Humor & Satire

Kulinarische Reiseodysseen und andere Schweinereien

Pavel Kamil

Kulinarische Reiseodysseen und andere Schweinereien

Leseprobe:

Weinlese - Wie ein unbekanntes Getränk verbrüdert

Die Verwandten meiner Frau besitzen Weinberge im Norden Niederösterreichs. Hier fand jedes Jahr im September ein Familientreffen der besonderen Art bei einer Weinlese statt. Die Weinlese ist wohl eine schwere, aber auch lustige Arbeit, verbunden mit viel Essen und vor allem Trinken. Aus diesem Grund ließen sich die Familienangehörigen dieses Fest nie entgehen. Jedes neue Familienmitglied war dabei willkommen und für alle sehr interessant. Man hat immer versucht, das neue Mitglied ordentlich „einzuweihen“, wenn Sie verstehen, was ich meine. Obwohl ich damals noch nicht verheiratet war, nahm man mich in den Familienverband freundlich auf und lud mich zur nächsten Weinlese ein. Da ich mit 25 Jahren stark wie ein Bär war, wurde ich als „Putenträger“ eingeteilt. Ich wusste nicht, was Weinlesen heißt und bedeutet und was da auf mich wartete. Ich willigte mit Begeisterung ein, trotz des Widerstandes meiner späteren Frau, die bereits Schlimmes ahnte.
An jenem warmen Septembertag, an dem die Weinlese begann, bekam ich eine Pute auf den Rücken geschnallt, mir wurde die Route gezeigt, die durch einen extrem langen Weinberg führte und ich marschierte los. Meine einzige Aufgabe an diesem Tag bestand darin, die von alten Leuten, Frauen und Kindern geschnittenen und in Kübeln gesammelten Trauben in einer Pute auf dem Rücken durch die Rebstock-Reihen bis zum Bottich zu bringen, der sich auf einem Traktoranhänger befand. Dort angekommen, leerte ich die Weintrauben aus der Pute in den Bottich und nahm den gleichen Weg wieder zurück.
Als Putenträger war ich einer eingeschworenen Männergruppe zugeteilt, die bei der Weinlese eine Sonderstellung genoss. Diese durchaus starken und wichtigen Männer mussten mit viel Essen und vor allem durch viel Trinken bei Laune gehalten werden, damit die Leistung stimmte. Dafür sorgten wiederum die Frauen. Jeder dieser sympathischen „Onkel“ kümmerte sich rührend um mich „Neuling“, damit ich auch von beidem genug bekam. Nachdem die Arbeit anstrengend und an diesem Tag es auch recht heiß war, beschlossen die Putenträger den Leidensweg, die sogenannte „Via Sakra“, durch „Erfrischungsstationen“ erträglicher zu machen. Alle 30 Meter wurde eine Doppelliterflasche Weißwein ins Gras zu einem Rebstock gestellt.
Damit wir den Wein nicht so ohne Weiteres in uns schütten und alleine trinken mussten, hatte man ein Losungswort erfunden, das gerufen wurde, einerseits, um den Frauen nicht die Möglichkeit zu geben, uns beim Trinken zu kontrollieren und anderseits uns auf diese Art zuzuprosten. „Petersilie“ hieß das Losungswort an diesem Tag, weil Petersilie überall im Weinberg wild wuchs und die Weinflasche sich leicht darin verstecken ließ. In dem Moment, in dem einer der Putenträger dieses Wort laut schrie, weil er Durst bekam, suchten alle anderen Leidensgenossen, egal wo sie sich gerade befanden, schnell die nächstgelegene „Erfrischungsstation“ auf, führten die Weinflasche zum Mund und nahmen einen ordentlichen Schluck von dem köstlichen Getränk. Ich kannte damals das Getränk Wein überhaupt nicht. Ich war von meiner Heimat aus gewöhnt, Bier zu trinken und wurde sozusagen „mit diesem Getränk getauft“. Ich hatte null Ahnung, was da auf mich zukommen würde, wenn ich den Wein, wie ich es vom Biertrinken kannte, in vollen Zügen trank.
Die Rufe nach Petersilie wurden lauter und häufiger, die Lufttemperatur stieg an, die Stimmung aller Anwesenden wurde immer lockerer und lustiger. Ich folgte jedes Mal brav dem Ruf nach Petersilie und schüttete eine gehörige Menge an Wein in meine Kehle und grinste dabei. Das Spiel „Weinsuchen“ gefiel mir sehr und immer mehr. Alle unterhielten sich bei der Arbeit gut, die Arbeit ging flott von der Hand, der Bottich füllte sich und die Zeit verging. Zu Mittag fuhr ein Wagen voll beladen mit guten Speisen – wie Speck, Schweinefleisch, Braten- und Grammelfett, Gurken, Paprika und einem guten Hausbrot – vor. Es war auch Wein, Bier und allerlei Schnaps mit an Bord. Man aß ausgiebig und prostete auf die gute Ernte, ein langes Leben und auf unsere bevorstehende Hochzeit. Ich durfte mich nicht zurückhalten und musste alles kräftig mitmachen.
Am Nachmittag stellte man fest, dass ich nicht mehr so fleißig, regelmäßig und schnell den Weinbergweg von vorne nach hinten und zurück meistere, wie es noch am Vormittag der Fall gewesen war. Und auch meine Schritte waren nun alles andere als sicher. Es fiel auch auf, dass ich weniger sprach, umso mehr aber grundlos grinste. Irgendwann gegen vier, halb fünf nachmittags stellte man fest, dass ich schon etwas länger nicht vorbeigekommen war und man machte sich auf die Suche nach mir. Man fing mich auf dem Weg ins Dorf ab. Ich war bereits etwa zwei Kilometer entfernt vom Weinberg, aber noch einige vom Dorf. Ich wiederholte lallend immer das Gleiche:
„Ich habe genug gelesen, ich will nicht mehr Wein suchen, ich will nach Hause!“
Man befreite mich von der Pute, die noch voll Weintrauben war, und brachte mich zum Bauernhof des Onkels.

Hier muss ich meine Erzählung unterbrechen und den Bauernhof ein bisschen näher vorstellen, weil ein Lebewesen in diesem Hof in meiner Geschichte und meinem weiteren Leben eine entscheidende Hauptrolle spielte.
Der Bauernhof war alt, abgewohnt und recht einfach eingerichtet. Die sanitären Einrichtungen waren teils in den Gebäuden, teils auf dem Hof untergebracht. Auf dem eckigen, etwas länglichen Hof wohnten allerlei Tiere. Neben Haustieren wie Katzen und Hunde waren im Hof auch Hühner, Tauben, Gänse und Enten, aber auch Kaninchen und einige Meerschweinchen, Mäuse und sicher auch Ratten. Im Hof war auch ein großer Misthaufen, der mit einer etwa ein Meter hohen Mauer umgeben war. Aus einem angrenzenden Stall konnte auf diesen Misthaufen eine große, dicke Sau jederzeit laufen, die vor Weihnachten geschlachtet werden sollte. Neben dem Misthaufen stand ein Plumpsklo aus Holz. Um zum Klo zu gelangen, musste man an der Misthaufenmauer vorbeigehen. Egal, wer den Weg dorthin wagte, wurde von der Riesen-Sau angegriffen, weil sie ihr Territorium instinktiv verteidigen musste. Sie sprang auf die Mauer, stützte sich mit den Vorderbeinen ab und schnappte nach jedem wie ein Hund und grunzte dabei fürchterlich.
Im Bauernhof blieben zur Zeit der Weinlese nur sehr alte Frauen, die „Omis“, und ganz kleine Kinder zurück. Alle anderen Bewohner waren entweder in den Weinbergen oder im Weinkeller beschäftigt.

Nach der Rettungsaktion meiner Freunde mitten in den Weinbergen übergab man mich im Hof den Omas, vermutlich in einem sehr schlechten Zustand. Ich hatte keine Ahnung, was die alten Damen mit mir machten, ich nehme aber stark an, dass sie ihren Spaß dabei hatten. Die erste Erinnerung, die ich hatte, war, dass ich in der totalen Finsternis vollkommen entkleidet auf einem Bett liegend aufwachte. Ich hatte keine Zeit nachzudenken, wo ich bin und warum ich hier liege. Der einzige Grund, warum ich aufwachte war, dass mir elendiglich schlecht war. Es drehte sich alles. Doch anders als nach einem übermäßigen Bierkonsum, wo sich der Raum um einen meistens in oder gegen die Uhrzeigerichtung dreht. Mit so einem Zustand konnte ich umgehen. Nein, diesmal war es anders. Der Raum drehte sich von hinten über meinen Kopf nach vorn, verschwand zwischen meinen Beinen, um in Bruchsekunden wieder von hinten zu kommen. Ich wusste, dass ein Unheil nahte.
Instinktiv fand ich die Tür und rannte, was ich konnte, in die stockfinstere Nacht. Im Hof konnte ich mich nur schlecht orientieren, ich fand vermutlich nur dem Geruch nach den Misthaufen. Mit letzter Kraft sprang ich auf die Mauer und mit dem Kopf nach unten hängend übergab ich mich meinem Schicksal. Die Geräuschkulisse, die ich dabei von mir gab, glich einer, die eher einem wilden Tier zuzuordnen wäre. Dabei hatte ich vor lauter Anstrengung die Augen geschlossen. Plötzlich hörte ich Geräusche, die nicht von mir kamen. Schlagartig öffnete ich meine Augen und erschrak. Wenige Zentimeter unter mir stand die Sau, die alle die Leckerbissen, die ich im Laufe des Tages im Übermaß gegessen hatte und die ich jetzt wieder auswarf, mit Begeisterung fraß. Da kein Nachschub mehr kam, hob die Sau abrupt den Kopf und traf mich mit der Schnauze an meinem Kien. Ich hatte keine Kraft, mich von der Mauer zu entfernen und mich zu befreien oder in Sicherheit zu bringen. Nachdem ich aber sah, dass die Sau mir nichts tat und wahrscheinlich mit mir einen Pakt nach dem Motto „gibst du mir was, so tue ich dir nichts“ abschloss, lieferte ich ihr einen weiteren Nachschub und traf sie dabei auf dem Kopf genau zwischen den Ohren.

In diesem Moment ging das Licht im Hof an. Alle Freunde des Weines und die Verwandten meiner Frau kamen vom Pressen aus dem Weinkeller, kräftig angeheitert und laut lachend nach Hause. Das Pressen war die letzte Arbeit an diesem anstrengenden Tag. Die gut gelaunte Gesellschaft verstummte augenblicklich und blieb staunend stehen. Das nicht alltägliche Bild, was ihnen da geboten wurde, übertraf alle ihre Vorstellungen. Ich hing über der Mauer des Misthaufens wie an einer Wäscheschnur, wobei meine Beobachter von mir nur die auseinandergespreizten Beine mit dem weit geöffneten After sahen. Die Sau, die durch das Licht bei ihrer Mahlzeit gestört wurde, ist unruhig mal links, mal rechts von meinem Hintern auf die Mauer gesprungen, wo sie sich mit den Vorderbeinen festhielt. Die Zuschauer im Hof brachen in Jubel aus:
„Schau, Renate, dein Pavel hat sich mit unserer Sau verbrüdert. Es grenzt an ein Wunder, dass er noch lebt. Sie muss den Pavel sehr gerne haben und das muss gefeiert werden. Es lebe unsere Sau, es lebe Pavel, es lebe die Freundschaft!“, hörte man bis spät in die Nacht aus dem Bauernhof. Wie ich wieder ins Bett kam, weiß ich nicht mehr.

In der Früh weckte mich enormer Durst auf. So ein Brennen und Schneiden in der Kehle und der Speiseröhre kannte ich in meinem Leben bisher nicht. Ich saß den ganzen Vormittag im Hof im Schatten eines Baumes in der Nähe des Misthaufens auf einer Kiste Mineralwasser und trank diese fast aus. Kopfweh oder andere Folgeerscheinungen hatte ich nicht. Diese Tatsache haben meine Freunde, die sich über meinen Zustand mehrmals vormittags erkundigten, stets mit folgender Bemerkung quittiert:
„Merke dir, Pavel, das war ein guter Wein! Nur nach einem schlechten Wein brummt am nächsten Morgen der Schädel!“
Während ich mich auf der Kiste Mineralwasser erholte, hielt ich mehrmals besorgt Ausschau nach meiner „Freundin“. Sie war vermutlich unter Alkoholeinfluss ein paar Stunden bewusstlos und konnte daher ihr Revier nicht verteidigen. Ich hatte Angst sie ein paar Monate früher als geplant getötet zu haben. Endlich erschien sie, aber nicht so dominant und wild wie sonst, sondern langsam, fast reuig und müde in ihren Bewegungen. Sie ließ sich von mir wieder streicheln und zwischen den Ohren kraulen und reinigen. Sie vergaß die zwischen uns in der Nacht stattgefundene Verwandlung, dass ich zu einer Sau und sie viel menschlicher wurde, nicht.


Nachsatz

Seit der ersten Weinlese war ich noch oft dabei, aber nie ist es jemanden oder mir selbst gelungen, mich in diese oder ähnliche Situationen zu bringen. Seit dieser Zeit weiß ich auch, dass man den Wein nicht saufen, sondern trinken und genießen muss.
Die Nachricht über den Tod meiner „Freundin“ im Dezember des gleichen Jahres vernahm ich mit Trauer. Aus Pietätsgründen aß ich kein Fleisch oder sonstige Produkte, die aus ihr gefertigt wurden. Es gab jedes Jahr eine neue Sau im Bauernhof, aber so eine mit fast menschlichen Zügen nie mehr. Deshalb verbrüderte ich mich auch nie mehr mit einer Sau, wie damals bei der ersten Weinlese.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 226
ISBN: 978-3-99048-764-8
Erscheinungsdatum: 10.04.2017
EUR 15,90
EUR 9,99

Krampus & Nikolo