Krimi & Spannung

Schwarzer Halbmond

Sarah Samuel

Schwarzer Halbmond

Leseprobe:

KAPITEL 1

Ibrahims angsttriefende Augen starrten verwirrt auf eine groteske Gestalt. Der Mann vor ihm hatte seine rot-weiß karierte Ghutra über das Gesicht gezogen, sodass nur mehr ein Augenschlitz offen blieb, aus dem es schwarz und böse funkelte. Auf seiner Stirn prangte eine hochgezogene Schweißerbrille und seine rechte Hand umklammerte einen noch unangezündeten Schweißbrenner, mit dem er hektisch herumgestikulierte. Eine Thobe, der traditionelle arabische Überwurf, das pure Weiß etwas befleckt durch die handwerkliche Tätigkeit des Trägers, umhüllte seinen klobigen und massigen Körper. Der schmächtige Ibrahim saß nackt auf einem Lehnstuhl, aber eher unbequem, denn er war mit starken Kunststoffkabeln, die tief in sein Fleisch schnitten, an das Sitzmöbel gefesselt – der Oberkörper an die Rückenlehne, die Unterarme an die Armlehnen und die Unterschenkel an die Stuhlbeine. Damit bot er der seltsamen Erscheinung vor ihm viele Arbeitsflächen: Gesicht, Hals, Brustkorb, Unterleib, Geschlechtsteil, Oberarme, Unterarme, Hände, Oberschenkel, Waden, Füße.
Das rund 30 Quadratmeter messende Kellergeviert war für die vorgesehenen Verrichtungen vorbildlich ausgerüstet. Neben der Schweißgarnitur in der Version für Heimwerker gab es Metallstäbe mit Stromanschluss, Peitschen, diverse Holzknüppel und Eisenstangen, Handschellen, eine von der Decke hängende Stahlkette mit einem Fleischerhaken daran, eine Herdplatte und eine großzügig dimensionierte Wasserwanne. Weitere Instrumente wie brennende Zigarettenstummel und Rasiermesser konnten ad hoc jederzeit einsatzbereit gemacht werden. Grelles Neonlicht durchstrahlte den Werkraum, denn die hier zu leistende Präzisionsarbeit erfordert klare Sichtverhältnisse.
Das Schweißgerät bot mehrfache Anwendungen, je nach der Fantasie des Benutzers. Die einfachste und unmittelbarste Gebrauchsform bestand wohl darin, Teile von Ibrahims Haut mit der Gluthitze des Schweißbrenners zu versengen. Dabei riskierte man allerdings die Ohnmacht des Opfers, was sich letztlich im Sinne einer nachhaltigen Leidenserfahrung als kontraproduktiv herausstellen konnte. Daher war der Ideenreichtum des Anwenders gefordert.
Ibrahim verfolgte mit klammem Entsetzen die ihm willkürlich erscheinenden Bewegungen des Schweißbrenners in der Luft, die aber vielleicht exquisite orientalische Ornamente nachzeichneten, welche nur dem Ausführenden bekannt waren. Für die dekorative Kunst hatte Ibrahim jedoch im Augenblick wenig Empfinden.
Plötzlich rief der Schweißer in der Thobe im gutturalen Tonfall des saudischen Arabisch, bei dem jede Silbe aus der Kehle krampfhaft hervorgewürgt wird, unverhohlen und grimmig drohend:
„Du räudiger Straßenköter! Du dreckiges Mistschwein! Du syrischer Versager! Du kommst mir heute gerade recht. Meine Paradieshure gibt schon wieder vor, dass sie in der roten Periode ist. Da kann ich mich an dir auslassen.“
Ibrahim merkte am Akzent, dass die vermummte Gestalt vor ihm eine der lebenden Subventionen der Beduinenkönige an die Organisation war, also einer der Kerle, von denen man munkelte, dass sie für das saudi-arabische Innenministerium oder, schlimmer noch, für die Religionspolizei Hai’a gearbeitet hatten. Seine Visage verhüllte der Saudi klarerweise deswegen, damit man sich nicht an ihm rächen konnte, wenn man ihn später einmal irgendwo alleine erwischte.
Der arabische Schweißer sprach unter dem Tuch, das seinen Mund verhüllte, laut weiter:
„Ich habe mich schon lange gefragt, Ibrahim, wozu du eigentlich Zehennägel brauchst. Die sind doch total überflüssig, oder? Auf ein paar mehr oder weniger kommt es daher nicht an. Was sagst du dazu? Ach ja, du kannst leider nicht antworten. Ich habe dir sinnigerweise das blöde Maul vollgestopft. Darum ist unser Gespräch so einseitig. Aber du wirst schon noch die Gelegenheit bekommen, zu reden, keine Sorge. Ich glaube, du wirst sogar in den höchsten Tönen singen und uns beide damit blendend unterhalten.“
Sodann schob er die dunkle Schweißerbrille vor seinen Sehschlitz und entzündete den Schweißbrenner. Der eigentümliche Handwerker brachte ihn wie von ungefähr in die Nähe von Ibrahims Schienbeinen und versengte die Haare darauf und gleich auch mit bösartiger Absicht etwas Haut mit dazu. Mit tiefer Genugtuung in der Stimme setzte der Vermummte fort:
„Das riecht wie beim Grillen, ja! Aber jetzt schau einmal gut zu, damit du siehst, wie man seine Arbeit richtig macht, inschallah. Ich hole mir eine Beißzange aus der Werkzeugkiste. Eine kleine genügt, denn ich fange ja bei den niedlichen kleinen Zehennägeln an. Und nun bringe ich sie auf Betriebstemperatur, damit du auch etwas spürst, wenn ich deine stinkenden, ungewaschenen Füße einer Pediküre nach meiner Façon unterziehe.“
Er fuhr einige Male mit dem Schweißbrenner über die Beißzange, bis deren Greifer tiefrot glimmten. Dann packte er die Zange mit Arbeitshandschuhen aus Wildleder und hielt das nun korrekt präparierte Werkzeug demonstrativ vor Ibrahims Augen. Langsam senkte er es zu Ibrahims linkem Fuß nieder und brummte eher zu sich selbst als zu seinem Opfer:
„Vielleicht überlege ich es mir auch noch und reiße deine Beißerchen einzeln mit der glühenden Beißzange heraus.“
Er lachte schallend über seinen eigenen bescheidenen Wortwitz und fuhr in einer Art von teuflischer Erheiterung fort:
„Dabei könnte ich gleichzeitig deine abscheuliche syrische Hundeschnauze versengen. Das nennt man dann Kollateralschaden, haha! Es würde mich ja auch brennend – brennend, haha! – interessieren, wie du mit verbranntem Maul und zahnlosem Kiefer Arabisch sprichst.“
Es wäre nun zu erwarten gewesen, dass der Syrer vor Panik in großen Mengen aussondern würde. Aber er hatte seinen gesamten Blasen- und Darminhalt schon bei der vorangegangenen Prügelstrafe entleert, die aus 20 Hieben auf den nackten Rücken mit der strengen Leila bestanden hatte. Mit diesem Kosenamen schmückt sich ein prächtiges Schlaginstrument: An sich nur ein starker runder Holzgriff, an dem zehn etwa ein Meter lange Stränge aus fest gegerbtem Rindsleder befestigt sind; aber die werden alle in kleinen Abständen mit harten Stahlkügelchen verziert, wodurch das Adjektiv streng gerechtfertigt wird. Ibrahims übel riechender Körper musste nach dieser Sanktion erst im Hamam auf dem Gelände gereinigt werden, bevor man mit der Arbeit an ihm fortsetzen konnte.
Der Saudi ließ sich jede Menge Zeit. Geduld ist ja eine Tugend der Araber – man soll doch Allah in seinen weisen Plänen nicht vorgreifen. Er glühte die Zange noch einmal nach, langsam und bedächtig. Je mehr er die Prozedur hinauszögerte, desto mehr Angst und Schrecken würde er dem Opfer einjagen. Dann ging er in die Knie und setzte die Beißzange an der kleinsten Zehe auf Ibrahims linkem Fuß an. Die Zehennägel waren schon länger nicht geschnitten worden, daher konnte er den Nagel gut fassen. Mit einem schnellen, kräftigen Ruck, so wie ein routinierter Zahnarzt einen Zahn zieht, entfernte er den Zehennagel. In Ibrahim wütete ein Schmerz wie das Rotieren eines Drillbohrers mitten in seinem Hirn. Seine manischen Schreie hätten über das ganze aufgelassene Fabrikgelände gegellt, wenn er nicht geknebelt gewesen wäre. Aber jedenfalls spuckte er seinen gesamten Rachenschleim in den Stoffknäuel, der damit einen feuchtekligen Geschmack bekam, welcher in Ibrahim krampfartige Brechreize auslöste.
Ibrahim war nur mehr wirr und kopflos, als der saudische Peiniger die Hitze der Zange an der kleinen Zehe löschte, sodass von dieser bloß eine Masse aus verkohltem Fleisch und gestocktem Blut übrig blieb. Von dieser Praktik hatte der Syrer noch nie gehört, wiewohl er das Zehennagelziehen als klassische Foltermethode selbstverständlich kannte. Aber anscheinend predigt der Wahhabismus der Beduinen die Sühneformel „Auge um Auge, Zehe um Zehe“, die so im Koran nicht vorkommt und daher zum apokryphen Teil der islamischen Glaubenslehre gezählt werden muss.
Der dem Irrsinn nahe Syrer hielt eine Steigerung des Martyriums nicht für möglich. Als jedoch der Folterknecht den nächstgrößeren Zehennagel am linken Fuß ausriss, brannte der Schmerz doppelt so lodernd wie vorher. Mit seinem hysterischen, aber durch die Knebelung für die Außenwelt lautlosen Brüllen sperrte Ibrahim den Rachen so weit auf, dass der Stoffballen darin zurücksank und ihn beinahe erstickte. Nur ein panischer Hustenanfall gab seine Atemwege wieder frei und bewahrte ihn vor einem ungeplanten Exitus. Das Versengen der Zehe ging dabei im Chaos der Sinnesempfindungen unter.
„Aller guten Dinge sind drei.“
Mit diesem platten Spruch stieg der Saudi die Stufenleiter des Sadismus weiter hoch. Bevor der unbarmherzige Wüstensohn die glühende Zange am mittleren Zehennagel desselben Fußes ansetzte, formte Ibrahim in seinem Gehirn eine derart rasende Abfolge von Rufen „Allahu akbar!“, dass er in ein autogen erzeugtes Delirium geriet und sein Sensorium praktisch lähmte. Nur so entrann er einem durch die Schmerzeskalation und den Knebel herbeigeführten Erstickungstod.
Der Verursacher all dieses Übels versorgte die drei verkohlten Zehenstummel notdürftig, wobei er sich vorsätzlich eines besonders scharfen Desinfektionsmittels bediente. Dann umschlang er Ibrahims linken Fuß mit ein paar alten Fetzen und stimmte den Gefolterten auf das Kommende ein:
„Du weißt, du gesengtes Schwein, dass das wahrscheinlich nur ein Vorgeschmack war. Wenn du bei Hakim nicht plauderst, geht es auf dieselbe Tour weiter. Ich habe noch sieben deiner verdammten Zehen zur Verfügung. Sobald ich an den großen Zehen arbeite, wirst du deine Mutter verfluchen, dass sie dich geboren hat.“
Der Folterer legte den Schweißbrenner und die Schweißerbrille ab, zog die Wildlederhandschuhe aus und entnahm einer Schublade eine Art von Hundeleine. Er hatte es sich als besondere Demütigung ausgedacht, Ibrahim daran zum Verhör bei Hakim zu führen. Der vermummte Saudi präsentierte seinem Opfer mit vor Stolz geschwellter Brust die selbst präparierte Gängelungsvorrichtung. Das Halsband, das an der Leine befestigt war, stellte ein eigenartiges Schmuckstück dar, denn er hatte es in regelmäßigen Abständen mit Nägeln durchschlagen, deren Spitzen nach innen zeigten. Boshaft und zynisch warnte der Folterknecht:
„Schau, du rachitischer Schakal, da sind hübsche rostige Nägel drinnen. Eine falsche Bewegung und du ritzt dir nicht nur den Hals auf, sondern du holst dir dazu noch eine Blutvergiftung, an der du wahrscheinlich krepieren wirst.“
Mit hämischem Grinsen legte er das Halsband an und behielt die Leine fest im Griff, während er Ibrahim von den Fesseln löste und entknebelte. Hierauf warf der Saudi dem Syrer verächtlich dessen Jeans und Jacke zu, sodass dieser Hakim gesittet ausstaffiert gegenübertreten konnte. Gerne hätte Ibrahim nun seinen Folterer mit Beschimpfungen voll orientalischer Blumigkeit überhäuft:
„Du triefäugiger, impotenter Hurensohn! Du feige arabische Hyäne! Du hässlicher, missratener Auswurf eines Müllhaldenköters! Du debile menschliche Ausschussware!“
Aber der Syrer wusste nur allzu gut, dass jedes Wort von ihm den Saudi dazu verleiten könnte, auf dem Marterstuhl mit neuen quälenden Torturen zu beginnen. Ibrahim war außerdem psychisch und körperlich ohnedies viel zu geschwächt, um sich gegen den Bullen von Mann in irgendeiner Weise wehren zu können.
Nun begann eine absurde Prozession über das weitläufige Gelände, das vormals als Landmaschinenfabrik gedient hatte. Naturgemäß konnte Ibrahim wegen der immer noch tobenden Schmerzen mit dem linken Fuß nicht auftreten. Auch die Rückenschmerzen durch die Behandlung mit der strengen Leila behinderten seine Beweglichkeit, und so musste er sich auf allen vieren vorwärtsschleppen. Der Saudi mit der Leine in der Hand ging also wie das Herrchen mit seinem Hybrid aus Mensch und Hund spazieren, wobei er sein seltsames Haustier fortwährend verhöhnte. Der Auftrag des Folterknechts lautete ja, Ibrahim für das kommende Interview mit Hakim psychisch weich wie Brei und vollkommen gefügig zu machen.
Es war kaum vorstellbar, dass auf diesem fast verwaisten Komplex vor zwei Jahren noch erbitterte Konfrontationen zwischen Fabrikarbeitern und Polizisten mit allen Zutaten wie Wasserwerfern und Tränengas stattgefunden hatten. Jetzt stand hier eine jener Industrieruinen in der Region, die durch die fatale Konstellation von Politikern, die keine Ahnung vom Wirtschaftstreiben haben, und von Gewerkschaftern, die maßlos überzogene und daher unerfüllbare Forderungen stellen, geschaffen werden. Im gesamten Département Bouches-du-Rhône verblieb als einziger nennenswerter Industriebetrieb nur mehr die Fabrik im nicht weit entfernten Marignane, die Executive Jets herstellte und sich bloß durch dubiose Geschäfte mit afrikanischen und asiatischen Potentaten gerade noch über Wasser hielt.
Dem Schwarzen Halbmond und ähnlichen Organisationen kam diese Entwicklung sehr zupass, denn man vermochte in den Industriewracks ganz ungestört und verdeckt seinen kriminellen Aktivitäten nachzugehen. So fand sich für diese Areale wenigstens eine gewisse Art von Nutzung, denn das Département wusste nicht viel mit ihnen anzufangen. Einige wurden sogenannten freien Künstlergruppen zur Verfügung gestellt, die dann hochsubventionierte kulturelle Veranstaltungen wie Performances und Choreografien vor einer Handvoll Zuschauer präsentierten. Die einzige andere Nutzungsform, die den Politikern einfiel, war die Errichtung von Industriemuseen. Die mögliche Zahl dieser schien aber irgendwie natürlich begrenzt zu sein. Man konnte ja zum Beispiel nicht in jedem Département ein Traktorenmuseum eröffnen; das hätte in ganz Frankreich insgesamt etwa 90 Traktorenmuseen ergeben, die sich dann einen mörderischen Konkurrenzkampf geliefert und sich gegenseitig verdrängt hätten.
Jetzt zogen also Ibrahim und sein Folterknecht durch diese desolate Industrieruine zu einem robusten Verhör bei Hakim – der Syrer zum Hund erniedrigt und der Saudi als sein Hundeführer.



KAPITEL 2

Hakim der Ägypter galt als einer der Intellektuellen des Schwarzen Halbmonds, als ein gleißender Geistesstern am nachtdunklen Firmament des Bösen. Nach dem Besuch der Madrasa hatte er eine Koranhochschule in Kairo absolviert, die ähnlich den Jesuitenschulen in christlichen Ländern auch eine exzellente Allgemeinbildung vermittelte. Er hatte besonders in den Fächern Geschichte und Weltpolitik und als brillanter Rhetoriker geglänzt. Während des Studiums hatte er als fanatischer Aktivist bei den Moslembrüdern gewirkt und dem revolutionären Flügel dieser Bewegung angehört. Dank seiner sprachlichen und organisatorischen Fähigkeiten war er rasch in der Hierarchie aufgestiegen. Nach dem Sturz von Präsident Mursi war ihm der Boden in seinem Heimatland zu heiß geworden. Mit dem Argument, dass er in Ägypten politisch verfolgt werde, und der Fürsprache einiger karitativer Damen des Secours Catholique war es ihm gelungen, in Frankreich Asyl zu erhalten. Er suchte hier ein seinen Talenten angemessenes Betätigungsfeld und fand es bald beim Schwarzen Halbmond.
Während er auf den Syrer wartete, reflektierte der Ägypter, dass Ibrahim für ihn ein typischer Repräsentant seines Volkes war, ein Volk, das nach Hakims Meinung keinerlei Beiträge zur Weltzivilisation und zur islamischen Glaubenslehre geleistet hat. Manche würden wohl die Tempel in Palmyra als kulturelle Errungenschaft in Syrien nennen, aber die bildeten Hakim zufolge nichts als heidnisch-römisches Blendwerk, das von den verbrüderten Gotteskämpfern nun zu Recht zerstört wurde.
Ibrahim war über die Lampedusa-Route nach Frankreich gekommen, und wie fast alle hier einreisenden Migranten wollte er eigentlich nach Calais. Wegen mangelnder Planung ging ihm aber schon in Südfrankreich das Geld aus, und so blieb er in Marseille hängen. In den unüberschaubaren Armenvierteln im Norden der Stadt, in denen Drogenbanden und islamistische Aufhetzer regieren und von wo sich die französischen Behörden schon vor Jahren ohnmächtig zurückgezogen haben, fand er Unterschlupf. Das Leben in Frankreich überforderte ihn komplett. Sein französischer Wortschatz war etwa so umfassend wie der eines der Sprache unkundigen Touristen nach zwei Wochen Urlaub im Land. Er kommunizierte hauptsächlich mit einem sehr syrisch geprägten Arabisch und ansonsten noch mit einem Pidginenglisch mit einer unverständlichen Aussprache und mehreren Fehlern in jedem Satz. Auf dem Arbeitsmarkt war er unbrauchbar, da er keinerlei Ausbildung besaß. In den Gaststätten, die ihn als sans papiers in ihren Küchen versuchten, behinderte er den Betrieb mit seiner Unbeholfenheit derart, dass man ihn bei jedem Job nach wenigen Tagen feuerte.
In seiner Ausweglosigkeit wurde er fromm, ließ sich einen schwarzen Vollbart wachsen und befolgte strikt alle Regeln des Korans, besonders die der Unterwerfung der Frau und des Hasses auf die Ungläubigen. Der Imam seines Gebetshauses indoktrinierte ihn dabei intensiv mit allen herkömmlichen Methoden der Gehirnwäsche. Schließlich wurde Ibrahim eine leichte Beute für die Rekrutierer des Schwarzen Halbmonds. Man gab ihm rudimentären Fahrunterricht auf dem Gelände der Organisation, an dem er wie ein Kind Spaß fand, und verschaffte ihm einen gefälschten Führerschein, sodass er zumindest in der Schlepperabteilung zu gebrauchen war.
Bei seiner Hundepromenade, bei der er sich außerordentlich vorsichtig verhielt, um sich ja nicht zu verletzen, überlegte Ibrahim fieberhaft, wie er sich beim kommenden Verhör verhalten sollte. Zugegebenermaßen war sein letzter Schleppereinsatz verkorkst worden, da die Übergabe des unbeschrifteten weißen Kastenwagens mit 45 Flüchtlingen an Bord an der italienisch-französischen Grenze zwischen Olivetta und Sospel ganz und gar nicht laut Plan verlaufen war. Die Mafiosi hatten zwar das Fahrzeug verabredungsgemäß auf einem Parkplatz nahe der Passhöhe des Col de Vescavo abgestellt, aber irgendetwas war bei der Kommunikation danebengegangen. Durch einen Glückstreffer, oder vielleicht sogar durch systematische Schleierfahndung, war die französische Polizei an Ort und Stelle erschienen und hatte die Flüchtlinge befreit, bevor Ibrahim und die beiden anderen Beauftragten des Schwarzen Halbmonds die Lieferung übernehmen konnten.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 270
ISBN: 978-3-903155-64-0
Erscheinungsdatum: 10.10.2017
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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