Krimi & Spannung

Der Schatten des Fälschers

Vladi Barrosa

Der Schatten des Fälschers

Leseprobe:

Kapitel 1 – Zürich, 28. März 2000

Er stand in der Wohnung im Zürcher Seefeld-Quartier, in der der Alte die letzten vierzehn Jahre gelebt hatte. Sein Vater war nun seit drei Wochen tot. Es war alles noch da, unverändert, und es schien, als würde der alte Mann jeden Moment von seinem täglichen Abendspaziergang zurückkommen. Die Wanduhr tickte, wie sie das immer getan hatte: unbeirrbar. Die Vorhänge waren zugezogen, und auf dem Tisch im Wohnzimmer stand eine Vase mit frischen Blumen. Es roch nicht nach Tod. Es roch gut, stellte er fest, frühlingshaft frisch einfach.
Elsa, die Haushälterin, war am Morgen gekommen, wie sie es seit gut acht Jahren gewohnt war. Sie wusste zwar, dass der Alte tot war, doch hatte ihr niemand gesagt, sie müsse nicht mehr nach dem Rechten schauen. So kam es, dass Elsa seit drei Wochen eine Wohnung putzte, die niemand mehr bewohnte. Sie aber verrichtete ihre Arbeit gewissenhaft, wie sie es seit dem ersten Tag getan hatte, als sie für seinen Vater zu arbeiten begann. Nicht einen Tag hatte sie gefehlt. Nie war sie krank oder unabkömmlich gewesen.
Lukas Wellauer stand mit leerem Blick in der Wohnung seines Vaters und erinnerte sich an die letzte Begegnung mit ihm vor etwas mehr als drei Wochen. Sie waren gemeinsam zum See gegangen und hatten über Gott und die Welt gesprochen, wie sie es eine ganze Weile nicht mehr getan hatten. Fritz Wellauer, sein Vater, war zwar einundachtzig Jahre alt gewesen, doch hatte er um einiges jünger ausgesehen. Er war immer gesund gewesen, bis vor ein paar Jahren, als er sich leichtsinnigerweise an einem frischen Frühlingsabend erkältet und sich die Erkältung zu einer Lungenentzündung entwickelt hatte. Es war das einzige Mal, dass Lukas Wellauer seinen Vater ernsthaft krank erlebt hatte. Umso überraschender kam sein Tod.
Fritz Wellauer war im Schlaf gestorben. Einfach so. Elsa fand ihn am nächsten Morgen, als sie wie immer gegen neun Uhr zur Wohnung kam, um ihm das Frühstück bereitzustellen. Er lag in seinem Bett und hatte den rechten Arm unter dem Kopfkissen liegen. Der Arzt, der wenig später eintraf, tippte spontan auf Herzversagen.
„Das kommt oft vor in diesem Alter“, sagte er, nachdem er den Totenschein ausgefüllt hatte, bevor er die Wohnung verließ.
Das Begräbnis fand drei Tage später auf dem Friedhof Fluntern, in der Nähe des Zürcher Zoos, statt. Dort, wo auch der Nobelpreisträger Elias Canetti und der Schöpfer von „Ulysses“, James Joyce, ihre letzte Ruhe gefunden hatten.
Es waren nur wenige Familienmitglieder und Bekannte erschienen. Neben Lukas waren noch seine beiden Schwestern Marion und Edith mit ihren Männern und Kinder anwesend sowie ein paar wenige Freunde seines Vaters. Er konnte sie an einer Hand abzählen. Martin, sein bester Freund, war auch gekommen. Es war eine schlichte Beerdigung, wie sie sich der Verstorbene wohl gewünscht hätte. Später gingen sie alle gemeinsam essen und sprachen von ihrem Vater, der jetzt wahrscheinlich mit seiner Frau von oben auf sie hinunterschaute. Astrid Wellauer war schon vor einigen Jahren nach einem Schlaganfall gestorben. Der alte Fritz hatte sich nie richtig von ihrem Tod erholt. Eines aber hatte Lukas Wellauer gestört bei diesem gemeinsamen Essen: Seine Schwester Marion hatte eine, für ihn unverständliche, Bemerkung fallen lassen. „Vermutlich trifft er jetzt seine Opfer und seinen Richter“, hatte sie zu ihrer jüngeren Schwester Edith gesagt. Lukas hatte gefragt, was sie damit meine, hatte aber keine befriedigende Antwort erhalten.
„Es gibt Dinge, die wirst du vermutlich nie erfahren, Lukas. Vielleicht ist das auch besser so.“
„Welche Dinge?“, wollte Lukas wissen, ein äußerst neugieriger Mensch, der sich selten mit einer Antwort zufriedengab. Doch seine Schwestern ignorierten ihn, wandten sich ihren Gatten zu und begannen, über Belanglosigkeiten zu sprechen. Lukas’ Neugierde war allerdings bereits geweckt worden. Etwas war mit seinem Vater, was seine Schwestern ihm verheimlichten. Nur konnte Lukas Wellauer nicht ahnen, was es mit der Lebensgeschichte des alten Mannes auf sich hatte. Er hatte sich mit seinem Vater immer gut verstanden, außer wenn er ihn nach dessen Kindheit und Jugend in Deutschland gefragt hatte. Dann hatte dieser stets abweisend, mürrisch und kleinlaut reagiert. Daraufhin folgten jeweils Tage des Schweigens, bis sich der Buchhändler wieder von seiner Sonnenseite zeigte. Irgendwann hatte Lukas entschieden, nicht mehr danach zu fragen. Nun zweifelte er daran, ob dieser, ein guter Entschluss gewesen war.


Kapitel 2 - Zürich, 3. April 2000

Der Duft von frischen Blumen stieg ihm in die Nase. Der Frühling hatte die Stadt in ein zartes Grün gehüllt. Die Tage wurden spürbar länger, und das Wetter war seit einigen Tagen fast schon sommerlich warm. Etwas ungewöhnlich, doch es war eben April, und innerhalb von Stunden konnte sich alles ändern. Dann würde es regnen oder, noch schlimmer, was immer wieder in dieser Jahreszeit vorkam: schneien. Er hasste Schnee in der Stadt.
Lukas Wellauer wollte in der Wohnung seines Vaters aufräumen. Er hatte freigenommen, um sich ganz dieser Aufgabe zu widmen. Es war kurz vor neun Uhr an diesem Montag, und Lukas befürchtete, das wohl vieles in der Verbrennungsanlage landen würde. Dieser Gedanke bedrückte ihn etwas. Doch wohin sonst mit der ganzen Ware? Gewisse Erinnerungsstücke würden die Geschwister unter sich aufteilen. Die vielen Bücher, die Fritz Wellauer im Laufe der Jahre in seiner Bibliothek angesammelt hatte, würden vielleicht auf einem Flohmarkt landen. Das eine oder andere Exemplar wollte Lukas für sich behalten. Sein Vater hatte einen guten Geschmack, und unter den vielen Schinken fand sich manches gute Stück.
Zuerst wollte er das Schlafzimmer aufräumen. Das Bett, der Schrank, der Nachttisch und der kleine Stuhl, der in einer Ecke stand, würden übermorgen abgeholt werden. Zuerst räumte er den Schrank aus. Dabei überfiel ihn ein Gefühl der Traurigkeit. Es war nicht Trauer, die er empfand. Soweit war er noch nicht. Aber dieser einfache Akt des Aufräumens ließ ihn die Endlichkeit des menschlichen Lebens bewusst werden. Bald würde nichts mehr in dieser Wohnung daran Erinnern, dass sein Vater hier gegessen, gelesen, geschlafen, gelebt hatte. Die Kleider seines Vaters packte er in mehrere Säcke ein. Diese würde er später in einen Altkleider-Sammelcontainer werfen, von denen es in seiner Straße gleich zwei gab. Die Garderobe seines Vaters war stets von erlesener Qualität gewesen, die Kleider konnten problemlos noch eine ganze Weile getragen werden.
Gegen Mittag machte sich Lukas Wellauer daran, das Bett seines Vaters auseinanderzunehmen. Er erinnerte sich daran, wie er vor einigen Jahren, als sich sein Vater endlich dazu hatte überreden lassen, ein neues Bett zu kaufen, zwei Stunden damit verbracht hatte, die einzelnen Teile des Bettes zusammenzuschrauben. Allein der Gedanke an diese Übung brachte ihn ins Schwitzen. „Ach, was soll’s“, sagte er zu sich und nahm den Schraubenzieher aus dem Werkzeugkasten, den er von daheim mitgenommen hatte. Er begann, die einzelnen Schrauben zu lösen, was zu seiner Überraschung um einiges leichter ging als erwartet. Es schien tatsächlich so zu sein, als wäre es immer einfacher, etwas in seine Einzelteile zu zerlegen, als etwas schnell und effizient zusammenzubauen.
Als das Bett abholbereit auf dem Boden des Schlafzimmers lag, die Matratze hatte er gegen den Schrank gestellt, begann Lukas Wellauer den Nachttisch seines Vaters auszuräumen. Dieser Tisch hatte zwei Schubladen. Lukas öffnete zuerst die obere. Er entdeckte darin zwei Uhren seines Vaters. Unter den Uhren lagen einige Taschentücher aus Stoff mit den eingestickten Initialen seines Vaters, FW, und zu seinem Erstaunen auch solche, die etwas älter aussahen und mit den Initialen GvW versehen waren. Diese hatte Lukas Wellauer noch nie zuvor gesehen.
Er legte die beiden Uhren in eine Sporttasche, die er mitgebracht hatte, und gab nachher auch die Taschentücher dazu. Das war auch schon alles, was sein Vater in dieser Schublade aufbewahrt hatte. Er bückte sich und ging in die Knie, um den Inhalt der unteren Schublade des Nachttisches zu erforschen. Sein Vater hatte darin verschiedene Zeitschriften aufbewahrt, darunter auch einige alte Ausgaben des „Stern“ aus den Neunzigerjahren. Es waren die Exemplare, in denen die gefälschten Hitler-Tagebücher publiziert worden waren. Lukas Wellauer blätterte eine der Illustrierten durch, als zwischen den Seiten ein anderes Heft auf seine Knie fiel. Er hob es auf und las den Titel, der in großen schwarzen Lettern auf der Titelseite stand: „Das schwarze Korps“.
Wellauer hatte dieses Heft noch nie zuvor gesehen, geschweige denn gelesen. Er blätterte es durch mit der Erwartung und Ungewissheit eines kleinen Jungen, der ein Schmuddel-Heft in die Finger bekam, und erschrak. Das Heft befasste sich ausschließlich mit Hitlers Waffen-SS und war voller Lob für dessen Mitglieder und voller Hohn und Verachtung für alles Jüdische. Lukas Wellauer hätte nie erwartet, ein solches Heft im Besitze seines Vaters zu finden. Sie waren zwar deutscher Abstammung, doch waren seine Geschwister und er in der Schweiz geboren worden und aufgewachsen. Sie waren Schweizer, und auch ihr Vater hatte sich, soweit sich Lukas Wellauer erinnern konnte, als Schweizer gefühlt. Er prüfte nochmals die Titelseite und entdeckte das Datum der Publikation: Oktober 1942.
Wellauer stand auf und ging in die Küche. Aus dem Kühlschrank nahm er ein kaltes Dosenbier, das er öffnete, um sich danach an den Küchentisch zu setzen, der gleich neben dem Fenster stand. Auf dem Tisch lag das Heft, das er aus dem Schlafzimmer seines Vaters mitgenommen hatte. Die Titelseite zierte ein gut aussehender SS-Offizier, der auf dem Kopf einen Stahlhelm trug. Auf diesem waren die typischen SS-Runen angebracht. Der Mann hatte einen stolzen Gesichtsausdruck, als würde er die Welt beherrschen. Wellauer blätterte nochmals durch das Heft und überflog einige Artikel. Die Texte empfand er als abstoßend, auch weil sie gezielt den Hass gegen die Juden schürten, doch er konnte es nicht auf die Seite legen. Er betrachtete die vielen Bilder von Soldaten. Soldaten beim Exerzieren, bei Paraden, im Kampf und bei Besuchen des „Führers“ in ihren Kasernen. Eines der Bilder zeigte Hitler beim Inspizieren der Kaserne Berlin-Lichterfelde, des Quartiers der SS-Leibstandarte Adolf Hitler.
Ein paar Seiten weiter war ein Bild mit einem Stift markiert worden. Zu sehen waren junge Soldaten, die stolz in ihren schwarzen Uniformen posierten. Sie schienen nicht älter als fünfundzwanzig Jahre zu sein. Die Bildlegende gab Aufschluss über die Identität der Soldaten: „Die ruhmreichen Offiziere der Elitedivision ‚Das Reich‘ während einer Kampfpause in Frankreich“, las Wellauer laut vor sich hin.
Wo und wann genau dieses Bild geschossen wurde, stand allerdings nirgends. Im Hintergrund konnte Wellauer eine brennende Kirche ausmachen. Rauch stieg vom Kirchturm empor und verdunkelte einen Teil des Bildes. Auf dem Boden vor der Kirche schien etwas zu liegen; worum es sich dabei genau handelte, wusste Wellauer nicht. Er stand auf und ging ins Wohnzimmer. Irgendwo hatte sein Vater doch eine Lupe aufbewahrt. Seit einiger Zeit waren die Augen seines Vaters nicht mehr die besten gewesen, und so hatte er die Zeitung mit einem Vergrößerungsglas gelesen, das ihm seine Tochter Edith geschenkt hatte. Lukas Wellauer glaubte, er habe das Vergrößerungsglas bei einem seiner letzten Besuche auf dem Bücherregal im Wohnzimmer gesehen. Tatsächlich lag es auch dort. Er nahm es mit in die Küche, setzte sich hin und begann das Bild der brennenden Kirche etwas genauer zu betrachten. Zuerst konzentrierte er sich auf das Gebäude, das in Flammen stand. Der Rauch kam nicht etwa aus dem Turm, wie er zuerst gedacht hatte, er drang vielmehr aus einem der Seitenfenster der Kirche und bahnte sich seinen Weg entlang des Kirchturms in den Himmel.
Wellauer führte die Lupe auf die Bildmitte, dorthin, wo sich der Eingang der Kirche befand und er zuvor schon etwas entdeckt hatte. Das Etwas entpuppte sich bei genauem Betrachten durch das Vergrößerungsglas als zwei oder vielleicht auch drei menschliche Körper. Sie schienen nicht besonders groß zu sein. „Es könnten Kinder sein“, dachte Wellauer und erschrak bei diesem Gedanken. Er sah sich die Stelle auf dem Bild nochmals an. Zweifellos mussten es Kinder sein. Erwachsene wären größer gewesen. Es waren Kinder. Tot. Erschossen vermutlich, als sie in die Kirche flüchteten oder von ihr weglaufen wollten. Wellauer spürte eine tiefe Bedrückung. Wie konnte man nur Kinder erschießen, auch wenn es Krieg war? Was konnten Kinder schon ausrichten? Wer konnte grausam sein und so etwas tun? Die Antwort lag in den Gesichtern der Soldaten. Lachend standen sie da und legten einander die Arme um die Schultern. Es waren sechs Soldaten zu sehen, ihre Gesichter schmutzig, vermutlich von Ruß und Erde. „Auch sie waren einmal Kinder gewesen“, dachte Lukas Wellauer und fragte sich gleichzeitig, was diese Männer wohl dazu gebrachte hatte, diese jungen Leben auszulöschen. Wie groß musste der Hass, der blinde Fanatismus, sein, um eine solche Grausamkeit zu vollbringen?
Wellauer selber hatte keine Kinder, er war nicht einmal verheiratet, was ihm sein Vater immer wieder vorgeworfen hatte.
„Meine beiden Töchter haben mir Enkelkinder geschenkt – und du, mein Sohn, wann machst du mir diese Freude?“, pflegte Fritz Wellauer, wann immer sich die Gelegenheit ergab, mit einem bitteren Lächeln zu fragen.
Die Erinnerung an seinen Vater amüsierte ihn und lenkte ihn kurz vom Bild der brennenden Kirche ab. Er trank die Dose leer und betrachtete erneut das Bild, das umso lebendiger erschien, je länger er es sich anschaute. Die lachenden Soldaten schienen sich keinen Deut um die brennende Kirche zu kümmern, die sich vermutlich nur gerade fünfzehn oder zwanzig Meter hinter ihnen befand. Einer der Offiziere hatte immer noch eine langstielige Handgranate in der Hand und hielt sie, als wollte er sie gleich jemandem entgegenwerfen. Sein Blick war angespannt. Die anderen Soldaten schienen dies nicht bemerkt zu haben und lachten um die Wette. Es schien ein schöner Tag gewesen zu sein. Wolken waren keine zu sehen, nur der Rauch der brennenden Kirche trübte das auf den ersten Blick so fröhliche Bild. Am rechten Rand der Gruppe kauerte ein Soldat und blickte von unten nach oben in die Kamera. Vor ihm lagen sein Maschinengewehr und sein Rucksack. Wellauer hatte beim Betrachten das Gefühl, der Soldat schaue ihn an. Tatsächlich hatte der Mann genau unmittelbar vor dem Fotografen gekauert, und seine Gestalt war durch die Nähe zur Kamera besonders deutlich zu erkennen. Der Soldat war dabei, sich mit einem Taschentuch das schmutzige Gesicht abzuwischen. Seine Kameraden hatten ihre Köpfe ihm zugewandt und schienen es ganz lustig zu finden, wie sich der kauernde Kollege um seine Hygiene kümmerte. Just in diesem Moment hatte Lukas Wellauer das Gefühl, als hätte ihn der Blitz getroffen. Seine Hand, in der er die Lupe hielt, begann zu zittern; er spürte, wie sein Herz zu rasen begann. Es war fast nicht erkennbar, und doch hatte er es gesehen. Auf den ersten Blick wäre es ihm niemals aufgefallen: Das Taschentuch war es! Das Taschentuch, womit sich der Soldat das Gesicht abputzte! Wellauer konnte klar und deutlich, wenn auch sehr klein, drei eingestickte Buchstaben erkennen: GvW.
Er stand auf und rannte ins Schlafzimmer, nahm die Sporttasche, die auf dem Boden lag, leerte deren Inhalt und betrachtete die Gegenstände, die vor ihm lagen, die beiden Uhren und die verschiedenen Taschentücher. Es war da! Dasselbe Taschentuch wie auf dem Bild, mit den identischen Initialen versehen: GvW. War es tatsächlich möglich, dass sein Vater der Soldat auf dem Bild war? Lukas Wellauer hob das Taschentuch auf, nahm es in die Hand und führte es an sein Gesicht. Es roch frisch und schien sauber, als wäre es erst aus der Waschmaschine gekommen. Wie, zum Teufel, war Fritz Wellauer in den Besitz dieses Taschentuchs gekommen?
Er fragte sich, was die Initialen GvW bedeuten könnten. Wellauer ging in die Küche zurück, wo er das Heft hatte liegen lassen. Er setzte sich hin und begann erneut das Bild zu betrachten. Die brennende Kirche war jetzt unwichtig. Er wollte sich nur das Gesicht des kauernden Soldaten noch einmal ansehen. Er wollte Gewissheit haben. Eigentlich aber wünschte er sich, es handle sich nur um einen dummen Zufall. Das Taschentuch könnte ja zufälligerweise in den Besitz seines Vaters gelangt sein, versuchte sich Wellauer einzureden. Doch je länger er das alte Bild studierte, desto mehr wurde aus der Vermutung die bedrückende Gewissheit, dass es sich beim kauernden Soldaten um seinen Vater handelte. Es waren dieselben Augen, die ihm entgegenblickten, und dasselbe kantige Gesicht, nur viel jünger. Und als Lukas Wellauer auf dem entblößten rechten Arm des Soldaten eine etwa fünfzehn Zentimeter lange Narbe entdeckte, die er beim ersten Betrachten übersehen hatte, da gab es keine Zweifel mehr. Dieser Soldat, der rund fünfzig Jahre zuvor mit seinen Kameraden vor einer brennenden Kirche irgendwo in Frankreich posiert hatte, war sein Vater, der alte Zürcher Buchhändler Fritz Wellauer, der Am Rindermarkt bis zu seinem unerwarteten Tod seine eigene Buchhandlung betrieben hatte.
„Zum Teufel damit“, murrte Lukas Wellauer, „wofür GvW auch immer stehen mag.“


Kapitel 3 – Zürich, 4. April 2000, am Morgen

In dieser Nacht hatte Lukas Wellauer schlecht geschlafen. Träume plagten ihn, und immer wieder erwachte er aus dem unruhigen Schlaf. Die Entdeckung, dass sein Vater höchstwahrscheinlich im Zweiten Weltkrieg ein Soldat der berüchtigten Waffen-SS gewesen war, machte ihm zu schaffen. Seine Gedanken kreisten konstant um dieses eine Bild, das er beim Aufräumen in einem Nazi-Heft entdeckt hatte. Es war nicht die Tatsache, dass Fritz Wellauer im Krieg gewesen war, die ihn erschütterte, sondern vielmehr, dass sein Vater ihm nie über diese Zeit etwas erzählt hatte. Warum hatte man ihm diesen Teil der Vergangenheit verschwiegen? Was hatte sein Vater getan, und was wussten seine Schwestern? Wie war sein richtiger Name? Wellauer? Doch, das konnte ja noch hinhauen, dachte er. Der Nachname entsprach der letzten Initiale auf den Taschentüchern, aber Fritz? Nein; wenn der Mann auf dem Bild und sein Vater dieselbe Person waren, dann hatte der Alte bestimmt nicht Fritz geheißen.
Er stand ungewohnt früh auf an diesem Morgen. Es war kurz vor sechs Uhr. Schlafen konnte er ohnehin nicht mehr. Dafür war er immer noch viel zu aufgewühlt. Er würde heute nicht zur Arbeit gehen, entschied er, nachdem er einen ersten schwarzen Kaffee getrunken hatte. Er hatte sowieso noch unzählige Überstunden, die er vermutlich nie abbauen können würde. Die vielen Dossiers, die sich auf seinem Pult stapelten, konnten auch einen Tag ohne ihn auskommen. Wellauer selber würde auch ganz gut ein paar Tage ohne Marketingpläne, Sitzungen und störende Anrufe leben können. Er würde heute nochmals in die Wohnung seines Vaters gehen, bevor er seine Schwestern mit seiner Entdeckung konfrontierte. „Vielleicht stecken in dieser Wohnung noch mehr Überraschungen“, sagte Wellauer leise vor sich hin, bevor er den letzten Schluck Kaffee trank.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 334
ISBN: 978-3-99038-731-3
Erscheinungsdatum: 03.09.2015
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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