Krimi & Spannung

Töten im Auftrag des Propheten

Maximilian Eisen

Töten im Auftrag des Propheten

Kommissar Loebs vierter Fall

Leseprobe:

Kapitel 1

Diejenigen, die Zins nehmen, werden (dereinst) nicht anders dastehen als wie einer, der vom Satan erfasst und geschlagen ist (sodass er sich nicht mehr aufrecht halten kann). Dies (wird ihre Strafe) dafür (sein), dass sie sagen: ‚Kaufgeschäft und Zinsleihe sind ein- und dasselbe.‘ Aber Gott hat (nun einmal) das Kaufgeschäft erlaubt und die Zinsleihe verboten.
Der Koran, Sure 2:275, Übersetzung Rudi Paret

„Ihr Gläubigen! Nehmt nicht Zins, (indem ihr) in mehrfachen Beträgen (wieder nehmt, was ihr ausgeliehen habt)! Und fürchtet Allah! Vielleicht wird es euch (dann) wohlergehen.“
Der Koran, Sure 3:130, Übersetzung Rudi Paret

Es war elf Uhr nachts, mitten in der Ferienzeit im Juli. Ein dunkel gekleideter, schlanker und gut aussehender Mann mit schwarzem Dreitagebart und kurz geschnittenem Haar bestieg am Bellevue das Tram Nr. 11 in Richtung Realp. Bei der Haltestelle Wetlistraße verließ er das Tram und stieg – seinem jugendlichen Alter von ungefähr 28 Jahren entsprechend – schnell und zielstrebig den Kapfsteig empor. Beim Klusweg angekommen, bog er links ab, ging entlang der Villenzeile und hielt vor dem Haus Nummer 35, einer beigen Villa im Berner Barockstil und einem großen, gepflegten Garten. Dr. H. M. stand auf dem Briefkasten geschrieben, der sich rechts vor dem Eingangstor zum Garten befand. Den Tipp hatte ihm sein Kollege Ali gegeben, der als Investmentbanker in der Bank des Villenbesitzers arbeitete. Dieser Villenbesitzer, Herbert Keiser, so hieß er, sei ein altmodischer Patron, aber er verehre ihn, hatte Ali ihm verraten. Dies mochte für diesen Naivling zutreffen. Ihm, Nabih, machte das keinen Eindruck. Für ihn war dieser Bankbesitzer ein Schädling.
Er sah nach links und rechts, bemerkte niemanden und wollte die Gartentür aufdrücken. Doch die war verschlossen. Kurzerhand stützte er sich auf das Geländer der Tür, hievte sich hinüber und schlich langsam der mannshohen Hecke entlang zur Ecke auf der anderen Seite des Hauses. Dort zog er Hosen und Hemd aus, darunter kam ein schwarzer, eng anliegender Neoprenanzug zum Vorschein. Vorsichtig versteckte er die abgelegten Kleider unter der Hecke, entnahm einer Plastiktasche ein paar Gummihandschuhe, Chirurgenkopfbedeckung und Gummischuhe sowie eine Gesichtsmaske, zog die Dinger an und holte ein Skalpell hervor. Dann sah er in Richtung der Villa. Nichts rührte sich, nur von der Stadt herüber hörte man das von allen urbanen Orten übliche, ununterbrochene Gebrumm. Unter den Bäumen, die das Haus umgaben, war alles schwarz, weder Licht einer Straßenlaterne noch Mondschein drangen in den von einer hohen Thuya-Hecke umgebenen Garten. Die Anspannung war groß, er spürte den kalten Schweiß auf seiner Brust und Stirn. Vorsichtig und lautlos schlich er voran, den linken Arm ausgestreckt, um nicht gegen Gebüsche zu stoßen und Geräusche zu verursachen. Schließlich gelangte er an die Veranda. Von dort sah er, dass hinten in einem Zimmer noch Licht brannte. Die Verandatür war noch nicht zugeschlossen worden. Leise schob er sie auf und betrat das sehr große, elegant eingerichtete Wohnzimmer. Auf Zehenspitzen stahl er sich mit katzenhaften Schritten über die dicken Perserteppiche an der beigen Chesterfield Polstergruppe vorbei in Richtung Lichtquelle und schaute vorsichtig in das Zimmer. Offensichtlich ein Büro. Dort saß, den Rücken ihm zugewandt, Herr Dr. Herbert Keiser, an einem riesigen Bürotisch, seines Zeichens schwerreicher Besitzer einer kleinen Privatbank an der Börsenstraße. Vom Schreibtisch aus konnte der Schreibende beim Aufblicken direkt das Rosenbeet durch das große, bis zum Boden reichende, französische Fenster bewundern. An der rechten Seitenwand hing ein echter Amiet, ein Stillleben. Aber das beeindruckte den schwarzen Mann nicht. Dr. Keiser war gerade dabei, einige Briefe mit seinem goldenen Caran d’Ache Füllfederhalter zu unterschreiben, als er glaubte, ein Geräusch gehört zu haben. Er schaute kurz auf, drehte sich um, konnte aber nichts bemerken. „Wahrscheinlich habe ich mich geirrt“, dachte er und wandte sich wieder seinen Briefen zu.
„Ya Allah“, dachte der schwarze Mann im Neoprenanzug, der ihn aus dem dunklen Flur beobachtete. „Wie kann man in einem solchen Überfluss leben? Goldene Uhr, goldener Siegelring, goldener Füllfederhalter! Dabei hat unser Prophet doch das Tragen von Gold verboten. Seine Gesetze gelten auch für die Ungläubigen! Aber die werden ihre Lektion kriegen. Dafür werde ich sorgen!“ Dann erfasste ihn ein plötzlicher Entschluss, zu handeln. Er trat hinter ihn, riss ihm blitzschnell mit seinem linken Arm den Kopf nach hinten, hielt ihn an seiner Brust und schnitt ihm mit seinem Skalpell mit einem einzigen, großen Schnitt quer durch die Halsunterseite und durchtrennte die großen Blutgefäße, die Luft- und Speiseröhre. Die Blutfontäne spritzte heraus. Dr. Keiser versuchte zu schreien, doch er brachte nur noch ein Röcheln zustande. Der Mann trat einen Schritt zurück, um dem Blutstrahl auszuweichen, blickte auf sein Opfer und wartete, bis Herbert Keisers fuchtelnde Arme schwächer wurden und nach einer halben Minute heruntersanken. Die Todeszuckungen verursachten bei ihm heftiges Herzklopfen und erfüllten ihn mit einer ihm bisher unbekannten, heftigen Lust. Er fühlte sich überlegen, lebendig, stark, einzigartig, allen anderen überlegen. Seine diffusen Frustrationen waren wie weggeblasen. Er besaß Macht, Macht über Leben und Tod.

Das Opfer lag nun da. „Transzendiert in eine andere Welt, oder in die Hölle“, dachte er. Verächtlich blickte er auf die Leiche und machte sich leise auf den Rückweg durch das Wohnzimmer und den Garten zur Ecke, wo er seine Kleider liegen hatte, zog Hand- und Gummischuhe sowie den Neoprenanzug aus, riss sich die Maske vom Gesicht und stopfte alles in eine Plastiktasche Danach zog er Hemd, Hose und Schuhe wieder an und machte sich auf den Weg in Richtung Biberlinstraße und Witikonerstraße. Am Klusplatz nahm er den Fünfzehner, stieg am Bellevue aus und wunderte sich über die vielen Menschen, die sich immer noch zwischen Limmatquai und Stadelhoferplatz herumtrieben oder auf ihr Tram nach Hause warteten. Er spazierte bis zur Mitte der Seebrücke, schaute in Richtung See in die Nacht hinaus und ließ beiläufig das Skalpell in den See fallen. Beim Bürkliplatz nahm er den Zweierund fuhr zum Lochergut, um dann eiligen Schrittes durch die Bertastraße zu gehen. Beim Haus Nr. 26 c öffnete er die Haustür und eilte die Treppe hoch zu seiner Wohnung. Er fühlte sich wohl hier in diesem Sechsfamilienhaus. Die Nachbarn waren freundlich, zurückhaltend und überhaupt nicht neugierig. Vor zwei Jahren hatte er die Wohnung mithilfe eines schwulen Schweizers gefunden, dem er ein einziges Mal nachgegeben hatte und der ihn danach ständig, aber erfolglos anbaggerte. Glücklicherweise hatte der Mann aber trotzdem seine Beziehungen für ihn spielen lassen.
Die Wohnung gefiel ihm gut, er hatte sie mit einfachen IKEA-Möbeln ausgestattet. Statt einer Polstergruppe hatte er eine arabische Nische mit einem orientalischen Teppich, vielen Kissen, einem Kamelsattel, zwei runden, hellbraunen Lederpuffs und einem großen, niederen Clubtisch aus Messing eingerichtet. In einer Ecke in Richtung Mekka befand sich ein Gebetsteppich mit eingebautem Kompass. Das Büchergestell reichte bis zur Decke und enthielt die beiden dicken Wälzer von Steven Runciman über die Kreuzzüge, Biografien über Salaheddin, Gottfried von Bouillon, Bohemund von Tarent, Richard Löwenherz sowie Literatur über die Kriege in Afghanistan, die Krimkriege, einige Bände über die Geschichte des Nahen Ostens, die Geschichte Israels und Palästinas, die Geschichte der Haschemiten und andere Bücher, meistens politischen oder religiösen Inhalts. Der Koran in Arabisch, Englisch und Deutsch stand prominent allein auf einem Tablar, umrandet von zwei Kerzenständern.
Schnell zog er sich aus, trat unterdie Dusche und ließ lange das Wasser über sich herunterlaufen, zuerst sehr heiß, dann sehr kalt. Danach zog er einen Pyjama über und warf die Plastiktaschemit den blutgetränkten Gummikleidern in einen alten Kugelgrill, den er vor einiger Zeit im Brockenhaus der Heilsarmee erworben und auf seinen Balkon gestellt hatte.
„Das hat ja wunderbar geklappt. Das erste Exempel wäre statuiert. Diese Ungläubigen werden es sich zweimal überlegen, bevor sie Allahs Gesetze brechen. Irgendwann werden sie auf unsere Seite herüberkommen. Die Bevölkerung hat eh genug von der Gier und der Gottlosigkeit, die in diesem Land herrschen.“ Er ging zur Gebetsnische und sprach das nächtliche Witr-Gebet. „Oh Allah, leite mich mit denen, die du geleitet hast und heile mich mit denen, die du geheilt hast, und beschütze mich, wie die, die du beschützt hast, und segne das, was du mir gegeben hast, und bewahre mich vor dem Schlechten, das du beschlossen hast, denn nur du bestimmst und niemand bestimmt über dich. Wahrlich, niemand kann gedemütigt werden, wenn du ihn beschützt. Und niemand kann die Oberhand gewinnen, dessen Feind du bist …“
Danach setzte er sich in den einzigen bequemen Sessel auf dem Balkon und zündete sich eine Zigarette an. „Ja, die Oberhand werden diese Ungläubigen nicht behalten. Es geht nicht mehr lange, dann haben wir sie wieder, genau, wie es Allah angeordnet hat. Aber wir müssen dafür kämpfen und diese Weichlinge eliminieren. Allah hat den Kampf gegen die Ungläubigen befohlen.
Mit dem Verbrennen der Sachen warte ich lieber noch ein paar Tage. Morgen wird es einen Aufruhr geben in den Medien, die Bullen werden extrem hellhörig sein. Ein jetzt zufällig vorbeilaufender Mensch könnte auf den Gestank aufmerksam werden und dies der Polizei melden. Ich kann mir jetzt keine Beachtung von anderen Leuten erlauben, schon gar nicht von den Bullen.
Alles ist super gut gelaufen, dank Allahs Hilfe. Man muss eben auch minutiös planen können“, dachte er bei sich.
Schließlich stand er auf, löschte die Zigarette aus und warf den Stummel über das Geländer. Danach trat er zurück in die Wohnung, schloss die Balkontür, öffnete das Fenster, begab sich in sein Schlafzimmer und legte sich aufs Bett. Es war zu heiß, um unter die Bettdecke zu schlüpfen. Wohlig hing er noch ein wenig seinen Gedanken nach. Er, Nabih, fand, er habe halt ein kluges Köpfchen. Nomen est Omen. Er war eben intelligent und für seine Verhältnisse erfolgreich, das war immer so gewesen, soweit er sich zurückerinnern konnte. Seine Eltern liebten ihn innig. Er war der Erstgeborene von drei Söhnen und immer der Bevorzugte gewesen. Seine zwei Brüder waren nach Kanada ausgewandert, sie hatten die Schweiz zu klein und das Leben darin zu überorganisiert gefunden. Vielleicht hatten sie es auch satt, immer nur die zweite Geige spielen zu dürfen.
Er selbst hatte nie ganz verstanden, weshalb sein Vater Jordanien verlassen und bei diesen Kuffars um Asyl gebeten hatte. Er war doch nie verfolgt worden, das hatte er im Kreise der Familie immer zugegeben. Weiß Gott, was für eine Geschichte er diesen behördlichen Naivlingen auftischte, dass sie ihm eine Aufenthaltsbewilligung erteilten. Jedenfalls hatte sein Vater gute Arbeit bei einer großen Baufirma gefunden. Er selbst hatte hier studieren können. Und sein Job im Spital war für ihn okay und sehr gut bezahlt. Rückblickend wäre er wohl lieber in Jordanien aufgewachsen, sein Herkunftsland, das er nur von Besuchen her kannte. Er erinnerte sich an seine Kindheit und sinnierte über die menschliche Anteilnahme seiner Verwandten, über die zwischenmenschliche Wärme, die Solidarität untereinander, aber auch über das harte, einfache Leben. All das hatte ihm großen Eindruck gemacht und ihn irgendwie angezogen. Die wenigen negativen Erlebnisse, die Alltagsschwierigkeiten, das allzu nahe Aufeinander-Leben blendete er aus.
Die Erlebnisse des heutigen Abends kamen zurück: Dieser Bankdirektor ist selbst schuld, weshalb musste er einen solch blöden Job wählen? Allah hatte strikt verboten, Zins zu nehmen und dieser Arsch hatte sich mit dem Nehmen von Zins in einen Geldsack verwandelt. Was hatte er jetzt davon? Zufrieden, seine „Mission“ erfolgreich beendet zu haben, schlief er ein mit dem Gedanken, etwas Wichtiges vollbracht zu haben.
G
Nabih Thabet, so hieß er mit vollem Namen, hatte sein Heil im strikten Glauben an Gott und seinen Gesandten Mohammed gefunden, und sich zur Pflicht gemacht, prominente Übertreter der Gesetze Allahs zu bestrafen. Das hatte er zusammen mit seinen Freunden unter der Führung des Imams beschlossen. Er hatte nun eine Bestimmung, sein Leben ein Leitmotiv. Er war verpflichtet, seinen Glauben mit allen Mitteln zu verbreiten. Alle Hindernisse auf diesem Weg mussten aus der Welt geschafft werden.
Nach Beendigung seiner Strafaktionen wollte er definitiv in das Land seiner Väter zurückkehren, und das war ja nicht nur Jordanien, sondern das Kalifat Großarabien.
Schon in der Schule war er immer gut gewesen, in der Fachhochschule sogar der Beste seines Jahrgangs. Das hatte diesen überheblichen Schweizern, die meinten, Araber seien dumm und ungebildet, ziemlich Mühe bereitet. Dabei war er hier geboren und hatte sich immer angepasst, sein Außenseitergefühl hatte er immer gut verstecken können. Früher hätte er dank seines guten Aussehens alle Mädchen (und auch Männer) haben können und hatte auch viele davon gehabt, aber Allah hatte ihn aus diesem Sumpf herausgeleitet. Durch Zufall lernte er den frommen Zirkel von Imam Rashid kennen. Hier hatte er zum ersten Mal ein Gefühl der Zugehörigkeit gespürt. Mit ihm und einigen anderen Mitgliedern des Zirkels teilte er das sich Ausgegrenzt-Fühlen von der Gesellschaft, in der sie lebten, eine Art Blick des Flüchtlings auf die eigene Umgebung. Rashid hatte sich in den Kopf gesetzt, den Schweizern eine Lektion zu erteilen und sie das Fürchten zu lehren. Er war beherrscht vom Impuls, seine Mitmenschen in seiner Gewalt zu haben, sie zu einem Objekt des eigenen Willens zu machen. Er glaubte, Allahs Willen umzusetzen und verdrängte die Tatsache in sein Unterbewusstsein, dass er eine blasphemische Gottähnlichkeit anstrebte.
Nabih war zum Auserwählten, zum Instrument ausgewählt, die erste Aktion durchzuziehen. Sein Schneid, seine rasche Auffassungsgabe und sein glühendes Sendungsbewusstsein hatten Imam Rashid und seine Mitgläubigen überzeugt. Rashid brachte ihn mit Ali in Verbindung, der bei dieser ausbeuterischen Bank arbeitete. Ali schien den Banker immer geachtet zu haben, jedenfalls sprach er nur Löbliches über ihn, was allen anderen ein Rätsel war. Aber er berichtete auch sonst alles über diesen Keiser: Adresse, Familienverhältnisse, Tagesablauf, einfach alles. Danach war es ein Leichtes gewesen, die Sache zu planen, die Villa auszukundschaften und die nötigen Utensilien in Deutschland einzukaufen. Nabih war ein vorsichtiger Mann und wollte keinesfalls irgendwelche Fingerabdrücke oder DNA-Spuren hinterlassen. Auch wenn er nirgendwo registriert war. Man konnte nie wissen.
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Hauptkommissar Loeb war ein erfolgreicher Mann mit einer weit überdurchschnittlichen Aufklärungsquote bei Kapitalverbrechen. Er war klug, umgänglich, stets hilfsbereit, manchmal sogar charmant. Mit seinem dichten, eisgrauen Haar und seinen bergseeblauen Augen sah er immer noch blendend aus, trotz eines kleinen Bauchansatzes. In seinem Team war er überaus beliebt. Er war Jude, doch seine Umgebung war sich dessen kaum bewusst. Loeb war weder gläubig noch identifizierte er sich mit der jüdischen Kultur, interessierte sich aber am Rande schon dafür. Er war in den Bündner Bergen aufgewachsen, nach denen er sich heimlich immer noch sehnte. Seine Familiengeschichte war für biedere schweizerische Verhältnisse ziemlich ungewöhnlich.
„Wir haben eine etwas lustige Familiengeschichte“, pflegte er als Erklärung abzugeben, wenn ihn jemand fragte, weshalb er einen jüdischen Namen trug. „Mein Urgroßvater Loeb kam aus dem Elsass. In den Ferien in Bergün verliebte er sich in die Tochter des Gastwirts. Die beiden heirateten, ihre Kinder waren aber nach jüdischer Lesart keine Juden mehr. Das Judentum kann man nur über die Mutter erben. Deshalb waren mein Großvater und mein Vater keine Juden mehr, ihre Mütter waren einheimische Bauerntöchter. Aber mein Vater hatte seine Schreinerlehre in Zürich gemacht, dort meine Mutter, eine Jüdin namens Guggenheim aus dem Aargau, geheiratet, und somit bin ich wieder Jude.“
Ihm standen die Berge, die Bergbewohner und die Natur näher als die jüdische Kultur. Seine Freizeit verbrachte er in seiner gebirgigen Heimat, wann immer es ihm möglich war. Literatur oder Opernbesuche lagen ihm nicht besonders, sein Lesehunger beschränkte sich auf Zeitungen und Zeitschriften. Aber eines liebte er: die klassische Musik. Und als sehr sinnlicher Mensch hatte er die Kochkunst zu einem seiner Hobbys erkoren, gutes Essen ging ihm über alles.
Heute war er schon sehr früh aufgestanden. Die ganze Nacht hatte er sich unruhig im Bett hin und her gewälzt, geschwitzt und kaum geschlafen. Nun stand er, nur mit einem Slip bekleidet, auf dem Balkon und ließ sich von der frischen Morgenluft die Stirn kühlen. Er liebte diese beste Stunde des Tages, die Muße, in der er die Rosenbüsche bewundern und fühlen konnte, wie die Stadt langsam und still in den Tag glitt.
Jäh wurde diese Beschaulichkeit unterbrochen durch ein schrilles Geläut seines Telefons. Ungehalten trat er zurück ins Wohnzimmer, griff zum Telefon und meldete sich schroff.
„Loeb!“
Was nun folgte, erwies sich als Horrornachricht.
„Ich komme sofort! Rufe bitte mein Team zusammen, die sollen direkt zum Tatort fahren.“
Dann hastete er in die Küche. Auf seinen gewohnten Morgenespresso wollte er nicht verzichten. Schließlich zog er sich eilig an, rannte die Treppe hinunter zu seinem Motorrad und raste durch die beinahe noch leeren Straßen zum Klusweg. In wenigen Minuten würden seine nächsten Mitarbeiter eintreffen: Pascal Chenaux, welscher Herkunft, den kurz vor der Pension stehenden Karl Knobel sowie Bruno Spühler, ein etwas unangenehmer Zeitgenosse mit rechtsextremen Tendenzen. Zwei Polizeiwagen fuhren mit Blaulicht vor, dahinter der VW-Bus mit der Spurensicherung.
Nach kurzem Läuten öffnete ihnen ein Mann, ohne ein Wort der Begrüßung. Mit einer Handbewegung wies er sie ins Büro des Bankers. Am Tatort bot sich ihnen ein Bild des Grauens. Wände und Möbel wiesen überall Blutspritzer auf, die Leiche war rot von Blut. Am Boden eine Blutlache, die nur teilweise vom dicken Teppich aufgesogen worden war. Schweigend standen die Polizisten im Zimmer, so etwas hatten sie noch nie gesehen.
Loeb starrte auf den Leichnam. „Warum tue ich mir das eigentlich an?“, fragte er sich und schüttelte den Kopf. „Warum schaue ich mir diesen Horror an, statt bei diesem Wetter auf die Ela-Hütte zu wandern?“
Aber seit eh und je fühlte er in sich ein Pflichtgefühl, das stärker war als seine Bedürfnisse.
„Meine Frau braucht einen Arzt, sie hat einen Schock“, wagte sich endlich der Mann, der ihnen die Tür geöffnet hatte, an Loeb zu wenden. Dieser gab Knobel ein Zeichen.
„Sie sind der Mann der Haushälterin?“, fragte Loeb.
„Ja, ich bin der Gärtner und Chauffeur, wir sind hier als Ehepaar angestellt. Oder besser gesagt waren.“
Er wischte sich eine Träne aus den Augen. Ob des schrecklichen Anblicks wegen oder wegen der nun wohl verlorenen Arbeit war nicht auszumachen.
„Können Sie ein paar Fragen beantworten?“
„Ja, sicher, aber meine Frau hat ihn gefunden, ich war noch draußen, als sie zu schreien begann und nicht mehr aufhören wollte. Zuerst dachte ich, ihr selbst sei etwas passiert und eilte durch die offene Gartentür ins Haus. Den Rest sehen Sie selbst.“
„Gut. Vielleicht gehen Sie besser ins Nebenzimmer und setzen sich dort hin. Mein Kollege Herr Knobel wird gleich bei Ihnen sein. Der Arzt für Ihre Frau ist auch avisiert.“
„Danke.“
„Wann haben Sie denn mit Ihrer Arbeit begonnen?“
„Frau Keiser befindet sich in ihrem Haus in Spanien. Da fangen wir erst so um elf, halb zwölf Uhr an.“
Mittlerweile war auch die Gerichtsmedizinerin Frau Dr. Walser eingetroffen und hatte ihren Koffer neben der auf dem Stuhl halb liegenden, halb sitzenden Leiche abgestellt.
„Um Gottes willen, das sieht ja nach dem Werk eines Schojchet aus.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 206
ISBN: 978-3-99048-110-3
Erscheinungsdatum: 10.06.2015
EUR 15,90
EUR 9,99

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