Krimi & Spannung

Der Schlächter

Josef Mannert

Der Schlächter

Der Mann, der das Imperium bezwang - Polit-Thriller

Leseprobe:

in SS-Offizier als Attila

Als am 22. Juni 1941 frühmorgens die deutschen Kanonen losbrüllten und die Stukas ihre todbringende Last über den russischen Linien abwarfen, war alles noch eitel Sonnenschein. Aber das Überraschungsmoment dauerte nur etwa zwei Wochen, bis der Widerstand der Rotarmisten zunahm und die Verluste der Deutschen, auch der SS, in die Höhe schnellten. Im ersten Monat gab es in der SS-Einheit Landsteins rund 1500 Mann Ausfälle an Toten und Verwundeten. Der Bericht über die diversen Kesselschlachten liest sich für einen deutschen Patrioten gut, aber abseits davon gab es Hunderte Scharmützel und oftmals Nahkämpfe, bei denen sich Landstein besonders auszeichnete, denn er hatte die Fähigkeit, seine Schusswaffe auch im Springen und Laufen gezielt einzusetzen. Das brachte ihm bald den Namen „Attila“ ein, denn bekanntlich waren die Hunnen vor anderthalbtausend Jahren deshalb so überlegen und gefürchtet, weil sie während des Reitens mit Pfeil und Bogen zielsicher auf den Gegner schießen konnten.
Außerdem verstand es Landstein, im Nahkampf seinen Dolch geschickt und blitzschnell einzusetzen. Dieser Dolch mit doppelt geschärfter Klinge hinterließ während der Kämpfe eine furchtbare Mahd. Der Hals des Gegners war am verwundbarsten, das war auch das erste Ziel des Kämpfers. Nach solchen Kämpfen blieb Landstein fast immer Sieger, während reihum Dutzende Rotarmisten tot oder schwer verwundet am Boden lagen. Diese Gemetzel brachte Landstein auch den Beinamen „Der Schlächter“ ein, weil sein Uniformrock danach blutbesudelt war. Der Divisionskommandeur wusste, dass Landstein als Offizier nicht mitten im Kampfesgewühl sein musste, aber es war sein Markenzeichen, „bei der Truppe zu sein“ und mit diesem rücksichtslosen und äußerst geschickten Kampfesstil vielen Kameraden das Leben zu retten. Er erhielt dafür auch hohe Belobigungen.
Landstein hatte aber auch einige Gegner unter den Kameraden, denn die Eifersucht war bei manchen groß. So ein Fall war sein direkter Vorgesetzter, Obersturmbannführer Horst Kempinski.
Das Klima zwischen beiden war distanziert und kühl; wenn Alkohol im Spiel war, so gab es auch tätliche Auseinandersetzungen zwischen beiden. Landstein war ein geübter praktischer Kämpfer, aber auch Stratege; Kempinski ein streitsüchtiger Vorgesetzter, ein erbarmungsloser Mensch, insbesondere gegenüber der Zivilbevölkerung. Nach heftigen Gefechten im Raum Minsk erschoss die SS auf Kempinskis Befehl wahllos Frauen und Kinder in einer Schule.
Wenige Tage später ließ er Zivilisten in eine Kirche treiben und diese anzünden. Ergebnis: 180 verkohlte Leichen – Frauen, Kinder und Greise. Als sich Landstein angewidert abwandte, wurde er von Kempinski verhöhnt und als „Weichling aus der Ostmark“ vor den anderen Kameraden abqualifiziert.
Es kam mehrmals zu heftigen Wortgefechten zwischen Landstein und Kempinski, die etwa wie folgt abliefen:
„Landstein, kennst du nicht den Führerbefehl, dass wir die Juden und Bolschewiken vernichten müssen?“
„Ich wurde dazu ausgebildet, gegen Soldaten zu kämpfen, nicht gegen Frauen und Kinder. Der Führer hat im Ersten Weltkrieg an der Westfront auch keine Wehrlosen erschossen, sondern hat gegen Soldaten gekämpft.“



Olga

Schon weit vor der Hauptstadt der Ukraine, Kiew, gab es im August/September 1941 sehr heftige Kämpfe, die der SS generell arg zu schaffen machten. Landsteins Einheit war in einer Schule einquartiert, in der es allerdings weder Lehrpersonal noch Schüler gab. Alle waren geflüchtet. Ein Kamerad der Truppe erwähnte eher nebenbei, dass der Grundriss dieses Gebäudes einem orthodoxen Kreuz gleiche. Ob das etwas zu bedeuten hätte, fragte ein SS-Scharführer. Landstein nickte mit dem Kopf und antwortete, dass viele Russen tief gläubige Menschen seien und diese Schule eventuell irgendeinem russischen Heiligen zu Ehren gegründet wurde.
In einer der Kampfpausen näherte sich Landstein mit einigen SS-Kameraden auf der Suche nach Nahrungsmitteln einem Gehöft, das zum Teil durch die Gefechte der letzten Wochen schon arg zerschossen, der Viehbestand aber noch vorhanden war. Landstein fiel auf, dass der Schornstein blau gefärbt und über dem Hauseingang die Jahreszahl 1800 zu lesen war. Daneben, etwas unterhalb und neben dem Haustor, schon ein wenig verwaschen und undeutlich in lateinischer Schrift ein Name: Tereschkow.
In der Stube saß mit erschrockenen Gesichtern eine mehrköpfige Schar, offenbar die Bauersleute mit ihren Kindern. Landsteins Mannen suchten in den Stallungen nach Eiern und Geflügel, Landstein selbst schritt zum Tisch der Bauersleute, die erschrocken in Todesangst zurückwichen und letztlich auf den Knien zu Boden sanken. Nur ein etwa 20-jähriges Mädchen hielt seinem herrischen, gestrengen Blick stand. Es kniete nicht nieder, wie die anderen, sondern stand aufrecht vor ihm, was ihm großen Respekt abnötigte. Es brachte kein Wort hervor, aber seine resolute Körpersprache und die braunen Glutaugen sprachen Bände. Endlich sprach es ein wenig holprig:
„Du nix gut? Wir gute Mensch, wir nix Stalin.“
Landstein verschlug es die Sprache, gleichzeitig spürte er diese ungemeine Ausstrahlung, die von dieser Ukrainerin ausging. Ihr Blick bohrte sich in sein Innerstes, wie ein Sonnenstrahl wirkte er in ihm. Endlich sagte er:
„Wir haben Hunger, wir wollen essen!“
Dabei zeigte er auf seinen Mund. „Wie ist dein Name?“, fragte Landstein, worauf sie ganz sanft antwortete:
„Olga, ich heiße Olga, und die anderen sein Familie von mir.“
Binnen weniger Minuten geriet Landstein in eine seelische Strömung, die er nicht mehr beeinflussen konnte: Olga hieß dieses Geschöpf. Nein, das ist kein Untermensch, das ist …, das ist, tja, was denn? Ein dunkelhaariger Engel, gibt’s einen solchen überhaupt? Nach wochenlangem Bombenhagel, Granatensplitter, MG-Salven, nach Tod und Verderben diese Stille in diesem Gehöft, dieses Mädchen, diese … diese Olga. Unwirklich, gespenstisch.
Das Äußere der beiden konnte unterschiedlicher nicht sein: er mit seinen 185 cm Körperlänge, muskulös-drahtig, volles Blondhaar, azurblaue Augen, etwas scharf geschnittener Mund, büchsengerade Haltung, in der schwarzen SS-Uniform steckend. Sie, mit langem Braunhaar, zu kunstvollen Zöpfen geflochten, bis zur schlanken Taille reichend, rehbraune Augen, volle Lippen, feine Nase, kleine Ohren, schlanker Hals, schöne Zähne, hohe Stirn, unslawisch ovale Kopfform. Sie war nur 10 cm kleiner als er, das war für eine Frau ungewöhnlich groß.

***

Landstein und fünf seiner Männer wurden in eine beschädigte Kirche zurückgedrängt, wo sie sich verschanzten. Die Russen warfen durch ein zerschossenes Fenster Handgranaten ins Innere, doch die Deutschen wurden von den schweren Eichenholzbänken der Kirche wirkungsvoll geschützt. Ein Gegenangriff war aber sinnlos, das wusste Wolfram, und er würde seine Kameraden nicht verheizen. Ihm war sehr mulmig zumute; fieberhaft suchte er nach einem Ausweg. Während sie noch ihre Strategie berieten, wurde die eiserne Eingangstür gesprengt, der Raum füllte sich mit Rauch, der die Sicht nahm. Ein Rotarmist stürmte herein, sein Kamerad gab ihm Sperrfeuer. Hauser taumelte, es hatte ihn erwischt, ein weiterer Kamerad fiel vor den Augen Landsteins durch einen Kopfschuss. Landstein sprang hinter den Altar und stürzte von dort eine schon lockere, riesige Engelstatue von ihrem Sockel. Die Statue stürzte nach vorn und begrub zwei russische Soldaten. Landstein glaubte leichtes Spiel zu haben, doch plötzlich sah er einen Rotarmisten mit gezogener Waffe auf sich zukommen; der Deutsche wollte seine MPi hochreißen und durchziehen, doch er konnte die Hand nicht gebrauchen; sie war offenbar verletzt. War es das Ende?

Nochmals versuchte er seine tödliche Waffe zu heben, doch wie mit eiserner Faust blieb sie dort, wo sie war. Er erwartete nun den Todesschuss des Rotarmisten. In seiner Not bat er den Sternenkranz aus dem Edda-Lied, ihm doch zu helfen. Der Raum war plötzlich in gleißendes Licht gehüllt, es war ein kaltes Licht von eigenartiger Dichte, Wirkung und Farbe. Rot und blau dominierten die sich ausbreitenden Lichtstrahlen. Er fühlte sich mittendrin in dieser Aura. Der Russe tat hingegen nichts dergleichen, er handelte wie sonst wohl auch. Es war nur ein großes Überraschungsmoment auf seinem Gesicht. Die Sekunden zogen sich hin, der Schuss fiel nicht. Der Russe ging nach kurzem Zögern langsam, lauernd, mit gezogener Waffe entlang der Trümmer der Kircheneinrichtung nur wenige Meter an ihm vorbei. Landstein wagte nicht zu atmen, er war wie zur Salzsäule erstarrt. Fünf Kameraden waren in der Kirche gefallen, nur er hatte überlebt – aber warum? Die Russen bargen ihre Toten und Verwundeten und verließen dann den heiligen Ort. Landstein blieb zurück und setzte sich schweißgebadet und an der Stirn blutend auf eine Stufe des Nebenaltars. Er kontrollierte seinen rechten Arm und seine MPi. Es funktionierte wieder alles, er war dort nur leicht verletzt, kein Muskel- oder Sehneneinriss, kein Knochenbruch. Alle Finger ließen sich wieder bewegen und reagierten richtig. Allerdings fühlte sich seine rechte Hand merkwürdig an, als sei sie kurz betäubt gewesen. Er kniff sich in die Wange, in den Bauch und in das Gesäß: Vielleicht war er tot, ohne dass er es begriff? Nein, er lebte!

Allmählich wurde ihm klar, dass eine höhere Macht im Spiel gewesen war. Nie und nimmer hätte ihn der Rotarmist verschont, er hätte schießen müssen, schon allein aus Gründen der Selbstverteidigung. Es gab nur eine einzige Erklärung dafür: Der Feind hatte ihn nicht gesehen, konnte ihn trotz einer geringen Distanz von nur etwa fünf Metern nicht wahrnehmen. Schuld daran war die Strahlung, die Aura des Sternenkranzes, dämmerte es ihm. Sein Stoßgebet in äußerster Not war erhört worden.



Speicher „stürmt“ nicht mehr

Es war ein wunderschöner Spätfrühlingsmorgen, als Landstein mit Heinz und Uwe in einem kleinen Waldstück auf den noblen Reiter wartete. Sie hatten in einem kurzen Hohlweg ein Seil zwischen zwei Bäumen gespannt, um Speicher ohne Schießerei zu Fall zu bringen. Und so war es auch. Als er im Galopp den Hohlweg passieren wollte, stürzte das Pferd durch das gespannte Seil und warf den Reiter mit einem lauten Wiehern in die Büsche. Das Pferd wollte davongaloppieren, was Landstein aber zu verhindern wusste, indem es ihm mit der Pistole in den Kopf schoss. In der Satteltasche fanden sie neben einer Pistole überraschenderweise einen Fotoapparat, Marke Leica. Heinz bestaunte das teure Stück und nahm es, mit einem kleinen Hintergedanken, an sich. Die beiden Kameraden hatten sich inzwischen auf Speicher geworfen, ihm einen Knebel in den Mund gesteckt und wollten ihn an einen Baum fesseln. Doch Speicher war sehr kräftig, sodass sie die Hilfe von Landstein brauchten, um ihn zur Räson zu bringen. Landstein wusste genau, wie man mit Menschen solchen Typs umzuspringen hatte. Er nahm ihm zuerst seine Reitpeitsche ab, die er bei sich trug, und schlug ihm damit ins Gesicht. Dann nahm er vom Waldboden einen Ast und schlug ihm das Nasenbein und die vorderen Zähne ein; danach riss er ihm die Hose runter, damit sein Gemächt frei lag. Er zückte seinen SS-Dolch und schnitt ihm kurzerhand den Penis ab. Landstein zu Speicher in Anspielung an die gehässigen Aussagen im Wochenblatt „Der Stürmer“:
„Jetzt kannst du keine jüdische Frau mehr vögeln, du elendiges Dreckschwein!“
Uwe riss vom nahe gelegenen Zaun ein Stück Stacheldraht ab, womit sie ihn schlugen, bis das Blut aus seinem Körper spritzte. Sie bogen mit einer Zange ein Stück Stacheldraht zu einer Dornenkrone und setzten sie ihm auf seine Vollglatze; als „Unterlage“ verwendeten sie das Titelblatt der letzten Ausgabe des „Stürmers“. Speicher flehte um sein Leben; obwohl ihn wegen der lädierten Zähne keiner verstand, wussten sie, was er meinte. Heinz entsann sich des Kamerafundes in der Satteltasche und schoss zwei Bilder vom hilflosen Ex-Gauleiter.
Die Rebellen wussten damals noch nicht, dass diese Fotos in einigen Jahren eine große Rolle spielen werden.
Im Anschluss lud Landstein seine Walther PP durch und schoss ihm zuerst ins Knie, dann ins Gemächt und zum Schluss erhielt er den erlösenden Todesschuss in den Kopf.
Danach suchten die drei Attentäter das Weite, setzten sich ins am Morgen in Fürth gestohlene Wehrmachtsfahrzeug und fuhren zum Bahnhof nach Nürnberg, wo sie – in der Montur der Wehrmacht – nach Berlin zurückfuhren. Auf der Fahrt wagte Heinz eine leichte Kritik an Landstein und fragte ihn, ob diese Quälerei notwendig gewesen sei. Ein einziger Schuss hätte doch genügt, um diesen Schurken zu beseitigen. Landsteins Augen bekamen einen eigenartigen Glanz, als er antwortete: „Hast du nicht gesagt, der Anstifter sei stärker zu bestrafen als der Ausführende? Speicher war ein Hassprediger der übelsten Sorte. Wenn junge Menschen solchem Satan medial ausgesetzt sind, so wird bei vielen ihre Seele verbrannt. Daher wäre ein erlösender Schuss für dieses Scheusal zu wenig Strafe gewesen.“
Nach einigen Minuten schickte er noch einen Vergleich nach:
„Wenn die Gallier eine Schlacht gewonnen hatten, köpften sie ihre Feinde und nagelten die Köpfe zu Hause über die Eingangstür. Als Schmuck.“

***

Syrak, Mitte dreißig, mit gepflegtem Äußeren und akkuratem Scheitel, hatte damals eine schlechte Nacht gehabt, denn er war spät von einer Parteifeier gekommen, die im Parlamentsgebäude am Ring stattgefunden hatte. Der konsumierte Rotwein ließ ihn nur schwer einschlafen. Dem Morgen zu quälten ihn wahre Albträume: Er flog mit einem Sportflugzeug rund um den Vesuv, und just in Kraternähe setzte der Motor aus. Er versuchte mit letzter Kraft vom alles verschlingenden Schlund wegzukommen, was ihm mit großer Mühe gelang, aber riesige, Feuer speiende, mehrköpfige Schlangen holten ihn samt dem kleinen Flugzeug zurück. Als sie die Pilotenkanzel zerquetschten, wurde er schweißgebadet wach und rief gellend um Hilfe. Seine Frau eilte herbei und beruhigte ihren Mann, es sei ja gottlob alles nur ein böser Traum gewesen. Auch die Kinder liefen mit scheuen Blicken ins Schlafzimmer der Eltern. Derart verstört hatten sie ihren Vater noch nie gesehen. Es war bereits 9 Uhr vormittags und der Gauleiter wusste, dass er heute eine Rede vor dem Sudetendeutschen Bund halten sollte. Er konnte aber das Redemanuskript nicht finden. Seine Frau empfahl ihm, den Auftritt bei der Michaelerkirche abzusagen, er möge sich doch vertreten lassen. Dazu war er aber zu eitel, denn er hatte mit Freude zugesagt, und als er endlich das Redemanuskript unter einem Stapel anderer Unterlagen fand, war er wieder hellwach und ließ sich auch von der Bemerkung seiner Gattin nicht beirren, dass der Traum vielleicht doch ein böses Omen gewesen sein könnte.
Landstein nahm an dieser Jubiläumsfeier als ungebetener Gast teil, und zwar wiederum unter der schützenden Aura des Sternenkranzes. Diesmal hatte er das Jagdgewehr samt Zielfernrohr dabei. Das Kaliber 8 mm Teilmantel war wegen seiner zerstörerischen Wirkung gefürchtet. Das Rednerpult stand bei einem kunstvollen Springbrunnen, der Platz war gefüllt mit trachtengeschmückten Personen und Fahnen schwingenden Abordnungen. Die zwei Vorredner stimmten die Menschenmenge, an die 500 Personen, dicht gedrängt, auf das Referat des Gauleiters ein, doch der Herr nahm es mit der Zeit nicht so genau und erschien erst eine halbe Stunde später. Der Jubel kannte keine Grenzen, als er das Rednerpult betrat, links und rechts von ihm standen je zwei Sicherheitsleute, die sich ständig nach verdächtigen Personen umblickten. Einige Fenster umliegender Häuser waren offen, daraus blickten dunkle, in Regenmäntel gekleidete Gestalten. Landstein wusste gleich Bescheid und hielt nach einem Fluchtweg Ausschau. Er stand am Kotflügel eines Autos, etwa 100 Meter vom Redner entfernt. Er musste sich allerdings auf einer Seite an der Hausmauer anlehnen, um einen ruhigen Arm zu kriegen.
Nach etwa einer Viertelstunde war es so weit, dass er Syrak gut im Visier hatte. Als er ihn im Zielfernrohr näher betrachtete, dachte er kurz an Röpke, der ihm in Berlin gesagt hatte, Syrak sehe aus wie ein Vorzeigeschüler. Und tatsächlich machte er in Landsteins Augen einen unverdächtigen, gepflegten, vorzeigeschülerhaften Eindruck, gar nicht wie ein kleiner Diktator, der über Leben und Tod entscheidet.
Nach diesem kurzen gedanklichen Abstecher drückte Landstein den Abzug. Ein Donnerschlag zerstörte die sonntägliche Ruhe, ein zweiter Schuss peitschte in Sekundenschnelle nach – dann herrschte wegen des allgemeinen Entsetzens totale Stille.

Churchill fühlte sich herausgefordert: „Eden, es geht nicht darum, ob ein Messias auftaucht, sondern ob es theoretisch möglich ist, dass von einem einzigen Mann so viel Kraft ausgeht, der ein diktatorisches System stürzen kann. Und wenn der Diktator gefangen genommen werden konnte, so gehe ich davon aus, dass es unweigerlich einen Bürgerkrieg geben wird, denn die Nazis lassen sich das Zepter nicht so leicht aus der Hand reißen. Es sei denn, dieser SS-Mann verfolgt andere Ziele. Auf alle Fälle dürfte die Revolte weit gediehen sein, denn die Verlesung einer Rundfunkmeldung bedeutet doch, dass die Rebellen den Sender in der Hand haben. Betreffend unseren Geheimdienst möchte ich sagen, dass er nicht geschlafen hat. Ihm wurden schon im Vorjahr Flugblätter bekannt, die von Unbekannten in Berlin auf Parkbänken hinterlassen wurden. Und darauf stand, dass eine sogenannte Revolutionäre Garde Neues Deutschland in Polen einige Anschläge getätigt hätte. Wir haben das damals zur Kenntnis genommen, wussten aber noch nicht, ob das Einzelaktionen waren oder ob sich daraus eine Revolte entwickelt.“
Churchill war durch die verbale Attacke Edens auf den Geheimdienst ein wenig irritiert, geradezu beleidigt, weshalb er ihn bei der weiteren Sitzung keines Blickes mehr würdigte.
Die weiteren Wortmeldungen bezogen sich auf den neuen Kriegsschauplatz in Sizilien, wo die alliierten Landungstruppen trotz hoher anfänglicher Verluste gut vorankamen. Am Ende der Sitzung kam Churchill nochmals auf die Revolte in Germany zurück und fragte die Anwesenden, ob sie irgendwelche neuen Gedanken einbringen könnten.
Da Churchill nur ratlose Gesichter in der Runde sah, schob er einen Vergleich nach:
„Meine Herren, blicken Sie zurück in die Antike. Hat nicht auch Brutus mit dem Dolch im Gewande Cäsar ermordet? Und die deutsche Geschichte mit den Nibelungen Siegfried und Hagen? Man sagt, das ist nur eine Sage, aber für ganz ausgeschlossen halte ich die Revolte durch einen SS-Mann nicht. Danke, meine Herren!“

***

London, Downingstreet 10. Juli 1943.
Kriegsminister Winston Churchill tagte mit seinem Kabinett; es stand gerade der Krieg in Süditalien auf der Tagesordnung. Da eilte ein Ordonnanzoffizier herein und überreichte dem Minister in devoter Körperhaltung eine Depesche vom Geheimdienst, wobei er ihm ins Ohr flüsterte, wer der Absender dieser Nachricht war. Es herrschte betretenes Schweigen in der Runde, ein jeder wartete auf einen unliebsamen Vorfall an der Front.
Churchill legte die Depesche auf den Tisch und zündete sich erst einmal eine Zigarre an. Danach gönnte er sich einen Schluck Cognac aus der Flasche, die neben ihm auf einem kleinen Beistelltisch stand. Danach blies er die ersten Kringel in die Luft, räusperte sich einige Male, um sodann den Text der Depesche zu lesen. Er las ihn ein zweites Mal, wiegte ein wenig den Kopf hin und her und blickte über den Rand des Papiers zum Fenster hinaus. Er stand auf, verzog sein Gesicht zu einem kaum sichtbaren Grinsen, ging zum Fenster und blickte auf die Straße hinunter. Am Fenster zog er nochmals an der Zigarre, die Rauchwolken verbreiteten sich im Raum, sodass einige der Anwesenden des Kriegskabinetts zu hüsteln anfingen. Erst dann ging er gemächlichen Schrittes unter Rücksichtnahme auf seine beträchtliche Leibesfülle zurück zu seinem Stuhl. Nach einer kurzen Gedankenpause hob er langsam mit einer etwas fremden und rauchigen Stimme an:
„Meine Herren, in Germany tut sich etwas, da braut sich einiges zusammen. Es mehren sich nicht nur Gerüchte über eine Revolte, sogar über eine Gefangennahme von Hitler. Zumindest meldete das der deutsche Rundfunk, wo auch eine Erklärung verlesen wurde – eine Erklärung, die von mir selbst stammen könnte. Ich bin neugierig, wie das weitergeht. Der Secret Service hat mir von einem SS-Offizier berichtet, der sich plötzlich auf die andere Seite geschlagen haben soll. Ich gebe zu, das ist ein wenig ungewöhnlich, aber es geschahen in der Weltgeschichte, soweit ich sie überblicken kann, immer wieder seltsame Entwicklungen. Hat jemand dazu etwas zu berichten? Attlee, Sie haben das Wort!“
„Ich bin über diese Nachricht sehr erstaunt und ich glaube, das sind Ablenkungsmanöver der Nazis, das sind doch Hirngespinste. Gerade eine Revolte aus den Reihen der SS? Jene Banditen, die dem Führer besonders ergeben sind? Nein, einen solchen Blödsinn lasse ich nicht gelten!“, ereiferte sich der Lordsiegelbewahrer.
Churchill schaute in die Runde und sah nur fragende Gesichter. „Und was sagt dazu Außenminister Eden, der ja sonst das Gras wachsen hört?“, bohrte Churchill ein wenig zynisch weiter.
„Es wäre zu wünschen, dass wir von dieser braunen Brut erlöst werden. Aber ich bin skeptisch, dass da plötzlich ein Messias auftaucht, um die Nazis wirksam bekämpfen zu können.“ Dann ein Seitenhieb auf den Geheimdienst, den sich Eden nicht verkneifen konnte:
„Es ist ja wirklich sonderbar, dass uns bisher der Secret Service nie etwas von einer bevorstehenden Revolte berichtet hat. Eine solche kommt ja nicht von ungefähr, da bannt sich doch lange vorher etwas an, irgendwelche Anschläge oder Verhaftungen. Aber nein, wie der Blitz aus heiterem Himmel prescht plötzlich ein SS-Offizier vor und verkündet: Jetzt bin ich da! Ich finde, entweder ist das ein Faschingsscherz oder der Geheimdienst hat bisher geschlafen.“



Kreml, Politbüro, Ende Juli 1943

Die Sitzung im (erweiterten) Politbüro verzögerte sich diesmal. Sie hätte um 10 Uhr beginnen sollen, aber Josef Stalin erschien erst anderthalb Stunden später. Alle Anwesenden erhoben sich wie auf Kommando, als der Generalsekretär der KPDSU eintrat. Manche versuchten, in seinem Gesicht seinen Gemütszustand abzulesen, doch er verzog keine Miene, die schweren Augenlider blieben gesenkt, der wuchtige Schnauzbart verdeckte den Mund.
Er begann seinen Bericht über die Lage an den Fronten, kritisierte zwei Marschälle wegen Inkompetenz im Südabschnitt der Front und bedauerte die hohen Verluste. Dann ließ er Politkommissar Chruschtschow zu Wort kommen, der ebenfalls auf diversen Generälen herumhackte, um Stalin zu befriedigen. Der Bericht über die Versorgungslage der Bevölkerung wurde nicht als besorgniserregend geschildert. Stalin machte sich einige Notizen.
Unvermittelt fragte Stalin, wie lange die ruhmreiche sowjetische Armee brauchen werde, um in Berlin zu sein.
Großes Erstaunen bei allen Politbüro-Mitgliedern. Chruschtschow meinte, wenn alles gut liefe, wie in den letzten Monaten, und die verdammten Deutschen nicht irgendwelche Wunderwaffen erfänden, könnte sie in etwa einem Jahr an der deutschen Grenze sein.
Stalin blickte in die Runde und sagte mürrisch, das sei zu lang. Viel zu lang.
Noch größeres Erstaunen und leichtes Geraune im Sitzungssaal über diese Vorgabe. Stimmt irgendetwas nicht mit dem Generalsekretär?, fragten sich manche der Genossen in der Runde.
Er gab Order an Chruschtschow und Woroschilow sowie seine Generäle aus, bis Weihnachten in Berlin zu sein.
Die Sitzung war nach etwa zwei Stunden geschlossen, alle verließen den Saal, nur Berija, der Geheimdienstchef, wurde von Stalin zurückgehalten.
„Genosse Berija, was gibt es Neues aus Berlin?“
„Genosse Stalin, es wurde im deutschen Rundfunk verlautet, dass Hitler gefangen genommen worden sei. Eine neue Clique hat sich gebildet, ich tippe auf einen Staatsstreich durch diverse Offiziere.“
„Das weiß ich bereits, Genosse Berija, ich möchte bessere Informationen als ohnehin in der Zeitung steht und im Rundfunk durchgesagt wurde. Wer sind die Rebellen, die Umstürzler? Ich möchte alles über sie wissen. Hitler hatte bisher sein Volk gut im Griff, so wie wir, da kann man den Führer doch nicht so einfach gefangen nehmen. Was ist mit diesem Himmler? Berja, wachen Sie auf, das ist doch ein Trick, oder?“
„Jawohl, Genosse Stalin, jawohl, ich werde ganz genau berichten. Aber das ist schon klar, dass es sich beim Anführer um einen ehemaligen SS-Offizier handelt. Dieser hat sogar bei uns in der Sowjetunion gekämpft.“
„Njet, Genosse Berija, njet! Das ist ein Blödsinn. Bei uns gekämpft – und unsere tapferen Soldaten haben ihn nicht erschossen, diesen Herrn SS-Offizier? Ha, ha, ha.“
„Genosse Stalin, ich fürchte, das stimmt. Er hat schon 1941, wenige Monate nach dem Überfall auf unser schönes Vaterland, aufgehört und ist ins Deutsche Reich zurückgekehrt. Andere sagen wieder, er wurde nach Kämpfen bei Kiew vermisst oder sei gefallen. Es ist alles noch sehr undurchsichtig.“
„Nochmals, Berija, ich möchte bis nächste Woche alles über diesen Offizier und vor allem seine Ziele wissen. Wer weiß noch Bescheid über diesen sogenannten Umsturz in Deutschland? Ich meine, bei uns und im Ausland?“
„Bei uns niemand, Genosse Stalin, niemand außer uns zwei. Der dicke Churchill dürfte es auch wissen von seinem Secret Service, aber der kranke Roosevelt im Rollstuhl jenseits des Atlantiks wird vermutlich keine Ahnung haben.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 336
ISBN: 978-3-99038-776-4
Erscheinungsdatum: 10.02.2015
EUR 21,90
EUR 13,99

Krampus & Nikolo