Erotik & Sinnlichkeit

Hörig

Klarrie Reese

Hörig

Die wahre Geschichte der Marie K.

Leseprobe:

1

Impulse

Es war noch nicht Frühling und doch nicht mehr Winter. Ich trug einen schweren Mantel, als ich das erste Mal seine Wohnung betrat. Er war höflich, nahm ihn mir ab und hatte keine Ähnlichkeit mit den Bildern, die er von sich preisgegeben hatte. Er hatte dunkle Haare, trug einen Vollbart und war klein. Der Bauchansatz ließ sich nicht verbergen ebenso wenig wie die Tatsache, dass er keinen Sport trieb. Kerzen, Jazz- er hatte sich Mühe gegeben. Sein Gezeter über guten Wein, besonders Rosé, den er zu mögen schien, beeindruckte mich gar nicht. Ich war einen Kopf größer als er. Alles, was kommen sollte, es war längst entschieden in diesem Moment, als mich etwas auf die Knie zwang, bevor ich mein Glas auch nur angerührt hatte. Wie ist so etwas möglich? Ferngesteuert folgte ich einer Energie. Als zöge mich ein Magnet, rutschte ich aus meinem schönen, alten, sesselähnlichen Möbel mit hellblauer Polsterung und kniete auf dem Boden, die Arme legte ich hinter meinen Rücken, die eine Hand leicht in die andere. Wieso tat ich das? Niemand hatte es mir beigebracht, niemand gesagt. Ich senkte den Kopf, schloss die Augen und spürte in mich hinein. Die Stuhlbeine ratschten über das Parkett. Ich dachte daran, dass er unbedingt diese kleinen, selbstklebenden Fließflecken darunterlegen sollte. Er stand vor mir, seine Hand griff unter mein Kinn, hob meinen Kopf. „Augen auf. Sieh mich an.“ Seine Stimme klang nicht mehr schrill und ich roch den Wein in seinem Atem, als er sich zu mir runterbeugte. Sein Blick war fest, die Augen schön. Ein flüchtiges Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht. Ich fühlte Geborgenheit, die in meinen Körper floss. Seine Hand griff fest in mein Haar. Ich konnte hören, wie die Metallnoppen auf seinem Gürtel klackerten, als er sie durch die Schnalle zog. Meine Gedanken ergaben sich langsam und hörten auf sich in mein Bewusstsein zu kämpfen. Mit einer ruhigen Bewegung, die eine Hand noch immer in meinem Haar, meinen Kopf nach hinten ziehend, öffnete er mit der anderen seine Hose und schob mir bestimmend seinen harten Schwanz in den Mund. Ich war jetzt fünf Minuten in der Wohnung. Eine Woche vorher.


Montag

„Guten Morgen, Marie, viele Grüße von Nikolas aus Wilmersdorf.“ 6:25 Uhr

„Was machst du jetzt?“ 9:10 Uhr

Seine ersten Tinder-Nachrichten erreichten mich in einem Kundentermin. Die roten Wangen, sein Kinn in die Hand gestützt, auf seinem Profilfoto sah er mit einer jungenhaften Verträumtheit eines 25-Jährigen in die Ferne.

„Komm her!“ „Ich brauche dich hier.“ 9:50 Uhr

„Leg dich zu mir, bis ich gehen muss.“ „Dann bleib noch etwas liegen, genieße den Morgen!“ 10:20 Uhr

„Antworte!“ 11:05 Uhr

Das zweite Foto zeigte ihn telefonierend, lässig im schwarzen T-Shirt und kurzer Hose. Rosa! Ein goldenes Handy in der linken Hand, weiblich gehalten mit Daumen und Mittelfinger. Der Blick abwesend auf seine rechte Hand gerichtet, als sei er weder empfangender noch sendender Teil dieses Telefonats.

„Willst du Sex?“ „Los.“ „Antworte!“ 13:20 Uhr

Ich sah nicht den 43-jährigen Arzt, den Vater, sah nicht den Sadisten, den Manipulator, den krankhaften Lügner, die Sau, den genialen Ficker, der er war, auch nicht den Bedürftigen, sich nach dem Normalen sehnenden Mann. Er wirkte blond und jung im Gegenlicht. So erspürte ich aus diesen Bildern etwas, von dem mir erst viel später klar wurde, was es war.

„Ich muss dich ficken, Liebes.“ „Deinen wunderbaren Körper berühren.“ „Melde dich!“ „Jetzt!“ 15:45 Uhr

Zwei neue Projekte fraßen meine Aufmerksamkeit und Konzentration, halfen weitere Stunden der Anziehung zu widerstehen, die diese wenigen Worte bewirkten. Noch schaute ich sie nur an. Las sie immer und immer wieder.

„Was machst du jetzt?“ „Komm her!“ 20:00 Uhr

„Ich muss dich berühren!“ 20:50 Uhr

Er hatte mich zuerst er-wischt. Wie absolut und berechnend seine dahinterliegende „Trial and Error“-Tinder-Taktik war, verletzte mich erst mit achtmonatiger Verzögerung, als ich zu Katharina wurde.

„Ich will dich kennenlernen.“ 22:09 Uhr

„Wann haben wir Sex?“ 23:37 Uhr
Einen einzigen Tag und die darauf folgende Nacht schaffte ich es, nicht darauf zu reagieren. Im Zehn-Minuten-Abstand öffnete ich die App, die ich erst seit Kurzem überhaupt benutzte. Das Handy von nun an immer vor mir liegend, sollte mein erster Tinderkontakt mich verändern. Warum nur hatte ich meinen richtigen Namen angegeben?


Dienstag

„Guten Morgen, Marie.“ 6:10 Uhr

„Ich will Sex mit dir.“ „Komm her“ 6:20 Uhr

„Ich habe jetzt Lust dich zu lecken und dann irgendwann mit der Hand heftig auszumassieren.“ 6:25 Uhr

„Wenn du gut gekommen bist, will ich, dass du nackt liegen bleibst.“ „Z. B. einen Wein trinkst …“ „… und dann irgendwann gehst.“ 6:31 Uhr

Nikolas’ Nachrichten blinkten sich bedrohlich dichter in meinen Kopf, aus dem ich ihn bis heute einfach nicht verbannen kann. „Wo bist du?“ 9:43 Uhr

Der Sound dieser Tinder-Nachrichten schaltete eine innere Unruhe an, die mich nicht mehr weiterarbeiten ließ. Ich wusste, dass ich antworten würde. Bewusst ließ ich mich einsaugen und trieb gierig dem Neuen zu. Eine Reise, die Alles und mich verändern würde.

„Im Büro.“ 10:50 Uhr

„Wann hast du Feierabend?“ 10:55 Uhr

„Warum?“ 10:56 Uhr

„Frag nicht so dümmlich.“ 10:56 Uhr

„Du wirst heute Abend zu mir kommen.“ 10:57 Uhr

„Deinem Trieb folgen.“ 11:15 Uhr

Er hatte sich schon in mein Gehirn hineinmanipuliert. Sie strukturierten die Bank um. Es wurden neue Teams gebildet. Wir hießen jetzt „Förderberater“ und sollten mehr raus zu unseren Kunden. Bald würden wir in Großraumbüros sitzen. Viele Kollegen waren verunsichert. Sie nannten das jetzt „Service“ und mir gefiel die Idee, nicht mehr jeden Tag zwangsläufig ins Büro gehen zu müssen, stattdessen direkt zu den antragstellenden Unternehmen zu fahren. Eine Sitzung reihte sich in diesen Tagen an die andere. Langweilige Meetings, geleitet von ebenso langweiligen Unternehmensberatern, die nur in der Theorie wussten, wie ein Produktionsbetrieb funktioniert. Die Berliner Verwaltung war im Sparfieber – zusammenlegen, rationalisieren. Plötzlich tauchten junge Männer in Turnschuhen auf, nannten sich „CEO“ oder „Managing Director“ und ließen sich mit Du anreden. In einer Mischung aus Englisch und Deutsch, übrig geblieben aus irgendeinem pleitegegangenen Start-up, sollten sie nun die Behörden dynamisieren. So auch in unserer Bank, die der Stadt so gut wie gehörte. Endlose PowerPoint-Schlachten, an deren Ende keiner mehr wusste, worum es ging. Die Botschaft war klar. Es würde alles anders werden, ob ich nun die Charts verstand oder nicht. So begann ich mit Nikolas zu schreiben.

„Sag etwas!“ 13:44 Uhr

„Ich weiß nicht, was. Hab viele Fragen.“ 13: 46 Uhr

„Frag.“ 13:46 Uhr

„Wer bist du? Ich kenne dich nicht“ 13:47 Uhr

„Was willst du wissen?“ 13:47 Uhr

„Was willst du mir von dir erzählen?“ 13:48 Uhr

„Lass das!“ 14:15 Uhr

„?“ 14:16 Uhr

„Arzt, Single, Vater, 43, Linkshänder.“ 15:20 Uhr

„Verheiratet?“ 15:21 Uhr

„Nein. Ich sagte single. Lies aufmerksam. Jetzt du.“ 15:22 Uhr

„Ich bin verheiratet“ 15:22 Uhr

„Fickt er dich nicht gut?“ 15:23 Uhr

„Was ist gut?“ 15:23 Uhr

„Ich sagte, lass das.“ 15:23 Uhr

„Bist du geil?“ 17:31 Uhr

„Ich weiß nicht. Etwas passiert jedenfalls mit mir.“ 17:31 Uhr

„Dann komm heute Abend zu mir“17:32 Uhr

„Weiß nicht, bin unsicher.“ 17:33 Uhr

„Ich werde dir nur Gutes tun.“ 17:34 Uhr

„Was zum Beispiel?“ 17:35 Uhr

„Ich werde dir deine Lust geben. 17:36 Uhr

„Ok. Versuche es.“ 17:36 Uhr

„Also kommst du?“ 17:37 Uhr

„Nein. Ich kann nicht. Erst Ende der Woche. Eher erst nächsten Montag.“ 17:37 Uhr

„Morgen?“ 17:38 Uhr
„Nein.“ 17:38 Uhr
„Ich will deine Lust.“ „Komplett.“ „Ich will dich bearbeiten.“ „Belasten.“ „Bis dein Blick leer ist …“ 23:54 Uhr


Mittwoch

„Hast du Lust?“

„Antworte!“ 6:15 Uhr

„Du machst mir Angst.“ 7:12 Uhr

„Gut.“ „Weiter.“ 7:15 Uhr

„Was, weiter?“ 7:16 Uhr

„Los, sag es!“ 7:17 Uhr

„Ich werde neugierig.“ 8:10 Uhr

„Neu-Gierig. Gut.“ „Bist du nass?“ 8:30 Uhr

„Etwas, ja.“ 8:31 Uhr

„Beschreibe dich.“ 8:32 Uhr

„Was willst du wissen?“ 8:33 Uhr

„Lass das. Zum letzten Mal!“ „Sonst ist das hier vorbei.“ 8:34 Uhr

„Ja, verstanden. Nur, was soll ich denn lassen?“ 8:35 Uhr

„Es ist einfach. Ich frage, du antwortest. Keine dümmlichen Nachfragen, Erklärungen.“ „Hör auf zu kommentieren.“ „Hör auf zu kontrollieren. Das ist ein absolutes NO-GO!“ 8:37 Uhr

Mich erschrak die Art, wie er mit mir sprach, und gleichzeitig berührte es mich. Als säße er bereits in meinem Gehirn. Woher ahnte er, nein, wusste er, dass ich kontrollieren wollte und musste, gern die Dinge im Griff hatte? Offensichtlich wollte er über sich nicht viel sagen. Ich begann in jeder nur möglichen Minute auf mein Handy zu schauen, erwartete seine Nachrichten und musste sofort antworten. Es wurde ein Drang.

„Antworte.“ „Beschreib dich.“ 9:36 Uhr

„170, blond, weiblich, rund.“ 10:37 Uhr
„Körbchengröße?“ „Gewicht?“ „Schuhgröße?“ 10:38 Uhr

„Dein Ernst? Oh sorry, ja, ich sollte das ja lassen.“ „Keine Ahnung, B, glaube ich. Und so 65?kg. Mich hat das noch niemand gefragt. Warum willst du das wissen?“ 10:45 Uhr

„Ich will dich kennenlernen“ 11:00 Uhr

„Was suchst du denn?“ 11:05 Uhr

Ich saß schon an meinem Schreibtisch. Das Büro hatte sich langsam gefüllt. Doch davon bekam ich nicht viel mit. Ich starrte auf mein Handy und tippte Tinder-Nachrichten. Wir hatten noch immer keine Telefonnummern getauscht. Nur kurz wunderte ich mich darüber, dass er mich nicht danach fragte. Vielleicht waren wir auch schon zu sehr im Sog. Unwichtig, wo und wie wir uns schrieben. Dass das auch eine seiner absonderlichen Macken war, begriff ich erst viel später.

„Eine Frau, eine Sub für mich in meinem Leben. Eine, die stark und selbstbewusst ihren Alltag lebt. Aber ab und an totale Unterwerfung und Hingabe macht.“ 11:55 Uhr

„Wow. Das klingt schön.“ 11:55 Uhr

Warum schrieb ich das? Ich hatte keine Ahnung, wovon er da redete, und doch war das meine spontane, tief empfundene
Antwort.

„Wie oft brauchst du Sex?“ 11:15 Uhr

„Oft, denke ich.“ 11:20 Uhr

„Genauer“ 11:21 Uhr

„Ich weiß es nicht. Hatte das lange nicht regelmäßig, eigentlich noch nie. Auch weiß ich nicht, ob es wirklich nur um das Wie-Oft geht.“ 11:22 Uhr

„Weiter. Um was kann es noch gehen?“ 11:30 Uhr

„Bin nicht sicher.“ 11:31 Uhr

„Du weißt es.“ „Los, sag es.“ 11:32 Uhr

„Ich glaube, mir gefällt, was du da über Unterwerfung geschrieben hast. Keine Ahnung, was das bedeutet. Aber im Moment, als ich es las, zuckte es in meinem Körper.“ 11:35 Uhr

„Genauer.“ 11:50 Uhr

Das ist doch Wahnsinn. Ich würde mich nicht davon beeindrucken lassen. Nein, ich schrieb natürlich nicht genauer. Doch es beschäftigte mich. Den ganzen Nachmittag dachte ich darüber nach. Was machte das mit mir? Mein Körper reagierte mit einem Zucken tief in meiner Fotze. Es war ein Etwas, das meinen Puls schneller schlagen und meine Haut kribbeln ließ. Und noch etwas löste es aus. Ich begann über meine Erregung nachzudenken.

„Was ist los?“ „Antworte!“ 17:51 Uhr

Ich fuhr noch immer jeden Morgen mit dem Fahrrad. Die B1 über die Frankfurter Allee, die breit ist und im Sommer schattig unter den alten Bäumen. Dann quer über den Alex vorbei an der Stelle, an der einst der Palast der Republik stand. Jetzt hat man darunter die Mauern der ersten Berliner Stadtbefestigung entdeckt. Der Weg unter den Linden und dann direkt durchs Brandenburger Tor in den Tiergarten hinein ist für mich jedes Mal ein Gänsehaut-Erlebnis. Ich kann arbeiten, wo andere Urlaub machen. Die Touristen werden immer mehr in Berlin. Besonders im Sommer blockieren sie die Fahrradwege oder rennen mir im Tiergarten einfach vor das Rad. Mehr als einmal musste ich deswegen bremsen und bin vom Rad gefallen. Doch aufgeben wollte ich das Radfahren deswegen nicht. Die S-Bahnen sind früh überfüllt. Auf dem Rad bin ich wenigstens allein. Heute wollte ich nach dem Büro noch joggen und ins Fitnessstudio gehen. Zu Hause hatte ich dann nur kurz Zeit für den Haushalt. Gläser, Essensreste, Kochtöpfe, abgestandene Luft. Außer mir räumte keiner auf. Doch ich lernte ja gerade die Dinge stehen zu lassen und mich um mich zu kümmern. Es war jetzt 18 Uhr. Paul war noch nicht zu Hause und die Mädchen waren beim Tanzkurs. So glaubte ich wenigstens. Gemeinsames Abendessen hatten wir nur noch am Wochenende. So ist es wohl, wenn man mit Teenagern wohnt. Jeder hatte sein eigenes Leben. So ließ ich auch an diesem Abend die Wäsche Wäsche sein und schlüpfte in meine Sportsachen. Die Wirkung dieser Maßnahmen war deutlich zu merken. Ich hatte mein Gewicht fast zurück. Vielleicht noch 5 Kilo, dann würde ich wieder die Alte sein, dachte ich zufrieden beim Blick in den Badezimmerspiegel. Meine Muskeln zeichneten sich ab und mein Köper erhielt wieder eine Form. Nina, die mich täglich im Büro sah, war das aufgefallen. Paul nicht. Der war jetzt jeden Abend irgendwo unterwegs mit seinem Freund, beim Fußball oder bei der Arbeit. Zunehmend machte jeder seins. Vielleicht war es dieser neue Freiraum, der es mir erlaubte, mich auf das einzulassen, was Nikolas mir eröffnen sollte.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 282
ISBN: 978-3-95840-861-6
Erscheinungsdatum: 02.08.2019
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 15,90

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