Krimi & Spannung

Der Irrtum eines Mörders oder

Taron G. Schauenburg

Der Irrtum eines Mörders oder

Die Schule von Athen

Leseprobe:

Alles in allem ein lichtvoller Ort von einladender Freundlichkeit.
Zwei Betstühle standen an der gegenüberliegenden Wand, rechts daneben ein Holzstuhl, ansonsten war der Raum leer.
Den irritierenden Fremdkörper, die hängende Leiche, nackt, sowie den Strick, der den Erhängten unerbittlich und fest im Genick gepackt hielt, nun, das konnte man beim besten Willen nicht zur Einrichtung des Raumes zählen.
Neben – oder eigentlich unter – der nackten Leiche stand der Abt.
Er wirkte wie ein fernsehschauendes Kind. Er starrte ununterbrochen nach oben, auf den Leichnam, die Hände spannungslos an beiden Seiten herabbaumelnd, mit halbgeöffnetem Mund.
So, als hat er eine Marienerscheinung, flüsterte eine leise, aber böse Stimme im rechten Schläfenlappen des Kommissars.
Diese ihm wohlvertraute Stimme fuhr zischelnd fort: Der sollte doch beten …
Vom Schlag der Türe, der Stille und den letzten Worten des Kommissars gleichermaßen getroffen und aus der Erstarrung herausgerissen, wandte sich der Abt ruckartig den beiden Ankömmlingen zu.
Sein Gesicht hatte in etwa dieselbe Farbe wie der Unterschenkel der Leiche. Es wirkte bieder, ein Eindruck, der durch den überaus rundlichen Bauch, der sein Ornat ausbuchtete und den Mann behäbig wirken ließ, sehr verstärkt wurde.
Eine solide Beamtenseele, durchfuhr es den Kommissar, sofern Beamte überhaupt neben der Mechanik ihrer einfachen und genormten Gehirne noch Platz für so etwas wie eine Seele haben.
„Verzeihen Sie“, murmelte der Kommissar, „meine letzten Worte. Bruder Martin und ich unterhielten uns gerade. Mein Name ist Massimo Graciano, ich bin der untersuchende Kommissar, der zu Ihnen geschickt wurde.“
Er verzichtete aber darauf, dem Abt seine Hand entgegenzustrecken.
Teils schien die Leiche von oben herab diese harmlose, gesellschaftliche Geste zu verbieten, teils aber versuchte der wackere Kommissar es auch zu vermeiden, mit einer dieser fleischigen, farblosen Hände in Kontakt zu kommen.
So deutete er lediglich eine Verneigung an.
„Laurentio, der Abt.“
Die Stimme des Abtes war noch tonloser als die Beine der Leiche farblos waren.
Wieder meldete sich die leise boshafte Stimme Gracianos, rechts innen vor dem Ohr.
Sie zischte und wollte etwas kundtun, einen ihrer bissigen Kommentare loswerden.
Sei still, sagte der Kommissar zu ihr, halt jetzt einfach mal nur den Mund.
Die Position der Leiche, die den Raum von oben herab dominierte, unterband augenblicklich gebieterisch jede weitere Konversation.
Dem Aufmerksamkeit zollend wandte sich der Kommissar vom Abt fort und der Leiche zu.
In die Stille hinein sagte er: „Ich habe eine Bitte. Ich muß mir in Ruhe ein Bild machen. Bitte seien Sie so freundlich und lassen Sie mich mit ihr, äh mit ihm allein. Wo kann ich Sie anschließend treffen und mit Ihnen in aller Ruhe sprechen?“
Der Abt antwortete: Ich habe alle meine Verpflichtungen für heute abgesagt. Sie können sich also alle Zeit nehmen, die Sie benötigen. Sie werden mich in der Kirche, nein, lieber in meinem Zimmer finden.
Bruder Martin kann draußen auf Sie warten und Sie dann zu mir führen.“
Dies sagte er wieder in einer völlig gleichbleibenden Tonhöhe, ohne jede Rhythmik, wie der Kommissar mißbilligend feststellte.
„Ich danke Ihnen“, antwortete er und genoß das Abebben der Geräusche, als die beiden Mönche sich durch die Türe nach draußen begaben.
Nun endlich war er für heute am Ziel seiner Reise angekommen.
Er wandte sich jetzt auch innerlich gänzlich dem Akt des Betrachtens zu, d.h. er wurde geradezu zu blanker Aufmerksamkeit, innerlich leer, fast gänzlich still, aufmerksam, schauend, angespannt lauschend.
Er war zu erfahren, als daß er nicht gewußt hätte, daß die nächsten Minuten die entscheidenden Hinweise für seine kommende Jagd enthalten konnten.
Die Leiche würde zu ihm sprechen, allerdings in ihrer Sprache, in der der Toten, also in und durch die Stille, sehr, sehr leise.
Um diese Sprache zu verstehen, mußte man selber sehr, sehr still sein.
Der Tote würde zu ihm sprechen, hier und jetzt, um dann für immer zu schweigen. Er durfte diese Momente nicht verpassen.
Und da der Kommissar seinen Beruf liebte, war dies – nicht nur an diesem Ort – ein fast heiliger Moment, den er kannte, herbeisehnte und immer wieder mit aller Intensität in sich hineinließ.
Was sah er?
Von oben fiel das helle Strahlen der Mittagssonne durch drei der Fenster und beschien das Gesicht des Erhängten, dem es aber nicht gelang, etwas von der lichtvollen Wärme der Strahlen in sich aufzunehmen.
Unbeirrt glotzten die toten, milchigen Augen an die leere Wand gegenüber.
Der unbarmherzige Strick hing von der Decke herab, so daß die ganze Vorrichtung eher wie die Haltekette eines großen Leuchters wirkte.
Der Strick lief an der Decke über eine Rolle, das untere Ende war an einem eisernen Ring an der gegenüberliegenden Wand – etwa in Kniehöhe – befestigt.
Die über die Rolle laufende dicke Schnur war in Bodennähe an einem in der Wand eingelassenen Eisenring verknotet und erinnerte Graciano an eine Vorrichtung von Handwerkern, um beispielsweise Farbeimer und andere Gegenstände bis hinauf zur Decke zu befördern.
Am anderen Ende dieses Strickes hing die Leiche.
Ihr Schädel wirkte merkwürdig gedunsen, aufgestaut, aufgequollen, ebenso die Zungenspitze, die zwischen den Zahnreihen etwas keck – aber blau – hervorlugte.
Die Brust wies wenig Behaarung auf, der Bauch leicht gewölbt, dicklich oder ebenso aufgedunsen.
Der Penis klein, in sich zusammengeschnurrt, schutzbedürftig, verletzlich.
An der Innenseite des linken Oberschenkels eine kleine, helle Spur. Vermutlich Sperma, dachte der Kommissar.
Der Tod als Orgasmus, die haben es gut, die Erhängten, witzelte es wieder im rechten Innenohr.
Halt den Mund …
Soviel wußte der Kommissar: der Tod war vor mehreren Stunden eingetreten, vermutlich vor etwas mehr als sechs.
Am rechten Ringfinger des Toten glänzte ein goldener Ehering.
Unbegreiflicherweise hatte der Täter es nicht für nötig befunden, auch diese Spur zu beseitigen.
Irgendwie fehlte unter den Füßen ein Halt, sie schienen in der Luft zu schweben. Dies verlieh diesem Szenario etwas Unwirkliches, Bizarres.
Die Füße, so erwartete der Betrachter, mußten doch einfach einen Grund unter sich haben, einen Boden, einen Stuhl, einen Dielenboden, einen Tisch, irgend etwas Festes, Haltgebendes. Füße sind Füße, weil sie uns Halt geben, weil sie auf festem Untergrund stehen, so daß wir uns aufrichten können.
Doch das, was hier Erschrecken verursachte, war nichts Konkretes, Sichtbares, sondern etwas Fehlendes.
Es war das Nichts unter den Füßen des Toten, das einen erschaudern ließ, hier war einfach nichts. Leere. Abwesenheit.
Der Raum unter dem schweren Körper war leer.
Der ganze Raum wirkte ohnehin irgendwie merkwürdig leer. Und in diese Leere hinein war mit brutaler Wucht ein nackter Toter gehängt worden. Mit nackten Füßen im nackten Nichts in der Luft stehend, hängend.
Kein Schemel, kein Stuhl. Strangulation eines Autoeroten oder Selbstmörders fällt also aus, dachte Graciano.
Besonders tot sahen bei Verstorbenen generell die Fußnägel aus. Und so war es auch hier.
Ein Erhängter sah schon besonders tot aus, aber das Toteste sozusagen, das waren und blieben die Fußnägel. Das kannte der Kommissar, das war immer so.
Der Kommissar, der sich stets freute, wenn er geradezu ewige Wahrheiten immer und immer wieder bestätigt fand, empfand auch hier, angesichts der Bestätigung dessen, was er sich in vielen Berufsjahren angeeignet hatte, geradezu Erleichterung.
Sozusagen ein kleiner Punkt von Verläßlichkeit im Ozean der Unsicherheiten.
Er ermahnte sich. Halte deinen Verstand leer und rein, laß alte Erfahrungen hier keinen Raum einnehmen. Schau mit den Augen eines Kindes …
Nicht suchen, nicht verstehen, nicht finden, nur wahrnehmen.
Er trat einen Schritt zurück. Nichts.
Perspektive wechseln! Er ging langsam, ja behutsam um den Erhängten herum, Schritt für Schritt.
Hätte ihn jemand beobachten können, so hätte er vermutet, daß ein massiger Mann mit einem enormen Brustkasten um eine hängende Leiche herumtänzelte.
Er trat sehr behutsam auf, als fürchtete er mit seinem massigen Gewicht ein zartes, kleines Pflänzchen, das es am Boden zu pflücken galt, zu zertreten.
Von der Seite wirkte der Mann wie eine ganz andere Person, älter, hilfloser, leidender.
Doch ansonsten – nichts.
Der Kommissar umrundete nun den Hängenden, schaute lange und gründlich von hinten auf den Toten.
Sah sich die Fersen an, die Waden, bemerkte die harten Knochen an den Knien, die hervorstachen, betrachtete das blasse, fleischige Gesäß.
Nichts Besonderes.
Sein Blick wanderte die blaß verfärbten Muskulaturstränge entlang des Rückens hinauf.
Ebenfalls nichts.
Die Schultern, hängend, resigniert, kraftlos.
Die Oberarme eher muskulös, als ob sie Arbeit gewohnt gewesen waren.
Graciano betrachtete die nach innen gebogenen Unterarme, die beidseitig in die dicklichen, aber schlaffen Finger beider Hände ausliefen. Auch diese wirkten in dieser Position nun kraftlos, haltlos, hilflos.
Aber sie verrieten nichts.
Der Hinterkopf wies erst mal keine Spuren von Gewalt auf. Wieder ein anderer Mensch. Ein anderer Eindruck.
Doch – nichts. Keine Erkenntnis.
Was ist hier das Eigentliche, fragte sich der Kommissar.
Bitte sprich zu mir, bat er, und blickte noch mal ganz nach oben zum Gesicht des Toten, fast ehrfürchtig aufschauend, als ob er einen Eindruck vom Gesicht des Erhabenen selbst erhaschen wollte.
Von außen betrachtet hätte man meinen können, er sei in einem innigen Gebet mit der Leiche verbunden, ja, als ob er diese anbete.
So, als ob er scheu zu dem Gekreuzigten hinaufschaue, der einzige Leichnam, der sozusagen die offizielle Erlaubnis besaß, in einem Kloster aufgehängt zu sein.
So verharrte er einige Minuten in Stille, regungslos.
Nichts.
Und plötzlich änderte sich die Richtung seiner Betrachtung.
Er schaute nicht mehr nach außen. Die Wahrnehmung kehrte sich gleichsam um, wandte sich ihm selbst zu.
Aus dem leeren Raum seines Hinterkopfes wisperte eine leise Stimme ihm zu:
Und – wie fühlst du dich, was nimmst du jetzt wahr?
Und da war es.
Die Erkenntnis traf ihn mit großer Wucht. Fast taumelte er, fast erwartete er, daß der Stoß der Erkenntnis den Toten selbst in drehende Bewegung versetzt hatte.
Es war die Position des Toten und seine Beziehung zum Raum, in dem er sich befand.
Das war der Hinweis, den er gesucht hatte. Das war es, worauf er gewartet hatte.
Er kam sich vor wie ein unwissendes betendes Schaf in einer Herde von Gläubigen, abhängig aufschauend. Klein. Erniedrigt. Auf seinen Platz hier unten verwiesen. Entmündigt. Gezwungen, zu Höherem aufzuschauen.
Der Tote dort dominierte – auch bedingt durch die Leere des Raumes, durch das Fehlen von Mobiliar, durch das Fehlen jeglicher Gegenstände, die sich dem Auge hätten aufdrängen können – von oben herab diktatorisch die Empfindungen des unten stehenden Betrachters.
Es war nicht nur die Gewalttätigkeit, die einen Menschen getötet hatte, welche den Kommissar betroffen machte.
Nein, es war die Gewalttätigkeit in Beziehung zu den unten Stehenden, in dem Fall war es er.
Es war die Arroganz, die die Szene ausstrahlte.
Die Leiche schien ausdrücken zu sollen:
Siehe, ich bin der Herrscher, der Tod, und du, Lebender, sollst zu mir aufschauen. Ich bin die letzte Wahrheit. Leben – wo ist dein Stachel?
Dies ist die letzte, nackte Wahrheit.
Und du da unten vor mir Stehender, du sollst zu mir aufschauen. Und diese Wahrheit anerkennen. Unentrinnbar. So wie der Tod ist.
Das war die Tat eines symbolhaft denkenden intelligenten Menschen, vielleicht eines Wahnsinnigen.
Eines im Wahn befindlichen Menschen, der anderen ihren Wahn vor Augen führen wollte und sich anmaß, kategorisch etwas über die Wahrheit an sich ausdrücken zu wollen.
Und dies mit tödlicher Konsequenz.
Aus welchen Gründen auch immer dieser arme Mensch hatte sterben müssen, das konkrete Motiv war nicht der einzige Aspekt, dem er in diesem ungewöhnlichen Fall seine Aufmerksamkeit würde widmen müssen.
Der Kommissar war sich sicher.
Symbolhaft denkende Intelligenz und Arroganz, das waren wichtige Aspekte im Hinblick auf den Täter, den er nun zu suchen hatte.
Ja, danach mußte er suchen.
Die Leiche war hier, an diesem Ort, mit solch einer Dramatik drapiert worden, daß sie etwas aussagen sollte.
Die Ermordung dieses Menschen war das eine, die Art der Zurschaustellung etwas anderes.
Zufrieden nickte Graciano, und es sah aus, als machte er tatsächlich eine kleine Verbeugung … als Reverenz und Dank an den Erhängten, daß sich dieser doch noch entschlossen hatte, zu ihm, dem Kommissar, zu sprechen.
Mit ihm zu sprechen und ihm etwas mitzuteilen.
Behutsam, als wolle er die Intimität der soeben stattgefundenen Konversation nicht zerstören, zog er eine kleine flache Kamera aus seinem Jackett, öffnete diese und machte genau vierundvierzig Photos.
Sie mußten sein privates Gedächtnis unterstützen und genau aus der Perspektive gemacht werden, aus der er die Szene gesehen, beobachtet und analysiert hatte.
Er machte Photos von ganz oben, vom Strick, dessen fachmännisch und korrekt gefertigtem Knoten, den Augen, dem Gesicht, vom Hals, Rücken, Bauch, Penis, den Oberschenkeln, Knien, Händen, dem Ring, den Füßen, Zehennägeln, dem Boden, den Wänden, den Fenstern, der Atmosphäre.
An dem offiziellen Phototermin, den die Leiche in etwa dreißig Minuten haben würde, wollte er nicht teilnehmen.
Die amtlichen Photos seiner Kollegen vom Team wirkten – so befand er – immer gleich, neutral, nichtssagend, eben einfach nur für die Aktenordner bestimmt.
Sie konnten in ihrer sachlich-neutralen Machart keine Hilfe bieten, wenn er das Geschehen rekonstruieren mußte.
Er mußte seine eigenen Eindrücke auf eigene Art festhalten.
Nur so konnten sie ihm das Grundgerüst für seine Assoziationen sein, wenn er sich später an diese bedeutungsvollen Augenblicke erinnern mußte, an die Momente, als er der Leiche das erste Mal begegnet war.
Man hat immer nur einmal die Gelegenheit zu einem ersten Eindruck, dachte er zufrieden.
Dankbar und erleichtert wandte er sich ab und verließ den kühlen Raum mitsamt seiner kühlen Frische und tödlichen Last.

<strong>Erste Besprechung mit dem Abt</strong><i>Kapitel 2,
in dem der Kommissar den Abt Laurentio kennenlernt und auf etwas Merkwürdiges stößt.</i>

Der Kommissar erblickte Pater Martin, der offensichtlich geduldig und schwitzend draußen gewartet hatte.
„Pater Martin“, wandte er sich an den Mönch, „bitte führen Sie mich gleich zum Abt. Und veranlassen Sie, daß meine Mitarbeiter zum Fundort geführt werden.
Sie werden in etwa fünfundvierzig Minuten vor Ort sein.“
Er klappte sein Handy auf und rief, wie er es stets nannte, seine Kavallerie an.
Diese bestand hauptsächlich aus seiner rechten Hand Piedro.
Piedro war ein ungewöhnlich jovialer, absolut verläßlicher Zuarbeiter. Ein Arbeitstier.
Er war Mitte Dreißig, schlaksig, hager, ein kettenrauchender Workaholic mit einem stets ausdauernden Blick für Details.
Er war der Kopf des Teams, er würde alles Notwendige, was die Routine betraf, veranlassen.
Was Graciano am meisten an ihm schätzte, war etwas, was es seines Wissens in keinem Kommissariat, das ihm in Italien bekannt war, gab:
Piedro sägte nicht am Stuhl seines Vorgesetzten.
Er war absolut teamfähig, hatte seine Augen überall, ein Einzelgänger und Junggeselle, seitdem Graciano ihn kannte.
Ein durch und durch asketisch wirkender, trockener, sinnlichen Reizen abgeneigter, hagerer Mensch.
Das hatte den Nachteil, daß man mit ihm weder über Frauen reden noch zotige Witze machen konnte.
Ob er überhaupt irgendeine Art von lautem Humor besaß, konnte selbst der Kommissar trotz seiner manchmal ans Übersinnliche grenzenden feinen Spürnase nicht herausfinden.
Piedros Gesicht trug stets den angeschraubten Ausdruck von angespannter, intensiver, fokussierter Konzentration.
Die homogene, gelbliche, kränklich wirkende Haut war nur von seinen scharfen Gesichtslinien durchbrochen.
Er nahm seine Position im Rudel – wie der Kommissar oft stolz sein kleines Team nannte –, nämlich die rechte Hand des Chefs zu sein, vollständig ein.
Die Art, wie er das Rudel einsetzte, glich oft genug einem Roboter.
Hierbei kamen ihm seine Fokussiertheit und trockene Humorlosigkeit zugute.
Man konnte mit ihm nicht diskutieren. Eine einmal ausgesprochene Anweisung galt als unabänderliche Marschrichtung, unabänderlich starr, ähnlich den Gleisen eines Zuges.
Das war eines der Geheimnisse seiner Effektivität.
Da war auch keine Unzufriedenheit in ihm, die ihn die Karriereleiter weiter nach oben hätte treiben müssen.
Graciano sprach in sein Handy:
„Piedro, ich bin es. Wunderschönen guten Morgen“, wissend, daß es Samstag vormittag war.
„Ich habe etwas sehr Interessantes gefunden.“
Piedro erwiderte etwas uninteressiert mit seiner für ihn so typischen schnarrenden Stimme: „Und was?“
„Einen Toten, fast nackt“, beeilte sich Graciano stolz zu offenbaren.
„Fast?“ hörte man Piedros schnarrende Stimme durch das Handy.
Pater Martin – in der Sonne stehend – starrte den Kommissar fassungslos an.
Martin schwitzte sichtbar, und – wie der Kommissar bräsig feststellte – auch riechbar.
Vermutlich die Hitze.
„Ja, fast.“ Der Kommissar hatte nun seine langjährig eingeübte mechanische Geschäftsstimme aufgelegt.
„Der Tote trägt einen Ring am Finger. Und einen Strick um den Hals.“
Piedro hatte sich längst abgewöhnt, auf die zynischen Witze seines Chefs einzugehen oder ihm die Freude zu bereiten, sich von ihnen ärgern oder provozieren zu lassen. Zu Anfang ihrer Zusammenarbeit hatte er ihm noch regelmäßig diese kleinen Freuden bereiten können.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 434
ISBN: 978-3-99003-319-7
Erscheinungsdatum: 28.06.2011
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