Krimi & Spannung

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Willi Kuhlmann

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- das Ziel -

Leseprobe:

<strong>Prolog</strong>

Der kalte Novembersturm fegt über das westliche Land Brandenburg und wühlt die Wasserfläche des Beetzsees auf. Die Bäume am Ufer peitschen wild mit ihren Ästen auf und ab und ihre Kronen neigen sich bedrohlich zur Seite, gerade so, als wollten sie sich ehrfürchtig vor ihrem Peiniger verbeugen.
Das an den See angrenzende, von dichten Büschen gesäumte Grundstück ist von einem hohen, mit Stacheldraht gespickten Zaun umgeben, auf dessen Pfosten in regelmäßigen Abständen Überwachungskameras angebracht sind, deren rote Kontrolllampen wie die Augen von Zyklopen in der Dunkelheit glühen.
Inmitten dieses Areals steht ein mit roten Klinkern verkleidetes, wuchtiges Haus, dem zur Seeseite ein Flachbau vorgelagert ist. In diesem sitzen rauchend vier Sicherheitsleute an einem runden Tisch und spielen Karten. Ab und zu werfen sie abwechselnd einen Blick auf die zwölf Monitore an der Wand und ­sehen gelegentlich die schemenhaften Umrisse der drei muskulösen, abgerichteten Rottweiler, die das Gelände durchstreifen, auf einem der Bildschirme vorbeihuschen.
Durch die zugezogenen, schweren Vorhänge an den Fenstern im Erdgeschoss des Haupthauses dringt nur matter Lichtschein nach draußen. Die beiden Männer, die am wärmenden, knisternden Kaminfeuer sitzen, nehmen von der Außenwelt nichts wahr, denn dickes Sicherheitsglas dämpft das Geräusch des an die Scheiben prasselnden Regens und das Heulen des Sturmes.
Der eine der beiden Männer am Kaminfeuer, ein großer, schlanker Mittfünfziger mit grauer Löwenmähne und markanter Stimme, erhebt sich aus seinem wuchtigen Ledersessel, geht zu einem nicht minder imposanten Schreibtisch, nimmt sich eine Zigarre aus dem dort stehenden Teakholzkästchen und zündet sie an.
„Verdammt! Die Sache läuft uns aus dem Ruder! Wir müssen uns etwas einfallen lassen, um den Missstand zu beseitigen“, knurrt er paffend und setzt sich wieder auf seinen Platz.
„Ja, du hast recht, die sind stutzig geworden und wollen eine Untersuchung einleiten.“ Der Partner des Grauhaarigen, untersetzt und ein paar Jahre älter, tupft sich aufgeregt mit einem
Taschentuch den Schweiß von der Glatze und fährt fort: „Ich habe geahnt, dass etwas schiefgeht! Hätte ich mich nur nicht auf deinen Vorschlag eingelassen. Von Beginn an …“
„Nun mach mal halblang!“, presst der Grauhaarige zwischen den Zähnen hervor. Er beugt sich nach vorne, greift ein Buchenscheit und wirft es in den Kamin, dass die Funken stieben. „Von Beginn an warst du begeistert von meinen Vorschlägen! Wir haben all die Jahre hervorragende Geschäfte getätigt und nicht zu knapp kassiert! Deine Idee war es, das Geld für unseren letzten Deal von deinen Firmenkonten zu nehmen. Du hast über deinen Schreibtisch alles umgeleitet und jetzt, wo es ein wenig brenzlig wird, bekommst du kalte Füße. Tut mir leid, alter Freund, mitgefangen, mitgehangen“, zischt der Grauhaarige und in seinen Augen spiegelt sich, wie zur Warnung, das Kaminfeuer.
„Ich habe fast mein gesamtes Privatvermögen in das Geschäft gesteckt, dann das Geld aus der Firma, wenn wir auffliegen, kann ich mich erschießen!“ Nervös nippt der Untersetzte an seinem Weißwein.
„Du weißt genau, dass von mir ebenfalls sehr viel investiert wurde, denkst du, wenn sie uns erwischen, passiert mir weniger als dir?“
„Wie kannst du nur so ruhig bleiben? Wir müssen eine Lösung finden – und zwar schnell!“
„Falls es überhaupt eine Untersuchung geben sollte, wie ­lange wird es deiner Meinung nach dauern, bis die auf irgendetwas stoßen?“
„Es ist alles gut, ach was sage ich, sehr gut getarnt. Verschiedene Konten, Scheinfirmen im Ausland, alles von mir persönlich eingerichtet. Das alles aufzuspüren und zu mir zurückzuverfolgen wird meines Erachtens mindestens sechs bis sieben Monate dauern, wenn nicht acht.“ Der Untersetzte spricht die letzten Worte mit Nachdruck, als wolle er sich selbst beruhigen.
„Das ist doch prächtig, dann …“
„Was sagst du da?“ Erregt, mit einer Behändigkeit, die man ihm nicht zugetraut hätte, springt der Ältere aus seinem Sessel hoch. „Was ist daran prächtig, wenn …, wenn sie uns …“
„Lass mich doch erst ausreden“, beschwichtigend hebt der Grauhaarige die Hände und fordert den anderen auf, sich wieder zu setzen: „Bleib ruhig und nimm wieder Platz. Durch meine Tätigkeit habe ich, wie du weißt, gute Beziehungen ins Ausland. Nachdem ich mit einigen Freunden im Nahen Osten Kontakt aufgenommen habe, unauffällig natürlich, wurde mir gestern eine Nachricht übermittelt. In dieser Nachricht standen ein Name, eine Adresse und die Nummer eines Postfachs. Wir müssen uns nun entscheiden, ob wir mit der Person Verbindung aufnehmen oder nicht.“
„Welcher Name? Welche Person? Wozu Verbindung aufnehmen?“ Der Untersetzte wirkt ratlos und schaut sein Gegenüber fragend an.
„Weil diese Person, es handelt sich übrigens um einen Mann, uns vielleicht von unseren Sorgen befreien kann.“
„Ach so. Du schreibst ihm, er soll uns mal schnell 30 Millionen überweisen – und zack“, der Dicke schnippt mit den Fingern, „ist das Geld auf unserem Konto und wir sind aus dem ­Schneider. Dem großen Unbekannten schicken wir ein Dankschreiben und alles ist in bester Ordnung. Du erlaubst, aber dein Vorschlag lässt mich nicht in Jubelarien ausbrechen, er löst bei mir eher Heiterkeit aus.“ Mit einem Zug leert er sein Glas und füllt es aus der auf dem Tisch stehenden Weinflasche wieder auf.
„Hör mir zu, dann kannst du dich entscheiden. Der Mann heißt Bernhard Koos. Das ist mit Sicherheit nicht sein richtiger Name, aber das kann uns egal sein. Er wurde im Libanon ausgebildet und erledigt gegen gute Bezahlung gefährliche Aufträge aller Art. Mein Informant berichtet, dass dieser Koos immer mit einer Frau zusammenarbeitet. Die beiden waren in den letzten Jahren die Drahtzieher und gleichzeitig auch die Ausführenden bei einigen Attentaten auf Politiker im Nahen Osten sowie bei Anschlägen, die gegen Ziele in Israel gerichtet waren. Er arbeitet korrekt, plant seine Einsätze bis ins kleinste Detail, kurz, er ist hundertprozentig zuverlässig. Niemandem ist es bis heute gelungen, ihn oder die Frau zu identifizieren. Laut meinem Informanten geht aber das Gerücht um, dass er aus den neuen Bundesländern stammen soll.“
„Deiner Schilderung nach ist das ein ausgebildeter Terrorist, mein Lieber, was soll er für uns tun? Ich glaube nicht, dass du ihn zu einem Bankraub überreden kannst“, der Untersetzte lacht und schlürft aus seinem Weinglas.
„Er hält sich zurzeit hier in Deutschland auf und ich habe schon einen Brief aufgesetzt, in dem ich ihn bitte, mit mir Kontakt aufzunehmen. Selbstverständlich erhält er nur die Telefonnummer, die wir beide kennen, und es werden natürlich keine Namen genannt. Sollte er den Auftrag annehmen, werde ich nur zu fest vereinbarten Terminen für ihn erreichbar sein.“
„Und wie soll er, wenn ich fragen darf, die 30 Millionen, die wir brauchen, für uns auftreiben?“
„Weißt du noch, wo wir vor vier Monaten waren? Privat, meine ich?“
„Ja klar, im Urlaub. Was soll die Frage?“
„Und was haben wir uns dort angesehen?“ Genüsslich saugt der Grauhaarige an seiner Zigarre und amüsiert sich über dieses Frage- und Antwortspiel.
„Meinst du …?“
„Sehr gut, mein Freund“, unterbricht der Grauhaarige, „genau das meine ich.“
„Wie bitte? Ich kann dir nicht folgen.“
„Also, du enttäuscht mich, alter Freund, du bist doch sonst nicht so schwer von Begriff. Genau dort muss dieser Koos ansetzen, um uns die Millionen zu besorgen.“ Der Grauhaarige sieht in das fragende Gesicht des Untersetzten, legt seine Hand auf dessen Unterarm und flüstert verschwörerisch: „Damals ging mir ein Gedanke durch den Kopf, der mich seitdem nicht mehr losgelassen hat.“ Er beugt sich noch näher zu seinem Gegenüber, dreht seinen Kopf kurz nach links und nach rechts, als ob er sich vergewissern wollte, dass außer ihnen beiden niemand zuhört, und fährt dann fort: „Wie wäre es wohl, wenn eine schwer bewaffnete Gruppe da zur besten Urlaubszeit auftaucht, die Touristen als Geiseln nimmt und Lösegeld erpresst. Die Zufahrten und Fußwege dorthin sind sehr gut abzusichern, und wie du selbst gesehen hast, kann niemand ungesehen herankommen. Eine Erstürmung durch Spezialeinheiten ist aus diesem Grund unmöglich, es sei denn, jemand will das Leben von 200 bis 300 Geiseln gefährden.“
Wie hypnotisiert kleben die Blicke des Glatzköpfigen an den Lippen des Mannes, der sich nun in den Sessel zurücklehnt und durch einen kräftigen Zug die Spitze seiner Zigarre rot glühen lässt. „Na, was sagst du dazu?“, fragt er, spitzt die Lippen und bläst kleine Rauchkringel zur Decke.
„Du willst …, du meinst …, oh mein Gott, du bist verrückt geworden!“ Die Lippen des Untersetzten zittern.
„Von wegen verrückt. Meine Idee ist grandios. Das klappt, das muss klappen, wenn wir unsere Ärsche retten wollen. Verdammt, wir haben über Jahre hinweg Waffen in sämtliche Regionen der Welt geliefert. Nach Afrika zu Rebellenführer Laurent Kabila, nach Afghanistan zu den Radikalislamischen Taliban-Milizen, nach Sierra Leone zu den Rebellen der Revolutionären Vereinigten Front und, und, und. Alles lief bestens, bis uns diese Südamerikanischen Dreckskerle Honig ums Maul schmierten und wir beiden Trottel da­rauf hereingefallen sind und sämtliche Reserven flüssig gemacht haben!“ Wutschnaubend und mit hochrotem Kopf schleudert der Grauhaarige seinen Zigarrenstummel in den Kamin und seine Augen glänzen hasserfüllt im Feuerschein.
„Gibt es keinen anderen Weg, wieder an unser Geld zu kommen?“, fragt der Untersetzte zögernd.
„Wie denn, alter Freund? Unser ganzes Kapital, das wir für den letzten großen Coup bereitgestellt hatten, ist ein für alle Mal in den dunklen Kanälen des Drogenkartells verschwunden. Soll ich vielleicht unsere Bundeskanzlerin bitten, ein Rettungspaket für uns zu schnüren?“, fragt er zynisch. „Wenn mir mein Mittelsmann in Kolumbien nur früher einen Tipp gegeben hätte, dann …“
„Jammern hilft uns auch nicht, sagst du immer, also wird wohl keine andere Möglichkeit in Betracht kommen, als die, die du vorgeschlagen hast“, sagt der Dicke und leert sein drittes Glas Wein.
„Genau, und um diese Drogendealer, die uns gelinkt haben, kann sich unser neuer Freund kümmern, wenn er das Unternehmen erfolgreich abgeschlossen hat.“
Während sich der Untersetzte nachschenkt, fragt er: „Wie kommt dieser – wie heißt er gleich – Kohn?“
„Koos, Bernhard Koos.“
„Wie kommt dieser Koos von dort wieder weg? Wenn niemand ungesehen an das Ziel herankommen kann, ist es sicher auch schwer, unentdeckt wegzukommen, oder?“
„Das, mein Freund, das zu planen und auszuführen bleibt allein Koos und seinen Leuten überlassen, vorausgesetzt, er nimmt den Auftrag an.“
„Also gut, zeig mir den Brief!“

Zwei Stunden später, nach weiteren drei Gläsern Wein, lässt der Untersetzte von seinem Fahrer den Wagen, eine schwere Mercedes Limousine, vorfahren. „Gott möge uns beistehen, falls die Sache schiefgeht!“, verabschiedet er sich mit schwerer Zunge und leicht wankend von seinem Gastgeber. „Warten wir’s ab“, der Grauhaarige sieht in die vom Alkohol benebelten Augen seines Partners, „warten wir’s ab.“
Etwas unbeholfen steigt der Untersetzte in seinen Wagen und lässt sich durch die stürmische, regnerische Nacht zurück nach Frankfurt fahren.

<strong>1. Kapitel</strong>

Am Dienstag, nach dem geheimen Treffen der Männer in dem Wochenendhaus am Beetzsee, verlässt René Meißner, alias Bernhard Koos, seine Unterkunft in der Blütenstraße in München. In der vor vier Wochen gemieteten Wohnung im Stadtteil Schwabing lebt er mit Sonja Berger in völliger Anonymität. Dennoch schaut er sich unauffällig um, als er aus dem Haus auf den Gehsteig tritt. Er wendet sich in Richtung Türkenstraße und biegt in diese nach links ein. Nach einigen Metern bleibt er vor einem Gebäude stehen und tut so, als suche er eine Adresse. Er zieht einen Zettel aus seiner Jackentasche und studiert diesen scheinbar aufmerksam. Dann geht er weiter in nördliche Richtung bis zur Adalbertstraße, in die er nach rechts einbiegt. Meißner läuft zwei Häuserblocks weiter, über die Amalienstraße in öst­liche Richtung, wechselt zweimal die Straßenseite, um anschließend mit schnellen Schritten seinen Weg nach rechts in die Ludwig­straße fortzusetzen. Dort verlangsamt er seine Gangart und geht gemächlich über den Geschwister-Scholl-Platz an der Maximilians-Universität zur U-Bahn-Haltestelle. Nur eine Station später steigt er am Odeonsplatz wieder aus, nimmt zwei Stufen auf einmal nach oben und setzt seinen Weg an der Südseite des Hofgartens fort. Unter ausladenden Bäumen geht er in östlicher Richtung bis zum Franz-Josef-Strauß-Ring. Dort überquert er an den Fußgängerampeln die fünf Fahrbahnen, biegt nach Norden ab, um kurz darauf seinen Weg wieder nach Osten, in die Sigmundstraße, fortzusetzen. Über die Seitzstraße gelangt er schließlich in die Bruderstraße, auf der er in nördlicher Richtung bis zu seinem Ziel, der Unsöldstraße, mit zügigen Schritten läuft. An den schräg in den Parkbuchten abgestellten Fahrzeugen vorbei schlendert er an der zu seiner Linken liegenden Postfiliale, die in Nummer neun bis elf untergebracht ist, vo­rüber. Nach einigen Metern dreht sich Meißner jedoch unvermittelt um und wäre beinahe mit einer älteren Frau zusammengeprallt, die dicht hinter ihm gegangen ist.
„Passen Sie doch auf, Sie Flegel, Sie!“, giftet sie ihn an und schüttelt vorwurfsvoll den Kopf.
„Entschuldigung“, murmelt er knapp und setzt ein entwaffnendes Lächeln auf.
Die Alte geht weiter und brabbelt vor sich hin, von den anderen Passanten, die an ihm vorbeilaufen, hat jedoch keiner von dem Vorfall Notiz genommen. Er sieht auch keine Person, die irgendwie auffällig wirkt oder nicht in die Umgebung passt, und so entschließt er sich, in das Postamt zu gehen.
Mit seinem Schlüssel öffnet er das angemietete Postfach und entnimmt diesem ein Kuvert. Er steckt es in die Innentasche seiner Jacke, schließt das Postfach wieder ab und geht nach draußen. Meißner blickt sich kurz um und macht sich auf den Rückweg. Unterwegs hält er einmal inne und bückt sich, um augenscheinlich seinen Schnürsenkel zuzubinden. Er sieht sich vorsichtig um. Seinem scharfen, geschulten Blick entgeht nichts. Beruhigt setzt er seinen Weg fort, bleibt einige Male scheinbar unschlüssig stehen, wechselt ab und zu die Straßenseite, bis er endgültig sicher ist, nicht verfolgt zu werden.
Gut zwei Stunden, nachdem er aus dem Haus gegangen ist, schließt er die Wohnungstür auf.
„Sieht so aus, als gäbe es Arbeit!“, ruft er durch die ­Diele, während er seine Jacke auszieht und am Garderobenständer aufhängt. Er greift in die Innentasche und fingert den Umschlag heraus.
„Wird auch Zeit, dass wieder Bewegung in unser Leben kommt“, Sonja erscheint in der Tür des Badezimmers, „ich bin schon fast eingerostet.“ Barfuß und mit der rechten Hand das große Badetuch, das um ihren Körper geschlungen ist, haltend, folgt sie René ins Wohnzimmer.
Er reißt den Umschlag auf, betrachtet kurz eine Fotografie und legt sie auf den Tisch. Er faltet ein Blatt Papier auseinander, liest das Schreiben und pfeift, während er sich langsam auf die Couch setzt, anerkennend durch die Zähne.
„Was Größeres?“, fragt Sonja, die mit leicht zur Seite geneigtem Kopf vor ihm steht und sich mit den gespreizten Fingern ihrer Linken durchs nasse Haar fährt.
„Hier“, er reicht ihr den Brief, der ohne Anrede beginnt und selbstverständlich keinen Absender trägt.
Langsam im Zimmer hin und her gehend, liest sie halblaut vor: „Ein Freund und ich sind durch äußerst widrige Umstände in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Nach langen ­Diskussionen und reiflichen Überlegungen sind wir übereingekommen, uns Ihre Fähigkeiten zunutze zu machen. Durch meine Verbindungen in den Nahen Osten ist es mir gelungen, Ihre Kontaktadresse und Ihren – wie ich vermute – Decknamen in Erfahrung zu bringen.
Den Auftrag, den Ihnen mein Geschäftspartner und ich hiermit erteilen, ist folgender: Sie beschaffen uns bis spätestens 28. Juli nächsten Jahres 30 Millionen Euro.
Da diese Summe – wie Sie sicher bestätigen werden – einen stattlichen Betrag darstellt, wird der Auftrag, den Sie ausführen sollen, sicher sehr hohe Anforderungen an Sie stellen. Die ­exakte Planung, der gesamte Ablauf des Unternehmens und der Zeitpunkt, an dem Sie losschlagen wollen, bleibt Ihnen überlassen. Ihr Anteil wird der Betrag sein, den Sie über die oben genannte Summe hinaus herausschlagen. Die gesamte Summe können Sie von der Regierung des Landes, in dem das Unternehmen stattfindet, erpressen. Da das Ziel, das ich für Sie ausgesucht habe, an mindestens vier Monaten im Jahr von sehr vielen in- und ausländischen Touristen besucht wird, bin ich der festen Überzeugung, dass Ihren Forderungen ohne zu zögern nachgekommen wird.
Wir stellen Ihnen selbstverständlich die finanziellen Mittel, die Sie zur Vorbereitung des Unternehmens benötigen, zur Verfügung. Sie erreichen mich freitags und sonnabends zwischen 19 und 19.30 Uhr unter der Rufnummer 01724368.
Sollten Sie den Auftrag annehmen, rufen Sie mich kommenden Freitag an und wir klären offen stehende Fragen. Bei positivem Bescheid wünsche ich Ihnen im Voraus viel Erfolg, lehnen Sie ab, haben wir noch nie von Ihnen gehört.
Ach ja, bevor ich es vergesse, damit Sie sich einen Eindruck über das Ziel verschaffen können, habe ich eine Fotografie beigelegt, auf deren Rückseite die genaue geografische Lage aufgeschrieben ist.
Martin“

„Donnerwetter!“, bewundernd nickt Sonja, „da hat sich einer ein tolles Ding ausgedacht.“
„Ja, hört sich nicht schlecht an“, René tippt mit dem Zeigefinger auf das Foto, „wir werden uns das Ziel aus der Nähe ansehen und dann entscheiden.“
„Meinst du, es ist durchführbar?“ Sonja gibt René den Brief zurück, setzt sich zu ihm und legt ihm den Arm um die Schulter.
„Diesem Martin muss das Wasser bis zum Hals stehen, trotzdem will ich nichts übers Knie brechen. Morgen mieten wir uns einen Wagen und sehen uns in aller Ruhe das Ziel aus der Nähe an, dann schauen wir weiter“, antwortet er und haucht ihr einen Kuss auf die Wange.

Am Vormittag des nächsten Tages brechen sie mit einem geliehenen, silbergrauen BMW 523i auf. Der Tag ist grau und regnerisch und sie sehen nicht viel von der herrlichen Landschaft, durch die sie fahren. Das Navigationsgerät lotst sie von der Autobahn auf die Bundesstraße 305. Nach weiteren 30 Minuten Fahrt stoppt Meißner den BMW auf einem Parkplatz, steigt aus und wartet, bis Sonja neben ihm steht.
„Sieh dir das an“, sagt er und schaut durch die tief hängenden Wolken nach oben, „das Ziel.“
Sie greift nach dem mitgebrachten Fernglas, das er ihr hinhält. Der feine Regenschleier lässt sie nur schemenhafte Umrisse erkennen.
„Unglaublich“, murmelt sie dennoch, nicht in der Lage, den Blick abzuwenden.
„Das ist eine erstklassige Idee von diesem Martin“, stellt René fest, „so wie’s aussieht, kann uns niemand von dort vertreiben, ohne gewaltig Federn zu lassen. Komm, fahren wir ein wenig durch die Gegend, um uns ein Bild zu machen.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 244
ISBN: 978-3-99003-553-5
Erscheinungsdatum: 02.08.2011
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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EUR 10,99

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