Krimi & Spannung

Die Tötung der Schlange

Christine-Maria Woytt

Die Tötung der Schlange

Köln-Krimi

Leseprobe:

Kapitel 1

Vor dreißig Jahren
Der Beginn der Erkenntnis

Ihre Schritte hallten wieder in der Stille des langen, diffus beleuchteten Korridors, der im Parterre des Krankenhauses zur Abteilung für physiotherapeutische Anwendungen führte. Noch herrschte die Ruhe des sehr frühen Morgens und der vertraute Flur wirkte verlassen und unbehaust. In einer halben Stunde ginge es hier laut und belebt zu. Praktikanten und Festangestellte, alle in weißer Dienstkleidung, bereiteten dann im großen Raum ihre Kabinen für die Behandlungen vor. Und man würde neben den lachenden und erzählenden Stimmen das laute Geräusch vieler Metallrädchen vernehmen können. Sie gehörten zu den kleinen, weißen Tischen, auf denen die jeweiligen Therapeuten Elektrogeräte und andere Hilfsmittel zu den Krankenstationen transportierten. Das Team schwärmte in die verschiedenen Etagen des Hauses aus, wenn Patienten aufgrund ihrer Erkrankung oder einer erst vor kurzer Zeit erfolgten Operation noch nicht gehfähig waren. Die Behandlung erfolgte dann auf den Zimmern.
Und die ewig plappernden und lachenden Schüler würden – wie immer in letzter Minute – in ihre Aufenthaltsräume stürmen und von da aus mit ihren Ordnern unter dem Arm im Galopp versuchen, den Hörsaal zu erreichen, bevor der Leiter der Schule seinen morgendlichen Unterricht begann. All das war vertraut und hatte ihr immer ein Gefühl der Zugehörigkeit vermittelt. Aber heute war sie froh über das Alleinsein. Es wurde für sie immer schwieriger, den Alltagskontakten gerecht zu werden. ‚Warum hast du dich so verloren, Frau?‘ Und natürlich wusste sie die Antwort.
Während ein Teil ihres Wachbewusstseins sich mit den gleich beginnenden Alltagsverpflichtungen auseinanderzusetzen begann, registrierte sie müde und lustlos, dass das Aufstehen und der Weg zur Arbeit immer mehr zur Plage wurde; eigentlich kaum noch zu bewältigen war.
Christina Doblin war Lehrkraft an der Massageschule der Orthopädischen Universitätsklinik. Ihr Unterricht würde um acht Uhr beginnen und sie hatte 1,5 Stunden Elektrotherapie zu bewältigen. Diesmal ging es um die therapeutischen Möglichkeiten der sogenannten hydroelektrischen Bäder, auch Stangerbad genannt. Es war einer der Teilbereiche des Faches, den sie liebend gerne an einen Kollegen abgegeben hätte. Die Tatsache, dass ein Mensch in einer mit Wasser gefüllten Badewanne saß und gleichzeitig von konstantem Gleichstrom durchflutet wurde, hatte ihr immer widerstrebt. Sie konnte nicht dagegen an, dass ihr die Kombination von Wasser und Strom Angst machte – was natürlich vollkommen irrational war, denn die Wannen waren isoliert und die Stromzufuhr wurde individuell angepasst. Außerdem führte das altbewährte Verfahren nachweislich zur Verbesserung von Beschwerden des Bewegungsapparates.
Sie blieb stehen und lehnte sich müde an die Wand. Noch vor wenigen Monaten hätte sie gemeinsam mit den Schülern über ihre Vorurteile gegenüber der Anwendung lachen können. Inzwischen gehörten Fröhlichkeit und Leichtigkeit der Vergangenheit an. Sie seufzte, bewegte sich gegen ihren inneren Widerstand weiter und stellte fest, dass sie wieder einmal in keiner Weise auf ihren Unterricht vorbereitet war. Zum Glück konnte sie das mit vorhandenem Grundwissen und jahrelanger Erfahrung gut kompensieren. Aber in dieser Form machte ihr das Unterrichten keine Freude.
Es war schon schwierig genug, nicht jeden Morgen dem Impuls nachzugehen, sich irgendeine möglichst glaubhafte Lüge auszudenken, in der Abteilung anzurufen und unter dem Vorwand einer Erkrankung – Reizdarm-Syndrom, böse Rückenschmerzen und so weiter – zu Hause bleiben zu können. Sie hatte schon seit fünf Uhr wach gelegen. Und nachdem sie deprimiert feststellte, dass der Schlaf sie wieder einmal lange vor der Zeit verlassen hatte und die Unruhe und Traurigkeit immer deutlicher Gestalt annahm, hatte sie entschieden, schon früh ins Klinikum zu fahren. Dort gab es zumindest ihren Schreibtisch und auf dem befand sich eine große Menge zu erledigender Arbeit. Zurzeit eine willkommene Ablenkung, aber auch das wurde immer problematischer.
Nach einer flüchtigen Reinigungszeremonie und einem kleinen Zugeständnis an ein wenig Make-up – um die tiefen Ränder unter ihren müden Augen zu kaschieren – hatte sie Jeans und Shirt vom Boden aufgeklaubt, angezogen und war losgefahren. Keine Energie für eine Tasse Kaffee, überhaupt kein Hungergefühl.
War er es wirklich wert, dass die früher so intensiv empfundene Freude an den lieb gewonnenen kleinen Ritualen, dieser fröhliche Zubiss zum Leben, an diesem dunkelgrauen Gestade gestrandet, dort irgendwie verloren gegangen und jetzt nicht mehr zugänglich war, tief verborgen unter kaltem Sand?
Im selben Moment machte sie abrupt vor dem Wartebereich für Patienten halt, der aufgrund der frühen Stunde noch im Halbdunkel lag, und stieß einen leisen Schrei aus. Sie griff zum Lichtschalter und im jetzt aufflammenden Licht der viel zu hellen Neonröhren sprang jemand von einem der alten Holzstühle auf und blinzelte erschrocken in die unerwartet entstandene Helligkeit.
„Was um alles in der Welt wollen Sie denn schon hier?“, fragte sie und konnte in ihrer eigenen Stimme deutlich den Unwillen erkennen.
„Oh, guten Morgen, Frau Doblin. Na ja, ich weiß auch nicht … also ich … bin ich denn zu früh? Wie spät ist es denn?“
‚Oh Gott, muss sie denn immer so stammeln?‘, dachte sie und spürte den vertrauten Ärger in sich aufsteigen. Er war einfach sofort da, wenn dieses Mädchen in ihre Nähe kam. Und das ergab sich eigentlich ständig, denn sie war eine ihrer Schülerinnen im zweiten Semester der Massageschule. Nun hatte sich das Mädchen bei der Arbeit – wahrscheinlich aufgrund einer falschen Massagetechnik – eine sehr schmerzhafte Epicondylitis zugezogen, war daraufhin krankgeschrieben worden und erschien nun in der Abteilung zur Behandlung ihrer Schmerzen. Und das auch noch täglich, was schon aus medizinischer Sicht einfach Schwachsinn war. ‚Ich werde mir den Praktikanten, der diesen unmöglichen Behandlungsplan zusammengeschustert hat, zur Brust nehmen‘, dachte sie verärgert und konnte gleichzeitig wahrnehmen, dass sie sich sehr nach ein paar Tagen innerer Ruhe – soweit die überhaupt noch herstellbar war – sehnte. Und dazu hätte die Abwesenheit dieses halbdunklen Geschöpfes deutlich beigetragen. Zunehmend wütend und irritiert, bekam ihre Stimme bei der Antwort eine fast metallische Frequenz und sie wurde sehr laut.
„Noch nicht mal halb acht und soweit ich weiß, haben Sie Ihren Termin doch erst um neun, oder? Zumindest steht es so auf dem Plan. Oder haben Sie mit Ihrem Behandler eine andere Zeit vereinbart? Es ist für die Praktikanten nicht zulässig, die Abteilung zu benutzen, bevor eine der Aufsichtspersonen anwesend ist. Das müssen Sie doch wissen. Und die kommen nun mal erst um acht. Das ist der offizielle Dienstbeginn!“
„Ja schon, wir haben den Termin ja auch gar nicht verschoben … ich, ich wollte nur … oh verdammt, was wollen Sie von mir, warum fragen Sie mich denn so aus?“
‚Das war nun völlig übertrieben‘, stellte Christina verblüfft fest, um gleich danach in einer Mischung aus Wut und Bestürzung zu fragen: „Warum müssen Sie denn jetzt anfangen zu heulen? Ich habe doch nur eine Frage gestellt!“
Und als darauf keine Antwort erfolgte – es war nur ein anhaltendes gleichmäßiges Schluchzen zu hören –, geschah etwas völlig Unerwartetes und für sie Entsetzliches. Vor ihr – und sie konnte es regelrecht bildlich sehen – brach plötzlich und völlig überraschend eine Wand in sehr große raue Stücke. So, als hielte eine bisher funktionierende und notwendige Schutzhülle den Anstürmungen von außen einfach nicht mehr stand. Sie fühlte sich nackt, vergaß sich und alles und ging zum Angriff über. Der Wunsch zu verletzen wurde überwältigend und sie fühlte sich von einer heißen Energie geflutet. Wie durch einen Nebel bemerkte sie gerade noch, wie sie die in den letzten Monaten mühsam aufrechterhaltene Form verlor und dass sie jetzt unweigerlich mit der eigenen Erniedrigung begann, vor der sie sich so sehr gefürchtet hatte.
„Weißt du, Kleine“, brachte sie kalt hervor und ihre Stimme war so sehr um Verächtlichkeit bemüht, dass sie kaum wiederzuerkennen war. „Wenn du glaubst, dass du ihn noch vor der Supervision hier irgendwie abpassen kannst, dann hast du dich getäuscht. Die haben wir nämlich aus organisatorischen Gründen auf den Dienstschluss verlegt. Du wirst ihn also nicht sehen. Und übrigens, ich werde dafür sorgen, dass Schülerinnen in Zukunft bei der Supervision der Festangestellten nichts verloren haben. Das war nur eine Ausnahmeregelung. Und die endet jetzt!“
Und durch die eigenen Worte zunehmend in Erregung geratend, trat sie auf die junge Frau zu, spürte ihre eigenen Hände hart und Schmerz erzeugen wollend auf deren Schultern und hörte sich die kommenden Worte heiser flüstern: „Du machst dich völlig lächerlich mit dieser Anhimmelei. Bilde dir bloß nicht ein, du seiest gemeint, auch wenn …“
Sie brachte diesen Satz nicht mehr zu Ende.
Die auf ihre Worte folgende Reaktion hätte sie sich in keiner ihrer möglichen Fantasien ausmalen können. Brigitte war ein schmales, sehr hübsches Geschöpf mit gerade so ausreichender Kraft für den Beruf. Irgendetwas Fremdländisches hatte sich durchgesetzt und gab ihr eine besonders aparte Note. Große, sehr dunkle Augen beherrschten ein bronzefarbenes Gesicht. Insgesamt war sie gut einen Kopf kleiner als ihre Lehrerin, deutlich zierlicher und sehr feingliedrig. In allen Abläufen, die mit Bewegung zu tun hatten, zeichnete sie sich weder durch besondere Schnelligkeit noch gute Koordinationsfähigkeit aus.
Später würde sie es folgendermaßen beschreiben: Es griff etwas an aus dem Bereich des Raubtierhaften, etwas, das nur aus Zähnen und Klauen bestand, versehen mit kalten Augen und blitzgeschwind. Brigitte sprang sie regelrecht an, zerkratzte ihr in Sekundenschnelle einen Teil des Gesichtes, spuckte und spie ihr Worte entgegen, an die sie sich danach nicht mehr erinnern konnte. ‚Sie dürfte gar nicht so lange Nägel haben.‘ Dieser Gedanke wurde von einem beobachtenden Teil gedacht; ganz emotionslos, während sie die Wärme des eigenen Blutes auf ihrer rechten Wange spürte. Sie konnte nichts anderes tun, als irgendwelche Abwehrbewegungen zu versuchen, sonst hätte sie heftig auf das Mädchen einschlagen müssen, um sie zu bremsen. Und das war nicht möglich; sie wusste später nicht mehr warum. Nur, dass sie ihr plötzlich auf keinen Fall mehr wehtun wollte. Und etwas in ihr begann zu begreifen.
Und in einem dieser Momente, die sich wie eine Ewigkeit ausdehnten, erkannte sie den Ausdruck in diesem bis zur Unkenntlichkeit verzerrten Gesicht. Es war, als habe man ihr in den Stunden, in denen sie mit sich und ihrer Verzweiflung alleine war, den Spiegel vorgehalten. Und während sie versuchte, sich zu schützen, und den körperlichen Schmerz wahrzunehmen begann, entwickelte sich tief in ihr ein fast zärtliches Verstehen. Sie wurde innerlich in einem Teil ihres Seins zur Schwester, zur Verbündeten einer ebenso missachteten Seele. Das erfüllte sie unmittelbar mit Frieden. So geriet sie mitten in dieser hässlichen und schmerzhaften Auseinandersetzung mit diesem jungen Mädchen in das Auge des Sturms.



Kapitel 2

Gegenwart
Mariechen beim Abschlussgespräch in der Klinik

„Der Frage nach den Grenzen habe ich sehr viel Raum und Zeit gegeben. In der Rückbesinnung auf meine Kindheit fühlte ich deutliche Verwirrung und Ratlosigkeit, weil in mir weder ein Bild zur Grenzmissachtung noch zur Grenzwahrung entstand. Dann erhielt ich sehr bald eine klare innere Antwort. Meine Eltern haben mich völlig in Ruhe gelassen beziehungsweise nicht oder kaum beachtet. Es hat sich niemand meiner Person genähert, ich wurde nicht wahrgenommen. In mir formt sich während des Schreibens der Gedanke, dass dies vielleicht eine fortwährende Grenzüberschreitung war. Es gab wohl Berührungspunkte, aber sie haben in meiner Erinnerung kaum einen Stellenwert. Ich fühle mich wie eine Art wild wachsende Pflanze, ohne jede Wachstumsbegrenzung. Es war sehr natürlich und alltäglich, für mich selbst zu sorgen. Auf dieser inneren meditativen Zeitreise komme ich sehr schnell in mir sehr vertraute Bereiche von Einsamkeit, Stolz, Stärke, Selbstständigkeit, Unabhängigkeit und Verlassenheit. Ich glaube, damit einen für mich äußerst wesentlichen Arbeitsansatz gefunden zu haben. Aus dieser Zeit stammen wohl auch die heute noch sehr stark in mir wirkenden Glaubenssätze. Ich muss alles alleine schaffen. Ich bin es nicht wert, beachtet zu werden; es sei denn, ich verdiene mir die Beachtung durch besonders gute Leistungen. Ich bin stolz und einsam. Und mehr fällt mir leider dazu beim besten Willen nicht ein.“
‚Der letzte Satz ist ja seltsam lapidar‘, dachte er und betrachtete sie eine Zeit lang still, nachdem er in ihrer Anwesenheit die von ihr formulierten Worte gelesen hatte. ‚Und wo bitte ist da der Arbeitsansatz? Sie beschreibt doch ausschließlich die Folgen ihres Kindheitstraumas.‘ Ihre Zeit hier in der Klinik würde heute enden und er hatte sie darum gebeten, zu diesem immer wieder auftauchenden Thema „Grenze“ ihre Gedanken zu Papier zu bringen. Rolf Heimer, seines Zeichens Diplom-Psychologe und seit mehreren Jahren Teil des Therapeutenteams, wusste zum wiederholten Mal nicht weiter. Er hatte sich eigentlich – genährt von einem gewissen positiven Selbstverständnis – für einen souveränen alten Hasen in Sachen Therapie gehalten. Aber diese Klientin erzeugte bei ihm sehr ambivalente Gefühle. Er räusperte sich und sagte, bemüht um einen möglichst professionellen Ton: „Wie empfinden Sie denn Ihre Grenzen jetzt, nach dieser Zeit hier bei uns? Wir haben diesem Thema in unseren Sitzungen ja sehr viel Raum gegeben.“
Wie so oft schwieg sie, betrachtete gelegentlich eine vor dem Fenster stehende Ulme, deren Zweige sich sanft im Wind bewegten. Da ein Fensterflügel geöffnet war, konnte man das leise Rascheln der Blätter vernehmen. Natur gehörte zu ihren größten Ressourcen. Das wusste er aus den vielen therapeutischen Gesprächen, die er mit ihr geführt hatte. Wie er sich jetzt eingestehen musste, hatte er sich auf die Sitzungen immer besonders gefreut. Sie hielt jetzt ihren Kopf gesenkt und schaute auf ihre im Schoß gefalteten Hände. ‚So hat sie etwas von einer Mater Dolorosa‘, dachte er mit einer Mischung aus Resignation und Hilflosigkeit; und Faszination.
Plötzlich hob sie ihren Blick und schaute ihm sehr direkt und klar in die Augen. Er hatte das schon häufiger mit ihr erlebt, war aber immer wieder verblüfft, wie tief ihn dieser Augenkontakt berührte. Es lag etwas unbeschreiblich Eigenes in ihrer Art zu schauen. Man konnte das in allen Weisheitslehren lesen, aber hier meinte er, es verstanden zu haben. Sie hatte eine alte Seele. Sie schaute aus der Tiefe eines in ihr vorhandenen Wissens in die Welt und jetzt in seine Augen.
„Wissen Sie, ich habe nicht die Möglichkeit zu sagen, diese Dinge betreffen mich und diese nicht. Mich betrifft eigentlich alles. Ich unterscheide und erlebe es nur, entsprechend meinen Wertesystemen, als positiv oder negativ. Aber egal was es ist, verarbeiten muss ich es. Schützen davor kann ich mich nicht. Es ist in mir. Verstehen Sie das?“
„Ich glaube ja, aber das würde bedeuten, Sie gehen mit der gleichen Verletzlichkeit nach Hause, mit der Sie gekommen sind.“
„Ja, das ist wohl so“, sagte sie versonnen.
Und wieder breitete sich Schweigen im Raum aus.
„Aber ich nehme auch viel Neues und Gutes mit. Außerdem freue ich mich auf mein Zuhause. Und bitte, bitte machen Sie sich keine Sorgen um mich. Ich werde es schaffen.“
Mit diesen Worten stand sie auf, griff zu ihrer Jacke, die sie über den zweiten Stuhl gehängt hatte, zog sie an und bewegte sich zur Tür. Und er registrierte verwirrt ein völliges Durcheinander seiner Gefühle.
„Aber wir haben noch ausreichend Zeit! Unsere Stunde ist noch lange nicht vorbei. Wollen Sie denn jetzt schon gehen?“
„Ja, ich denke schon. Wie gesagt, ich freue mich auf mein Zuhause.“
Sie zog ein Blatt Papier aus der Tasche, ein wenig zerknittert, strich es glatt und legte es ihm vorsichtig auf seinen Schreibtisch. Nach kurzer Betrachtung runzelte sie die Stirn, was – wie er fand – immer ganz entzückend aussah, und korrigierte die Position, denn es hatte verkehrt herum gelegen.
„Vielleicht verstehen Sie mich, wenn Sie es lesen. Es ist ein Gedicht von mir für Sie zum Abschied. Und ich möchte mich bedanken. Vor allem für die Geduld und für Ihre Wärme. Es hat mir sehr gutgetan, mit Ihnen zu reden.“
Und dann war sie weg, kein Händedruck, kein Gespräch über weitergehende Termine, die sie nach dem Aufenthalt in der Psychosomatischen Klinik dringend brauchen würde, zumindest seiner Meinung nach. Er stand völlig entgeistert zwischen Schreibtisch und Bürostuhl, fühlte sich wie ein Gefangener seines eigenen Systems und schaute entgeistert auf die sich langsam schließende Tür.
‚Nein, so nicht. So lasse ich Sie nicht gehen!‘ Etwas in ihm sprach deutlich und klar diese Worte. Das löste die Lähmung, er rannte los, stieß sich die Hüfte an der Schreibtischkante, was ihn aufjammern ließ, weil es richtig wehtat, riss die Tür auf, fegte durchs Vorzimmer und kam stolpernd auf dem Flur hinter ihr zum Stehen.
„Mariechen, nun warten Sie doch. Bitte! Oh Gott, ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
Langsam drehte sie sich um und da war er wieder, dieser Blick, den er jetzt schon schmerzlich vermisste. Er wollte sie nicht gehen lassen. Und er sah, dass sie es wusste. Aber einstweilen versuchte er, alles um sich herum zu vergessen, er schaute und wollte einfach nur hier stehen und weiterschauen, für den Rest der Ewigkeit.
Dann spürte er ihre Hand an seiner Wange, eine zarte und auch flüchtige Berührung. Und sie mussten beide lächeln, als er flüsterte: „Oh, wie eiskalt ist dies‘ Händchen.“ Sie teilten die Liebe zur Oper, hatten in den Sitzungen häufig Bezug auf verschiedene Szenen genommen und waren sich völlig einig gewesen, dass man bei Mimis Tod in La Bohème nicht umhinkam, bitterlich zu weinen.
„Du bist ein guter Mann, Rolf“, sagte sie jetzt ganz leise. „Aber was willst du mit einer acht Jahre älteren Walküre, die gleich in ihr Auto steigt und meilenweit weg von hier lebt? Du hast dich verlaufen. Ich glaube, wir sind uns zu nahegekommen. Such dir ein junges Weib in deiner Nähe und ich wünsche mir etwas von dir. Werde bitte glücklich.“
Während sie diese Worte sprach, begann sie zu seinem großen Erstaunen, rückwärts zu gehen. Kein vernunftbegabtes Wesen der Natur geht von sich aus rückwärts. Das hatte er in einem Workshop zum Thema Psychodrama gehört. Ausgerechnet dieser Satz kam ihm jetzt in den Sinn, während er – erneut in einer Art Trance gefangen und wie festgemauert im Flur stehend – hinter ihr herschaute. Sie verlor beim Rückwärtsgehen nicht den Augenkontakt, bis sie endlich – es erschien ihm, als seien Äonen vergangen – auf Höhe der Pforte angekommen war. Dann schenkte sie ihm ein strahlendes Lächeln und verschwand, einfach so – natürlich durch die Kliniktür. Nicht, wie es hätte sein müssen, durch Transformation, so eine Art Auflösung in ganz feine glitzernde Partikel.
‚Wieso vergleicht sie sich mit einer Walküre?‘ Zurückgekehrt an seinen Schreibtisch, setzte er in einem inneren Dialog diesen verwirrenden Abschied für sich fort. Seiner Erinnerung nach waren das Odins weibliche Untergebene, die dafür zuständig waren, gefallene Helden nach Walhalla zu bringen. Zumindest stand es so in der älteren Edda, wenn er sich nicht völlig vertat und die Sagen komplett durcheinanderwürfelte. Auf jeden Fall hatte man doch von einer Walküre eine bestimmte Vorstellung, irgendwie kämpferisch, wild und mächtig, auch das Äußere betreffend. Aber so wirkte sie ganz und gar nicht. Sie war zwar keine von den Frauen, die mit Größe 36 klargekommen wären – zum Glück. Er war kein Freund der knabenhaften Figuren. Aber einem Walkürenformat entsprach sie auch nicht. Alles an ihr war irgendwie in der richtigen Proportion, die Arme sehr schlank, aber der Händedruck dann überraschend kraftvoll. Sie strahlte eine große Wachheit und Ernsthaftigkeit aus. Man hätte sie nach objektiven Maßstäben nicht schön nennen können. Dazu waren Nase und Mund zu groß, die Schatten unter den Augen zu ausgeprägt, die Stirn sehr hoch. Aber ihre Präsenz und die große Klarheit machten sie zu einer sehr attraktiven Persönlichkeit. Vor allem wenn sie sich bewegte und ihr kurz geschnittenes rötliches Haar wie bei einem Fuchs das Licht reflektierte, wurde sie zu einer fließenden Herausforderung. Dann ruhten alle Blicke auf ihr.
Seufzend schaute er auf das von ihr zurückgelassene Blatt Papier:

Geschlossene Türen öffnen sich
in den Nächten des halben Mondes.
Du schaust hinaus auf Straßen des fernen Lichtes.
Wege ins Unbekannte, Fremdheit, Einsamkeit.
Unter deinen Schritten zerbrechen Muscheln mit traurigem Klang.

Erinnerst du dich an die Küsten
mit den leisen Tönen der lockenden Wellen?
Erzählte man dir von lodernden Feuern in kalten Nächten,
tief im Innern der Kontinente?

Sieh, die Gestalten, taumelnd vor Freude,
mit bunt bemalten Körpern, losgelöst und angstfrei,
verbunden mit der Erde, dem Himmel nahe.
Weißt du von Vögeln mit Traumfederschwingen?
Sie kreisen mit wachen Augen über dir.
Geh und stille deinen Durst am klaren Wasser
der Brunnen am Wegesrand.
Fürchte nicht den Hunger, die Kälte, nicht dich.
Dort auf den Bergen findest du die Morgensonne.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 332
ISBN: 978-3-95840-545-5
Erscheinungsdatum: 15.11.2017
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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