Krimi & Spannung

Der Abtrünnige

Kay Wünsche

Der Abtrünnige

Die Pentarchie-Verschwörung

Leseprobe:

„Wir haben 1945 angefangen,
uns den Globus zu erobern.
Die NATO wurde nicht eingerichtet,
um die armen Europäer vor den Russen zu schützen,
sondern um die totale Kontrolle
über Westeuropa zu erlangen.“

Der US-Präsidentschaftskandidat Al Gore
am 03. 01. 1999 in der „Berliner Zeitung“




Die Verschwörung

Gibt es eine unsichtbare Kraft, die die Welt lenkt? Eine Kraft, die jenseits staatlicher Kontrolle den Erhalt der Friedensordnung von 1945 sichert – die Pentarchie zwischen den Großmächten? Keinem Staat, auch nicht den USA, ist es bisher gelungen, dieses Gleichgewicht der Kräfte zu ihren Gunsten zu durchbrechen. Immer, wenn sich das Zünglein an der Waage der Macht zu sehr in eine Richtung verschoben hatte, zwangen ökonomische Krisen, politische Unruhen, Kriege oder Skandale den jeweiligen Staaten auf, ihren Fokus darauf zu verschieben. Nach kurzer Zeit war das Machtgefüge wieder im Lot.
Bei wie vielen Ereignissen gibt es jenseits der offiziellen Wahrheit auch die Möglichkeit, dass jemand, wer auch immer das war, „nachgeholfen“ hatte – die Ereignisse initiiert, verstärkt oder ausgenutzt hatte?
In diesem Buch wird es der Phantasie des Lesers überlassen, manche dieser Ereignisse mit anderen Augen zu sehen.

Dieser Thriller beschreibt reale Orte, Organisationen und Behörden und benutzt Namen von Personen der Zeitgeschichte. Der politische Rahmen der Geschichte entspringt zum großen Teil der Realität, das Handeln konkreter Personen ist jedoch ausschließlich der Phantasie des Autors entsprungen und es bleibt dem Leser überlassen, ob die Ereignisse im Buch Schnittstellen mit der Wirklichkeit aufweisen.




Prolog

Die Welt war in der Zeit seit 2006 keinesfalls friedlicher geworden. Insofern schien innerhalb der Dumbarton-Oaks-Organisation (DOO) eine gewisse Unbekümmertheit vorzuherrschen. Die Organisation hatte sich 1944 am Rande der Gründung der Vereinten Nationen zusammengefunden und seither über sechzig Jahre dafür gesorgt, dass das Kräftegleichgewicht zwischen den Großmächten USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich stabil blieb. Immer, wenn eine Verschiebung des Gleichgewichts zu drohen schien, griff die DOO ein. Kein politischer Mord, keine finanzielle Transaktion, keine Hilfslieferung und keine Verweigerung einer solchen blieb ohne Kalkül der Organisation, die inzwischen ein Netz unabhängiger Zellen unterhielt und doch keinen Kopf hatte. Gerade die Selbstständigkeit der Zellen, deren sternförmiges Organigramm ein Überleben der Gesamtorganisation garantierte, war der entscheidende Pluspunkt, um sich der Verfolgung durch Behörden verschiedenster Länder zu entziehen. Die DOO unterhielt unabhängig voneinander eine Armee verschieden ausgebildeter Söldner, die dann tätig wurden, wenn das internationale Gleichgewicht zu kippen drohte. Vom Computerspezialisten, der ganze Wirtschaftszweige für eine gewisse Zeit lahmlegen konnte, wenn es nötig war, über Börsenprofis, Klimaforscher und Ärzte bis hin zum Auftragskiller waren Personen an die DOO gebunden worden, deren eigenes Schicksal davon abhing, wie sehr sie sich für die Organisation engagierten. Vor Menschen, die aus einer wie auch immer gearteten Sünde heraus der Strafverfolgung einzelner Länder unterlagen, hatte man ein kaum auszuschlagendes Angebot ausgebreitet.
So blieb bestehen, dass die DOO Einfluss auf die Geschicke der Welt behielt und kleinere Korrekturen vornehmen konnte.
Nachdem es ohne Weiteres gelungen war, die schier übermächtigen Vereinigten Staaten an einen jahrelangen Krieg gegen den Terror zu binden und so für eine ganze Weile wirtschaftlich zu schwächen, mussten nunmehr auch die Emporkömmlinge auf der Bühne der Großen Acht in die Schranken gewiesen werden. Während die Wirtschaft der USA unter den Anstrengungen des Krieges ächzte, kam es darauf an, die Macht der anderen Staaten nicht ausufern zu lassen. Welche Gelegenheit bot sich besser, als eine hausgemachte Immobilienkrise in den USA weltweit wirken zu lassen und so auch einer rohstoffunabhängigen Macht wie Russland die Grenzen zu zeigen? Wie einfach es war, ganze nationale Kreditsysteme ins Wanken zu bringen, zeigte sich beim Zusammenbruch der Bank Lehman Brothers. Ein Mitarbeiter in der deutschen Finanzaufsicht, der trotz drohender Pleite noch Millionenbeträge überwies und sie somit verbrannte, reichte, um eine öffentliche Hysterie ins Rollen zu bringen, die alles noch schlimmer machte, als es war. Das Misstrauen der Finanzjongleure untereinander wuchs derart, dass kaum ein großes Finanzunternehmen ohne massive Eingriffe der Staaten auskam. Die Medien waren monatelang durch eine eigens aufgebauschte Pandemiewarnung der WHO zur Schweinegrippe vom Recherchieren abgehalten worden, als die Finanzkrise viele Bürger aus dem Nichts traf. Auch dem „Messias“, dem neuen Präsidenten der USA, dem man 2009 nach einigen beeindruckenden Reden vor der Weltöffentlichkeit höchste Anerkennung zollte und somit gehörigen Handlungs- und Erfolgsdruck verschaffte, war nicht bekannt, welches gewaltige Ablenkungsmanöver die DOO vorbereitet hatte, um den bisher größten Coup ihrer Geschichte zu landen. Einem handlungsfordernden amerikanischen Präsidenten musste eine Phalanx von Bündnispartnern an die Seite gestellt werden, deren innere Konfliktherde so am Köcheln gehalten wurden, dass außenpolitisch wenig herauskam. Ob ein vom russischen Regierungschef und Ex-Präsidenten Pawlow gesteuerter Präsident Malenkow, eine deutsche Kanzlerin, deren ums politische Überleben kämpfende Koalitionspartner permanenten innenpolitischen Ärger machten, ein französischer Staatspräsident, dessen Gattin einer Marie Antoinette zu gleichen schien, ein zu selbstbewusster polnischer Staatspräsident, der einem Flugzeugabsturz zum Opfer fiel oder ein China, das erst einmal die Olympischen Spiele und so den Einfluss der Weltöffentlichkeit sowie den Empfang des Dalai Lama in Berlin und Washington zu verdauen hatte – alle hatten zu wenig Zeit, sich um den Dauerbrandherd der Welt zu kümmern, von dessen Lösung auch das Schicksal der Beziehungen der Christenheit zum Islam abhängig sein würde: Israel und Palästina.
Die Medien waren gefüllt von Birma, Pakistan, Afghanistan, dem Weltklima, der Wirtschaftskrise, Waldbränden, der Fußball-Welt- und Europameisterschaften – und nur selten wurde der Fokus wieder mehr auf den Palästinakonflikt gelenkt, zum Beispiel, als Israel beschlossen hatte, ein internationales Hilfsschiff mit Gewalt an der Weiterreise nach Gaza zu hindern, oder als es die Tunnel in Gaza sprengte. Wer konnte ahnen, dass dahinter ein Komplott der DOO steckte, das es möglich machte, auch die bis dahin liberale Türkei auf die Seite derer zu zwingen, die den Druck auf Israel verstärkten? Die Hinrichtung Osama bin Ladens, die arabischen Revolutionen – von Nordafrika bis auf die arabische Halbinsel – waren eine willkommene Kulisse, um die Konzentration der Weltöffentlichkeit genügend abzulenken. Einzig die japanische Tragödie um den Tsunami 2011 und die Reaktorkatastrophe von Fukushima waren nicht geplant – wenn auch willkommen in den Augen der DOO. Probleme bereitete die iranische Atomforschung, der es nach langen Jahren geheimen Geschachers gelungen war, sowohl Technologie als auch waffenfähiges Material miteinander zu kombinieren. Die Drohgebärden Israels hingegen, die aus purem Existenzialismus abschrecken wollten, wurden immer stärker mit einem diffusen Gemisch aus latentem Antisemitismus und lauter werdender Israelkritik kommentiert, sodass die eine oder andere Karriere in Politik oder Wirtschaft abrupt beendet werden musste. Das Fortschreiten des politischen Islamismus und die Unfähigkeit des Westens, die Gesetze der Toleranz gegen die Intoleranten zu verteidigen, rundeten den akuten Handlungsbedarf ab, wollte man verhindern, dass der Konflikt in Vorderasien auf den Straßen Europas ausgetragen werden würde.



1.
Sommer, Gambell, St. Lawrence Island, Beringsee

Leon fror schon lange nicht mehr. Obwohl die Temperaturen in diesem Sommer die Zehn-Grad-Marke kaum überschritten hatten und wieder ein Winter bevorstand, dessen Rauigkeit sich langsam ankündigte, fror er nicht mehr. Nur noch ganz selten brachen Erinnerungen auf, die die Wärme Afrikas auf ihn zu übertragen schienen. Jedoch wollte und konnte Leon inzwischen verdrängen – eine Einfahrt in die lange Straße des Vergessens.
Auch dieser unwirtliche Ort war scheinbar vergessen – von der Welt, von den internationalen Behörden, von geliebten und gehassten Menschen. Seit er hier vor vielen Jahren in einer Nacht-und-Nebel-Aktion „geparkt“ worden war, schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Es fühlte sich an, als wären seine Gedanken erloschen. Das Rauschen des eisigen Meeres verwandelte sich in eine Art yogisches Ommmmh einen magischen Ur-Ton, der das Denken aussetzen ließ. Anfangs wartete Leon darauf, abberufen zu werden – zu irgendeinem Job irgendwo auf der Welt, wie er ihn so viele Male ausgeführt hatte. Das Töten hatte ihm nie etwas ausgemacht – jedenfalls nicht, bis ihm Darija über den Weg gelaufen war. Obwohl er sich damals in den Alpen geschworen hatte, seinen Beruf an den Nagel zu hängen, wäre er im ersten Jahr seiner Isolation zu jedem Punkt der Erde aufgebrochen, auch, um jemanden umzubringen, nur, um von hier wegzukommen. Nun war Leon schon so lange Jahre hier auf dieser unwirtlichen Insel, nachdem die DOO ihn zunächst tief im Innern Alaskas der Beobachtung entzogen hatte. Als nach knapp zwei Jahren zwei Pick-ups vorgefahren waren und Leon ohne längere Erklärung abgeholt hatten, hatte er angenommen, dass die Zeit des Exils vorbei wäre und nun ein Comeback bevorstände. Aber die Organisation ließ ihn warten und verfrachtete ihn nach einer ewig dauernden Reise westwärts in eine noch größere Einöde, auf eine eisige Insel inmitten der Beringsee.
Von Anfang an stand Leon unter der freundlichen Beobachtung seines neuen Arbeitgebers Professor Boris Belowni, der im Auftrag eines russisch-amerikanischen „Konsortiums zur Erforschung der Beringsee“ (BSSP) Untersuchungen im vorgelagerten Meer betrieb. Belowni hatte die Siebzig schon eine ganze Weile hinter sich gelassen, schien aber eine Ausgeburt von Vitalität zu sein. Selbst im Winter, bei Temperaturen unter minus zwanzig Grad, lief er morgens eine kleine Runde vor seinem Container, um sich dann im Schnee zu wälzen.
Die Forschungsstation in Gambell, im äußersten Nordwesten der zu Alaska gehörenden Insel St. Lawrence, war durch ein Agreement zwischen den Ureinwohnern und dem Konsortium zustande gekommen, das den einen eine Reihe Arbeitsplätze und guten Lohn verschafft hatte und den anderen nahezu ungestörte Forschungen. Die Insel lag kaum vierzig Meilen vom sibirischen Festland entfernt, und an guten Tagen konnte Leon die andere Küste sehen. Auch vermochte er jeden neuen Tag kommen zu sehen, wie ihm die Yup’ik Eskimos beigebracht hatten – Gambell lag nur neunzehn Meilen von der Datumsgrenze entfernt. Obwohl hier kaum fünfhundert Menschen wohnten und bis auf Reethas Geschäft, in dem es Dinge für den alltäglichen Bedarf gab, kaum öffentliche Einrichtungen für Zerstreuung sorgten, schienen die Menschen zufrieden. Sie lebten vom Meer, ohne es nachhaltig zu schädigen. Mit großem Respekt gingen sie auf Walfang, und kehrten sie erfolgreich und ohne Verletzte zurück, wurden Feste gefeiert und der Seelen der großen Säuger gedacht. Der einzige Makel an dieser Verhaltensweise war wohl der riesige Friedhof für die erlegten Wale und Seebären, deren Knochen vor sich hin stanken und bei schlechtem Wind eine erhebliche Belästigung darstellten.
Das Highlight des Gemeinschaftslebens war das jährliche Schlittenhunderennen, das mitten im Winter stattfand. Seit einigen Jahren witzelten die Yup’ik, Alaska sei eine Region, in der Männer noch Männer sein konnten, aber die Frauen die Schlittenrennen gewannen. Auch die Anwesenheit von Fremden war kein Problem – man hatte sich an Besucher gewöhnt, die von hier aus auf die Jagd gehen wollten. Besonders die großzügigen Mittel, die seitens des Konsortiums flossen, schienen in der Siedlung einen Wohlstand auszulösen, der die Beschaffung von Schneemobilen für den Winter und ATVs für den Sommer mit sich brachte. Selbst Kinder fuhren in den wenigen warmen Monaten auf diesen vierrädrigen Crossmobilen auf der Insel umher – eine Altersbeschränkung oder eine Führerscheinpflicht gab es nicht.
Jegliche Flucht von hier schien für Leon ausgeschlossen, denn die Beringsee bot kaum ruhige Zeiten, die Küstenwachen beider Supermächte patrouillierten an guten Tagen sichtbar und kompakt – an schlechten Tagen schienen nicht einmal die schweren Kriegsschiffe der See zu trotzen. Man musste sich selbst im Sommer davor hüten, ins Wasser zu fallen, denn egal was man für Kleidung trug, innerhalb weniger Minuten würde man den Tod finden.
Während der Professor mit seinem Kutter nahezu unbehelligt von Gambell aus ein- und auslaufen konnte, wurde der eine oder andere der Eskimos bei der Jagd im Meer zurückgeschickt, wenn er bestimmte Zonen verließ. Bei Belowni schien das anders zu sein. Kaum näherte sich ein Kriegsschiff der einen oder anderen Seite, winkte der weißhaarige Forscher aus der Kapitänskajüte und schon drehte das Militär ab. Während Leon in den ersten Jahren kaum ein Wort außerhalb seiner Tätigkeit mit Belowni gewechselt hatte – Leon war für das Ausbringen und Einholen diverser Messinstrumente auf hoher See verantwortlich – schien nun eine simple Fußverstauchung des Professors eine Änderung der allgemeinen Gemütslage mit sich zu bringen. Tatsächlich vermochte die Ruhe dem alten Mann eher zuzusetzen als jede Form körperlicher Anstrengung im Freien. Als sich nach einigen Tagen bei Belowni eine ziemlich schwere Lungenentzündung einstellte, begann er zu reden. Zunächst war Leon alles andere als begeistert, die schwere Arbeit auf der Station allein machen zu müssen, aber als die Schiffe der Küstenwache den Kutter ebenso unbehelligt ließen, als wäre der Professor an Bord, kam ihm die Idee für die Flucht aus seiner Gefangenschaft.
Leon plante. Darin war er gut. Auf einmal schien das Fieber des bevorstehenden Abenteuers wieder genügend Adrenalin in seinen Körper zu pumpen. Er würde Kontakt mit der Außenwelt aufnehmen müssen. Das war zwar technisch kein Problem, denn die Station verfügte über alle Kommunikationsmittel, die man sich wünschen konnte, allerdings durfte die „Organisation“ nicht aufgeschreckt werden. Also musste er den Professor dazu bringen, Kontakt mit der russischen Seite zu suchen – Leon würde sich einfach dranhängen. Da er vermutete, dass Belowni keiner besonderen Bewachung bedurfte, schien es einfach, ihn davon zu überzeugen, eine Mail an eine unverfängliche Adresse zu senden.
Während Leon die neuen Messdaten in eine Tabelle übertrug und an das Konsortium sendete, versuchte er über den Account des Professors eine Nachricht zu verschicken. Obwohl er alle möglichen Tricks ausprobiert hatte, um die Sperre im System zu umgehen, bekam er immer wieder die Meldung, dass die Mail nicht gesendet werden konnte. Leon war am Verzweifeln. Man kam ins Internet – an jeden Punkt der Welt – aber wenn man Kontakt aufnehmen wollte, sperrte sich der Account. Die einzige Eintrittskarte in die Welt schien das Konsortium zu sein. Leon fluchte wohl zu laut, sodass Belowni aus seinem Schlaf erwachte und in seiner Muttersprache zu reden begann. Für Leon war es einfach, ihn zu verstehen, schließlich hatte er mehrere Jahre in tschetschenischen Diensten verbracht und das Russische war ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Allerdings wunderte sich Leon schon, denn Belowni hatte bisher nur englisch gesprochen. Es schien schlecht um ihn zu stehen. Leon brachte Tee an sein Bett und ein Antibiotikum, das den Professor wieder auf die Beine bringen sollte. Als Leon mit ihm auf Russisch sprach, schlug Belowni seine fiebernden Augen auf. Ein gequältes Lächeln formte seinen Mund zu einer Fratze, die ihn in Leons Augen jedoch liebenswürdig erscheinen ließ.
„Versuche nicht, von hier wegzukommen, mein Junge“, ächzte der Professor. „Ich habe es vor einigen Jahren auch versucht und sie haben mich wieder hierher zurückgeschickt.“
„Professor, ich verstehe nicht …“ Leon druckste herum, überrascht, erwischt worden zu sein.
„Mein Junge, ich weiß, warum du hier bist.“ Belowni versuchte, sich im Bett aufzusetzen und wurde durch einen heftigen Hustenanfall wieder zurückgeworfen. Als dieser vorüber war, griff der Professor Leons Arm.
„Ich habe genauso ein Leben geführt wie du. Als ich jung war, schien die Welt zu klein für mich. Man schickte mich herum und ich habe getan, was man von mir verlangte.“ Belowni hatte Mühe mit dem Sprechen, schien aber klaren Verstandes. Leon verstand zunächst nicht, worauf der Professor hinauswollte, fühlte jedoch eine plötzliche Vertrautheit, die ihn innehalten und zuhören ließ.
„Mein Junge“, fuhr Belowni fort, „es ist alles andere als klar, ob ich diese Seuche hier überleben werde. Eines solltest du wissen: Wenn du von hier verschwinden willst, brauchst du die Organisation. Sie ist mächtiger als alle internationalen Behörden zusammen. Sie hat alle Geheimdienste, alle Regierungen, alle internationalen Organisationen unterwandert. Sie scheint unsichtbar und doch spürst du sie jeden Tag.“
„Weswegen sind Sie bei denen in Ungnade gefallen?“, wollte Leon wissen, obwohl er sich noch immer nicht vorstellen konnte, dass Belowni eine ähnliche Karriere wie er selbst hingelegt haben wollte.
„Später, mein Junge, später. Aber nun setz dich bitte zu mir, die Geschichte könnte länger dauern.“
Leon, dem nun erst bewusst wurde, dass er die ganze Zeit heruntergebeugt vor dem Lager des Professors gestanden hatte, zog einen Stuhl heran und setzte sich.
„Als ich etwa so alt war wie du“, begann Belowni, „oder vielleicht ein paar Jahre älter, war ich Kampfpilot bei den Luftstreitkräften der Sowjetunion im Militärdistrikt Fernost. Ich hieß damals Gennadi Romanowitsch Besowski. Als 1983 ein koreanisches Verkehrsflugzeug in den Luftraum der Sowjetunion eindrang, bekam ich den Auftrag es abzufangen. Ich flog damals in einer Staffel sehr moderner SU-15 Abfangjäger. Die Situation im Kalten Krieg war 1983 ziemlich verfahren. Die NATO hatte begonnen, Westeuropa mit Mittelstreckenwaffen zuzustellen und uns ging langsam das Geld aus. Um Stärke zu beweisen, nutzte die Administration unter dem ehemaligen Geheimdienstchef Andropow jede Gelegenheit. Obwohl wir sahen, dass der koreanische Jumbo offenbar Schwierigkeiten hatte, bekamen wir Order, alle seine Manöver als feindlichen Akt zu bewerten. Trotz der etwa zweihundert Warnschüsse, die die Koreaner aber nicht sehen konnten, weil wir, im Gegensatz zu den Angaben des sowjetischen Verteidigungsministeriums, keine Leuchtspur verwendet hatten, behielt die Maschine Kurs. Ich schoss die Maschine daraufhin über der Insel Sachalin ab. Alle 269 Passagiere starben. Damit bei der folgenden Untersuchung keine Pannen passierten, wurde ich aus dem Verkehr gezogen, mit Wohnung, Geld und Frauen überhäuft und zum Studium der Meeresbiologie gedrängt, was, zugegebenermaßen, ein lang ersehnter Wunsch meinerseits war. Als nun aber 1985 mit Gorbatschow die Wende in Bezug auf Öffentlichkeitsarbeit kam, stellten Journalisten der Izvestia Fragen, deren Beantwortung einigen Militärs Kopfschmerzen bereitet hätten. Ich sollte das Bauernopfer werden und bekam schnell mit, dass man mich als gewissenlosen Rambo darstellen und damit den Fall abschließen wollte. Kurz nach meiner Verhaftung stellte mir ein Zivilist die Frage, ob ich gern weiter studieren wolle und ob ich bereit wäre, dafür einer Organisation zu helfen, die mein Fortkommen unterstützen würde. Verzweifelt, wie ich war, ging ich, ohne großartig nachzufragen, darauf ein. Von nun an trug ich den Namen Boris Belowni. Lange Zeit geschah nichts. Ich studierte zu Ende und bekam jeden Monat eine stattliche Anzahl Rubel auf mein Konto überwiesen. Man förderte meine Promotion und lancierte wahrscheinlich meine Professur in Moskau und meine wissenschaftliche Karriere. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde ich für ein russisch-amerikanisches Unternehmen geworben, das den Einfluss der Weltmeere auf den Klimawandel untersuchte. Und plötzlich tauchten sie wieder auf. Ich hatte wegen meiner wissenschaftlichen Erfolge schon fast verdrängt, auf welchen Deal ich mich damals eingelassen hatte – das Konsortium bestellte mich in die Zentrale und wollte mit mir über die Daten und Messwerte reden, die meinen Untersuchungen entsprungen waren. Als ich, immer noch nichts ahnend, meine Werte verteidigte, machte man mir klar, dass keine wissenschaftliche Auszeichnung der Welt und kein noch so großes internationales Renommee helfen würde, käme die wahrhaftige Geschichte des Nobelpreisträgers Belowni zum Vorschein. Von nun an lieferte ich Daten, die frisiert waren. Die Welt wurde langsam dafür reif gemacht, dass der Klimawandel bevorstehen und jede Menge Maßnahmen nach sich ziehen würde.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 436
ISBN: 978-3-99048-164-6
Erscheinungsdatum: 24.08.2015
EUR 15,90
EUR 9,99

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