Krimi & Spannung

Der lange Schatten einer Katze

Rainer Haas

Der lange Schatten einer Katze

Leseprobe:

1. Kapitel

Aufbruch im Zwiespalt

Der Tag schaut grau und wenig einladend in mein Fenster hinein. Als wollte er sagen, dass es besser sei, ihm lieber aus dem Weg zu gehen oder liegen zu bleiben, im Bett! Das drangsalierende Klingeln meiner auf dem Nachtschrank stehenden Blechtrommel ist seit einigen Minuten verstummt. Ich schlage die Arme hinter meinem Kopf zusammen und blicke Gedanken suchend an meine unansehnliche, mit Rissen durchzogene Decke. Irgendwann fällt dir das hässliche graue Ding noch auf den Kopf, denke ich mir. Der gestrige Abend hat einen langen Arm und martert mich doch sehr. Meine Schläfen agieren einem Taktgeber gleich hämmernd, und mein Magen
fährt Karussell. Heute ist Dienstag, der 22.11.1955. Mein Name ist Stefan Hammer, ich bin frisch gebackener Absolvent der Geologie und habe heute meinen ersten Tag bei meinem neuen und ersten Arbeitgeber vor mir. Geboren bin ich am 27.06.1929 in Gera. Da ich keine Geschwister habe, konzentrierte sich die erdrückende Fürsorge meiner Eltern ausschließlich auf mich. Mein Vater, ein sehr penibler, aber warmherziger Mathematiklehrer, kam aus dem Krieg nicht mehr zurück. Meine Mutter war eine gebürtige Dresdnerin und, aus ihrer Sicht, aus gutem Hause stammende Hebamme. Sie hat bis zum letzten Tag den Verlust meines geliebten Vaters nicht verwunden. Leider wurde sie nach er unerträglichen Nachricht im Mai 44 immer klebriger. Ich bin zu jener so dunklen Zeit von einem neugierigen geselligen Buben zum stumpfsinnigen Einzelgänger geworden. Keinen Schritt konnte ich mehr ohne meine Mutter tun, und meine Klassenkameraden weideten sich an meiner verstörten Art, die zahllose Peinlichkeiten nach sich zog. Die Wirren des Kriegsendes und die organisatorischen Notwendigkeiten in der von Mangel und Angst dominierten Nachkriegszeit verschafften mir eine mich aufleben lassende Atempause und Entwicklungsfreiheit. Ich konnte immer öfter der Kontrolle meine Mutter entfliehen, was sich in jeglicher Hinsicht positiv auf mich auswirkte. Nein, meine Gerda war keine schlechte Seele. Sie war eine wohl alles verzeihende und alles gebende Mutter. Aber eben nicht, ohne zu fordern und sich ihren Anteil von einem zu nehmen. Diese entsetzlichen Kämpfe, die es zwischen uns gab, durch die Übersiedelung nach Steinberg. In dieser Zeit vermisste ich meinen Vater schon sehr. Sicher hätte er ausgleichend auf uns beide eingewirkt und vieles entspannt. Mit 16 besuchte ich das Gymnasium in Landau und studierte anschließend Geologie in München. Als sich vor gut acht Monaten mein Studium dem Ende neigte, drängte mich die liebe Mutter doch allen Ernstes, mit ihr in eine Wohnung nach Oberhausen zu ziehen. „Da habe ich mich in deinem Namen beworben! Die suchen Leute wie dich, du hast im Kohlenrevier alle Möglichkeiten zum beruflichen Aufstieg. Eine Wohnung für uns ist auch da!“ Ihre freudig rollenden Augen und ihre Naivität belustigten mich, machten mich aber letztlich auch sehr traurig. Wohl fand ich es von ihr nicht in Ordnung, einfach über meinem Kopf hinweg meine Zukunft zu entscheiden oder darin herumzufuhrwerken. Im Grunde verbarg sich dahinter nur ihr Eigennutz. Mir war spätestens zu diesem Zeitpunkt klar, dass ein trennender Schnitt unvermeidlich wurde und folgen würde. Unbehagen überkam mich und ein schlechtes Gewissen bei diesen Gedanken. Dieses hatte ich ihr gegenüber bis zum Tag meiner Abreise! Aber um der Herausforderung meiner Mutter zu entrinnen, musste ich mich stellen, wollte ich endlich ich selbst werden. Ohne ihr Wissen bewarb ich mich beim Geologischen Institut in Mannheim. Dieses Institut erstellt Bodenproben in aller Welt und sucht nach Bodenschätzen für diverse Auftraggeber. Da es mir ein Herzenswusch war, Landau, meiner Mutter, meiner Tante und meiner übrigen fürsorglichen Verwandtschaft zu entfliehen, bewarb ich mich als Geologe bei dieser Institution. Bei aller Offenheit muss ich zugeben, dass ich mich der Aufgabe nicht stellen wollte. Ich musste mich ihr stellen, um dem Mief und der Enge in Steinberg zu entkommen. Als ich meiner Familie mein Ansinnen kundtat, schlug mir Unverständnis und Ablehnung entgegen. „Wie kannst du deine Mutter nur im Stich lassen?“, mein Onkel Heinz. „Undankbar und herzlos bist du!“, tönte meine Tante Else. Die nach anfänglichen hysterischen Ausbrüchen Vernünftigste von allen war meine Mutter. „Geh nur, mein Junge, ich habe den einen verloren und habe es überlebt, so werde ich auch den anderen überstehen!“ „Rede mir doch bitte kein schlechtes Gewissen ein, Mutter! Ich bin doch nicht tot, Mutter, mich gibt es doch noch!“ „Ja, ja, du wirst mir den Rücken zeigen, und die Zeit wird verrinnen. Wenn du wieder hier bist, bin ich vielleicht nicht mehr da oder viel zu alt, um zu verstehen“, formulierte meine Mutter ungewöhnlich sentimental. Ohne dass ich es nachvollziehen konnte, war ich vom Vorzeigesohn zum Aussätzigen, zum schwarzen Schaf der Familie geworden. Die Ausgangssituation für meinen Start in Mannheim war folglich keine optimale. Oberhausen sagte ich, unter Vortäuschung falscher Tatsachen, kurzerhand ab und begab mich nun in mein neues, eigenverantwortliches Leben. Der Abschied aus Steinberg war recht nüchtern und unpersönlich. Ich stand mit meinen drei Koffern am Haltepunkt der Busstation, und das gesamte familiäre Komitee bereitete mir einen gewissensverschlechternden Abschied. Nur die Mutter blickte mit traurigen, aber auch mit stolzen Augen in mich hinein! Jeder Wunsch, der mir von meinen Verwandten zu Gehör gebracht wurde, kam mir wie eine große Lüge vor. „Diese Heuchler, diese verlogene Bande!“, fauchte ich meiner Mutter bei unserer letzten Umarmung leise ins Ohr. „Stefan, mäßige dich bitte!“, bat sie mich mit ihrer so sanften Stimme maßregelnd und doch wissend, dass ich Recht hatte. „Lass mich ankommen, Mutter, ich melde mich!“ Das waren meine letzten Worte, bevor ich den Bus bestieg. Ich wuchtete meine gesamten Habseligkeiten in den hinteren Teil des Busses und nahm auf der letzten Sitzreihe Platz. Der Bus fuhr an, und ich blickte voller Schuldgefühle und Scham meiner winkenden, weinenden und verletzten Mutter in die Augen. Mein Blick war unscharf und verwässert durch den nun ungehemmt und nicht aufzuhaltenden Tränenfluss. Zum Glück wusste ich, dass dies kein Abschied von meiner Mutter für immer war. Den Übrigen der familiären Sektion schenkte ich im Bus sitzend keinerlei Beachtung und würdigte sie keines Blickes. Auf der Fahrt zum Bahnhof nach Dingolfing starrte ich regungslos aus dem Fenster. Ich muss den anderen Mitreisenden apathisch vorgekommen sein. Mein gesamtes Leben lief vor meinen Augen ab, und mich plagten fürchterliche Ängste vor der Ungewissheit. Die Mutter allein gelassen zu haben und nur den eigenen Weg und Erfolg sehend, war ich voller Selbstzweifel und Zerrissenheit. Die Fahrt nach Dingolfing zum Bahnhof war zu kurz, um abzuschalten. Irritiert und durcheinander betrat ich die Bahnhofshalle und hielt Ausschau nach einem Schalter. Diesen gefunden, löste ich meine Karte nach Mannheim mit Zwischenstopp in Regensburg, Nürnberg und Frankfurt, da es eine direkte Verbindung nach Mannheim nicht gab. Nach gut einer halben Stunde saß ich im Zug, und beim Anfahren spürte ich zum ersten Mal so etwas wie Befreiung. Das reizvolle Isartal glitt an mir vorbei, und nach und nach eröffnete sich mir ein fantastischer Blick auf die Berge des Bayrischen Waldes. Die ersten Häuser von Straubing zeigten sich, und Regensburg konnte nun nicht mehr sehr weit sein. Dieser herrliche Gäuboden und diese schönen Berge des Bayerischen Waldes, dachte ich mir. Die mit mir im Wagon befindlichen Reisenden waren weitaus weniger angetan. Eine ältere Frau in bayrischer Tracht strickte, und ihr gegenüber der wohl dazugehörige Mann. Er beobachtete das Tun mit stoischer Gelassenheit. Ein alter Mann mit hochgedrilltem Schnauzer auf der mir gegenüberliegenden Bank las in einer Zeitung. Dieses regelmäßige Schlagen und die immer wiederkehrenden Pendelbewegungen des Zuges beruhigten mich und taten mir gut. Niemand sprach ein Wort, nur das Geräusch des arbeitenden Wagons war zu hören. Der Himmel zeigte sich mittlerweile in einem typisch bayrischen Blau und Weiß, was diesen Novembertag für mich ungewöhnlich hell erscheinen ließ. Beim Halt in Straubing verließ keiner der Gäste den Wagen, nur eine Frau mittleren Alters mit einem etwa 8-jährigen Knaben stieg dazu. Nun wurde es etwas lebhafter, da der Junge seine Mutter mit allerlei Fragen malträtierte. Seiner Mutter war dies peinlich und unangenehm, was mir wiederum völlig unverständlich erschien. Ständig ermahnte sie ihren Sohn und befahl ihm, zu schweigen. Dieses dauerhafte Ermahnen und Geifern dieser Frau ging mir auf die Nerven, zumal der Junge vernünftige Fragen stellte und lediglich seinen gerechtfertigten Wissensdurst durch Antworten der Mutter zu stillen suchte. So setzte sich diese Auseinandersetzung ohne Unterlass bis Regensburg fort. Der Junge bekam keine befriedigenden Antworten und die Mutter ihren Sohn auch nicht zum Schweigen. Beharrlich fragte er nach den Bergen, diesen
großen Fluss (Donau), dem komischen römischen Haus (Walhalla) und die vielen Türme des sich nahenden Regensburg. Als der Zug in Regenburg zum Stehen kam, sprang die genervte Frau auf, griff sich die Hand des Sohnes und verließ ächzend und in sich hineingiftend den Waggon. Ihren Bub zog sie dabei derart hinter sich her, dass dieser ihr mit ausgestrecktem Arm im Laufschritt folgen musste. So eine dämlich Schranze, dachte ich mir. Da ist dieses Weib von den beiden der am geringsten entwickelte Mensch, urteilte ich für mich. Es war so keinerlei Verständnis oder Zuneigung zu spüren. So etwas kannte ich nicht von meinem Elternhaus, und ein wenig tat der Knabe mir leid. Ich lächelte in mich hinein, und ein warmer, erinnernder Gedanke an Mutter und Vater durchfuhr mich. Nun war es auch für mich an der Zeit, den Zug zu verlassen, und ich betrat den Bahnsteig. Drei Stunden hatte ich nun noch zu warten bis zur Weiterfahrt nach Nürnberg. Ich brachte mein Gepäck zur Verwahrstelle im Bahnhof und begab mich in die Innenstadt von Regensburg. Die beeindruckenden Gebäude und der erhabene Charme des Mächtigen beeindruckten enorm. Ich ließ diese alte Stadt auf mich wirken und stärkte mich in einem Wirtshaus für die Weiterreise. Nach zwei Weißbier und drei Weißwürsten mit Brezen ging ich zurück zum Bahnhof. Ich nahm mein Gepäck in Empfang und ließ mich auf einer Bank auf dem Bahnsteig nieder. Der Ankündigung des Zuges folgte die ohrenbetäubende Einfahrt der Eisenbahn. Die Bremsen schrien, und das gewaltige Zischen und Getöse hatte eine beängstigende Wirkung auf mich. Der Koloss kam zum Stehen, und einige Reisende stiegen durch den Dampf ins Freie aus. Ich erklomm mit meinem Gepäck den Waggon und stellte mit Erschrecken fest, dass sich mir wohl keine Sitzgelegenheit mehr bieten würde. So richtete ich mich neben der Eingangstür ein und setzte mich auf einen meiner Koffer. Dieser Zug war ein überregionaler, was die Fahrtzeit nach Nürnberg erheblich verringerte. Mit mir befanden sich noch zwei weitere Reisende im Vorraum zum Abteil. Es waren zwei Männer mit abgetragener schwarzer Arbeitskleidung aus kräftigem Cord-Stoff. Die Kleidung war im sauberen Zustand, aber nicht ohne schadhafte oder geflickte Stellen. Ihre schwarzen geputzten Schuhe waren von sehr robuster Art, und weiter führten beide einen schwarzen Filzhut mit sehr breiter Krempe mit sich, was mich in ihnen Dachdecker vermuten ließ. Beide trugen aus dunkelgrünem, derbem Stoff und Lederbändern gefertigte Rucksäcke mit sich. Der ältere der Männer, um die fünfzig, hatte ein sehr gebräuntes und mit tiefen Furchen durchzogenes Gesicht. Dieser Mann trägt sein bisheriges Leben im Gesicht, dachte ich mir. Auffällig waren seine kräftigen und von zahllosen kleinen Narben und Rissen übersäten Hände. Der andere, gut dreißig Jahre jünger als sein Begleiter, war von kräftiger Statur und gut 1,85 groß. Beide unterhielten sich auf mir vertrautes Bayrisch, was ihre Herkunft verriet. Der Ältere stellte seinen Rucksack auf den Boden, hockte sich davor und kramte aus einer Außentasche eine Streichholzschachtel hervor. Dann zog er aus seiner rechten Jackentasche ein Stück Zigarettenpapier und füllte dieses mit einem Knäuel von Tabak. Behände drehte er eine Zigarette daraus und klemmte sich diese hinter das rechte Ohr. Nun blickte er seinen Begleiter an und fragte: „Magst du ah?“ „Na, jetzt net. Passt scho, merci dir!“, erwiderte sein schwankender, die Bewegung des Zuges ausgleichender Kollege. Nun fragte er mich, und ich verneinte ebenfalls dankend. Er schüttelte den Kopf und murmelte: „Kann i nur spoarn an aeuch“ und lächelte. Sich erhebend, zündete er die Zigarette mit einem Streichholz an und nahm einen kräftigen Zug. Der kleine Raum war sofort erfüllt vom starken Geruch und dem Rauch der Zigarette, was uns zwei Verneiner zwangsläufig mitrauchen ließ. Nach einer Weile fragte mich der Ältere: „Wo mächts denn hieh, mit die ganzen Sochen da?“ „Ich will nach Mannheim, arbeiten“, erwiderte ich. „Mannheim, da woar i ah noch niemals net gwesen. Do hasts freilich ah noch bissel Strecken vor dir“, stellte er fest. „Ja, ist noch eine ganze Ecke weg!“, bestätigte ich. „Und wo wollt ihr hin?“, fragte ich beide. „Auf Nürnberg, do blei ma die nächsten zwo Wochen, und dann geht’s wieder hoam“, erklärte mir der sich nun auch am Gespräch beteiligende Jüngere. „Ihr seid Dachdecker?“, wollte ich wissen. „Na, Zimmerleut san ma, obar die Klamottel san die gleichen wie dasn Dachdecker“, erklärte der Ältere. „Habt ihr gut zu tun in Nürnberg?“ „Wenn’s doanoch gingest, woas oalas kaputt gschlagan is, da känne mir noch ah hunert Jahr hinauf zu die Franken foarn“, meinte der Alte weiter. Es begann nun ein längeres Gespräch, und alle drei debattierten wir über allerlei Dinge. Der Ältere stellte sich als Franz und der Jüngere als Xaver vor. So berichtete Franz von seiner Jugend und seinen Erlebnissen aus dem Krieg. Weiter erfuhr ich, dass Xaver der Sohn seiner Schwester war, deren Mann im Krieg geblieben war. „Frankreich hottens ma verlegt 44, nachdem ich bei die Serben woa“, erläuterte Franz. „Drei Jahr war ih bei die Kanadier und 48 hottens mie hoam gschikt.“ Franz weiter: „Gunts schlimmer erwischen“, rekapitulierte er nickend. Anschließend gab ich nun einen Teil meiner Lebensgeschichte preis und sprach über meine neue Anstellung. Freilich ließ ich die unangenehmen Empfindungen und Zukunftsängste aus, was mich so ein wenig zum Schönredner machte. Xaver berichtete nur spärlich über sein Leben, war jedoch bei allen anderen sehr mitteilsam. Die Reise nahm einen angenehmen Verlauf, und Nürnberg näherte sich nun schneller, als mir lieb war. Der letzte Halt vor Nürnberg war Feucht. „So, da ham mas wieder was“, erklärte Franz erheitert seinem Neffen und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter. Xaver grinste zurück und nickte zustimmend. Nürnberg war nun erreicht, und der Zug fuhr in eine Ruine, was jedoch der Bahnhof war, ein. Wir stiegen aus und stellten uns noch kurz auf dem Bahnsteig zusammen. Wir verabschiedeten uns und wünschten uns gegenseitig Glück. Die beiden zogen von dannen, und ich schaute ihnen noch lange hinterher. Irgendwie beneidete ich das Paar, so doch ihre Zukunft absehbar und sicher schien, aus meiner naiven Sicht gesehen. Es waren jetzt noch gut anderthalb Stunden Zeit bis auf den Frankfurter Anschlusszug, und ich entschloss mich, erst mal eine Stelle für meine Notdurft zu finden. Die Weißbiere drückten nun mächtig, und die Zeit wurde langsam knapp. Ich sah mich um und erblickte einen Bahnhof in einem erbärmlichen Zustand. Allerdings tat sich etwas. Mehrere Gerüste säumten die Wände, und allerlei Gewerke tummelten sich im Bahnhof. Die Geräuschkulisse erinnerte mich an einen Jahrmarkt. Ein Gewirr aus Stimmen, lauten Tönen durch verschiedenes Handwerken, Lachen und Lautsprecherdurchsagen drangen in mein Ohr. Nur Musik war nicht zu hören, das hätte dem Akustikchaos noch die Krone aufgesetzt. Sandhaufen, Steinberge und zahllose Holzstapel verteilten sich auf das gesamte Areal im Bahnhof. Ich befand mich am Bahnsteig zwei und begab mich zu einer Bretterwand. Hierbei begleitete mich der Wunsch, unbeobachtet mein Geschäft erledigen zu können. Mein Gepäck schleppte ich selbstverständlich mit und positionierte dieses an der Stirnseite der Bretterwand. Ich schaute hinter die Bretterwand und entdeckte einen etwa zwei Meter breiten Gang. Ich trat hinein und blickte mich vorher noch mal diebisch um, mit der Hoffnung, nicht entdeckt zu werden. Als die Luft rein schien, öffnete ich meine Hose und ließ meinen drückenden Sorgen freien Lauf. Wie ich nun den Weg des Flüssigen auf dem steinernen Boden Verfolgte, bemerkte ich, dass das Rinnsal meiner Ausscheidungen genau in die Richtung meines Gepäcks lief. Nun, noch auslaufend und mich immer noch hinter der Wand befindend, versuchte ich, meine Koffer mit der rechten Hand etwas wegzuschieben und mich gleichsam nicht zu benässen. Leider ohne Erfolg, da mein Tun von einem lauten Schrei unterbrochen wurde. „Was ist denn hier los, haben wir denn kein Scheißhaus, dass du hier schiffen musst?“, maßregelte mich ein kleiner dicker Mann, dessen Schnauzbart vor Speichel tropfte. Was für eine groteske Situation für mich. Ich griff nun wieder mit zwei Händen zu und beendete hastig mein Tun. Allerdings erwies sich dieses wenige Sekunden später durch ein unangenehmes, kaltes, feuchtes und abstoßendes Gefühl in der Unterhose als übereilt beendet. Ich antwortete zunächst nicht und brachte mich erst mal in eine zivilisierte Form zurück. „Hab keins gefunden“, sagte ich. „In jedem Gang zum Portal sind Toiletten, da muss man nicht an die Wände machen!“ Er hatte ja Recht, dachte ich und wollte keine Eskalation der Situation. „Guter Mann, völlig richtig, was Sie sagen. Es war die Dringlichkeit und Bequemlichkeit, die mich trieb“, antwortete ich beschwichtigend. Mein Maßregler schien sich aber durch meine Ausdrucksweise provoziert zu fühlen und legte noch energischer nach. „Nichts guter Mann, solche Sauereien dulden wir hier nicht.“ Nun stieß auch ich an meine Grenzen und fragte aufreizend provokant zurück: „Was wollen wir denn jetzt machen, die Polizei rufen, oder was? Soll ich den Hof kehren oder das Pflaster putzen?“ Wissen Sie, was wir jetzt machen?“ Er schüttelte von meiner Reaktion irritiert und überrascht den Kopf und starrte mich an. „Nichts!“, erklärte ich ihm und ergriff mein Gepäck und ging einfach los. Er trat einige Schritte zurück und sammelte sich. Wie ein Derwisch sprang er mir mit wedelnden Armen hinterdrein. „Das Ganze halt, jetzt ist es genug. Mittkommen zur Bahnhofsaufsicht!“, fuhr er mich an. „So ein unverschämter Kerl!“, brüllte er überzogen laut, um Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Diese ließ auch nicht lange auf sich warten, und zwei in blauer Uniform gekleidete Herren kamen auf uns zu. „Was ist denn los, Lausig?“, fragte einer der beiden. „Der hat hinter die Wand gepinkelt und ist dann noch frech geworden, dieser Rotzer“, sprach dieser wichtige, in schäbige und schmutzige Kleidung gehüllte Mann. „Stimmt das?“, fragte mich der andere Uniformierte. Ich antwortete: „Ja und nein.“ „Was soll das, haben Sie nun oder nicht?“ „Ich habe hinter die Wand uriniert, jedoch frech ist nur jener geworden. Dieser Sherlock Holmes hier“, sagte ich und deutete abwertend auf den kleinen dicken Mann. Da blies der Lausig die Backen auf und schlug voller Entsetzen die Hände in seine Hüften. Einer der beiden grinste, jedoch sein Begleiter war weniger angetan. „Lausig, wir nehmen ihn mit“, sagte er. „Danke, wir hören voneinander“, sprach der mir Zugetane zum Denunzianten. Sein grimmiger Begleiter zu mir: „Folgen, hoffe, alle Papiere dabei!“ Ich ergriff mein Gepäck und befreite es aus dem Teich meiner Untat. Die zwei legten einen solchen Gang zu, dass ich mit meinem Gepäck nur mit Mühe folgen konnte. Wir hasteten in einen Vorraum an der Stirnseite im Bahnhof und betraten eine kleine dunkle Kammer. Es roch nach Zigarette und modrigem Holz darin. Wer hält es denn hier aus?, dachte ich mir. „Hellmroth“, stellte sich der Finsterling vor, und der Sympathische: „Bergk, Bundesbahn. Bahnhofsaufsicht.“ „Na, dann setzen Sie sich mal!“, sprach Bergk und wies mir einen Stuhl zu. Die zwei nahmen auch am Tisch Platz, auf dem ein Stapel Papier lag und eine Schreibmaschine stand. Hellmroth saß mir direkt gegenüber und Bergk rechts von mir an der Stirnseite des Tisches. Hellmroth legte seine Hände auf die Schreibmaschine und fragte Bergk: „Brauchen wir die hier?“ und nickte zu mir. Bergk nahm seine Mütze vom Kopf und schaute mich streng an und fragte: „Na, brauchen wir die bei Ihnen, was sagen denn Sie?“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 234
ISBN: 978-3-95840-825-8
Erscheinungsdatum: 22.07.2019
EUR 16,90

Herbstlektüre