Humor & Satire

Unter(wasser)welt unserer Freizeitgesellschaft

Al Alib

Unter(wasser)welt unserer Freizeitgesellschaft

Beobachtungen, Gedanken, Gequatsche eines Undercover-Schwimmers

Leseprobe:

Wo, wann und wie dieses Buch entstand

Im Laufe des Sommers 2005 entschloss ich mich zu „riskieren“, nämlich statt nur in warmen Kurbädern, doch in städtischen Schwimmbädern zu schwimmen. Ich vergaß natürlich nicht, dass ich in den städtischen Bädern immer gefroren hatte. Nicht nur im kalten Beckenwasser. Sogar beim Duschen gab es einen kalten Durchzug, der mir einige Male in der Vergangenheit die Lust am regelmäßigen, täglichen Schwimmen verdarb.
Da ich aber mit meiner damaligen Freundin (2005) aus Stein nicht mehr zusammenleben wollte, verlegte ich „den Mittelpunkt meines Lebens“ wieder auf meine Wohnung in der Nürnberger Altstadt. Nach Stein mit dem Auto oder mit dem Rad zu fahren, um in der schönen Palm Beach Anlage zu schwimmen, wäre sehr zeitraubend. Daher testete ich zunächst einige Kurbäder in dem Umkreis von meiner Burgstraße in Nürnberg. Einige gefielen mir sehr. Aber zum täglichen, richtigen Schwimmen eigneten sie sich nicht. Die Schwimmbecken schon, das warme Wasser tat mir gut, aber die Kurbadgäste nicht. Es störte sie, wenn einer schwamm, statt zu quatschen und herumzuhängen. Leider musste ich mich woanders umschauen.

So fasste ich meinen ganzen Mut zusammen und testete die beiden nächsten städtischen Bäder.
Im Nordostbad stellte ich sehr willkommene Änderungen des Schwimm- und Badebetriebes fest, die sich dort nach meinem letzten Besuch vor zig Jahren ergaben.
Eine Bahn nur für schnelle Kraulschwimmer! Eureka! Die langen Öffnungszeiten bedeuteten für mich eine ebenfalls willkommene, flexiblere Planung des Tagesablaufs. Nix wie hin.
Mit dem Rad benötigte ich bis zum Nordostbad circa zehn bis fünfzehn Minuten. Doppelt so lang, wie von der Schützenstraße in Stein bis Palm Beach in Stein. Aber minimal im Vergleich zum Zeitaufwand von meiner Burgstraße in Nürnberg nach Palm Beach in Stein. Bingo!
Donnerstags ist Ruhetag im Nordostbad. So lernte ich notgedrungen auch das Hallenbad Süd kennen. Nicht bedeutend viel weiter entfernt als das Nordostbad. Die Radstrecke dorthin und zurück durch sehr viel mehr befahrene Straßen und einige Ampeln mehr, war kein nennenswertes Handicap. Dort gibt es zwar keine Extra-Bahn nur für schnelle Kraulschwimmer, aber das Beckenwasser ist etwas wärmer. Und das Duschwasser merklich wärmer.

In beiden Bädern fror ich. Mein ureigenes, ewiges Problem. Diesbezüglich spottete ich über mich selbst manchmal so:
Nach meinem Tode muss ich nicht unbedingt unter einem Blumenbeet liegen. Auch nicht unter einer Birke oder womöglich im Schatten eines Vogelbeerbaums im windigen Norden. Nein. Wenn ich sowieso nicht mit dem Privileg, nämlich unter einer Palme begraben zu liegen, rechnen darf, dann möchte ich jetzt, solange ich noch am Leben bin und, wenn auch nicht immer, aber gelegentlich, noch ziemlich zurechnungsfähig bin – ohne Heranziehung der Betreuungsrechtsbestimmungen – für mich folgendes festlegen:

Zeit meines Lebens werde ich in Schwimmbädern frieren. Okay. Aber meine Bestattung werde ich nutzen, um einmal im Leben warme Füße zu haben. In „Nämberch“ (bei manchen auch als Noris bekannt, bei anderen als die Stadt meines geliebten 1. FC Nürnberg verrufen), heißt das „Ejschüren“. Woanders bezeichnet man das als Kremation oder Feuerbestattung oder, oder, oder …

Ich entschied für mich:

Diese zwei Bäder reichen für mich vorerst gänzlich aus. Wozu sollte ich dann überhaupt die viel gelobten Bäder in Langwasser, Katzwang oder Altenfurt heimsuchen? Die liegen allesamt viel weiter von meinem Domizil weg. Dort ist das Beckenwasser auch nicht unbedingt nach meiner Mütze zu erwarten.
Als das Hallenbad Süd, nach langwierigen Renovierungen wieder eröffnet wurde, bestätigte sich für mich die Richtigkeit meiner Festlegung.
Während der erwähnten Renovierung radelte ich jeden Donnerstag (Ruhetag in Nordost) nach Langwasser. Dort genoss ich ruhige Mittags- und Nachmittagsstunden, indem ich fast allein schwimmen konnte.

Die Freibäder aber kommen für mich kaum in Frage. Erstens möchte ich nicht in die Sonne. Zweitens ist dort das Beckenwasser für mich am kältesten. Der Wind störte mich im Freibad West doch nicht. Dort war ich im Sommer 2005 ein einziges Mal. Ich nahm zum Test die Latzhose meines Taucheranzugs. Doch die sechs Millimeter Neopren konnten mir leider auch keinen ausreichenden Kälteschutz bieten, da das kalte Beckenwasser den Zugang zu meinem Körper unter der Latzhose mühelos fand und zu meinem Nachteil missbrauchte.

So blieb ich bis zum heutigen Tag meinen beiden Bädern treu. Es sei denn, dass mir dieses Buch so viel Geld einbringt, um mir ein eigenes Schwimmbad zu finanzieren.
Dort, in der Schwimmbahn nur für schnelle Kraulschwimmer meines Nordostbades, begann ich das Projekt „Schwimmbuch“. Dort legte ich für mich eine weitere, wichtige Lebensänderung fest.

Im Gymnasium und während des Studiums an der Uni habe ich nicht alle eigenen Einfälle in Vergessenheit geraten lassen. Leider habe ich während der darauf folgenden Jahrzehnte keine Notizen gemacht. So habe ich auch gar nichts Erwähnenswertes in den späteren Jahren veröffentlicht. Viele Scherze, Gags, Blödeleien und dergleichen, womit ich so häufig viele Leute zum Lachen brachte, loderten für einige Augenblicke. Wie das Strohfeuer. Aber dann erloschen sie für immer. Mir tat das leid, umso mehr, je besser und tiefgründiger mein Humor schien. Witze zu erzählen ist lustig und erfordert auch eine bestimmte Kompetenz. Aber ich möchte mehr als das. Ich möchte Witze machen. Aus der gegebenen Situation, durch Verdrehung, Übertreibung, Wortspiele, meine eigenen Sprüche, durch meine Körpersprache, Vortragsweise, Modulation, Paraphrasen und andere verbale, auch akrobatische Sprachelemente, spontan und unmittelbar, mein Gegenüber zum Lachen zu bringen. Unerwartete Wenden, schwarzer Humor, häufige Bezugnahme auf Werbung, Aktuelles, Makabres und auf bekannte Persönlichkeiten, sowie sorgfältig aufgebaute Geschichten mit Gedankenblitzen oder mit einer geistreichen Pointe zu krönen. Mit anderen Worten: Ich war ein verhinderter Unterhalter, ein Möchtegern im Metier der Entertainer.

Beim Schwimmen versuchte ich meine Gags des Tages in Erinnerung zu rufen. Dann strengte ich mich an, die rekonstruierten Scherze, Einfälle und Erzählenswertes zu merken. Ich prägte sie mir ein. Nach dem Schwimmen zuerst alles möglichst sofort zu notieren. Handschriftlich. Ohne Diktiergerät. Erst dann nach Hause radeln.

Zu dem vorhandenen, im Jahr 1997 gekauften Büro-Computer und zum Notebook kaufte ich mir den kleinsten PC mit Windows 95, den Libero von Toshiba. Er war so klein wie eine Videokassette, aber sehr praktisch. Dazu noch einen zusätzlichen Hochleistungsakku. Und alles sündhaft teuer. Ich nahm ihn auf Reisen mit. So nutzte ich viele Wartezeiten ziemlich produktiv. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2008 leistete mein Libero sehr gute Dienste. Meines Erachtens hat sich mein Libero mehrfach amortisiert. Seit 2008 habe ich mir, außer den Bürocomputern, die wir alle haben, ein schnuckeliges Netbook angeschafft. Ohne diese Arbeitshilfen wäre meine Ambition, ein Büchlein zum Schmunzeln zu schreiben, eine Illusion geblieben.

2013 kam ich mit einem namhaften Miniaturalleskönner, trotz der zusätzlichen, externen Tastatur, nicht zurecht. Ich schreibe gerade auf Lenovo ThinkPad und frage mich, wie viele weitere Arbeitshilfen werde ich mit diesem Buchprojekt noch verschleißen, wenn ich nur einige wenige Male im Jahr meine Ärmel umkrempele, um mein Manuskript zwischendurch zu entstauben (seit Oktober 2015 habe ich ein HP Probook mit Win10). Da aber solche Gedanken entmutigen könnten, verdränge ich sie. Vorerst.

Manchmal dennoch erwische ich mich bei einem Gedanken, der mich gründlich vergiftet:
Was aber, wenn ich in der Zwischenzeit unsere Freizeitgesellschaft verlasse, durch Alter, Krankheit, Demenz und/oder den Tod, oder wenn ich durch irgendein noch schöneres Unbill verhindert werde und das mir ans Herz gewachsene Büchlein überhaupt nicht vollende? Auch dann würde ich in der besten Gesellschaft zahlreicher Menschen landen, deren größere und wichtigere Projekte, als es mein Büchlein ist, für immer unvollendet blieben. Wichtigere und interessantere Angelegenheiten, als ein Büchlein eines Menschen, der viel zu wenig Zeit hat. Und der nicht bereit war und nicht imstande war, seinen lieb gewordenen Alltag wegen der Buchredaktion zu opfern. Als Egoist komme ich mir vor, wenn ich weiter täglich schwimmen, Jazz spielen (das heißt auch täglich Trompete üben zu müssen), viel Zeit in Zweisamkeit verbringe, ausschlafe, häufige Kurzreisen machen würde, statt mich für eine bestimmte Zeit intensiv dem Buchschreiben und vor allem seiner Redaktion zu widmen. Irgendwie verlasse ich mich leichtsinnigerweise auf „irgendwann“ und schreibe nur in den Wartezeiten auf Reisen.

Folgende Worte Salomos trösten mich und verleiten mich zugleich zur oben beschriebenen Vernachlässigung. „Gott hat dem Menschen die Ewigkeit in den Sinn gelegt.“ Mir geht es aber nicht in den Sinn, dass mein Leben zu Ende sein könnte. Obwohl jeden Tag mein Leben um einen Tag kürzer wird. Obwohl jeder Tag der erste Tag vom Rest meines Lebens ist und dadurch der Rest meines Lebens um einen ganzen Tag verkürzt wird. Ich sehe immer noch eine Fülle der Zeit vor mir. Obwohl es, leider, keine Fülle sein kann, sondern nur eine minimale Zeitperiode, deren Länge unbestimmt ist. Dafür ist ihre „Kürze“ so niederschmetternd und erdrückend gewiss.

In der Kindheit hörte ich Tito den Satz sinngemäß ausrufen: „Leben und arbeiten wir so, als wenn es ein Tausend Jahre Frieden geben würde. Aber bereiten wir uns vor, als wenn es morgen Krieg geben würde.“

Der Mensch braucht keine Kriege, um sich der Kürze seiner Existenz bewusst zu werden. Das Ende ist auch ohne Kriege unausweichlich. Wie schade! Denn das Leben ist so schön und bietet uns so viel. So viel. Und doch werden wir eines Tages den Schirm zumachen, nach Kaiser Beckenbauer. Zähneknirschend zumachen müssen, sage ich.

Wenn ich dieses Büchlein überbewertet haben sollte, ist dann die Kürze des Lebens irgendwie auch eine Schadensbegrenzung. Logisch: kein Buch, kein Schaden. Wenn das Büchlein aber nur einem einzigen Leser etwas geben würde, sollte es ein halbwegs normaler Mensch unbedingt vollenden. Aber wie soll ich ein halbwegs Normaler werden? Wird mir das und dem einen erwähnten, einzigen Leser gegönnt sein?

Wenn ich vor der Buchvollendung und Veröffentlichung „weg“ bin, rechne ich nicht damit, dass es meine Ex-Söhne irgendwie retten. Das ist wieder ein von mir geprägtes und von niemand sonst benutztes Wort. Kein Wunder. Es ist unlogisch per se. Doch seine Benutzung ist wohl begründet. Denn, wenn ich Ex-Söhne sage, ist das tatsächlich zutreffend.
Da ich vor vielen Jahren den Zeugen Jehovas den Rücken gekehrt habe, wollen meine beiden Junioren nichts mehr mit mir zu tun haben. Wenn das Ausdruck ihrer Lebensführung nach der eigenen Überzeugung sein sollte, handeln sie konsequent. Wenn sie möglicherweise erkannt hätten, dass sie von den Zeugen indoktriniert und irregeführt werden und dennoch nicht „aussteigen“, verwirrt und belastet mich das noch mehr. Sind sie Heuchler? Wo ist dann der Glaube? Was geschah mit dem Gewissen? Kaum anzunehmen, dass sich die Ex-Söhne mit den Kritzeleien eines Sekten-Abtrünnigen, den sie zum Ex-Vater machten, befassen würden. Also, ein Grund mehr für mich, das Büchlein – notfalls auf allen Vieren – zu Ende zu hacken, zu redigieren und zu veröffentlichen. Voilà, MAN ZU! Ups! Ein Ausrutscher auf Norddeutsch. Der Profidolmetscher übersetzt es sofort ins Jedermannsdeutsch: Los, ans Werk!


Teil 1

Kapitel 1 - Anamnese

Drei Bandscheibenvorfälle machten mich zu einem Langzeit-Schwimmer. Kein Druckfehler, kein Witz! Sie haben es richtig gelesen. Es war nicht das Langstreckenschwimmen, das die Bandscheibenvorfälle nach sich zog. Nein. Es war umgekehrt. Um meine Rückenprobleme zu überwinden, wurde ich ein Dauerschwimmer.
Eine Zahl in der ersten Aussage, das heißt ganz genau bereits das allererste Wort dieses Buches wird dennoch korrigiert. Nämlich, schon der erste Bandscheibenvorfall war an allem schuld.
Am 4. September 1987 war es damals so weit. Da bekam ich in Jesolo in einer lauen Mittelmeernacht, als gegen Mitternacht Millionen und Billionen der Sterne am Himmel so tief hingen, dass ich sie handvollweise hätte greifen können und damit meinen Campingbus im Nu vollgepackt hätte, meinen ersten Bandscheibenvorfall.
So war ich von dieser Sternstunde an in bester Gesellschaft der überwiegenden Mehrheit der Menschheit. Von da an gehörte ich zu der Spezies der Menschen, die sich durch Rückenprobleme auszeichnet.
Darüber und über die weitreichenden Folgen davon, diktierte ich später auf Haiti in den Bergen, wo mich Freunde während des Bürgerkrieges versteckten, gut ein Drittel eines anderen Buches. Meine Schreibdame war sehr geschickt. Das Manuskript davon, so wie den Text meiner topaktuellen Fotoreportage eines der wenigen Westler, die dort die Wut der rebellierenden „Roten Panther“ überlebten, verlegte sie irgendwie.
Die ordentlichste aller Frauen, die so viel Ordnung in meinem Leben hielt, fand nicht einmal eine Erklärung fürs Verschwinden der abgetippten und der noch nicht abgetippten Diktatbänder. Diese habe ich bei meinem Aufenthalt in Cap Haitien und Petionville während des erwähnten Bürgerkrieges auf Haiti, wo ich zum Besuch der Maler und zwecks Gemäldekaufs unterwegs war, diktiert. Die nicht abgetippten restlichen Teile des Manuskripts auf den Mikrokassetten des Diktiergeräts tauchten auch nie wieder auf.
So wurde ich teilweise verhindert zu der Elite der Menschheit zu gehören, nämlich dadurch wurde ich kein Buchautor. Zur korrekten Berichterstattung sei noch angefügt, dass zu noch größerem Teil die Gründe, die mich daran hinderten, das besagte Buch zu vollenden, an mir selbst lagen. Nur ich selbst bin dafür im Endeffekt verantwortlich, dass das begonnene Buch nie zu Ende geschrieben wurde.
Genauso wie ich immer wieder feststellte: hauptsächlich und meistens müssen wir Fehler und Versäumnisse bei uns selbst und nicht bei anderen oder beim „System“ suchen. Und zwar zuallererst bei uns selbst („user“) und nicht bei anderen („system“).
Ein weiteres Manuskript von mir, aber diesmal strikt ohne Inanspruchnahme der Schreibdienste meiner Ex-Schreibdame, ist zu mindestens 80 % im Computer und teilweise auch auf Papier. Der insgesamt makabre Buchinhalt hat geringe Chancen auf Veröffentlichung durch einen namhaften Verlag. Ich habe das Buch nicht vollendet. Die bereits fertigen Teile habe ich kaum jemand gezeigt.
Merkwürdig erscheint mir die Abneigung vieler Menschen allem gegenüber, das makaber scheint. Sogar dem makabren Humor gegenüber.

Doch zurück zum dritten Buch. Mit diesem, nunmehr dritten Buch, wird es anders laufen. Viele, sehr viele unserer Zeitgenossen interessieren sich brennend für die Unterwelt. Ich muss nur aufpassen, dass das viele Wasser aus der Unter(wasser)welt, den besagten Brand nicht löscht, bevor dieses Buch die Top Ten erklimmt.
Der geneigte Leser hat es in der Hand: er möchte mich weiterempfehlen und mir helfen, neue Leserzielgruppen zu erschließen. Dann wird einer Veröffentlichung in anderen Sprachen, der Verfilmung in Hollywood und Bollywood, Vertonung als Musical in London, der Aufführung als Theaterstück in Zürich oder Bochum und der Flut der buchbezogenen Gadgets, Andenken, Kultfiguren in Naturgröße (Starwars/Harry Potter & Co. lassen grüßen) aus meiner eigenen (noch nicht geplanten) Produktion in Shanghai, nichts mehr im Weg stehen.
Ja, mein eigener Beitrag zur Belebung der Weltkonjunktur, meine Unterstützung des Trends „Away from playstation, back to book reading“, eben all das wird mich in die Orkanhöhen bringen. Der Nimbus des unausweichlichen Nobelpreises für Literatur bürdet schon schwer auf meinen Schultern und meinem „imidsch“.
Ich bangte manchmal: Der Kelch des nächsten, bereits des vierten Bandscheibenvorfalls, würde nicht an mir vorbeirauschen. Er könnte mich head-on voll treffen. Dieser Gedanke lässt mich dennoch nicht in Panik geraten. Im Gegenteil, er bringt mich jetzt sofort zur Erzählung zurück, von der ich ab- und weggeschweift bin.

Wo war ich denn? Aaa, äääh? Ja? Jaaa? Jaaaa? Ach, JA.

Nach dem ersten Vorfall landete ich im Ostklinikum. Im Rollstuhl wurde ich von einer Untersuchung zur anderen sanft transportiert. Dennoch waren die Schmerzen nicht auszuhalten.
Alle Befunde lauteten nacheinander: Bandscheibenvorfall.
Alle Ärzte, Oberärzte, Chefärzte, Professoren, alle Krankenschwestern, Pfleger, Servierer von Mahlzeiten (wussten Sie, dass Schmerzen zu der radikalsten Gewichtsabnahme meines Lebens führten? Erfolgreich und locker, dennoch nicht beabsichtigt und nicht nachahmenswert. Wem nämlich die Schmerzen den Appetit verderben, wem durch Schmerzen nichts und gar nichts mehr schmeckt, der wird nicht zum Idol auserkoren), also, weiterhin alle Putzfrauen, Zivis und ausnahmslos alle Beteiligten sagten: „Die Diagnose ist eindeutig. Nur eine Operation kann helfen.“
Eine OP war das Letzte, das ich im Sinn hatte. Ich sträubte mich dagegen aus Überzeugung. Auf meine Bitte hin wurde mir nämlich erlaubt, einige Lexika aus der Bibliothek meiner Krankenhausabteilung auszuleihen. Da verschlang ich die entsprechenden Infos. Die neuesten Publikationen durfte ich nur in der Bibliothek „verkonsumieren“.
Meine Überzeugung erhärtete sich noch mehr, als ich erfuhr, dass quasi jede Operation die nächste Operation vorprogrammiert. Verwachsene und vernarbte Wirbel werden und bleiben steif. Die Gesamtbelastung lastet nunmehr auf dem Rest der Wirbelsäule, deren Biegsamkeit reduziert ist, eben weil nach der Operation die restlichen noch biegsamen und einigermaßen intakten Wirbel in ihrer Zahl sinken.
Bildhaft gesprochen: Sägen Sie einen und später noch einen Pfeiler irgendeiner langen Brücke durch, müssen dann die übrigen Pfeiler, jeder für sich einzeln betrachtet, zusätzlich noch mehr Belastung und Spannung aushalten.
Die Konsequenz für mich war dennoch unerschütterlich, wie die Diagnose selbst: keine Operation.
Ich las irgendwann etwas über Akupunktur. Prof. Bischko aus Wien erlangte damals Weltruhm als der Erste, der Milliampere-Messungen der Körperströme an der Hautoberfläche vornahm. Und siehe da! Entlang der Meridiane, nach der Lehre der Chinesischen Traditionellen Medizin, besonders an den Kreuzungen dieser Meridiane, die die eigentlichen Bereiche der (Unter)haut sind, die akupunktiert werden, stellte er höhere Werte fest. Somit wurde wissenschaftlich belegt:

Was die chinesischen Akupunkteure tun, hat Hand und Fuß.

Aber was ist bittschön Akupunktur? Damals, im fernen Jahr 1987 des vorigen Jahrtausends, wussten lediglich ganz wenige, was das ist. Ich wollte mehr darüber erfahren, da diese Methode Schmerzen lindert.
Jahre zuvor las ich Zeitungsberichte und sah im Fernsehen lächelnde Kranke, die von chinesischen „Volksärzten“ (im Westen abschätzig als „Barfuß-Ärzte“ unseren Weißkittelgottheiten gegenüber deklassiert und degradiert) ohne Narkose, ohne Betäubung, ohne Lokalanästhesie, ohne Nix operiert wurden.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 314
ISBN: 978-3-95840-253-9
Erscheinungsdatum: 17.10.2016
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Krampus & Nikolo