Krimi & Spannung

Das letzte Fallbeil

John Dompey

Das letzte Fallbeil

Leseprobe:

Einleitung

Das 19. Jahrhundert war geprägt von Industrialisierung, Gewerkschaften, Revolutionen, Kinderarbeit und Fortschritt in allen Bereichen sowie Königtum und Kaisertreue, aber auch Armut und Krankheit. Die Menschen versuchten von den Fortschritten zu profitieren und ihr Leben in angenehmere Bahnen zu lenken. Die Familien wollten selbst bestimmen, wie die Zukunft zu gestalten ist. Dazu fehlten jedoch auch die geldlichen Mittel. So war die Arbeitszeit selten unter zehn Stunden pro Tag. Auch die Kinder mussten sich diesem Rhythmus anpassen, wollten sie überleben.
Die Erziehung oblag in der Regel den Eltern. Sie wurde jedoch von der Obrigkeit mit beeinflusst. Die Lehrer und Pfarrer taten ihr Übriges dazu, dass die Kinder streng erzogen wurden. Backpfeifen und Stockhiebe waren an der Tagesordnung. So ist auch verständlich, dass die Kinder sich zu wehren begannen. Die Erziehungsmethoden waren alles andere als gut. Wohlgemerkt nach unserer heutigen Auffassung. Die Eltern waren froh ihre Kinder für ein paar Stunden in vermeintlicher Obhut zu wissen, wenn sie in der Schule waren. Hausaufgabenbetreuung kannte man nicht. Alles hing an den Eltern, vorzugsweise an der Mutter. Hin und wieder gaben die älteren Kinder den jüngeren Geschwistern Hilfestellung und ihr Wissen weiter.
Der Kindersegen war überwiegend groß. Meistens waren es sechs bis zwölf Kinder in der Familie. Die Kindersterblichkeit war im Vergleich zu heute – 2015 – um ein Vielfaches höher. Waren die Eltern gut situiert, sprich hatten sie einigermaßen ein Auskommen, dann hatten die Kinder eine bessere Zukunft. Hatten die Eltern keine Zeit, sich um das Wohl der Kinder zu kümmern, blieb es diesen überlassen, wie sie die Schulzeit meisterten. Intelligente Kinder konnten sich auch in dieser Zeit früher oder später durchsetzen.
Das Handwerk und die Industrie benötigten zunehmend Arbeitskräfte. So war dies auch auf der rauen Schwäbischen Alb. Die Menschen dort mussten sich mehr anstrengen als im Flachland und Neckartal. Der Boden war karg und steinig. Die Bauern investierten mehr Energie in den Broterwerb als anderswo. So war auch zu verstehen, dass die „Älbler“ in ihrer Art und im Zusammenleben mit anderen Menschen eher zurückhaltend, knorrig und hart waren. Sie waren von der Außenwelt, sagen wir im Umkreis von zwanzig Kilometern, isoliert. Die Verbindungen wurden nur per pedes oder mit Pferden zurückgelegt.
Es wehte immer ein rauer Wind. Im Winter war es lange kalt. Eben einen „Kittel“ kälter als im Neckartal. So haben sich die Kinder schon in früher Jugend mit dieser Wirklichkeit angefreundet und sie auch zu bewältigen versucht. Nicht immer gelang dies. Der karge Boden ernährte nicht alle. Abwanderungen in andere Gebiete fanden statt. Kinder wurden zur Arbeit angehalten. Wo blieben da das Erlernen der Sprache, das Schreiben oder Rechnen? Die große Kinderschar wollte versorgt sein. So war es auch bei unserem Hans Georg III., dessen Geschichte hier beginnt.

Die Namen der beteiligten Personen und Orte sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten sind rein zufällig.
Alle Rechte beim Verfasser, Nachdruck, Kopieren verboten.


Vorgeschichte

Es war Ende Februar 1808. Die Kirchenglocken in Grabenstetten läuteten zum letzten Gang für Hans Georg II. Geboren wurde er in Owen im Jahr 1767 als Sohn von Hans Georg I., welcher vierunddreißig Jahre lang, von 1764 bis 1798, an diesem Ort Schultheiß war. Dieser Hans Georg I. heiratete im Oktober 1755 eine Bürgerstochter aus demselben Ort. Es war seine Anna, geborene Maier. Die Ehe war mit neun Kindern gesegnet. Sechs Kinder starben schon in jungen Jahren. So verblieben zwei Mädchen und ein Knabe. Anna, geboren 1760, und Erna Maria, geboren 1762. Und eben unser Hans Georg II. als einziger männlicher Nachkomme. Er wird heute zu Grabe getragen.

Seine Eltern starben im Mai 1799 innerhalb einer Woche. Georg II. war seit 1792 mit einer Müllerstochter verheiratet. Ihr Name war Irma Josepha. Die vierzehnte Generation von H. Georg drohte auszusterben. Seit sechshundert Jahren waren immer männliche Nachkommen in der Familie und hatten so für einen langen Stammbaum gesorgt. Weil Irma Josepha aber neun Jahre lang keine Kinder bekam – oder wollte sie keine? –, drohte eben dieser Stammbaum auszusterben.
Starben die Eltern von H. Georg II. deshalb aus Gram? Alle Generationen zuvor hatten immer für genügend Nachwuchs gesorgt. An H. Georg II. lag es nicht, wie wir noch feststellen werden.
Die Verwandten und Bürger von Owen, Grabenstetten und den umliegenden Gemeinden wollten dem einzigen Sohn ihres ehemaligen Bürgermeisters die letzte Ehre erweisen und ihn bei seinem letzten Gang begleiten. War jeder Anwesende der Trauergemeinde reinen Gewissens? Oder war es nur Neugierde?
Was auch immer die Leute bewog, hier zu erscheinen, auf die Worte des Pfarrers und seine Predigt waren sie gespannt.

Seine Predigten in der Kirche, auch bei Beerdigungen, waren immer mit den aktuellsten Nachrichten versehen. Er war stets informiert. Das heißt auch, er bohrte so lange mit Fragen, bis er alles aus den Mitmenschen, sagen wir, herausgequetscht hatte. So war er in der ganzen Gegend als lebendes Lexikon bekannt. Man konnte nicht sagen, dass er ein Beichtvater war. Er war kein „Batschweib“. Auf Hochdeutsch: „Redet über alles und jeden und hört nicht auf.“ Er war auch manchmal humorvoll. Bei Kindern war er beliebt. Mit den Frauen hatte er so seine Probleme. Er war nicht verheiratet, saß auch jeden Sonntagabend im Wirtshaus am Stammtisch. Er war eben ein „Älbler“ geworden, denn er stammte aus dem Norden, nördlich vom Main. Seit über zwanzig Jahren war er jetzt in Grabenstetten.

Der Pfarrer hatte Hans, wie dieser üblicherweise genannt wurde, in seiner letzten Stunde beigestanden und das Abendmahl gereicht. Seinen Sohn H. Georg III., er war der Dritte in Folge mit den gleichen Vornamen, nannte man Georg.
So versammelte sich eine große Schar schwarz gekleideter Menschen vor dem Haus Nr. 4 in der Stichstraße. Es war das Haus von Anna, die Max Lindner geheiratet hatte. Acht Kinder waren bei ihnen aufgewachsen.
Der Leichenwagen mit den zwei Pferden kam die Straße hochgefahren und machte vor dem Haus halt. Die Pferde und der Wagen waren mit Trauerflor behangen und standen bereit den Leichnam von Hans aufzunehmen. Es war kurz vor 14 Uhr.

In der Stube von Annas Haus war Hans aufgebahrt. Die engsten Verwandten standen mit dem Pfarrer und dem siebenjährigen Sohn Georg um den Sarg. Der Junge hatte seinen Vater zuletzt vor Weihnachten, es war das Jahr 1806, besucht. Damals holte ihn seine Tante Anna in Brucken mit dem Pferdefuhrwerk ab. Am Abend brachte sie ihn auch wieder nach Hause. Allzu oft fand diese Begegnung nicht statt. Der Grund hierfür war, dass seine Eltern im Dezember 1803 geschieden wurden. Georg war damals zweieinhalb Jahre alt. Seit dieser Zeit wohnte er mit seiner Mutter in Brucken. Die Wegstrecke von dort nach Grabenstetten ist einfach gemessen, auf der Landstraße, circa siebzehn Kilometer lang. Für ein Kind zu beschwerlich, diese Strecke zu Fuß zurückzulegen.

In der Stube um den Leichnam war es dunkel. Am Kopfende von Hans brannten zwei Kerzen. Sie beleuchteten sein Gesicht. Es wirkte fahl und eingefallen. Alle warteten auf den Glockenschlag der nahen Kirchturmuhr. Sechs Mal wurde er vernommen, vier Mal für die volle Stunde und zwei Mal für die Uhrzeit, dann verstummte das Gemurmel der Leute.

So sprach der Pfarrer das Vaterunser, segnete Hans und gab dem Jungen ein Zeichen. Dieser ging zu seinem Vater. Er legte seine Hand auf seine Stirn und begann zu weinen. Danach verabschiedete er sich mit den Worten: „Lieber Papa.“ Er wollte noch mehr sagen, aber seine Stimme versagte. Und dann entfernte er sich weinend aus der Stube. Er ging zu seiner Mutter, die vor dem Haus auf ihn wartete. In ihrer Begleitung war Emil Schön. Dieser wurde 1804 ihr zweiter Ehemann und somit auch Stiefvater von Georg.

Der Schreiner hob den Sargdeckel auf und verschloss den Sarg. Vier Träger trugen Hans unter Wehklagen der Frauen aus dem Haus und schoben ihn auf den Leichenwagen. Pfarrer Kurz geleitete den Verstorbenen aus dem Haus, stellte sich zu dem Knaben und legte seinen Arm um dessen Schultern.

Der Leichenchor hatte schon ein Lied angestimmt. Sie sangen: „So nimm denn meine Hände und führe mich.“ Klein Georg stand mit Tränen in den Augen an der Hauswand und hielt die Hand seiner Mutter Irma Josepha geborene Suss. Diese stammte aus Strohweiler. Nebenan aufgereiht standen Georgs Tanten Anna und Erna Maria mit ihren Kindern. Kränze wurden am Leichenwagen an den dafür vorgesehenen Stellen angebracht. Einige wurden auf den Sarg gelegt.

Dann tippte der Kutscher, der die ganze Zeit regungslos auf dem Leichenwagen saß, mit seiner Peitsche leicht auf das Hinterteil des Lenkpferdes. Als wüssten die Pferde um die Fracht auf dem Wagen, setzten sie sich ruhig in Bewegung. Die Leute folgten stillschweigend und stumm. Nur das Knirschen im Schnee war zu hören, das von den Kirchenglocken seltsam übertönt wurde. Der Trauerzug bewegte sich langsam zum Friedhof hin.

Es gab noch ein Ereignis, das für Aufsehen sorgte. Einen Tag nach dem Tod von Hans starb sein Sohn Gregor am 14. Februar in Brucken. Dieser war am 2.2.1804 geboren und nur vier Jahre alt geworden. Ein tragisches Ereignis, der Tod von Vater und Sohn innerhalb eines Tages. Es berührte alle Menschen in dieser Gegend.

Der Pfarrer ging direkt hinter dem Sarg mit dem Buben Georg. Die beiden Tanten und die große Schar der Verwandten des Verstorbenen folgten in gemessenen Schritten und Abstand. Allen voran die geschiedene Frau des Verstorbenen: Irma Josepha, Tochter des mittleren Müllers aus Strohweiler. (Es gab zu dieser Zeit an diesem Ort drei Mühlen.) Sie war die Mutter von Gregor und Georg. Mit Hans hatte sie nur diese zwei Kinder. Von ihrem zweiten Mann, Emil Schön, wurde sie gestützt. Sie konnte sich kaum aufrecht halten. „Warum bin ich hierhergekommen?“, dachte Irma Josepha und grübelte über die Vergangenheit nach.

***

Seit sie sich mit dem Müllersknecht Albert damals eingelassen hatte – sie war gerade mal vierzehn Jahre alt –, kam sie nicht zur Ruhe. Innerlich war sie noch immer damit beschäftigt. Es haftete in ihrem Herzen. Hans sollte diese Vergangenheit auslöschen. Deshalb hatte sie ihn geheiratet. Der Gedanke an Kinder schmerzte sie. Sie wollte keine Kinder nach dem Erlebnis von damals.
Dass ihr erstes Kind, Georg, erst nach neun Jahren der Ehe geboren wurde, war durch ihr geschicktes Taktieren möglich geworden. Sie verweigerte sich Hans des Öfteren.
Und dieser wurde im Ort auch deshalb gehänselt. So war der Ehefriede gestört.

Und wie hatte sie Hans damals bei seinem ersten Besuch in der Strohweiler Mühle willkommen geheißen? Beim Abladen der Kornsäcke? Verstecke gab es in der Mühle genug. Und Hans war auch nicht aus Holz geschnitzt. Er war ein strammer junger Mann. All dies kroch jetzt in ihr hoch. Sie musste sich zusammennehmen. Es war ein falsches Spiel von ihr. Heute wusste sie dies. Mit Hans hatte sie mehrfach versucht darüber zu reden, aber es schnürte ihr bei den ersten Worten immer die Kehle zu.

Vor zwei Tagen erst war ihr zweiter Sohn Gregor verstorben. Er lag zu Hause in Brucken und würde morgen dort beerdigt werden. Diesen Gregor hatte Hans, sein Vater, nie gesehen. Im Dezember 1803 wurde die Ehe von Hans und Irma Josepha geschieden. Ab dieser Zeit war Hans nicht mehr in Owen.

***

Das Jahr 1803 wurde für Hans ein verhängnisvolles Jahr. Es folgte eine vierjährige Leidenszeit mit epileptischen Anfällen. Anfang 1808 wurde die Krankheit plötzlich und unerwartet schlimmer. Die Ärzte konnten nicht mehr helfen. War allein die Krankheit die Ursache seines unerwarteten Todes? Und warum ist einen Tag später sein Sohn Gregor gestorben?

Erinnern wir uns an den Tod seiner Eltern innerhalb einer Woche im Jahr 1799. Und jetzt Hans und sein Gregor innerhalb eines Tages. Zufall oder wie erklärbar? Gab es einen Zusammenhang? Gar ein Verbrechen? Es ist bis heute ein Rätsel geblieben. Alle Menschen wurden in diesen Tagen zu Kriminalisten und rätselten herum. Der Hans war in Grabenstetten und sein Sohn Gregor in Brucken gestorben. So war es nicht verwunderlich, dass viele Neugierige anwesend waren. Hans selbst konnte mit dem Tod von Gregor nichts zu tun haben. Er hatte auch in seinen letzten Stunden auf dieser Welt Gregors Tod nicht mitbekommen.

Irma Josepha wollte Hans wenigstens die letzte Ehre erweisen, wenngleich ihr Verhältnis zu ihrem geschiedenen Mann seit 1802 gestört war und die Ehe dann am 8. Dezember 1803 geschieden wurde. Das gemeinsame Vermögen betrug bei der Scheidung 16’302 Gulden. Einschließlich Gebäuden und Grundstücken. Sie waren eine wohlhabende Familie.

Ein weiterer Junge stand mit seiner Mutter bei der Trauergemeinde. Sein Name war Christian Michael. Er war der uneheliche Sohn von Hans und Emma Karg aus Beuren. Sie war mehrere Jahre als Magd in den Diensten von Hans und Irma Josepha auf dem Hof in Owen. Nur drei Tage nach der Geburt von Gregor ist Christian Michael in Beuren geboren worden.

Hatte Hans es doch fertiggebracht, im Jahre 1803, fast auf den Tag genau zwei Söhne zu zeugen. Welche Motive hatte er in diesen Tagen? War er besonders empfindsam? War es Frust, aufgestauter Zorn oder einfach nur Zufall, oder gar Gewalt? Wollte Hans seine Frau kränken oder ihr die Verweigerungen der letzten Jahre heimzahlen?

***

Es war Erntezeit im Jahr 1803. Auf der rauen Alb immer circa drei Wochen später als auf den Feldern. Das Mähen, Abnehmen oder Wenden des Korns war nur mit Handarbeit zu bewältigen. Hans hatte noch keine Maschinen. Früh morgens, es war 6 Uhr, wurde das Pferdefuhrwerk angespannt und die Gerätschaften auf den Wagen aufgeladen. Der Bauer und sein Knecht Joseph Blaser, zusammen mit den Erntehelfern, setzten sich darauf, und ab ging es auf das Feld.

Die Bäuerin und die Magd Emma Karg versorgten noch das Vieh im Stall. Dann richteten sie für alle Arbeiter auf dem Feld das Vesper und die Getränke. Sprudel gab es nicht. Nur Most und mehrere Flaschen frisches Leitungswasser. Beides wurde in ein nasses Tuch eingewickelt. So war das Getränk noch frisch, bis sie auf dem Feld ankamen und Pause machten.

Die zwei Frauen waren schon eine halbe Stunde über der Zeit. Eilig machten sie sich auf den Weg. Der Bauer mochte es, wenn alle pünktlich waren. Es war heiß, und für die Gehzeit auf das Feld benötigten sie noch circa dreißig bis vierzig Minuten.
Die Frauen besprachen unterwegs den Tagesablauf. Auch so manches an Privatem wurde erzählt. Emma Karg war aber heute wortkarg. So erzählte Irma Josepha von ihrer bevorstehenden Schwangerschaft. Es war auch nicht mehr zu übersehen.

Mit scheuem Blick betrachtete die Magd Emma den Bauch ihrer Bäuerin. War schon was zu sehen? Ja, doch. Sie schaute verlegen auf ihren eigenen Bauch, ob da auch schon etwas zu bestaunen wäre: „O heilichs Blechle“, dachte sie bei sich. Die Bäuerin bemerkte den gesenkten Blick ihrer Magd und fragte unvermittelt: „Bist du etwa auch schwanger?“ Emma Karg schwieg sich eine geraume Zeit aus. Was sollte sie sagen? Die Bäuerin fragte nach. Ihre Stimme war jetzt kräftiger: „Bist du schwanger?“ Emma überlegte, und dann fasste sie sich ein Herz. Mühsam kam ein Ja aus ihrem Munde. Leise und zögerlich zwar, aber doch für die Bäuerin hörbar.

„Ja in welchem Monat bist du denn?“, wollte die Bäuerin wissen. Wieder verging geraume Zeit, bis Emma antwortete:
„Ich bin im dritten Monat schwanger“, sagte sie.
„Dann sind wir beide ja fast zur gleichen Zeit geschwängert worden. Und wer ist bei dir der Glückliche?“
Emma Karg schwieg sich erneut aus. Die Bäuerin aber wollte es zu gerne wissen und fragte wieder nach:
„Nun sag schon, ich verrate es nicht.“ Die Magd dachte, es kommt doch irgendwann heraus. Der Erzeuger wusste es selbst noch nicht. Sie hatte bisher nicht den Mut gehabt, ihm diese Botschaft mitzuteilen.
Es dauerte noch eine geraume Weile, dann antwortete sie unter Tränen: „Der Bauer.“
„Welcher Bauer? Es gibt hier am Ort einige, oder ist es einer von deinem Beuren? Emma, sag schon, ist er reich?“
„Unser Bauer, Hans Georg, ist der Vater.“
„Was?“, schrie Irma Josepha voller Zorn und warf den Korb mit Getränken auf den Boden.
„Sag das nicht noch einmal“, schrie die Bäuerin.
„Ist das wahr?“, kam es erneut aus ihrem Munde. Jedoch einen Tonfall kräftiger.
Es kam aber nur ein Nicken von der Magd.

Beide schauten sich entgeistert an, schwiegen und wandten sich schließlich voneinander ab. Die eine weinte. Die andere fluchte gotteslästerlich. Sie trennten sich, und jede ging ihres Weges, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Irma Josepha ging nach Hause, und Emma Karg nahm den Korb mit Vesper und Getränken. Sie machte sich auf den Weg ins Feld zu den hungrigen Arbeitern. Sie hatte jetzt mehr zu tragen. Mehrmals musste sie die Körbe absetzen. Zu schwer für sie in ihrem Zustand.

Die Bäuerin war auf dem Heimweg mehrmals stehen geblieben, dachte angestrengt nach, wie sie das Hans heimzahlen könnte. Ihre Ehe war ohnedies schon lange zerrüttet. Dass Hans mit der Magd Emma ein Verhältnis hatte, wurde von ihr nicht bemerkt. Wie lange ging das schon?

Auf dem Heimweg kam sie an einer Wiese vorbei. Saftiges Gras und zehn Meter weit vom Weg entfernt eine deutlich sichtbare Stelle mit blauen Blumen. Sie wusste zunächst nicht, welche Art es war, wollte es genau wissen und begab sich dorthin. Als sie angekommen war, stellte sie fest, es waren Herbstzeitlose. Nach kurzer Betrachtung sagte sie zu sich beiläufig: „Die sind ja giftig.“ Das war die Lösung. Hans bekommt von mir einen Tee heute Abend mit ganz vielen Herbstzeitlosen angesetzt. Genügend Zucker rein in den Tee, dann wollen wir mal sehen, wie er das verkraftet. Dass eine Lösung dieses Problems schon auf dem Weg war, konnte sie jetzt nicht erahnen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 134
ISBN: 978-3-95840-383-3
Erscheinungsdatum: 28.06.2017
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Herbstlektüre