Krimi & Spannung

Alte Liebe an der Havel

Richard Beitl

Alte Liebe an der Havel

Roman

Leseprobe:

Die „Alte Liebe an der Havel” ist die älteste Schiffsgastronomie Berlins und auch aktuell ein beliebtes Ausflugsziel der Großstädter. Das inmitten der Naturoase Grunewald-Unterhavel dauerhaft verankerte Restaurantschiff wird hier zum Schauplatz einer Liebesgeschichte zwischen einer jungen Künstlerin und einem jungen Deutsch-Amerikaner in den Berliner Inflationsjahren 1923-1926. Die individuelle Lebensgeschichte der Protagonisten verbindet sich dabei mit den historischen und gesellschaftspolitischen Verhältnissen bzw. dem studentischen sowie bürgerlichen Großstadtmilieu jener Jahre.
Manche der gewählten Lokalitäten wie die Wannsee-Villa führen zu Wiedererkennungseffekten, die Landschaft des Grunewalds sowie die Schönheit des Havelufers wecken bei vielen Berlinern romantische Gefühle.
Die überraschend erscheinende Aktualität des Romans liegt darin begründet, dass dem Betrachter die Mechanismen der Finanzwelt der 1920-er Jahre mit ihren Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft an interessanten Einzelschicksalen mehr als deutlich werden.

Die Sichel des wachsenden Mondes spiegelt sich kalt und klar im lang gezogenen Bett des Lietzensees im Westen der Stadt Berlin. Das schwarze Ufer säumt eine Kette von Blättern, besiegt vom ersten Herbstwind, von Nässe angezehrt fahl, staubig. Die dunkelbraunen Bänke unter den Baumgruppen sind verlassen. Tau überzieht das Holz mit dünnem Schimmer von Perlmutt, feuchtet den Staub der Parkwege, beugt die Gräser und die härteren Stängel der blauen Astern. In den Treppenhäusern der vornehmen Wohnungen gegenüber schlägt keine Tür, hallt kein Schritt, und aus den hohen Fenstern löst sich kein anderes Licht als der Reflex der Sterne und der Gaslaternen. Die Laternen weisen uns Menschen den Weg von Schwelle zu Schwelle, aber die Welt ist hell durch die Sterne.
Still ist es auch an der Ecke, wo die Anlagen auf den breiten Kaiserdamm stoßen. Mehr als zehn Minuten vergehen, bis wieder eine Taxe in rascher Fahrt vorbeirauscht, um ein paar Minuten später gemächlich Richtung der Stadt zurückzutrudeln. Der Fahrer kann sich Zeit lassen. Diese Nacht ist keine Fuhre mehr zu erwarten.
Vom Turm der Epiphaniaskirche herüber tönen in die schlafende Nacht vier helle metallische Schläge, dann abermals vier, tiefer und ernsthafter. In diesem Augenblick überschreitet ein junger Mann den Kaiserdamm, ohne rechts und links zu blicken; mit einer Hand umfasst er den über die Schulter geworfenen Mantel, die andere schwingt eine lederne Autokappe. Mitten auf der Fahrbahn dreht er sich um, winkt – oder droht er? – mit der erhobenen Rechten und ruft mit mächtiger, etwas angerauter Stimme: „Aber nicht mehr lange, du. Nicht mehr lange!“ Er lacht auf und setzt seinen Weg fort durch die Dankelmannstraße. Wo sie die Witzlebenstraße im spitzen Winkel anschneidet, lagert dunkel ein Block des Reichswirtschaftsgerichtes. Ein Schupo in blauem Mantel tritt aus dem Schatten. Er hat die Rufe gehört und lässt den Ruhestörer langsam auf sich zukommen. Der nächtliche Wanderer stutzt beim Anblick des Beamten. Jetzt geht er mit erhobener Faust auf ihn zu. Der wehrt ihn mit bloßem Blick ab. Der Schupo verzieht keine Miene, als ihm der andere etwas ins Gesicht brüllt, laut heraus gepolterte Wortbrocken, deren Sinn aus der Entfernung nicht genau zu fassen ist …
Da wir am Kaiserdamm stehen blieben¸ werden wir eines anderen Zeichens noch wachen Lebens gewahr, das vielleicht mit den Rufen und Gesten des späten Wanderers in Zusammenhang steht. Freilich, es ist etwas recht Unauffälliges und es wäre wohl der gespanntesten Aufmerksamkeit entgangen, wenn nicht unser Blick in der gleichen Sekunde über die Fensterreihe im ersten Stockwerk geglitten wäre. In einem Fenster hängen große, bunte Figuren. Zwerge, Könige, Engel und Zauberer – Gestalten aus Märchen scheinen sie darzustellen. Als es auf einmal hell geworden war im Zimmer, schleuderte jener junge Mann die Worte „Nicht mehr lange“ in die stille Nacht. Die zwei mittleren Figuren an der Fensterscheibe schoben sich auseinander und dazwischen wurde der Kopf einer Frau sichtbar, oder eher war es ein Mädchen. Das Haar fiel in dichten Locken um ein blasses Gesicht. Erst lange nachdem der Wanderer im Schatten der Häuser untergetaucht war, verschwand das spähende Gesicht, und die transparenten Figuren hinter den Scheiben glitten wieder zusammen. Der König in Hermelin und Purpur und der weiß gewandete Engel, sie pendelten ein wenig hin und her und hingen dann still wie ihre Nachbarn, Zwerg und Zauberer. Das Licht im Zimmer wurde schwächer, bald erlosch es ganz und mit ihm der farbige Schimmer der Fensterbilder.
Dieses kleine Rätsel einer Septembernacht des Jahres 1926 … Sollen wir es auf sich beruhen lassen und zu den tausend anderen kleinen und großen Rätseln schlagen, die Nacht für Nacht das Meer der Viermillionenstadt an seine Ufer spült? Fast möchte man sagen, ja. Aber wer weiß, es ist schon zuviel gesagt und es ist da einer, dem es keine Ruhe lässt. Es gibt die geborenen Rätselrater, die von Indizien angelockt werden wie die Wespen von süßen Beeren …
Wenn sie wenigstens auf der richtigen Spur wären! Von einer unwirtlichen Herbstnacht mit seltsamen Rufen und schweigenden Späherblicken ist berichtet worden. Aber sie wissen nicht, dass dieser Nacht ein Septembertag voranging, der mit seiner Himmelbläue die Augen der Menschen aufgelichtet und mit der flutenden Sonne ihre Herzen warm und reif gemacht hat wie Trauben am Rebstock. Dann gab es an diesem Tag eine rasende Autofahrt durch märkisches Land und ein jähes Ende in einem kleinen Ackerbürgerstädtchen, die Fortsetzung der Fahrt in einem Abteil der Kleinbahn Dahme-Ukro und dann des Eilzuges Dresden – Berlin, zu guter Letzt eine ausgelassene Stunde in der Weinklause der Kantstraße in Charlottenburg …
Und gäbe all das eine Erklärung des nächtlichen Vorfalls, vermöchte es zu sagen, warum ein gut aussehender junger Mann um vier Uhr in der Nacht randaliert und warum ein Mädchen mit nachdenklicher Stirn und mit Augen, von Sehnsucht, Mitleid, Dankbarkeit oder Reue verräterisch getrübt, am Fenster steht und wie gebannt auf die einsame Straße blickt?

***

Es war im Sommer 1923. Die ganze Welt lag noch in der Erschöpfung des Krieges. Kein europäischer Staat, dem die Nachwehen nicht zu schaffen gemacht hätten. Unter schlechten Aspekten war das Jahr 1922 zu Ende gegangen. Das kleine Österreich rang um sein nacktes Dasein. Den Leichnam der alten Donaumonarchie hatten sie gefleddert und aus dem Raub die Tschechoslowakei gezimmert, aber eine Wirtschaftskrise nach der anderen erschütterte auch diesen dürftigen Bau. In der neutralen Schweiz standen die Hoteliers jammernd in den menschenleeren Hallen. Italien, einer der Sieger, hatte neue Sorge an unbereinigten Grenzen, und der Wert der Lira sank langsam, aber sicher. Polen bebte unter innerpolitischen Kämpfen, während der Valutaschwund das Vermögen der kleinen Sparer aufzehrte. Das französische Volk beantwortete den bitteren Sieg mit einer sinkenden Zahl der Geburten, während die Militärlasten weiter wuchsen. In England war die Zahl der Arbeitslosen auf nahezu zwei Millionen gestiegen.
Die Redner aller Parteien nahmen sich der Dinge an, um Stimmen zu gewinnen. In den Straßen Berlins riefen schwarz-weiß-rot geränderte Plakate die „vaterlandstreuen Kreise“ in den Sportpalast. Am anderen Morgen war auf vielen dieser Plakate mit rotem Stift die Frage hingekritzelt: Wo ist das Vaterland? In der Nacht darauf nahm sich ein anderer die Zeit (oder den kleinen Nebenverdienst), die Litfasssäulen der inneren Stadt abzufahren und mit einem selbst gefertigten Stempel die Antwort hinzuzufügen: Am 23. im Sportpalast! –
Die große Halle war bis zum letzten Platz gefüllt. Die Musik – die Reste einer alten Militärkapelle – spielte flotte Märsche, tausend trampelnde Beine, tausend klatschende Hände gaben den Takt. Die Stimmung war gut. In Begleitung von sechs Männern in Uniform marschierte der Reichtagsabgeordnete Dr. Prahnke zum Rednerpult. Er ließ den stahlgefassten Zwicker fallen, drückte ihn mit harter Gebärde wieder auf die fleischige Nase und begann: „Deutsche Männer und Frauen!“ Gewaltiger Beifall schallte ihm entgegen. Die behaarte Hand in tadellosen Manschetten dämpfte den Lärm. Der Redner skizzierte mit geübten Strichen die europäische Lage und erhob dann die Stimme: „Männer und Frauen! Wenn manche dieser kontinentalen Erscheinungen als Nachwehen oder Schwäche der Genesung gedeutet werden, so liegt Deutschland in diesen Jahren völlig elend am Boden, geschüttelt vom Fieberschauer neuer furchtbarer Erkrankung. Der wehrlos gemachte Staat hat ein Defizit von 800 Milliarden ins neue Jahr geschleppt. Die Währung verfällt unaufhaltsam. Teuerung, Hunger und politische Unsicherheit halten das Volk in Schrecken. Der ausgebeutete Staat zahlt Reparationen, zahlt bis zum Weißbluten. Dann wird von vernichtungswütigen Gegnern festgestellt, er komme seinen Verpflichtungen nicht nach, und die Truppen, die das Rheinland besetzt halten, marschieren mitten im Frieden ins Ruhrgebiet. Wer Widerstand leistet, wird erschossen oder eingekerkert, Fabriksherren, kleine Beamte und Arbeiter. In diesem Monat wandte sich ein Ruf aus höchster Bedrängnis an das Weltgewissen …“
Der Redner unterbrach sich, zog eine Zeitung aus der Tasche, entfaltete sie umständlich und erklärte in sachlichem Tonfall: „Ich zitiere nicht die Kreuzzeitung, ich zitiere ein Blatt der SPD, unseres politischen Gegners: Gestützt auf das unveräußerliche Recht, die Freiheit ihrer Arbeit zu verteidigen, demonstrierten unbewaffnete Arbeiter gegen die Besetzung der Werke. Die Antwort darauf waren dreizehn Tote und eine große Zahl von Verwundeten. Alle Gräuel des Krieges leben wieder auf.“ –
In der letzten Aprilnacht klebten an allen Säulen des Berliner Nordens Plakate, die in den Saalbau Friedrichshain einluden. Die Anschläge sprangen ins Auge durch den breiten, roten Rand, aber sie waren kleiner im Format. Die Werbegelder flossen hier weniger reichlich. Am anderen Morgen trugen viele von ihnen den handschriftlichen Zusatz: Wo ist das Vaterland? Von einem blauen Stift. Der unbekannte Schreiber war offenbar bestrebt, wenigstens in Farben einen Ausgleich der Kräfte herbeizuführen. Auch am Wedding und in Pankow, zwischen Schönhauser und Großer Frankfurter, blieben die Antworten nicht aus. Sie waren nicht organisiert. Jede Handschrift war anders, auch Kinderschriften waren darunter. Es hieß da: Weeß ick nicht; oder: Preisfrage. Einer stellte fest: Flöten; ein anderer: Unbekannt verzogen. Auch „Hurra“ war auf mehreren Plakaten hinter die Frage geschrieben und öfter noch das derbe Wort, das ungefähr das Gegenteil bedeutet. Übrigens schien der nächtliche Frager seine Sache ernst zu nehmen. Sein monotoner Satz fehlte auf den Plakaten keiner Partei. Man erwartete etwas Neues, aber er blieb bei dem einen Ruf, der durch seinen rätselhaften Ursprung und seine unablässige Wiederkehr seltsame Eindringlichkeit gewann. Als der Redner den „Vaterlandsschreiber“ mit Spott überschüttete und mehrere Presseglossen davon berichteten, blieb dem Unbekannten dieser Name. Er gewann auf einmal Gestalt, obwohl ihn noch keiner bei seinem Tun beobachtet hatte. Ja, wenn in einem kleinen oder großen Kreis einer von den alten deutschen Tugenden, die es doch wohl einmal gegeben hatte, zu sprechen wagte, musste er auf den Zuruf: „Vaterlandsschreiber!“ gefasst sein. Ironie liegt nun einmal dem Berliner, und in jenen Jahren zumal meinten manche, das Wort Vaterland sei ein für alle Mal zu den abgebrauchten Phrasen zu zählen. Vaterlandslos zu sein, schien vielen kein Tadel, nicht einmal Armut. Sein Vaterland aufgeben?
Niemand aber glaubte, dass Arbeiter unter diesen Gesellen waren. Der Arbeiter hatte Anlass zu manchem Zweifel an alten, großen Worten, aber er blieb bei seiner Familie und bei seiner Fabrik, wenn er konnte, wie der Bauer auf seiner Scholle blieb. Die internationalen Grenzgänger und Drahtzieher waren ganz andere Leute.
Am ersten Mai strömten die Männer des Berliner Nordostens mit roten Schlipsen oder mit roten Nelken im Knopfloch zur Kundgebung im Saalbau Friedrichshain. Der Nachmittag war dem Umzug und dem Volksfest mit Müttern und Kindern vorbehalten. Am Vormittag erwarteten die Anhänger der Sozialistischen Partei Deutschlands Rechenschaft aus dem Munde der gewählten Führer. Andere Fahnen¸ andere Uniformen, aber auch hier die brennende Anklage, nur dass sie diesmal dem inneren Feind galt. Das blasse Gesicht eines Fanatikers unter schwarzem Haarschopf erschien über dem Rednerpult. Vielleicht war er sogar ein Dichter: „Genossen und Genossinnen! Am Tag der roten Arbeit haben wir Euch gerufen, um feierlich Protest zu erheben gegen eine Entwicklung, die nicht nur die Existenz unserer Familie, sondern auch das Fundament des republikanischen Staates bedroht.“
Wilder Beifall unterbrach auch hier den Redner nach den ersten Sätzen. Es schien, als suche die Versammlung nicht Aufklärung, sondern Gelegenheit, in einer größeren Gemeinschaft der Entrüstung, der Not, der Verzweiflung Ausdruck zu verleihen. Auch hier konnte der Sprecher die Taktik ändern. Er brauchte nicht aufzurufen, aufzurütteln, er konnte sich darauf beschränken, mit eindringlicher Stimme die Tatsachen zu schildern: „Die deutschen Arbeiter und ihre Führer haben laut und unmissverständlich ihre Stimme erhoben. Der Ruf verhallte ungehört. Die Welt sah ruhig zu, wie der Dollar gleich einer dörrenden Sonne über dem Lande aufstieg, fressend in unstillbarer Gier. Im Januar 1919 stand der Dollar auf neun Mark sechzig, in diesen Tagen wälzt er sich auf 100.000 zu. Mit starren Augen sieht das Volk diesen Vorgang und versteht ihn nicht. Die Arme will es erheben und findet sie gelähmt. Gehalt, Lohn und Rente, die alte Leute, Kriegerwitwen, Arbeiter, Angestellte und Beamte empfangen¸ die trügerische Riesensumme des Geldes zerrinnt in unseren Händen, wie sich in den alten Märchen der Goldlohn der Dämonen unter ihrem höhnischen Gelächter in Schmutz und Asche verwandelt. Wer im Kriege bitterste Not nicht kennengelernt hat, jetzt muss er ihr Obdach geben an seinem Herd. Nur wenige verstehen die Zeichen in der Dollarsonne zu deuten. Die Besitzer von Sachwerten werden stündlich reicher und die Dollarbriganten, die volksfremden Schieber und die gewissenlosen Raffkes im eigenen Volk studieren grinsend die Börsenkurse, wie ein gemeiner Erbschleicher die wechselnden Züge im Gesicht des Todkranken belauert.“
Eine allgemeine Unruhe, Zeichen tiefer Unzufriedenheit und dumpfer Drohung, brandeten durch den Riesensaal, zustimmende und verschärfende Rufe unterbrachen den Redner von Satz zu Satz. Er sah seine Aufgabe erfüllt und schloss überraschend mit der Wiederholung seiner ersten Worte: „Die Partei der Arbeiter hat ihre Stimme erhoben. Unsere Rufe verhallen ungehört. Die Zeichen stehen auf Sturm. Wir warnen!“
Wie ein Stausee, der seinen Damm durchbricht, toste der Beifall, der Kampfruf.
Die düsteren Prognosen erfüllten sich. Im Juni machte sich der Zorn des getäuschten, hungernden Volkes Luft. In Gelsenkirchen wurden Lebensmittelgeschäfte geplündert, das Polizeipräsidium gestürmt und in blinder Wut die Akten auf die Straße geworfen. In Dresden versammelten sich große Massen anklagend auf dem Wiener Platz. Teuerungsunruhen wellten über das Land und wurden mit Mühe von bewaffneter Polizei niedergehalten. Kleider und Schuhe vermochten nur noch wenige zu kaufen. Dafür erwarben gerissene Schieber und valutastarke Ausländer für ein Schandgeld, was ihnen gefiel, Gold, Schmuck, Autos, Häuser, Grundstücke. In luxuriösen Nachtlokalen und exklusiven Flimmerdielen floss der Sekt in Strömen und das schönste Weib war billig.
Aber es gab auch Helfer und Retter, die ohne Parteiparolen zugriffen, wo die Not am größten war. In ihrer Schar waren viele Frauen und Mütter und wenig Funktionäre. Dem Schwerverwundeten hilft der am meisten, der das Blut stillt, der das Herz belebt. Der Überfahrene bedarf nicht zuerst der Diagnose, sondern dass ihn jemand von der Straße trägt und birgt. Statt mit Massenversammlungen die Erregung zu steigern, zogen es die Samariter vor, mit kleinen Handzetteln von Haus zu Haus um Mithilfe zu werben. An Mauern, Zäunen und Litfasssäulen waren Aufrufe angeklebt: „Die materielle Not und die seelische Spannung in unserem Volke haben den Gipfel erreicht. Parlamentarische Beratungen über neue deutsche Reparationsvorschläge, die lärmende Erörterung dieser Note in Zeitungen und Kabinetten des Auslandes steigern die politischen Erwartungen und mehren die Befürchtungen von Tag zu Tag. Der ‚unerhörte Niederbruch der Mark‘ hat zu einer neuen Zuspitzung der katastrophalen Not geführt. Die Massen der Lohn- und Gehaltsempfänger fühlen sich zum Narren gehalten. Mit immer größerer Erbitterung geführte innenpolitische Debatten sind Zeichen einer gefährlichen Reizbarkeit. Der Arbeiter wirft dem Wirtschaftsführer Währungsflucht und selbstsüchtige Bereicherung vor, während die Wirtschaft allmählich selbst den Boden unter den Füßen weichen fühlt. Ein Reichstagsausschuss hat lang und breit und mehr nach parteipolitischen als nach richterlichen Gesichtspunkten untersucht, wer die Schuld am neuen Marksturz trage. Die Wirtschaft ist schuldig gesprochen, zehn- und zwanzigfache Steuern auf Besitz und Verbrauch sind angekündigt. Aber die Mark fällt weiter ins Bodenlose. Am ersten Juli kostete ein Liter Milch so viel wie früher ein Stück Rindvieh. Für ein Paar ordentliche Schuhe müssen 180.000 Mark bezahlt werden. Ein Hufeisen hat den gleichen Preis, für den früher ein Rennpferd zu haben war.“
Der Aufruf schloss mit den dick gedruckten Worten: „Hilf denen, die ärmer sind als du!“ Darunter stand die Liste der Notküchen, Nähstuben, Beratungsstellen, die freiwillige Helfer suchten: Die Veranstalter der „Lichten Sonntage“ für verarmte Frauen des Mittelstandes und neben deutschen Stellen das Dänische Hilfswerk für bedürftige Kinder, die Küchen der englischen Quäker, die auch den Studenten halfen, und manche andere. Einige Tage später war über die Plakate ein roter Streifen mit roter Schrift geklebt: „Hilf heute, vielleicht ist es morgen schon zu spät!“
Als ob es mit der Verarmung des ganzen Volkes nicht genug wäre, nahm der außenpolitische Druck mit jedem Tage zu. Jetzt erst war Deutschland mürbe, jetzt erst hatte man es in der Zange. Französische Patrouillen hatten im besetzten Ruhrgebiet fünf Deutsche erschossen, weil sie während der Sperrzeit zwischen neun Uhr Abend und fünf Uhr früh die Straße betreten hatten. Aus dem feierlichen Begräbnis der Opfer von Dortmund wurde eine Kundgebung stummen, erbitterten Widerstandes. Die Besatzungsbehörde antwortete damit, dass sie den Grenzverkehr aus der besetzten Ruhr ins Nachbargebiet durch neue Schikanen erschwerte.
Und trotzdem ging das Leben weiter. Auch an Erdbeben kann man sich gewöhnen. Und wäre man von der Hölle verschlungen und wieder ausgespien, Hunger, Durst und Ermattung treiben uns, Nahrung zu suchen und ein Lager. Am zweiten Tag werden wir Federn, Gras oder sonst etwas Weiches suchen für dieses Lager. Und wenn es mehrere Männer gewesen sind, die die Hölle wiedergab, dann werden sie am Abend des dritten Tages flache Steinchen oder Hölzchen oder dicke Blätter mit Zeichen und Kerben versehen, wenn sie keinen besseren Ersatz für Würfel und Spielkarten finden. So ist der Mensch. Er ist zäher als jedes Tier.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 304
ISBN: 978-3-99038-968-3
Erscheinungsdatum: 30.12.2014
EUR 17,90
EUR 10,99

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