Krimi & Spannung

Monster im Schrank

Nicol Wick

Monster im Schrank

Kurzgeschichten

Leseprobe:

Schizophrenie


Der kleine Ort war wie ausgestorben an diesem Samstagmorgen. Überall lag das Herbstlaub in den Vorgärten. Roman war auf dem Weg zum letzten Haus in dieser Straße. Er wollte etwas Geld mit Laubharken verdienen. Sein Gang war schlurfend und sein Körper immer etwas zur Seite geneigt. Mit der linken Faust schlug er sich unentwegt gegen die Schläfe. Ein schlaksiger zwanzigjähriger Junge.
Als er an Frau Schönfelds Haus vorbeiging, sah er die alte Dame im Morgenrock zu ihrem Briefkasten gehen. Sie lächelte ihn an.
„Guten Morgen Roman, du bist aber schon früh unterwegs.“ „Guten Morgen Frau Schönfeld, jaja, muss los. Laub fegen“, meinte Roman freundlich ohne stehen zu bleiben. Seine Aussprache war schleppend gedehnt. Er grinste dümmlich. Roman wusste nicht, dass dieses Grinsen sein sonst ausdruckloses Gesicht zur Fratze verzerrte. Er schlug sich gegen die Schläfe und schlurfte weiter.
In seinem Kopf herrschte ein heilloses Durcheinander. Momo und Gregor stritten sich wieder.
Gregor: „Halt endlich deine beschissene Schnauze, du Fotze.“
Momo: „Ich kann sagen, was ich will, nicht wahr, Roman?“
Roman nickte nur mit dem Kopf.
Gregor: „Du musst die Alte umbringen, hack ihr den scheiß Kopf ab.“
Momo: „Nein, Roman, tu das nicht. Sie ist immer nett zu dir.“
Gregor: „Was heißt hier nett, die ist wie alle anderen. Wie sie dich ansieht. Die alte Kuh. Sie hat es verdient. Hack, hack, hack.“
Momo: „Hör nicht auf ihn, Roman, du bist ein braver Junge.“
Roman trommelte gegen seine Stirn und sagte laut: „Roman ist ein braver Junge. Roman muss jetzt arbeiten.“
Er war am Haus angekommen und klingelte. Ein älterer Mann kam zum Gartentor und öffnete.
„Ah, da bist du ja, pünktlich. Ich hab dir den Rechen schon rausgestellt. Die Laubsäcke sind in der Garage. Wenn du was brauchst klingelst du einfach.“
Der Mann zeigte Roman den Garten. Roman nahm den Rechen auf. „Roman ist ein braver Junge und muss jetzt arbeiten.“ Er grinste den älteren Mann an.
„Ja, Junge, mach dich ruhig an die Arbeit“, sagte der Mann und ging ins Haus.
Langsam begann Roman das Laub zwischen den Bäumen zusammenzufegen.
Momo: „Das macht doch Spaß, oder, Roman? Sollen wir ein Lied dazu singen?“
„Mmmmmm lala mmmmhhh.“
Roman summte die Melodie leise vor sich hin und rechte ein Häufchen Laub nach dem anderen zusammen.
Gregor: „Geh in die Garage und guck mal, was dort ist.“
Momo: „Du kannst ruhig noch etwas Laub fegen und wir singen zusammen.“
Gregor: „Du kotzt mich so was von an. Halts Maul. Geh in die Garage, Junge.“
Roman lehnte den Rechen an einen Baum und ging in die Garage. An einer Wand hatte der Besitzer ein Werkzeugmagazin eingerichtet. Roman bestaunte die vielen verschiedenen Werkzeuge.
Gregor: „Da, da ist sie. Nimm sie runter. Ja, verdammt, nimm die Axt. Ist das nicht ein Prachtstück? Schwing sie mal.“
Momo: „Nein, Roman, leg die Axt zurück. Die gehört dir nicht. Das ist nicht richtig.“
Gregor: „Verpiss dich endlich. Na, Junge, wie fühlt sich das an? So stark bist du. Jetzt geh ins Haus und hack dem alten Sack den Kopf ab. Der ist wie alle anderen. Keiner guckt dich mehr so an. Los geh und zeige ihm, wie stark du bist. Hack, hack, Kopf ab. Hahaha.“
Roman schwang die Axt hin und her. Er schwitzte. Dann schlurfte er zum Haus. Öffnete die Hintertür.
Gregor: „Geh rein, Junge. Such den alten Schleimscheißer. Zeig ihm, was du draufhast. Hack, hack, hack.“
Leise Radiomusik drang aus einem der Zimmer. Roman öffnete die Tür. Der Mann saß mit dem Rücken zu ihm am Küchentisch und las Zeitung.
Gregor: „Hack, hack, hack …“
Roman schwang die Axt und während der alte Mann sich umdrehte, hieb Roman die Schneide in den Schädel des Mannes. Die Axt blieb im Kopf stecken, als der Mann auf den Boden fiel. Roman grinste. Mit einiger Anstrengung löste er die Axt aus dem Schädel. Wieder schlug er zu. Diesmal blieb die Klinge nicht stecken. Blut spritzte ihm ins Gesicht. Einige Tropfen blieben an seinen gebleckten Zähnen hängen. Er hackte immer wieder in den Körper des Mannes.
Gregor: „Hack ihm in die Fresse, Junge. Du bist so stark. So. Jetzt geh zu der Alten. Du bist noch nicht fertig, Junge. Tu, was ich dir sage und geh zu der dreckigen Kuh und hack ihr das scheiß Lachen aus ihrer Fresse.“
Roman war etwas außer Atem und überall mit Blut besudelt. Schlurfend ging er aus dem Haus die Straße runter. Er begegnete niemandem. Es war Wochenende und die meisten Leute schliefen länger oder waren schon unterwegs zum wöchentlichen Einkauf. Er kam an das Haus von Frau Schönfeld und ging zur Hintertür. Leise trat er ein.
Gregor: „Finde die Alte. Hack ihr den Kopf ab. Tu es. Tu, was ich dir sage. Du bist so stark, Junge.“
Als Roman das Wohnzimmer von Frau Schönfeld betrat, schrie die alte Dame und hielt noch die Arme schützend vor ihr Gesicht. Für Flucht war es zu spät. Roman schlug zu. Trieb die Axt in den Schädel der Frau.
Gregor: „Hack, hack, hack, Kopf ab.“
Immer wieder schlug er die Axt in die Frau, bis er außer Atem war. Sein Puls raste. Keuchend stand er über dem zerstückelten Körper und grinste.
Momo: „Jetzt sieh dir die Sauerei an, Roman. Was meinst du, was deine Mutter dazu sagt, wenn du so schmutzig nach Hause kommst?“
Roman sah an sich herab und verschmierte mit seinen Händen das Blut auf seinem Hemd. Er musste nach Hause. Seine Mutter wartete bestimmt schon mit dem Essen. Er lief durch den Garten und kletterte an der Rückseite über den Zaun. Ein kleines Waldstück trennte die eine Siedlung von der anderen. Roman kam ungesehen zu dem Haus seiner Mutter und trat ein. Im Flur blieb er stehen. Wiegte sich hin und her. Seine linke Hand schlug unentwegt gegen seine Schläfe.
„Roman, bist du es?“, rief seine Mutter aus der Küche. „Wie war die Arbeit? Wasch dir die Hände und komm essen.“

Gregor: „Jetzt hör sich einer diese Scheiße an. Gleich starrt sie dich wieder so an. Sie ist genau wie alle anderen, Junge. Lass dir nichts gefallen.“
Momo: „Sie ist immer nett zu dir, Roman. Du hast doch Hunger. Dann nimmst du wieder deine Medizin und wir machen es uns vor dem Fernseher gemütlich. Du weißt doch, dass du deine Medizin immer nehmen musst.“
Gregor: „Er braucht die beschissene Medizin nicht mehr. Mach dich vom Acker, du Miststück. Du bist stark, Junge. Niemand kann dir was anhaben. Du gehst jetzt in die Küche und erledigst das. Hack ihr den Kopf ab. Hack, hack, hack, Roman. Tu, was ich dir sage und hack ihr die Fresse weg.“
Momo: „Sie wird nicht erfreut sein, Roman. So schmutzig …
Gregor: „Halt dein Maul und verschwinde. Los jetzt Junge. Mach die Schlampe fertig. Geh und tu, was ich sage.“
Roman griff die Axt und ging grinsend in die Küche. Niemand hörte die schmatzend dumpfen Schläge.
Dann war Ruhe. Er ließ die Axt auf dem Boden neben den zerfetzten Körperteilen seiner Mutter liegen und setzte sich schwer atmend an den Küchentisch. Als er seinen Kopf in seine Hände stützte fiel ein kleiner blutiger Fleischklumpen aus seinen Haaren in den Teller Suppe vor ihm.
Momo: „Jetzt sieh sich einer das an. Das darf doch nicht wahr sein. Roman, was hast du getan?“
Gregor: „Er hat getan was zu tun war, was die verdient haben. Was alle verdient haben. Du kapierst mal wieder gar nichts, blödes Weib.“
Momo: „Ach ja? Und wie soll das jetzt weitergehen? Wie stellst du dir das vor? Du Schlauberger! Meinst du, wir reiten jetzt gemeinsam in den Sonnenuntergang und alles ist in bester Ordnung?“
Gregor: „Ich sage, dass wir noch viel mehr tun werden, wir rotten die ganze verkommene Stadt aus, Roman und ich. Du kannst dich endlich verpissen, du alte Rotzschnauze …“
Momo: „Jetzt reicht es, Gregor. Das ist alles deine Schuld. Roman wird ins Gefängnis kommen. Wie soll es da wohl werden? Roman, mein guter Junge. Nun iss etwas. Du bist ja völlig erschöpft.“
Roman schaute auf den Teller Suppe. „Nein, hab keinen Hunger. Roman will sich hinlegen.“ Er stand auf und ging schlurfend aus der Küche.
Momo: „Aber so legst du dich nirgendwohin, du gehst dich jetzt gründlich duschen und dir etwas Frisches anziehen. Wir werden Besuch bekommen und du willst doch nett aussehen, oder, Roman? Na los, Junge, geh ins Bad und mach dich zurecht.“
Roman schlurfte ins Bad. Zog die mit Blut durchtränkten Kleidungsstücke aus und ließ sie auf den Boden fallen. Er duschte lange, seifte sich immer wieder von Neuem ein und spülte sich wieder ab. Nach dem Abtrocknen ging er in sein Zimmer und zog sich eine frische Jeans und sein Lieblings-T-Shirt an. Vorne waren Beavers und Budhead aufgedruckt. „Mutter hat bestimmt gleich das Essen fertig“, murmelte Roman, als er sich auf das geblümte Sofa im Wohnzimmer setzte.
Momo: „So, jetzt fühlst du dich etwas besser, Junge. Nicht wahr? Bleib hier schön sitzen und warte. Es wird alles gut, Roman. Das weißt du doch?“
Er legte seine Hände aneinander und klemmte sie zwischen seine Knie. Langsam begann er sich hin und her zu wiegen. Er grinste.
In der Ferne ertönte die Polizeisirene.








Hundeleben


Hunde richten sich beim Kacken am liebsten nach Norden aus. Das hab ich mal gelesen. Es hat was mit dem Magnetfeld unseres Planeten zu tun. Mein Hund Luna macht das jedenfalls so. Ich finde das sehr lustig, wenn sie sich so lange dreht, bis es für sie richtig ist. Ich weiß jetzt immer, wo Norden ist. Dreimal am Tag geh ich mit meiner blonden Labradorhündin eine Runde. Sie ist dreizehn Jahre alt. Meine treue Seele. Von meinem Mann kann ich das nicht behaupten. Ich wein ihm keine Träne nach. Er hatte mein Leben zu einer grausamen Hölle gemacht. Dann verließ er mich für eine andere. Wir haben jetzt ein ruhiges und schönes Leben, die Luna und ich. Wir sind ein Team. Ich hoffe, dass sie mich noch sehr lange begleitet. Darum nehme ich es auch mit dem Futter sehr genau. Geht nicht alles über eine gute Ernährung? Ich koche ihr Fleisch immer frisch ab. Dazu noch ein paar Flocken und Gemüse. Ich selbst bin Vegetarierin. Aber die Kühltruhe ist voll mit frischem Fleisch für Luna. Alles fein säuberlich in Gefrierbeutel verpackt. In Portionen für einen Tag. Ich weiß gar nicht, wie viel genau, hab es nicht nachgewogen. Aber wenn ich es so überschlage, mein Mann wog ca. 80 kg und die dürre Schlampe vielleicht 50 kg. Macht 130 kg. Abzüglich der Knochen bleiben ungefähr 90 bis 100 Kilo Frischfleisch und Innereien. Damit kommt Luna eine ganze Zeit aus.








Im Namen der Wissenschaft


Sie lag mit geschlossenen Augen auf einer harten Unterlage. Ihr Körper und ihr Gesicht schmerzten. Es gelang ihr nicht sich zu bewegen. Wie durch einen Vorhang hörte sie zwei männliche Stimmen, die sich leise unterhielten.
„Wie lange glaubst du hält Versuch Nr. acht noch durch? Die Vitalfunktionen werden immer schlechter.“ Sagte die jüngere Stimme. „Ja, ich weiß. Vermutlich müssen wir es morgen entsorgen. Immerhin hat es siebzehn Tage durchgehalten und das, obwohl die Grundkonstitution des Körpers und der Organe schon in einem miserablen Zustand war. Ich denke, dass wir mit Versuch Nr. neun bessere Ergebnisse erzielen werden. Es ist jung und gesund. Allerdings muss es noch vorbereitet werden“, antwortete die ältere Stimme. Die beiden Männer verließen den Raum.
Sie öffnete die Augen einen Spalt. Der Raum wurde von zwei langen Neon-Deckenlichtern hell erleuchtet. Die Wände waren komplett mit weißen Kacheln gefliest. Ein fensterloser, großer, klinisch wirkender Raum. Sie konnte keine Tür erkennen. Nur der große Paravent an einer Seite des Raumes könnte eine Tür verdeckt halten. Weiße Medizinschränke, Arbeitstische aus Metall und Rollwagen mit chirurgischen Bestecken darauf befanden sich an der Wand ihr gegenüber. An der kopfseitigen Wand stand ein langer Schreibtisch mit einem Bildschirm und einer Computertastatur darauf. Weiße Regale mit unzähligen Ordnern standen in der Nähe.
Sie versuchte sich etwas zu bewegen. Ihr Kopf dröhnte vor Schmerz und ihr war übel. Sie fragte sich, was passiert war. Hatte sie einen Unfall gehabt? War sie in einem Krankenhaus?
Sie lag mit angezogenen Beinen auf der Seite. Unter sich fühlte sie eine dünne Wolldecke, durch die sie die harte Unterlage spürte. Ihre Augen waren wieder klar und sie erkannte die Gitterstäbe um sie herum. Glänzende Edelstahlstäbe begrenzten ihren Raum. Sie lag in einem Käfig. Vielleicht ein Meter fünfzig lang, ein Meter hoch und breit, schätzte sie. Um ihre Beine auszustrecken, müsste sie sich hinsetzen. Dann erkannte sie, dass sie völlig entkleidet und an Händen und Füßen gefesselt war. Diese Eindrücke zogen langsam durch ihr Hirn wie auf einem Rangierbahnhof einzelne Wagons eines Zuges. Sie drehte den Kopf in jede Richtung und stellte fest, dass links und rechts neben ihr ein weiterer Käfig stand. Langsam setzte sich in ihrem Hirn ein Bild zusammen. Die einzelnen Eindrücke reihten sich aneinander und die Erkenntnis rammte sie mit voller Wucht.
Sie hatte keinen Unfall, sie befand sich in keinem Krankenhaus. Jemand hatte sie entführt, mit Medikamenten vollgepumpt, gefesselt und nackt in einen Käfig gesperrt. Ihr Herz raste. Mit einiger Anstrengung setzte sie sich auf, streckte ihre Beine aus und schaute in den Käfig links neben sich. Ein Körper lag, nur dürftig von einer dünnen Wolldecke bedeckt, zusammengerollt darin. Es war nicht zu erkennen, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelte. Ein bis auf die Knochen abgemagerter Körper ohne jegliche Behaarung lag zusammengekrümmt auf der hölzernen Unterlage im Käfig. Jeder einzelne Rückenwirbel zeichnete sich scharf unter der Haut ab. Diese menschliche Kreatur gab kein Lebenszeichen von sich.
Sie wollte etwas sagen, dass ihr Name Monika ist, fragen, was hier los ist, aber kein Ton kam aus ihrem Mund. Nur ein dumpfes „Mmmmh“. Ihr Gesicht schmerzte und fühlte sich taub an. Man hatte ihr wahrscheinlich ein großes Stück Klebeband auf den Mund geklebt. Sie trat mit ihren Füßen gegen die Stäbe, aber die Person regte sich nicht. In ihrem Rücken spürte sie eine Bewegung und drehte sich um. In dem anderen Käfig saß eine Frau mit gesenktem Kopf, den Körper vorgebeugt. Die Frau war genauso ausgemergelt und nur an den erschlafften Brüsten erkannte sie, dass es sich um eine ältere Frau handelte. Ein paar wenige weiße Haare standen von der sonst kahlen Kopfhaut ab. Die ältere Frau wiegte ihren Körper vor und zurück, als würde sie ein Kind in ihren Armen halten. So gut es Monika möglich war, drehte sie sich zu der alten Frau um und versuchte gegen die Stäbe zu treten. Die Frau verharrte in ihren Bewegungen und hob langsam ihren Kopf.
Zwei schwarze leere Augenhöhlen starrten suchend in Monikas Richtung. Die Nasenflügel der Frau blähten sich, um irgendetwas wahrzunehmen. Monika sog scharf die Luft durch ihre Nase ein. Der Anblick der alten Frau ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Die Gedanken überschlugen sich und das Grauen bahnte sich seinen Weg durch ihren Körper. Vor ihr in dem anderen Käfig saß ein mit Haut überzogenes menschliches Skelett.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 104
ISBN: 978-3-95840-890-6
Erscheinungsdatum: 25.06.2019
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Herbstlektüre