Krimi & Spannung

Um Messersbreite

Doris Gonsior

Um Messersbreite

Leseprobe:

Der junge Mann war jäh emporgeschreckt aus seinen unruhigen Träumen, er hängte die Beine über die Bettkante und betrachtete sein Bild im Spiegelschrank. Jetzt wusste er, was ihn im Traum so in Panik versetzt hatte: Eine Gestalt war langsam auf ihn zugegangen, freundlich lächelnd, und als sie bis auf Schrittweite herangekommen war, sah er, dass er sich selbst gegenüberstand.
„Seltsam!“, dachte er. „Dass man sich vor sich selbst am meisten entsetzt.“
Er zog seinen Jogginganzug über, schlürfte hastig ein paar Schlucke Instantkaffee, an dem er sich, wie so häufig, den Mund verbrannte, und begab sich hinaus in den dichten Frühnebel des Spätsommertages.

Aus den Straßen der Stadt waren die Dunstschwaden schon abgezogen, eine geringe Restfeuchtigkeit war auf dem Asphalt zurückgeblieben, als hätte es geregnet in der Nacht. Jetzt krochen die letzten tuffigen Nebelballen in die Weinberge, überzogen die Trauben, die für den Eiswein hängen geblieben waren, und verwandelten sie im Licht der Morgensonne in kostbare Perlengehänge. Dann lösten auch sie sich auf und verdunsteten in der Farbenpracht der Reben.

Ein leichter Trab in der kühlen Morgenluft würde es verscheuchen, sein Nachtgespenst, überlegte der junge Mann. Bis zur Zitadelle, der alten Mainzer Befestigungsanlage, stieg er auf.
„Eine Trutzburg ist das nicht gerade“, dachte er, als er durch den Innenhof schlenderte, „wenn man bedenkt, welch kostspieliges Unternehmen der Ausbau der Stadt zur Festung war. Und was bekamen die Bürger für ihr Geld? Die Bastionen konnten sie nicht schützen vor den ständigen Übergriffen der Franzosen und Preußen.“
Er verließ das Festungsareal und beschloss, noch eine Runde durch den Stadtpark zu laufen.
Im Rosengarten blieb er stehen.
„Wie wundervoll muss er sein“, dachte der junge Mann, „so ein Rosentag im Sommer!
Das geschäftige Summen der Insekten, die funkelnden Netze der Spinnen, die wie ein kostbares Seidengespinst in der Abendsonne glänzen, der laue Wind, der den Blumenduft weit in den Park hineinträgt! Und dann die Sonnenuntergänge! Sie tauchen die Rosenblüten in ihr warmes Licht und machen goldene Kelche aus ihnen.“

In die Feuchtigkeit des frühen Tages mischte sich jetzt zunehmend ein seltsamer Geruch.
Nass und schwer waren sie geworden, die zarten Blüten der Blumenköniginnen, die Stengel trugen sie nicht mehr, und so starb jede Rose ihren eigenen Tod, den melancholischen Blumentod der Fäulnis. Ihre Farbenpracht würde sich mit den bunten Todesfarben der Blätter mischen, die langsam von den Bäumen fielen, sie würden die Erde nähren, in der ihre Stöcke wurzelten, zurückkehren in den ewigen Kreislauf der Natur.
In Gedanken versunken begab sich der junge Mann auf den Heimweg. Er bückte sich nach einem kleinen Ast, der wohl der Aufmerksamkeit der Parkwächter entgangen war, und schlug im Vorübergehen den welken Rosen die Köpfe ab.
Dann schlenderte er zur Abtsgasse, die auf direktem Wege hinunterführt in die Altstadt. An ihrer Flanke befindet sich ein Gräberfeld, in dem die Archäologen römische Steinsarkophage vermuten, bisher sind allerdings nur zwei freigelegt worden. Eine Besuchertafel erläutert Interessierten die Bedeutung des Ortes als Ruhestätte für das Heereslager Mogontiacum. Die beiden Grabrelikte nehmen sich eher bescheiden aus mit ihren bemoosten Häuptern, leisten aber ihren Beitrag zu der eigenen Atmosphäre der Stätte, die in ihrer Stille und Abgeschiedenheit an einen verwunschenen Ort erinnert.

„Sieh da! Sieh da, Timotheus! Es bewegt sich nichts mehr unter dem Mikroskop, rein gar nichts!“, fluchte Martin Wieland vor sich hin, seines Zeichens graduierter Doktorand in der Molekularbiologie Mainz. „Alle Zellen mal wieder krepiert! Futschikato! Die ganze Woche hab’ ich mich reingehängt, sie gehegt und gepflegt, die Mimöschen. Kann mir jemand sagen, was diesmal passiert ist? Das wirft mich wieder um Wochen zurück! Die andern sind auch alle angefressen, Bombenstimmung schon die ganze Woche im Labor. Katrin rafft aber auch rein gar nichts, stolziert von einem Arbeitsplatz zum andern und erwartet, dass man ihr hundertmal denselben Scheiß erklärt. Meine Geduld ist am Ende! Dieter rennt demonstrativ zum Klo, wenn er sie auf ihren Geländetretern antrampeln hört. Sie ist ja so sportlich! Macht zweimal in der Woche den Umweg über die Zitadelle ins Labor! Soll sie doch anderswo ein Praktikum machen! Die kann man nicht mal als Versuchskaninchen brauchen. Wir müssen sie loswerden.“

Nach den Fehlschlägen der letzten Tage beschloss Martin Wieland, auch den Samstag im Labor zu verbringen, und machte sich schon recht früh auf den Weg in die Molekularbiologie, um ungestört eine Extraschicht „Mimöschen“ zu schieben. Heute nahm auch er den Weg über die Abtsgasse, da er noch ein wenig frische Luft tanken wollte vor dem langen Arbeitstag in dem stickigen Labor. Obwohl alles getan wurde, um gesundheitsschädliche Ausdünstungen zu vermeiden, stank es ständig nach einem undefinierbaren Gemisch von Chemikalien. Deshalb setzte der junge Biologe kein rechtes Vertrauen in die Geruchsverminderungsmaßnahmen, hatte er doch das sensible französische Riechorgan seines Großvaters im Gesicht und deshalb durchaus etwas gemein mit seinen „Mimöschen“.
Auf der Höhe der Sarkophage angekommen, hielt er inne.
Das sattgrüne Moos des größeren Grabsteins war stellenweise dunkelrot eingefärbt, eine Flüssigkeit lief an der Stirnseite der Grablege hinunter, kroch in die Einkerbungen des Steines, als wolle sie die längst verwitterten Schriftzeichen wieder sichtbar machen.
Auf dem Sarkophag lag eine junge Frau mit einem Messer im Rücken.
„Na, du Leichenfledderer, da hast du ja wieder mal ein Opfer auf deinem Tisch!“
Hauptkommissar Matisse zog seine schlotternden Beinkleider hoch und schob die Hemdzipfel wieder hinein, eine rituelle Handlung, die er mehrmals am Tage vollzog. Er war von gedrungener Gestalt, mittelgroß, mit Händen, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Bärentatzen hatten.
Im Revier hatte man sich daran gewöhnt, dass er ständig irgendwelchen Gedanken nachhing und unwillig brummte, wenn man ihn darin störte. Auch seine Art sich fortzubewegen und seine mitunter etwas unbeholfene Gutmütigkeit erinnerten an Meister Petz. Seine Kollegen hatten ihm deshalb den Beinamen „Teddy“ verliehen. Eine respektlose Verniedlichung, wie er fand, dagegen angehen wollte er aber nicht.
„Komm schon her und schau sie dir an, Herr Kommissar“, sagte Professor Seligmann, der Pathologe. „Ein bildhübsches Ding und blutjung, so eine Verschwendung!“

Abel Seligmann, der Herr der Unterwelt im Gerichtsmedizinischen Institut der Universität Mainz, legte die Hand der Toten wieder ab, die er gerade auf Abwehrspuren untersucht hatte.
Seine Studenten nannten ihn „Cerberus“ nach dem dreiköpfigen Höllenhund aus der griechischen Mythologie, der darüber wacht, dass niemand mehr entkommt aus dem Schattenreich. Diese Aufgabe konnte Seligmann getrost vernachlässigen angesichts der Belegschaft seiner Unterwelt. Die jungen Mediziner hatten es sich aber nicht verkneifen können, dem brummigen Pathologen ein Zitat aus Dantes göttlicher Komödie auf den Sektionstisch zu schmuggeln, in dem der Höllenhund beschrieben wird als:
„Ein Untier, wild und seltsam, Cerberus,
Bellt, wie ein böser Hund, aus dreien Kehlen
Jedweden an, der dort hinunter muss.“
Erstaunlicherweise fand Abel Seligmann Gefallen an dieser Beschreibung, irgendwie fand er sich darin wieder, und heftete sie an die Eingangstür zur Pathologie.
„Ist ja erstaunlich, dass der Herr Hauptkommissar sich auch schon um den Fall bemüht! Wo hat die Streife dich denn diesmal aufgetrieben? Du kommst ja reichlich spät“, pflaumte er den Kriminalbeamten an.
„Wo schon! Es kommt ja immerhin vor, dass ich samstags mal keinen Dienst habe, und da erlaube ich mir einen Gang über den Wochenmarkt. Nichts ist entspannender als an den gut sortierten, nahrhaften Auslagen entlangzuwandern. Sie inspirieren mich zuverlässig zu einem Speiseplan für die nächsten Tage, und meist kriegen die Kollegen vom Revier auch etwas ab.
Mit Blaulicht sind die angebraust, unsere Streifenhörnchen! Die hätten um ein Haar die Gemüsestände abgeräumt. Mann, war das peinlich! Schließlich schätzt man mich auf dem Markt als Kenner und guten Kunden, und die kurvten zwischen den Auslagen herum, als wären sie auf Verbrecherjagd! Jetzt sag aber mal, weshalb wolltest du mich denn so unbedingt und mit Tatütata in deinen Eisbunker jagen? Sie hat doch jetzt nichts mehr zu versäumen, deine Schöne!“
„Warum? Damit du mir nicht wieder meine stillen Hallen vollschreist: ‚Jede Stunde zählt, wenn man einen Mörder stellen will‘ usw., ich kenne sie schon auswendig, die ganze Litanei! Gelegentlich ist dir dein Dienst ja doch wichtiger als deine Fresssucht.“
„Danke! Drum hab’ ich mich auch erst einmal zum Tatort fahren lassen. Zum Glück war die Spurensicherung schon abgezogen, und ich musste mir keine dummen Fragen anhören. Und jetzt sieh mal, was ich neben dem Grabstein, auf dem die Tote lag, gefunden habe!“
Seligmann beugte sich tief über das merkwürdige kleine Gebilde, das Matisse ihm unter die Nase hielt. Er war extrem kurzsichtig, aber diese Sehschwäche wirkte sich auf seine Arbeit eher vorteilhaft aus, denn er sah alles, was sich unmittelbar vor seinen Augen befand, besonders deutlich.
„Was soll das denn sein?“, fragte er.
„Darauf hätte ich auch keine Antwort gewusst, wenn ich nicht zufällig mit dem spinnerten alten Fontaine vom Gutenberg-Museum befreundet wäre. Der hat ganze Kästen von den Dingern in seiner Lehrwerkstatt, Setzkästen nämlich. Das ist ein Buchstabe, wie ihn Gutenberg zum Drucken verwendet hat, schön seitenverkehrt geschnitten!“
„Zeig her“, meinte Seligmann ungläubig, „tatsächlich, könnte ein ‚P‘ sein.“
„Richtig! Und jetzt sag mir nur noch, wer den da oben verloren hat, neben dem Sarkophag!
Er scheint aus einer Platte für Linolschnitte herausgesägt worden zu sein, die Dinger kriegt man in Bastelecken.“
„Dann ist er sicher einem der Schüler aus der Hosentasche gefallen, die von ihren Geschichtslehrern regelmäßig über das Gräberfeld geschickt werden. Anschauungsunterricht nennt man so was.“ „Kann sein“, meinte der Kommissar nachdenklich.
„Jetzt aber mal zu deiner schönen Leiche, wie genau ist das junge Ding denn zu Tode gekommen?“
„Ein Stich in den Rücken ist die Todesursache, er hat die rechte Herzkammer durchdrungen.“
Seligmann zeigte Matisse die Schale mit dem Herzen, das er soeben entfernt hatte.
„Wie du siehst, ist das Herz ein faustgroßer, abgerundeter Kegel, der in einem Beutel, dem Perikard liegt. Das pericardium fibrosum bildet die Außenschicht, und das pericardium serosum …“
„Hochinteressant! Aber sag mir lieber, wie der Stich geführt wurde.“
„Du lässt mich ja nicht ausreden! Da, wo die großen Blutgefäße abgehen, befindet sich nämlich das Epikard, das dem Herzen direkt aufliegt. Das Messer wurde mit großer Wucht durch die rechte Herzkammer und das Ventrikelseptum in den kapillären Spaltraum zwischen Perikard und Epikard gestoßen und hat die Aorta durchtrennt.“
„Aha!“
Kommissar Matisse hatte wie so oft Mühe, den Gerichtsmediziner zu verstehen, nicht nur wegen des Fachchinesisch, das der ihm bei jeder Gelegenheit überstülpte, sondern weil der Doktor gerade mal wieder auf einem Stück Honigkuchen herumkaute. Seine Studenten wussten, dass er nicht auf seine Ernährung achtete und nur sehr unregelmäßig zu einer Mahlzeit kam. So sorgten sie dafür, dass er immer auf einen kleinen Vorrat von diesem Gebäck zurückgreifen konnte, und Seligmann fragte sich schon lange nicht mehr, wieso sie annahmen, dass er eine Vorliebe habe für diese eigentlich eher langweiligen braunen Kuchen.
Was er nicht wusste: Cerberus ist in Dantes „Göttlicher Komödie“ das Sinnbild für die Schlemmer und bewacht deshalb vor allem die Schlemmerhölle. Der findige Aeneas besänftigte das Untier, indem er ihm in jedes seiner Mäuler ein Stück Honigkuchen steckte. Daraufhin konnte er seine Reise durch das Totenreich unbehelligt fortsetzen. Die Studenten waren ungeheuer stolz auf den Einfall mit den Honigkuchengaben und amüsierten sich bei jedem Saufgelage köstlich über die Ahnungslosigkeit ihres gestrengen Vorgesetzten.

Der Pathologe machte sich wieder an die Arbeit. Er öffnete jetzt den Brustkorb der Toten weiträumiger, indem er die Rippen mit einer Spezialzange durchzwickte. Das knackende Geräusch verursachte „Teddy“ ein ziemlich flaues Gefühl im Magen. Er schlich zu dem Wandschrank, in dem Seligmann seinen „Pastis für alle Fälle“ aufbewahrte, und goss hastig ein paar Schlucke hinunter. „Und wo ist die Tatwaffe geblieben?“, fragte Matisse. „Die Streife sagte mir, dass man dir das Opfer samt Messer im Rücken angeliefert hat, damit wir sachdienliche Angaben über die Art der Verletzung und den Wundkanal bekommen. Es handelt sich doch um ein Messer, oder?“
„Jawohl, und zwar um ein ordinäres Küchenmesser, Klinge 12 mm, Massenware, kriegst du überall zu kaufen, ergibt keine Spur zum Täter!“ Seligmann grinste hämisch.
„Deine Kollegen von der Kriminaltechnik haben es brav eingetütet und mitgenommen. Die Kleider und die Beuteltasche der Toten übrigens auch. Das Blut haben sie fachmännisch auf chemisch präparierten Tampons konserviert und die dann in ihre normierten Sicherheitsbeutel verbracht und versiegelt. Die machen ihre Arbeit ordentlich, ich hab’ ihnen auf die Finger geguckt. Am besten fährst du jetzt noch zum Revier und siehst dir die Spurenträger an, damit du morgen früh bei der Dienstbesprechung informiert bist, denn die Sache kriegt ja wohl der Herr Hauptkommissar an den Hals.“
„Sicher doch. Waren die Papiere der Toten in dem Beutel? Dann wüsste man schon mal, um wen es sich handelt.“
„Katrin Niehaus heißt sie, ist gerade 21 geworden, hat wohl ein Praktikum gemacht bei den Biologen. Ein Student ist auf dem Weg zur Uni in der Abtsgasse über sie gestolpert und hat sie erkannt. Den kannst du morgen befragen, er ist einbestellt. Und der Frau Staatsanwältin darfst du ohne Rot zu werden sagen, dass du dir das Opfer angesehen hast, so sorge ich für dich. Bin nur gespannt, wann der Herr Polizeidirektor dir endlich mal die wohlverdiente Zigarre verpasst.
Ist ja leider nicht seine Art! Vielleicht lässt du dein Handy doch mal angeschaltet bei deinen Streifzügen über den Wochenmarkt! Und bring mir das nächste Mal ein paar Scheiben Jambon de Mayence mit. Ja, ja, ich weiß, der ist nicht koscher!“

Polizeidirektor Dr. Manfred Mansfeld, der Einfachheit halber M. M. genannt, hatte die Mordkommission noch am Samstagnachmittag zur Dienstbesprechung ins Präsidium am Valenciaplatz bestellt. Zunächst sollte Kommissar Heiner Schwarz, Matisses Stellvertreter, der als erster am Tatort angekommen war, einen kurzen Überblick über die Ereignisse des Vormittags geben. Er kramte gerade seinen Bericht hervor, als die Tür aufflog und Frau Dr. Adelheid Mittermayer, die Staatsanwältin, hereingehastet kam. Sie war eine hochgewachsene Frau Anfang 50, mit blondiertem Haar, das sie mit einem Kamm sehr straff am Kopf eingeschlagen trug. Es ließ meist den dunklen Ansatz sehen, da Frau Mittermayer viel zu selten Zeit oder Lust hatte, zum Friseur zu gehen. Sie trug wie immer ein knapp sitzendes Kostüm mit zu engem Rock und Stöckelschuhe, und heute fehlte der oberste Knopf an der Jacke. Irgendetwas war meist nicht ganz in Ordnung mit ihrer Kleidung.
Es lastete aber auch viel auf der Frau, der Beruf und nicht unbedingt an zweiter Stelle die Familie, bestehend aus Ehemann und drei Kindern.
„Entschuldigung!“, stieß sie atemlos hervor. „Ich wurde aufgehalten.“
Die Anwesenden hätten den Satz im Chor mitsprechen können, die Staatsanwältin kam regelmäßig zu spät und brachte immer dieselbe Entschuldigung vor. Ihr Tag war nicht optimal organisiert, aber sie machte einen verdammt guten Job, war zuverlässig und kooperativ, wenn auch meist kurz angebunden, und so nahm man ihr Erscheinungsbild und diverse Ausfälle in Kauf.
„Da wir nun vollzählig sind“, setzte Mansfeld wieder an, „kann Herr Schwarz ja mit seinem Bericht beginnen.“

Kommissar Heiner Schwarz von der Mordkommission war etwa zehn Jahre jünger als sein Vorgesetzter. Sein äußeres Erscheinungsbild war nicht sehr beeindruckend, er zählte zu den Unscheinbaren, Schmächtigen. Da er so unauffällig war, wurde er gelegentlich in besonders kniffligen Fällen undercover eingesetzt und hatte auf diese Weise schon manchen wertvollen Hinweis liefern können. Er übernahm diese Aufgabe nicht ungern, wäre da nicht dieses eine körperliche Merkmal gewesen, das ihn dann doch aus der Liga der Unscheinbaren heraushob, ein kunstvoll gezwirbelter, blonder Schnauzbart, den er allmorgendlich sorgsam und mit viel Hingabe in eine ganz bestimmte Form bürstete. Dieser Gesichtsschmuck schien Dr. Mansfeld und Matisse zu auffällig für einen Undercover-Agenten, und so wurde Schwarz vor jedem Einsatz genötigt, sich davon zu trennen; zwar nicht ohne Kundgebungen des Bedauerns vonseiten seiner Vorgesetzten, aber letztendlich doch genötigt. Erschwerend kam hinzu, dass die Übergangsstadien bis zur vollständigen Wiederherstellung des Schnauzers sogar den langweiligsten Schreibtischhengst im Revier zum Wiehern brachten und zu kurzweiligen Bemerkungen inspirierten; die frisch sprießenden Barthaare in dem händchenvollen Gesicht erhöhten zuverlässig für Wochen die Freude der Kollegen an ihrem Beruf. Zurzeit konnte sich Heiner Schwarz als ganzen Kerl empfinden, die Gesichtszierde ergab ein zufriedenstellendes Spiegelbild. Jetzt trat er vor die einberufene Versammlung und begann mit seinen Ausführungen.

„Die Notrufzentrale wurde heute früh um 8 Uhr 16 von einem Studenten alarmiert, der auf dem Weg zur Uni war“, trug der Kommissar vor. „Die beiden Kollegen, die gerade ihren Dienst angetreten hatten, fuhren sofort zum Tatort in die Abtsgasse und machten den ersten Angriff. Unterwegs forderten sie Verstärkung an von den Streifenwagen, die sich in der Nähe befanden. Gegen 9 Uhr waren alle Einsatzkräfte vor Ort, wenig später traf dann auch Professor Seligmann ein. Die Tote lag mit dem Gesicht nach unten auf einem der römischen Sarkophage, die Beine hingen auf den Weg herunter, in ihrem Rücken steckte ein Messer.
Die Lage der Toten lässt vermuten, dass sie von hinten erstochen wurde, als sie an den Grabsteinen vorbeilaufen wollte. Den genauen Todeszeitpunkt wird die Autopsie ergeben. Das Opfer trug Jeans und ein graues Sweatshirt, dazu Joggingschuhe der Marke Nike. In ihrem Bauchbeutel befand sich ein Personalausweis, sodass ihre Identität festgestellt werden konnte. Die Tote heißt Katrin Niehaus, ist 1988 in Essen geboren und machte hier ein Praktikum in der Molekularbiologie.
Ihre Mainzer Adresse: Löhrstraße 7.
Die Spurensicherung hat den Tatort nach beiden Seiten abgesperrt und die Leiche bald danach ins Gerichtsmedizinische Institut überführen lassen. Nähere Einzelheiten entnehmen Sie bitte meinem Bericht, er ist wie immer über unsere Reviercomputer zugänglich.“
„Vielen Dank, Herr Schwarz! Und Sie, Herr Professor Seligmann? Was hat die Obduktion bisher ergeben?“
„Der Tod muss ziemlich genau um 8 Uhr vormittags eingetreten sein, die Totenstarre hatte noch nicht eingesetzt, und die Menge des Blutes, die bis zu meinem Eintreffen ausgetreten war, ließ vermuten, dass die Tat etwa eine halbe Stunde vorher begangen worden war, die Wucht einkalkuliert, mit der der Stoß geführt worden ist. Der Stich wurde recht hoch oben zwischen den Schulterblättern angesetzt, was darauf schließen lässt, dass der Täter um einiges größer war als das Opfer. Die junge Frau muss sofort tot gewesen sein, denn das Messer hat nicht nur die gesamte rechte Herzkammer durchstoßen, sondern auch die Aorta durchtrennt und damit eine schwere innere Blutung verursacht. Hier ist mein vorläufiger Bericht, dem Sie Näheres entnehmen können.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 146
ISBN: 978-3-99038-746-7
Erscheinungsdatum: 14.09.2015
EUR 14,90
EUR 8,99

Halloween-Tipps