Krimi & Spannung

Gefangen im südamerikanischen Urwald

John Roomann

Gefangen im südamerikanischen Urwald

Leseprobe:

Vorwort
August 2000: In der Hitze des Sommers



Alles begann mit einer sehr schwierigen Jugendzeit, wie das leider nur zu oft vorkommt. Und auch wenn der Roman frei erfunden ist - oder doch nicht? -, passt zumindest der Beginn der Geschichte absolut in die Realität einer jungen „Lebenspflanze“. Unweigerlich stellt sich bei solchen Fällen die Frage, warum man Kinder in die Welt setzt, wenn man diesen kein kindgerechtes, anständiges und gutes Leben bieten kann. Mit „gut“ ist nicht per se „luxuriös“ gemeint, sondern viel mehr „würdig“, ein Leben also mit Liebe von beiden Elternteilen und in geordneten Bahnen. Doch es gibt unsägliche Gegebenheiten, welche die besten Absichten zunichtemachen. Diese haben fünf Buchstaben: KRIEG. Nie lässt sich dieses verdammte Wort beziehungsweise dieser Zustand von der Erde entfernen. Nie, einfach nie, und so musste auch das Kind Frank als eines von vielen leiden. Nie bekam Frank eine faire Chance. Die Wirren des Zweiten Weltkriegs und das dadurch bei vielen Familien um sich greifende Elend, oft gekoppelt mit Armut, machten Frank vielleicht zu dem, was seinen abenteuerlichen und „gefängnisreichen“ Lebenslauf ausmachte. Sein hypothetisches Tagebuch beginnt eigentlich noch recht harmonisch, wird aber Jahr für Jahr unruhiger. Aber waren tatsächlich nur der Krieg, die Abwesenheit seines Vaters, der an der russischen Front war, und dadurch die fehlende Erfüllung der Aufsichtspflicht durch seine Mutter dafür verantwortlich? Oder liegt es nicht einfach nur daran, dass man die Kinder und Jugendlichen lange Zeit einfach nicht ernst nimmt, sich nicht um ihre Bedürfnisse kümmert, sich nicht nach ihren Stärken und Schwächen richtet, ihre Ziele und Wünsche schlichtweg nicht respektiert? Bei Frank war es mit hoher Wahrscheinlichkeit Letzteres. Er hat sich schließlich immer wieder aufgerafft und war kein schlechter Junge … bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Was war geschehen? Er hegte den großen Wunsch, eine Steinmetz-Lehre zu absolvieren, doch dieser wurde grundlos, respektlos und sinnloserweise ausgeschlagen. Frank war mit Leib und Seele dafür gewesen, nicht zuletzt deshalb, weil sich schon in der Schule eindeutig seine zeichnerischen und gestalterischen Fähigkeiten herauskristallisiert hatten. Sogar der Frank persönlich bekannte Steinmetz wollte ihn unbedingt zu sich in die Ausbildung nehmen, weshalb der Entscheid noch unverständlicher war. Nichts da, die neunmalklugen Behörden waren partout dagegen, weiß der Teufel weshalb, es findet sich keine plausible Begründung. Ab diesem Moment war es irgendwie um Frank geschehen. Er verlor wohl das Vertrauen in die Welt, die Zeit, die Menschen. Nach und nach lief alles aus dem Ruder - wem oder was sollte er noch vertrauen! „Also scheiß drauf, dann gehe ich als letzte Option weg von hier, einfach nur weg, auf und davon, in die große, weite Welt.“ Doch diese Welt konnte ihn auch nicht retten, allein es fehlten auch diesmal die richtigen, ehrlichen Bezugspersonen, jemand, der ihm half, ihm vertraute, ihn in seinem Tun unterstützte. Es kam, wie es kommen musste, es folgte Desaster auf Desaster, mal kleiner, mal größer und mal „faster“.
Nach einem kleinen Zwischenhoch setzte er alle Hoffnung auf das runde Jahr 2000 und den geplanten Neuanfang in Südamerika. Leider folgte in dieser „Hitze des Sommers“ das größte Unheil, sein Tod schien vorprogrammiert. Er geriet, teils selbstverschuldet, in die Fänge einer gefährlichen und unberechenbaren Bande. Hätte ihn die offizielle Polizei verhaftet - ein Diamantenhändler war durch Franks Hand zu Tode gekommen -, wäre er lediglich in einem Gefängnistrakt verwahrt worden, wenngleich für Mord wohl sehr lange. Aufgrund seiner Verhaftung durch irgendeine Pseudo-Polizei oder eine andere Art von Uniformierten - er wusste selbst nicht, wer diese Männer waren - gelangte er zwar ebenfalls ins „Gefängnis“, allerdings in ein „natürliches“, nämlich den südamerikanischen Dschungel. Nie hätte er gedacht, dass es ihm mal derart beschissen gehen könnte, noch schlimmer als je in seinem bisherigen Dasein. Nie hätte er sich vorstellen können, fast täglich in irgendeiner Form mit dem Tod konfrontiert zu sein. Frank liebte es zwar, wenn es warm und heiß war, er war schließlich früh zum Abenteurer mutiert, aber die bevorstehende Hitze des Sommers 2000 im tropischen Urwald des südamerikanischen Kontinents sprengte im Nachhinein seine ganze Vorstellungskraft. Konnten ihm seine Komplizen und Freunde Jean-Claude aus Frankreich sowie Enrique aus Brasilien durch die Gefahren helfen, ihm vielleicht die nötige „Abkühlung“ verschaffen? Oder war Yamuna, die Indiofrau, seine Rettung?










Kapitel 1
Brutales Erwachen im Urwald



In einem kleinen, gottverlassenen Ort am Rio Ventuari, der zum Wasserlieferanten des großen Stroms Orinoco gehört, am sogenannten Ende der Welt, liegt das unmenschlichste, verteufeltste Gefangenenlager, welches die in ihrer Grube bis zum Skelett abgemagerte Gestalt in ihrem Leben kennengelernt hatte. Und dieses Leben war ohnehin selten ein Zuckerschlecken gewesen, da oft die Unterstützung von Eltern oder sonstigen Mitmenschen gefehlt hatte. Dieses Lager in den Tiefen des venezolanischen Urwalds übertrifft jedoch alles negativ Erdenkliche. Das Befinden der knöchrigen Gestalt war katastrophal und es schien aussichtslos, dass sie sich aus eigener Kraft befreien konnte. Alle Fluchtgedanken und dahingehenden Hoffnungen hatte sie längst begraben. Eine von Furunkeln verunstaltete Haut hielt Franks Knochen noch knapp zusammen. Er hockte auf dem erdigen Boden eines quadratischen, tiefen Erdlochs. Seine Finger spielten mit einer Handvoll Diamanten, welche sich in einem Beutel neben ihm befanden. Doch seine Augen starrten gierig auf das fette Ende eines Regenwurms, der versuchte, im Wurzellabyrinth der glitschigen Wände zu verschwinden. Franks freie Hand schoss blitzschnell vor, zumindest so schnell es ihm noch möglich war. Mit Daumen und Zeigefinger erwischte er den „Flüchtigen“. Er musste jedoch behutsam vorgehen und durfte nicht zu kräftig am Wurmende ziehen, wollte er das Tier nicht irgendwo in seiner Länge durchreißen. So dauerte es eine Ewigkeit, bis das sich kringelnde Tier zum Vorschein kam und sich in seiner gesamten Länge Franks Augen präsentierte. Frank ließ die Diamanten aus seinen Fingern gleiten. Schnell war die Erde aus dem Leib des Wurmes gequetscht und der nun schlaff in seiner Hand liegende „Schlauch“ verspeist. Er schmeckte nach modrigem Wasser und manch Einen oder Eine graust es ob der Vorstellung der Verköstigung, zumal auch wieder einmal das Salz fehlte. „Genau wie damals“, dachte Frank. Aber sein Verstand dachte auch daran, dass es wichtige Proteine waren, Aufbaustoffe, die sein ausgemergelter Körper dringend benötigte, um überhaupt noch bei Besinnung zu bleiben. Was blieb ihm auch anderes übrig bei diesen widrigen, menschenverachtenden Umständen.
Wenn Frank in die Höhe blickte, war es ihm aus der Tiefe seines Erdlochs vergönnt, einen geringen Teil des Himmels zu betrachten. Leider wurde das ohnehin Wenige, das er zu sehen bekam, durch ein Eisengitter verzerrt. Unten am Boden, auf zwei Seiten der Lehmwände, steckten enge Betonröhren, die der Notdurft dienten und durch die das tägliche Regenwasser abfließen konnte. In den Morgenstunden, in der Zeit, in welcher der stromerzeugende Dieselmotor abgestellt wurde und der Dschungel schlief, versuchte er sich durch eine der Röhren mit den anderen Gefangenen zu unterhalten. Das war aber ein zweckloses Unterfangen, denn sie hockten in ihren Löchern meterweit voneinander entfernt, wie er bereits bei seiner Ankunft anhand der einzelnen, im Erdboden eingelassenen Gitter bemerkt hatte. Manchmal - bewahre, längst nicht alle Tage - wurden Küchenabfälle zu ihm hinuntergeworfen. Zu trinken gab es nichts als Wasser, welches der Herrgott jeden Nachmittag fast pünktlich gegen vier Uhr vom Himmel entsandte. Doch nebst dem frischen Regenwasser pinkelten die gemeinen Bewacher zu ihrer Belustigung nur zu gerne von oben durch das Gitter auf die Gefangenen herab. Meist handelte es sich bei diesen Leuten um auf Rache sinnende Mestizen. Doch Rache auf was? Schließlich hockte er ja fast unschuldig in diesem Loch. Und als wäre dies immer noch nicht genug gewesen, hatte einer dieser verhassten Folterknechte vor einigen Tagen die ganze Notdurft über das Gitter in den Schacht hinunter verrichtet. Aber Frank hatte sich dessen Gesicht gemerkt.
In seiner Gruft konnte Frank keine normale Schlafstellung einnehmen, denn das elende Loch maß nur knapp einen Meter im Quadrat. So war es nicht verwunderlich, dass ihn jeweils sämtliche Glieder schmerzten. Vom frühen Abend bis in den Morgen hinein stand er oft bis zur Brust in dem von Exkrementen verunreinigten Regenwasser. Die Betonröhren waren letztlich viel zu eng, um die „Jauche“ sofort abfließen zu lassen. Ekelerregend war vor allem auch, dass aus einer der Röhren die Ausscheidungen mehrerer benachbarter Gefangener, von denen einer sein Freund Enrique war, zu ihm ins Loch drangen, wo sie sich bis gegen Ende des Regens ansammelten. Gott sei Dank hörte dieser Zustand für gewöhnlich kurz vor Mitternacht auf, sodass Frank sich, sobald die Brühe abgeflossen war, wenigstens auf den etwas schmierigen Boden hocken konnte. Vom letzten, immer noch leicht verunreinigten Wasser löschte er seinen restlichen Durst.
Momentan machten ihm einige dicke Würmer, von den Einheimischen „Verme“ genannt, arg zu schaffen. Diese steckten nämlich tief in seinem Rücken, wo er effektiv nicht hinlangen konnte. Diese „Verme“ krochen aus den Eiern einer speziellen, großen Fliege, der „Verejeira“. Franks Augen lagen fiebrig und gelblich verfärbt in ihren Höhlen. Eine hässliche Bartflechte bedeckte sein Kinn und seine Kleidung bestand nur noch aus Fetzen. Die ganze Gestalt schien zerfallen, zerknittert wie eine überreife Maracuja-Frucht, und es fühlte sich an, als wäre er über hundert Jahre alt gewesen. Frank hatte Hunger, er träumte von der fetten Ratte, die vor längerer Zeit des Nachts in die Grube gefallen war und die sich aus Furcht vor dem Ersaufen auf seine Schulter gerettet hatte. Leider hatte die Ratte nicht mit der Hungersnot des menschlichen Grubenbewohners gerechnet.
Fluchende Stimmen waren zu vernehmen. Frank richtete sich auf. Undeutlich bekam er mit, wie eines der benachbarten Gitter entfernt wurde. Leider entging es ihm ebenfalls nicht, dass erneut, wie so oft, ein Leichnam aus der Grube gezogen wurde. Kein Wunder bei diesen Zuständen. Schmieriges Gelächter folgte, dann der Anblick der hässlichen Fratze des Schergen, der sich erneut über seinem Gitter „entleert“ hatte. Frank hoffte im Stillen darauf, dass sich irgendwann eine Gelegenheit ergeben würde, sich bei diesem Schwein zu „bedanken“, sollte er diese Qualen tatsächlich überleben.
Wie viele Wochen verbrachte er bereits in dieser Grube, in welcher die Zeit stehenzubleiben schien und der Tag viel mehr als nur vierundzwanzig Stunden zählte? Wie lange würde er diese Hölle noch ertragen können? Er wusste, Mitleid gab es an diesem Ort nicht. Seine anfänglichen Proteste waren ignoriert, einfach überhört worden. Und so blieb jeweils nur das Fluchen, um eine minimale Erleichterung zu finden.
Warum musste er auch unbedingt in die Region des Departamento von Putumayo im Süden von Kolumbien fahren? Er war hierhergereist, um einen ehemaligen Knastkumpel aufzusuchen, einen ehemaligen Zellenkameraden, der etwas nördlicher in Tumaco, direkt am Meer gelegen, einen besonderen Ruf als Schmuggler hatte. Nein, er hätte gleich nach Bogota fliegen und von dort auf dem Landweg weiterfahren sollen, denn dann wäre ihm diese lebensbedrohliche Lage, in welcher er sich nunmehr befand, erspart geblieben. Mit einem Bus war er von Ibarra nach Mercaderes gekommen, wo er dann im Hotel den fetten Typen, der sich als Juwelenhändler ausgab, kennenlernte. Nach einem geselligen Abend mit Weibern und etlichen Schnäpsen nahm er dem Fetten dann in dessen Suff die Diamanten ab. Dies wäre kaum von Bedeutung gewesen, hätte der dicke Trottel nicht das Zeitliche gesegnet. So ohne Weiteres ließ der Mann sich die Steine natürlich nicht nehmen. Frank war nämlich nicht umhingekommen, der verstörten Qualle, die an sein Märchen, er sei ebenfalls aus der Branche, glaubte, wenn auch nicht im Diamanten- sondern im Goldhandel, den Hals umzudrehen. Die Hotelbediensteten fanden den leblosen Fettklumpen mit herausgequollenen Augen im pomadigen Gesicht neben der Badewanne seines Appartements auf dem Rücken liegend. Zum folgenschweren Nachteil für Frank erinnerte sich das Personal an ihn, den trinkfreudigen Herrn, der am „Unglückstag“ ohne seine offene Rechnung zu begleichen das Hotel hinter sich gelassen und das Weite gesucht hatte. Zum Leidwesen des Hotels hatte er in keiner Weise daran gedacht, in dieses zurückzukehren.
Als ihn eine Militärstreife in Pitalito - einem Kaff, in das sich kaum einmal ein Tourist oder Fremder verirrt - für einen der dort tätigen „Guerrilheiros“ hielt und festnahm, fand sie bei ihm natürlich die hübsche Diamanten-Kollektion. Von seiner fluchtartigen Abreise aus Mercaderes und dem tödlichen „Unfall“ des Juwelenhändlers waren die Männer über Funk bestens informiert. Sie wussten also genau, wen sie vor sich hatten. Diese Barbaren interessierte die Meinung des ihnen völlig unbekannten Herrn aus dem Hotel des entfernten Mercaderes nicht im Geringsten und so stellten sie ohne irgendwelche Hemmungen die These auf, dass Frank nach dem geplanten Verkauf der geklauten Diamanten von dem Erlös eine Guerrilheirogruppe zu unterstützen beabsichtigte. Eine maßlose, erfundene Theorie, aber Frank war für diese schamlosen Militärköpfe ein willkommenes Fressen. Die Steine wurden selbstverständlich gerecht unter den Militärs aufgeteilt, er jedoch verschwand ohne großes Aufsehen in diese Hölle am Rio Ventuari, die sich, wie er nunmehr leider wusste, bereits auf venezolanischem Gebiet befand. Dies schien allerdings auch nicht von Bedeutung zu sein, denn man kannte sich länderübergreifend und arbeitete entsprechend eng zusammen.
Doch woher kam Frank eigentlich? Ursprünglich aus Deutschland, geboren mitten im zweiten Weltkrieg in einem Dorf an der Nordküste Deutschlands. Sein Vater war ein einfacher Marinesoldat gewesen. Die Familie lebte gemeinsam mit den Großeltern mütterlicherseits sowie mit einer Tante, ihrem Ehemann und den Eltern in bescheidenen Mietwohnungen einer heruntergekommenen Wohnsiedlung, welche von jedermann nur „das braune Haus“ genannt wurde, da die Fassadenfarbe seit der Erbauung keinen Farbanstrich mehr erhalten hatte. Die Eltern des Vaters lebten weit entfernt in Ostpreußen. Es waren noch zwei ältere Schwestern da. Die Mutter musste sie alle drei und sich selbst ernähren. Damit dies überhaupt möglich war, ging sie täglich, wenn die Kinder noch schliefen, aus dem Haus, um mit der zwei Kilometer entfernten Straßenbahn in die Stadt zu einer Fischfabrik zu fahren. Dort hatte sie zum Glück Arbeit gefunden, um etwas Geld für die Haushaltskasse zu erhalten. Abends kehrte sie müde und verbraucht zurück, doch sie freute sich stets auf die Rückkehr, vor allem, weil sie von den Kindern bei der Straßenbahnstation erwartet wurde. Sie hausten in der im Winter eiskalten Mietwohnung im Dachgeschoss mehr, als dass sie wohnten. Nicht dass die Kälte schon genug gewesen wäre, nein, oft regnete es durch undichte Stellen herein oder der Schnee lag zum Unmut der Kinder zentimeterhoch an den verschiedensten Stellen der Wohnung. Ein Teil der Siedlung und dieses Hauses war durch eine Tellermine bis auf die Grundmauern zerstört worden. Im zweistöckigen, bewohnbaren Teil waren alle Räumlichkeiten vom Keller bis hinauf zu ihrem „Quartier“ mit Menschen vollgestopft. Man kann sich unschwer vorstellen, was hier vor sich ging und welche geschmacklichen Eindrücke hier gesammelt werden konnten. Aber man lebte beziehungsweise überlebte. Zum Hause gehörte auch ein Gartengrundstück - oh Wunder - mit etlichen Obstbäumen, worin die Familie ein wenig Gemüse anpflanzte. Und dann tummelten sich dort auch Hühner und ein paar Kaninchen.
Die Nachkriegswirren, andauernder Hunger und das sichtbare Elend rund um Frank herum drückten diesem eigentlich sehr sensiblen Jungen einen unverrückbaren Stempel auf. Um seinen stetigen Hunger zu stillen, zog er zum Beispiel, sobald er einen Trauerzug sichtete, hinter diesem bis zum Friedhof her. Einen solchen Trauerzug erkannte er am Pferdefuhrwerk mit seinen weißen Engeln, den schwarzen Tüchern, natürlich dem Sarg, dem Kutscher mit seinem hohen Zylinder sowie der traurig dahinschlurfenden Menschentraube. Er wusste längst, dass es nach dem offiziellen Akt auf dem Kirchhof zum „Totenhaus“ ging, wo sich die Angehörigen des Verstorbenen die Bäuche vollschlugen. So war es schließlich auch in der Wohnung unter ihnen gewesen, als die gute Frau Joweder verstorben war und er sich hatte sattfuttern können. Selbstverständlich erhielt Frank, so schmutzig, wie er immer aussah - oft war er barfuß oder mit alten Gummistiefeln an den Füßen unterwegs -, seinen verdienten Anteil von dem „Totenschmaus“. Schließlich war er zur Andacht mit auf dem Friedhof gewesen! Dort hatte er sodann die nächste „Futterquelle“ entdeckt. Auf den verschiedensten Gräbern fanden sich stets frische Blumen, was er sich ungesehen zunutze machte. Er nahm von jedem dieser Gräber mit ansehnlichen Blumen einige weg, entschuldigte sich bei den Toten und bat sie um Verständnis für sein Tun. Man spürt und erkennt allein an dieser Stelle, dass er im Herzen ein guter und sensibler Junge war. Die Blumen band er zu kleinen Bündeln zusammen, die er in ebenfalls „erbeutetes“ Seidenpapier einwickelte. Dann spazierte er von Tür zu Tür, um diese kleinen und schönen Blumensträuße zu verkaufen. Das machte er übrigens auch mit Fischen, die er entweder auf dem Fischmarkt klaute oder sich von Arbeitern schenken ließ. Oft waren die Fische beinahe größer als er selbst.
Irgendwie war es naheliegend, dass die Schule für ihn keine Priorität hatte, obwohl er nicht oft schwänzte. Aber Frank blieb stets nur ein mittelmäßiger Schüler. Aber im Zeichnen übertraf er alle anderen Mitschüler um Längen. Doch er war einsam; von der Mutter hatte er höchstens an den Wochenenden etwas und der Vater steckte in russischer Gefangenschaft. Und so blieb er sich oft selbst überlassen. Ein ungeregeltes Leben war also fast schon vorprogrammiert. Der Vorort, in welchem er aufwuchs, war durch vorangegangene Bombenangriffe und spätere Demontage durch die Alliierten schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Es handelte sich um einen Vorort mit wichtigen Werften und Industrie für Kriegsgerät. Den jungen Frank und seine Gefährten zog es oft hinunter auf die Munitionsplätze der zerstörten Werften, wo sie Schrott sammelten und „Indianer“ spielten. Zerstörte Häuser, die Ruinen mit ihren Bombentrichtern, sind für Kinder ideale Spielplätze, da man hier auf nichts Rücksicht nehmen muss. Und die Ursachen des Krieges können sie ohnehin noch nicht richtig einordnen. Auch für Frank waren diese Plätze Paradiese, zumindest solange, bis einer der dort versteckt liegenden Blindgänger explodierte, einen seiner Spielkameraden tötete und mehrere andere verletzte. Das war natürlich ein einschneidendes und schreckliches Erlebnis für ihn.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 394
ISBN: 978-3-99064-618-2
Erscheinungsdatum: 24.06.2019
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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Krampus & Nikolo