Krimi & Spannung

Klaubers Abgang

Pierre Emile Aellig

Klaubers Abgang

Ein Politkrimi

Leseprobe:

Vorwort

Pierre Klauber, Publizist und Besitzer der Firma »Klauber & Partner AG – Consulting« geriet in Südfrankreich, wo er eine umgebaute kleine Scheune besitzt, wegen eines Autodiebstahls in die Fänge der organisierten Kriminalität. Dadurch lernte er in Nîmes Kommissar Bulot von der Kriminalpolizei mit dessen Team kennen. Nathalie Durand, eine Privatdetektivin, arbeitete für eine Versicherungsgesellschaft, die an der schnellen Aufklärung der Autodiebstähle interessiert war. Mithilfe von Klauber und der Police Nationale gelang es, zwei sich in den Haaren liegende, kriminelle Bandenchefs dingfest zu machen. Mit dem Ziel, dem Tourismus in den südlichen Ländern Europas zu dienen, verfasste Klauber einen Bericht. Dieser wurde in den meisten größeren Tageszeitungen publiziert. Die Publikation geriet in Frankreich, aber auch in Russland, den Politikern in den falschen Hals. Klauber schrieb daraufhin seinen ersten Kriminalroman mit dem Titel »Aber nicht mit Klauber! …« Klauber liebte es, in ein Wespennest zu stechen.
Sein zweiter Kampf galt der Geldwäsche, die von der russischen Mafia über Schweizer Banken getätigt wurde. Auf dem Weg nach Hamburg zur Verlegerin verschwand Klauber von der Bildfläche. Er tauchte in einem Zimmer wieder auf, wurde gefangen gehalten und erpresst. Man bedrohte ihn und verlangte von ihm, einen Koffer mit Millionen von Dollars in eine Schweizer Bank zu transferieren. Mithilfe von Nathalie wurde er befreit. Da Nathalie noch immer für dieselbe Versicherungsgesellschaft arbeitete, versuchte sie, Klauber zu überzeugen, den Geldkoffer in die Schweiz zu schmuggeln. Olga, eine Russin und Nathalies Mitarbeiterin, fädelte den Geldtransfer ein. Über Archangelsk am Weißen Meer gelang es der Russin, Klauber in die Machenschaften der Mafia einzuschleusen. Die Geldwäsche erfolgte über eine Schweizer Privatbank und über die Parfümindustrie in Südfrankreich. Dort wurden die Drahtzieher entlarvt. Auch über die Geldwäsche schrieb Klauber einen Bericht, der europaweit publiziert werden sollte und die Schweiz in keinem sehr guten Licht erscheinen ließ.
Kurz vor der Publikation gerät der Bericht in den falschen Hals gewisser Leute und gefällt den populistischen Politikern in der Schweiz gar nicht. Klauber wird gemobbt. Was er dabei alles erlebt, lesen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, auf den folgenden Seiten.

Im Sommer 2013

Pierre E. Aellig



Erster Teil
Für Klauber wird’s eng

1
In der »Insel«

Als er die Augen öffnete, blendete ihn das Weiß um ihn herum. Es war das Weiß der Wände, das Weiß der Bettdecke, das Weiß der Verbände, in die seine Arme verpackt waren. Das Weiß des Kopfverbandes konnte er gar nicht erst sehen.
Er hörte ein Klopfen an der Tür, wollte den Kopf drehen, doch hinderte ihn ein stechender Schmerz daran. Seine Kehle war vollständig ausgetrocknet, seine spröden Lippen klebten aufeinander. Er brachte keinen Ton heraus. Eine Person, ganz in Weiß gekleidet, trat ein.
»So. Wie geht’s denn uns?«, fragte er im typischen Spitalangestelltenjargon. Der im Bett liegende Bandagierte röchelte kaum verständlich das Wort: »Wasser!« Es war dem Patienten nicht klar, ob es ein Pfleger oder der Arzt war, der ihm eine Flasche mit Röhrchen an den Mund hielt. Gierig sog er die Flüssigkeit in sich hinein.
»Ich bin Ihr Arzt. Man hat Sie ganz schön zugerichtet.« Er stellte die Flasche auf die Ablage neben dem Krankenbett. »Zwei Herren von der Polizei wollen Sie sprechen. Sind Sie dazu in der Lage, Fragen zu beantworten?« Der Verletzte blinzelte.
Der Arzt öffnete die Tür des Krankenzimmers und bat die Herren herein. »Nur fünf Minuten, bitte.« Die beiden nickten. Sie trugen lockere Freizeitkleidung. Beide hatten Jeans, eine Lederjacke und ein Flanellhemd an. Das Hemd des Polizisten mit dem Bürstenschnitt und den grau melierten Haaren war blau und braun kariert. Der jüngere Polizist war schlank, mit tiefen Backenfalten, die ihm ein trauriges Aussehen verliehen. Sein Hemd war rot und grün kariert.
»Wir sind von der Berner Stadtpolizei. Können Sie uns verstehen?« Der Patient nickte, war jedoch nicht in der Lage zu sprechen. »Eine Streife fand Sie am frühen Morgen im Brunnenteich vor dem Weltpostdenkmal. Übel zugerichtet.«
Der Mann im Bett richtete sich ein wenig auf, sagte aber nichts.
»Man brachte Sie ins Inselspital der Stadt Bern. Ihre Papiere zwangen uns, Sie in den Sicherheitstrakt des Spitals zu verlegen und unter Arrest zu stellen.«
Die Ruhe im Spitalzimmer war erdrückend.
»Eine Polizeiwache vor der Zimmertür wird für Ihre Sicherheit sorgen. Sobald Sie vernehmungsfähig sein werden, erhalten Sie Besuch von zwei unserer Inspektoren. Haben Sie mich so weit verstanden?« Der Mann im Bett nickte. »Gut. Auf Wiedersehen dann, Herr Laubera.«
Jetzt erst kam Leben in den daliegenden Patienten, doch die beiden Polizisten hatten das Zimmer bereits verlassen.


2
Ein Treffen in Bern

Ein paar Tage früher als vorgesehen war Klauber mit der Bahn von Südfrankreich in die Schweiz zurückgefahren. In Poulx, wo er noch immer sein Ferienhaus besaß, hatte er seinen Geldwäschebericht fertig geschrieben. Bevor er weggefahren war, hatte er mit Kommissar Bulot in Nîmes noch ein paar Fragen geklärt. Er wollte Unstimmigkeiten im Bericht möglichst vermeiden. Hinter einer Publikation lauerten stets gewisse Gefahren. Zudem hatte Klauber mit Bulot ein interessantes Gespräch über die populistische Partei geführt. In Bern legte Klauber dann dem Chef der Bundespolizei, Dr. Wullschleger, einen Berichtsentwurf vor, der zu keinen Kontroversen führen sollte. Niemand durfte kompromittiert werden. So war das früher mit Fred Wullschleger, kurz Wu, wie ihn Freunde und Mitarbeiter nannten, abgesprochen worden. Als er sich von Wu verabschieden wollte, hatte das Telefon auf Wullschlegers Schreibtisch geklingelt. Wus letzte Worte, nachdem er den Telefonhörer abgelegt hatte, hatten sich in Klaubers Kopf eingeprägt. Klauber hatte daraufhin Wullschleger zu einem Fondue in der »Harmonie« eingeladen. Diese ist in Bern die Fonduestube. Sie liegt in der Altstadt. Der Eingang des Eckhauses befindet sich in der Hotelgasse. Die Münstergasse führt geradeaus zum Bundesplatz. Wu hatte die Einladung sehr gerne angenommen. Für Klauber hatte er sofort ein Zimmer im Hotel »Bellevue« reservieren lassen.
Nun saßen die beiden gemütlich in der Gaststube auf einer Eckbank an einem hölzernen Zweiertisch. Wu hatte eine Flasche Weißwein bestellt, Ligerzer aus der Bielersee Gegend.
Jeder Schweizer hat sein eigenes Fonduerezept. Das ist klar. So, wie jeder Südfranzose sein Rezept für die Tapenade hat. Klauber kannte das Fondue aus seiner Kindheit. Sein Vater hatte ein Rezept aus seinem Elternhaus mitgebracht, das aus dem Neuenburgischen stammte, wo er aufgewachsen war. Bei ihnen hatte man das Fondue stehend, um den Gasherd gruppiert, gegessen. Klauber hatte Vaters Machart übernommen.
»Wie war das mit den Hooligans?«, hatte Klauber wissen wollen, nachdem sie angestoßen hatten. (»Wieder diese Hooligans«, waren Wullschlegers letzte Worte gewesen, nachdem er den Telefonhörer hingeschmissen hatte). Nun hatte dieser sofort begonnen, über die Probleme mit jener Gruppe zu berichten. »Die Scheißkerle bringen es fertig, Randalierfreudige um sich zu scharen und an Großanlässe zu dirigieren. Vor allem sind es die Fußballspiele, die das Randalieren attraktiv machen. Nicht nur die Stadien sind ihre Ziele, sondern auch während der Hinreisen zu den Stadien wird für Trubel gesorgt.«
»Neuerdings kommt ja noch das Verwenden von Feuerwerkskörpern dazu.«
»Genau.«
»Eigenartigerweise gibt es dieses Phänomen bei Rugbyspielen nicht.«
»Die Engländer sagen eben, die Rugbyspieler seien die Hooligans und die Zuschauer die Gentlemen, während beim Fußball die Fußballspieler die Gentlemen sind und die Zuschauer die Hooligans.«
»Das hat was für sich.«
»Welche Rolle spielen eigentlich die Skinheads?«
»Die sind politisch orientiert und operieren im rechtsextremen Feld. Die machen uns bei der Bundespolizei auch zu schaffen.«
Das Fondue war im Caquelon auf dem Spiritusbrenner gebracht worden, das in Würfel geschnittene Brot im Körbchen hatte die Serviertochter danebengestellt.
Nachdem beide Männer ein Stücklein Brot an ihre Gabeln gesteckt und in den flüssigen Käse getaucht, beim Herausnehmen daran geblasen, in den Mund gesteckt und gekaut hatten, ging das Gespräch weiter.
»Die Skins sind wie die Ratten, sie tauchen blitzschnell in Cliquen auf, schlagen zu und verschwinden wieder. Sie sind gut organisiert, treten auf mit all ihren Insignien, wenn sie es für nötig halten. Vor allem dann, wenn sie zum Beispiel an Open Airs ihre Macht zeigen wollen.«
»Das gibt schon zu denken. In Südfrankreich …«
»Ich weiß, der Front National, der zwar nach außen mit den Skins nichts zu tun haben will.«
Langsam hatten sie das Käsefondue bis auf den Boden des Caquelons aufgegessen, die Flasche Weißwein leer getrunken. Dann hatten sie sich verabschiedet. Klauber hatte sich auf den Weg durch die Berner Altstadt gemacht, um sein Hotel zu erreichen.


3
Verwechslung

»Was soll der ganze Scheiß?«, flüsterte der einbandagierte Patient, als die beiden gut gekleideten Herren vor seinem Bett standen.
»Ich bin Hauptinspektor Tanner von der Berner Kantonspolizei und mein Begleiter ist Inspektor Luginbühl. Und Sie sind Herr Laubera, Piero, italienischer Staatsangehöriger, wie wir in Ihren Papieren feststellen konnten. Und wie wir sehen, stimmt das Passfoto mir Ihrem Aussehen überein, soweit wir das, trotz Ihrer Verbände, feststellen können.«
Piero Laubera wurde seit Langem als mutmaßlicher Terrorist, Geldschieber, Waffenhändler gesucht. Er sollte auch im Drogengeschäft tätig sein. Der Name war kürzlich in der schweizerischen und internationalen Presse aufgetaucht, in Zusammenhang mit der Festnahme einer kleinen Skinhead-Gruppe im Berner Oberland. Die Skins hatten an einem Rockkonzert in Kandersteg randaliert. Alle Festgenommenen waren im Besitz von harten Drogen gewesen. Bei der Einvernahme anderer Beteiligter tauchte der Name Laubera auf. Man stellte dann anhand der Interpol-Fahndungsliste fest, wer Laubera war.
Auf einmal kam Leben in den Patienten. Er krächzte: »Was war das mit dem Namen, den Sie mir anhängen wollen, mit diesem Laubera? Mein Name ist Klauber, Pierre Klauber. Ich bin Besitzer der Firma ›Klauber & Partner Consulting‹, die ihren Sitz in Zürich hat, falls Ihnen der Name etwas sagen sollte.«
Dann beruhigte sich der Patient mit Namen Klauber wieder. Er schilderte den beiden den Abend mit Wullschleger.
»Mit Dr. Wullschleger zusammen wollen Sie den Abend verbracht haben? Das werden wir gleich haben.« Hauptinspektor Tanner nahm sein Handy aus der Jackentasche und verließ das Patientenzimmer.


4
Ein paar Tage später

Als Klauber ein paar Tage später im InterCity saß und nach Zürich fuhr, ging ihm doch einiges durch den Kopf. Da war das Fondueessen mit Wu, das Erwachen im Insel-Spital. Ein böses Erwachen! Die Polizei hatte ihm erklärt, er sei im Wasserbecken vor dem Weltpostdenkmal gefunden worden. Übel zugerichtet! Das spürte er jetzt noch. Die blauen Flecken im Gesicht waren noch immer sichtbar. Klauber konnte sich an nichts erinnern. Er wusste nur noch, dass er von der »Harmonie« einen Spaziergang durch die Altstadt hatte machen wollen. Wu hatte ihn zwar gewarnt, immer wieder seien Schlägergruppen nachts unterwegs, die Drogenszene sei hier nicht verschwunden, im Gegenteil. Es war ziemlich spät gewesen, als sie das Lokal verlassen und sich verabschiedet hatten. Er hatte keine Ahnung, wie er zum Weltpostdenkmal gekommen war. Klauber kannte zwar das Denkmal auf der kleinen Schanze. Hinter dem Brunnenbecken, wo man ihn offenbar gefunden hatte, erhob sich eine Bronzeplastik auf einer künstlichen Felsformation, die die Erdkugel darstellte. AU TOUR DU MONDE. Sie wurde von fünf Allegorien auf schwebenden Wolken umspannt, die sich Briefe weiterreichten. Sie standen für die fünf Kontinente. Auf einem Unterbau aus Granit saß rechts die BERNA in Frauengestalt. Sie personifiziert die Stadt Bern. In Granit gemeißelt las man die Inschrift UNION POSTALE UNIVERSELLE. Das Denkmal war Sinnbild für die die ganze Erde umfassende Weltpostorganisation.
Wieso man Klauber dorthin geschleppt hatte, nachdem er brutal zusammengeschlagen worden war, war ihm nicht klar. Er wusste nur noch ganz verschwommen, wie während seines Spaziergangs plötzlich dunkle Gestalten aufgetaucht waren, ihn umzingelt und an eine Hausmauer gedrängt hatten. Von da weg: Filmriss.
Nach dem kurzen Spitalaufenthalt hatte man ihm auf dem Polizeipräsidium die gefälschten Papiere gezeigt: eine sauber nachgebildete Identitätskarte aus Plastik. Sie sah erstaunlich echt aus. Zum Glück hatte er den Pass zu Hause gelassen. Schnell hatte dann die Polizei über Dr. Wullschleger den Irrtum aufgeklärt. Jemand wollte ihn verarschen, das war Klauber mittlerweile klar geworden. Nach ein paar Tagen hatte er die »Insel« verlassen können. Und jetzt saß er in der Bahn nach Hause. Geldbeutel und Kreditkarten hatte man ihm gelassen. Der Berichtsentwurf, den er mit Wullschleger durchgegangen war und den er in seiner Tragtasche verstaut hatte, war verschwunden. War es die russische Mafia, waren es die französischen Populisten, über die er mit Kommissar Bulot diskutiert hatte, die dahintersteckten? Er wusste es nicht. Noch nicht.


5
Wohnungsbezug

Als der InterCity in den Zürcher Hauptbahnhof einfuhr und auf Gleis elf zum Stehen kam, nahm Klauber seine Handtasche und folgte den eiligen Zugpassagieren Richtung Bahnhofshalle. Es war Mittwoch. Es war der Tag, an dem der Bauernmarkt in der großen Halle stattfand. Klauber schlängelte sich durch die vielen Leute, die zwischen den Marktständen flanierten. Die Marktfahrer boten sämtliche Frischwaren an, die man sich denken konnte: Das Angebot reichte von einheimischen Alpkäsesorten über ländliche Gemüseangebote bis zu inländischen und exotischen Früchten. Und natürlich durfte der Raclette-Stand nicht fehlen. An einer Festbestuhlung, hölzernen Langtischen und -bänken, wurde Bier ausgeschenkt.
Klauber wollte so schnell wie möglich seine Wohnung im Niederdorf erreichen. Er blieb deshalb nirgends stehen. Obwohl sein Kühlschrank leer war, kaufte er nichts. Auch hatte er das dunkle Gefühl, beschattet oder verfolgt zu werden. Er verließ die Halle beim Bahnhofsquai. Zügig schritt er über die Bahnhofsbrücke. Beim Central folgte er der Limmat Richtung See. Bei der Rudolf-Brun-Brücke schwenkte er links ab. Nach etwa hundert Metern kam er in die Niederdorfstraße und gelangte so zum sogenannten Schoberhaus an der Napf-Gasse. Dort hatte er vor seiner Abreise nach Südfrankreich eine kleine Dachwohnung gekauft. Der Kauf war ein reiner Glücksfall gewesen, ermöglicht vielleicht durch seine Beziehungen. Und niemand wusste davon.
Die Dachwohnung war gegen die Straße hin mansardiert. Sie bestand aus einem Wohn- und Aufenthaltsraum, einem Arbeitsraum und einer offenen Küche. Im hinteren Teil war das Schlafzimmer. Dort befanden sich die Dusche und das WC. Durch das breite Fenster einer Dachgaube im Wohn- und Aufenthaltsraum sah man auf den kleinen Platz hinunter. Er grenzte an die Niederdorfstraße.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 302
ISBN: 978-3-99038-581-4
Erscheinungsdatum: 08.10.2014
EUR 16,90
EUR 10,99

Herbstlektüre