und kleine Kinder gefangen nehmen sollte. Wieder andere behaupteten, dass dort ein Geist sein Unwesen treiben würde, der keine Ruhe fand.
Sie beschloss, diesmal all ihren Mut zusammenzunehmen und das Häuschen genauer zu inspizieren.
„Stell dich nicht so an, du bist schließlich kein Kind mehr!“, sagte sie zu sich selbst.
Schritt für Schritt näherte sich die junge Frau der Hütte; obwohl die Sonne schien, fröstelte es sie.
Überall hingen Spinnennetze und das Dach sah aus, als ob es jeden Moment zusammenbrechen würde.
Lydias Neugier besiegte ihre Angst und so beschloss sie, das verfallene Häuschen auch von innen zu betrachten.

Laut knarrend öffnete sich die Eingangstür und gab den Blick ins Innere frei.
Viel war nicht zu erkennen; ein kleiner Tisch mit einem Sessel, ein alter Holzofen und eine vergammelte Matratze, die offensichtlich einmal als Bett gedient hatte.
Plötzlich entdeckte die junge Frau Fußabdrücke, die auf dem mit Staub bedecktem Boden gut zu erkennen waren.
Komisch, dachte sie, die Fußabdrücke erstecken sich nur von der Tür bis zum Ofen, als ob jemand gezielt etwas gesucht hätte. Aber was sollte man hier schon Großartiges finden?
Sie wollte sich gerade dem alten Heizgerät nähern, als plötzlich eine Stimme ertönte: „Verschwinde hier, sonst wirst du verflucht, wie alle anderen, die hier den Tod fanden … Geh, geh auf der Stelle!“
Lydia war wie erstarrt, sie konnte vor Angst keinen klaren Gedanken fassen.
Weg, nur weg von hier, dachte sie und lief so schnell, wie sie nur konnte, nach draußen.
Als sie sicher war, weit genug entfernt zu sein, blieb Lydia stehen und atmete tief durch. Ihr Körper zitterte und ihr Herz schlug wie wild.
Als sie sich etwas beruhigt hatte, wollte sie nur noch in die Villa zurück, denn dort fühlte sich das Mädchen sicher.
Zu Hause angekommen, betrat sie die Küche, um sich ein Glas Wasser zu holen. Sie hatte gehofft, Maria anzutreffen, um ihr von dem schrecklichen Erlebnis berichten zu können.
Doch auch das Hausmädchen war anscheinend so wie ihre Tante unterwegs.
Es blieb der jungen Frau also nichts anderes übrig, als zu warten.
Nach einem ausgiebigen Bad ging es ihr schon etwas besser.
Endlich war auch der Motor eines Autos zu hören. Sie sah aus dem Fenster und stellte erleichtert fest, dass ihre Tante soeben nach Hause zurückgekehrt war.
„Gott sei Dank, dass du wieder da bist“, rief sie, als Tante Angela das Haus betrat „ich muss dir ganz dringend was erzählen!“
„Aber Kleines, was ist denn passiert?“ Warum bist du so aufgelöst?“
Lydia erzählte, was ihr heute im Wald widerfahren war.
Nachdem sie die Geschichte beendet hatte, sagte ihre Tante: „Aber Schätzchen, das waren sicher ein paar Kinder, die dich erschrecken wollten!“
„Nein, Tante Angela, glaub mir doch, es war etwas anderes!“
„Na gut, wenn es dich beruhigt, gehe ich morgen mit dir dorthin, vielleicht finden wir gemeinsam heraus, was dort los ist!“, antwortete diese.
„Danke“, sagte Lydia, „alleine setze ich keinen Fuß mehr in dieses Haus!“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 30
ISBN: 978-3-99038-863-1
Erscheinungsdatum: 12.02.2018
EUR 13,90
EUR 8,99

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