Krimi & Spannung

Kiewer Verbindung

Herbert Wolf

Kiewer Verbindung

Roman

Leseprobe:

EIN WORT ZUM BUCH

Im Alltag begegnen uns Menschen, deren Reden und Handeln wir nachvollziehen können und deshalb gutheißen. Wir fühlen uns dann bestätigt und freuen uns, in diesen Zeitgenossen Verbündete anzutreffen.

Was ist aber mit denen, die anders reden und sich nicht so verhalten, wie wir es erwarten? Wenn wir ihnen nicht direkt widersprechen oder gegen ihr Handeln vorgehen können, dann entziehen wir ihnen unsere Sympathie und wollen so unsere Missbilligung zeigezn.

Weder in dem einen noch in dem anderen Fall können wir davon ausgehen, dass unsere Reaktion Einfluss auf die künftigen Reden oder das weitere Handeln dieser Menschen haben wird. Für die fiktiven Personen dieses Buches ist das trivialerweise so. Und doch wird der Leser wahrscheinlich nicht darauf verzichten können, diesen Romangestalten, wie seinen realen Mitbürgern, Zustimmung oder Abneigung entgegenzubringen. Nur wird er in diesem Fall keine Likes oder Dislikes verteilen, die vielleicht auch im Falle realer Personen oft so wichtig sind wie das berühmte Umfallen eines Sacks Reis in China.



Teil I


1.

Nur noch ein schmaler Streifen rötlich-violetten Lichts der schon untergehenden Sonne drang am Horizont durch die regenschweren Wolken, als Carsten Donnermann in die Straße im Berliner Südwesten einbog, wo er wohnte. Straßenlaternen sorgten bereits für Licht, das aber durch die im böigen Wind heftig hin und her bewegten Äste der Bäume immer wieder abgeschirmt wurde, und auch von den Villen drang Licht bis zur Straße. Erste Tropfen fielen auf das Kopfsteinpflaster, und dessen nasse Oberfläche reflektierte das Licht. Noch etwas entfernt aufzuckende Blitze und das schon vernehmbare Donnergrollen kündeten von einem sich stetig nähernden Gewitter. Die plötzlichen und heftigen Windböen rüttelten an den Bäumen und zogen deren Äste fast bis zu den Dächern der am Straßenrand parkenden Fahrzeuge herunter. Carstens schwere Limousine rumpelte auf dem Kopfsteinpflaster, so dass er langsamer fuhr, auch um den gelegentlichen Unebenheiten auszuweichen. Im Moment schien Carstens Auto das einzige zu sein, das auf der Straße fuhr, und auch auf den Gehwegen zeigten sich keine Passanten.
Der Abend hatte gerade erst begonnen, und Carsten war diesmal früh dran, um nach Hause zu kommen. Er fuhr noch langsamer, als suchte er nach einer Parklücke, was in dieser Villengegend kein Problem gewesen wäre, alle Häuser hier hatten entweder selbst genügend Stellplätze oder geräumige Garagen auf ihren Grundstücken. Und auch Carsten brauchte nicht am Straßenrand zu parken, obwohl er genau das jetzt tat. Er lenkte seinen Wagen an den Bordstein, stellte den Motor aus, drehte das Radio leise und ließ seine Arme auf seinen Schoß sinken. Er nahm den starken böigen Wind wahr, wie er die unteren Äste gegen das Wagendach schlagen ließ und auch den jetzt schüttenden Regen, der die Frontscheibe zu fluten schien. Aber es schien ihn nicht zu stören, wenn er durch die Frontscheibe starrte, aber kaum etwas draußen erkennen konnte.
Er versuchte seine Gedanken zu ordnen, sich das nochmals in Erinnerung zu rufen, was er heute Abend seiner Frau Viktoria sagen wollte. Er hatte bereits am Morgen die Entscheidung getroffen, endlich mit ihr zu reden, dass er entschieden hatte, sich von ihr zu trennen. Ihr das endlich einzugestehen, war überfällig, und er hatte es schon so lange vor sich hergeschoben. Den Tag über hatte er immer wieder daran denken müssen, hatte sich seine Worte überlegt, immer wieder korrigiert, um schließlich auch jetzt noch unsicher zu sein, wie er sich seiner Frau gegenüber öffnen sollte. Wie viele auch für ihn unangenehme Entscheidungen hatte er schon verkünden müssen, in der Regel gegenüber Mitarbeitern, denen er hatte kündigen wollen oder im Streit mit Lieferanten, denen er Lieferverträge nicht hatte verlängern wollen. Das alles waren im Vergleich zu dem, was er jetzt vorhatte, fast nicht mehr als kleine Alltagsstörungen.
In diesem Moment war er im Begriff, etwas in Gang zu setzen, was möglicherweise zu keiner glatten Trennung führen könnte. In ihrem gemeinsamen Leben, immerhin waren sie beide über fast drei Jahrzehnte miteinander verbunden und hatten auch zwei bereits nicht mehr in ihrem Haus lebende Kinder, waren sie sich nicht nur eng und vertrauensvoll verbunden gewesen, es hatte auch jeden auf ganz besondere Weise geformt. Was vielleicht in jüngeren Beziehungen noch ausgesprochen werden müsste, das erübrigte sich oft in ihrer langjährigen Ehe. Veränderungen in dieser gemeinsamen Zeit hatten sich sicher auch auf ihr Bewusstsein ausgewirkt und Spuren hinterlassen. Er war nicht nur seines fortgeschrittenen Alters wegen ein anderer geworden, sondern seine Ehe hatte sein Denken und Fühlen wahrscheinlich mehr verändert, als ihm bewusst war. Man konnte nicht in einer ernsthaften Beziehung zusammenleben, noch dazu mit einer so selbstbewussten und intelligenten Frau, wie es Viktoria war, ohne sich zu verändern, und das würde auch nicht anders werden in seiner neuen Beziehung mit Irina Stepanenko, der so viel jüngeren Ukrainerin.
Gedanklich war er jetzt bereits im Haus, sah sich Viktoria ge-genüber und hörte sich dabei sagen: „Viktoria, ich werde mich von dir trennen!“
Wie würde sie darauf wohl reagieren? Wütend? Nein, das schien ihm nicht ihre Art zu sein. Vielleicht würde sie ihn nur anschauen und warten, warten darauf, dass er sich erklärte. Wahrscheinlich würde ihm ihr Gesichtsausdruck nur eins zeigen: warum? Und er würde dann versuchen müssen, es ihr zu erklären, was ihm dann richtig schwerfallen würde. Viktoria, würde er möglicherweise beginnen, ich liebe eine andere Frau, die ich bei meinen Reisen in die Ukraine kennengelernt habe. Aber dann würde er versuchen, ihr verständlich zu machen, wie das hatte passieren können. Es war nicht nur die andere Frau, und ihr Alter war es bestimmt auch nicht.
„Ich fühlte und fühle eine Lücke, die zwischen uns besteht und von der ich das Gefühl habe, dass sie immer tiefer wird, und in diese Lücke ist diese Frau eingetreten. Ich fühle, dass sie diese Lücke schließen könnte“, würde er Viktoria zu erklären versuchen.
Würde er das und so Viktoria sagen können? Und würde sie seine Erklärung so nehmen, dass sie vernünftig würden darüber reden können? Er meinte zu wissen oder hoffte es nur, dass sie genauso reagieren würde. Sie war stets eine Frau, die zu verstehen suchte und überlegt handelte. Auch konnte sie einen Moment abwarten, um sich ihrer Gefühle sicher zu sein. Dann, wenn sie sich hierüber sicherer wäre, würde sie sprechen und ihm dann vielleicht erst Fragen stellen.
Wir haben beide nur wenig Erfahrungen für eine solche Situation, obwohl es bereits früher in seinem Leben Seitensprünge gegeben hatte, die ihr nicht verborgen geblieben waren, überlegte er. Damals hatte sie genauso reagiert, wie er es jetzt auch vermutete. Sie hatte damals eine Weile gebraucht, in der sie ihn ignoriert hatte, um ihm aber dann deutlich zu sagen, wie es mit ihnen weitergehen könnte. Und es war auch immer weitergegangen. Es schien ihm, als regelte sie sein Versagen für sich ganz allein, fast so, als verdiente er eher mildernde Umstände. Für ihn war das dann viel belastender gewesen als eine heftige Auseinandersetzung oder sogar Scheidungsdrohungen es je hätten sein können. Erst so war er sich richtig mies vorgekommen, und nichts hatte er sich ernsthafter vorgenommen, als von solchen Abenteuern künftig abzusehen.
Aber das waren andere Situationen, die aus seiner Sicht in keiner Weise ihre Ehe hätten in Gefahr bringen sollen. Die Trennung zu wollen, hatte ein ganz anderes Gewicht.

Immer noch schüttete es so, dass er kaum etwas durch die Frontscheibe erblicken konnte. Nur der böige Wind war fast zum Erliegen gekommen. Dafür entluden sich jetzt in rascher Folge eine Menge Blitze, und die Donner danach schienen ineinander überzugehen. Das Gewitter war jetzt direkt über ihm.
Er startete erneut den Motor und lenkte seinen Wagen langsam wieder in Richtung ihres Grundstückes. Im Schritttempo rollte er der Einfahrt entgegen und bog schließlich auf die Zufahrt ein. Die automatisch funktionierenden Lampen neben der Zufahrt und über dem Eingangsportal leuchteten dabei auf. Viktorias Auto stand bereits in der Garage, und er fuhr seine Limousine direkt daneben. Dann schloss er mit der Fernbedienung das Garagentor und lief zur Tür, die ins Haus führte. Carsten vermutete, dass seine Frau in ihrem Terrassenzimmer saß, denn er konnte im Flur sehen, dass dort Licht brannte. Sehr oft traf er sie dort an, da sie das Zimmer wegen der großflächigen Verglasung mit den Schiebetüren in ihren Garten und mit der freien Sicht nach draußen sehr liebte. Meist lag sie dann auf dem großen Ecksofa ausgestreckt, las oft ein Buch oder hörte einfach nur Musik. Auch liebte sie die vielen großen Topfpflanzen, die den Raum wie einen Wintergarten erscheinen ließen.
„Ich bin’s, ich komme gleich zu dir!“, rief er und steuerte zunächst die Gästetoilette an. Er verharrte einen Moment vor dem Spiegel. Prüfend schaute er sich sein Gesicht im Spiegel an. Er atmete mehrfach tief ein und aus, bevor er wieder in den Flur trat.
„Dann werde ich jetzt Viktoria die Wahrheit sagen“, sagte er halblaut zu sich und lief die wenigen Schritte bis zum Terrassenzimmer. Und wie er vermutet hatte, saß sie auf dem Ecksofa und hatte sich gerade aufgerichtet. Neben ihr lag eine aufgeschlagene Zeitschrift, und auf dem Couchtisch vor ihr stand ein Weinglas, das noch kaum angetrunken schien.
Jetzt schaute sie erwartungsvoll zu ihm hin, ohne aber etwas zu sagen. Er lief zu ihr hinüber, beugte sich über sie und küsste ihre Wange.
„Hallo, guten Abend“, begrüßte er sie, und sie erwiderte seinen Gruß.
„Hast du es dir wieder auf deinem Lieblingsplatz bequem gemacht?“, fragte er und blickte sich im Raum nach einer passenden Sitzgelegenheit um. Er wollte sich so positionieren, dass er ihr möglichst gegenübersaß und ihr Gesicht sehen könnte. Er zog es lieber vor, dass sie ihm nicht frontal in sein Gesicht blicken konnte, was ihm aber nicht recht gelang. Solch einen Platz fand er nicht, und schließlich zog er sich einen der Sessel in die gewünschte Position. Er bemerkte das gefüllte Weinglas vor ihr auf dem Tisch, und bevor er sich setzte, holte er sich ebenfalls ein Glas, das er mit Wein füllte.
„Eine gute Idee, zum Wohl!“, rief er und schwenkte sein Glas in ihre Richtung. Es war fast so wie oft an Abenden, wenn er aus dem Büro zurückgekehrt war und sie sich zusammengesetzt hatten, um die letzten Stunden des Tages gemeinsam genießen zu können. Eine schöne Gewohnheit, die ich wahrscheinlich vermissen werde, dachte er, als er sein Glas hob.
Er beobachtete sie einen Moment und wartete, um zu sehen, ob sie das Gespräch beginnen wollte. Sie hatte ihre Sitzposition etwas verändert, ihre Beine hochgezogen, ihr Weinglas in der Hand behalten und blickte erwartungsvoll zu ihm hinüber. Sie lächelte ihm zu und schien immer noch darauf zu warten, dass er anfing zu reden.
„Wie war dein Tag?“, fragte er schließlich, um das Schweigen zu brechen.
„Ach“, antwortete sie etwas unschlüssig, was sie ihm antworten sollte. „Du weißt ja, dass bei mir momentan nicht so sehr viel passiert. Ich war heute Vormittag in der Schlossstraße und wollte mal sehen, ob ich für Thorsten ein passendes Geschenk für seinen Geburtstag finde. Du vergisst nicht, dass er in zwei Wochen Geburtstag hat?“
Thorsten, ihr Sohn, wie hätte er seinen Geburtstag vergessen können? Aber tatsächlich war ihm dieser Tag gerade erst mit ihren Worten wieder eingefallen.
„Und, bist du fündig geworden?“, fragte er. „Wollten wir ihm nicht einen Gutschein für seine Urlaubspläne schenken?“
„Nein, das hatten wir bereits bei seinem letzten Geburtstag gemacht“, entgegnete sie ihm etwas irritiert, weil sie ahnte, dass er nicht an diesen Geburtstag gedacht hatte. „Aber wir werden ihm wohl tatsächlich einen Gutschein schenken müssen. Es ist doch ziemlich schwer geworden, für unsere Kinder in ihrem Alter noch etwas Passendes zu finden. Klamotten wollen sie immer selbst kaufen, und für einen Porsche haben wir auch nicht genügend Geld.“ Sie lachte, und auch er musste schmunzeln.
Einen Porsche schenken, was für eine Idee, dachte er. Aber sie hatte ja recht und er wunderte sich ein wenig, dass sie trotzdem immer wieder versuchte, etwas für ihren Sohn oder ihre Tochter Amelie zu finden. Wie oft hatten die in den letzten Jahren ihre Geschenke zum Umtausch zurückgebracht. Carsten überließ aber stets die letzte Entscheidung hierüber seiner Frau, die ja auch häufiger Kontakt zu ihren Kindern hatte.
„Und sag, wie verlief dein Tag?“, wollte sie von ihm wissen.
„Auch bei mir gibt es nichts wirklich Neues. Die Firma aus Kiew hat sich jetzt mit einem weiteren Angebot gemeldet. Sie wollen einen Folgeauftrag und bieten uns, glaube ich, auch ganz gute Konditionen an. Ich lasse es gerade von unserem Einkauf prüfen. Das Angebot scheint unsere Erwartungen zu erfüllen.“
„Wirklich?“, bemerkte sie, und es klang etwas skeptisch. Nach einer Pause fragte sie nach: „Meinst du, dass sich das lohnt, mit denen weiter ins Geschäft zu kommen? Was die im Katalog zeigen, den du mir mitgebracht hast, erscheint mir etwas am Geschmack unserer Kunden vorbeizugehen.“
„Das kann ich nicht so sehen“, widersprach er. „Aber wir können ja auf das Programm Einfluss nehmen. Da können wir sicher etwas verändern.“
Er war etwas irritiert, da sie ja wissen musste, wie er sich persönlich darum bemühte, in Osteuropa preiswerte Lieferanten zu finden, und er war es ja, der sich um diese Firma selbst bemühte.
„Ihre Preise sind auf jeden Fall interessant“, sagte er jetzt mit Bestimmtheit. „Es sind die Preise, die wir im Auge behalten müssen. Ich meine, da lohnt es sich schon, mit denen ins Geschäft zu kommen.“
„Ich dachte, dass es auch Probleme mit der Qualität bei deren Lieferungen gegeben hätte?“, ließ sie jetzt nicht locker.
„Wie kommst du darauf?“, fragte er jetzt nicht nur verwundert, sondern auch etwas ungeduldig. „Woher willst du das wissen?“
„Na ja, gelegentlich höre ich ja auch mal etwas aus der Firma. Immerhin bin ich ja auch noch eine Geschäftsführerin, neben dir wohlgemerkt“, sagte sie mit einem amüsierten Unterton, wohl weil sie seine leichte Ungeduld gespürt hatte.
„Natürlich mussten wir bei einigen Möbeln von denen leicht nachbessern. Aber inzwischen haben die diese Qualitätsprobleme abgestellt. Und so etwas passiert auch gelegentlich bei anderen Lieferanten. Lass uns jetzt mal die Firma vergessen, es ist Feierabend“, versuchte er das Thema zu beenden, auch weil er nicht einsah, warum sie sich plötzlich so ins Geschäft einmischte. Es war ja seit Langem so, dass er fast im Alleingang die Geschäftsführung ausübte, während sie nur sporadisch in der Firma erschien oder sich um geschäftliche Dinge kümmerte. Er brauchte jetzt die Zeit, um endlich über das zu sprechen, was für sie beide so viel wichtiger war und was gleichzeitig schwer auf ihm lastete.
„Ja, du hast recht. Ich denke nur, dass du mich mal wieder über die Geschäftsentwicklung ins Bild setzen solltest. Das sage ich nicht, um dein Engagement in der Ukraine zu kritisieren. Ich habe nur den Eindruck, ich könnte mit meiner vielen freien Zeit mich durchaus auch wieder in der Firma nützlich machen. Meinst du nicht auch?“ Dabei schaute sie ihn fragend an, und er konnte eigentlich gegen ihre Bitte und ihren Wunsch nichts einwenden.
„Wenn du meinst, dann kommst du halt wieder öfter in dein Büro“, antwortete er leichthin und zuckte mit den Achseln.
Es war jetzt für ihn schwer, direkt auf sein eigentliches Thema wechseln zu wollen. Die Stimmung hatte sich etwas verändert durch das Gespräch über ihr Unternehmen, sie war weniger entspannt als vorher. Er überlegte, wie er jetzt würde beginnen müssen. Schließlich entschied er sich, einfach loszulegen.
„Viktoria, es gibt etwas, was ich dir endlich gestehen muss“, er macht eine Pause und versuchte ihr in die Augen zu schauen. „Ich liebe eine andere Frau, die ich vor einigen Monaten in Kiew kennengelernt habe. Und ich möchte mich von dir trennen.“
Er sah, wie ihr Gesicht sich straffte und wie sie offensichtlich etwas Zeit brauchte, um seine Worte richtig zu verstehen. Er sagte es noch einmal und fügte dann hinzu: „Es ist nicht diese Frau allein. Ich habe schon seit langer Zeit das Gefühl, dass wir uns auseinandergelebt haben, dass regelrecht eine Lücke sich zwischen uns aufgetan hat, und die, so glaube ich, wird auch stetig größer. Ich bin nicht nur wegen der Arbeit oft noch lange im Büro oder verreise öfter. Es ist so, dass mich oft wenig nach Hause zieht.“
„Ok, ich glaube, ich verstehe“, sagte sie endlich, und er merkte, wie sehr seine Worte sie getroffen hatten. Das machte es noch schwerer für ihn, weiterzureden.
„Kannst du auch verstehen, dass ich etwas in meinem Leben ändern muss? Auch wenn du das jetzt anders empfinden magst, ganz bestimmt will ich dir nicht wehtun.“
„Das glaube ich dir. Aber wenn du dein Leben ändern willst und das ohne mich, was bedeutet das dann für mich? Willst du die Scheidung?“
„Ja das möchte ich“, stimmte er zu und nickte.
„Ich frage dich lieber noch einmal. Es ist keine Affäre, wie du sie früher auch hattest. Du willst wirklich die Scheidung.“
„Ganz bestimmt ist es keine Affäre. Ich möchte mit der Frau, die ich liebe, zusammenleben und möglicherweise werden wir auch heiraten wollen.“
Sie saß vor ihm auf dem Sofa, aber sie hatte sich voll aufgerichtet, ihre Beine standen wieder auf dem Boden, und sie suchte mit ihren Augen irgendeinen fernen Punkt im Garten, den sie um diese Zeit, wo es bereits dunkel war, sicher nicht finden würde. Sie hatte, wie er erwartet hatte, nicht die Beherrschung verloren, hatte ihm ruhig, fast zu sachlich, zugehört. Weder waren von ihr Vorwürfe noch Fragen, wie das alles passiert sein konnte, zu hören gewesen.
Er wusste, dass sie jetzt mit seiner Botschaft sich eher zurückziehen wollte, um darüber nachzudenken. Das hieß sicher nicht, dass für sie das Gespräch über seine Entscheidung zu Ende sein würde, es hieß nur, dass er würde warten müssen.
„Das sind ja mal Neuigkeiten“, sagte sie mehr zu sich selbst und merklich angeschlagen. „Ich muss das erst mal verarbeiten. Ich gehe jetzt in mein Zimmer. Wir können uns vielleicht morgen weiter unterhalten.“
Damit stand sie auf und wandte sich mit einem knappen „Gute Nacht“ in Richtung Treppe, um zu ihrem Zimmer zu gelangen. Er würde sie also heute sicher nicht mehr sehen können. Auch er hatte sich erhoben, blieb aber im Raum stehen, bis sie oben verschwunden war. Dann lief er zu einem der Beistellwagen, auf dem mehrere Flaschen mit alkoholischen Getränken sowie passenden Gläsern standen.
Er wählte eine Flasche Grappa, aber das falsche Glas, das eher für einen Longdrink geeignet war.
Er fühlte sich schlecht, aber auch erleichtert, dass er Viktoria endlich gesagt hatte, was in ihm schon seit langer Zeit vorging. Im Sessel sitzend, trank er langsam das Glas leer, dabei wohl völlig vergessend, was für ein starkes Getränk er da zu sich nahm. Und als das Glas leer war, füllte er sich das gleiche Glas nochmals mit Grappa voll.
Allmählich verschwammen vor ihm seine Gedanken, begann er zwischen Mitgefühl für Viktoria und Selbstmitleid hin und her zu schwanken, bis er die Kontrolle über seine Gefühle gar nicht mehr richtig steuern konnte. Er wechselt hinüber zum Ecksofa und legte sich dort der Länge nach hin, fast froh, dass er diese Position noch erreichen konnte.
Sie hat überhaupt keine Szene gemacht. Sie war völlig beherrscht, dachte er über ihren Gesprächsverlauf nach.
„Wie kann sie nur so ruhig sein? Ich könnte das sicher nicht“, redet er halblaut mit sich selbst, wobei er schon Mühe hatte, deutlich zu sprechen. Fast glaubte er jetzt, dass sie seine Offenbarung schon vorausgeahnt haben könnte. Hatte sie vielleicht schon einen Verdacht gehabt?, schoss es ihm durch den Kopf. Und war es möglich, dass sie selbst bereits verspürte, wie sehr sie sich auseinandergelebt hatten? Zutrauen würde er es ihr. Ihr feines Gespür für die Empfindungen oder deren Änderungen bei den Menschen in ihrem sozialen Umfeld hatte er stets bewundert, weil ihm, abgesehen von guten Freunden oder engen Kollegen seiner Arbeitswelt und vielleicht in seinem Club, oft verborgen blieb, was andere um ihn herum fühlten oder dachten. Es fiel ihm jetzt mit der Menge Alkohol im Blut immer schwerer, klar zu denken, und er verfiel immer stärker in ein weinerliches Selbstmitleid. Er wünschte sich, dass sein Geständnis an diesem Abend gar nicht durch ihn hätte erfolgen müssen, sondern dass sich das alles ohne sein Mittun von selbst ergeben hätte. Und dann hätte er ja morgen ihr begegnen können ohne Schuldgefühle.
„Was soll’s, du hast es ihr gesagt, jetzt musst du sehen, dass du damit auch klarkommst“, versuchte er sich zu trösten. Es war wohl das Letzte, was er an diesem Abend noch halbwegs bewusst dachte. Er drehte sich auf die Seite, versuchte auf dem Sofa eine bequeme Lage zu finden und schlief praktisch sofort ein.
Dass Viktoria nochmals nach unten kam, um sich aus dem Kühlschrank ein Mineralwasser zu holen und ihn dann so liegen sah, bekam er gar nicht mehr mit. Auch, dass sie ihn mit einer der herumliegenden Decken zudeckte und schließlich noch das Licht löschte, erlebte er nicht mehr bewusst.
Sie aber hatte sich leise ihm gegenüber auf einen Sessel gesetzt und ihn lange betrachtet. Immer wieder wischte sie sich die Augen und gelegentlich schien sie zu seufzen.
Wie oft hatte sie schon mit ihm ähnliche Szenen erlebt und durchgestanden. Nur diesmal war es ihr aus seiner Rede doch klar geworden, dass er wirklich die Trennung von ihr wollte.
Sicher hatte er nie einen Gedanken daran verschwendet, dass eine Trennung für sie in ihrem Alter etwas anderes war als für ihn.
Was trieb ihn nur an, was machte aus ihm, was er jetzt offenbarte?
„Dieses Mal wird es schwerer, aber ich werde auch darüber hinwegkommen“, sagte sie leise zu sich und stand auf.
Als sie wieder in ihrem Bett lag, fiel ihr noch ein, dass Carsten wohl nie mehr zu ihr in dieses Bett kommen würde – und wie lange es tatsächlich her war, dass er das nicht getan hatte. Hatte sie das gar nicht richtig wahrgenommen?
Auch sie schlief fast sofort ein, was weder an dem einen Glas Rotwein lag, dass sie am Abend getrunken hatte, noch an der fortgeschrittenen Tageszeit. Sie war wohl wirklich sehr erschöpft gewesen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 644
ISBN: 978-3-95840-566-0
Erscheinungsdatum: 12.12.2017
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 23,90
EUR 14,99

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