Humor & Satire

Von Dorfkönigen und Landeiern

Urban Schweizer

Von Dorfkönigen und Landeiern

Vergnügliche Erlebnisse und Eindrücke eines Großstädters in der Provinz

Leseprobe:

Der Dorfkönig

Die Geschicke unseres Wohnorts wurden über Jahre hinweg von einem überaus tüchtigen und hochintelligenten Gemeindepräsidenten bestimmt. Er war ein stattlicher Großbauer, der glatzköpfig seine Felder bestellte, aber für alle präsidialen Amtshandlungen eine Perücke aufsetzte, wie dies ja auch von Lords oder Richtern im fernen England gehandhabt wird. Mit großer Weisheit und Voraussicht setzte er sich äußerst engagiert und völlig uneigennützig für das Wohl der Gemeinde ein und trug so zum Wohlstand ihrer Bürger bei.

Er war in seinen Visionen seiner Zeit weit voraus. Schon früh legte er mit längst fälligen Umteilungen von Acker- in Bauland die Basis für ein fruchtbares Wachstum der Gemeinde. Die neu gewonnenen Parzellen wurden dann mit möglichst vielen Wohnblöcken lückenlos überbaut. Somit war unser Dorfkönig zweifellos ein Pionier des verdichteten Bauens, wie es heute vermehrt auch von Fachleuten propagiert wird. Es muss an dieser Stelle klar darauf hingewiesen werden, dass finanzielle Aspekte damals nie eine ernsthafte Rolle gespielt haben.

Für alle seine Mitarbeiter und Unterstellten war er immer ein vorbildlicher und großzügiger Vorgesetzter. Als zum Beispiel mehrere leer stehende oder rechtzeitig geräumte Altliegenschaften einer Reihe von unerklärlichen Brandfällen zum Opfer fielen, lud er spontan die ganze Feuerwehr zu einem ausgiebigen Umtrunk ein. Damit förderte er in vollem Maß nicht nur den Korpsgeist, sondern auch den Durchhaltewillen seiner Löschmänner.

Auch trug er maßgeblich dazu bei, dass das Dorfbild beträchtlich verschönert wurde. So nahm er sich selbstlos und generös aller Brandruinen an und realisierte an ihrer Stelle hübsche Häuser oder Wohnblöcke. Diese werden auch kommenden Generationen noch zur Freude gereichen.

Für sein umsichtiges und uneigennütziges Schalten und Walten als Gemeindepräsident verdient er höchste Ehre, Lob und Anerkennung. Ich möchte ihm an dieser Stelle im Namen aller Einwohner wärmstens und von ganzem Herzen danken.



Landeier

Früher waren fast alle Einwohner in unserem Dorf noch Bauern und damit auch Selbstversorger. Höchstens für Getränke oder spezielle Artikel des täglichen Bedarfs musste man einkaufen gehen, aber dazu auch nicht sehr weit fahren. Der Dorfschmied hinter unserem Haus hatte nämlich als Erster schon vor vielen Jahrzehnten einen kleinen Laden eingerichtet, den er zusammen mit seiner Frau betrieb. In diesem winzigen Geschäft von der Art, die weiter nördlich als Tante-Emma-Laden bezeichnet wird, fand man wirklich fast alles, was einem gerade so fehlte oder was einem fehlen könnte. Vor dem Laden stand sogar noch eine mittlerweile funktionsuntüchtige Benzinzapfsäule, wie man sie sonst nur von Schwarzweißfilmen her kennt.

Mit zunehmendem Wachstum der Gemeinde musste natürlich bald ein größerer Laden eingerichtet werden, der auch die vielen neu zugezogenen Nichtagrarier mit Lebensmitteln, Getränken und anderen Bedarfsartikeln versorgte. Auch dieser Verkaufsladen blieb aber noch überschaubar, wirkte irgendwie persönlich und vertraut. Die liebevoll arrangierte Gemüseauslage und das reichhaltige Sortiment an Landwirtschaftsprodukten stammten ausschließlich von Bauern aus der Umgebung und bei jedem Artikel wurde der Name des betreffenden Produzenten angegeben. Das war auch der Grund für eine plötzlich auftretende und scheinbar unerklärliche Nervenattacke meiner Frau beim Einkaufen. Sie bebte, zuckte und wackelte die ganze Zeit und hatte offensichtlich ihre Sprache verloren. Sie zeigte nur wiederholt auf ein Regal, vor dem ihr „Leiden“ seinen Anfang genommen hatte. Als ich ihr zu Hilfe eilen wollte, stellte ich aber erleichtert fest, dass nur ein Lachanfall sie so schüttelte.

Auf besagtem Regal waren Kartons mit frischen Eiern ausgelegt und auf einem Kärtchen davor stand in holprigem Deutsch, ganz klar und doch nicht ganz unmissverständlich geschrieben: „Eier vom Herr Küng.“
Meine erste Reaktion war ähnlich wie bei meiner Frau: jähes Lachen. Ich stellte mir den armen König – hochdeutsch für Küng – ohne seine männlichen Insignien vor. Sicherheitshalber öffnete ich einen Karton und fand darin zum Glück sechs statt nur zwei Eier. Das bedeutet hoffentlich, dass Herr Küng auch in Zukunft noch lange seine fruchtbringende Tätigkeit als Eierproduzent ausüben kann.

In der Zwischenzeit war die Verkäuferin herbeigeeilt, eine dieser natürlich gebliebenen jungen Frauen, die von bösen Zungen auch als Landeier bezeichnet werden.
„Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte sie recht unsicher.
Wir zeigten nur stumm auf das Kärtchen.
Da leuchteten ihre Augen auf und sie entgegnete im Brustton der Überzeugung: „Es ist doch schön, wenn man weiß, von wem die Eier sind!“

Irgendwie recht hat sie schon – aber manchmal möchte man nicht alles so genau wissen.



Die Post als Einkaufsparadies

Seit längerer Zeit bieten Kioske, Tankstellenshops oder Läden von internationalen Kaffeehausketten nicht nur ihr ureigenes Sortiment von Verkaufsartikeln an, sondern man findet dort auch eine umfangreiche Auswahl branchenfremder Artikel, wie etwa Damennachthemden oder Herrenpantoffeln. Diesem modernen Trend hat sich auch unsere Dorfpost nicht ganz entziehen können und so werden dort neuerdings Papeterieartikel, Taschenbücher, Lotterielose, Computeraccessoires und alle Arten von Haushaltsartikeln feil geboten. Bisweilen geraten die Postangestellten in einen wahren Verkaufsrausch, auch wenn der bedauernswerte Kunde – in diesem Fall war ich es – lediglich mal schnell ein Paket aufgeben möchte.

Nachdem die Schalterbeamtin mein Paket abgestempelt und behutsam in einen Container gelegt hatte, sah sie mich ganz erwartungsvoll an und fragte: „Hätten Sie Interesse an einem 1. August-Abzeichen?“
Strahlend präsentierte sie mir einen Karton mit Anstecknadeln für unseren Nationalfeiertag.

„Um Gottes willen, nein“, entfuhr es mir, als ich die aufgedruckten Schweizerwappen – weißes Kreuz auf rotem Grund – erblickte, die sicher eine schöne Verzierung auf gutbürgerlichen Festanzügen ergäben. Da das buchstäbliche Fragezeichen im Gesicht der Schalterbeamtin nach einer Präzisierung verlangte, fügte ich etwas verlegen hinzu: „Ich bin halt nicht so patriotisch.“

Nun hellte sich ihre Miene sofort wieder auf: „Aha! Dann lesen Sie sicher gern.“
Anscheinend hatte sie mich jetzt korrekterweise den linken Intellektuellen zugeordnet und zog aus einem Fach einen Stapel bunter Magazine hervor.
„Ja, aber ich lese eigentlich lieber Bücher“, musste ich sie gleich wieder enttäuschen.
„Die führen wir auch“, frohlockte sie und wies stolz auf ein Drehgestell mit den einschlägigen Schnulzen-Bestsellern im hinteren Bereich der Schalterhalle.
„Danke, ich werde dann mal einen Blick darauf werfen.“

Langsam begann ich mich unbehaglich zu fühlen, weil hinter mir mittlerweile eine Schlange von Postkunden ungeduldig wartete.
„Darf ich Sie etwas fragen? Haben Sie eine Katze zu Hause?“
Ihre Verkaufsbemühungen – diesmal ging es offenbar um den Absatz von Katzenfutter – waren leider noch nicht zu Ende.
„Nein, die ist schon vor Jahren gestorben.“
„Schade. Aber vielleicht haben Sie einen Hund?“, blieb sie hartnäckig.
„Nein! Ich habe weder Katze noch Hund, aber dafür eine Frau!“, erwiderte ich langsam genervt.

Während aus der Reihe hinter mir Gelächter ertönte, war die Postbeamtin jetzt ziemlich perplex.
Doch nach einigem Nachdenken kam sie zum Schluss: „Für ihre Frau habe ich leider nichts.“

„Dann sollten Sie unbedingt Ihr Sortiment erweitern!“, und damit verließ ich eine endlich verstummte Beamtin und bestgelaunte Postkunden.



Die Post als Freund und Helfer

Eines Morgens war ich unterwegs zu einem Treffen in der Westschweiz. Mit dem Bus fuhr ich zum Bahnhof in der Nachbargemeinde, die durch stetiges Wachstum bereits den Status einer Kleinstadt erlangt hat. Von dort konnte ich dann bequem mit dem Schnellzug weiterreisen. Vor der Zugsabfahrt blieben mir einige Minuten, um noch schnell einen dringlichen Brief loszuwerden. Leider hatte ich weder Briefmarke noch Kleingeld dabei und so betrat ich eiligen Schrittes die Bahnhofspost. Die lange Schalterhalle war noch gähnend leer, abgesehen von zwei weiblichen Postangestellten hinter ihren Schaltern ganz am Ende der Halle. Rasch stürmte ich auf den ersten offenen Schalter mit den Worten zu: „Guten Morgen! Ich möchte gern diesen Brief aufgeben.“

Das Schalterfräulein – entschuldigung, wenn ich sie jetzt so nenne, aber sie zählte wahrscheinlich noch zu den Auszubildenden – fixierte mich tadelnd: „Wo haben Sie Ihre Nummer?“
„Äh, welche Nummer meinen Sie?“
„Sie brauchen eine Nummer, wenn Sie an den Schalter kommen! Ohne Nummer kann ich Sie nicht abfertigen.“
„Ich habe aber keine Nummer.“
„Sie können Ihre Nummer beim Automaten am Schaltereingang beziehen“, klärte sie mich dankenswerterweise auf.
„Bitte machen Sie doch eine Ausnahme! Ich habe es eilig, sonst verpasse ich meinen Zug.“

Sie blieb unerbittlich: „Diese Nummern müssen bezogen werden, damit alle Kunden auch in der richtigen Reihenfolge bedient werden können.“
„Aber ich bin ja der einzige Kunde …“, versuchte ich noch kleinlaut einzuwenden, aber sie rückte kein bisschen von ihren Prinzipien ab.
„Vielleicht können Sie mir schnell etwas Geld wechseln, dann kaufe ich mir eine Briefmarke am Automaten draußen.“
„Nein! Nicht ohne Nummer!“

Resigniert hastete ich davon, doch da rief mich die Postbeamtin vom Schalter nebenan zurück: „Hier! Ich schenke Ihnen eine Marke. Und jetzt rennen Sie los!“

Das ist doch wirklich echte Kundenfreundlichkeit! Ich habe den Zug noch rechtzeitig erreicht, konnte den Brief allerdings erst an meinem Zielort in der Westschweiz einwerfen. Der Empfänger des Briefs hat das anscheinend sofort bemerkt und mich später verwundert gefragt: „Seit wann verschickst Du denn Deine Briefe aus der Westschweiz, wo wir doch in unserer Region immer dafür kämpfen müssen, dass keine Poststellen geschlossen werden?“



Noch ein Dorfkönig

Als Kind besuchte ich mit meiner Großmutter manchmal eine arme Bauernfamilie in der Zentralschweiz. Wir schleppten abgetragene Kleider und andere ausrangierte Sachen mit uns und tauschten diese für einige Eier oder etwas Honig ein. Nie werde ich die Armut und den Kinderreichtum dieser Familie vergessen.

An meinem neuen Wohnort traf ich nun auf einen entfernten Verwandten der armen Bauersleute. Dieser war jedoch als Inhaber einer Installationsfirma und mit zahlreichen Nebengeschäften zu großem Reichtum gelangt. Er blieb aber trotz seinem vielen Geld stets bescheiden und sparsam. Gerade darum war er bei allen Dorfbewohnern sehr beliebt – oder zumindest bei einigen von ihnen.

Somit war er wohl der erste Bankier in unserer Gemeinde. Seinen mittellosen Mitbürgern half er jederzeit gerne mit etwas Geld aus. Um sie vor lästigen Folgen wie etwa Pfändungen zu schützen, ließ er sich als Sicherheit für seine Kredite unbedeutende Ländereien überschreiben. Natürlich wurde die Armut der Bauern in jener Zeit nie kleiner und so blieb der generöse Geldgeber zuletzt auf einem riesigen, fast wertlosen Landbesitz sitzen. Da Gott in weiser Voraussicht aber stets für Gerechtigkeit sorgt, wurde der edle Geldverleiher schließlich doch noch belohnt: Aus Land wurde Gold!

Schon früh sorgte er sich um Sicherheit und Ordnung im Dorf. Deshalb versah er freiwillig den Dienst eines Quartierwächters, in Amerika als sogenannter Blockwatcher bekannt. Unermüdlich harrte er abends auf seinem Posten vor den großen Turnhallenfenstern aus, wenn die Dorfschönen des Turnvereins allwöchentlich ihr Können präsentierten, und bewahrte die wackeren Turnerinnen so vor weiteren voyeuristischen Übergriffen. Ebenso fleißig patrouillierte er tagelang durch das ganze Dorf, um über alle Regungen und Bewegungen als Erster genauestens informiert zu sein. Das hatte überhaupt nicht im Geringsten etwas mit Neugier zu tun, sondern mit reinem Sicherheitsdenken. Die US-Geheimdienste argumentieren heute ganz ähnlich.

Er war ein eiserner Verfechter des Motorverkehrs. Anfangs zirkulierte er immer in seinem uralten klapprigen Auto durch die Straßen und stieg später entweder aus Altersgründen oder doch eher aus Sparsamkeit auf ein ausrangiertes Dienstmoped um. Dabei hätte seine Firma sicher etwa zwanzig komfortable Fahrzeuge zur Verfügung gehabt! In den letzten Jahren sah man ihn fast nur noch in seinem kleinen Elektromobil vorbeihuschen.

Trotz hohem Alter war er aber nicht nur körperlich, sondern vor allem auch geistig beweglich und offen für neue Erfahrungen geblieben. Mit über 80 Jahren unternahm er seine vielleicht erste Bahnreise in die Ostschweiz, um die Landwirtschaftsausstellung in St. Gallen zu besuchen.
Sein Kommentar dazu fiel knapp aus: „Ich möchte nur ein wenig den Tag abändern – und einmal eine echte St. Galler-Kalbsbratwurst essen!“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 154
ISBN: 978-3-99038-616-3
Erscheinungsdatum: 30.10.2014
EUR 14,90
EUR 8,99

Sommer-Tipps