Humor & Satire

Trau dich nur, junger Mann!

Christian Lorenz

Trau dich nur, junger Mann!

Eine Studentengeschichte aus dem Jahr 1968

Leseprobe:

Revolution im Hörsaal

„Von wo stinkt’s da so?“ Christoph Brandtner reckte seine Nase in die übel riechende Luft des überfüllten Hörsaals im Neuen Institutsgebäude. Leicht indigniert schaute er zu seinem Sitznachbarn.
Harald Funk nickte bestätigend. Natürlich hatte auch er den Geruch wahrgenommen. „Wie’s aussieht, haben sie es doch gemacht“, zeigte er sich verärgert. „Diese ungustiösen Kommunen-Typen!“
Harald Funk hatte die Aufforderung der beiden anrüchigen Kerle, bei ihrem Protest doch mitzumachen, nicht ganz ernst genommen. Etwas von „Vorlesungsboykott“ war auf dem Zettel zu lesen gewesen, den sie ihm vor der Mensa aufdrängen wollten. Von einer „Aktion“, die zu setzen sei, gegen den hoffnungslos reaktionären Studienplan … Diskutiert werden müsse über den Meinungsterror der Springer-Presse und nicht über die „Flugschriften der Reformation“, die als Thema der Pflichtvorlesung auf dem Programm standen. „Wir scheißen auf diese Vorlesung“, hatte der etwas radikaler wirkende noch lautstark kundgetan. Ja, und es blieb offenbar nicht nur bei der Ankündigung …
„Du glaubst, die haben echt …?“, stieß Christoph fassungslos hervor, während er seinen Blick angewidert über die Stufen des Hörsaals gleiten ließ, auf denen mittlerweile schon einige der Spätankommenden saßen. „Die sehen doch eigentlich alle recht ordentlich aus“, dachte Christoph, „das hätte er doch bemerkt, wenn da einer …“
„Nein, nein, die sind nicht mehr da“, versicherte Harald nach einem kurzen Rundumblick und rieb sich die Nase.
Es war also nicht nur beim Aufruf zum Vorlesungsboykott geblieben, wie er von den Typen groß an die Wände gesprayt worden war. Nein, die beiden hatten ihren Protest auch am akademischen Boden voll zum Ausdruck gebracht. Und das wohl an nicht einsehbarer Stelle, wie Harald vermutete: hinter dem langen Vorlesungspult.

Der Saal war erfüllt vom Grundgeräusch eines hundertfachen Murmelns und Schwatzens. Ein Skandal lag deutlich riechbar in der Luft, ja, vielleicht sogar eine Revolution, ein Aufstand gegen die verstaubten Uni-Hierarchien. Einen Moment lang glaubte wohl so mancher – an diesem Juni-Tag des Jahres 1968 –, ihn streife der berühmte Mantel der Geschichte.

Die Kollegin in der Sitzreihe hinter ihm zeigte sich ebenso unruhig und tippte Harald auf die Schulter: „Sag mal, ich bin neu hier, aber riecht’s hier immer so?“
Harald wandte sich freundlich lächelnd zu dem hübschen blonden Mädchen um, das seine Nervosität kaum verbergen konnte. „Na ja“, meinte er bedauernd, „gute Luft gibt’s in dem Bunker zwar nie, aber heute ist das schon besonders arg.“ Sogleich nutzte er die Gelegenheit dann auch zu einer persönlichen Frage: „Und du willst wirklich auch Publizistik studieren? Schau dir doch mal die Massen da an!“
„Ich weiß noch nicht“, antwortete sie zögernd. „Eigentlich wollte ich nur mal schnuppern …“ Kaum dass sie es ausgesprochen hatte, entlud sich ihre Angespanntheit in ein befreites Lachen.
„Na, dann schnupper mal …“, stieß auch Harald herzhaft lachend hervor. „Ich hoffe, du bleibst trotzdem bei uns. Wäre schade um dich“, legte Harald noch nach, als er hörte, wie sich die untere Hörsaaltür öffnete.

Der beleibte Professor Rodier eilte in seinem zu knapp geschnittenen grauen Anzug und wie immer gehetzt wirkend und schwitzend zum Vorlesungspult, ohne auch nur einen Blick in den Vorlesungssaal zu werfen. Er öffnete eine dicke Mappe, in der sich offenbar die zu interpretierenden Flugblätter der Reformation befanden. Dann winkte er zwei Studentinnen aus der ersten Reihe herbei und beauftragte sie mit der Verteilung. Bei der Übergabe jedoch lösten sich plötzlich einige Papiere aus dem Stoß und flatterten hinter das Pult und zu Boden.
Mit einem Mal war es so still im Saal, dass man meinte, die Blätter fallen zu hören. Der Herr Professor persönlich bückte sich danach, richtete sich wenig später mit leeren Händen wieder auf, zog die Nasenflügel hoch, nahm seine dicke Hornbrille ab, senkte den Oberkörper erneut und starrte dann für Sekunden regungslos auf den Boden.
Professor Rodier ließ unverzüglich die Flugblätter wieder einsammeln, klappte seine Mappe zusammen, forderte alle zum sofortigen Verlassen des Hörsaales auf, erklärte die Hauptvorlesung für beendet und machte ohne Umschweife auf die Folgen aufmerksam: bis zur völligen Aufklärung des Vorfalls keine Vorlesung, kein Kolloquium, kein Zeugnis.

***

Die Sinnkrise

„Die Scheißkerle haben uns doch glatt das Semester versaut“, empörte sich Harald, als er zusammen mit seiner neuen Studienbekanntschaft aus dem Saal drängte. „Na, wenigstens ist jetzt für dich alles klar, zu uns wirst du wohl nicht mehr schnuppern kommen.“
„Keine Ahnung, ich habe eben mit Germanistik begonnen, suche aber noch ein Nebenfach.“
„Na ja, da wird sich schon noch etwas finden, für so ein hübsches, kluges Kind“, versuchte Harald seinen bubenhaften Charme spielen zu lassen. „Solltest du ein paar heiße Tipps brauchen, ich kenn mich ganz gut aus, mach das ja hier schon vier Semester.“

Harald war einer der ordentlicheren Studenten, einer, der meist mit gebügelter Hose, Sakko und Rollkragenpullover sowie mit einer altmodischen Aktentasche zu den Vorlesungen erschien. Mit seinem glatt rasierten, runden Gesicht und seinem Kurzhaarschnitt passte er so gar nicht in das Bild, das man sich gemeinhin von einem „68er“ machte. Obwohl selbst aus einer Arbeiterfamilie stammend, waren ihm das Revolutionsgeschrei und die Klassenkampf-Parolen radikaler Studienkollegen fremd. Vielmehr hatte er den Ehrgeiz, allen zu zeigen, dass es auch ohne Unterstützung der Eltern zu schaffen ist, ein Studium zu finanzieren und – wie er es ganz altmodisch nannte – „etwas Besseres“ zu werden.

So war Harald auch ein wenig stolz darauf, einen – wenn auch schlecht bezahlten – Job bei einer Werbefirma zu haben, der ihn zusammen mit seinem Stipendium unabhängig von den Eltern machte. Ja, und hin und wieder ging sich für ihn sogar ein Praterbummel, ein Badeausflug oder ein Kartenabend im Bierkeller aus. War er gerade knapp bei Kassa, zeigte er auch keine Scheu, Vorschläge dieser Art auszuschlagen.
Jedenfalls war Harald fast immer gut gelaunt, sehr kontaktfreudig und stets zu kleinen Scherzen aufgelegt. Nicht nur sein Freund Christoph, mit dem er schon zusammen ins Gymnasium gegangen war, schätzte sein natürliches, unkompliziertes Wesen. Auch bei Studienanfängern war er wegen seiner Bereitschaft zu Auskünften aller Art beliebt. Harald Funk war eine der erfreulicheren Erscheinungen am Publizistik-Institut. Er bediente sich nicht der dort verbreiteten geschraubten Ausdrucksweise, mit der so manche Studenten ihr intellektuelles Niveau zur Schau stellten. Harald war ein durchaus bodenständiger Typ, der mit seinem zwanglosen Wiener Dialekt vertrauensvoll und glaubwürdig wirkte.

Natürlich nutzte Harald sofort die Chance, die eben erst kennengelernte hübsche Germanistikstudentin in den nahe gelegenen Votivpark abzuschleppen mit dem Vorwand, ihr dort den schnellsten und besten Weg zum passenden Nebenfach zu weisen.
„Du kommst doch auch mit?“, forderte er Christoph auf, der noch tief in Gedanken versunken war. Hatte er jetzt wirklich ein Semester verloren oder ließe sich das im Herbst nachtragen? War das für ihn überhaupt das richtige Studium? Würden diese Chaoten und Revoluzzer etwa so weitermachen?
„Jetzt schau doch nicht so drein“, sagte Harald und klopfte Christoph aufmunternd auf die Schulter. „Wegen ein paar irrer Typen wirst du doch nicht gleich das Handtuch werfen. Die wollen doch nur provozieren und sind dann auch gleich wieder weg.“
Gemeinsam strebten sie dem Ausgang des Neuen Institutsgebäudes zu, an dessen Wänden zahllose Aufrufe zu Diskussionen, Demonstrationen und Hörerstreiks angebracht waren. Allgegenwärtig auf den Plakaten auch die drei Säulenheiligen Mao Tse-tung, Ho Chi Minh und Che Guevara.
Christoph wirkte verstört. Das hier war doch nicht seine Welt. Er war kein Weltverbesserer, kein Revolutionär, kein Aufrührer, er wollte Sportjournalist werden. Als sie den Park erreicht hatten, fiel sein Blick wieder einmal auf den Sigmund-Freud-Gedenkstein gegenüber der Votivkirche. Was darin eingemeißelt war, schien ihm heute passender denn je: „Die Stimme der Vernunft ist leise“.

***

Ansichten eines Hippies

Nachdem nun alle drei eine Zeit lang schweigend auf einer Parkbank gesessen waren, näherte sich ihnen ein bekanntes Gesicht.
Der große, bärtige Kollege, den sie Jimmy nannten, war am ganzen Institut bekannt. Er machte ein wenig auf Hippie, was aber nicht wirklich gelang. Die glockenförmige, geblumte Hose passte nicht zum eng anliegenden, dunklen Peace-Shirt, unter dem breitkrempigen Lederhut fielen eher schüttere, blonde Haare bis über die Schultern, die Sandalen aus schwarzem Sämischleder wirkten eine Spur zu elegant.
„Vielleicht haben die gar nicht so unrecht“, ließ Jimmy mit sanfter Stimme hören, während er in seiner Jute-Tasche kramte. Dann zog er, nein, nicht die „Mao-Bibel“, sondern nur die „Volksstimme“ hervor, die vom Aktionskomitee der revolutionären Studenten gerade verteilt worden war, breitete sie vor ihnen auf der Wiese aus und ließ sich mit gekreuzten Beinen darauf nieder.
Harald mit seiner exakt gebügelten Hose zog es vor, auf der Parkbank sitzen zu bleiben, Christoph und die Germanistikstudentin standen auf und blieben stehen, unschlüssig, ob sie an der offenbar bevorstehenden Diskussion teilnehmen sollten.
Jimmy machte seinem Ärger gleich Luft: „Der Rodier mit seinen Flugschriften ist ja wirklich unzumutbar, der gehört doch schon längst in Pension. Der will doch nur muffige Historiker heranziehen, keine kritischen Journalisten.“
Christoph, Harald und die Germanistikstudentin nickten zwar zustimmend, zeigten aber wenig Bereitschaft, eine Debatte aufkommen zu lassen.
Jimmy kramte erneut in seiner Tasche und fingerte eine filterlose, etwas verformt wirkende, bräunliche Zigarette heraus, drückte sie mehrmals zurecht und steckte sie dann mit der beiläufigen Bemerkung, es sei Zeit für etwas „Gras“, in sein bärtiges Gesicht. Sichtlich belustigt über die auf ihn gerichteten ungläubigen Blicke schränkte er aber gleich ein: „Keine Angst, ist nur eine kräftige Virginia-Mischung, selbst gewickelt.“ Nach zwei tiefen Zügen bot er dann auch den dreien an, „einmal anzuziehen“.
Die Germanistikstudentin schüttelte nur ängstlich den Kopf. Auch Harald lehnte Jimmys Angebot ab. Er meinte, er rauche ja bekanntermaßen nur selten, und wenn, dann nur leichte Filterzigaretten.
Jimmy und Harald kannten einander schon länger, und obwohl die beiden kaum Ähnlichkeiten oder Gemeinsamkeiten aufzuweisen hatten, waren sie dennoch gut befreundet.
Ganz anders als Harald war Jimmy kein politisch interessierter Mensch. Zwar nahm er hin und wieder auch an Demos teil, aber für ihn waren das eher Happenings oder Protestpartys, bei denen alles erlaubt war, was Aufsehen erregte und Spaß machte. Fanatismus oder gar Gewalt waren ihm fremd. Obgleich er sich schon mal einer aggressiven Sprache bedienen konnte, war er im Grunde ein friedliebender Mensch. Wichtig schien es ihm, alternativ aufzutreten, was aus seiner Sicht vor allem bedeutete, sich anders zu kleiden, mit eher scherzhaft gemeinten, provokanten Sprüchen zu überraschen und den Anschein eines unbeschwerten Lebenskünstlers zu erwecken.
Jimmy zählte zu jenen Studenten, die man zu fast jeder Stunde in der Aussteigerszene beim Theseustempel, am Büfett des Neuen Institutsgebäudes in eine Rauchwolke gehüllt oder mit einer Bierdose im Votivpark treffen konnte. Bei der vorzeitig abgebrochenen Rodier-Vorlesung war er ausnahmsweise mit dabei, zeigte sich jedoch enttäuscht: „Nach dem, was die deutschen Studienkollegen angekündigt haben, dachte ich, das Ganze würde in eine richtig schöne Orgie ausarten. Und was ist übrig geblieben? Zwei stinkende Häufchen … Ein paar heiße Bräute wollten sie doch mitbringen und ein paar Doppler. Massenbesäufnis und Rudelpudern im Hörsaal – das wär’s gewesen. Sind dann aber doch gleich abgezogen, diese Weicheier.“
Die Germanistikstudentin schwieg betreten. Christoph und Harald zeigten sich von seinen schrägen Sagern aber durchaus belustigt, was Jimmy veranlasste, weiter nachzulegen. Nach zwei tiefen Zügen drückte er seine Zigarette aus, setzte dann eine ernste Miene auf und meinte mit erhobenem Zeigefinger: „So eine Hörsaalbesetzung gehört halt richtig organisiert. Zuerst ein Teach-in, da müssen die Ziele gesteckt werden, dann das eigentliche Sit-in, hier muss absolute Entschlossenheit gezeigt werden. Na ja, und dann, wenn die Zeit vielleicht lang wird, noch ein Love-in. Da kann dann alles gezeigt werden …“
Man konnte sich bei Jimmy nie sicher sein, was Ernst und was Narretei war. Er lebte auch nicht in einer Kommune, wie er des Öfteren behauptete, sondern bei wohlhabenden Eltern. Wurde er von Freunden hin und wieder zu einer Party eingeladen, wusste er anschließend auch gleich von Happenings und ausschweifenden Gelagen zu berichten.

***

Billigjob und Weltrevolution

Christoph war zwar mit Jimmy schon länger befreundet, betrachtete ihn aber immer noch mit einer Mischung aus Bewunderung und Zurückhaltung. Keinesfalls wollte er jetzt hier im Park irgendeine Diskussion beginnen. „Es sind wohl Welten, die uns trennen“, dachte er nur, blickte Harald Funk an und bedeutete ihm mit einer Handbewegung, sich auf kein Gespräch einzulassen.
Doch Harald schien einer Diskussion durchaus nicht abgeneigt. „Hast du es eigentlich schon einmal mit Arbeit versucht?“, fragte er Jimmy mit gespielter Neugierde, während er seine prall gefüllte Aktentasche in beide Hände nahm.
„Arbeit …? Arbeit ist der Untergang der trinkenden Klasse“, meinte Jimmy nur und lachte als Einziger über den scheinbar so gelungenen intellektuellen Scherz.
Harald musterte Jimmy eine Weile nachdenklich, um dann seinerseits für Unterhaltung zu sorgen: „Wenn ich dich so ansehe“, sagte er und schmunzelte in sich hinein, „erinnerst du mich ein wenig an Jesus.“
„Wie meinst du das?“, fragte Jimmy etwas pikiert. Er fand diesen Vergleich wohl unpassend.
„Na ja, du hast lange Haare, trägst immer Sandalen, und wenn du einmal etwas machst, ist es ein Wunder.“
Nun war es Jimmy, der als Einziger nicht über diese gelungene Bosheit lachen konnte, dafür schaltete er sofort wieder auf Angriff: „Wie ist das eigentlich mit dir, hast du noch den Scheiß-Job bei der Feibra-Werbung?“
„Ja“, antwortete Harald knapp.
„Und damit kommst du durch?“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 292
ISBN: 978-3-99038-649-1
Erscheinungsdatum: 10.11.2014
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 16,90
EUR 10,99

Schulschluss-Tipps

Neuerscheinungen