Humor & Satire

Langohr trifft Langfinger

Viktoria B. Aledos

Langohr trifft Langfinger

Leseprobe:

I



„Frau Wiedemann, ich kann mich nur wiederholen. Sie sollen … nein, Sie müssen sich schonen! Wie oft muss ich es Ihnen denn noch sagen, bis Sie es einsehen!“
Dr.?Teleky verdrehte wie immer die Augen, wenn er Anna wieder einmal mit Nachdruck zu überzeugen versuchte, sich endlich auf ihre Gesundheit zu besinnen. Sie begriff einfach nicht, dass sie kürzertreten musste. Sie war anscheinend genauso stur wie ihr Hund. Den kannte Dr.?Teleky zwar nur aus Erzählungen, aber Geschichten über besagten Luis zum Thema Charakterstärke gab es unzählige.
Dr.?Teleky erhob sich seufzend vom kleinen Drehhocker und half Anna vom Untersuchungstisch. Anna knöpfte ihre Bluse zu, lachte den Arzt schelmisch an und sagte: „Aber wenn der Luis ja so gern spazieren geht. Er ist wie ein schnittiges Cabrio unter den Langohren, aerodynamisch, tiefergelegt, mit einem tollen Motorsound ausgestattet … und außerdem … es warten ja schon alle seine Fans auf der täglichen Besuchsrunde einzig und alleine auf meinen Luis! Verstehen SIE MICH doch! Ich KANN nicht kürzertreten!“
Beschwichtigend entgegnete der Arzt: „Gnädige Frau Wiedemann, Ihr Herz macht da nicht mehr allzu lang mit. Die Viruserkrankung haben wir wirklich gut unter Kontrolle bekommen, aber Ihr Herzmuskel hat sehr gelitten. Sie sollten auf Kur gehen, kürzertreten und viel ruhen. Aber was sag ich denn, ich rede ja sowieso gegen die Wand, nicht wahr, Frau Wiedemann?!“
Verlegen schaute Anna auf ihre Fußspitzen. „Aber der Luisl … der Luisl, der muss doch raus und alle seine Freunde begrüßen!“
Der Arzt schüttelte ratlos den Kopf und meinte resignierend: „Sie machen sowieso das, was Sie wollen! Genauso bockig wie Ihr Hund sind Sie!“
Anna presste die Lippen aufeinander, schnappte sich wütend ihre eben ausgestellten Rezepte und sagte klar und deutlich: „Der Luis, der ist NICHT bockig, der ist charakterstark! Und diese Eigenschaften hat man oder man hat sie nicht, man schätzt sie oder man schätzt sie nicht, Herr Doktor! Basta und auf Wiedersehen!“
Anna Wiedemann riss ihren Mantel und den Schal vom Haken und knallte die Tür des Behandlungsraumes hinter sich zu. Dieser Arzt hatte keinen blassen Schimmer. Wie konnte er ihr nur Ruhe und „Kürzertreten“ verschreiben! Anna schüttelte den Kopf.
In ihrer Rage vergaß sie, auf die Direktive des Arztes zu hören. Die Aufregung und ihr Tempo waren wohl doch ein wenig zu viel für ihr angegriffenes Herz gewesen. Sie klappte genau neben dem Fenster des Klinikportiers zusammen.

„Frau Wiedemann, Frau Wiiiiiedemann! Hallo!“
Anna schlug blinzelnd die Augen auf und blickte in das besorgte Gesicht von Dr.?Teleky.
„Gute Frau, jetzt treten Sie aber definitiv kürzer, sonst bleiben Sie hier und dann lasse ich Sie hier so bald nicht raus! Außerdem schicke ich Sie dann auch noch fünf Wochen auf Kur - und zwar direkt von der Klinik weg! Habe ich mich klar ausgedrückt?“
Diese vehemente Drohung zeigte wohl endlich ihre Wirkung bei Anna. Kleinlaut rappelte sie sich auf, ließ sich nochmals ohne Widerworte abhorchen und dann sogar wortlos von einem Krankentransport nach Hause fahren.
Schweigend und nachdenklich saß sie auf der Rückbank des Kleinbusses vom Grünen Kreuz. In ihrem Kopf ratterte es. Sie musste mit ihrem familiären Umfeld eine Entscheidung treffen - für Luis. Das stand fest.
Man sah Anna Wiedemann ihre Herzschwäche nicht an. In ihrem früheren Leben war sie leitende OP-Schwester gewesen, hatte Freude an ihrem Beruf gehabt und den Umgang mit ihren Patienten geliebt.
Dann hatte dieser Virus zugeschlagen.
Lange war man mit der Diagnose im Dunklen getappt. Als man dann endlich die Ursache gefunden hatte, war die Erleichterung über diese Erkenntnis nur von kurzer Dauer gewesen. Ihr Herz hatte schon großen Schaden genommen, seine Pumpleistung würde wohl dauerhaft stark beeinträchtigt bleiben.
Anna stand mit 49 Jahren in der Blüte ihres Lebens, und so sah sie äußerlich auch aus: eine hübsche, sportlich wirkende, klassische Endvierzigerin mit einem großen Freundeskreis, schon seit einer gefühlten Ewigkeit verwitwet, mit einem Sohn … und Luis.
Luis war ein Hund, aber definitiv kein 08/15-Hund.
Luis war ein reinrassiger, acht Jahre alter tricolor Basset-Hound-Rüde. Er war ein Bild von einem Hound. Wunderschön.
Das erste, was man von Luis bei einer Begegnung wahrnahm, waren seine langen, samtigen, honigfarbenen Ohren, die auf dem Boden schleiften, und ein wohliges, tiefes, sattes Grunzriechgeräusch, das aus seiner den Boden absuchenden schwarzen Nase kam.
Luis war eine imposante Erscheinung. Kaum jemand, der nicht hingerissen war von seinem Auftreten. Luis war zudem wie eine mittlere Naturgewalt mit dem cäsarischen Motto „VENI, VIDI, VICI!“
Im Grunde genommen gab es zwei Gruppen Menschen: die Luis-Fans, also diejenigen, die Luis einfach nur „obergeil und grenzgenial“ fanden, und die Minorität, die Luis auf seinen Basset-Schleim reduzierte und deswegen einfach nur ekelig fand. Ein Dazwischen-Gefühl gab es nicht.
Luis hatte eine riesige Fangemeinde. Zudem war er auch bei der Damenwelt sehr beliebt. Obwohl er seiner Männlichkeit schon beraubt war, verhielt er sich wie ein Charmeur und Dandy. Die vierbeinige Damenwelt schien das zu schätzen und lag ihm zu Füßen. Doch auch die zweibeinige Damenwelt stieß kleine, spitze Schreie der Verzückung aus, wenn Luis mit wackelndem Popo, schwingenden Hüften, königlich wedelnder Rute - eine seiner Bewunderinnen beschrieb sein Wedeln philosophisch mit „wie wenn ein Schilfrohr sich im Wind bewegt“ - und den wippenden, weißen Hinterpfotensocken - das sind in der kynologischen Fachsprache die entzückenden Extra-Hautfältchen an den Unterbeinchen - an ihnen vorbeitrottete.
Luis war im Ganzen einfach eine imposante Erscheinung und besaß zudem wie jeder Basset sein körpereigenes Halsmascherl, wobei seines extra voluminös unter seinem speziell für ihn angefertigten Zug-Stopp-Halsband baumelte. Diese kobaltblaue Halsung von Luis’ Gassi-Geh-Outfit war genauso eine Sonderanfertigung wie der schicke Beißkorb, denn passende Accessoires für den Körper eines Bassetrüden wie Luis zu finden, war schier unmöglich.
Natürlich war für Luis nichts zu teuer. Da ließ sich Anna definitiv nicht lumpen.
Noch im Bus sitzend beschloss Anna, den Familienrat einzuberufen.
Luis und Oma Hildegard warteten bereits sehnsüchtig auf Anna. Annas Sohn Paul hatte im Kindergarten Hildegard mit der Anrede „Oma“ ausgestattet. Diese war ihr geblieben und sogar vom gesamten familiären und freundschaftlichen Familienumfeld übernommen worden. Wie immer hatte also Oma Hildegard das Dogsitting übernommen, während Anna im Krankenhaus zur Untersuchung gewesen war. Anna erwähnte ihre kurze Ohnmacht mit keinem Wort. Oma Hildegard hätte diesen Zusammenbruch sowieso nur mit einer Zurechtweisung kommentiert, deswegen sparte sie sich auch den Bericht darüber.
Luis mochte Oma Hildegard. Sie ging Gassi mit ihm und hatte immer Leckerchen dabei.
Oma Hildegard war damals, vor sechs Jahren, nicht allzu begeistert über den Langohrfamilienzuwachs gewesen. Noch dazu kam Luis über eine serbische Tierrettung.
„Anna“, hatte sie gesagt, „du hast ja gar keine Ahnung, was dieser Hund schon für einen Leidens- und Problemrucksack auf seinem langen Buckel mit sich rumträgt! Du weißt ja gar nicht, was der schon alles mitgemacht hat. Außerdem, Anna … schau dir nur diesen herzzerreißenden Blick an, der schaut ja schon jetzt so unheimlich traurig aus!“
Luis hatte somit bereits am ersten Tag seines Einzuges seine stärkste Superkraft eingesetzt: seinen berühmt-berüchtigten, abgrundtief traurigen, mitleiderregenden Blick.
Oma Hildegard war von Anfang an ein Opfer seines Blickes gewesen, aber übernachtet hatte er noch nie bei ihr. Das - befand Oma Hildegard - war Annas Verantwortung, denn Luis war ja auch ihr Hund.
Luis war vor genau sechs Jahren bei Anna Wiedemann eingezogen. Drei Tage zuvor hatte sich Annas Sohn Paul in eine Studenten-WG eingemietet. Endlich gab es wieder Leben im Hause Wiedemann. Und Basset-Mann Luis hatte schnell alle Menschen in seinem Umfeld perfekt erzogen.
Wollte mal einer oder eine nicht so wie er, dann wurde unbarmherzig und gnadenlos besagte Superwaffe eingesetzt. Der Blick. Dieser hatte noch jeden zu Fall und zum Schmelzen gebracht.
Wie man sich mit etwas Fantasie vorstellen kann, hatte Luis keine Skrupel, diese Waffe zum strategisch günstigsten Zeitpunkt perfekt einzusetzen, zumeist kombiniert mit einem sich konstant wiederholenden, hohen und pfeifenden Seufzton. Der Wiener nennt das liebevoll „sudern“.
Luis perfektionierte dieses Talent und gab mit diesem ausgeklügelten Signal im Hause Wiedemann ab jenem Einzugstag den Ton an.
Anna sah darin auch gar kein Problem. Luis ähnelte in ihren Augen ein wenig einem pubertierenden Teenager. Für Oma Hildegard war er wie ein zweiter Enkelsohn.
Die Damen waren glücklich und beschäftigt.








II



Anna öffnete die Haustür. Luis begrüßte sie schwanzwedelnd und begleitete sie knapp vor ihr her trottend in die Küche.
Oma Hildegard nahm ihre Handtasche von der Küchenanrichte, hielt Luis noch ein getrocknetes Lungenstückchen als Belohnung für das „Luis sein“ zum Schnabulieren entgegen und war bereits wieder auf dem Sprung zu ihrem nächsten Termin.
Anna hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, dass Luis zum Mittelpunkt ihrer Familie geworden war. Zu Annas Geburtstag etwa gab es zwar ein Alibi-Blümlein für die Tochter, aber auch einen Riesenknochen oder ein neues Bettchen für „Enkelhund“ Luis, „denn wir wissen ja nicht, wann der arme Bub Geburtstag hat, darum kriegt er halt gemeinsam mit dir was Schönes!“
„Mama, warte bitte! Ich muss dringend mit dir reden!“, sagte Anna.
Oma Hildegard blickte sich erstaunt um, denn eigentlich war sie mit ihren Gedanken bereits auf dem Stuhl ihres Frisörs. Das Wochenende stand bevor, und ihr Haarwerk brauchte eine wetterfeste, schicke Ondulierung, um fürs Theater und den Sacher-Sonntagsbrunch mit ihren Freundinnen gerüstet zu sein. Oma Hildegard war trotz ihrer 78 Jahre eine flotte Lady und hielt viel auf ihr Äußeres.
„Kind, was ist denn? Ich hab’s eilig!“
Anna fasste sich ein Herz. Müde setzte sie sich an den Küchentisch und erzählte ihrer Mutter nun doch vom neuerlichen Ohnmachtsanfall. Auch von der schlechten Prognose ihres behandelnden Arztes, die keine Verbesserung der Herzsuffizienz versprach.
„Mama, ich werde dem Luis einfach nicht mehr gerecht! Ich zermartere mir schon seit Monaten den Kopf, ich kann einfach nicht mehr. Ich habe ihm gegenüber schon so ein furchtbar schlechtes Gewissen. Ich hasse diesen Virus!“ Anna schlug die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich.
Oma Hildegard war solche Gefühlsausbrüche ihrer sonst so toughen Tochter überhaupt nicht gewohnt und stand etwas hilflos neben dem Stuhl der mittlerweile heftig schluchzenden Anna.
„Anna, jetzt schauen wir mal! Wir werden schon eine Lösung finden. Da müssen jetzt halt alle ran!“. Sprach’s und schlug die Tür hinter sich zu.
Einen Wiener Frisör lässt man nicht warten … und die Tochter, die würde sich schon wieder beruhigen. Oma Hildegard hatte ihre Prioritäten gesetzt und dies deutlich gezeigt.
Luis stupste das noch immer leise vor sich hin weinende Frauchen erst sachte mit der Pfote und dann auch mit der Nase aufmunternd an. Anna riss sich zusammen, schnäuzte sich, beugte sich zu Luis und drückte ihm ein dickes Küsschen aufs Schlabbermäulchen. Irgendwie würde sie es schon schaffen, das mit Luis und ihrem blöden, schwachen Herzen.
Anna wollte nicht so schnell aufgeben.
Ein paar Tage später saß sie am Schreibtisch und begann eine Art Gassi-Geh-Plan für Luis zu entwerfen.
Finanziell hatte Anna glücklicherweise keine Sorgen. Pauls Vater Anton war wesentlich älter gewesen als sie, aber leider schon früh verstorben. Er hatte sie sehr gut versorgt zurückgelassen. Anna vermisste Anton oft schmerzlich. Sie hatte ihn sehr geliebt. Zudem war sie sich sicher, dass Anton Luis sehr gemocht hätte.
Anna, Anton und Luis hätten gemeinsam ein großartiges Leben gehabt. Aber das waren eben nur Tagträume, denen Anna manchmal nur allzu gerne nachhing, aber die dann leider schnell wie Seifenblasen zerplatzten.
Anna begann ihre tierliebenden Freunde durchzutelefonieren.
„Ja, Susi, jeden Montag von 8 bis 10 Uhr Gassigehen wäre toll!“
„Klaus, danke, dass du die tägliche Dienstagabend-Gassirunde übernimmst!“
Natürlich gab es aber auch viele Absagen. Andere wiederum wollten sich nicht für eine längere Sache verpflichten oder keine Verantwortung übernehmen. Irgendwie verstand Anna auch das.
Am Ende dieses Tages saß Anna ganz zufrieden vor ihrem fertigen Spaziergehplan für Luis. Der Februar war erfolgreich durchgeplant. An den Donnerstagen hatte sich niemand für Luis gefunden, deswegen hatte sie einen mobilen Hundesitterservice beauftragt, sich an diesem Tag um Luis’ Frischluftzufuhr zu kümmern.
Während Frauchen sich den Kopf über Luis’ täglichen Bewegungsbedarf zerbrach, lag Luis auf dem Rücken vor dem Kamin im weichen Polsterbettchen und schnarchte lautstark vor sich hin.
Genau diese kleinen Momente bescherten Anna ein unbändiges Glücksgefühl. Gerührt stand sie auf, ging auf Zehenspitzen zu Luis und kraulte liebevoll sein weißes Bäuchlein. Luis öffnete halb die Augen, grunzte ein bisschen und ließ sie huldvoll weitermachen.
Oma Hildegard war nach dem Tränenausbruch ihrer Tochter doch etwas verunsichert gewesen. Zugegeben hätte sie das aber nie und nimmer - vor niemandem. Insgeheim ertappte sie sich sogar dabei, wie ihre Gedanken immer wieder zu dieser Szene zurückschnellten.
Oma Hildegard hatte durchaus begriffen, dass die Gesundheit ihrer Tochter durch diese vermaledeite Viruserkrankung sicherlich sehr fragil und angegriffen war. Aber der Luis, der konnte ja schließlich am wenigsten dafür. Außerdem war sie sich auch nicht sicher, was ihre Tochter diesbezüglich eigentlich von ihr erwartete. Ansprechen, da war Oma Hildegard sich sicher, würde sie Anna nicht darauf. Anna würde schon eine Lösung finden.
In Ruhe ließ sie dieses Thema trotzdem nicht.
Am nächsten Morgen fühlte sich Anna eigentlich ganz fit. Sie machte sich fertig für eine kleine und große „Geschäftsrunde“ mit Luis. Die dauerte zwar nur 15 Minuten, brachte sie aber trotzdem jedes Mal an den Rand der totalen Erschöpfung. Oft brauchte sie bis weit in den Nachmittag, bis sich ihr Herz wieder einigermaßen beruhigt hatte.
Luis stand bereits an der Wohnungstür. Aufgeregt hechelnd lief er zwischen Annas Ankleidezimmer und Vorraum hin und her. Er war fertig und ausgehbereit! Warum war Frauchen bloß immer so schrecklich langsam?
Erstaunlicherweise benahm sich Luis vorbildlichst an der Leine, wenn er mit Anna unterwegs war. Sie ging langsam und er hatte dadurch Zeit, ausgiebig die neuesten Duftspuren und Markierungen anderer Hunde zu beschnüffeln und zu studieren. Bei den anderen Gassigehern war nämlich Luis der Chef der Leine. ER bestimmte, wohin gegangen wurde. Wegen Luis’ niedrigem Körperbau und Schwerpunkt war er natürlich kaum aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Luis war einzig und allein mit adäquater Bestechung manipulierbar. Das wussten sämtliche Luis-Betreuer und brachten immer gut gefüllte Leckerlibeutel zu den Ausflügen mit.
Intuitiv hatte Anna immer gewusst, dass man einen Basset Hound bei seinen Spaziergängen nie hetzen oder in Eile sein darf. Ihre Zeitplanung war generell viel generöser geworden, als Luis in ihr Leben getreten war.
Luis schnüffelte mal hier, mal dort. Drei Trippelschrittchen nach vorne, fünf flotte Schritte im Rückwärtsgang retour - zwecks nochmaliger Überprüfung einer anscheinend beeindruckenden wie betörenden Duftspur - waren keine Seltenheit.
Anna ließ Luis einfach gewähren.
Auf dem Weg zurück nach Hause ergriff Luis jedoch immer die Initiative und zog sie bestimmt und zielsicher in die kleine Bäckerei am Hauptplatz.
Ein langgezogenes „Meeeein Luuuuuis-Bub“ trompetete verzückt eine Stimme hinter der Verkaufstheke. Ottilie, die Frau des Bäckers, stürmte hinter der Theke hervor und auf Luis zu. Luis schmiss sich sofort devot auf den Rücken, wedelte, was die Rute hergab, verdrehte verzückt die Augen und fiepte wie ein sechs Monate alter Welpe.
Mindestens drei getrocknete Pferdefleischstücke verschwanden im „Nullkommanix“ in Luis’ Maul. Danach richtete er sich auf, schüttelte sich so heftig, dass der klebrige Basset-Schleim von den Lefzen flog, wedelte und blickte ein letztes Mal charmant in Richtung Bäckermeistergattin Ottilie und zog Anna, die noch schnell ein Brot gekauft hatte, hinter sich aus dem kleinen Laden.
Vom Bäckerladen ging es mit Anna am anderen Ende der Leine auf direktem Wege zum Fleischhauer Hermann.
Auch Herr Herrmann hatte natürlich immer etwas Feines oder ganz Spezielles für „seinen Luis“ griffbereit. Diesmal war es ein dickes Rad mageren Schinkens und ein Sackerl „Hundezahnbürsterl“ - sprich Knochen mit vielen Fleischresten zum Abkauen daran.
Hier wäre anzumerken, dass Luis das außerordentliche Privileg genoss, in den Fleischhauerladen hineingehen zu dürfen. Normalerweise mussten sämtliche Artgenossen von Luis am Außenhaken mit ihrer Leine angehängt werden und dort den Einkauf ihres Besitzers abwarten - passend zum Schild an der Fleischereitür: „Ich (= Hund) muss draußen warten!“
Luis war sich seines Sonderstatus wohl bewusst, denn er schätzte die Fleischwaren von Herrn Otto so sehr, dass er den Fleischereimeister meist noch um ein Quäntchen euphorischer begrüßte und betanzte als die Bäckersfrau Ottilie.
Anna schleppte jetzt das Brot und drei Kilogramm Knochen in der linken Hand. Mit der Nase fortwährend am Boden marschierte an ihrer rechten Hand ein nach diesem sättigenden Morgensnack zufriedener Luis in Richtung seiner allerliebsten Destination: dem örtlichen Kindergarten, dem auch eine Tagesstätte für Kinder mit besonderen Bedürfnissen angeschlossen war.
Dort warteten auch schon die ersten seiner kleinen Freunde ungeduldig winkend und seinen Namen fröhlich rufend auf ihn. Luis hatte einen richtigen Fanclub.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 110
ISBN: 978-3-903155-36-7
Erscheinungsdatum: 14.09.2017
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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