Krimi & Spannung

"Paradise now!"

Ernst Pavlovic

"Paradise now!"

Reise in die zweite Wirklichkeit

Leseprobe:

Kapitel 1

Der alte, weiße Land Rover ließ die Stadtgrenze hinter sich und beschleunigte auf der zunächst schnurgeraden Landstraße, bis er ein moderates Tempo von etwa 80 Stundenkilometern erreicht hatte. Nach wenigen Minuten Fahrt war die Umgebung völlig verändert; Peter lehnte sich entspannt in dem alten, grauen Kunstledersitz zurück und atmete tief durch. So hatte er es am liebsten – in seinem heiß geliebten Oldie unterwegs auf einer inzwischen leicht geschwungenen Landstraße, den Blick ungehindert bis zum Horizont.
Für einen Tag im September war es ungewöhnlich heiß. Alle Fenster waren geöffnet, der Fahrtwind hielt die feuchtschwüle Luft in Bewegung. Das schmale Asphaltband schmiegte sich zwischen die Hügel, manche verziert mit kleinen Baumgruppen; auf anderen standen alte Bauernhöfe, einige davon verlassen und dem Verfall preisgegeben.
Eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch. Peter musste unwillkürlich an seine alte Eisenbahnanlage denken, die ihm sein Vater einmal zu Weihnachten geschenkt hatte. Da war er gerade fünf gewesen – oder erst vier? Zur Schule war er jedenfalls noch nicht gegangen, und seine Eltern waren noch am Leben.
Der Wetterumschwung kam ganz plötzlich. Eben noch war der Himmel glatt und blau gewesen, wie mit einer riesigen, makellosen Folie bezogen, jetzt kam starker Wind auf, der den Wagen vehement an der rechten Flanke traf. Überrascht drehte Peter den Kopf zur Seite und sah die tiefschwarzen Wolken, die wie eine monströse Hand über die östliche Hügelkette griffen. Glücklicherweise fuhr er allein auf der Straße, der Windstoß hatte den Wagen gut einen Meter über die Fahrbahnmitte hinaus versetzt. Er lenkte wieder zurück, nahm das schmale Lenkrad fester in den Griff und schaute fasziniert auf seine fragilen Scheibenwischer, die von zunehmend stärker werdenden Böen immer wieder kurz von der Frontscheibe weggehoben wurden.
„Die werde ich wahrscheinlich bald brauchen“, dachte er noch, da brach das Inferno auch schon los.
Der orkanartige Sturm drückte den Wagen jetzt richtiggehend zur anderen Straßenseite hin, das Gegenlenken erforderte immer mehr Kraft. Über der Ebene hatten sich inzwischen mehrere Gewittertürme mit hunderten Metern Höhe aufgebaut, den verfinsterten Himmel durchschnitten grellweiße Blitze – der Anblick erinnerte an zerknülltes schwarzes Seidenpapier, das, wieder glatt gestrichen, mit scharfkantigen Falten ?übersät war.
Für das Donnern fehlte vorerst jeder Vergleich. Ein nahezu ununterbrochenes Brüllen begleitete die flackernde Szenerie, zumeist waren keine einzelnen Schläge mehr zu unterscheiden.
Eigentlich liebte Peter Gewitter. Oft hatte er als Kind aus dem Fenster des Landhauses seiner Großeltern zugesehen, wenn ein Unwetter aufgezogen war. Aber das hier verunsicherte ihn zusehends. Ein dumpfer Druck zwischen Brustkorb und Bauchraum machte sich bemerkbar. So hatte er sich zuletzt vor etwa fünfzehn Jahren in den Tagen vor seiner Matura-Prüfung gefühlt, die er dann trotz denkbar mangelhafter Vorbereitung doch noch irgendwie geschafft hatte.
„Apocalypse Now“, schoss es ihm durch den Kopf, als er die ersten hässlich klingenden Aufschläge von Hagelkörnern auf der Blechhaut des Wagens vernahm. Davor hatte er die meiste Angst – vor einem Hagelschlag, der seinem cremeweißen Schmuckstück eine Art Orangenhaut verpasst und so als Totalschaden zurücklässt. Schließlich würde jede aufwendigere Reparatur den Marktwert seines Lieblings glatt übersteigen.
Der Orkan nahm weiter zu, das blecherne Tacken der eisigen Projektile wurde intensiver – und lauter. Längst hatte Peter die Geschwindigkeit verringert, die alten Scheibenwischer hatten Mühe, die Windschutzscheibe einigermaßen durchsichtig zu halten. Trotzdem sah man nicht einmal mehr 50 Meter weit. Er war bis jetzt gar nicht dazu gekommen, die hinteren Fenster zu schließen. Die hereinstürmende Nässe verfärbte den grauen Filz der kurzen Ladefläche schon dunkel.
Langsam kroch Panik in ihm hoch. Peter hielt den Wagen an, streckte sich seitwärts nach hinten und machte die Schiebefenster zu. Seine Hemdsärmel klebten nass auf der Haut, als er sich wieder nach vorne drehte und mit zusammengekniffenen Augen die Straßenbreite abschätzte. Würde er es schaffen, in einem Zug den Wagen zu wenden, um zur Stadt zurückzukommen?
Es hatte keinen Sinn, weiterzufahren und zu hoffen, irgendwo Schutz vor den prasselnden Hagelkörnern zu finden. In einen Feldweg einzubiegen und vielleicht in einem Waldstück unterkommen zu wollen, war vermutlich genauso blöd. Bei diesem Sturm könnte ihm ein umstürzender Baum oder ein abgerissener Ast aufs Auto fallen.
Er drehte das Steuer bis zum Anschlag nach links und gab Gas. Er musste sich beim Wenden auf sein Glück verlassen, die Sicht war so schlecht, dass er keine Chance hatte, herankommende Fahrzeuge zu sehen. Immerhin war er keinen begegnet, seit er aus der Stadt losgefahren war. Das Quietschen der Reifen war im Heulen des Orkans, im Brüllen der endlosen Donnerkette und im Trommelwirbel der Hagelkörner kaum zu vernehmen, als er mit dem rechten Vorderrad den Rand des gegenüberliegenden Straßengrabens haarscharf rasierte.
Trotz des Temperatursturzes von gut 15 Grad war Peter vollständig durchgeschwitzt, und jetzt begann er zu zittern. Die Haare klebten an der Stirn, und das Hemd war so verzogen, dass es in den Achseln einschnitt. Er fuhr nahezu im Schritttempo, die Motorhaube leuchtete in unregelmäßigen Abständen im Schlaglicht der Blitze auf, mit scharfen Schattengrenzen mehrmals auf der linken, dann wieder etliche Male auf der rechten Seite. Unwillkürlich musste er an ein Stroboskop in einer Disco denken, allerdings an eines, das aus dem Takt gekommen war.
Noch sah er keine Schatten von Dellen auf der Motorhaube, auf der tausende glitzernde Bruchstücke der abprallenden Hagelkörner im Stakkato tanzten.
„Diese alten Autos wurden eben noch solide gebaut“, dachte er, bange hoffend, als ihn ein fürchterlicher Knall im Rücken zusammenzucken ließ. Peter starrte mit eingezogenem Kopf in den Rückspiegel und hatte einen seltsam freien Blick auf die tosende Landschaft. Die Heckscheibe war geborsten.
Dann griffen die Aliens an.

Peter rief „Stopp!“, und die Szenerie auf den Projektionsflächen fror ein. Er nahm die Shutterbrille ab, befreite sich aus dem Datenhandschuh und lehnte sich erschöpft in seinem Spezialstuhl zurück.
„Junge, Junge, die Gamedesigner werden immer besser.“ Den Kampf mit den Aliens sparte er sich für nächstes Mal auf, dann konnte er davor vielleicht auch noch die Stadt erreichen. In den verwinkelten Straßen hatte er erfahrungsgemäß mehr Chancen, die Biester zu bekämpfen. Schade, dass er die nächste Ortschaft nicht mehr erreicht hatte. Dort war in einem Schuppen ein reichhaltiges Waffenlager angelegt.
Dass die Modelle von DigArts-Entertainment seinen Land Rover völlig authentisch in das 3D-Spiel hatten integrieren können, faszinierte ihn jedes Mal aufs Neue. Dafür hatte er nur Type und Baujahr bekannt geben müssen und natürlich auch Innenausstattung und Lackfarbe. Sogar das Motorengeräusch des Oldies konnte man als weitestgehend ähnlich durchgehen lassen.

Peter stand auf, rutschte aus dem vibrierenden Stuhl, stieg von der hydraulischen Plattform und kletterte aus der Simulationskabine. Dann zog er das durchgeschwitzte Hemd über den Kopf, ließ auch den Rest seiner Kleider auf den Boden fallen und ging unter die Dusche.
Minutenlang ließ er den lauen Regen an sich herunter prasseln, bevor er den Regler für ein paar Sekunden noch auf kalt drehte. Jetzt waren seine Muskeln entspannt, und er fühlte sich wieder frisch.
Er ging zur Küchenzeile, legte eine Kapsel in die Kaffeemaschine und sah zu, wie der dunkelbraune Strahl in die Tasse lief. Während er sie hob und vorsichtig an dem heißen Espresso schlürfte, sah er sich entspannt und zufrieden in dem Raum um. Ein lichtdurchflutetes, großzügiges Loft im Dachgeschoss mit einer großen Terrasse in bester Lage. Noch dazu zum Nulltarif, denn das als Mietshaus genutzte Palais war in seinem Besitz, seit er es von Tante Elsa geschenkt bekommen hatte.
Es lag als höchstes Objekt auf einem Hügel in einem exklusiven Wohnbezirk; der Eingang war mit Panzerglas, Video-Überwachung und einem bewaffneten Portier abgesichert. Alle übrigen Etagen waren an hohe Beamte oder gut verdienende Angestellte aus dem mittleren Management vermietet, die er lediglich in der Garage oder im Stiegenhaus traf.
Und dank der üppigen Mieteinnahmen konnte er ein unabhängiges Leben führen und seinen Interessen wie auch Leidenschaften freien Lauf lassen. Mit einigem schlechtem Gewissen, wie er allerdings zugeben musste. Eine stabile Depression hatte das Land schon seit Jahren fest im Griff.
Längst schon hatte sich eine privilegierte, wohlhabende Minderheit vom Rest der Bevölkerung entfremdet. Diese dünne Oberschicht von kaum fünf Prozent hatte noch vor der großen Depression das meiste vom Wohlstand geerntet, war durch elitäre Ausbildung und harte Arbeit zu beachtlichem Vermögen gekommen, heiratete vorwiegend untereinander, ließ ihre Kinder an ausländischen Eliteuniversitäten studieren, lebte abgehoben und isoliert in den besten Vierteln und hatte mit der Welt außerhalb ihrer eigenen immer weniger zu tun. Wohl oder übel musste er sich dazu zählen, obwohl er weder verheiratet noch besonders gut ausgebildet war. Von harter Arbeit ganz zu schweigen.
Die sogenannte Mittelschicht existierte praktisch nicht mehr. Es gab nur eine breite Unterschicht, zurückgeworfen in eine ökonomische Realität, die der der zahlreichen Migranten glich. Mit unendlicher Mühe mussten diese Menschen mit den weniger als kärglichen Zahlungen des erodierenden Sozialstaates leben lernen. Folglich hatte in den ländlichen Gebieten der eigene Gemüsegarten samt Schweinestall wieder Hochsaison, in den Städten blühten die Flohmärkte und der Tauschhandel.
„Hoch lebe Tante Elsa“, murmelte er und erinnerte sich voll Dankbarkeit, wie sie ihn nach dem frühen Unfalltod seiner Eltern adoptiert und ihm ein wohlbehütetes Zuhause geboten hatte. Sie war die ältere Schwester seiner Mutter und damals bereits reich geschieden.
Ihr Mann, David Kronstat, ein reicher Industrieller aus Siebenbürgen, hatte sein Vermögen mit Nerzfarmen gemacht, die er nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Rumänien aufgezogen hatte.
Er trennte sich von Elsa, als sich herausstellte, dass sie keine Kinder bekommen konnte. Sein Pech war, dass er keinen Ehevertrag gemacht hatte, sodass er Elsa, die mit einer ehemaligen Schulfreundin eine der besten Scheidungsanwältinnen engagiert hatte, mit einer immensen Summe abfinden musste. Peter hatte ihn einmal gesehen; ein imposanter Mann mit Schnauzbart und strengem Blick, an mehr konnte er sich nicht erinnern.
Er war sechs Jahre alt, als sie in diese Stadt zogen. Elsa – sie wollte nicht mehr mit „Tante“ angesprochen werden, ab dem Zeitpunkt, als er zehn Jahre alt geworden war –, Elsa also widmete ihm ihre ganze Zuwendung. Wollte ihn nicht nur behüten, sondern auch lieben. Und damit wohl auch geliebt werden. Sie sah in ihm das Kind, das sie selbst nicht bekommen konnte. Er wurde verhätschelt und verwöhnt, besuchte eine kostspielige Privatschule, trug teure Markenklamotten und bekam Spielzeug im Überfluss.
Das alles sollte ihm natürlich auch über den Tod seiner Eltern hinweghelfen. Ein Wunder eigentlich, dass er nicht zu einem verweichlichten Monster geworden war. Lediglich ein adretter junger Mann mit dem nötigen Kleingeld für seinen ausgeprägten Spieltrieb war herangewachsen, wie er meinte. Oder war er das Resultat einer Erziehung, die mit der „wirklichen“ Welt nichts zu tun hatte?
Elsa hatte sich stets bemüht, ihn auf einen „geraden“ Weg zu bringen, wie sie sagte. Ihn zu Selbstachtung, Leistungsbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein zu führen. Hatte sie damit Erfolg gehabt? Er wusste es nicht. Ein unvollständiges Kunststudium und eine frühe Karriere als Fotoreporter mit ein paar gewonnenen Preisen waren die einzigen Positionen auf der Habenseite seiner persönlichen Leistungsbilanz.
Aber immerhin war er der Meinung, dass trotz allem sein moralischer Kompass halbwegs richtig eingestellt war. Die Diskrepanz zwischen der tristen sozialen Lage inmitten der Depression und seiner finanziell mehr als abgesicherten Existenz brachte ihn immer wieder ins Grübeln.
Musste Besitz gleichmäßig verteilt sein, um eine gerechte Gesellschaft zu erlangen? Wie weit ging Gerechtigkeit? Was wäre gewonnen, wenn jemand sein Vermögen verteilte, bis er nur noch so viel besäße wie der Durchschnitt? Hätte er damit eine höhere moralische Ebene erreicht? War es grundsätzlich verwerflich, mehr als andere zu haben? Oder reichte seine soziale Ader zur Beruhigung seines Gewissens aus, die ihn dazu bewogen hatte, eine der Wohnungen kostenlos dieser karitativen Einrichtung zu überlassen?
Nicht, dass ihm diese Fragen schlaflose Nächte bereitet hätten. Aber sie tauchten hartnäckig immer wieder auf. Schließlich war er ja beinahe täglich, auch dank seiner Fotoreportagen, mit Lebenssituationen anderer konfrontiert, die auf ihrem Lebensweg weniger unverschämtes Glück gehabt hatten als er.
Er holte sich frische Unterwäsche, ein neues Hemd und eine Jeans aus dem Schrankraum und zog sich vor dem Panoramafenster an. Wie immer konnte er sich nicht sattsehen, der Blick über die Stadt war bei jedem Wetter und um jede Tages- und Nachtzeit einfach imponierend. Er liebte den Wechsel des Lichts im Tagesverlauf. Die zarten Pastelltöne am Vormittag, das Flirren und Glänzen an einem heißen Mittag im Sommer oder die schweren, satten Farbtöne am späten Nachmittag, die gegen Abend in einem graublauen Meer versanken, aus dem dann allmählich ein weitmaschiges Gewebe von Positionslichtern auftauchte.
Jetzt wälzten sich vom Osten massive, dunkle Wolken heran. Peter hoffte, sie könnten den lang ersehnten ersten Schneefall bringen. Er riss sich von dem Schauspiel los und sah auf seine Armbanduhr. „Mein Gott, wieder fast einen halben Tag mit dem blöden Spiel verbracht …“, murmelte er. Es war höchste Zeit.
Neo lag in seiner Ecke, hob den Kopf und sah ihn forschend an. Der schwarz-weiße Neufundländer spürte, dass Peter im Begriff war, das Haus zu verlassen. „Na komm, Neo, wir gehen aus.“ Der Hund sprang auf, wedelte freudig erregt und holte seine Leine. Eine Minute später fuhren sie mit dem Aufzug in die Tiefgarage.
Peter wartete geduldig, bis das Garagentor vollständig geöffnet war, und fuhr hinaus auf die Straße. Es war später Nachmittag und den ganzen November über schon angemessen kalt. Leichter Schneefall hatte eingesetzt, aufkommende Windböen wirbelten die Flocken kreuz und quer über die Fahrbahn, der weiße Belag wurde zunehmend dichter. Er war froh, dass er die neuen Winterreifen bereits montiert hatte.
Auch mit einem alten Wagen konnte man in widrigen Verhältnissen relativ sicher unterwegs sein, vor allem, wenn er Allradantrieb hatte. Außerdem glaubte er, dass sein geliebter Land Rover in Zeiten wie diesen einen weiteren Vorteil hatte: Er rief mehr Sympathie als Neid hervor, im Unterschied zu Fahrzeugen neuerer Bauart, die umherziehende Jugendbanden nicht selten zur Zielscheibe ihres Vandalismus machten. Es konnte allerdings auch sein, dass sich diese Theorie als frommer Wunsch herausstellte; vielleicht hatte er bis jetzt einfach nur Glück gehabt.
Ein großer Teil der Stadtbewohner war ohnehin längst auf Fahrräder umgestiegen, seit der Preis für eine Tankfüllung die Höhe von einem Drittel des Grundeinkommens erreicht hatte und die Stadt mangels ausreichender Mittel den öffentlichen Verkehr – nur noch auf wenigen Hauptstrecken betreiben konnte. Dementsprechend überfüllt waren Metrozüge, U-Bahn-Stationen und Busse. Peter vermied derartige Fahrten mit den verwahrlosten Verkehrsmitteln, so oft er nur konnte.
Das Schneetreiben wurde dichter, und er schaltete Beleuchtung und Scheibenwischer ein. Die Serpentinen führten abwärts in Richtung Innenstadt. Schließlich bog er in eine der wenig befahrenen Hauptstraßen ein, wo noch vor einigen Jahren Geschäfte mit ihren erleuchteten Auslagen um Kunden geworben hatten, in einer doppelten Lichterkette, die sich an beiden Straßenseiten bis zum weit entfernten Ende hingezogen hatte.
Jetzt überwogen die langen dunklen Lücken zwischen den wenigen hellen Fronten. Ein Großteil der Läden hatte wegen der schon lange andauernden Wirtschaftsflaute endgültig schließen müssen. Heruntergezogene Rollbalken und mit Planken vernagelte Schaufenster boten ausreichend Flächen für bizarre Graffitis und gesprühte Anarchie-Parolen. „Kapitalisten aller Länder, enteignet euch!“, konnte Peter im Vorbeifahren lesen. „Na, endlich einmal ein origineller Spruch“, murmelte er.
An einer Straßenecke standen dunkle Gestalten mit hochgezogenen Schultern um ein Fass herum, Handflächen und Gesichter der vom brennenden Inhalt erhellten Öffnung zugewandt. Nur ein Junge drehte kurz den Kopf, um dem Land Rover nachzuschauen.
Peter hielt am gegenüberliegenden Straßenrand an und holte die Kamera aus dem Rucksack. Er adjustierte das lange Teleobjektiv, drehte sich im Sitz zurück und lehnte sich aus dem Fenster, um die Gruppe anvisieren zu können. Dann steckte er die Kamera wieder zurück und fuhr weiter. Ein paar Querstraßen später stritten sich laut kläffend ein paar junge Hunde neben einem umgestürzten Müllsack. Wahrscheinlich um einen Knochen.
Die Straße wurde zusehends dunkel, nur an den Kreuzungen waren die alten Straßenlampen in Betrieb, in deren Lichtschein die Schneeflocken einen weißen Schleiertanz aufführten. Um die blinkenden Ampeln herum pulsierten wehende Schneeschleier im orangegelben Licht. Die beiden anderen Ampelfarben leuchteten schon lange nicht mehr. Jede Verkehrsregelung wäre bei der geringen Anzahl der Fahrzeuge ein unnötiger Aufwand gewesen.
Inzwischen hatte sich die Schneedecke auf der Straße geschlossen und war so dicht, dass die Risse und Unebenheiten der längst reparaturbedürftigen Fahrbahn den Reifen nur noch sanfte Stöße versetzen konnten.
Schon von Weitem sah er die Absperrung quer über die Straße: zwei Polizeiautos mit blinkendem Blaulicht, daneben ein paar uniformierte Beamte, den spärlichen Verkehr in beiden Richtungen kontrollierend. Langsam fuhr er auf die Absperrung zu, hielt den Land Rover an und kurbelte die ruckelnde Seitenscheibe herunter.
Eine junge Polizistin löste sich von der Gruppe und leuchtete ihm mit ihrer Taschenlampe direkt ins Gesicht. Dann ließ sie den Lichtkegel durchs hintere Fenster im Wageninneren kreisen. Neo richtete sich auf der Rückbank auf und sah sie gespannt an, ohne einen Laut von sich zu geben. Seine Augen reflektierten den Lichtschein.
„Ihre Fahrzeugpapiere, bitte.“
Die beiden Kollegen blieben im Hintergrund und beobachteten die Szene sichtlich teilnahmslos.
Peter konnte sich an diese Prozedur noch immer nicht gewöhnen. Die Kontrollen häuften sich in den letzten Monaten, irgendwann sollten sie ihn eigentlich schon kennen und per Handschlag begrüßen. Auf diese junge Beamtin war er allerdings noch nicht gestoßen. Und sie war tatsächlich ganz anmutig. Er griff langsam in die Brusttasche und gab ihr die Plastikkarte.
„Führen Sie Drogen oder Waffen mit?“
„Nur eine eingerollte Hanfplantage und ein halbes Dutzend Langstreckenraketen.“ Immer dieselben blöden Fragen. Manchmal wünschte er ihnen wirklich die Aliens aus seinem Computergame an den Hals.
Sie blieb ganz ruhig. Der Hauch eines Lächelns huschte über ihr Gesicht. „Drücken Sie ihren rechten Daumen da drauf!“ Sie hielt ihm ihr Comphone entgegen. Peter machte seinen Fingerabdruck innerhalb der markierten Stelle auf dem kleinen interaktiven Touchscreen. Sie zog das Gerät wieder zu sich, drückte ein paar Tasten, wartete, bis die Verbindung zur Zentrale hergestellt war, und gab ihm nach erfolgter Bestätigung seine Fahrzeugkarte zurück.
„In Ordnung, Herr Kronstat. Fahren Sie jetzt weiter.“
Peter überlegte kurz, ob er sich nach ihrem Namen und ihrer Dienstnummer erkundigen sollte. Sie bemerkte sein Zögern, zog eine Augenbraue hoch und sah ihn fragend an. Auf ihrer Schirmmütze und auf den Schultern der dunklen Uniformjacke hatte sich frisch gefallener Schnee angesammelt. Eine blonde Haarsträhne war hinter ihrem Ohr hervorgekommen. Sicher trug sie ihr Haar hochgesteckt unter der Uniformkappe.
Schließlich tippte er mit den Fingerspitzen an seine Schläfe, als ob er salutieren wollte, kurbelte das Fenster wieder hoch und gab Gas. „Nicht noch eine Affäre anfangen“, dachte er, „auch wenn sie verdammt hübsch ist.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 310
ISBN: 978-3-99038-787-0
Erscheinungsdatum: 11.03.2015
EUR 17,90
EUR 10,99

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