Erotik & Sinnlichkeit

mySPANKING

Ellinor Ehrhardt

mySPANKING

Verrückte Wechseljahre

Leseprobe:

1 VOM ANFANG

Fantasien ergreifen in letzter Zeit mehr und mehr von meinem Körper und meinem Geist Besitz. Es sind Wachträume, verbunden mit körperlichem Verlangen, das ich mit dieser Intensität vorher nicht kannte. Ich sitze vor dem Bildschirm und sollte eigentlich meine Arbeit erledigen. Es ist noch ein Bericht zu schreiben und die Überarbeitung einer Vorlage müsste längst fertig sein. Aber die Gedanken schweifen ab und die Finger tippen Begriffe in das Fenster der Suchmaschine, welche noch nicht einmal meinen aktiven Wortschatz füllten. Peitsche, Rohrstock, Züchtigung, englische Erziehung, Bestrafung, Demut, Gehorsam …
Was ist los mit mir? Welche Defizite aus meinem Leben bahnen sich mit diesen Begriffen ihren Weg? Bin ich abnormal veranlagt? Sollte ich mir Sorgen machen? Gewiss, in letzter Zeit habe ich oft Kopfschmerzen, fühle mich gereizt, müde oder kraftlos. Das sind die Wechseljahre. Irgendwann muss das schließlich losgehen. Das durchleben alle Frauen, denke ich. Ich versuche mich zu konzentrieren, abzuschalten und die Gedanken auf meine Arbeit zu lenken. Aber es gelingt nicht. Immer wieder gleiten die eben gelesenen Worte wie Nebelschwaden durch mein Gehirn, Tippen meine Finger weitere Suchbegriffe in die Spalte der Suchmaschine.
Schließlich tauchen aus den Tiefen des virtuellen Netzwerkes noch nie gekannte Begriffe auf. Spanking, Spanker, Caning …
Jetzt verbinden sich die Worte mit dem Wunsch nach Kontakten. Gibt es noch andere Menschen, die ähnliche Fantasien haben? Der einmal eingeschlagene Weg führt virtuell weiter und weiter in diese unbekannte Welt hinein und zu Menschen, die auch auf der Suche sind, so wie ich.
Langsam begreife ich, dass ich eine Suchende auf der Suche nach einem Abenteuer bin. Mein Körper, mein seit Kindheitsgedenken unterdrückter Trieb, gibt den Weg vor. Ich folge mit meinem Willen, mit Glück, Mut und Verstand, mit Irrtümern, Hoffnungen, Bangen und Erwartungen, mit Wünschen, Träumen, Ängsten, Überwindung und Zweifeln.
Ich lese und lese. Die Zeit vergeht. Längst sollte der Bildschirm eigentlich schweigen, doch diese Seiten und Gedanken lassen mich nicht mehr los.
Dann treffe ich auf etwas völlig Unerwartetes. Eine Anzeige unter vielen auf einer Kontaktseite fällt mir auf, weil der Text bei mir schlichtweg einschlägt. Dieser Text fällt mit seinen Formulierungen aus dem üblichen Rahmen und weckt meine ganze Aufmerksamkeit. Da steht tatsächlich geschrieben:

„Du suchst einen Mann, der genau weiß, wie er mit deiner Neigung umgehen muss? Dann bist du richtig bei mir. Da ich sehr streng und gleichzeitig sehr einfühlsam bin, kann ich wohldosiert auf dein Bedürfnis nach Strafe und Befriedigung eingehen. Ich werde deinen Po mit der Hand, dem Rohrstock und der Peitsche bearbeiten. Wenn du davon träumst, so kommen auch andere Instrumente infrage, die auch mehr als nur deinen Po treffen können.
Wichtig ist mir zu sagen, dass ich zwar Spaß am Spanking habe, auch sonst sehr aufgeschlossen bin, aber auf keinen Fall grausam oder sadistisch veranlagt bin. Ich werde dein Maß finden.
Eine Kostprobe:
Stelle dir vor, wir gehen spazieren im Sommer, du bist frech zu mir und ich spüre genau, was du fühlst und bald bekommen sollst. Auf der Rückfahrt biege ich in einen Waldweg ein, halte an und hole den Rohrstock aus dem Kofferraum. Ich verlange von dir, dass du dich über das warme Blech der Motorhaube legst. Du spürst das Kribbeln nun am ganzen Körper. Du fürchtest dich und kannst es doch kaum erwarten, bis der erste Schlag deinen Po trifft. Du kannst es noch weniger erwarten, bis wir zu Hause sind, um das alles zu vollenden, mit dem Stock, der Peitsche, dem Riemen. Oder vollenden wir es gleich hier im Freien, in der Sonne? Gefällt dir diese Kostprobe? Hast du eigene Fantasien? Dann antworte mir.“

Hinter jedes dieser Worte setze ich in Gedanken einen Haken. Aus den angefügten allgemeinen Daten entnehme ich, dass der Mann, der dies geschrieben hat, mein Jahrgang ist und in einer Gegend wohnt, in der ich schon oft spazieren gegangen bin. Vielleicht bin ich ihm sogar schon einmal begegnet?
Wer ist dieser Mann, der solche Worte formulieren kann? Worte, die unter die Haut gehen und eine Saite in mir zum Schwingen bringen, die noch nie erklungen ist. Worte, die auf der Haut brennen und im tiefsten Inneren der Seele einen kleinen Orkan auslösen. Es sind doch nur Worte! Was geschieht erst, wenn diese Worte zu Taten werden?
Soll ich mich wirklich melden? Was soll ich schreiben?

„Hallo,
du bist erfahren, ich bin nicht wesentlich jünger als du, aber Neuling. Bisher traute ich mich nur im Kopfkino. Nun möchte ich das auch erleben. Fantasie habe ich genug. Statt Motorhaube könnte ich mir einen umgefallenen großen Baumstamm gut vorstellen.
Grüße, Petra“

Mehr als diese drei Zeilen bekomme ich nicht zusammen. Meine Finger zittern und im Kopf herrscht eine eigenartige Leere. Der Bericht muss warten und auch die Überarbeitung der Vorlage geht in eine weitere Hoffnungsrunde. Der Termin ist ohnehin überfällig. Was soll es also? Früher hätte mir diese Haltung ein schlechtes Gewissen bereitet. Jetzt lasse ich mich mit einem Glas Wein in den Sessel fallen, bin erschöpft und dennoch irgendwie glücklich und zufrieden. Bei meiner Lieblingsmusik, Schlager der Achtziger, überlasse ich mich angenehmen Träumen, schlafe seit langer Zeit die ganze Nacht ruhig und bin am nächsten Morgen ausgeruht wie lange schon nicht mehr. Doch schon geht die Spannung wieder los.
Wird dieser Mann überhaupt antworten? Ist das eigentlich alles wahr oder nur eine Laune der Fantasie? Beim Öffnen meiner E-Mail überfällt mich wieder dieses Zittern von gestern. Der Puls rast wie vor einer Prüfung und irgendwie erscheint das Zimmer überheizt. Also Fenster auf, tief durchatmen und der Wahrheit ins Auge geschaut. Welcher Wahrheit eigentlich? Es ist doch noch gar nichts passiert. Zu spät denke ich daran, dass meine Mailadresse einen Hinweis auf meine wahre Identität enthält. Der erste gravierende Fehler mit Folgen vielleicht? Welche Folgen? Ich habe nichts Verbotenes getan.
Keine Antwort? Ich wusste es! Die Aufregung war umsonst. Du bist viel zu uninteressant, Petra, zu alt, zu unerfahren. Der sucht nach jungen Frauen. Die werden ihm bestimmt seinen digitalen Postkasten geflutet haben.
Petra! Warum steckst du immer so schnell zurück? Es liegen noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden dazwischen. Schaue einfach später wieder nach.
Und? Eine Antwort! Tatsächlich! Und welche?

„Liebe Petra,
ich habe mich über deine Antwort auf meine Anzeige sehr gefreut. Ich finde es schön, dass wir beide ähnliche Fantasien haben. Gerne würde ich mit dir diese auch Wirklichkeit werden lassen. Ich verspreche dir auch, dass das mit dem entsprechenden Einfühlungsvermögen und mit Verantwortung geschieht. Da du noch Neuling bist, wird das für dich nicht unwichtig sein. Dazu gehört natürlich auch Diskretion, die auch für mich einen hohen Stellenwert hat.
Wir könnten es schon sehr bald möglich machen, unsere Träume wahr werden zu lassen. Wollen wir uns in einem Café treffen? Oder hast du andere Vorstellungen?
Grüße, Michael
P.S.: Die Fantasie mit dem Baumstamm wird uns viel Freude bereiten. Bei den derzeitigen Temperaturen lege ich dich aber lieber über den großen Esstisch und streiche mit dem Stock über deine Rundungen, bevor …“

Wieder hinter jedes Wort einen Haken gesetzt! Oh, dieser Mann kann schreiben.
Los, Petra, antworte! Das Abenteuer beginnt.

„Hallo Michael,
ich bin sehr aufgeregt, freue mich aber auch auf diese Einführung in neue Erfahrungs- und Erlebenswelten. Sei einfühlsam, aber auch nicht zu nachsichtig!
Grüße, Petra“

Was schreibe ich da nur für einen Blödsinn? Will ich das wirklich? Noch ist ein Rückzug möglich. Aber ist der Weg zurück nicht schon verwehrt? Warum soll er nicht zu nachsichtig sein?
Wobei? Warum überhaupt diese Bemerkung? Ja, das Schiff hat Fahrt aufgenommen. Der Wind weht und treibt unaufhaltsam hinaus in unbekannte Gefilde. Das Abenteuer ruft mit einer weiteren Botschaft.

„Liebe Petra,
es ist gut, dass du ein bisschen aufgeregt bist. Schließlich hast du wohl schon einige Jahre Kopfkino betrieben und du weißt nicht, wie es in der Realität sein wird, auch nicht, wie dein Spanker deine Wünsche erfüllt. Wird es so, wie du es dir immer vorgestellt hast? Oder doch ganz anders?
Bei einem bin ich mir ganz sicher. Ich bekomme heraus, welche Intensität du brauchst und was du brauchst. Meine Nachsicht wird sich in den Grenzen halten, wie es für deine Erziehung gut und erforderlich ist.
Eines kannst du mir aber vorab verraten. Gehörst du zu den Menschen, die gerne vorher darüber reden wie und was, oder liebt dein Kopfkino die Spannung und das Ungewisse, was passiert? Egal wie, pflege deinen Po gut bis Samstag! Denn da wird er einiges über sich ergehen lassen müssen! Spürst du schon das Brennen? Spürst du schon, wie ich mit meiner Hand über deine Halbkugeln streiche, bevor der erste …
Grüße, Michael“

„Liebe Petra“ – wie vertraut diese Anrede bereits klingt. Dabei kennen wir uns noch gar nicht. Wie bekommt er wohl heraus, welche Intensität ich brauche? Dann dieses Wort Erziehung. Es klingt irgendwie aufregend. Wie soll ich eigentlich meinen Po pflegen? Bisher habe ich diesem Körperteil noch nie viel Aufmerksamkeit geschenkt. Und diese drei Punkte am Schluss? Die machen mich ganz verrückt!
Gewissheit oder Ungewissheit? Es ist ein Abenteuer. Was ist dabei schon gewiss? Nein, ich will nicht wissen, was auf mich zukommt. Sonst mache ich doch noch einen Rückzieher. Also Spannung pur. Wie viele Tage sind es noch bis Samstag? Es sind zu viele und gleichzeitig zu wenige Tage des Wartens, der Anspannung, der Angst und der Träume.
Und gerade die Träume werden noch weiter angeheizt. Jetzt gehe ich auch mal in die Offensive. Wenn schon Spannung, dann richtig Spannung.

„Lieber Michael,
zu deiner Frage meine Antwort: Ungewiss, was passiert, wie, womit, wie viel ist mir, zumindest für das erste Mal, lieber. Vielleicht mit verbundenen Augen? Dabei kann man besser spüren und die Umgebung ist für mich ja ohnehin total neu und ablenkend. Ich könnte mir vorstellen, dass mir das eine gewisse Empfindung für Geborgenheit und Nähe bietet.
Grüße, Petra“

Ja, „lieber Michael“. Dieser Mann, den ich noch gar nicht kenne, er ist mir dennoch schon recht vertraut geworden. Geborgenheit und Nähe? Sollte ich das gerade bei diesem mir so unbekannten Mann finden? Spielt mir nicht die Fantasie einen Streich? Kein Wort in seinen Botschaften spricht von Geborgenheit. Warum streben Frauen immer nach Sicherheiten? Es gibt keine Sicherheit und bei einem Abenteuer schon gar nicht. Die Antwort schürt Zweifel, lässt Hoffnungen und Erwartungen offen.

„Liebe Petra,
so wird es sein. Ich habe ein paar nette Spielsachen besorgt, die dir für den Anfang ein paar unterschiedliche Sinneserfahrungen zeigen werden. So werden wir sehr schnell herausbekommen, wie diese auf deiner Haut wirken.
Bis Samstag, dann …“

Da sind sie wieder, diese drei Punkte. Und Spielsachen? Was kann damit gemeint sein? Aus meinen Kindertagen kenne ich Spielsachen. Mit Sicherheit hat das damit nichts zu tun.

***

Wider Erwarten herrscht viel Verkehr an diesem ersten Frühlingssamstag. Ich stehe im Stau. Über die Brücke auf die andere Seite des Flusses zu gelangen erfordert Geduld. Nichts für mich an diesem Tag. Meine Nervosität steigt. Ich werde zu spät kommen. Wie sieht das aus? Nicht mal eine Handynummer habe ich von ihm. Warum denkt man an solche naheliegenden, wichtigen Dinge nicht? Meine Geduld ist genug strapaziert. Ich wechsle die Spur und nehme einen anderen Weg über eine andere Brücke. Es geht voran und bald bin ich aus der Stadt heraus. Die bekannte Landschaft im beginnenden Grün mit den ersten Boten des Frühlings zieht an mir vorüber. Wie oft bin ich diese Strecke schon gefahren? Jedenfalls noch niemals mit so viel Spannung und Herzklopfen der Erwartung. Die Uhr im Auto zeigt 14.45 Uhr und ich biege auf die Zielgerade ein. Noch eine schöne kleine Straße durch den Wald liegt vor mir. Zweiten Gang rein und mit Tempo dreißig die Fahrt genießen, denke ich. Bald bin ich am Ziel meiner Sehnsucht.
Meiner Sehnsucht? Wenn er mich nun gar nicht mag? Oder wenn er mir nicht geheuer erscheint? Wir wissen eigentlich nichts voneinander. Noch nicht einmal Fotos haben wir ausgetauscht. Vielleicht ist das aber auch gar nicht üblich in dieser Sparte? Egal, jetzt ist dafür keine Zeit und gleich werde ich ihn sehen. Dann sind andere Dinge von Bedeutung. Noch 500 Meter, eine Rechtskurve, und der Bahnhof des kleinen Ortes, unser ausgemachter Treffpunkt, kommt in Blickweite. Noch 200 Meter, eine Linkskurve und schließlich der Parkplatz. Wie am Samstag zu erwarten war, stehen einige Autos darauf, aber es sind auch noch genügend freie Parkplätze vorhanden.
Es ist jetzt genau 15 Uhr. Pünktlicher geht es nicht. Ich parke gekonnt rückwärts in eine Lücke ein, sodass ich den gesamten Platz aus dem Auto heraus überblicken kann. Wir haben ausgemacht, dass ich im Auto sitzen bleibe und er auf mich zukommt. Der Gedanke einer schützenden Hülle aus Blech um mich herum verleiht mir eine gewisse Sicherheit. Wie geht es jetzt weiter? Wer wird gleich auf mich zukommen? Niemand da? Plötzlich bin ich ganz ruhig. Er ist nicht gekommen. Das Abenteuer fällt aus. Ich kann in Ruhe einen kleinen Bummel unternehmen und meinem Schicksal danken, dass es mich vor unbedachten Aktionen bewahrt hat. Ruhig durchatmen und dann das Autoradio angeschaltet. Vielleicht hat er sich etwas verspätet? Das kann vorkommen. Auch ich wäre beinahe zu spät gekommen.
Aus einem der bereits geparkten Autos steigt nun ein Mann aus. Er trägt einen langen schwarzen Mantel, schwarze Hose, schwarze Lederhandschuhe. Handschuhe im Frühling? Er stellt sich an die Ecke und schaut über den Platz, so als ob er etwas suchen würde.
Ist ER es? Niemand sonst ist zu sehen. Soll ich aussteigen? Nein. Wir haben ausgemacht, dass ich im Auto sitzen bleibe. Vielleicht ist das bereits ein erster Test, ob ich die getroffenen Verabredungen einhalte?
Wieso kommen mir solche Gedanken? Ich bin durchaus für die Einhaltung von Verabredungen und Absprachen, aber mit diesem Hintergedanken habe ich diese Dinge noch nie betrachtet. Wenn ich aus dem Auto aussteigen will, dann steige ich eben aus. Das entscheide ich ganz allein. Nein, ich bleibe sitzen. Vielleicht ist er es auch gar nicht? Doch, er wird es sein. Ist ja sonst niemand da. Nun tue doch endlich was, denke ich und merke gar nicht, dass ich unentwegt zu ihm hinschaue. Jetzt lasse ich die Seitenscheibe halb herunter. Ein Zeichen der Bereitschaft zur Kontaktaufnahme, aber ich bleibe im Auto sitzen. Welche Überwindung mich das kostet, welche Zweifel mich plagen. Wie sehen meine Haare aus? Sollte ich mich kurz kämmen? Sollte ich mich mal im Spiegel auf der Rückseite der Sonnenblende ansehen? Zu spät dazu.
ER kommt auf mich zu und grüßt durch das Fenster. Er lächelt. Ich sehe in seine Augen. Sein Gesicht weckt augenblicklich Vertrauen in mir. Nun hält es mich nicht mehr länger auf dem Autositz. Ich steige aus, dann ein „Hallo“ und ein Händedruck. Er zieht den Handschuh nicht aus und scheint etwas verwirrt über den Händedruck. Macht man die Begrüßung in dieser Szene gewöhnlich anders? Woher soll ich das wissen?
Kurze Verlegenheitspause und dann geschieht auch schon die erste Ungeheuerlichkeit. Ich höre mich fragen: „Wie geht es weiter? Fahren wir mit deinem Auto?“
Bin ich verrückt geworden? Petra! Das hatte ich mir als die so ziemlich letzte Option vorbehalten. Seit wann steige ich zu einem mir völlig fremden Mann ins Auto, noch dazu zu einem Spanker? Er wird etwas rot und verlegen. Das macht ihn mir auf Anhieb noch mehr vertraut. Er fasst sich schnell und rettet zum Glück die Situation, indem er mich zwar in sein Auto bittet, aber nur für einige klärende notwendige Worte der Absprache, wie er sagt. Dass dies eine Finte sein könnte, kommt mir nicht in den Sinn. Dieser Mann hat mein Vertrauen im Handstreich erobert, obwohl er doch noch gar nichts dafür getan hat. Mein Gehirn funktioniert ohnehin nicht mehr logisch. Ich agiere aus dem Bauch heraus. Also sitze ich nun neben ihm in seinem Auto. Ledersitze, Armaturen, Lederhandschuhe, er hat diese Handschuhe immer noch an, vermischen sich vor meinen Augen zu einem Gefühl von Unwirklichkeit. Dieser Mann, groß und kräftig, mit dunkler, vertrauenerweckender und gleichzeitig dominierender Stimme stellt Fragen. Was für Fragen? Es sind Fragen, die mir noch nie jemand gestellt hat. Klare und präzise formulierte Fragen, die ebensolche Antworten erfordern. Ich antworte so knapp wie möglich. Zu mehr als Ja und Nein bin ich ohnehin nicht in der Lage, ohne mich mit irgendwelchem Gestammel zu blamieren.
„Du hast noch niemals Spanking gemacht?“ – „Nein.“
„Du willst es probieren?“ – „Ja.“
„Willst du nur auf dem Po oder auch an anderen Körperstellen geschlagen werden?“ Ich zögere mit der Antwort. Er verwendet das Wort „schlagen“. Das war mir doch aber vorher klar! Allerdings, doch jetzt, so selbstverständlich ausgesprochen, erzeugt es Gänsehaut. Also antworte ich vorsichtig mit: „Nur auf den Po.“ Er lächelt, als ob er bereits jetzt schon mehr wüsste als ich, und dann kommt die nächste Frage, die mich wie ein Keulenschlag trifft.
„Es wird Striemen geben. Ist das in Ordnung?“ Das klingt unwillkürlich bedrohlich. Striemen! Ich will diese Spielsachen kennenlernen, jagt ein Gedanke durch mein Gehirn. Da ist mindestens ein Rohrstock dabei. Ich wollte doch immer einen Rohrstock erleben. Der gibt nun mal Striemen. Also antworte ich: „Ja, das ist in Ordnung.“ Dabei schaue ich auf das Armaturenbrett, als würde dort der Antworttext zum Ablesen stehen.
Gewissenhaft wie ein Uhrwerk stellt er sofort die nächste Frage. Ich komme mir etwas wie in einem Bewerbungsgespräch vor. Was macht dieser Mann beruflich? Arbeitet er hier einen Fragenkatalog ab und fällt danach sein Urteil über mich? Was denke ich denn für Blödsinn? Warum stelle ich keine Fragen? Weil ich mir darüber noch gar keine Gedanken gemacht habe. Was soll ich fragen? Er weiß, was er von mir wissen will, ich nicht. Die nächste Frage sitzt.
„Du wirst dich ganz ausziehen?“ Das war eine Frage von ihm, die ich aber auch gern ihm selbst gestellt hätte. Aber hier hat er das Sagen. Also antworte ich, bevor er noch denkt, ich hätte mit dieser Frage ein Problem. „Ja, das ist in Ordnung?“ Ja, damit habe ich wirklich keine Probleme. Dieses „Ja“ kann ich guten Gewissens geben. Kleidung stört mich nur. Aber dann kommt schon die nächste Frage mit einem einleitenden Satz, der mir Bauchkribbeln verursacht.
„Diese Frage stelle ich jetzt ganz direkt. Sind sexuelle Handlungen zwischen den Hieben in Ordnung?“ Warum macht ein Mann Spanking?, denke ich. Er will als Belohnung sexuelle Befriedigung. Das sollte mir doch klar sein als reife Frau. Was will ein Mann sonst von einer Frau? Soll ich fragen, was er konkret mit „sexuellen Handlungen“ meint? Mache dich nicht lächerlich, Petra! Ich bin eine Frau mit gewissen Erfahrungen und längst aus dem Teenageralter raus. Er muss denken, ich ziehe mir die Schuhe mit dem Löffel an, wenn ich solche Fragen stelle. Also: „Ja, das ist in Ordnung.“
Es folgt eine kleine Pause, in der er offensichtlich meine Antworten analysiert. Also doch ein Bewerbungsgespräch. Gleich wird er mir seine Ablehnung bekannt geben. Oder lässt er es, wie immer in solchen Situationen, mit der zweifelhaften Antwort eines „Sie bekommen von uns Bescheid“ bewenden? Quatsch! Wir haben nie mit dieser förmlichen Anrede „Sie“ begonnen. Dieser Mann macht Eindruck auf mich, ohne dass ich sagen kann, womit. Ich starre vor mich hin und lasse seine Antwort in mich hineinträufeln.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 486
ISBN: 978-3-99048-420-3
Erscheinungsdatum: 12.01.2016
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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